Die Silbermann-Orgel der Benediktinerkirche zu Villingen (Stephan Rommelspacher)

Rückblick und Vision …

Die Orgelbauerfamilie Silbermann

Der Name Silbermann hat in den Ohren von Orgelfachleuten wie auch von Orgelliebhabern einen geradezu magischen Klang. Silbermann-Instrumente gehören zum Besten, was der Orgelbau in seiner langen Geschichte hervorgebracht hat. Allerdings ist in Sachen Silbermann eine gewisse Begriffsverwirrung zu beobachten. Es gilt, zwischen mehreren Generationen von „Silbermännern“ sowie zwei großen Linien zu unterscheiden, der elsässischen und der sächsischen. Deshalb sei zunächst ein kurzer Ausflug in die Silbermann’sche Familiengeschichte vorangestellt.

1701 ließ sich der 1678 im sächsischen Kleinbobritzsch (Erzgebirge) geborene junge Orgelbauer Andreas Silbermann in Straßburg nieder. Sein Bruder Gottfried (geboren 1683 in Kleinbobritzsch) folgte ihm 1702 und absolvierte eine ausgedehnte Lehrzeit bei seinem fünf Jahre älteren Bruder. 1704 bis 1706 hielt sich Andreas in Paris auf, wo er im Umfeld des berühmten Meisters Alexandre Thierry den klassischen französischen Orgelbau studierte. Nach Straßburg zurückgekehrt, entwickelte er seinen eigenen Orgelstil, indem er Elemente des deutschen und des klassischen französischen Orgelbaus miteinander verband. Er fertigte insgesamt ca. 40 Instrumente, darunter die Orgeln des Straßburger Münsters (1713 —16), der Dominikanerkirche Colmar (1726) sowie der Abteikirchen Maursmünster (1709 — 10) und Ebersmünster (1728 —32). Gottfried Silbermann, der seinem älteren Bruder während dessen Paris-Aufenthalts die Straßburger Werkstatt geführt hatte, kehrte 1709 in die sächsische Heimat zurück, wo er in Freiberg seine eigene Werkstatt gründete. Bis zu seinem Tod 1753 baut er etwa 45 Instrumente, darunter so bedeutende wie die Orgeln im Freiberger Dom (1710 — 14), in der Zittauer Johanniskirche (1737-41), in der Dresdener Frauenkirche (1732 — 36) und in der Dresdener Kath. Hofkirche (1750 —53). Gottfried Silbermanns Orgelklang steht in der Tradition des mitteldeutschen Orgelbaus, er ist herber und grundtöniger als der französisch inspirierte Stil seines Bruders.

1712 wurde in Straßburg Andreas‘ Sohn Johann Andreas Silbermann geboren. Er lernte das Orgelbauerhandwerk beim Vater und übernahm nach dessen Tod im Jahr 1734 die Straßburger Werkstatt. Bis zu seinem Lebensende 1783 schuf er insgesamt 65 Werke und war damit der produktivste Sproß der Familie Silbermann. Zu seinen bedeutendsten Instrumenten zählen die Orgeln für Straßburg, St. Thomas (1737-41), Neue Kirche (1747 — 49), Jung St. Peter (1762), das Münster zu Colmar (1754 — 55), den Dom zu Arlesheim (1761) sowie rechts des Rheins für die Klosterkirchen in Villingen (1752/58) und St. Blasien (1772-75).

Die Bedeutung der Villinger Silbermann-Orgel für den Orgelbau in Baden

Einen Markstein in der Orgelgeschichte der Stadt Villingen, ja des Oberrheingebietes und des Schwarzwaldes überhaupt bildet der Orgelbau in der Benediktiner-Abteikirche St. Georg im Jahre 1752 durch Johann Andreas Silbermann. Damit drang der französische Orgelbau in eine Region ein, deren Orgeln bis dahin von gänzlich anderen, nämlich von süddeutschen Stilprinzipien geprägt waren. Süddeutscher Orgelbau in diesem Sinn umfaßt ein Gebiet von Mainz bis Wien und Prag, vom Main bis Bern und bis an die Grenzen zum italienischen Kulturbereich.

Die Orgeln Johann Andreas Silbermanns. Geographische Übersicht.

 

Es ist der Einflußbereich der Habsburger — als vorderösterreichische Stadt gehörte dazu auch Villingen —, überwiegend katholisches Land, wo die Orgel im Gottesdienst genau umrissene Aufgaben hatte. Der Orgelklang im süddeutschen Stilbereich war fein differenziert durch eine Vielfalt verschiedenster Pfeifenbauformen, wie enge und zarte Prinzipale, Gedackte, Flöten, Quintadena, Salicional, Gamba, also strei-cherähnliche Stimmen, und den hellen, unaufdringlichen Klang der vollen Orgel. Der Klang der klassischen französischen Orgel des 17./18. Jahrhunderts folgt hingegen anderen ästhetischen Prinzipien. Er hat nicht die starke Differenzierung im Bereich der Grundstimmen, kennt kaum streichende Register und ist stark geprägt vom schnarrenden, schmetternden Klang der sogenannten Zungenregister, wie Cromorne (Krummhorn), Trompette (Trompete), Bombarde (Posaune), Basson (Fagott) oder Clairon (hohe Trompete).

Neben den kräftig intonierten Prinzipalstimmen werden Weitchorregister (Bourdon, Flutte) und Aliquotstimmen (Nazard rd, Tierce, Cornet) gebaut, die den Klang sehr charakteristisch einfärben. Seit Andreas Silbermann, der Vater von Johann Andreas, seinen Studienaufenthalt in Paris verbracht hatte, wurde im Hause Silbermann zu Straßburg der klassische französische Orgelbau gepflegt, ja, man kann sagen, zu seiner höchsten Eleganz gebracht.

Eine bedeutende Veränderung bzw. Ergänzung des klassischen französischen Orgeltyps wurde im Hause Silbermann allerdings vorgenommen: hatte bei diesem das Pedal noch ausschließlich Tenorfunktion (der Baß wurde von 16-Fuß-Registern der Manuale übernommen), so wurde bei Silbermann (gemeint sind immer Vater und Sohn) das Pedal durch die Bestückung mit 16-Fuß-Stimmen eindeutig zum Fundament der Orgeln. Dies ist im Wesentlichen gemeint, wenn davon gesprochen wird, Silbermann habe deutsche Elemente in den klassischen französischen Orgelbau integriert.

Sieht man einmal von dem 1722 von Vater Andreas Silbermann für die evangelische Kirche zu Altenheim (bei Offenburg) gebauten einmanualigen Brüstungspositiv ab, war die Benediktiner-Orgel zu Villingen Ausgangspunkt für das Vordringen des Hauses Silbermann über den Rhein. Das Villinger Instrument, nach allen Berichten klanglich wie optisch höchst attraktiv, hatte eine derartige Ausstrahlung, daß sich in den nachfolgenden Jahren rasch eine ganze Reihe von Anschlußaufträgen für Silbermann im rechtsrheinischen Gebiet ergab.

Bezeichnenderweise kamen etliche der Aufträge für die sehr teuren Silbermann-Instrumente aus den seinerzeit überaus kunstsinnigen Benediktinerklöstern bzw. aus Pfarreien, die in enger Verbindung zu Benediktinerldöstern standen: 1753 Stiftskirche Baden-Baden, 1758 Pfarrkirche Kehl, 1758 Benediktinerinnen-Klosterkirche Amten-hausen, 1769 Benediktiner-Abteikirche Ettenheimmünster, 1770 Pfarrkirche Riegel, 1772 — 75 Benediktiner-Abteikirche St. Blasien, 1776 evang. Kirche Meißenheim, 1777 Augustiner-Stiftskirche St. Märgen, 1779 Franziskaner-Klosterkirche Offenburg, 1782 evang. Stiftskirche Lahr.

Nicht zuletzt durch den Einfluß dieser Instrumente fand auch unter den einheimischen Orgelbauern des Oberrheingebiets eine tiefgreifende Umorientierung statt: war man bis dato eher der oben beschriebenen süddeutschen Tradition verpflichtet, gewann nun in Baden der Typus der französisch-elsässischen Orgel Silbermann’scher Prägung mehr und mehr die Oberhand.

Am Beginn dieser Entwicklung, die den badischen Orgelbau bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nachhaltig prägte, stand die Villinger Silbermann-Orgel. Historisch betrachtet, muß man sie als Schlüsselinstrument für den Orgelbau in Baden bezeichnen.

Die Orgel für die „Herren Benedictiner zu Villingen am Schwartzwald“

Vertragsschließung und Bau

Abt Hieronymus Schuh hat am 14. Januar 1751 den Vertrag über die Lieferung einer neuen Orgel für die Klosterkirche geschlossen, der von Johann Andreas Silbermann und seinem damals bei ihm arbeitenden Bruder Johann Daniel Silbermann gegengezeichnet ist. Darin heißt es unter anderem:

„Zu wißen syn hiermit, daß heuth zu end gemeltem dato zwischen Ihro Hochwürdten und Gnaden dem Herrn Reichs-Prälaten Hyeronimum des löblichen Reichs-Gotteshauß St. Georgen auf dem Schwartzwald, dermahlen in Villingen, und anderntheils denen zweyen Gebrüdern Nahmens Johann Andreas-und Johann Daniel Silbermann denen Orgelmachern und Bürgern zu Straßburg folgenter accord gemacht und getroffen worden. Nemblich es versprechen gedachte Silbermänner in bemeltes Gotteshauß ein Orgelwerk nach folgenter Disposition zu verfertigen, als nemblichen sollen sich folgente Register darinnen befinden: …“ Es folgt die Registerzusammenstellung (die sogenannte Disposition) mit einer exakten Beschreibung der Materialien und Machart der einzelnen Register, Angaben zur Stimmtonhöhe, zu Tastatur- und Manualumfang, zu den Windladen und zur Balganlage. Der Vertrag endet wie folgt: „Hingegen versprechen Ihro Hochwürden und Genaden der Herr Reichsprälat vor das sämbtliche Orgelwesen die summa von 2600fl sage zweytausend sechshundert Gulden frant-zösisch Geld zu bezahlen, und Zwar in folgenden terminen: als Erstlich auf Pfingsten dieses 1751ste Jahr 600fl, und wan die Orgel verfertiget ist, die summa von 800fl, und dan den Rest von 1200 fl ein Jahr nach Verfertigung des Werks, und Zwar alles in heutigem Valos, das gell möge indeßen höher oder Niedriger werden.

Was das Orgel Corpus oder Kasten betrifft, so wird solches auf die Kästen des Gotteshaußes völlig fertig auf den platz gestellet.

Und wan das Orgelwesen in Straßburg wird verfertiget seyn, so wird solches auf die Kästen des Gottes-haußes Frey von Straßburg abgeholt und nach verfertigung des Werks der Werkzeug wider nach Straßburg gelüfert. Währent der einrichtung und stimmung des Werks ist vor 3 personen 3 Monatlang der Kosten und Logament accordirt worden. Zur Urkund deßen sind 2 gleichlautende Exemplaria verfertiget und von beyden theilen unterschrieben worden, so geschehen In Villingen den 14 Jenner 1751.

Johann Andreas Silbermann (Siegel)

Johann Daniel

Hieronymus Abbt    Silbermann

Die Orgel kostete also die stattliche Summe von 2.600 Gulden. Das Orgelgehäuse wurde nicht in der Straßburger Werkstatt, sondern nach Silbermanns exakten Vorgaben von einem Schreiner vor Ort gefertigt, ein damals durchaus übliches Verfahren. Die Villinger Benediktiner beauftragten den bekannten einheimischen Kunstschreiner Martin Hermann mit dem Bau des Gehäuses. Von ihm stammen auch Altäre, Schränke, Beichtstühle und die Kanzel der Klosterkirche, bekannt wurde er aber besonders durch sein prachtvolles Chorgestühl für die Abteikirche Ottobeuren.

 

Ausschnitt aus dem Orgelbauvertrag (in Silbermanns Handschrift)

Anfang April des Jahres 1752 wurden die Orgelteile durch Johann Andreas Silbermann persönlich sowie drei Helfer (sein Bruder Heinrich Silbermann und zwei Gesellen) von Straßburg nach Villingen transportiert, dort zusammengebaut, intoniert und gestimmt. Ende Mai konnte Silbermann die fertige Orgel übergeben. Wir sind über diese zwei Monate bestens informiert, denn Silbermann führte seinerzeit minutiös Tagebuch. In diesen Aufzeichnungen, die in der Nationalbibliothek Paris aufbewahrt werden und 1994 in einem Schweizer Verlag unter dem Titel Das Silbermann-archiv. Der handschriftliche Nachlaß des Orgelmachers Johann Andreas Silbermann (1712-1783) ediert worden sind, findet sich auch ein umfangreiches Kapitel mit der Überschrift „Einrichtung Intonnir- und Stimmung der Orgel bey den Herren Benedictinern zu St: Georgen in Villingen am Schwartzwald. Aô: 1752“. Jeder Arbeitsgang wird darin ausführlich und unter exakter Angabe der dafür benötigten Arbeitszeit beschrieben. Einige Auszüge daraus: „Dienstag den 2. Hab ich Prestant und Montre die innerliche Pfeifen einige accurad in Thon geschnitten und mit dem Maul intonnnirt. Das Manual-Clavir equalisirt und die Federn in der Windlade. Heinrich. Die Positif-Stegtur Stecklen fol-lends eingesetzt und equalisiert. Zuvor auch das Po-sitifWelbredt gemacht. Federn in Manuallade equa-lisiren helfen. Christoph. 9 verlohrne Positif Stegtur Stecklen neu gemacht, und Heinrich geholfen. Johann. innerlich Montre und Prestant unten zuge-trähet und eingebohrt… Mittwoch den 3. Feyertag. Donnerstag den 4. Die Bälge nochmalen accurad in der Equalitaet durchgangen. Die Pfeifenbretter vom Montre und Prestant eingenagelt, und Pfeifen eingesetzt. Prestant fertiggemacht, und das halbe Montre. Johannes 2 Bourdon eingebohrt, Nazard, Tierce, Cornet, 2 Bourdon, Doublette unten zugethrät. Zeitlich Feyerabend gemacht, wegen der Fr: Äbtissin von Amtenhausen“ „Samstag den 15. Ich. An Register Wellen die Eißen Ärmlen abgezeigt. Die untern Schienen unten ausgeschnitten, und die Klötzlen, worauf die Mütterlein kommen, angeleimbt. Eißer-ne Ärmlen in die Register Wellen gebrent und genie-det.“ „Mittwoch den 19. Moi. Schein ins Positive gestelt, fast 1/2 Tag wegen unfleißi gen Corpore zu thun gehabt. Die Scheinpfeifen vollends gewaschen. 3 Stund. Pfeifen Klötzlen beledert und ausgeschnitten &. Heinrich um 3 Uhr mit Schein aufsetzen fertig worden, hernach Windstöck ins Manual gelegt und mit Bleyertzt gerieben. 2 Gesellen. Nägel Köpf gemacht. An Schein helffen handlangen, und an Windladen.“

Es findet sich aber auch manche Randbemerkung, die uns heute schmunzeln läßt, etwa “ Wegen einem besondern Ampt und Bettstund, und Herrn Pater Küchenmeister Namenstag 3 Stund gehindert worden“, oder „In der letzten Woche hatten wir große Versaumnus, da Heinrich und ich fast niemahlen vor halb 8 Uhr etwas anfangen konnten weilen auf dem Orgel Chor von denen Herren das Amt und andres gehalten wurde“, oder „Weilen Herr Secretarius Weißer von DonEschingen kam, und lange zu 2 Mahlen auf der Orgel spielte, auch weilen der Fürst von Fürstenberg uns ersuchen ließe sein Clavecin zu Doneschingen zu bekiehlen und derohalben Heinrich abends mit ihme dahin ritte, so wurden wir gar viel verhindert. Jedoch soviel als fertig geworden.“

Die Bedeutung Coelestin Walds für den Bau der Silbermann-Orgel

Es ist an der Zeit, einen Mann zu würdigen, ohne den Johann Andreas Silbermann wohl keine Orgel nach Villingen gebaut hätte: Pater Coelestin Wahl. In dem aus Ochsenhausen stammenden Organisten des Klosters hatten die Villinger Benediktiner einen Fachmann, der nicht nur innerhalb des Klosters von einflußreicher musikalischer Stellung war, sondern weit darüber hinaus als Autorität in Orgelbaufragen galt. Seine erhaltene Korrespondenz weist ihn als ausgesprochenen Orgelexperten aus, was sich auch darin äußert, daß bei vielen bedeutenden Orgelbauprojekten in Benediktiner- und Zisterzienserldöstern Süddeutschlands sein Gutachten eingeholt wurde. Coelestin Wahl gilt als die eigentliche Triebfeder für den Vertragsabschluß mit dem Hause Silbermann. Mehrere der auf die Villinger Orgel folgenden rechtsrheinischen Aufträge für Silbermann gehen auf die Vermittlung Coelestin Wahls zurück.

Für das größte Instrument aus der Werkstatt Johann Andreas Silbermanns, die 1772 — 75 für die Benediktinerabtei St. Blasien gebaute Orgel mit 46 Registern auf drei Manualen und Pedal, wählte sich Fürstabt Martin Gerbert von St. Blasien Coe-lestin Wahl als persönlichen Berater (die umfangreiche Korrespondenz zwischen Gerbert, Wahl und Silbermann ist in den Akten zum Orgelbau in St. Blasien im Generallandesarchiv Karlsruhe erhalten). Bezeichnenderweise ist schon das erste Schreiben Silbermanns betreffs der geplanten Orgel an Coelestin Wahl in Villingen gerichtet: an den Umgang mit Benediktineräbten gewöhnt, wählte Silbermann als versierter Geschäftsmann diplomatische Wege … Wahl räumt gegenüber Martin Gerbert ein, Silbermanns Arbeit sei nicht billig, aber dauerhaft, wovon man sich in Villingen überzeugen könne. Im Hinblick auf Orgeln seiner oberschwäbischen Heimat warnt Wahl vor „weitläufiger Structur“, die „dem Regire-Werkh schädlich und allzeit zum Schlagen beschwehrlich ist“. Dem Wunsch der Klosterorganisten von St. Blasien nach einem seitlich am Orgelgehäuse angebrachten Spieltisch zwecks besserer Sicht in die Kirche, begegnet Wahl aus seiner Erfahrung mit Argumenten der leichten Spielbarkeit und der Dauerhaftigkeit: dies sei „zwar commod, aber für die Leichtigkeit, die Orgel zu tractiern, gar nicht, in-deme, anstatt die Abstracten gerad hinauf gehen sollten, solche hinunter gericht, mit Winkelhaken auf die Seiten geführt, und erst wiederum das Regier-werk hinauf zerteilet werden muß, wodurch das Cla-vier schon tiefer gedrückt werden muß mithin von der Leichtigkeit so viel abgehet . .. Wahr ist, daß man durch einen Mechanismum alles machen kann; es ist aber auch wahr, daß hierbei die Dauerhaftigkeit nicht erzielet wird“. Befürchtungen, Silbermanns Orgel nehme den Musikanten auf der Empore zu viel Platz weg, begegnet er mit eigenhändig gefertigten kolorierten Planskizzen, auf denen er die Verhältnisse in Villingen und St. Blasien einander gegenüberstellt. Die Beschriftung der im General-landesarchiv Karlsruhe mit den Akten über den Orgelbau von St. Blasien aufbewahrten Skizze „Grund Riß des Gotteshauses St. Georgen Chor Orgel, sambt der Stellung der Musicanten, wo noch ein ziemlicher Raum übrig verbleibet, ohneracht offt über 20 Musicanten da stehen“ belegt überdies die intensive Pflege der Vokal- und Instrumentalmusik in der Benediktinerkirche Villingen mit Sängern, Violinen, Viola, Violon, Waldhörnern und Klarinetten, die um die Orgel herum standen und mit ihr zusammen musizierten.

Disposition der Orgel

1752 besaß die Benediktiner-Orgel zunächst nur 23 Register, verteilt auf Rückpositiv, Hauptwerk und Pedal. 1753, ein Jahr später also, baute Silbermann noch eine Trompette 8-Fuß (»dieselbe wurde mir nachaccordirt“) dazu. Ihre endgültige Gestalt erhielt die Orgel allerdings erst 1758 durch die Hinzufügung eines kompletten dritten Manual-werks, dem sogenannten „Echo“. In Villingen wurde es von Silbermann zum ersten Mal voll ausgebaut (mit zerlegbarem Cornet im Diskant sowie Bourdon und Fagott für den Baßbereich). Diese Erweiterung des Instruments zu einer für damalige Verhältnisse durchaus stattlichen Größe liegt in dem Umstand begründet, daß Coelestin Wahl 1757 vom Konvent zum Abt des Klosters gewählt worden war. Vermutlich hat sich der orgelbegeisterte Abt Coelestin damit einen lange gehegten Wunsch erfüllt…

Auch dieser Endzustand der Disposition ist in einer Originalhandschrift Silbermanns erhalten und hat dort folgenden Wortlaut:

Disposition der Orgel, welche sich in dem Gottes-hauß zu St. Georgen in Villingen befindet . . .

 

 

 

In dieser endgültigen Form mit der Erweiterung von 1758 war die Silbermann-Orgel der Benediktinerkirche Villingen nun ein äußerst stattliches, repräsentatives Instrument. Joseph Wörsching, renommierter Silbermann-Forscher der Zwischenkriegszeit, hielt sie gar für „die künstlerisch wertvollste und vollkommenste Orgel in den Ländern rechts des Rheins«. Er schreibt weiter „Abt Coelestin ist nach zwei Jahrzehnten noch davon hochbefriedigt und möchte sein Instrument aufgrund seiner inzwischen wieder gesammelten Erfahrungen mit mancher größeren und gepriesenen Orgel in berühmten Reichsabteien (er meint damit z. B. Weingarten und Ochsenhausen mit ihren Gabler-Orgeln) nicht vertauschen.« Und auch Johann Andreas Silbermann selbst scheint noch nach Jahren mit Stolz auf seine Villinger Orgel geblickt zu haben, schreibt er doch 1776 im Zuge der Vertragsverhandlungen an die Augustiner-Chorherrn nach St. Märgen: „Zum Beyspiel kann hier anmerken: daß als Ihro Hochwürdten und Gnaden der Herr Prälat von Weingarten die Orgel bey den Herren Benedictinern in Villingen hörten, sich vernehmen ließen: ohngeacht in meiner Orgel zu Weingarten 66 Register befindlich sind, und diese in Villingen nur aus 24. bestehet, so tauschte ich doch meine gegen diese was den Effect anbelangt“ (der Besuch des Weingartener Abtes in Villingen hatte offensichtlich noch vor der Erweiterung um das 3. Manual stattgefunden).

Der Untergang der Orgel

Der traurige Untergang dieses so bedeutenden Instruments ist hinlänglich bekannt und daher schnell berichtet. Nach der Aufhebung der Klöster im Zuge der Säkularisation wurden von der Regierung des neu gegründeten badischen Staates Emissäre ausgesandt, um in den aufgelösten Klöstern Orgeln für die neue Landeshauptstadt Karlsruhe ausfindig zu machen. 1809 trifft das Begehren des Großherzogs zum Abbau der Villinger Silbermann-Orgel ein. Aus dem selben Jahr, nämlich vom 4. Februar 1809 ist das Schenkungsdekret des Großherzogs an die evangelische Stadtkirche in Karlsruhe datiert: „Wir, Karl Friedrich, von Gottes Gnaden, Grossherzog zu Baden, Herzog zu Zährin-gen, haben uns gnädigst bewogen gefunden, unserer evang. -luth. Gemeinde dahier zum Behuf ihrer neuen Kirche, die sieben Glocken auf dem Turm der St. Georgskirche zu Villingen, samt der dazu gehörigen, auf ein Glockenspiel eingerichteten Uhr, nebst der dortigen Silbermann’schen Orgel, schenkungsweise als wahres Eigentum von nun an zu überlassen“. 1812 erfolgen Abbau und Abtransport, über den sich ein Aktenfaszikel im Generallandesarchiv Karlsruhe erhalten hat und belegt, welche einheimischen Handwerker für dieses staatlich und politisch geförderte Plünderungsunternehmen eingesetzt wurden, um die Orgelteile von der Empore zu heben, zu verpacken und um die Lücke in der Emporenbrüstung infolge der Herausnahme des Rückpositivs zu schließen. Ein Schwenninger Güterfuhrmann besorgte den Transport nach Karlsruhe. Dort wurde sie von einem Durlacher Orgelbauer namens Bürgy wieder aufgestellt, allerdings nicht mehr in ihrem prachtvollen Villinger Gehäuse, sondern in einem neuen, eigens vom Baumeister der evangelischen Stadtkirche, Friedrich Weinbrenner entworfenen Gehäuse, das besser zum klassizistischen Stil seiner Architektur paßte. Es kam in der Folgezeit zu mehreren Umbauten im jeweiligen Zeitgeschmack, durch die der Silbermann’sche Registerbestand Zug um Zug dezimiert wurde. 1904 wurde durch die Firma Voit/Durlach eine völlig neue Orgel gebaut, für die nur der Prospekt Weinbrenners und möglicherweise einige Prospektpfeifen aus dem alten Silbermann-Bestand übernommen wurden. Diese allerletzten Reste fielen schließlich den Kriegszerstörungen 1944/45 anheim. Ein ähnliches Schicksal wie der Villinger Silbermann-Orgel war auch ihrer „großen Schwester“ aus St. Blasien beschieden, sie war durch den Großherzog der katholischen Stephanskirche in Karlsruhe übereignet worden und ist ebenfalls im Zweiten Weltkrieg untergegangen.

Wie sah die Villinger Silbermann-Orgel aus?

Wiewohl wir aufgrund der oben beschriebenen Aktenlage, insbesondere durch Silbermanns eigene Aufzeichnungen, über die Orgel von 1752/58 so ausgezeichnet informiert sind, fehlt uns zu ihrer lückenlosen Dokumentation ein wichtiges Kettenglied: Silbermanns Skizze von Gehäuse und Prospekt, der sogenannte „Orgel-Riß“ hat sich nicht erhalten, bzw. konnte bis heute nicht aufgefunden werden. Es steht zu befürchten, daß er für immer verschollen bleibt. So stellt sich die Frage: wie hat die Silbermann-Orgel der Villinger Benediktinerkirche ausgesehen?

Hierzu muß man wissen, daß Johann Andreas Silbermann seine Gehäuse nicht, wie im heutigen Orgelbau üblich, für jedes Projekt völlig neu entwarf, sondern nur wenige Gehäusetypen baute, die er auch im Laufe mehrerer Jahrzehnte nur geringfügig veränderte. Silbermanns Orgelbau war im wohl verstandenen Sinne standardisiert: was sich bewährt und als gut herausgestellt hatte, wurde so schnell nicht mehr verändert. In komplizierte architektonische Räume, denen er seine Instrumente hätte anpassen müssen, baute er grundsätzlich nicht, auch nicht in Räume, deren akustische Verhältnisse ihm nicht ideal erschienen. Seine standardisierten Gehäusetypen richteten sich nach der geplanten Anlage der Teilwerke eines Instruments sowie der Disposition. Im Fall der Villinger Orgel ist beides bekannt: die Anlage gliedert sich in Rückpositiv, Hauptwerk, Echowerk sowie Pedal und die Disposition ist überliefert. So lassen sich unter Zuhilfenahme noch vorhandener, gleich bzw. ähnlich gegliederter und disponierter Instrumente recht verläßliche Aussagen zum mutmaßlichen Aussehen der Villinger Silbermann-Orgel machen.

Silbermann-Orgel der Dominikanerkirche Gebweiler (1745), heute in der evang. Kirche Wasselonne

 

Abschließend seien zwei der noch im Elsaß vorhandenen, ebenfalls dreimanualigen Instrumente Johann Andreas Silbermanns abgebildet, die uns eine Vorstellung davon geben können, wie die Villinger Silbermann-Orgel ausgesehen haben könnte: die 1745 erbaute Orgel der Dominikanerkirche Gebweiler (heute in der evang. Pfarrkirche zu Wasselonne) und die 1750, also nur zwei Jahre vor Villingen erbaute Orgel der Pfarrkirche Soultz. Sie hat gegenüber der etwas schlichter gestalteten Orgel von Gebweiler einen dreiteiligen Mittelturm, der auch im Rückpositiv wiederholt ist. Es spricht einiges dafür, daß Silbermann auch in Villingen den dreiteiligen Mittelturm gebaut hat, findet dieser sich doch auch 1753, also gerade ein Jahr später, in der Orgel für die Stiftskirche Baden-Baden (Gehäuse heute in der kath. Kirche Karlsruhe-Bulach) wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

Vision …

Mit der Frage nach der äußeren Gestalt, aber nicht nur damit, befaßt sich eine seit dem Jahr 1994 bestehende Expertenkommission, gibt es doch Pläne seitens der Münsterpfarrei Villingen und der Musikhochschule Trossingen, in der restaurierten Benediktinerkirche den Versuch einer wissenschaftlich fundierten, detailgetreuen Rekonstruktion der Silbermann-Orgel zu wagen. Die Fachkompetenz hochspezialisierter, an Restaurierungen noch vorhandener Silbermann-Orgeln geschulter Orgelbauer, die ausgezeichnete, weitgehend auf Originalquellen gestützte Aktenlage, die lösbare Gehäusefrage: all dies drängt danach, ist in meinen Augen geradezu Verpflichtung, den Versuch zu wagen, die Silbermann-Orgel an historischer Stätte wiedererstehen zu lassen. So könnte der magische Klang des Namens Silbermann und eines neuen/alten Instruments aus seinem Geist rund 250 Jahre später wieder in Villingen heimisch werden, an dem Ort, von dem aus er einst seinen Siegeszug durch die rechtsrheinischen Lande angetreten hat…

Anmerkungen:

Aus Gründen der Übersichtlichkeit habe ich auf einen umfangreichen Apparat von Anmerkungen und Fußnoten verzichtet. Ich möchte allerdings nicht verschweigen, daß umfangreiche Passagen dieses Aufsatzes auf das Kapitel „Die Silbermann-Orgel der Benediktinerkirche“ in der Festschrift zur Einweihung der Sandtner-Orgel im Villinger Münster aus dem Jahr 1983 aus der Feder von Prof. Dr. Hans Musch, Freiburg, zurückgehen. Seinen jahrelangen Nachforschungen zur Orgelgeschichte der Benediktinerkirche verdanke ich darüber hinaus eine Vielzahl von Anregungen und Informationen. Für wertvolle Anregungen möchte ich auch meinem Singener Kollegen, Bezirkskantor Georg Koch, danken, der mir für die Arbeit an diesem Artikel überdies seine umfangreiche Silbermann-Literatursammlung zur Verfügung gestellt hat.

Weiterhin stützten sich meine Ausführungen im wesentlichen auf die nachfolgend genannten Publikationen:

— Hohn, P. Albert: Die Orgeln Johann Andreas Silbermanns, in: Acta Organologica Bd. 4, Berlin 1970, 5.11 ff.

– Koch, Georg: Die Orgel des Johann Andreas Silbermann zu Riegel (Hausarbeit an der Musikhochschule Freiburg).

– Schaefer, Marc (Hg.): Das Silbermann-Archiv. Der handschriftliche Nachlaß des Orgelmachers Johann Andreas Silbermann (Winterthur 1994).

— Walter, Rudolf: Der Orgelbau in der Fürstabtei St. Blasien 1772/75, in: Musicae Sacrae Ministerium. Festgabe für Karl Gustav Fellerer zur Vollendung seines 60. Lebensjahres (Köln 1962), S. 259 ff.

– Wettstein, Hermann: Die Orgelbauerfamilie Silbermann. Bibliographischer Beitrag zu ihrem Leben und Werk (Freiburg i. Br.1983). — Wörsching, Joseph: Die große Silbermann-Orgel zu St. Georgen/Villingen, in: Der Kirchensänger. 36. Jahrgang, 1936 Nr.1, S. 3 ff. — Wörsching, Joseph: Grundsätzliches zu den badischen Silbermannorgeln, in: Der Kirchensänger. 36. Jahrgang, 1936 Nr. 2/3, S. 20 ff.

Quellennachweis zu den Abbildungen:

— Geographische Übersicht der Orgeln Johann Andreas Silbermanns entnommen aus Koch, Georg: Zur Funktion der Dorfkirchenorgel des Johann Andreas Silbermann aus dem Jahre 1770 zu Riegel am Kaiserstuhl, in: Musch, Hans (Hg.), Musik am Oberrhein (Kassel 1983), S. 89.

– Ausschnitt aus dem Orgelbauvertrag J. A. Silbermanns mit den Benediktinern von Villingen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Generallandesarchivs Karlsruhe (enthalten in Akten St. Georgen, GLA Fasc. 100/473).

– Foto Silbermann-Orgel Gebweiler (Wasselonne): Entnommen aus CD-Booklet zu „L’orgue Silbermann de Wasselonne“, SPM 1593 325.

– Foto Silbermann-Orgel Soultz: Entnommen aus Pierre Meyer-Siat, „Historische Orgeln im Elsaß“ (München, Zürich 1983), S. 83.

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