Vom Altenheim zum Altenpflegeheim St. Lioba (Kurt Müller)

 

Menschen, deren Wohnung oder Haus eigentlich fürs Alter zu groß ist, Frauen und Männer, die auf ambulante oder stationäre Pflege angewiesen sind, finden in Villingen ein großes Angebot der Unterstützung und Hilfe vor. Ambulante Pflegedienste der Sozialstationen, Essen auf Rädern und hauswirtschaftliche Nachbarschaftshilfe sichern Alleinstehenden oder Ehepaaren lang den Verbleib in der gewohnten Umgebung. Die Altenwohnanlagen in der Josefsgasse und an der Hammerhalde bieten eine altersgerechte Alternative zu der zu groß gewordenen Wohnung. Wer stationäre Pflege braucht, ist im Heilig-Geist-Spital oder St. Lioba gut aufgehoben. Das war nicht immer so.

Das alte Heilig-Geist-Spital im Franziskanerkloster (1825-1978)

 

Nach Kriegsende wuchs die Stadt Villingen beträchtlich. Zuerst durch die Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten und dann durch den Aufschwung der Industrie. Es gab zwar die ambulante Hilfe für Kranke und Alte durch die Ordensschwestern des Krankenpflegevereins St. Elisabeth und durch die Diakonie, aber es gab nur ein Altenheim, und zwar das von Vinzentinerinnen geleitete Heilig-Geist-Spital in den Räumen des ehemaligen Franziskanerklosters. Um der allgemeinen Not abzuhelfen, wurden von 1947 an in der Erzdiözese Freiburg katholische Volksbüros eingerichtet, und in Zusammenarbeit mit dem kath. Männerwerk begann eine Bauhilfesammlung. Im Raum der Dekanate Villingen, Kinzigtal und Gei-singen wurde der eben aus der Kriegsgefangenschaft entlassene Ewald Merkle beauftragt, diese Aktivitäten zu koordinieren. Ohne Büro, ohne Gehalt, am Anfang ohne Fahrzeug versuchte er aus Nichts Hilfe zu organisieren. Die bescheidenen Mittel der Bauhilfesammlung führten schließlich nach der Währungsreform zur Gründung der Baugenossenschaft „Neue Heimat“ (heute Familienheim). Der erste kleine Beginn war die zum großen Teil in Eigenarbeit erstellte Siedlung in der Nähe der alten St. Konrads-Kirche auf dem Gelände einer ehemaligen städtischen Gartenanlage. Schon damals war die Dringlichkeit eines neuen Altenheimes allen bewußt. Ewald Merkle, Karl Brachat und Albert Haas begannen mit Überlegungen und Plänen. Als die schwierige Suche nach einem Grundstück an der Roten Gasse fündig geworden war, stellte sich das neue Hindernis der Finanzierung. Da die Baugenossenschaft Neue Heimat, für diesen Zweck keine öffentlichen Zuschüsse erhalten konnte, trat in der Person von Dekan Weinmann die katholische Gesamtkirchengemeinde auf den Plan. Am 1. Sep-

Die Baugrube im Herbst 1956, im Hintergrund das alte Konradskirchlein

 

Das neue Altenheim mit dem dazugemalten neuen Krankenhaus

 

Die neue Kapelle und Innenansicht der Kapelle mit Orgel

 

Im September 1956 konnte nach Fertigstellung der Pläne durch die Architekten Dipl. Ing. Manfred Schmitt und Ewald Sumer aus Mannheim der erste Spatenstich erfolgen. Die örtliche Bauleitung lag in den Händen der Architekten Karl und Berthold Nägele aus Villingen. Während des Bauens konnten in vielen Verhandlungen Benediktinerinnen von der Heiligen Lioba aus dem Mutterhaus in Freiburg Günterstal für die Führung des Hauses gewonnen werden. Daher wurde dem neuen Altenheim auch der Name St. Lioba gegeben. Der Name der Schwesterngemeinschaft und des Altenheims erinnert an die Heilige Äbtissin Lioba, einer Verwandten des Heiligen Bonifatius, die im 8. Jahrhundert in Tauberbischofsheim wirkte. Nach zügigem Bauverlauf war das Werk im Herbst 1957 vollendet. 90 Heimbewohnern und dem Konvent der Ordensschwestern war ein neues Haus geschaffen mit Gesamtkosten von 1,65 Mio. DM. Für die damalige Zeit war eine hochmoderne fast luxuriöse Einrichtung, bestehend aus lauter Einzelzimmern, erstellt. In den beiden großen Baukörpern waren 72 Heim- und 18 Pflegeplätze untergebracht. Im flachen Trakt befanden sich Foyer, Verwaltung, Hauskapelle, Speisesaal und im Untergeschoß die Küche. Am 4. November 1957 kamen die ersten Schwestern vom Kloster in Freiburg-Günterstal. Am 5. November 1957 wurde in Villingen der Trägerverein des Hauses gegründet, bestehend aus dem Kloster St. Lioba, der Kath. Gesamtkirchengemeinde Villingen und der Baugenossenschaft „Neue Heimat“. Am 7. November zog der erste Heimbewohner ein, Herr Bialek aus Oberschlesien. Am 17. November 1957 benedizierte Dekan Weinmann die neue Hauskapelle, die zwar sehr klein, aber kostbar ausgestattet war. Ihr besonderer Schmuck waren die fünf gotischen Figuren von Hans Sixt von Stauffen, die aus dem Kloster Amtenhausen stammen. Am Dreikönigstag 1971 wurden die Plastiken ins städtische Museum als ständige Leihgaben der Münsterpfarrei übergeben und in St. Lioba durch Kopien von Klaus Ringwald ersetzt. Am Sonntag Gaudete, dem 15. Dezember 1957, wurde durch Domkapitular Hoffmann das Haus eingeweiht. Die Festrede hielt Karl Brachat, MdL. Seit nunmehr fast 40 Jahren hat sich St. Lioba in der ganzen Stadt einen guten Namen gemacht. Der Konvent der Benediktinerinnen von der Heiligen Lioba gab und gibt bis heute dem Haus seine besondere Note. Durch die guten Beziehungen der Schwestern, konnte immer ein Priester im Haus Dienst tun, sodaß die Feier des Kirchenjahres stets einen großen Stellenwert im Haus behalten konnte. Am 31. Mai 1958 kam zum ersten mal der Präses Mockenhaupt aus Trier nach St. Lioba. Jahr für Jahr kommt er bis heute über Festtage und in der Urlaubszeit nach St. Lioba und ist zahlreichen Hausbewohnern ein geistlicher Freund geworden.

 

Der neugestaltete Eingangsbereich des Lioba Altenpflegeheimes (1996)

Seit Jahren weilt immer ein Pater der Weißen Väter aus Haigerloch als Hausgeistlicher in St. Lioba. Z. Zt. übt diesen wertvollen Dienst mit großem Eifer Pater Diener aus, der wie einst in Afrika, jetzt in St. Lioba keine Mühe scheut, wenn der Dienst in der Kapelle oder Kranke und Sterbende seinen Einsatz fordern. Schon bald nach Eröffnung wurde unter Leitung von Dr. Grünewald ein Kurs für häusliche Krankenpflege veranstaltet. Aus dem Kreis der Teilnehmerinnen rekrutierte sich für viele Jahre die Schar der „stillen Helferinnen“ von St. Lioba, die an Wochenenden ehrenamtlich in der Betreuung und Pflege der Heimbewohner mithalfen. Bis heute bemühen sich die Pfarrgemeinden der Stadt, auch manche Vereine und Jugendgruppen, mit Besuchen und Veranstaltungen den Lebensabend der Heimbewohner zu bereichern. Da die Gottesdienste in der Hauskapelle, immer würdig und festlich von den Schwestern gestaltet wurden, wollten natürlich auch viele Heimbewohner daran teilnehmen. Dafür erwies sich die Kapelle bald als zu klein. Die Schwestern sorgten für Abhilfe. Pater Bonifatius Köck, aus der Benediktinerabtei Tholey/Saar, machte den Plan für eine neue Hauskapelle. Am 14. Dezember 1964 konnte Weihbischof Karl Gnädinger zur großen Freude der Schwestern und Bewohner die neue Kapelle weihen. Im Mai 1996 konnte die Orgel aus der Krankenhauskapelle erworben werden und nun ist die Kapelle mit einer schönen Orgel zu einer richtigen kleinen Kirche geworden. Im Ablauf der täglichen Arbeit im Haus zeigte sich ein gewisser Mangel. Es fehlte ein Bettenauf-zug und ein stufenloser Übergang von einem Haus in das andere in den oberen Geschossen. Dem wurde durch einen Umbau des Zwischentrakts abgeholfen, der im Jahr 1977 durchgeführt wurde. Damit wurden die Pflegeplätze von 18 auf 36 erhöht und dem steigenden Bedarf angepaßt. Am 12. Dezember 1982 konnte das 25jährige Jubiläum in dankbarer Freude gefeiert werden. Nach dreißig Jahren Betrieb zeigten sich allmählich, vor allem an den technischen Einrichtungen, Altersschwächen. Auch waren inzwischen die erwarteten Standards eines Altenheims gestiegen. Die Planungen der Landesregierung zielten auf eine Verwandlung der Altenwohnheime in Altenpflegeheime. Also mußte Ende der achtziger Jahre ernsthaft an die Planung von Renovation und Sanierung von St. Lioba gegangen werden.

Wieder war es Ewald Merkle, der im Auftrag der Gesamtkirchengemeinde, zusammen mit dem Architekturbüro Kibler und der Baugenossenschaft Familienheim die Planung vorantrieb. Es dauerte Jahre, bis die Pläne die Zustimmung der Aufsichtsbehörden und das Wohlwollen der Zuschußgeber gefunden hatten. Da der Schwesternkonvent, inzwischen kleiner und auch älter geworden war, sollte die erwartete, schwierige Zeit des Umbaues, bei vollem Betrieb des Hauses, nicht mehr ganz der Leitung der Schwestern zugemutet werden. Am 1. September 1992 wurde Hans Jürgen Braun als Heimleiter angestellt. Die Schwestern zogen sich aus der Leitung und aus dem eingetragenen Verein, nicht aber aus ihrer Präsenz in Villingen, zurück. Der Träger und Eigentümer des Hauses ist jetzt allein die Katholische Gesamtkirchengemeinde. Am 28. April 1993 fand der erste Spatenstich zur umfassenden Sanierung des Hauses statt.

 

Maria mit Kind zwischen Sonnenblumen (Paul Hirt 1898 bis 1951)

 

Bronzekruzifix von Prof. Klaus Ringwald

 

Glaswand von Prof Emil Wachter; Der Ministerpräsident Erwin Teufel gratuliert der Sprecherin der Heimbewohner Paula Storz

Die Baugenossenschaft Familienheim wurde mit der Baubetreuung beauftragt und unter der Leitung von Architekt Dieter-Kibler und den Fachingenieuren, wurden die drei Bauabschnitte zügig und im Kostenrahmen verwirklicht. Die ausführenden Firmen mußten ihre alles verändernden Aufträge bei vollem Betrieb des Hauses ausführen. Die Bewohner und das Personal durchstanden die monatelangen Strapazen in Staub und Lärm mit bewundernswerter Geduld. Das vollendete Werk hat alle Beteiligten und Betroffenen belohnt. Der Kostenrahmen von 16,5 Mio. DM wurde durch beträchtliche Darlehensaufnahmen und durch Zuschüsse des Landes, des Schwarzwald-Baar-Kreises, der Stadt Villingen-Schwenningen, des Erzbischöflichen Ordinariats und der Münsterpfarrei in Villingen finanziert. Der Förderverein St. Lioba hat mit Spenden der Mitglieder und der Pfarrgemeinden 1,5 Mio. DM für die Inneneinrichtung beigesteuert.

Mit der Einweihung am 22. Juni 1996 konnte der Öffentlichkeit ein wohlgelungenes Werk übergeben werden, das in der Lage ist, viele Jahre eine wichtige soziale Funktion in der Stadt und in der Region zu erfüllen. Ministerpräsident Erwin Teufel, Domkapitular Uhl, Oberbürgermeister Prof. Dr. Matusza und andere Vertreter des öffentlichen Lebens, würdigten am Einweihungstag die vollendete Leistung. Über zweitausend Villinger Bürgerinnen und Bürger nutzten den Tag der offenen Tür, um sich zu informieren. Ewald Ferkle, der Hauptmotor des Unternehmens, durfte unzählige, ihm gratulierende Hände schütteln. Seinem Einsatz verdanken wir nun 119 Pflegeplätze in Einzelzimmern mit Naßzelle und 12 Plätze für Tages- und Kurzzeitpflege. Das äußerlich und innerlich neu gestaltete Haus im großen, frisch angelegten Park hat einen freundlichen und einladenden Charakter. Die weiten Grünflächen, die Nähe zur Pfarrkirche St. Konrad und zu den Städt. Kliniken macht seine Lage ideal, stadtnah, doch ruhig. Die Ordensfrauen und die 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Verwaltung, Pflege und Hauswirtschaft werden ihr Bestes leisten, daß alle Hausbewohner einen friedlichen und würdigen Lebensabend finden können. Daß das neue Pflegeheim nicht nur reibungslos funktioniert, sondern auch schön ist, belegen die kleinen künstlerischen Akzente. So trifft man in der Eingangshalle auf ein großes Ölgemälde „Madonna mit Kind zwischen Sonnenblumen“ des Villinger Malers Paul Hirt. Die Kapelle ziert ein Bronzekruzifix von Prof. Klaus Ringwald. Im Sitzungszimmer und in dem kleinen Saal, in dem auch die evangelischen Gottesdienste stattfinden, kann man von Beginn an eine Glaswand bewundern, die von Prof. Emil Wachter gestaltet wurde. Vor dem Eingang laden Bänke um einen plätschernden Brunnen zum Verweilen ein. Der Bau ist vollendet, die Wertschätzung der Bürgerinnen und Bürger von Villingen und die Unterstützung der Mitglieder des Fördervereins, werden hoffentlich dem Altenpflegeheim St. Lioba für die Zukunft erhalten bleiben.