Mehr Licht ins Dunkel der Villinger Geschichte (Gerd Jauch)

Berthold war als Thurgau- und als Breisgaugraf in der Gunst der Kaiser —Hoher Rang der Marktrechtsverleihung

Dieser Beitrag ist eine erweiterte und verbesserte Fassung meines Aufsatzes vom 26 Juli 1996 im SÜDKURIER, Ausgabe Villingen-Schwenningen.

Villingens Geschichte im frühen und hohen Mittelalter hellt sich während der Vorbereitungen auf das „Millenium des Marktrechts“ weiter auf. Nicht länger müssen wir über eine Person rätseln, von der es bisher vorwiegend hieß „ein Graf Berthold“, meist mit dem Zusatz „der den Vorfahren der Zähringer zugeordnet wird“. 1) Wir wissen jetzt mehr über diesen Grafen, dem Kaiser Otto III. am 29. März 999 das Markt-, Münz- und Zollrecht sowie den Gerichtsbann für seinen Ort „Vilingun“ verliehen hat. Sein alemannisch-fränkischer Name war Birchtilo oder Berchtilo = Berchtold, Berthold (ursprünglich Berchtwald = der glanzvoll Waltende). Der Adlige entstammte dem alten Geschlecht der Berthol- de oder Bertholdinger, die unter anderem auf der nach ihnen benannten Bertholdsbaar begütert waren. Hier im westlichen Teil der zentral im Herzogtum Alamannien gelegenen Grafschaft Baar hatte auch der Villinger Berthold umfangreichen Besitz, in Villingen ist sein Herrenhof zu suchen.

Die Bertholde des 8. bis 11. Jahrhunderts gingen auf den 708 verstorbenen Alemannenherzog Gottfried zurück. Ein Berchtolt kommt im Jahre724 in der Familie der alten Herzöge von Alemannien vor. 973 war der letzte Baargraf, der den Namen Berthold trug, gestorben.

Bertholds Mutter: Berta von Büren

Bertholds Vater ist noch nicht ermittelt. Dagegen steht fest, daß seine Mutter Berta von Büren war. Sie entstammt einer in Büren (heute Wäschenbeuren, Landkreis Göppingen) in der Nähe der Burg Hohenstaufen seßhaften Adelsfamilie. Ihr Bruder war der Riesgaugraf und ein direkter Vor- fahr der Staufer.

Der Abstammungsnachweis ergibt sich aus einer Verwandtschaftsübersicht, einer sogenannten Stemma, für Kaiser Friedrich Barbarossa in der Briefsammlung des Reichenauer Abts Wibald von Stablo. 2) In dieser Abstammungstafel, die zur Scheidung des Kaisers wegen zu naher Verwandtschaft zu seiner Frau Adela von Vohburg wohl auf dem Hoftag zu Konstanz 1153 erstellt wurde, wird Bezelin de Vilingen als Sohn der Berta von Büren genannt (Bezelin war ein gebräuchlicher Kosename für Berthold). In der genealogischen Reihe (Abbildung Seite 18) heißt es „Bertagen. (uit) Bezelinu(m) d(e) Vilingen / Bezelin d(e) Vilingen gen(uit) Bertolfum cum barba…“ Das bedeutet, daß Bezelin (Berthold) von Villingen von Berta von Büren stammt, und daß sein Sohn „Berthold mit dem Barte“ ist.

Damit steht fest, daß Berthold von Villingen der Stammvater des Zähringergeschlechts ist. Sein Sohn, sein Enkel und seine Urenkel waren die Herzöge von Zähringen, ein bedeutendes Hochadelsgeschlecht im deutschen Südwesten.

Namensgleicher Breisgaugraf

Bisher war nicht vollständig geklärt, worauf sich Bertholds Grafentitel gründete. Daß er nicht der Baargraf war, ergibt sich aus der Marktrechtsur- kunde von 999, nach der Hildibald als der Inhaber des Comitats Bara feststeht. Ist Berthold der Thurgaugraf, wofür es schon bisher manchen Hinweis gab, oder war er jener Breisgaugraf Birchtilo, für den ihn viele hielten? Die Namensgleichheit des Thurgau- und des Breisgaugrafen am Ende des 10. Jahrhunderts (eine Person konnte Berthold, Birchtilo oder Bezelin heißen) führte bei den Historikern des 19. Jahrhunderts immer wieder zu Irrtümern. Bei E. Heyck, 3) auf den sich viele andere bezogen, begann die Annahme der Personengleichheit damit, daß er die Erwähnung Bertholds im Romzug Ottos III. 998 als Inhaber des Grafenamts im Thurgau auf den Breisgaugrafen Birchtilo bezog.

 

Dem sind andere gefolgt, u. a. auch Revellio, der den Villinger Berthold 994 und 995 als Graf im Thurgau sah, aber „seit 962 auch als Graf im Breisgau“. 4) Auch ein anderer Villinger Historiker, Roder, bezog sich auf Heyck, als er den Stadtvätern zur Einweihung des Bertholddenkmals 1906 schrieb, Berthold sei von 990 an urkundlich als Graf im Breisgau genannt worden. Gesichert war aber lediglich, daß es 998 im Gau Thurgau eine Grafschaft des Berthold gab.

Bei dieser Erwähnung schreibt Heyck, und hier muß man ihm folgen, daß dieses Grafenamt im Thurgau wohl schon 991 auf Berthold übergegangen ist. In diesem Jahr starb nämlich der Thurgaugraf Landold, dessen Tochter Berthold zur Frau hatte. Der Grafentitel ging auf den Schwiegersohn über. 5)

Der weitere Werdegang Bertholds

Als Thurgaugraf gehörte Berthold von Villingen in das Grafschaftsgerüst des Herzogtums Alamannien, das seit Mitte des 10. Jahrhunderts Herzogtum Schwaben hieß, und des Reichs. Sein Adelssitz blieb in Villingen, sonst hätte er nicht vom Kaiser das Marktrecht für diesen, seinen (wohl schon recht bedeutenden) Ort erbitten und auch bekommen können.

Bevor ich näher auf die Verleihung des Marktrechts eingehe, verfolge ich den weiteren Werdegang des Thurgaugrafen Berthold. Er war ein Vertrauter des Schwabenherzogs Hermann II., der seinen Sitz in Straßburg hatte. Über ihn kam der Graf, der mit dem Thurgau ein großes Territorium — vom Bodensee bis zum Gotthard — zu verwalten hatte, in die Nähe des Königs und Kaisers. Ihm mußte er mit seinen Thurgauer Mannen auch den Heerbann (das Aufgebot seiner waffenfähigen Freien) leisten. Berthold war aber nicht nur Soldat, sondern später auch Diplomat des Kaisers.

Nach dem Tode Ottos III. (1002) ordnete dessen Nachfolger Heinrich II. die Grafschaftsverhältnis-se im Südwesten neu. Der Oberrheingraben wurde nach den Plänen des Reichs zu einem Kerngebiet Schwabens. Dabei wurde der treue Gefolgsmann Berthold von Villingen nach seinen Erfolgen im Thurgau und am Ostrand des Schwarzwalds vom Kaiser 1004 als Graf im Breisgau und 1016 zusätzlich als Graf in der Ortenau berufen. In dieser Eigenschaft war er viel mit dem Kaiser unterwegs. Schon 1003 ist der „vir nobilis Bezellinus“ mit ihm in Nimwegen, 1018 erneut, und um 1020 wird „Graf Bezelin aus Schwaben“ beim Kaiser genannt. Dieser „Bezelinus de Suevan“, hinter dem wir mit Sicherheit den Villinger Berthold vermuten können, war also sowohl bei Otto III. als auch bei Heinrich II. ein bedeutender Mann in Königsnähe.

1020 signierte Graf Bezelin in Bamberg einen Vertrag zwischen dem Kaiser und Papst Benedikt und Anfang Dezember begleitete er den Kaiser auf seiner Heerfahrt nach Unteritalien. Der Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg berichtete von einer Begebenheit, die sich 1015 „in einer Landschaft Schwabens und zwar in der Grafschaft des Grafen Bezelin“ (das war damals der Breisgau) zutrug: Eine plötzlich verstorbene Frau wurde als Leichnam zur Kirche getragen. Plötzlich richtete sie sich jedoch von der Bahre auf, tröstete ihre erschrockene Familie mit sanften Worten, wies Geschenke an und entschlief dann. Bischof Thietmar schreibt dazu: „Der Graf hat es selbst dem Kaiser als wahr berichtet und dieser wiederum hat es mir vor vielen Brüdern mitgeteilt“ 6). Im Februar 1022 wurde Berthold in Campo Pietra vom Kaiser als Urteilssprecher beim Hofgericht beigezogen.

1024 starb Berthold von Villingen

Berthold starb am 15. Juli 1024. Die Mönche von Einsiedeln gaben das Jahr des Todes an, 7) die Mönche von Straßburg den Todestag. 8) Um sein Leben zeitlich einzuordnen, sei folgender Versuch gewagt: Nimmt man an, daß Berthold etwa 60 Jahre ah geworden ist, müßte er etwa 965 geboren sein. Thurgaugraf wäre er dann 991 mit 26 Jahren geworden, bei der Romfahrt 998 wäre er 33, bei der Verleihung des Marktrechts 34 gewesen. Breisgaugraf wäre er 1004 mit 39 Jahren, Ortenaugraf 1016 mit 51 Jahren geworden. Mit 59 Jahren wäre Berthold gestorben.

Sein Sohn Berthold wurde Baargraf, Graf im Thurgau, im Albgau, in der Ortenau und im Breisgau. Später hat man ihn als Berthold I., „den mit dem Barte“, bezeichnet. Ihm wurde von Heinrich III. das Herzogtum Schwaben versprochen, das aber dann an Rudolf von Rheinfelden gegeben wurde. Berthold I. wurde stattdessen 1061 Herzog von Kärnten. Aus diesem Anlaß gab er seine Grafenämter auf bis auf das des Breisgau-grafen, das ihm aber 1077 entzogen wurde.

1078 starb Berthold I., wie es heißt, im Wahnsinn, auf seinem Stammsitz, der Limburg bei Weilheim/Teck. Das Kloster, das er dort gründete, wurde von seinem Sohn später nach St. Peter verlegt. Einige Jahre nach seinem Tod wurde Berthold I. als „dux de Zaringon“, also als der erste Herzog von Zähringen bezeichnet.

Sein Sohn Berthold II. eroberte den Breisgau 1079, wohin er endgültig den Herrschaftsschwerpunkt der Zähringer verlegte, also weg vom Ostschwarzwald und vom Albtrauf. Sein Bruder war Gebhard III., Bischof von Konstanz.

Der Urenkel des Villinger Grafen, Berthold III. fiel in jungen Jahren in Molsheim im Elsaß. An seine Stelle trat sein Bruder Herzog Konrad. Er war es, der 1120 Freiburg als Markt gründete und auch Villingens Entwicklung zur Stadt förderte. Auf ihn folgten Sohn und Enkel wieder mit dem Namen Berthold. Mit Berthold V. starb im Jahr 1218 der letzte Zähringer Herzog und der letzte Nachfahr des Berthold von Villingen.

Das Rätsel um den Breisgaugrafen ist gelöst

Das Lebensbild des frühen Breisgaugrafen Birchti-lo, der 1005 gestorben ist und nicht mit Berthold von Villingen verwechselt werden darf, hat nichts mit der wirklichen Zähringer-Genealogie zu tun. Dies haben endgültig die neuesten Forschungen ergeben. Schon H. Keller hatte nachgewiesen, daß die Grafen Birchtilo (im Breisgau bis zum Ende des 10. Jahrhunderts) und Berthold/Bezelin (im Thurgau) unterschieden werden müßten. Th. Zotz sah die Gleichstellung von Birchtilo im Breisgau mit Berthold / Bezelin ebenfalls als verfehlt an. 9) Das Rätsel um den Breisgaugrafen Birchtilo, den Stifter des Klosters Sulzburg, löste dann vor kurzem A. Zettler. 10) Er stellte fest, wie zuvor schon List 11), daß die Familie des Breisgaugrafen vor allem über Verbindungen zum elsässischen Adel verfügte. Zettler stellte darüberhinaus klar, daß ähnliche Verbindungen des Breisgaugrafen zu den von der Baar und dem Albtrauf aus agierenden Ahnen der Zähringer (also zu Berthold von Villingen, d. Verf.) nicht nachweisbar seien. Bei dem Eigengut des Grafen Birchtilo im Breisgau handle es sich, so Zettler, um Orte, an denen später der alteingesessene Breisgauer Adel, nicht aber die Zähringer begütert waren. Der bald nach der Jahrtausendwende in der Markturkunde für Sulz-burg erscheinende Graf Bertholdus müsse von dem Breisgaugrafen Birchtilo unterschieden werden. Es handle sich bei Bertholdus mit einiger Sicherheit um den (Villinger) Thurgaugrafen, der 1004 neu in das Breisgauer Grafenamt gelangt sei. Das Rätsel um die unterschiedlichen Namen neben Berthold in den Sulzburger Urkunden (Graf Birchtilo / Birchtilo (ohne Graf) / Becilin / Pirctelo) löst Zettler plausibel damit, daß er unter diesen Namen ein und dieselbe Person sieht.

Konsequent hat Zettler 12) aus diesen Erkenntnissen den Schluß gezogen, daß die Textfassungen der sogenannten „Zähringer-Genealogien“ aus den Klöstern St. Peter und Tennenbach als fehlerhaft angesehen werden müssen. Die im 13. Jahrhundert entstandene Genealogie von St. Peter führt als ersten des Zähringergeschlechts den Grafen Bezelin auf. Dann heißt es, dieser habe „mit seinem Bruder Gebezo (Gebhard) das Nonnenkloster Sulzburg gegründet“. Sein Sohn sei Berthold mit dem Barte gewesen. An diesem Punkt beginnt die fälschliche Zähringerinterpre-tation, die Jahrhunderte überdauerte und erst jetzt ihre Aufklärung findet. Bezelin und sein Sohn Berthold mit dem Barte — soweit stimmt die Genealogie des Abtes Gremmelsbach von St. Peter.

Aber Bezelin war nicht der Breisgaugraf Birchtilo, er hatte auch keinen Bruder Gebezo, und nicht er, sondern Birchtilo war der Stifter von Sulzburg. Nach Zettler wird hier klar, „daß die Sulzburger Stifter erst im Kloster St. Peter während des späteren 13. Jahrhunderts zu Vorfahren der Zähringer erklärt worden sind.“ Eine ganz wichtige Erkenntnis, die endgültig erklärt, daß die Zähringer Herzöge nicht vom Breisgaugrafen, sondern vom Thurgaugrafen Berthold aus der Baar abstammen.

Hohes Alter der Siedlung Villingen

Als der Thurgaugraf Berthold 1004 in sein neues Grafenamt im Breisgau kam, bestand sein Markt Villingen seit 5 Jahren. Über die Entwicklung dieses Markts wissen wir wenig. Immerhin ist beachtlich, daß schon 1030/40 der erste Zähringer Denar von Bertholds Sohn in einer Villinger Münze geprägt wurde.

Noch nicht ermittelt ist der Sitz des Grafen Berthold in seinem Ort Villingen. Der Freiburger Archäologe B. Jenisch, der in Villingen sieben Jahre lang 14 bedeutende Ausgrabungen vornahm, hat vor 1992 im Bereich des heutigen „Keferbergle“ einen Herrenhof mit einer von K. S. Bader schon vor 60 Jahren vermuteten Burgstelle ausgemacht. Jenisch vertritt die These, 13) daß es sich bei dieser Niederungsburg am Keferbergle, einer sogenannten Motte aus Erde und Holz, um den Sitz des Berthold gehandelt haben müsse. Eine zweite Motte am Oberen Tor läßt sich noch nicht genau einordnen. (Inzwischen sind im Schwarzwald-Baar-Kreis etwa 45 solcher Motten geortet worden.)

Jenisch verweist auf das hohe Alter der Siedlung Villingen. Gräberfunde haben ergeben, daß hier schon im vierten Jahrhundert, zur Zeit der alemannischen Landnahme, eines der frühesten alemannischen Dörfer stand. Daß der Markt und die Stadt Villingen nicht aus dem Nichts entstanden sind, beweisen auch die anderen frühen Daten, die urkundlich belegt sind: 817 wird die alemannische Siedlung in der Bezeichnung „ad filingas“ in einer Schenkungsurkunde Kaiser Ludwigs des Frommen für das Kloster St. Gallen erwähnt. Das Kloster erhielt die Einkünfte der Güter des Vito und Heimo. Noch früher (762) ist die Erwähnung an Nordstetten unmittelbar auf Villingen zu beziehen.

999, mit der Marktrechtsverleihung, erfolgte die erneute Nennung des Ortes. Das Recht bezieht ich ausdrücklich auf das Eigengut des Adligen, der weder die Grafschaft in der Baar noch die Verfügungsgewalt über das ganze Dorf besaß. Bisher wird angenommen, daß sich das Hausgut des Grafen in dem Teil Villingens befand, der links der Brigach beim heutigen Friedhof liegt und spätestens seit 1337 die „alt‘ stat“ heißt (mittelhochdeutsch stat = Stätte, Stelle). Auch das Marktrecht soll sich auf diesen Ort bezogen haben. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen erst die späteren Herzöge von Zähringen den Markt auf die geschütztere rechte Brigachseite verlegt haben. Seit aber durch die Archäologie feststeht, daß im heutigen Münsterviertel, also etwa 1,5 Kilometer nordwestlich der Altstadt, die Reste eines Herrenhofes liegen, kann daraus geschlossen werden, daß die allmähliche Verlagerung der alten Siedlung in den Brigachbogen schon seit dem späten elften Jahrhundert erfolgte und einherging mit der planmäßigen Ansiedlung von Abhängigen. Schon um die Jahrtausendwende, also zur Zeit der Marktrechtsverleihung erfüllte der Ort, der beim Sitz Bertholds entstand, einige Kriterien der frühen Stadt.

Marktrecht für Weltlichen

Der sächsische Kaiser Otto III. gewährte dem Grafen das Privileg, in dem ihm „zu eigen“ gehörenden Ort Vilingun einen öffentlichen Markt zu gründen mit einer Münze, einer Zollstätte und dem Gerichtsbann. Der Ort war damit vom Zugriff jeder anderen staatlichen Gewalt befreit, auch von der des Baargrafen. Mit der am Mittwoch vor der Karwoche, am 29. März 999, während der Ostersynode in Rom ausgestellten Urkunde 14) erhielt Graf Berthold auch die Befugnis, den Markt zu behalten, zu vertauschen, zu verschenken und darüber zu verfügen „wie immer ihm belieben mag“.

Das Villinger Privileg auf Ersuchen des Schwabenherzogs Hermann II. hat in der deutschen Marktrechtsentwicklung einen besonderen Rang. Es ist nämlich das erste und älteste Marktrecht für einen Weltlichen. Bis dahin hatte der Kaiser solche weitgehenden Vorrechte nur an Kirchen und Klöster verliehen. Als Zweiter erhielt im selben Jahr der elsässische Graf Eberhard ein ähnlich gestaltetes Privileg für seinen Ort Altdorf im Unterelsaß. Diese beiden frühen Vergaben königlicher Rechte und Befugnisse an adelige Laien stehen damit am Beginn einer Entwicklung, die über Jahrhunderte hin zu einer Vielzahl von „Landesherrschaften“ in Deutschland führte. Auch daraus ergibt sich die besondere Bedeutung der Villinger Marktrechts-verleihung.

Villingen wurde so /um ersten Marktort am Ostrand des Schwarzwaldes (Freiburg am Westrand 121 Jahre später). Rechtlich wurde es den nächsten Märkten des Oberlands, Konstanz und Zürich, gleichgestellt. Nach Norden hin war der nächste Markt Esslingen, im Westen Straßburg.

Der zweite Romzug Otto III.

Womit hat sich nun Graf Berthold die außergewöhnliche Wohltat Ottos III. verdient? Alles geschah auf der zweiten Romfahrt des Kaisers, an der der Thurgaugraf im Heeresgefolge teilnehmen mußte. Dieser Italienzug 997/999 wurde nach Althoff einer der „spektakulärsten und grausamsten des ganzen Mittelalters“.

Otto III. (geboren 980, gestorben 1002), dessen Ausstrahlung und fast genialische Begabung ihm den Ehrennamen „mirabilia mundi“ (Wunder der Welt) eintrug, war König geworden, als er noch ein Kind war. Auf seinem ersten Romzug 996 hatte er seinen Vetter Brun von Kärnten als Papst Gregor V. eingesetzt, den ersten deutschen Papst. Von ihm ließ Otto sich — 16jährig — zum Kaiser krönen.

Kaum war der Kaiser nach Deutschland zurückgekehrt, empörte sich gegen ihn eine römische Adelspartei, die unter dem Präfekten Crescentius den Papst Gregor verjagte und den Erzbischof von Piacenza als Gegenpapst einsetzte.

Dieser Gegenpapst, Johannes Philagathos, ein Grieche aus Süditalien, war ein Vertrauter der Mutter des Kaisers, Theophanu, und auch des Kaisers selbst gewesen. Sein Abfall von den Ottonen, denen er seine Erzbischofwürde verdankte, wurde am Hofe Ottos III. in Deutschland als ungeheuerlich empfunden, und auch der Verrat des Crescentius, den der Kaiser zuvor schon wegen seiner Aufsässigkeit verwarnt und begnadigt hatte, erbitterte ihn jetzt aufs höchste. Er bereitete den zweiten Romzug vor, konnte aber erst im Dezember 997 in Italien eingreifen. Vorrangiges Ziel war es, den aus Rom vertriebenen Papst Gregor V. in die Ewige Stadt zurückzuführen.

Von Ravenna aus, wo Otto dem Königsgericht vorsaß und einen Grafen Rudolf mit zwei Gefährten zur Blendung verurteilte, begann im Februar 998 der Vormarsch auf Rom. Der Präfekt Crescentius verschanzte sich in der als uneinnehmbar geltenden Engelsburg, der Gegenpapst floh aus Rom und versteckte sich in einem befestigten Turm. Dort wurde er von einer Abteilung des Heers, die nach unangreifbaren Quellen unter dem Kommando des Grafen Birchtilo (Berthold) stand, entdeckt und gefangengenommen. Johannes Philagathos wurde sofort geblendet, indem man ihm die Augen herausriß, dann wurde er an Nase, Zunge und Ohren weiter verstümmelt. Dabei beließen es Kaiser und Papst nicht. Der schon grausam bestrafte Gegenpapst wurde von einer Synode in Rom, nachdem ihm noch einmal die päpstlichen Gewänder angezogen worden waren, nach kanonischem Recht zum schimpflichen Entzug der Würde, das heißt zur Absetzung verurteilt. Daraufhin riß man ihm die Papstgewänder vom Leibe und trieb ihn durch die Straßen Roms, wobei der Geblendete verkehrt auf einem Esel reiten mußte, den Schwanz des Tieres wie einen Zügel haltend.

Eher noch schlimmer erging es dem Crescentius. Er wurde nach seiner Festnahme auf kaiserlichen und päpstlichen Befehl auf den Zinnen der Engelsburg enthauptet. Sein Leichnam wurde hinuntergestürzt und schließlich mit zwölf ebenfalls hingerichteten Gefährten auf dem Monte Mario öffentlich zur Schau gestellt, indem man sie an den Füßen aufhängte.

Wegen der grausamen Vorgänge, die den Gewohnheiten einer archaischen Zeit entsprachen, gerieten Kaiser und Papst in Italien in die Kritik. Otto III. unternahm daraufhin zur Buße eine Wallfahrt „mit bloßen Füßen“ zum Monte Gargano. Wie Althoff feststellt, fällt genau in die Zeit nach der Bußfahrt die Marktrechtsverleihung an seinen auf so drastische Weise ins Rampenlicht der Weltgeschichte gerückten Villinger Gefolgsmann Berthold. Fast gleichzeitig wurde der Graf noch auf eine andere Weise geehrt. Der Kaiser beauftragte ihn, zur Investitur seiner Schwester Adelheid als Äbtissin des Klosters Quedlinburg zu reisen und zur Weihe den goldenen Abtstab zu überbringen.

Von einem Unwillen des Kaisers wegen der Behandlung des Gegenpapstes durch die gepanzerten Reiter des Grafen Berthold — aus dem Thurgau und eventuell zum Teil auch aus Villingen —war also nichts zu spüren. Berthold ist nicht etwa in Ungnade gefallen, sondern vielmehr hoch geehrt worden. Man kann heute — so Althoff — davon ausgehen, daß alles mit dem Willen Ottos geschah und daß er mit den Ehrungen dem Grafen Berthold für das militärische Zusammenwirken danken wollte, nicht allein wegen der Gefangennahme des Gegenpapstes. Jedenfalls spricht auch der diplomatische Auftrag anläßlich der Äbtissinnenweihe in Quedlinburg für eine beachtliche Königsnähe des Birchtilo, Berthold oder Bezelin von Villingen.

Quellen- und Literatur-Verzeichnis

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Annales Sangallenses maiores, ed. C. Henking, in: MVG 19 NF 9, 1884

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Imperii:

II. Sächsiches Haus

Abt. Die Regesten des Kaiserreichs unter Otto III. 980-1002, hg. v. J. F. Böhmer und M. Uhlirz, 1956

Abt. Die Regesten des Kaiserreichs unter Heinrich II. 1002 —1024, hg. v. J. E Böhmer, neubearb. v. Th. Graff, 1971. Monumenta Germaniae historica (MGH)

MG-Diplomata (MG — DD)

Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser 2. Bd. Teil 2: Die Urkunden Ottos III.

MG-Scriptores SS III (MG—SS)

Thietmar von Merseburg, Chronicon, hg. R. Holtzmann Thurgauisches Urkundenbuch

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Jänichen H., Baar und Huntari in: Vorträge und Forschungen Bd. I

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  1. Anmerkungen:

1) So zuletzt noch G. Althoff, Otto III., S.104

2) F. Jaffé, Wibaldi Epistolae, in: Bibl. rer. Germanicorum, Bd. 1, Nr. 408, auch in: Die Zähringer Bd. 2, S. 14 ff.

3) Geschichte, S. 7

4) Beiträge, S. 63

5) Heyck, Geschichte, S. 7 „Da zwischen 991 und 998 kein ande­rer Thurgaugraf genannt wird, wird Berthold schon 991 den Thurgau erlangt haben.“

6) Thietmar, SA 212

7) MG SS III 145, 1024

8) Böhmer Fontes IV 310

9) Breisgau, S. 79 ff. (Prof. Dr. Thomas Zotz ist Leiter der Abtei­lung Landesgeschichte am Historischen Seminar der Univer­sität Freiburg)

10) Sulzburg, S. 289 ff (Dr. Alfons Zettler ist Hochschuldozent am Historischen Seminar der Universität Freiburg)

11) Stifter a. a. 0.

12) In einem bisher unveröffentlichten Beitrag „Zähringermemoria und Zähringertradition in St. Peter“ in: Aktenband der Tagung „St. Peter…“ 1993

13) Die Dissertation Jenisch’s war bei Drucklegung dieses Aufsatzes noch nicht veröffentlicht

14) Jetzt im Badischen Generallandesarchiv Karlsruhe.