Erfahrungsbericht „Hochzeit im Maghreb“ (Dr. Anita Auer)

im Franziskanermuseum in Villingen (8.9. — 5.11.1995)

Die Ausstellung „Hochzeit im Maghreb“ beschäftigte sich mit dem Hochzeitsritus in den nordafrikanischen Ländern Algerien, Tunesien und Marokko. Sie wurde vom Völkerkundemuseum in Berlin konzipiert und umfaßte ca. 250 Exponate. Mit dieser Sonderausstellung beteiligte sich das Franziskanermuseum am Modellversuch „Begegnung mit dem Fremden“. Der Modellversuch, dessen Träger der Museumsverband Baden-Württemberg ist, wird von Bund und Land gemeinsam gefördert. Ziel des Modellversuchs ist es, ein Netzwerk kleinerer und mittlerer Museen zur Entwicklung und Erprobung innovativer kulturpädagogischer Arbeitsformen in der Auseinandersetzung mit den Motiven und kulturellen Kontexten von Fremdenfeindlichkeit aufzubauen. Von einer Fachjury wurden im Juni 1995 die vorgeschlagenen Projekte bewertet und 22 davon ausgewählt. Der eigentliche Beitrag des Franziskaner-museums bestand in einer zusätzlichen Ausstellungseinheit, die den Bezug der Ausstellung „Hochzeit im Maghreb“ zur Stadt- und Regionalgeschichte und damit zu den eigenen Sammlungen herstellte, und in einem umfangreichen museumspädagogischen Begleitprogramm.

Inhaltlich stand bei der Ausstellungsübernahme die Bedeutung der Tradition — der maghrebinische Hochzeitsritus läßt sich bis in die Zeit um 700 n. Ch. zurückverfolgen — und die gesellschaftliche Situation der Frau in den genannten islamischen Ländern im Vordergrund. Letztere gehören zwar zu den meistindustrialisierten Staaten Afrikas, haben aber weltweit den geringsten Anteil berufstätiger Frauen. Deshalb ist die Hochzeit immer noch das zentrale Ereignis im Leben der maghrebinischen Frau und praktisch der einzige gesellschaftliche Anlaß, bei dem sie ihre Persönlichkeit und soziale Stellung durch reichen Goldschmuck und kostbare Gewänder zur Schau stellen kann. Diese inhaltlichen Schwerpunkte ergaben gleichzeitig die Anknüpfungspunkte zur Stadt- und Regionalgeschichte. Mit der „Schwarzwaldbraut“, einer Figurine mit verschiedenen Teilen der „Schwarzwälder“ Tracht, wurde auf eine größtenteils bereits verlorengegangene regionale Tradition verwiesen, mit der ‚Weißen Braut“, einer Figurine mit weißem Hochzeitskleid, auf einen dem islamischen Ritus ähnlichen symbolischen Kontext und eine entsprechende Funktion der Hochzeit in unserem Kulturkreis. Hier wie dort wird auf die Jungfräulichkeit der Braut und ihre abhängige, nicht selbstbestimmte gesellschaftliche Rolle in der Kleidung verschlüsselt hingewiesen. Die Tradition bleibt trotz gewandelter gesellschaftlicher Umstände aktuell, weil sie einen „rite de passage“ bereitstellt, eine Zeremonie, die den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt begleitet. Die Figurine mit der ‚Weißen Braut“ war zudem brisant, da es sich um das Brautkleid einer Schwenningerin, die einen Villinger geheiratet hatte, handelte. Mit diesem Kleid konnte der Bezug zur Stadtgeschichte hergestellt werden.

Die Ausstellungsübernahme zeigte das „Befremdende“ im Fremden und dessen Ursachen, z. B. die andere Religionszugehörigkeit. Der Ausstellungsbeitrag des Museums, also die ,Weiße Braut“ und die „Schwarzwaldbraut“, ließen das Vertraute im Fremden, die Parallelen zur eigenen Kultur entdecken. Gleichzeitig wurde aber auch das Fremde im Eigenen, also das Ungewußte und Unbewußte der europäischen Tradition angesprochen.

Das museumspädagogische Begleitprogramm umfaßte Schulklassenführungen, öffentliche Führungen und ein filmisches Begleitprogramm in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Kino Guckloch. Zudem gab es eine Bücherecke mit Fotos und Literatur zum Thema in der Stadtbibliothek. Die Schulklassenführungen waren so aufgebaut, daß nach einer Führung durch die Ausstellung die Schüler in einer Aktion verschiedene Hochzeitsriten selbst gestalteten. Was die Schüler im ethnischen Vergleich kennengelernt hatten, daß nämlich bestimmte Brauchelemente allen Kulturen gemeinsam sind, konnten sie hier nutzen, indem sie sie als „Bausteine“ einer eigenen Zeremonie verwendeten, sie veränderten oder neue Bausteine erfanden (Schwarzwaldbraut, Punkerhochzeit, „alternative Hochzeit“). Die Schulklassenführungen zielten zunächst auf das Verständnis und die Akzeptanz der kulturellen Unterschiede. Die Aktion zur „alternativen Hochzeit“ wollte die Jugendlichen ermutigen, eigene Wege, abweichend von Tradition und der Meinung anderer, zu finden und zu gehen. Dies impliziert in einem weiteren Abstraktionsschritt: Wenn die Jugendlichen im Rollenspiel lernen, sich bei der Wahl ihres Hochzeitsritus durchzusetzen, könnten sie auch den Mut haben, sich gegen andere „Gruppenzwänge“, Vorurteile und Klischees, z. B. Ausländerfeindlichkeit zur Wehr zu setzen.

Das Filmbegleitprogramm zur Ausstellung ermöglichte, über Spielfilme, die im Maghreb spielen, das in der Ausstellung erworbene Wissen über die Kultur zu vertiefen (weitere Dimension). Es konnten auch vereinzelt Filmbesucher als Ausstellungsbesucher (Werbemaßnahme) gewonnen werden.

Die Ausstellung sollte die Besucher auf die Frage stoßen, was eigentlich Angst vor dem Fremden auslöst und eventuelle Lösungsversuche anregen, wodurch diese Fremdenangst gemindert oder aufgehoben werden kann. Den Besuchern sollte durch die Ausstellung klar werden, daß Gewalt gegen Ausländer kein Problem ist, das man durch einfache Maßnahmen („Ausländer raus“) aus der Welt schaffen kann, sondern daß Angst, Neid, Mißgunst und daraus resultierende verbale bis körperliche Gewalt zum Verhaltensrepertoire jedes Menschen gehören und nur eine fortlaufende kritische Selbstbeobachtung und Disziplin „Ausfälle“ verhindern helfen.

Eine besondere Erfahrung war die Suche nach dem „doppelstädtischen Hochzeitskleid“. Nachdem ein Ehepaar seine Leihgabe zurückzog, mit der Begründung, daß es so ein Projekt nicht unterstützen könne und wolle, fand sich in letzter Minute doch noch ein Exponat von einer ausländerfreundlichen Leihgeberin. Der Aufruf in allen vier Tageszeitungen blieb völlig ohne Resonanz. Die Ausstellung war durchschnittlich gut besucht. 500 Besucher sahen die Ausstellung an regulären Öffnungstagen. Bei der Eröffnung der neuen Dauerausstellung „Kulturgeschichte Villingens vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ war im Museum, d. h. auch in den Sonderausstellungen zwei Tage lang der Eintritt kostenlos. In diesem Zusammenhang kamen ca. 1200 Besucher, von denen viele auch die „Hochzeit im Maghreb“ angesehen haben. Meinungskarten, welche die Besucher ausfällten, ergaben, daß die Personen, welche die Ausstellung ansprach, bereits aufgeschlossen und tolerant sind. Überzeugungsarbeit kann daher höchstens bei den Schulklassen geleistet werden. Hier setzt allerdings der Schritt zur Verhaltens- oder Denkweisenänderung ein weiteres Abstrahieren voraus, ist also möglicherweise zu weit entfernt. Die Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Beratungszentrum für ausländische Bürger (KBZ) wurde durch diese Ausstellung intensiviert und weitere gemeinsame Projekte ins Auge gefaßt. Zukunftsträchtig wäre eventuell ein gemeinsames Museumsfest mit den ausländischen Kulturvereinen der Stadt. In einer festlich-lockeren-entspannten Atmosphäre ist die „Begegnung mit dem Fremden“ immer noch am leichtesten und intensivsten.