Die römische Gutshofanlage in Überauchen (Dr. Jutta Klug-Treppe)

Der römische Gutshof von Überauchen wurde im Jahre 1921 von P. Revellio an einem Nord-Südhang nordwestlich des Ortes entdeckt (Abb. 1). Er lokalisierte Gebäude 1 (Abb. 1 Nr. 1) und einen Teilbereich von Gebäude 3 (Abb. 1 Nr. 3). Die Fundamente von Gebäude 2 mit rechteckigem Grundriß wurden Mitte der 70-er Jahre in einem Luftbild wiederentdeckt und freigelegt (Abb. 1 Nr. 2). Seit der Ausgrabung des Badegebäudes, Gebäude 4 (Abb. 1 Nr. 4) zu Beginn der 80-er Jahre im Ortsteil „Im Brühl“, steht die Funktion von Gebäude 1 erneut zur Diskussion, da P. Revellio ursprünglich dieses Gebäude für das Badegebäude hielt.

Im Frühjahr 1994 rückte der römische Gutshof wiederum in den Mittelpunkt der archäologischen Denkmalpflege, als beim Ziehen der Was-serleitungsgräben im nördlich anschließenden Neubaugebiet „Belli“ römische Mauern zutage kamen (Abb. 1 Nr. 3), die zu Gebäude 3 gehören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg, führte in den Jahren 1994 —1995 flächige Untersuchungen durch, da die geplante Bebauung der betroffenen Grundstücke in absehbarer Zeit erfolgen sollte. Die Grabungen wurden im Sommer 1996 abgeschlossen.

Eine sich hangabwärts bewegende Schwemmschicht hatte sich schützend über die römische Ruine gelegt und sie vor weiteren Zerstörungen bewahrt. So wurden während der Freilegung der Mauerzüge und der einzelnen Raumeinheiten jegliche Vorstellungen hinsichtlich Größe und Erhaltungszustand des Gebäudes weit übertroffen.

Die Mauern waren stellenweise bis zu 1,4 m hoch und in der typischen römischen Zwei-Schalen-Technik erbaut. Der Zwischenraum zwischen den beiden Außenschalen aus sorgfältig übereinander gesetzten, grob behauenen Kalksteinquadern wurde mit Mörtel und Bruchsteinen verfüllt (Abb. 2). Die West-Ost Ausdehnung beträgt 40 m.

Abb. 2: Mauer mit Resten von Wandverputz und Bemalung

 

Der Grundriß läßt mindestens 10 Räume (Abb. 1 Nr. 3) erkennen. Im westlichen Trakt konnten die Räume über Treppenstufen betreten werden (Abb. 1 Nr. 3).

Die Räume waren mit Fußböden aus Kalkestrich ausgestattet. Die Innenseiten der Wände trugen noch Reste des flächigen Wandverputzes (Abb. 2) und der dekorativen Wandbemalung, die in den Farben rot, grün, blau und gelb aufgetragen ist. Auf unterschiedlich großen Fragmenten sind pflanzliche Motive zu erkennen (Abb. 3).

In zwei Räumen hatten sich Reste der Fußbodenheizung (hypokaustum) erhalten. Von einem Feuerungsraum im Hofareal führte durch einen Heizkanal die heiße Luft in den Hohlraum unter dem Fußboden und verteilte sich zwischen den senkrecht stehenden, grob zugehauenen Sandsteinpfeilern und den aus quadratischen Ziegelplatten gemauerten Säulchen (Abb. 4). Darauf lagen Sandsteinplatten und der Estrichboden. An den Wänden waren noch die Reste der Wandheizung in Form von Hohlziegeln sichtbar. Durch die sog. tubuli zog die heiße Luft an den Wänden hoch ins Freie.

Abb. 3: Bemalter Wandverputz

Etwa in der Mitte von Gebäude 3 liegt ein etwa 175 qm großes Hofareal mit Feuerstelle und Backofen. Darin fanden sich zahlreiche eiserne Werkzeuge, die auf handwerkliche Tätigkeiten hinweisen. Messer mit Holzgriffen (Abb. 5) und Schafscheren sowie Eisengeräte zur Behandlung von Tierhäuten und Fellen haben sich erhalten. Eine Kalkgrube in der Südostecke des Hofes diente zur Aufbereitung von Kalk, der für den Mörtel und den Wandverputz gebraucht wurde. In einem Gebäude dieser Größenordnung fielen immer wieder Reparaturen an; auch wurde nach Bedarf und Geschmack des Besitzers um- und angebaut, vergrößert und modernisiert.

Baubefunde im Hofareal deuten darauf hin, daß dieser Wirtschaftstrakt in den Randbereichen überdacht war. Eine Gesamtüberdachung war wegen des Klimas und der Witterungsverhältnisse in dieser geographischen Lage sicherlich erforderlich; doch fehlen für diese Annahme die überzeugenden archäologischen Befunde.

Im südlichen Bereich des Hofareales bildet eine an den Hang gebaute Steinmauer die nördliche Begrenzung eines Kellerabganges; der Keller konnte über diese Rampe erreicht werden.

Im östlichen Gebäudeteil liegen weitere Räume (Abb. 1 Nr. 3).

Ein vorgezogener Eckbau (Eckrisalit) befindet sich im Nordosten; daran schließt sich hangab-wärts ein überdachter Korridor (porticus) an, der oberhalb der Wegböschung endet. Ob im südlichen Trakt ein weiterer Eckrisalit liegt, wird in einer abschließenden Grabungskampagne geklärt werden. Die Porticus wird durch eine Quermauer unterteilt; der südliche Bereich ist unterkellert. Beigabenlose Gräber mit West-Ost gerichteten Körperbestattungen, die innerhalb des römischen Gebäudes und östlich der äußeren Portikusmauer angetroffen wurden, waren eine Überraschung. Erst die anthropologische Untersuchung wird nähere Erkenntnisse über das individuelle Alter und die kulturelle Zugehörigkeit bringen.

Die außergewöhnlich gut erhaltene Bausubstanz, die architektonischen Baubefunde sowie die qualitätvolle Innenausstattung der Räume kennzeichnen dieses Gebäude 3 als Wohnhaus der römischen Gutshofanlage, wofür auch die Lage sowie der Grundriß und die Ausdehnung sprechen.

Die in Gebäude 3 angetroffenen Funde geben uns Einblicke in das Alltagsleben der Menschen, die dieses Gebäude bewohnten: Das Koch- und Essgeschirr sowie das qualitätvolle römische „Meissner“, die terra Sigillata aus gebranntem Ton sind in zahlreichen Fragmenten überliefert. Haushaltsgeräte wie der bronzene Griff eines Siebes; Scherben von Trinkgläsern und Glasschalen mit Facettenschliff deuten einen gehobenen Wohlstand an.

Abb. 4: Blick von Nordwesten nach Südosten in einen Raum mit Fußbodenheizung.

 

Abb. 5: Messer aus Eisen

 

Abb. 6. Schloßblech aus Eisen

 

Vom beweglichen Mobiliar haben sich Schlüssel, Beschläge und Scharniere von Truhen und Holzkästchen erhalten; von den Holztüren eiserne Beschläge sowie Schloßbleche (Abb. 6) und Schlüssel der Schiebeschlösser (Abb. 7). Handgeschmiedete Nägel aus Eisen bilden den Hauptanteil der Eisenfunde innerhalb Gebäude 3. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch Fragmente von Fensterglas. Daß Gebäude 3 mit Ziegeln gedeckt war, belegen die zahlreichen Leistenziegel. Von der hölzernen Wasserleitung haben sich eiserne Verbindungsringe mit Holzresten, sog. Deuchelringe, erhalten (Abb. 8). Spielsteine aus Glas und Knochen zeigen, daß auch die Freizeit nicht zu kurz kam. Aus Knochen geschnitzte Haarnadeln, bronzene Fingerringe und Schreibgriffel sind persönliche Gegenstände der Bewohner dieses Gebäudes. Kunstvoll gearbeitete Bronzebeschläge von Etuis, in denen das Eßbesteck aufbewahrt wurde, liegen ebenfalls vor.

Einige Silbermünzen und das gesamte Fundinventar belegen, daß der Gutshof von Überauchen seit der zweiten Hälfte des 2. Jhs. bis zu Beginn des 3. Jhs. n. Chr. bewohnt war.

Der Gutshof von Überauchen liegt in der römischen Provinz Obergermanien, die im Zuge der römischen Eroberungspolitik in Südwestdeutschland im 1. Jh. n. Chr. ins römische Reich eingegliedert wurde. Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Infrastruktur im Hinterland des Limes war der Ausbau des Straßennetzes, auf dem nicht nur die militärischen Truppen und römische Siedler in die neue Provinz gelangten; auch die Versorgung der militärischen Einrichtungen (Kastelle) erfolgte auf diesem Weg.

Parallel dazu entwickelten sich im Umfeld von strategisch wichtigen Verkehrspunkten dorfähnliche (vici) und ländliche Ansiedlungen (villae rusticae oder Gutshöfe). In der weiteren Umgebung von Überauchen liegen die römische Stadt „Mu-nicipium Arae Flaviae“ (das heutige Rottweil), die Zivilsiedlung (vicus) „Brigobannis“ mit Kastell und Kastellbad (das heutige Hüfingen) und die inzwischen restaurierte römische Gutshofanlage von Fischbach, Gem. Niedereschach.

Die durch Lesefunde und Luftbilder lokalisierten oder durch Ausgrabungen erfaßten römischen Gutshöfe prägten das römische Siedlungsbild in der Provinz Obergermanien. Nur wenige dieser unterschiedlich strukturierten Anlagen sind vollständig archäologisch untersucht, nur wenige Steingebäude so gut erhalten wie Gebäude 3 von Überauchen. Das Spektrum erstreckt sich von einfachen Bauernhöfen bis hin zu größeren Landgütern. Sie versorgten die Bevölkerung in den Städten mit Produkten aus der Landwirtschaft und bildeten innerhalb der römischen Provinzen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor.

Zu einer römischen Gutshofanlage, die oft von einer Hofmauer umgeben war, gehören Wohngebäude, Stallungen und Scheunen sowie Handwerksbetriebe wie Töpferei und Ziegelei und das metallverarbeitende Handwerk (Bronze und Eisen). Die Acker-, Weide- und Waldflächen lagen außerhalb der Hofmauer in unmittelbarer Nähe.

 

 

Abb. 7: Eiserner Schlüssel

 

Nach einer Phase des wirtschaftlichen Wohlstandes beeinträchtigten die um 233 n. Chr. einsetzenden Alamanneneinfälle das ruhige Leben der Bewohner im Hinterland des obergermanischen Limes. Viele römische Gutshöfe wurden in dieser Zeit aufgegeben; darunter auch der römische Gutshof von Überauchen. Eine Brandschicht in Gehäude 3 von Überauchen deutet auf eine Zerstörung durch Feuer hin.

Durch seine außergewöhnlichen architektonischen Baubefunde und die qualitätvollen Raumausstattungen hob sich Gebäude 3 von den römischen Gebäuden ab, von denen sich nur noch die Fundamente erhalten hatten. Die originale Substanz der unterschiedlich hoch erhaltenen Mauern und die Baudetails wie Treppenstufen und Raumeingänge vermittelten ein eindrucksvolles Raumgefühl. Inzwischen ist der nordöstliche Gebäudetrakt einem modernen Doppelhaus gewichen.

Somit teilte auch Gebäude 3 des römischen Gutshofes von Überauchen das Schicksal vieler römischer Gebäude, die allmählich zerfielen, als Steinbruch oder als Recyclingstätte (Kalkbrennofen) benutzt oder schließlich den aktuellen Baumaßnahmen geopfert wurden.

Abbildungsnachweis

Abb. 2 —8 (Dias und Schwarz-Weiß-Fotos).

Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg.

Aufnahme: Petra Eckerle, Dr. Jutta Klug-Treppe und Clark Urbans

Gesamtplan (Abb. 1).

Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Archäologische Denkmalpflege, Außenstelle Freiburg. Stand 1995.

Abb. 8: Eiserner Deuchelring mit Resten der hölzernen Wasserleitung

 

Literaturauswahl

G. Fingerlin, Brigachtal-Überauchen. In: Die Römer in Baden-Württemberg 1986, 261-263 Abb. 103 Gebäude 1-4.

A. Harwath, Neue Ausgrabungen im Bereich des römischen Gutshofes bei Überauchen. Mitt. d. Ges. f. Altertums- und Brauchtumspflege Brigachtal 3, 1981, 22 — 24.

K. Hietkamp, Ein weiteres Gebäude des römischen, Gutshofes von Überauchen. Mitt. d. Ges. f. Altertums- und Brauchtumspflege Brigachtal 2, 1980, 17-18.

J. Klug-Treppe, Der römische Gutshof in Überauchen, Gern. Brigachtal, Schwarzwald-Baar-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1994 (1995) 176-182.

J. Klug-Treppe, Weitere Ausgrabungen im römischen Gutshof von Überauchen, Gern. Brigachtal, Schwarzwald-Baar-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1995 (1996) 194 —199 Abb. 113 —116.

P. Revellio, Römisches Gehöft bei Überauchen. Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar 15, 1924, 29-34. Fundberichte aus Baden-Württemberg 9, 1984, 671-672 Taf. 54B; 55C; 55.

Fundberichte aus Baden-Württemberg 12, 1987, 555-558 Abb. 56 und 57.