Das Heilig-Geist-Spital zu Villingen im Schwarzwald (Wolfgang Berweck)

Erinnerungen und Erkenntnisse

Zweiter Teil

Das Spital und seine Insassen

Die Fürsorge für die Armen und Kranken in der Stadt war die ursprüngliche und eigentliche Aufgabe des Spitals. In den Gründungsjahren kam es insbesondere darauf an, die wirtschaftlichen Verhältnisse des Spitals so zu stärken, daß es schließlich die Last der städtischen Fürsorge selbständig tragen konnte.

Später nahm das Spital auch solche Personen auf, die auf Fürsorgeleistungen nicht angewiesen waren, weil sie selbst vermögend waren. Diese wollten durch entsprechende Zuwendungen an Grundstücken und später auch Zahlung von Geld sich im Spital gegen alle Zufälligkeiten des Lebens sichern. Zwar hat das Spital immer auch seine fürsorgerische Aufgabe für die Armen und Kranken erfüllt, aber für die Spitalwirtschaft wurde die Aufnahme wohlhabender Pfründner von immer größerer, wirtschaftlicher Bedeutung. In anderen Orten, wie zum Beispiel in Freiburg, hat dies gar dazu geführt, daß die Spitäler in ein sogenanntes Bürgerspital und in ein Armenspital aufgeteilt wurden. So war es in Villingen nicht. Im alten Spitalgebäude — um es zu wiederholen, das heutige Alte Kaufhaus — waren alle Spitalinsassen untergebracht, allerdings in verschiedenen Räumen. Da es zunächst an solchen wohlhabenden Pfründnern fehlte, war das Spital in hohem Maße auf die Mildtätigkeit begüterter Bürger angewiesen. Diese haben dann im Glauben an die rechtfertigende Kraft von Almosen in großem Umfang zum Teil sehr reiche Schenkungen zugunsten des Spitals gemacht, die sein Vermögen bald beträchtlich anwachsen ließen. Nicht selten haben solche Stifter versucht, durch ihre Stiftung über ihren Tod hinaus den Spitalinsassen eine unmittalbare, praktische Verbesserung ihrer Lebensumstände zu verschaffen, etwa indem die Stiftung mit der Auflage versehen wurde, daß man den Stiftungsertrag für Essen und Trinken verwenden solle, und zwar solle man das kaufen, was die armen Leute im Spital an liebsten hätten.

Andere Stifter ordneten an, daß mit ihrer Stiftung die Kleidung der Spitalinsassen gewaschen werden solle. Wiederum andere bestimmten, daß ihre Stiftung nicht etwa zum Ankauf von Liegenschaften, sondern zur Zubereitung besonderer Speisen für die Spitälinge verwendet werden müßten, die von der üblichen Ernährung nicht gut leben könnten. Wieder andere Stifter verfügten, daß mit ihrer Stiftung in der unteren Stube des Spitals ein Licht zur Nachtzeit unterhalten werde.

Schon bald aber, beginnend mit einer ersten Urkunde aus dem Jahre 1316, wurde der Abschluß von Leibrenten und Pfründverträgen für das Spital eine wichtige Einnahmequelle.

Die Verträge waren sehr vielfältig ausgestaltet, etwa daß in Form eines Nießbrauches die Früchte von übereigneten Grundstücken dem Pfründner überlassen werden mußten, solange er bzw. seine Frau lebte, daß gegen Hingabe von Geld oder Grundstücken das Spital sich verpflichtete, wöchentlich einen oder mehrere Brotlaibe zu liefern. Während die Berechtigten aus solchen Verträgen in der Regel nur eine lockere Bindung zum Spital eingingen, war dies bei den eigentlichen Pfründnern ganz anders. Diese unterlagen einer recht straff gehandhabten Anstaltsordnung, von der Ausnahme und individuelle Sonderbehandlung zwar möglich, aber nur gegen entsprechende Bezahlung zugestanden wurden. Leider sind von diesen Pfründverträgen nur noch eine verhältnismäßig geringe Anzahl bei den Spitalurkunden vorhanden. Ich nehme an, daß sie beim Tod des Pfründners aussortiert wurden. Wenn Verträge in einem Urbar — und hier ist eines von 1379 von besonderer Bedeutung — zitiert sind, fanden sich die entsprechenden Vereinbarungen durchgestrichen und mit dem Vermerk „ist todt“ versehen. Nur wichtige Pfründverträge oder solche, die vielleicht als Muster dienten, wurden länger aufbewahrt, so zum Beispiel der für den Erwerb des später „Spitalhof“ genannten Nußbacherhofes.

Nachstehend sei ein kurzer Überblick über die Vielfalt der möglichen Verträge gegeben.

Von besonderer Bedeutung war, in welcher Abteilung des Spitals der Pfründner aufgenommen wurde. Ich habe oben schon erwähnt, daß es in Villingen nicht zu einer Aufteilung des Spitals in ein Bürger- und ein Armenspital kam. Das Heilig-Geist-Spital in Villingen war vielmehr immer eine geschlossene Einheit, wenn man davon absieht, daß in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts auch das Leprosorium der Siechen am Feld von den Spitalpflegern mitverwaltet und vom Spitalkaplan seelsorgerlich betreut wurde.

Wenn man also reiche Pfründner zum Eintritt ins Spital veranlassen wollte, dann verlangten diese üblicherweise, daß sie von den Armen und Kranken, also den üblichen Spitalinsassen, getrennt untergebracht wurden. Andererseits mußte das Spital daran interessiert sein, auch reiche Pfründner zum Eintritt ins Spital zu veranlassen, weil die Pfründverträge ganz überwiegend einen wirtschaftlichen Gewinn für das Spital bedeuteten. Man richtete deshalb zu diesem Zweck zwei —“Stuben“ genannte — Abteilungen im Spital ein. Die „obere Stube“ war die bessere Klasse im Spital, während die Armen in der „unteren Stube“ Aufnahme fanden. Bei diesen Stuben handelte es sich übrigens nicht, wie man meinen könnte, um zwei Gemeinschaftsräume, sondern man benannte die in zwei verschiedenen Gebäudeteilen des Spitals gelegenen Räumlichkeiten mit dieser Sammelbezeichnung. Die „Stuben“ bestanden also aus Gemeinschaftsräumen und einzelnen „Gemechten“.

Aber nicht jeder, der sich eine Pfründe kaufen wollte, war imstande, den beträchtlichen Preis einer Pfründe in der oberen Stube zu bezahlen. Es wurden deshalb auch Pfründen in der unteren Stube gekauft. Doch beschafften sich diese Pfründner häufig gewisse Vergünstigungen gegenüber den Armen in der unteren Stube, etwa Befreiung von der allgemeinen Arbeitspflicht, bessere Verpflegung oder eine Weinration, die derjenigen in der oberen Stube entsprach. So wurde beispielsweise vereinbart, daß ein Ehepaar zwar bereit war, in dem Spital und seinen landwirtschaftlichen Betrieben zu arbeiten, aber nur um eine angemessene Belohnung, und daß sie dann, wenn sie krankheits- oder altershalber nicht mehr arbeiten könnten, ihnen die Pfründe gleichwohl zustehen solle. Die Mehrzahl der Pfründverträge betrifft aber, um es zu wiederholen, den Kauf einer Pfründe in der sogenannten „oberen Stube“. Es gab übrigens keine Einheitspreise, sondern der Preis der Pfründe hing zum einen von der Gegenleistung des Spitals ab, aber auch vom Vermögen, Alter und Stand desjenigen, der sie begehrte. Die Zahlungsweise war verschiedenartig geregelt. Es gibt Verträge, in denen der Pfründner den Pfründpreis im voraus auf einmal entrichtet, andere zahlen eine größere Summe an und entrichten für jedes Jahr, in dem sie die Pfründe genießen, Teilbeträge, verbunden mit dem Risiko, daß, wenn die Pfründe einmal nicht bezahlt wurde, der Pfründner das Spital verlassen mußte. Manchmal findet sich in den Pfründverträgen auch die Bestimmung, daß der Pfründner verpflichtet wird, Gegenstände des persönlichen Gebrauchs ins Spital einzubringen, etwa Bett, Geschirr, Hausrat, was andererseits bedeutete, daß diese Gegenstände bei seinem Tod in das Eigentum des Spitals übergingen.

Welches waren nun die Formen individueller Behandlung?

Neben einer Wohnung in einer der beiden Stuben, wobei übrigens beide Stuben in eine vordere und hintere Stube aufgeteilt waren, umfaßte die Pfründe gewöhnlich „essen und trincken, haes und schu“. Es gab keine einheitliche Anstaltskleidung. Die Verpflegung war im großen und ganzen einheitlich. Es gab aber Sonderabreden, etwa die Pfründe wurde ohne Wein und Brot gewährt, das heißt, der Pfründner mußte sich das selbst beschaffen. Es gab auch die Möglichkeit, aus der unteren Stube in die obere Stube zu wechseln oder daß an vier Tagen in der Woche ein Stück Fleisch ausbedungen wurde, ein Maß Wein an einem oder mehreren Tagen in der Woche oder täglich eine Schüssel Milch, usw. In einem Pfründvertrag ist das Spektrum individueller Behandlung wie folgt aufgezählt:

„Er sol ouch die pfründt haben in der oberen stuben als ieder pfründner, wan usgenommen, das man ime alle tage ain wisbrot zu siner pfrünt geben sol. Man sol im ouch geben schuch zu siner notdurft, und wenne er sich selber nüt me mag, so sol man ime ain jungfrowen zuo geben, die sin pflege und ime tüge, des er bedarf, mit guoter pflegn ist. “

Von besonderer Wichtigkeit war das Anfallsrecht des Spitals, das heißt, das Spital nahm das Recht auf den Nachlaß eines in seinen Mauern verstorbenen Pfleglings wahr. Davon steht zwar nichts in den Spitalordnungen und doch manches in noch erhalten gebliebenen Urkunden, wobei im übrigen die Einnahmen des Spitals aus dem Nachlaß verstorbener Insassen nicht unbeträchtlich war. Deshalb beschränkten manche Pfründner dieses Anfallsrecht des Spitals beispielsweise auf zwei zinnerne Teller, eine zinnerne Kanne, Kleider, oder ein aufgemachtes Bett, aber beispielsweise nicht auf das vorhandene Barvermögen. Möglich war es auch, Pfründverträge zugunsten Dritter abzuschließen, etwa von Ehemännern zu Gunsten ihrer üblicherweise überlebenden Ehefrauen oder von Vormündern elternloser Kinder für ihre Mündel. Die Verwandten Geisteskranker entledigten sich ihrer Pflicht zu Pflege und Unterhalt durch den Kauf einer Pfründe für den Kranken. Damit sind wir bei den Sonderpfründverträgen, die beispielsweise für die Schmiedknechts-Bruder-schaft oder für die Bruderschaft der Schuhma-chergesellen mit dem Spital abgeschlossen worden sind. Ein Dekret der badischen Landesregierung hat übrigens noch im Jahre 1855 die Ansprüche der Zünfte aus diesen Verträgen gegen das Spital bestätigt, selbst wenn die Bruderschaften inzwischen eingegangen seien.

Wie sahen nun solche Verträge aus?

Eine Sonderstellung unter den Pfründverträgen nahm der Hauptbrief über die Pfründe der Schmiedknechts-Bruderschaft ein. Der sonst geltende Grundsatz der Höchstpersönlichkeit der Pfründe wurde zwar nicht völlig aufgegeben, aber doch so erweitert, daß alle Mitglieder der Bruderschaft, deren Bestand ja ständig wechselte, aus dem Pfründvertrag berechtigt sein sollten. Auch bezweckte der Vertrag nicht die Alterssicherung der Brüder, sondern deren Pflege im Spital im Krankheitsfalle.

Die unten mitgeteilten wesentlichen Bestimmungen des Vertrages zeigen, daß es sich dabei um einen Vorläufer dessen handelt, was man heute einen Krankenversicherungsvertrag nennen würde, den die „gesetzten vettern der Schmied- und Kesslerknechte“ und die „Väter“ der Bruderschaft schon 1533 mit den Spitalpflegern schlossen.

Gegen Zahlung von 100 Pfd. Haller gemeiner Vill. Währung verpflichtete sich das Spital gegenüber der Bruderschaft zu folgenden Leistungen:

Wenn ein Schmied- oder Kesslerknecht krank wird, so nehmen ihn die Spitalpfleger ins Spital auf, und zwar in die obere Stube in ein besonderes Zimmer. Dort soll der Kranke vom Spital wie ein gewöhnlicher Pfründner verpflegt und von einer Magd bis zur Genesung betreut werden.

Ist der Knecht nach zwei Monaten noch nicht gesund, wird er in die untere Stube verbracht. Dort darf er bleiben, bis er entweder genesen ist oder bis er stirbt.

Stirbt ein Mitglied im Spital, dann soll der Nachlaß des Pfleglings nicht dem Spital anfallen, sondern an das Licht der Bruderschaft. Für das Begräbnis hat die Bruderschaft zu sorgen. Sie muß den Verstorbenen „zu der geweihten erd, ouch mit begrept, sybendt und dreissigst, wie sich das nach christlicher Kirchenordnung gezimpt und gepürt“ bestatten, „on des Spitals costen und schaden“. Nur wer schon vor dem Krankheitsfall Mitglied der Bruderschaft war, darf diese Rechte beanspruchen, denn der Knecht soll „anfangs in die Bruderschaft und an das Licht ein Plaphart (Pfennig) einzuschreiben geben und der Bruderschaft dienen“.

Kranke Schmied- und Kesslerknechte müssen von den Mitgliedern der Bruderschaft ins Spital gebracht werden. Von der Aufnahme sind jedoch solche Mitglieder ausgeschlossen, die sich Verletzungen bei Rauhändeln zugezogen haben oder mit den „bösen Blattern“ behaftet sind.

Auch Waffenschmiedknechte können aufgrund des Pfründbriefs verlangen, daß sie ins Spital aufgenommen werden, wenn sie Mitglied der Bruderschaft sind. Wer in der Bruderschaft nicht dient, dem sind die Pfleger zu nichts verpflichtet. Wer sich dann noch über eine in der deutschen Spitalgeschichte wohl einmalige Erscheinung unterrichten möchte, nämlich über den sogenannten „Fürstenberg-Pfründner“, möge sich auf meine Dissertation verweisen lassen, wo auf Seite 58 zu dieser erstaunlichen Pfründe einiges ausgeführt ist.

Was nun die Wirtschaft des Spitals betrifft, so gibt darüber ein Urbar, schon im Jahre 1379 verfaßt, uns aus verhältnismäßig früher Zeit Aufschluß über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Spitals. Das gilt uneingeschränkt allerdings nur für den vom Spital als Lehen vergebenen Besitz. Auf die Eigenwirtschaft des Spitals ist in diesem Urbarbuch nur vereinzelt und beiläufig hingewiesen. Immerhin war es möglich, den Umfang der Besitzungen des Spitals außerhalb Villingens festzustellen. Von den Grundstücken um die Stadt sind die verliehenen nachweisbar. Die Aufzählung der Häuser des Spitals und seiner Gärten innerhalb des Mauerrings oder mittelbar davor ist vollzählig. Dazu muß man wissen, daß das Spital wie jeder Großgrundbesitzer jener Zeit die Masse seines Besitztums verliehen hatte. Nur auf diese Weise war eine vorteilhafte Nutzung der in weitem Umkreis verstreut liegenden Höfe und Güter möglich. Ich erspare es mir, hier diese umfangreichen Besitzungen aufzuführen. Wer sich dafür interessiert, kann dies wiederum in meiner Dissertation nachlesen.

Ich habe dort sämtliche Grundstücke außerhalb Villingens erfaßt, aber auch die von den Gütern, Mühlen und Badstuben in Villingen selbst vereinbarten Grundzinsen. Vermerkt habe ich ferner, welche Grundstücke innerhalb der Stadt oder unmittelbar vor dem Mauerring, also Gärten und Häuser, dem Spital gehörten. Die Aufzählung dürfte vollständig sein und umfaßt auch diejenigen Grundstücke, die vom Spital nicht verliehen sind, denn auch das Spitalgebäude und seine Scheuern sind mitgenannt.

Schwieriger zu beantworten ist nach wie vor die Frage, ob das Spital wirklicher Eigentümer der genannten Häuser war oder ob ihm nur eine Gülte daran zustand. Wäre das Spital Eigentümer gewesen, so hätte ihm annähernd ein Achtel der in der Stadt befindlichen Häuser und ein Drittel der Gärten in der Stadt gehört. Zwar kann es beim Spitalgebäude selber oder bei den bebauten Grundstücken, deren Kauf- oder Stiftungsurkunde erhalten geblieben sind, keinen Zweifel daran geben, daß sie Eigentum des Spitals waren. Auch findet sich gelegentlich der Hinweis, daß ein Haus nur zur Hälfte dem Spital gehöre oder daß es ein Erblehen oder daß es mit Auflagen zugunsten der Siechen im Spital oder des Kaplans belastet sei oder daß ein Teil der Gülte den Siechen am Feld gehöre. Doch findet sich bei der Mehrzahl der im Urbar genannten Häuser kein solcher Vermerk. Hier könnte ein Vergleich der Urkunden im Stadt- und Pfründarchiv, soweit sie inzwischen erschlossen sind, weiterhelfen.

Zum Schluß mag noch ein Auszug aus der Ordnung des Heilig-Geist-Spitals vom 12. Februar 1502, wie sie auch noch 1660 und später 1740 neu gefaßt wurde, verdeutlichen, von welch — um es zu wiederholen — unvorstellbarer Kontinuität das Leben im Spital, aber sicherlich auch das Leben allgemein in unserer Stadt, geprägt war.

Soweit Sie, verehrter Leser, Probleme haben sollten, den Text zu verstehen, empfehle ich Ihnen, ihn laut vor sich hin zu lesen. Die mit dem alemannischen Dialekt Vertrauten werden dann unschwer das zunächst lesend nicht Verstandene hörend verstehen.