Villinger Sagen und Legenden (Bearbeitet von Werner Huger)

Fortsetzungsreihe 1

Herausgegeben wurden die Texte vom verstorbenen und ersten Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Hans Brüstle, Verlag Rombach &- Co GmbH, Freiburg i. Br., 1977, unter dem Titel: Das wilde Heer — Die Sagen Baden-Württembergs. Das Buch ist vergriffen.

Heu und Häckerling in Geld verwandelt

Eines Abends sah ein Mann, der mit einem leeren Sack in die Mühle wollte, am Warenberg bei Villingen Heu und Häckerling liegen. In der Meinung, es habe da jemand Vieh gefüttert, füllte er den Fund in den Sack, der davon ganz voll wurde. Nachdem der Mann ihn eine Strecke weit getragen hatte, läutete die Betglocke, und alsbald wurde der Sack so schwer, daß er ihn abwerfen mußte. Da klingelte es wie von Geld. Er öffnete den Sack und fand ihn, statt mit Heu und Stroh, mit blanken Silbermünzen gefüllt.

Rettung aus Wassernot

An die sogenannte Schwedenbelagerung der Stadt Villingen im Jahre 1634 knüpft sich folgende Sage: Mit Hilfe der Brigachschleusen setzten die Schweden die Straßen unter Wasser, das mit der Zeit langsam anstieg. Der Plan, die Stadt zu überschwemmen, sollte aber nicht gelingen, denn die List eines Raubmörders von der Burg Salvest verhinderte es. Der zum Tode Verurteilte verlangte, als das Wasser höher und höher stieg, vor den Stadtrat geführt zu werden. Er gab dort an, Villingen vom Untergang retten zu können, wenn man ihm die Freiheit schenke. Das wurde ihm versprochen. Da fuhr er in einem Nachen, in dem er zwei Fässer stehen hatte, den Schleusen zu, wo die Vorposten der Schweden standen. In dem einen Fäßchen befand sich Branntwein. Daraus gab er den Soldaten zu trinken, bis sie einen Rausch bekamen und herumlagen. Dann öffnete er das andere Faß, das mit Quecksilber gefüllt war. Infolge seiner Schwere drang das Quecksilber durch die aus Erde und Holz bestehenden Schleusen und schuf dem Wasser einen Abfluß. Villingen war gerettet. Die Schweden zogen ab, dem Verbrecher aber schenkte man die Freiheit und eine Summe Geldes.

Zum Thema Wasserbelagerung 1643 hat das Ehrenmitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Hermann Preiser, wissenschaftliche Untersuchungen angestellt. Sie liefern den Beweis, daß das Unternehmen der mit den Schweden verbündeten Württemberger mangels ausreichenden Wasserzu-flußes der Brigach während der betreffenden Jahreszeit und der Dauer der Belagerung von vorneherein zum Scheitern verurteilt war. Vgl. hierzu Hermann Preiser, in: Jahresheft H 1975, des Geschichts- und Heimatvereins, Seite 22 ff.

Das Nägelinskreuz bewirkt ein Wunder

Als im Schwedenkrieg anno 1633 die Württemberger Villingen angriffen, wurde die Bickenkapelle zerstört, das Nägelinskreuz aber rettete man in die Stadt. Und das war gut so, denn schon wenige Monate später kamen die Schweden selbst vor Villingen, um die Stadt zu beschießen. Die Ringmauern waren schon ein ganzes Stück weit niedergelegt, und die Feinde hätten leicht hier durchbrechen können, wenn nicht schleunigst die Lücken mit Palisaden und mit Bäumen ausgefüllt worden wären. Die Gefahr war aber immer noch sehr groß, denn es wurden bereits Feuerkugeln in die Stadt geschossen, und alsbald brach Feuer aus, das nur mühsam durch feuchte Tierhäute gelöscht werden konnte. In dieser Not trug man das Nägelinskreuz täglich in der Stadt umher. Als aber der Sturm am heftigsten war, brachte ein Franziska-nerpater das Nägelinskreuz auf den Rietturm, steckte es auf einen Schanzkorb, gerade dem Feind entgegen. Da flog eine glühende Kugel aus dem Lager der Feinde auf das Kreuz zu, prallte ab, flog ins feindliche Lager zurück und zündete einige Tonnen Pulver an, wodurch die Feinde großen Schaden erlitten. Am 5. Tag im Wonnemond wurde dann die Belagerung aufgehoben.

Über den Ursprung des wundertätigen Nägelinkreuzes berichtet in einer Legende vor allem der Villinger Stadtpfarrer Johann Jakob Riegger in seinem sogenannten Nägelinsbüchlein, gedruckt 1735 zu Rottweil.

Eine breiter angelegte Schilderung findet sich bei August Baumhauer, Villingen, „Das Villinger Nägelinskreuz Verlag unbekannt, erschienen etwa in den 1930er Jahren. Das Kreuz mit der Holzskulptur des leidenden Heilands befand sich ursprünglich in der Bickenkapelle, wo es während des Zweiten Weltkriegs geborgen wurde. Die Kapelle wurde am 20. Februar 1945 durch einen Bombenvolltreffer zerstört. (Seit 1. Mai 1976 befindet sich dort eine Gedenkstätte mit einem mächtigen Steinkreuz, nahe der Straße nach Schwenningen und bei den Bahngleisen.)

Das Nägelinkreuz befindet sich heute in der Andachtskapelle des nördlichen Münsterturms.

Pater Ungelehrt

Johann Ludwig Ungelehrt, aus Pfullendorf stammend, hatte im Dreißigjährigen Krieg als Franzis-kanerpater in Villingen gelebt. Von ihm wird folgende Geschichte erzählt:

Der Pater, nicht nur in der Theologie, sondern auch in anderen Wissenschaften, besonders in der Physik und Magie wohl bewandert, hatte sich ein künstliches Pferdchen gebaut, das in allem einem wirklichen Pferde glich, nur Hafer fressen konnte es nicht. Ein Jude, der an dem Kunstwerk Gefallen gefunden hatte, überredete den Pater, ihm das Pferdchen gegen gutes Geld zu verkaufen. Dieser überließ dem Juden das Pferd unter der Bedingung, daß er mit dem Pferd nicht durch einen Bach oder Fluß reiten dürfe. Als der Jude nun zur Stadt hinausritt und ins Bregtal kam, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, auf seinem künstlichen Tier durch die Breg zu reiten, um die Wirkung des Wassers auf das Pferd zu beobachten. Allein, wer beschreibt sein Erschrecken, als das Pferd in der Mitte des Flusses plötzlich unter ihm verschwand und er sich auf einem Büschel Stroh sitzen sah, das mit ihm gemächlich talabwärts schwamm. Der Jude rettete sich ans Ufer und eilte voller Zorn in das Franziskanerkloster zurück, um den Pater zur Rede zu stellen und sein Geld zurückzufordern. Pater Ungelehrt, der das alles wohl vorausgesehen hatte, lag in seiner Zelle im Bett und stellte sich schlafend, während er einen Fuß unter der Decke hervorstreckte. Der Jude versuchte den Pater zu wecken. Als ihm das nicht gelang, packte er den herausgestreckten Fuß und zog aus Leibeskräften daran. Da blieb ihm der Fuß in den Händen hängen. Von Entsetzen gepackt, ließ er ihn fallen und rannte davon, ohne jemals wiederzukehren.