Aus den Memoiren von Ober-Postinspektor Joseph Stadler (1870 – 1932)

Jugendzeit, Schule, Berufswahl und Berufsausbildung Ende des 19. Jahrhunderts

Schon als kleines Kind ließ mich der Großvater auf den Kühen reiten; ich durfte die Tiere streicheln und verlor so die Scheu vor ihnen schon sehr früh. Ich wurde oft ins Feld mitgenommen und durfte dort spielen. Ich suchte dann Blumen, fing Fliegen, Bienen, Hummeln, Mäuse und interessierte mich auch für Obst, z. B. Kirschen u. s. w. Mein vogelkundiger Vater lenkte meine Aufmerksamkeit schon frühzeitig auf den Gesang der Vögel, die er alle an ihrem Singen kannte. Er prophezeite sogar aus dem Gesange der Vögel das Wetter. So lehrte er mich, daß es Regen gäbe, wenn die Finken so wehmütig ihr „Schüt“ „Schüt“ riefen. Er sagte, wenn die Schwalben niedrig flögen, so komme es auch zum regnen. Leider hatte ich wenig Interesse an den Vögeln; meine Liebhaberei war die Botanik, zu der ich seither die Neigung nicht verloren habe.

Später, als ich selbst mitarbeiten mußte, fühlte ich mich nicht mehr so mollig, denn das Arbeiten im Felde bekam mir nicht gut; ich vertrug die Hitze schlecht und beim Heurechen wurde ich jeweils unwohl und mußte mich erbrechen. Anscheinend erzeugte der starke Geruch des Heus diese Magenverstimmung, die sofort nachließ, wenn ich das Rechen einstellte. Ich hatte eben von Jugend an überfeine, empfindliche Nerven, die die harte, landwirtschaftliche Arbeit nicht ertrugen. Ich bekam auch stets arg Herzklopfen, besonders beim Mähen und schlief regelmäßig nach den Arbeiten in der heißen Ernte schlecht. Mir träumte dann immer, ich habe Frösche, Mäuse und Käfer im Bette und dieses Gefühl erzeugte dann unruhige, erschöpfende Träume.

Trotz dieser ungünstigen, gesundheitlichen Einwirkung mußte ich im Felde viel mithelfen und wurde nicht geschont. In den Ferien war Tag für Tag die Feldarbeit mein Los; mein Vater duldete nicht, daß ich in den Schulferien herumlungerte. Drum hatte ich eigentlich an diesen Ferien wenig Freude, weil sie mir keine Erholung brachten, wie meinen Kameraden, deren Eltern kein Feld hatten. Wie oft habe ich doch diese Glücklichen beneidet, um ihre schönen Ferien.

Natürlich litten auch die Kleider durch die Arbeiten im Stalle und im Felde. Ich kam nie so sauber daher, wie meine Kameraden und meine Kleider hatten Stallgeruch, was manche Kameraden nicht ertragen konnten und nicht neben mich in der Schule sitzen wollten. So war mir die Landwirtschaft entsetzlich verleidet und ich suchte mich zu drücken, so oft ich konnte.

Ich hatte stets ein großes Verlangen, zu reiten. Alle Fuhrleute in der Stadt bat ich als Bube, mich doch einmal reiten zu lassen. Auch meinen Paten Ferdinand Ummenhofer bat ich oft darum. Einigemale willfahrtete er mir und ich war stolzer als ein König, wenn ich auf seinen kleinen zierlichen Pferden saß. Meine Sehnsucht, zu reiten, wäre mir einmal bald sehr schlecht bekommen. Ich schaute den Fohlen auf der Weide zu und bestieg ein solches fast ausgewachsenes Tier kurzer Hand von der Barriere aus. Das muntere Tier hatte indessen wenig Verständnis für meine Reitlust; es bäumte sich hinten und vornen, schlug wütend aus und ich konnte mich nur durch einen tollkühnen Sprung retten. Ich fiel dabei so unsanft auf den Boden, daß mir Hören und Sehen verging und damit auch endgültig die Lust zum Reiten.

Neben den Schulstunden in der Volkschule mußte ich mit meinen Eltern ins Feld. Da ich diese Arbeiten schlecht vertrug, suchte ich mich oft zu drücken.

Desto eifriger war ich auf der Straße beim Spielen. Wir spielten Räuber und Zollgardisten, wobei es darauf ankam, möglichst rasch einen gewissen Platz oder eine Straßenecke zu erreichen. Da lernten wir rennen. Vielmal spielten wir auch Soldaten mit Holzsäbeln und Gewehren. Natürlich wollte keiner Gemeiner sein. Gern gingen wir auch auf die Speicher der Häuser und riefen nun von oben den Passanten Spitznamen herunter.

Ich hatte eine große Fertigkeit im Stelzenlaufen. Meine letzten Stelzen waren so hoch, daß ich den Leuten in das erste Stockwerk hineinsehen konnte. Am meisten zog uns die Brigach an, die bis 1875 noch nicht kanalisiert war und recht viele tiefe Stellen hatte. Da wimmelte es von großen Fischen und Hechten. Schon mein Großvater, der Polizeibaltes war ein guter Fischer gewesen. Mein Vater erzählte mir, daß der Baltes einmal in einem Gumpen einen Hecht gefangen und herausgeworfen habe, den die Buben fast nicht überwältigen konnten, so groß war er. Wie oft schaute ich mit Gruseln in die tiefen Gumpen und schaute die großen Weißfische an. Natürlich war ich darauf bedacht, solche Tiere zu fangen und der Mutter zum Braten heimzubringen. Einmal gelang mir dies. Es war Laichzeit und im Brigachkanal trieben sich Weißfische massenhaft herum in ganz seichtem Wasser. Kurz entschlossen warf ich mit einem Backstein hinein und hatte einen mehrpfündigen Fisch betäubt. Ein Sprung ins Wasser zu dem Fisch war das Werk eines Augenblickes. Dann nahm ich das zappelnde Tier unter meinen Kittel und rannte vergnügt zu Muttern, um die Beute abzugeben. Sie briet dann den Fisch und der Vater holte einen Magenkatarrh dabei, der ihn für einige Zeit bettlägerig machte.

Im Jahre 1876 wurde dann die Brigach kanalisiert und tausende von Fischen gingen zu Grunde, weil sie aus den Gumpen nicht hervorzubringen waren. Die Arbeiten wurden von Italienern ausgeführt und wir Kinder schauten diesen aufgeregten Südländern zu.

Im Winter ging ich mit einer großen Axt bewaffnet auf das Brigacheis und hieb Schollen heraus, auf denen wir Schiff fuhren. Natürlich brachte ich jeden Abend nasse Schuhe und Füße heim zum großen Ärger meiner Mutter. Sie schimpfte immer fürchterlich und warnte mich vor Erkältung. Es half aber nichts, ich wußte mich immer wieder fortzuschleichen und holte oft Kehlkopfkatarrh, Schafhusten, der aber rasch wieder verging. Wenn ich Husten hatte, legte ich mir nachts den linken Strumpf um den Hals, ein altes Hausmittel, das prompt wirkte.

Am meisten hatten wir Buben Freude, wenn die Brigach Hochwasser mit sich führte. Da der wütende Fluß dann die Ufer oben im Tal überschritten hatte, brachte er immer Holz mit, das wir begierig auffischten und nach Hause schleppten. Manches Brett, manchen Flöckling habe ich so ergattert.

Im Schlittschuhfahren war ich ebenfalls ein Meister, besonders konnte ich gut rückwärtsfahren. Die Schlittschuhbahn auf dem Weiher am ober-ren Wasser bot reichlich Platz zum Üben. Im Kurvenfahren leistete ich nichts, ich fürchtete für meine Knochen.

Im Herbste ging ich zum Ährenlesen, wenn wir im Felde gerade nichts zu tun hatten. Dann gings in die Haselnüsse. Ich bestieg die Haselnußhecken am Schwalbenhag und am Marbacherwäldchen wie die Bäume und brachte ganze Säcke voll Nüsse heim, die uns den ganzen Winter mundeten. Auch die herben Holzbirnen meiner Heimat wurden gesammelt, ins Heu gelegt und dann gar gegessen. Die Buben vom Bodensee würden solches Zeug ausspucken. Das Obst an den Bäumen holten wir meistens schon unreif. In den Feldern stahlen wir Gelb- und Weißrüben, Erbsen. Besonders hatte ich es auf die Kirschen abgesehen. Ich bin ganze Sonntagnachmittage auf den Kirschbäumen auf der Altstadtsteige gesessen wie ein Affe und habe mich übervoll gegessen von den süßen Früchten. Wir aßen die mit den Steinen, damit man eher satt wurde. Blinddarmentzündung bekam keiner, dagegen Verstopfung.

Den ganzen Sommer war ich barfuß; wie oft habe ich Wunden gehabt von Glasscherben, Nägeln u. s.w. Sie wurden nie verbunden und heilten von selbst. Unterhosen, Unterleible und Überzieher waren mir unbekannte Dinge. Den ersten Überzieher mußte ich mir anschaffen als Postgehilfe in Vöhrenbach.

Im Frühjahr brannten wir die Raine an und freuten uns göttlich, wenn die Hecken lichterloh brannten. Daran, daß die armen Vögel dabei um ihre Nester kamen, dachten wir unüberlegte Buben nicht. Wenn’s nur recht brannte!

In meiner Jugendzeit wurde der nördliche Turm des Münsters umgebaut. Da war ich manchen Nachmittag oben auf dem Turm und übte mich im Klettern auf schwierigen Stellen. Einmal rutschte ein Brett unter mir und ich wäre beinahe in die Tiefe gefallen.

Auf den Wiesen übten wir uns im Spechten. Bei diesem Spiel wurden spitzige Pfähle in den Boden geworfen und der Gegner suchte nun diese Pfähle dadurch aus dem Boden herauszubringen, daß er seinen Pfahl dicht daneben in den Boden warf.

Im Frühjahr gingen wir in die Wiesen und holten den ersten Sauerampfer und Bocksbart. Wir aßen dieses Grünfutter wie die Wiederkäuer. Ich wundere mich noch heute, daß keines erkrankte. In den Wäldern machten wir Feuerle und schossen aus hohlen Schlüsseln. Der Schlosserkarle brachte ab und zu eine Feuersteinflinte mit, aus der wir große Bleikugeln schossen. Diese prallten oft an den Bäumen ab und fuhren uns um die Ohren herum. Wenn einer getroffen worden wäre, wäre er schwer verletzt worden.

Im Monat Mai fingen wir die Maikäfer und hielten sie in Zigarrenkistchen. Im Juni taten wir das gleiche mit den Heuschrecken. Schließlich gaben wir diese Insekten den Hühnern.

Ein beliebtes Spiel war auch das Reif schlagen. Auf den Trottoirs spielten wir mit Kügeles und Bohnen. Andere ließen ihre Tanzknöpfe springen, die man schon um 5 Pfennig erhielt. Ich hatte eine Schleuder aus Gummi, mit der ich Spatzen schoß. Manchmal ging auch ein Schuß fehl und traf eine Fensterscheibe, die dann die Mutter bezahlen durfte.

Zu Hause spielten wir Karten, Schwarzpeterles, Sechsundsechzig und Roa. Mit meinem Vater zog ich gern die Neune, wurde aber von ihm stets eingeschlossen. Er war ein Meister in diesem Spiel. Auf dem Speicher warf ich den Heulicher in die Balken mit der Sicherheit eines Indianers.

So verging die Zeit der Volkschule nur zu rasch und als ich die Mittelschule betreten hatte, wurde die freie Zeit mehr und mehr beschnitten.

Am meisten vermißte ich Geschwister. Wie oft habe ich doch die Hebammen gebeten, mir ein Brüderlein oder ein Schwesterlein zu bringen. Mein Wunsch wurde nie erfüllt zu meinem größten Leidwesen. Es ist überhaupt ein eigenes Gefühl, wenn man keine Geschwister hat. Man wird Egoist und verhätschelt.

Bei Beginn der großen Ferien — Sommer 1880 —nahm ich Abschied von der Volkschule. Die Beziehungen zu den Volkschul-Kameraden wurden dann im Laufe der Jahre kühler, weil die Mittelschüler und die Volkschüler an sich nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Wir Mittelschüler wurden nur die „Darrenbuben“ genannt. Dieses Wort scheint aus „D. Herren buben“ entstanden zu sein. Oft gab es Händel, die auf der Straße ausgetragen wurden. Ferner wuchs bei uns Pennälern der Hochmut auf unsere höhere Bildung; wir blickten auf die Volkschüler herab, was diese ärgerte.

Das Schuljahr 1883 — 1884 brachte im Lehrkörper viele Veränderungen. Zunächst erhielt Professor Roder am 1. März 1883 einen Urlaub um das Stadtarchiv zu ordnen. Dieser vorzügliche Lehrer, den wir in der Obertertia wieder bekamen, gab uns Deutsch und Latein. Er war streng und gerecht.

Er ließ auch uns ärmeren Buben Gerechtigkeit widerfahren. Bei ihm ging es im Unterricht nicht so schneidig her. Er war viel in Gedanken über seine Geschichtsstudien versunken und drückte ein Auge zu, wenn wir auch Allotria trieben. Nur wenn es zu bunt wurde, so rief er einem mit dem Wort „Stadler“ zur Ordnung. Wenn dies in einer Stunde dreimal passierte, so gabs eine Stunde Arrest und zwar von 12 — 1 Uhr. Meistens dachte aber der zerstreute Roder nicht mehr daran und der Schuldiener Pulsaterle ließ einem dann laufen. Wenn ein Schüler eine Frage nicht beantwortete, so sprach der Roder salbungsvoll: „Setze Dich auf die Höslein“ oder „sedeas“! Sonst war er gut zu uns und streichelte uns ab und zu die Wangen.

Roder war Junggeselle und eigentlich mehr Historiker als Lehrer. Es war eine Freude, seinen Vorträgen in der Geschichte zuzuhören. Mir war er stets zugetan und ich arbeitete auf seine Stunden immer gewissenhaft. Das hat er mir nie vergessen. Noch später schrieb er mir ab und zu, wenn ich befördert wurde. Ich traf ihn wiederholt in Konstanz, wo er dann stets längere Zeit mit mir sprach. Im Jahre 1916 schenkte er mir einen Sonderabdruck des Bauernkriegs im Schwarzwalde mit einer handschriftlichen Widmung. Er starb 1921 hochbetagt in Überlingen.

Am 11. September 1883 wurde von Pforzheim Professor Unser an die Anstalt versetzt. Wir hatten ihn als Nachfolger Roders in Latein und Deutsch. Er war ein schwarzer, hagerer, bärtiger Mann mit schwarzen stechenden Augen und einem goldenen Zwicker. Sein ganzes Gesicht war ein Ausschlag, so daß einem manchmal der Ekel kam.

Am Schlusse der Untertertia war ich der 6. Schüler. Trotzdem drohte uns der Unser, wir müßten bei Eintritt in die Obertertia noch ein Examen im Lateinischen machen, denn unsere Kenntnisse in dieser Sprache seien noch ungenügend, obwohl er uns im Zeugnis „genügend“ gegeben hatte. Das ärgerte mich derart, daß ich die Schule verließ und im November 1884 zu Metzgermeister Albert Fischer in der Brunnengasse in die Lehre trat (heute Brunnenstraße 13, Metzgerei Bächle).

Meine Patin Hämmerle hatte die Sache vermittelt. Der Metzgermeister Fischer hatte sein Geschäft gegenüber dem Schlossermeister Hämmerle, auch war die Patin Hämmerle täglich im Fischerschen Hause. Ferner war der Vater meines Lehrmeisters, Metzger Severin Fischer, der damals noch am Leben war, ein Freund des Baptist Zeller, des Stiefsohns meines Großvaters Josef Zeller gewesen. Ich war der erste und letzte Lehrbub meines Meisters, der kurz vor meinem Eintritt das Geschäft vom alten Severin übernommen und sich verheiratet hatte. Albert Fischer war alles nur kein Lehrmeister, dazu fehlte ihm die Geduld und die Nächstenliebe.

Der Entschluß, ein Handwerk zu erlernen, reifte nur sehr langsam in mir. Ich hatte die Schule etwas satt, weil mir die ewige Bettelei wegen der Schulgeldfreiheit und das Betteln der Bücher aus der Armenbibliothek zuwider war und weil ich merkte, daß mich der Professor Unser nicht leiden konnte. Meine Eltern hatten große Bedenken wegen meiner schwachen Gesundheit, denn die Metzgerei stellt an die Gesundheit große Anforderungen. Ich ließ mich indessen von meinem Vorhaben nicht mehr abbringen und an einem Montagmorgen im Spätherbste 1884 trat ich meinen Gang in die Brunnengasse zum Meister an. Kaum angekommen, mußte ich sofort mit ins Schlachthaus, wo wir eine Kuh schlachteten. Ich benahm mich dabei so ungeschickt, daß ich gleich einige Ohrfeigen vom Meister erhielt. Ich konnte nämlich, weil zu klein, die Rechen zum Aufhängen des Fleisches nicht erreichen und ließ ein Euter fallen. Diese Ohrfeigen stimmten meine Begeisterung ungemein herab und ich sah, daß ich hier in eine rohe Gesellschaft geraten war. Es gibt ein Sprichwort, das heißt, der Teufel habe alles eher werden wollen, als ein Lehrbube oder eine Kindsmagd. Das war mein Trost und die Hoffnung, daß auch die Lehrbubenzeit herum gehen werde.

Die ersten paar Tage war ein junger Geselle, namens Gregor Weißer von Unterkirnach neben mir. Er war ein hochgewachsener Mensch, kräftig, ruhig und gutmütig, der noch beim alten Fischer gelernt und seine Lehrzeit eben beendigt hatte. Dieser Gregore, oder Gori, wie man ihn nannte, trat nach wenigen Tagen aus und an seine Stelle ein dem Metzger Konstanzer in Villingen aus der Lehre entlaufener Lehrbub namens Josef Rosenfelder aus Möchweiler. Er war vom jungen Konstanzer gequält worden und hatte Fersengeld bezahlt. Wir beide sollten nun die Sache machen. Gleich am ersten Tage büßte ich fast zwei Finger meiner linken Hand ein, die ich unvorsichtiger Weise beim Fleischhacken unter den Spalter gebracht hatte. Das war keine gute Vorbedeutung.

Wir hatten mäßig zu arbeiten. Die Arbeit fing um 5 oder 6 Uhr früh an und an manchen Tagen dauerte sie bis 7 Uhr abend, manchmal auch noch länger. Schutzbestimmungen über die Arbeitszeit oder für Lehrlinge gabs damals noch nicht. Die rohe Willkür der Meister herrschte. Die Lehrbuben wurden geschlagen und die Gesellen schlecht bezahlt. So erhielt ein tüchtiger Geselle in der Woche 4 — 5 M neben freier Station. Ein Lehrbube hatte 2 Jahre zu lernen und das Lehrgeld betrug 60 Mark.

Bald merkte ich, daß ich für den Beruf zu schwach war. Das schwere Arbeiten und Lastentragen kam mich sehr hart an: ich wurde entsetzlich müde. Wir hatten zwar gute Kost und gute Zwischenmahlzeiten. Aber trotzdem kam ich gesundheitlich nicht vorwärts. Wir mußten nebenher noch das viele Holz machen. Das Sägen strengte mich furchtbar an. Ich brachte die Säge fast nicht vorwärts. Alle Augenblicke bekam ich Prügel vom Meister für Ungeschicklichkeiten oder für Dinge, die meine Kräfte überstiegen. Zur Vermehrung meiner Qualen war der Winter 1884 / 85 sehr streng. Wir mußten viel frieren im kalten Schlachthaus. Da bekam ich am rechten Fuß eine Frostwunde, die nicht mehr zuheilte. Ich konnte fast nicht mehr gehen, jeder Schritt tat mir weh. Da kam mir langsam die Überzeugung, daß ich diesem Handwerk doch nicht gewachsen sei und daß es für mich das beste wäre, wieder in die Schule, also zu dem kleineren Übel zurückzukehren. Diese Überlegung quälte mich mehrere Tage und mein Mitdulder Rosenfelder, der wie ich geplagt wurde, sprach mir zu. Ich hatte leider nicht den Mut, meinem Meister den Entschluß mitzuteilen, noch weniger wollte ich mit den Eltern über die Sache sprechen.

Die Fastnacht 1885 kam und nach ihr war mein Entschluß gereift. Ich konnte nur durch einen Gewaltstreich aus diesen Fesseln kommen.

An einem trüben Abend, Ende Februar 1885, nachdem ich wieder gehörig Prügel bekommen hatte, packte ich meine Sachen und ging, ohne dem Meister ein Wort zu sagen, nach Hause. Lange stand ich an jenem Abend, der ein Wendepunkt für mich wurde, vor einigen Schaufenstern herum und kämpfte einen schweren Kampf. Was würden die Eltern sagen, wenn ich so heimkäme. Schließlich faßte ich Mut und trippelte; nachdem es inzwischen Nacht geworden war, meinem Elternhause entgegen. Schwereren Herzens habe ich es nie betreten. Die Mutter wetterte fürchterlich, ich müsse unbedingt wieder zum Meister zurück, man dürfe nicht fortlaufen, das sei unehrenhaft u. s. w. Zum Glück war mein Vater viel vernünftiger. Er meinte, ich solle wieder in die Schule, einen Metzger gäbe ich doch im Leben nie, ich sei zu schwach. Mein offener Fuß, den ich vorzeigte, sprach ebenfalls zu meinen Gunsten. So durfte ich zu Hause bleiben und mein Meister machte auch nicht die geringste Anstrengung, mich wieder zu bekommen. Er hatte mich ebenso genug, wie ich ihn. Er jagte nun auch noch den Rosenfelder weg und holte den Gregor Weißer wieder. Er war mir auch gar nicht böse; meine Patin hatte wieder vermittelt. Von meinem Herzen war ein Alpdruck genommen …

Also mein Vater sprach nach meiner Flucht aus dem Metzgerberufe beim Direktor Eberstein für mich wieder vor und dieser nahm mich mit offenen Armen in die Schule zurück. Er war stets gut auf mich zu sprechen gewesen und freute sich über meinen Entschluß. Ich mußte aber wieder auf die Untertertia zurück, da ich das bisher auf der Obertertia durchgenommene Pensum nicht mehr nacharbeiten konnte. Mit Lust und Liebe ging ich nun wieder in die Schule, etwa Mitte März 1885.

Am 11. September 1885 trat ich nun auf die Obertertia über. Wir waren nur noch unsere 6 Schüler. Nun galt es gehörig zu lernen, denn bei so wenig Schülern kann man nicht flunkern, man kommt zuviel „dran“. Zum Glück hatten wir auf dieser Klasse nur gute Lehrer. Im Deutschen den Professor Dr. Roder, ebenso im Französischen und in Geschichte.

Anmerkung:

Im Jahresheft XVIII, 1993/94 erschien bereits ein erster Abschnitt aus den Memoiren des Villingers Joseph Stadler. Er schildert dort aus seiner Sicht das Leben seines Großvaters Balthasar Stadler (1800 — 1867), genannt „Polizeibaltes“.

Diesmal haben wir aus den 2000 Seiten umfassenden Memoiren einen Lebensabschnitt des Autors aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert für die Veröffentlichung ausgewählt. Interessant ist sicher aus heutiger Sicht, wie „ländlich“ und naturverbunden der Alltag in Villingen damals ablief

Dank gebührt Eugen Bode, der die Stadler-Chronik in Hall in Tirol bei Nachfahren des Verfassers „entdeckte“ und für das Archiv unseres Vereins kopierte.