Der Handwerker als Künstler (Uwe Conradt)

Der Villinger Maler Albert Säger

Die Fassade ist das Gesicht eines Hauses. Fassaden sind es, die Touristen locken und zum Fotografieren einladen, die ein Stück Identität einer Stadt wiedergeben. Die Fassade ist die Schauseite des Gebäudes, dort wo sich der Eingang zur Hauptstraße öffnet, Besucher einlädt. Die „Gesichtslosigkeit“ vieler unserer Städte hat nicht zuletzt damit etwas zu tun, daß die Tradition der Fassadenbemalung verloren gegangen ist, daß die Häuser anonym geworden sind. Gründe für die weite Verbreitung der Fassadenmalerei bis ins 19. Jahrhundert hinein dürften einerseits die Freude an der Farbigkeit gewesen sein, zum anderen — v. a. seit der Renaissance — das steigende Repräsentationsbedürfnis bei fehlender Möglichkeit, entsprechendes Steinmaterial zur Fassadengliederung zu verwenden. Die Bemalung öffentlicher Gebäude stellte vor allem die Geschichte von Haus und Region vor. Durchsetzt mit mythologischen Figuren wurde Geschichte verherrlichend zelebriert als Machtlegitimation oder Bekräftigung lokalen Stolzes von Handwerkern und Bürgern. Ganz im Gegensatz dazu die bürgerlichem Repräsentationsbedürfnis entsprechende „Lüftlmalerei“, bekannt besonders in Oberammergau. In Villingen sind es besonders zwei Geschäfts- und Wohnhäuser in der Oberen und in der Rietstraße, die durch flächig-farbige Bemalung die Straßenflucht prägen. Die ursprüngliche Bemalung des alten Rathauses ist nicht mehr vorhanden. Und die beiden Häuser in Villingen sind so weit entfernt von der „Lüftlmalerei“ wie von der repräsentativen Bemalung öffentlicher Gebäude. Profan ausgedrückt: Es sind Werbe-Bemalungen für die Geschäftsbetriebe im Inneren des Hauses und stammen von dem Villinger Albert Säger, Kunstmaler und Handwerker in einer Person. Seine Bilder finden sich noch in vielen Haushalten, seinen Namen hat die Kunstgeschichte vergessen, nicht zuletzt deswegen, weil das Kunsthandwerkliche für ihn immer im Vordergrund stehen sollte.

Geboren wurde Albert Säger am 30. Januar 1866. Das war genau die Zeit, in dem die industrielle Produktion das Handwerkliche und damit auch das individuelle Kunsthandwerk immer stärker verdrängte, die Produkte der Arbeit glatter, monotoner, eintöniger wurden. Er entstammte einer alten Malerfamilie mit erheblicher Tradition. Ein Jahr nach seinem Tod am 28. November 1924 hätte er im elterlichen Haus in der Rietstraße das 100jährige Jubiläum des Betriebes feiern können. Großvater Barnabas und Vater Rudolf Säger übten bereits das Malergeschäft aus. Selbstverständlich fast, daß Albert ihnen folgen sollte.

Nach dem Besuch der Volksschule und der Höheren Bürgerschule ging er in die Gewerbeschule und dann in die Kunstgewerbeschule nach Karlsruhe. Daß er mehr wollte, daß er künstlerische Ansprüche an sich stellte, beweist die Tatsache, daß er in den 90er Jahren an die Akademie nach München ging, an eine Akademie, die die Entwicklung der deutschen Malerei im 19. Jahrhundert weitgehend mitbestimmte. Landschafts- und Porträtmalerei waren an der Akademie in München besonders beliebt. Das sollten auch die Gattungen werden, in denen Säger seine Bildmotive suchte. Seine Ausbildung verband häusliches Handwerk in der Provinz mit „freiem“ Künstlertum in der Metropole. Die Rückkehr in die Heimatstadt Villingen und damit der Verzicht auf eine unter Umständen mögliche Karriere als freier Künstler hatte sicher etwas mit der „Liebe zur Heimat“ zu tun, wie die Nachrufe auf ihn hervorhoben. Vielleicht war es aber auch die Erkenntnis, als Künstler unter vielen in der Metropole München kaum dem Konkurrenzdruck gewachsen zu sein, und selbstverständlich rief der väterliche Betrieb nach einem Nachfolger. Die Geschäfte des Vaters gingen in seine Hand über. Die Kunst hatte zu warten.

In Villingen war es leichter, die Kunst mit dem Handwerk zu verbinden. „Zahlreiche öffentliche Bilder an Toren, Türmen und Geschäftshäusern und verschiedene eindrucksvolle Altarbilder; dann die zur Berühmtheit gewordenen sieben Gemälde im Bürgerlichen Bräuhaus, … ferner die schönen Gemälde im, Torstüble` sind äußerliche Beweise Sägerscher Malerei. Sie werden noch übertroffen von seinem Hauptwerk: Der Innenmalerei in der Kirche im benachbarten Mönchweiler … Bekannt sind seine vielen Bilder mit Motiven von Villingen selbst. Die Vaterstadt war für sein Schaffen eine wahre Fundgrube, alle Motive behandelte er mit sichtlicher Freude am künstlerischen Wirken.“ In der Heimatstadt und der Umgebung war der Erfolg erreichbar, der in München wohl nicht möglich gewesen wäre. 1919 wurde die Werkstatt an Fritz Armbruster verkauft. Jetzt lebte Albert Säger nur noch für seine Kunst.

Der „Schwarzwälder“ würdigte ihn am 29. November 1924, einen Tag nach seinem Tod: „Für Viele, die den stillen und bescheidenen Mann seinen ganzen inneren Wert als Künstler und Menschen noch kannten, wird dies eine Trauerkunde sein. Im 58. Jahre eines durch farbenfrohes Schaffen, durch große künstlerische Erfolge ausgezeichneten Erdenwallens hat ihn der Tod aus unserer Mitte hinweggenommen“. Wie stark Säger auch außerhalb der Heimatstadt Villingen gewürdigt wurde, beweist eine Ausstellung wenige Monate nach seinem Tod in Offenburg im Schaufenster der Kunsthandlung Degen Die Auswahl der Bilder dieser Ausstellung entsprach genau den Motiven, die Säger sein ganzes Leben lang begleitet hat: „Es sind dies ein Porträt (Bauernmädchen), ein Villinger Narro, Ansichten von Gengenbach, Mahlberg, Villingen usw.“

Seine Kunst blieb der handwerklichen Tradition verbunden, ohne im Handwerklichen die künstlerischen Ambitionen zu vergessen. Und mit dieser Vorstellung war er ganz auf der Höhe seiner Zeit, denn die Diskussion um Kunst und Handwerk wurde überall geführt. Um dem Verlust von Kreativität entgegenzuwirken, waren bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogenannte „Musterbücher“ entstanden. Künstler schufen Formen für den Handwerker, der sie dann in seine dekorative Arbeit aufnahm. In England, dem Mutterland der Industrialisierung, in dem ebenfalls stark über den Verlust an ästhetischer Qualität bei Gebrauchsgütern geklagt wurde, führten Mustersammlungen und öffentliche Aufrufe an die Künstler immerhin dazu, daß viele von ihnen die alte Trennung von hoher und niedriger, von freier und angewandter Kunst früh aufgaben und damit dem Typus des sogenannten Künstlerentwerfers zum Entstehen verhalfen, der sich die Gestaltung der Alltagskultur zur Aufgabe machte. In Deutschland sollte dieser Schritt erst viel später erfolgen. Allgemein gängige Themen und Motive der Zeit wurden auf diesen Musterblättern den lokalen Gegebenheiten angepaßt und ständig leicht variiert. Auch das Handwerk geriet in den Sog der Industrie und paßte sich ganz allmählich der Standardisierung der Industrie an. Die Signatur wurde zum letzten künstlerischen Merkmal, aber auch diese Signatur verweist auf das Handwerkliche, das damit keineswegs abgewertet werden sollte.

In der Fassadenmalerei erweist sich Säger als „standardisierter“ Künstler. Oberhalb der Tür und den Ladenfenstern seines eigenen Geschäftshauses in der Rietstraße legt Albert Säger ein sorgfältig ausgewähltes Programm vor zum Zeugnis des Bildungsstandes des Handwerkers. Dabei vermischt er standardisierte Formen der Zeit mit individuellen Erfindungen. Wichtig ist dabei, daß er nie die Fassade als Werbefläche für den väterlichen Betrieb aus den Augen verliert. Die Fassade war wohl nicht nur Selbstdarstellung, sondern wird wohl auch als Vorbild für ähnliche Objekte an anderen Orten gedient haben. Unten wie ein Namensschild an der Haustür der Hinweis auf den Betrieb auf blauem Grund. Die Fläche des darüberliegen-den Malgrundes ist gegliedert durch die Fenster und illusionistische Bemalung der Ränder durch gemalte „Ecksteine“ unterschiedlicher Form, so daß Architektur und Malerei miteinander verbunden werden. Säger hat aus der Kunstgeschichte gelernt und zeigt das auch. Die Malerei verdrängt oder überschattet niemals die Architektur. Es scheint eher, als beweise der Maler-Handwerker dem Architekten-Handwerker seine Achtung. Unbemalt bleibende Flächen verstärken diesen Eindruck noch.

 

Rechts: Albert Säger 1866 — 1924; links: Nach dieser Vorlage aus dem Jahre 1898 wurde die Fassadenbemalung im Jahre 1985 erneuert.

 

Auf „Fleiß“ und „Handwerk“ weisen zwei Schrifttafeln hin. Der „Fleiß“ wird zum hervorstechenden Merkmal des Handwerkers und damit auch des eigenen Betriebes. Der „Fleiß“ ist mit seinen Attributen „Wein“ und „Bienen“ gekennzeichnet. „Fleiß“ als bürgerliche Tugend. Die Malerpalette in einem Medaillon steht wohl für den Künstler, während Zirkel, Kneifzange, Hammer und Dreieck eher das Handwerkliche betonen. Genien, Engel oder sind es Musen wachsen aus blumigem Grund hervor, untergliedern die Senkrechte der Wand. Schleifen unterhalb der Brust flattern im Wind und geben einen Hauch von Bewegung, der der Bemalung trotz aller organischen Beigaben ansonsten fehlt. Verbunden wird Organisches mit Ornamentalem, Gotisches mit Barockelementen. Wer will, mag das „Kitsch“ nennen. Sicher ist es ein zum Teil kokettes Spiel mit Kunstrichtungen und Motiven. Ein Handwerker zeigt sein malerisches Geschick, preist sich zukünftigen Kunden an. Ein eigener „Stil“ ist es wohl nicht, der sich bei diesen Arbeiten entwickeln kann, wenn man darunter eine unverwechselbare Handschrift des Künstlers versteht. Aber Sägers Arbeiten entsprechen dem Stilgefühl der damaligen Zeit, und sie demonstrieren ganz offen sein Selbstbewußtsein. Dem Geschäft angepaßt ist auch die Bemalung der Fassade des Cafes „Raben“ in der Oberen Straße. Bildmotive in Medaillons, dazu Girlandenformen, die die Wand untergliedern. Wieder sind die Kennzeichen des Gewerbes prägnant ausgestellt: Kuchen, Kaffeegeschirr, Weinkrug, Gläser. Es wird getanzt auf einem Bild, eine Hochzeitsgesellschaft wird gezeigt, der lokale Aspekt fehlt nicht in den ausgestellten Trachten. Ist es so falsch, einen Flirt zu beobachten, der sich da unter den Tanzenden zuträgt? Ganz in Ehren natürlich! Aber schließlich ist das Cafe ein Ort, um sich kennenzulernen. Auch damit läßt sich werben. Zwei Szenen nehmen den Namen des Cafes auf und machen ihn zum Programm auf der Fassade. Auf der einen Seite ein Rabennest mit hungrig emporgestreckten Schnäbeln. Die Mutter mit Haube wacht über die Familie. Auf der anderen Seite ein Tabakskollegium. Die Herren Raben vertreiben sich die Zeit im Cafe. Wer von Rabeneltern spricht, muß die Mutter wohl ausklammern. In der Mitte spiegelbildlich zwei Raben als Kellner, ganz devot und ganz zurückhaltend. Fast scheint es, als hätten britische Butler dafür Modell gestanden. Auch diese Bildmotive sind keine eigene Erfindung, neu ist „nur“ die Zusammensetzung der einzelnen Elemente. Neu ist nicht das ausgestellt Plakative, sondern der Witz, mit dem die Motive verbunden sind. Albert Säger als Künstlerhandwerker.

Links: Ineinandergeschachtelte Dächer . . . in Tempera gemalt im Winter 1917; rechts: Fassadenbemalung Cafe‘ Raben, Villingen

 

„Er hat nicht nur seiner Vaterstadt den Stempel seiner Kunst aufgedrückt, wie wir schon bei einem kurzen Besuch der Stadt an Häuserfronten, der Innenausschmückung öffentlicher Gebäude, Gasthäusern usw. feststellen können, sondern in seinem Atelier hat sich eine Unsumme von Skizzen, Zeichnungen aus der geschichtlichen Vergangenheit Villingens, seinen malerischen Winkeln, Toren und Straßen angesammelt, die für die Stadt von unschätzbarem Wert sind und wovon eine Nachlaßausstellung Zeugnis ablegen wird.“ Diese Skizzen und Bilder sind es wohl, die die künstlerische Bedeutung Albert Sägers bis heute ausmachen, auch wenn sie nur lokal begrenzt bleiben wird.

In der Zeit, bevor Säger das Geschäft seiner Familie verkauft, sind es fast ausschließlich Bilder des winterlichen Villingen, die entstanden sind. In den Sommermonaten war er geschäftlich unterwegs. Der Winter brachte die Muße, sich ganz der Neigung zuzuwenden. Auch hier verharrt Säger in der Tradition des Handwerkers. Hinweis aber auch darauf, daß Säger vor Ort malte, die jeweilige Jahreszeit in seine Bilder übernahm. Grundsätzlich entstanden zunächst Vorarbeiten, bevor er das jeweilige Motiv in Öl umsetzte. Erst wenn ein Kunde Interesse zeigte, wurde das Bild in Öl gemalt. Auch das entspricht ganz handwerklicher Tradition.

Ein sehr genauer, liebevoller, aber wissender Blick prägt die Bilder von Villingen. Typische Stadtansichten sind es, keine erzählten Geschichten, die sich zufällig an diesem Ort zutragen mögen. Säger erzählt in seinen Ansichten die Geschichte der Stadt an Hand seiner Gebäude, aber nicht die Geschichten in der Stadt. Der Erste Weltkrieg, die Nachkriegszeit — all das hinterläßt keine Spuren auf den Bildern. Wenige Menschen bevölkern diese Bilder, man muß danach suchen. Die Menschen sind Teile der gewählten Stadtansicht, aber nicht narrative Bestandteile einer Begebenheit, die sich hier zuträgt. Säger arbeitet für diejenigen, die die Stadt kennen und zeigt sie aus manchmal ganz ungewöhnlicher Perspektive, ohne die Ansichten dabei zu verrätseln. Selten wählt er die zentrale Ansicht, meist sind es Winkel, die er sucht, die zugleich die Umgebung des Ortes miteinfangen. Vereinfachung steht auf der einen Seite. Eine Dachlandschaft aus dem Fenster seines Hauses heraus. Die ineinandergeschachtelten Dächer wären nicht zu lokalisieren, also wählt er eine Perspektive, die das angeschnittene Dach des Rietto-res in das Bild einbezieht. Dieses Verfahren wählt er immer wieder, meist sind es natürlich die Türme des Münsters oder der Benediktinerkirche, die den lokalen Bezug verdeutlichen. Trotzdem sind die Ansichten auch ohne diese Andeutungen auch für den Ortsfremden wiedererkennbar, weil Säger auf der anderen Seite besondere Details heraushebt. Die Dächer, die er aus seinem Fenster sieht, sind so stark verschachtelt, daß die kleinen Gassen der Stadt erahnbar werden. Da er auf Dachhöhe steht und den Blick geradeaus richtet, wirken die Dachflächen wie Barrieren, die das Auge überspringen kann. Diese Barrieren, meist waagerechte Abgrenzungen durch Hausfronten oder durch die einfache Schattengebung gliedern viele seine Bilder. Die Tatsache, daß es viele „Winterbilder“ gibt, auf denen der Schlagschatten der Gebäude den Aufbau des Bildes bestimmen, mag diesen Eindruck verstärken. Auf der einen Seite wird damit der Tiefenraum abgeschnitten, uns bleibt der Blick „dahinter“ zumeist verborgen. Aber deutlich wird dabei der Charakter einer engen mittelalterlichen Stadt, verstärkt durch die vielen Hochformate, die Säger sucht. Er führt den Betrachter in das Bild hinein, indem er dem Gang der Gassen folgt — ein typisches Verfahren für Stadt- und Landschaftsansichten in dieser Zeit. Dieses Verfahren führt aber auch dazu, daß sich der Blick wie bei einem Weitwinkelobjektiv öffnen kann. Die Ansicht der Franziskanerkirche, dem eigenen Haus gegenüberliegend, nimmt die Umgebung mit auf und verspricht damit eine Weite, die der einfache Blick von Gegenüber kaum ermöglicht. Diese Weitwinkelperspektive dominiert auch Sägers Landschaftsbilder, in denen einzelne Gegebenheiten — dazu genügt schon ein einzeln dastehender Baum oder ein kleines Gebäude — die Weite der Landschaft eher noch betonen.

Bilder einer Stadt und einer Landschaft aus den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts als Dokumentation einer vergangenen Zeit für das Archiv? Die dekorative Wirkung der Stadtansichten, die der Künstler und Handwerker immer anstrebte, haben ihren Charakter bewahrt. Aber was vielleicht wichtiger ist: Betrachtet man die Bilder, so scheint sich die Stadt kaum verändert zu haben, wo doch die Rückerinnerung in die allerjüngste Vergangenheit so viel Veränderung suggeriert. Vielleicht ist es das Typische der Stadt, daß Säger eingefangen hat, das uns die Ansichten so vertraut erscheinen lassen. Und das wäre dann genau der Punkt, an dem sich Kunst, die Abstraktion, und Handwerk, das technische Können, miteinander verbinden.

Die Text- und Bildquellen stellte die Familie Gerhard Hirt freundlicherweise zur Verfügung.