Von Leo dem Juden, seßhaft zu Villingen (Dr. Winfried Hecht)

Juden sind im spätmittelalterlichen Villingen nach Revellio erstmals 1324 erwähnt 1). Schon aus kultischen Gründen dürfte die Annahme des Altmeisters der Villinger Stadtgeschichtsforschung zutreffen, ihre Gemeinde, die im Winkel zwischen Münsterplatz und Kronengasse eine Synagoge besaß, hätte „8 bis 10 Haushaltungen“ umfaßt. Revellio vermutet auch, die Villinger Juden seien 1349 einem ersten Pogrom zum Opfer gefallen. Auch danach wohnten in Villingen Juden mit ihren Familien. Vielleicht der bedeutendste unter ihnen ist im 15. Jahrhundert „Leo der Jude“. Er läßt sich von 1433 bis 1462 gewöhnlich mit dem Zusatz „seßhaft zuo Vilingen“ nachweisen 2). Demnach könnte er um 1410 geboren sein und starb vermutlich etwa 1470. Nach dem, was wir über ihn wissen, lebte er von Geldgeschäften und war dabei nicht nur in Villingen tätig, sondern in einem beachtlichen Umkreis um die Stadt. Er tätigte Geschäfte in Triberg, in Radolfzell, in Steißlingen und in Immendingen und nicht zuletzt in Rottweil. Er hatte dabei zu tun mit Adeligen wie Konrad von Hornstein (1449) oder Hans von Reischach (1456), aber auch mit Geistlichen wie dem Rottweiler Kaplan Balthasar Mottschiedler (1441) 3). Sein Geschäft bestand in der Gewährung von Darlehen, der Sorge um den rechtzeitigen Eingang von Zinsen für sie und der Eintreibung von Schulden. Dies brachte ihn natürlich auch in Kontakt mit Vertretern der jeweiligen Obrigkeit wie schon 1433 mit den Stadtoberhäuptern von Villingen und Rottweil, Heinrich Brumsi und Hans Boller 4), oder Juristen wie 1456 dem Rottweiler Hofrichter Graf Johann II. von Sulz oder dessen Urteilssprecher Konrad Rangendinger 5). Ohne viel Phantasie kann man sich ausmalen, daß Leo der Jude natürlich sehr viel willkommener war, wenn er ein Darlehen auszahlte, als wenn er sich um den für ihn lebensnotwendigen Zinsertrag seines Kapitals oder um dessen Rückzahlung bemühte. Christliche Vordenker wußten ja, daß die Erhebung von Zinsen unmoralisch war und schrieben gelehrte Traktate darüber. Andererseits blieb Juden der Zugang zu den damals gängigen Berufen weitgehendst verschlossen. Was man sonst von den Kanzeln oder beim Passionsspiel über die „treulosen“ Juden zu hören bekam, die ja einstens den Erlöser umgebracht hatten, war auch nicht unbedingt im Sinne christlicher Nächstenliebe 6). Gerade da berührt es eigenartig, wenn Leo der Jude 1441 ausgerechnet einem Rottweiler Kaplan ein kleines Darlehen von acht Gulden gewährt.

Für dieses Darlehen hatte der Kaplan zwei Bürgen zu benennen, vermutlich die Inhaber eines Gutes in Schörzingen, das der Pfründe des Kaplans gegenüber abgabepflichtig war 7). Das Darlehen wurde acht Tage nach Rückforderung fällig, so daß dem Kreditnehmer auf jeden Fall Zeit blieb, sich anderswo nach Geld umzusehen. An Zins waren je Gulden und pro Woche vier Heller zu zahlen, was einem sehr hohen, jedoch rechtlich zulässigen Zinssatz entspricht, nachdem der Gulden mit 375 Hellem anzusetzen ist. Man muß aber in diesem Zusammenhang das beachtliche Risiko des Geldgebers bedenken, der sozusagen als Geldwanderhändler unterwegs war. Außerdem ist nicht zu übersehen, daß Kaplan Mottschiedler, gleich aus welchen Gründen, von christlicher Seite in einer damals wohlhabenden Stadt wie Rottweil eben offenbar nicht einen einzigen Heller bekam.

Kleidung der Juden im Mittelalter. Holzschnitt aus dem „Seelenwurzgarten“, Ulm 1483.

 

Aber auch sonst war man offenbar froh, die Dienste Leo des Juden in Anspruch nehmen zu können. Schon 1433 hatte „Hensly von Sulz“ offenbar Geld bei ihm geliehen und nicht zurückgezahlt, was immerhin das christliche Rottweiler Hofgericht feststellte und dem Geldgeber mit der Anleite Rechtsmittel an die Hand gab, um den sonstigen Besitz des Schuldners zu belasten 8). Im Jahre 1449 übertrug die Stadt Rottweil eine Forderung von 200 Gulden, die ihr von Konrad von Hornstein zustanden, auf Leo, der das zweifelhafte Vergnügen hatte, den Betrag bei einem Schuldner einzutreiben, der sich der Rückendeckung durch die Stadt Radolfzell sicher sein durfte 9). Dabei mußte der Villinger Jude ein hohes Risiko gehen, denn von einem ähnlichen Vorgang aus dem Jahre 1456 wissen wir, daß er gegenüber Hans von Reischach die Anleite des Rottweiler Hofgerichts mit einer Frist von nur sechs Wochen und drei Tagen durchzusetzen hatte 10). Ganz einfach dürfte es auch 1462 nicht gewesen sein, sich an Einkünften aus der Herrschaft Triberg unschädlich zu halten, die Ritter Melchior von Blumneck und seine Gemahlin als Pfand für ihre Schulden bei Leo ein gesetzt hatten 11). Auffallend scheint somit an Hand mehrerer Beispiele die Zusammenarbeit der Villinger Juden mit dem Rottweiler Hofgericht.

Das Hofgericht brachte Leo in den Besitz der jeweils erforderlichen Rechtstitel, umgekehrt war der Villinger Jude bereit, sein berufliches Geschick bei der Durchsetzung von Ansprüchen des Gerichts einzubringen.

Dies bedarf der Erläuterung. Sie liegt vielleicht zunächst in der traditionell wohlwollenden Haltung der Grafen von Sulz, die bis zu ihrem Aussterben (1687) den Vorsitz am Kaiserlichen Hofgericht in Rottweil führten, gegenüber den Juden Ferner war die vergleichsweise sachliche Behandlung von Juden durch das Hofgericht, das Kaiser Maximilian 1496 als „oberstes Gericht in Teutschland“ bezeichnet hat, allgemein bekannt, auch so wichtigen jüdischen Persönlichkeiten wie Josel von Rosheim, dem Sprecher der deutschen Juden zu Zeiten Kaiser Karls V.14).

Dazu kommt, daß für die Juden am Hofgericht in Rottweil wenigstens ein Mindestmaß an Rechtssicherheit garantiert war. Kaiser Friedrich III. befahl dem Rottweiler Gericht 1460 ausdrücklich, es möge den „juden, die uns dann als unser und des reichs camerknecht“ seien, „aufrichtige recht er-gen“ zu lassen und vor allem nicht zuzulassen, daß sie an andere Gerichte geladen und zum Erscheinen gezwungen würden 15). Kurz nach Ostern 1465 hat der Herrscher sogar unter Androhung einer Strafe von 40 Mark Gold das Rottweiler Hofgericht aufgefordert, „die judischheit“ nach einer Ladung vor das Hofgericht nicht an andere Gerichte „abfordern“ zu lassen 16).

Allerdings war die Politik des Habsburgers hier widersprüchlich, eindeutig zu Lasten seiner jüdischen „Kammerknechte“. Schon am 20. Juli des gleichen Jahres 1465 beauftragte Friedrich III. Graf Ulrich V. von Württemberg nämlich auch damit, die Gerichtsbarkeit über die Juden in den Kirchenprovinzen von Mainz, Trier, Besançon und Salzburg auszuüben 17). Dies traf eindeutig das Rottweiler Hofgericht, selbst wenn festzuhalten ist, daß der württembergische Graf sich den Juden gegenüber bekanntermaßen maßvoll verhielt, ganz im Gegensatz zum vielgepriesenen württembergischen Landesvater Eberhard im Bart, der sowohl in seiner Landesordnung von 1495 wie schon in seinem Testament von 1492 ausgesprochen diskriminierende, antisemitische Anordnungen gegenüber den Juden traf: Er verbot es schlichtweg, mit ihnen Geschäfte zu tätigen und untersagte den Juden, sich in seinem Herzogtum niederzulassen 10).

Vielleicht erklärt sich von daher auch sein allerdings erfolgloses Bemühen, das Rottweiler Hofgericht unter seine Kontrolle zu bringen, wo man offenbar grundsätzlich die Linie beibehielt, die bereits der Villinger Jude Leo kannte. Freilich verschlechterte sich die Situation seiner Glaubensgenossen auch in seiner Heimatstadt Villingen über den „Judensatzbrief von 1498 19) bis zur Ausweisung der Juden durch Kaiser Maximilian um 1510, letztlich eine Tragödie mit den Stichworten „doppelte Moral“ und „Unmenschlichkeit“.

Anmerkungen:

1) Vgl. P Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964 5.481.

2) Vgl. H.-J. Wollasch, Inventar Villingen I. Villingen 1970 Nr. 357 S. 73 von 1433, Okt. 31 und Nr. 481 S. 99 von 1462, Mai 6.

3) Vgl. Stadtarchiv Wemding o. Sign. von 1441, Nov.22 (mitget. von Dr. L. Gräser, Regensburg); Urkundenbuch der Stadt Rottweil I hrsg. v. H. Günter. Stuttgart 1896 (zit.: RUB), Nr.1132 S.483 und Nr.1133 5.483 jeweils von 1449, Nov. 10; H. Maurer, Das Archiv der Freiherren von Reischach I. In: Hegau 1/2 (1966) Anhang mit eigener Pagin. U 31 S.15 von 1456, Dez. 2.

4) Vgl. H.-J. Wollasch, Inventar Villingen I. Villingen 1970, Nr. 357 S.73, von 1433 Okt. 31.

5) Vgl. Maurer, a. a. 0.

6) Vgl. Artikel „Judenverfolgungen im Mittelalter“ von G. Taddey. In: Lexikon der deutschen Geschichte hrsg. von G. Taddey u. a. Stuttgart 1979 S. 598 ff:

7) Dazu und zum Folgenden: Stadtarchiv Wemding, Urkunde von 1441, Nov. 22 (ohne Sign.).

8) wie Anm. 4).

9) Vgl. RUB Nr. 1132 und Nr. 1133 S. 483. 10) Vgl. Maurer wie Anm. 3).

10) Vgl. H.-J. Wollasch, Inventar Villingen I. Villingen 1970 Nr. 481 S. 99 von 1462, Mai 6.

11) Dazu auch G. Grube, Die Verfassung des Rottweiler Hofgerichts. Stuttgart 1969 (=Veröffentlichungen der Kommission für geschicht­liche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe B 55. Bd.), S. 28 ff. und S.46 ff.

12) Vgl. H.-J.Wollasch, Inventar Villingen I. Villingen 1970 Nr.1732 5.328 von 1661, Jan. 23.

13) Vgl. S. Stern, Josel von Rosheim, Stuttgart 1959 passim.

14) Vgl. RUB Nr.1251 S. 558 von 1460, April 28.

15) Vgl. RUB Nr.1327 S. 589, von 1465, April 22.

16) Vgl. Württemberg im Spätmittelalter. Katalog bearb. von J. Fi­scher u. a. Stuttgart 1985 Nr. 106 5.105 ff.

17) Vgl. 1495: Württemberg wird Herzogtum. Dokumente aus dem Hauptstaatsarchiv zu einem epochalen Ereignis. Bearb. von St. Molitor u. a. Stuttgart 1995 S.10 ff. Nr. 4 S. 61 lt und Nr. 24 S.110 so­wie Th. Miller, Die Judenpolitik Eberhards. In: Graf Eberhard im Bart von Württemberg im geistigen und kulturellen Geschehen sei­ner Zeit. Stuttgart 1938 S. 89.

18) Vgl. P. Revellio a. a. 0. auch nach H.-J. Wollasch, Inventar Villingen I. Villingen 1970 Nr. 776 5.159 von 1498, Sept. 20.