Ein altes Hauserstrahlt in neuem Glanz (Konrad Flöß)

Den älteren Villinger Bürgern ist die Wöhrle Theres mit ihrem Gemischtwarenladen in der Gerberstraße 5 sicher noch in guter Erinnerung. Es gab fast nichts, was sie nicht in ihren Regalen verstaut hatte, und vor allem wusste sie über das Bescheid, was im Städtle vor sich ging.

Bis in die 60-er Jahre wurde der Gemischtwarenladen betrieben. Von der Stadt wurde das Gebäude erworben. In den nachfolgenden Jahren erlebte das Haus eine wechselvolle Nutzung. Im EG war zeitweise ein 3.-Welt-Laden, in den oberen Geschossen bewohnten Wohngemeinschaften die Räume. Später waren Asylbewerber untergebracht.

Viele Jahre stand das Gebäude leer. Durch geborstene Fensterscheiben flogen Tauben. Kot und Unrat lagerte knöcheltief in allen Räumen. Durch schadhafte Ziegel drang Wasser und zerstörte dabei wertvolle Bausubstanz. Nach weiteren wechselvollen Jahren gelangte das Haus ins Eigentum der Familie Klaus Richter.

Frühzeitig war bekannt, dass es sich bei dem Gebäude um ein Kulturdenkmal handelt. Diesen Umstand betrachte ich nicht als hinderlich, sondern sehe hierin eine Bereicherung, zumal Bauherrschaft und Architekt einer Sanierung im Sinne des Denkmalschutzes positiv gegenüber stehen. Von Anfang an war eine enge Abstimmung mit dem Denkmalamt und den damals für Villingen zuständigen Referenten Dr. Jacobs, sowie Frau Schubart unumgänglich.

Auszug aus der Stellungnahme des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, Außenstelle Freiburg: Bei dem Gebäude Gerberstraße 5 handelt es sich um ein Kulturdenkmal im Sinne des § 2 DSchG. Es ist in der Liste der Kulturdenkmale aufgeführt. Es handelt sich dabei um ein dreigeschossiges Gebäude mit drei Fensterachsen, die linken näher

Mutter von Theresia Wöhrle – ca.1929.

 

zusammen gedrückt, über der rechten eine Aufzugsgaube. Mächtiges Kastengesims als Abschluss des traufständigen steilen Satteldachs; wegen des in Villingen hoch anstehenden Grundwasserspiegels kein eingetiefter Keller.

Im Inneren alte Decken des vermutlich 18. Jahrhunderts, der Dachstuhl wohl aus eben dieser Zeit. Als gut erhaltenes Villinger Wohnhaus der Mittelschicht kommt dem Haus als Dokument sowohl architektonischer Formen, wie auch für die städtebauliche Entwicklungsgeschichte Bedeutung zu. Das Gebäude ist deshalb aus wissenschaftlichen, vor allem bau- und stadtbaugeschichtlichen Gründen ein Kulturdenkmal; seine Erhaltung liegt insbesondere wegen seines dokumentarischen Wertes im Interesse der Öffentlichkeit.

Nach den Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes für Baden-Württemberg bedürfen Veränderungen an denkmalgeschützten Gebäuden der Genehmigung durch die hierfür zuständige Untere Denkmalschutzbehörde.

Soweit die Stellungnahme der Denkmalbehörde. Einer Gebäudesanierung geht eine umfassende und gründliche Bestandsaufnahme (Ausführlichkeitsstufe II) und Dokumentation aller Geschossebenen, sowie Querschnitte im Maßstab 1:100 voraus, gleichzeitig sind Detail-Zeichnungen von besonderen Bauteilen mit Schlüsselfunktionen zu erstellen.

Gebäudeteile und tragende Konstruktionspunkte der Wände, Böden, Decken und Dach müssen freigelegt und zugänglich gemacht werden. Gravierende Absenkungen, Verformungen und Winkelabweichungen werden erfasst. Schon bei der Gebäudeaufnahme und Begehung werden Schwachstellen und Gebäudeschäden sichtbar. Diese Analysen fließen ins Sanierungskonzept ein.

Eine Besonderheit und von der vorherrschenden Dachform in Villingen abweichend, ist die asymmetrische Dachneigung des Dachstuhls. An der Straßenfront zur Gerberstraße beträgt die DN ca. 40°, auf der eckwärtigen Hofseite ca. 60°. Es ist zu vermuten, dass ursprünglich ein Pultdach mit dem Firstpunkt an der Hofseite das Dach bildete. Durch einen späteren Eingriff wurde aus dem aufragenden Giebel ein Satteldach mit unterschiedlichen Dachneigungen. In der Vergangenheit wurde durch Umbauten und Nutzungsänderungen stark in die Gebäudestruktur eingegriffen. In Anbetracht der zahlreichen Entdeckungen von historischen Bauelementen und Details liegt es nahe, noch mehr über die Baugeschichte und die einzelnen Bauphasen des Hauses zu erfahren. Das in Villingen schon mehrfach tätige Ingenieurbüro für Bauforschung Burghard Lohrum, wurde beauftragt eine Bauuntersuchung mit Analyse sowie eine dendrochronologische Datierung der verbauten Hölzer festzustellen. Wie sich am Ergebnis zeigte, kamen höchst interessante Ergebnisse hinsichtlich Ersterbauung und Folgebauten zu Tage. Nachfolgend hier einige Auszüge und Skizzen der Untersuchung durch Burghard Lohrum.

 

 

Asymmetrische Neigung des Dachstuhls.

 

 

 

 

 

 

 

Soweit die Untersuchung von Burghard Lohrum.

 

Im Zuge der Freilegung von Bauteilen wurden zahlreich historische Elemente zu Tage gefördert, welche gerade den besonderen Reiz bei einer Gebäudesanierung ausmachen.

Im EG befand sich hinter einer „neuzeitlich“ vorgemauerten Vollziegelwand, eine Bruchsteinwand mit wohlproportioniertem Sandstein und einer vermauerten Wandnische, möglicherweise für eine Kienspanbeleuchtung. In seinem Buch „Das alte malerische Schwarzwaldhaus“ von 1915 zitiert R. Schilling Heinrich Hansjakob zur Bedeutung des Kienspans und beschreibt seine Bedeutung (S. Seite 66 oben links). An der östlichen Außenwand zum ehemaligen nicht überbauten Innenhof, fand sich nach Wegnahme des Putzes, eine ebenfalls nachträglich vermauerte hochliegende Fensteröffnung mit einer geschmiedeten Vergitterung. Der Fußboden gab unter der jüngeren Betonplatte, Reste von Sandsteinbodenplatten preis.

Im 1. OG wurden hinter einem neuzeitlichen Wandtäfer 2 Rundhölzer im Durchmesser von ca. 10 cm freigelegt. Die Lage und der Abstand lassen darauf schließen, dass es sich hierbei um Reste ehemaliger Gerüsthölzer aus einer Umbauphase handelt. Nach dem Entfernen von „modernen“ Fußbodenbrettern wurde der alte Fußbodenbelag sichtbar. Im Eckbereich wurden die Bretter als Randfriese mit Gehrungsschnitt bearbeitet und weisen auf den Standort einer ehemaligen Ofenstelle hin. Versteckt hinter Deckenverkleidungen war im Balkenfach der Decke ein Holzschieber angebracht, der die warme Luft über der Ofenstelle in die oberen Räume leiten konnte. Das Gebälk über der „Guten Stube“ im 1. OG ist sehr fein profiliert und bearbeitet. Ebenso die Türverkleidungen und gestemmten Türblätter mit den abgeplatteten Füllungen weisen außergewöhnlich feinen Zierart auf.

Ansicht Gerberstraße

 

Diese anspruchsvollere Ausstat tung hebt diesen Raum gegenüber den anderen hervor. Erst nach mühevollem Farbschichtenabtrag schälte sich die ganze Schönheit dieser Holzteile zu Tage. Nach Entfernen des mehrfach gerissenen und grobflächig vom Untergrund abgelösten Außenwandputzes an der Gerberstraße traten Reste eines ehemaligen Sandstein-Fenstergewandes im 2. OG zum Vorschein. Die derzeitige symmetrische Anordnung mit Holz- Fenstergewänden, lässt auf die Mitte des 19. Jahrhunderts schließen.

Nutzungskonzept

Mittelalterliche Gebäude eignen sich meist nicht als Renditeobjekte. Durch eine überstarke Ausnutzung und Überfrachtung des Gebäudes durch ein zu umfangreiches Raumprogramm werden oft wertvolle Bauteile zerstört. Der Entscheidungsprozess für eine sinnvolle und ausgewogene Nutzung nimmt in der Planungsphase einen breiten Raum ein. Es galt mehrere Nutzungsvarianten zu erarbeiten und zu prüfen. Vor der Sanierung befand sich im EG ein Ladengeschäft. Im 1. und 2. OG waren die Wohnräume der Ladeninhaberin. Im Dachraum war bisher ein Brennholzlager und Ort für allerlei Gerätschaften. Geplant und realisiert wurde schließlich im EG ein Ladengeschäft für moderne Beleuchtungskörper mit Büronische und Nasszelle.

Im 1. und 2. Obergeschoss sowie im Dachgeschoss wurde eine großzügige Wohnung über 3 Geschosse mit klarer Gliederung ausgewiesen. Eine besondere Herausforderung und reizvolle Aufgabe war es, das nur 49 m2 große Grundstück so zu überplanen, damit ein funktionales und harmonisches Nutzen möglich ist.

Im 1. OG befindet sich die Wohnebene mit der „Guten Stube“, der daneben liegenden Kammer und der funktionell eingerichteten Küche. Diese wurde wieder dorthin versetzt, wo sie vermutlich über Jahrhunderte bereits untergebracht war. In der „Guten Stube“ mit der barocken Stubendecke befindet sich der wiederentdeckte Deckenschieber, der darauf hindeutet, dass schon früher eine Wärmequelle an dieser Stelle stand.

 

Das Haus Gerberstraße 5 vor . ..


… und nach der Sanierung.

An gleicher Stelle wurde ein Kachelgrundofen aufgemauert der genauso funktionsfähig ist wie der Deckenschieber, der geöffnet die Wärme ins obere Geschoss leitet. Die Schlafbereichsebene mit Bad befindet sich im 2. OG. Der Raum im Dachspitz ist multifunktional nutzbar und bietet ein kontrastierendes Wohnraumerlebnis. Hier ist auch die Gasheizzentrale untergebracht. Die Wohnqualität wurde wesentlich verbessert und den heutigen Bedürfnissen angepasst. In einem denkmalgeschützten Haus wohnen heißt nicht, auf neuzeitlichen Komfort verzichten zu müssen.

Sanierungsmaßnahmen

In der Vergangenheit wurde durch Umbauten und Nutzungsänderung stark in die Gebäudestruktur eingegriffen. Verformungen, Setzungen und Verschiebungen traten im Laufe der Jahrzehnte ein.Einfluss aufs Gebäude nahm auch der schwankende Grundwasserspiegel. Die zunehmenden Erschütterungen durch Fahrzeuge, die diese Engstelle in der Gerberstraße passieren, setzten dem Gebäude ebenfalls mächtig zu. Die Standfestigkeit war erheblich gefährdet.

Die erforderlichen und durchgeführten Sanierungsmaßnahmen:

Fundamente mussten unterfangen und verstärkt werden. In allen Geschossebenen wurden durchlaufende Stahlzuganker eingebaut. Durch den geschickt angeordneten Deckenaufbau bleibt die Hilfskonstruktion weitgehend unsichtbar.

Die stark gestörte Mischkonstruktion des Dachstuhls wurde behutsam verstärkt. Fehlende Streben wurden ergänzt und eine zusätzliche Dachgaube ins Sparrenfeld eingesetzt.

 

Die Dachflächen wurden verschalt und mit einer Übersparren-Dämmung ausgestattet, damit die Dachkonstruktion vollständig im Rauminnern wahrgenommen werden kann.

Gedeckt wurden die Dachflächen mit teilweise vorhandenen noch brauchbaren, teilweise erworbenen alten handgestrichenen Biberschwanzziegeln in einfacher Deckungsart.

Rückbau der großen Schaufensterfront und Schaffung von 2 kleinen wohlproportionierten Fenstern für Auslagen und Dekoration.

Besonderer Augenmerk wurde auf die Installation der haustechnischen Anlagen gelegt.

Die Leitungsführungen für Sanitär, Elektro und Heizung wurden unter dem Aspekt gewählt, die wertvolle Bausubstanz vollständig zu erhalten.

Die Fenster zur Straßenseite wurden nach historischen Vorbildern als Einfachfenster mit filigranen Fenstersprossen und Vorfenstern in Eichenholz gefertigt. Fensterklappläden mit abgeplatteten Füllungen schützen vor den Unbilden der Witterung. An der rückwärtigen Fassade wurden die vorhandenen barocken bzw. neuzeitlichen Sprossenfenster mit Vorfenstern von ca. 1910 repariert.

Vorhandene, aber bisher überbaute Bretterbeläge mit Stufenfalz wurden freigelegt und ergänzt.

Holzblockwände mit profilierten Deckleisten waren mehrfach überstrichen. Die Anstriche wurden abgewaschen und abgelaugt, fehlende Holzteile ergänzt und die Oberfläche gewachst und geölt. Die reich profilierten und genuteten Deckenbalken wurden freigelegt, die schadhaften Teile und die Einschubbretter ergänzt. Die Oberfläche, wie oben behandelt.

Die teilweise vorhandene barocken Zimmertüren mit abgeplatteten Füllungen, historischen Belägen und den aufwendig profilierten Türverkleidungen wurden repariert und wieder gangbar gemacht.

Fehlende Geländer an der Geschosstreppe zum Dachspitz wurde mit einem Stahlgeländer dem derzeitigen Zeitgeschmack entsprechend ausgestattet.

Die Wandflächen wurden nach umfangreichen Bestandsanalysen mit Lehmputz versehen und mit Kalkkaseinfarbe gestrichen. Historische Putzreste wurden gesichert und sichtbar gelassen.

In einer 18-monatigen Bauzeit mit einem hohen persönlichen Einsatz in Form von Eigenarbeit durch die Bauherrschaft Richter ist es gelungen, ein tristes, dem Verfall preisgegebenes Bürgerhaus vor dem Abbruch zu bewahren.

Nach Abschluss der Sanierung ist dieses Objekt innerhalb des historischen Stadtkerns von Villingen ein gelungenes Beispiel einer erfolgreichen Sanierung und ein Mosaikstein für eine gute Stadtgestaltung.

Am „Tag der offenen Tür“ überzeugten sich über 500 Villinger Bürger von der erfolgreichen Erhaltung des historisch gewachsenen Gebäudes. Appellieren möchte ich bei dieser Gelegenheit an alle Bauwilligen, die sich mit dem Gedanken einer Sanierung eines Kulturdenkmals beschäftigen. Gehen Sie Ihr Projekt mutig an, eine spannende Aufgabe erwartet Sie, manchmal ist sie voller Überraschungen.