Die Restaurierung der Villinger „Benediktinerkirche“ St. Georg, der Sakristei und „Praelatur“ zum „Tausendjährigen“ 1999. (Dr. Josef Fuchs)

In Villingen hatten wir 1982 den Wiedereinzug ins Pfarrmünster nach mehrjähriger Außen- und Innenrenovation und im selben Jahr im Herbst die feierliche Eröffnung des EG-Bereiches des ehemaligen Franziskanerklosters samt Kirche zu kulturellen Zwecken. Stadtgemeinde und Pfarrei konnten mit einer gewissen Befriedigung auf eine gelungene Arbeit zurückblicken. Daß die evangelische Hauptkirche (seit 1853) ebenfalls die alte Johanniterkirche in jahrelanger Bemühung in besten Zustand versetzte, ist ein weiterer Punkt, gesetzt in einer Zeit, wo man auf rund 200 Jahre Abbau und Destruktion zurückblicken muß. Letzteres ist deshalb berechtigt zu sagen, weil durch Kaiser Josef II. der Befehl erlassen wurde, 1782 die beschaulichen Frauenklöster aufzulösen, was in erniedrigender Weise geschehen ist (Klarissen und Dominikanerinnen, s. Festschrift zum zweihundertjährigen Jubiläum des Ursulinenklosters Villingen, 1982).

Einige ausholende Anmerkungen zur Geschichte bis zu jenen erniedrigenden und tief schmerzlichen Ereignissen der Auflösung des Benediktinerklosters scheinen notwendig.

Es ist von grundlegender Bedeutung für die Frühgeschichte und Gründung von Villingen als Stadt, den (politischen) Willen des Gründers, Herzog Berthold, auch im Falle der Gründung des Klosters St. Georgen, am Werk zu sehen. Auch Herzog Berthold gehörte unerschütterlich zur kirchlich-gregorianischen Partei im Investiturstreit gegen Kaiser Heinrich IV. Wenn wir sodann noch im Hochmittelalter Belege für die Anwesenheit des Klosters in der Stadt Villingen haben (s. H. 1, Bened. Abtei St. Georg, 1995), so gewinnt das jetzige Unternehmen der Restaurierung der baulichen und künstlerischen Reste dieser Abtei in der Stadt Villingen eine auch zeitlich tiefe Beziehung.

Die Vertreibung von 1536 aus St. Georgen durch Beamte des Herzogs Ulrich von Württemberg ist dann jener Vorgang, der zum Gesamtsitz eines Benediktinerklosters innerhalb der Mauern einer Stadt führte (zum Wesen von Benediktinergründungen gehört es nach dem Willen des Ordensstifters St. Benedikt, in Einöde und Einsamkeit ihre Stätte der Anbetung, Betrachtung und Arbeit zu siedeln).

Das Villinger Stadtarchiv bewahrt vier königliche Belege für Privilegien des Klosters, welche sich alle auf das Privileg König Ferdinands, des Landesherrn Vorderösterreichs, beziehen, das dieser 1538 ausgestellt hat. Außer dem Schutz „in meiner Stadt Villingen“ wird u. a. Befreiung von Renten, Zinsen und Gülten (Grundsteuer und Naturalabgabe) gewährt.

Nach den Gefahren des 30jährigen Krieges, wo das Kloster in der Stadt Villingen Schutz fand, aber große Verluste an Einnahmen erlitt, konnte 1666 der erste große Konventbau mit Kapitelsaal und Bibliothek erstellt werden. 1688 folgt der Beginn des Kirchenbaus.

Der allgemeine Aufschwung nach Beendigung des Spanischen Erbfolgekriegs (und der Belagerung Villingens Juli 1704) hatte in diesem Kloster mit seinem hochstehenden Gymnasium und hochschulartigen Einrichtungen, etwa auch Medizin, einen mächtigen Anteil. Eine Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten sind daraus hervorgegangen. Doch „die gewaltsame Evakation“ (Aufhebung, wörtlich: Herausschweifung), wie Konventsmit-glied und Professor des Gymnasiums, P. Coelestin Spegele am 6. August 1806 schrieb, war nicht aufzuhalten, wie plötzlich diese über Kloster, Konvent und Abt Anselm Schababerle hereinbrach: „gewaltsame Evakation durch Württemberg“. Mehrere Schreiben von Prior Nikolaus Schneider an die Wttbg. Steuereinnehmer, u. a. über die Erlaubnis des Brotbackens und die Verpflegung der Konventualen. Das Stadtarchiv verwahrt u. a. diese Schreiben vom 8. Juni bis 5. August unter Lit. BB 75 — 77.

Am 7. März 1812 sind dann die Vorgänge über Wegführung von Uhr, Glocken und (Silbermann) Orgel aus der Kirche aufgezeichnet. Abt und Konvent mit 24 Patres-Professores konnten es 1806 noch dazu bringen, das Gymnasium ein Jahr zu erhalten. Berühmt war die Sammlung etwa für den Unterricht in Physik und Astronomie, wo einst Gelehrte wie Thadäus Rinderle tätig waren, der von dort aus an die Universität Freiburg berufen wurde, um das Fach Mathematik zu lehren. Aber es kam nicht so wie später in Überlingen, wo P. Prof. Franz Sales Wocheler, der (Mitglied des Auflösungskonvents) Stadtpfarrer von Überlingen und Gründer des dortigen Gymnasiums wurde. Wie hätte man also nicht Hoffnung auf den Bestand dieses Gymnasiums setzen können, zumal das Gedankengut der Aufklärung von Kaiser Josef II. die Bildung förderte.

Nur so ist es gerade im Königreich Württemberg und Großherzogtum Baden zu begreifen, was in diesem Jahrhundert z. B. auch in Villingen vor sich ging.

Im Kloster selbst wurde ein Lazarett — auch mit russischen Kriegsgefangenen — eingerichtet. Das gefürchtete Fieber kostete die nächsten 14 Jahre auch 243 Einwohner, auch Frauen und Kinder wie betont wird, das Leben.

In der Folge der Chronologie stoßen wir dann auf ein Dokument, das am 2. Mai 1823 datiert ist und von Domänenverwalter Willmann unterzeichnet ist. Dankenswerterweise gibt die Ortschronik von Bad Dürrheim von 1969, bes. S. 184 — 204 Aufschluß über die Entdeckung und Entwicklung der Sahne Dürrheim. Dort wird hervorgehoben, daß von den verschiedenen Salzlagern der Sahne nur Dürrheim und Villingen eine eigenständige Auslieferung betreiben.

Diese Salzlagerung in der Kirche — glaubte man bisher nach Daten an den Wänden der Kirche —habe 1828 begonnen. Nachdem aber Salinenverwalter Willmann im Mai 1923 bereits eine „Schätzung“ des Kircheninventars vorgenommen hat, muß man zwingend annehmen, daß die Absichten aus Karlsruhe seit 1823 bestehen, die Kirche zum Salzlager zu machen. Im Übrigen scheiterte der Abbruch des Hochaltars um an seiner Stelle eine Wageneinfahrt zu machen an der Massivität desselben. Auch daraus ergibt sich der Gesichtspunkt der sorgfältigen Restaurierung desselben und des großen Wandgemäldes, das 1928 und 1963 leider sehr schlecht übermalt wurde. Prof. Franz Xaver Kraus sagt von diesem Freskobild des Villinger Barockmalers Josef Anton Schilling, er habe dieses „schöne“ Freskobild 1732 gemalt.

Die Schätzungsliste von Willmann, beurkundet durch einen Maler, Schlosser- und Schreinermeister aus Villingen stellen ein äußerst wertvolles Zeitdokument dar: Der Hochaltar samt Freskobild „hat keinen Wert“ (gerade dieser Altar samt Tabernakel blieb erhalten).

Die Willmann’sche Liste ist für die jetzt laufende Renovation in etlichen Punkten von Bedeutung. Beichtstühle, Gestühle und Kästen, die aufgeführt sind, lassen sich anhand des vorhandenen Materials besser sondieren, so z. B. der Hinweis auf sechs gute Beichtstühle, von denen vier erhalten sind. Mit diesem Hinweis erklärt sich der Standort der Beichtstühle an den sechs Nischen der Seiten-jochwände. Auch in der Frage der Altäre kommt man ein Stück weiter, indem ein Bericht von Ferdinand Förderer von 1889 über drei Stuck- und einen Grottenaltar ergänzt wird. So ist ganz besonders die Frage nach den vier „Heiligen Leibern“ und deren Silbergehäusen zu stellen, deren Silber vermutlich von den königlich Württembergischen Beamten mitgenommen wurde. Wie es sich z. B. mit den Schupp’schen Seitenaltären aus der Erstausstattung und deren Heiligen Leibern verhält, die in bestem Zustand in der Kirche in Friedenweiler erhalten sind, muß weiter untersucht werden.

 

Eine recht heikle Frage dieses Komplexes stellt das Problem dar, auf welche Weise Kunst- u. a. Gegenstände des Benediktinerklosters in städtischen Besitz gekommen sind und bei Gründung der Villinger „Altertümersammlung“ 1870 dorthin kamen. Auffällig, daß die Gemälde der Äbte, die zur Klosterzeit in den Konventsgebäuden hingen, alle im städtischen und nicht pfarrlichen Besitz sind. Das bedeutendste davon, das große Gemälde des Abts Hieronymus Schue, aus Villingen stammend und 1756 verstorben, gibt mit dem dort sorgfältig gemalten Abtsstab einen weiteren Hinweis dafür, welch wertvolles Kunstgut — hier aus hiesigen Goldschmiedewerkstätten — nach Stuttgart gewandert ist.

Mit den Aufhebungslisten 1806 / 07 und 1823 haben wir einige Handhaben für die Behandlung der Reste, wie sie uns bei Beginn der Arbeiten Ende 1983 in der Kirche entgegentraten.

Wie lange die „Salzzeit“ in der Kirche gedauert wissen wir bis jetzt nicht. Es ist bekannt, daß in Kirche und Kloster die beiden „Schwarzwälder Industrieausstellungen“ 1856 und 1876 stattgefunden haben. Die Verzeichnisse der Aussteller, die gedruckt vorliegen, sagen sehr genau über Aussteller und Standorte Bescheid, so daß wir z. B. wissen, wo auf der Galerie ein Gütenbacher Uhrmacher seine Produkte gezeigt hat.

Erläuterungen zur Schätzungsliste vom 2. Mai 1823

fl. = Gulden, auch selten „florin“ genannt.

kr. = Kreuzer.

Altar von Gips. Gips wird hier der künstlerisch und in der Herstellung hochwertige mehrfarbige Stuck genannt.

Unter Nr. 4 sind Figuren von solchem „Gips“ genannt, von denen in der Schüttung ein Kopf und ein Vorfuß gefunden wurde.

Nr. 6: Der „Betstuhl“ des Prälaten befindet sich in der Klosterkirche am Bickentor, das Uhrgestell ist vor wenigen Jahren von dort in die Benediktinerkirche zurückgekehrt.

Nr. 8 und 9: die beiden genannten „Tore“ sind bzw. waren Eisengitter (die Gitter der Seitenjoche sind nicht erwähnt, offenbar schon nach 1806 entfernt).

Nr. 10: von den acht genannten Beichtstühlen von Martin Hermann, Villingen, sind noch vier erhalten.

Die sich wiederholende Nr. 9 und 10 berichten von Altären in Gipsmarmor (zerschlagene Teile davon haben wir 1994 und Anfang 1995 im Schutt unter dem Holzboden geborgen.

Die unter Nr. 12 und 13 genannten Altäre kamen damals nach Dürrheim in die dortige Pfarrkirche. Diese Altäre konnten beim Umbau der Dürrheimer Kirche 1971 wieder erworben und in die Benediktinerkirche verbracht werden.

Nr. 20 und 21: Die 36 Kirchenstühl und die 6 Baluster sind erhalten, die reich geschnitzten Docken sind in kraftvollem Frühbarock geschnitzt.

Nr. 23: Von den 28 „Kästen“ sind noch fünf Volutenschränke erhalten (von den zwölf der Sakristei).

 

Abbau des Chorgestühls — wertvolles Intarsien-Gestühl, um 1735 vom berühmten Villinger Kunstschreiner Martin Hermann —August 1995.

1903 ging dann die Kirche in die Nutzung der Münsterpfarrei über. 1924 konnte die Pfarrei die Kirche durch Tausch mit der Stadt, indem dieselbe das alte Pfarrhaus als Rathaus erhielt, in ihr Eigentum erhalten.

Wir wissen es nicht, vermuten aber, daß die bekannte Villinger Malerwerkstatt Albert Säger die Kirche 1903 nach altem Vorbild neu gefaßt hat. Farbpostkarten dieser Fassung sind noch vorhanden. 1963 / 64 hat dann eine Abbürstung dieser Fassung mit Drahtbürsten stattgefunden und eine Überstreichung mit einer Sandschlemme unter Verzicht auf den alten Dekor.

Von diesem Dekor wissen wir, daß er die ganze Kirche von den Pilastern bis zu den Basen erfaßte und in vertieften Spiegeln an allen Gurtbögen gemalt war von Joh. Michael Schmadel, 1758 / 60, aus Vorarlberg.

Nachdem zur Überraschung aller der originale, diagonal verlegte Sandsteinfußboden samt Erhöhungen der Seitenschiffe und auch die profilierten Eichenschwellen des Gestühls unter dem Holzfußboden ans Tageslicht kamen, ist der Weg freigelegt zu einer Neugestaltung. Mit dieser sieht man sich in der Lage sowie mit finanzieller Unterstützung des Landes und der Erzdiözese, einen Teil der Sünden des 19. Jahrhunderts wiedergutzumachen.

Restaurator Julian Kaminski bei der Restaurierung des 6,2 m hohen Barockgemäldes der Villinger Maler Georg Samuel und Joh. Seb. Schilling, Vater und Sohn, von 1736 (Sommer 1994).

 

Bei einer vorläufigen, versuchten Übersicht bezüglich der jetzigen Aufgaben der Restaurierung sind besonders solche einer zukünftigen Nutzung mit einzubeziehen. Hier hilft uns z. B. der Denkmalpfleger nicht und es gehört auch nicht zu seinen Aufgaben. Denkt man ans jetzige und zukünftige positive Tun der Einwohner- und Pfarrgemeinde, so darf man jene Männer, Pfarrer Oberle und Chorregent Fidel Dürr, Vater des Kunstmalers Dürr, nicht vergessen, die noch wertvolle Kunstgegenstände gerettet haben. Dies geschah gerade in den Jahren, wo man ab 1827 ungefähr die Grabsteine aus der Altstadtkirche, der Mutterkirche Villingens, dem Münster und der Franziskanerkirche herausriß, um sie u. a. als Übergangssteine über die Stadtbäche zu verwenden. 1829 dann kam es laut dem Bericht von Pfarrer Oberle zu Versteigerungen von Kirchengut, wo Oberle den bekannt gewordenen Satz schrieb: „der Hebräer Dettelbacher aus Freiburg hat eine gotische Monstranz für 7 Gulden wohlfeil ersteigert“. Es war genau auch die Zeit, als die großherzogliche Regierung mit großem Nachdruck und Androhung militärischer Mittel den Villingern zumutete, den Johanniterkirchturm abzutragen und in Turm und Kirche ein Gefängnis einzubauen, wogegen sich die Villinger vehement zur Wehr gesetzt haben. In jenen Jahren sind auch Franzis-kaneraltäre verkauft worden und es wurden im Chor der Franziskanerkirche Zimmer eingebaut. Vom Benediktinerkloster ist berichtet, daß Fenster und Türen herausgerissen wurden und die Anlage völlig verwahrlost war. Da kommt das 20. Jahrhundert dann doch etwas besser weg obwohl, die Beseitigung der Wandfassung in der Kirche vor rund 32 Jahren uns schwer zu schaffen macht. Die Reste lassen jedoch eine Restaurierung zu.

Abt Hieronymus Schue, gemalt von Joh. Seb. Schilling ca. 1750. Der („verlorene“) Abtsstab, wertvolle Villinger Arbeit, ist gut erkennbar.

 

Abschließend kann und muß noch gesagt werden: der viel gehörte Satz, die Konjunktur nach dem Krieg habe in Deutschland mehr zerstört als die Bomben des Krieges, so gilt das Gott sei Dank in Villingen nur im kleinsten Maße. Im Bereich Benediktiner war es die Gefahr des Abrisses der Zehntscheuer und die Aushölung der Prälatur. Auch die Übernutzung der ehemaligen Konvents-gebäude und der Bau der Turnhalle haben das ihre getan, um das äußere Umfeld zu dezimieren, war doch die Klosteranlage mit Mauern und Gärten eine sehr harmonische, wie die historischen Darstellungen zeigen.