Das Heilig-Geist-Spital zu Villingen im Schwarzwald (Wolfgang Berweck)

Erinnerungen und Erkenntnisse

Als mich der Vorstand des Geschichts- und Heimatvereines vor einigen Monaten bat, doch noch einmal schriftlich über das Heilig-Geist-Spital unserer Stadt zu referieren, bin ich dieser Bitte gerne aus zwei Gründen nachgekommen: Zum einen ist meine 1963 im Ring-Verlag Villingen/Schwarzwald erschienene Dissertation über das Heilig-Geist-Spital unserer Stadt seit vielen Jahren vergriffen, zum anderen nütze ich die Gelegenheit, an den Beginn dieser „Zweitauswertung“ meiner Arbeit einige Erinnerungen zu stellen.

Es ist jetzt knapp 30 Jahre her, als ich Professor Revellio im Villinger Stadtwald begegnete. Er war ein von mir besonders hoch geschätzter Lehrer, der zusammen mit den Oberstudienräten Maichle und Wickert meine späteren Interessen und Liebhabereien bis zum heutigen Tag besonders geprägt hat. Revellio fragte mich, wie es mir denn so ginge und was ich vorhätte. Ich berichtete ihm von meinem Jurastudium in Freiburg, insbesondere den Seminaren bei Professor Dr. Thieme und davon, daß ich eigentlich die Absicht hätte, rechtsgeschichtlich zu promovieren, daß es aber wohl über Villingen kein einschlägiges Thema gäbe. „Dummes Zeug!“ war Revellios Antwort und er schlug mir als profunder Kenner des Villinger Urkundenbestandes auch sogleich einige Themen vor. Er riet mir ferner, ich möge mich vor einer weiteren Kontaktaufnahme mit dem in Aussicht genommenen „Doktorvater“, zunächst mit Herrn Professor Bader, in Verbindung setzen, welcher damals auf der Reichenau weilte, und auch ihm von seinem Vorschlag und meinen Plänen berichten. Gesagt, getan. Wenige Tage später traf ich Professor Bader auf der Reichenau und er schlug mir — wie Revellio — vor, über das Heilig-Geist-Spital zu schreiben. Ein in der Tat guter Vorschlag, denn damals setzte buchstäblich ein Trend ein, Wohlfahrtseinrichtungen in mittelalterlichen Städten im Anschluß an die verdienstvollen Untersuchungen von Reicke gezielt weiter zu untersuchen und weitere Gemeinsamkeiten zu finden, Geschichtsschreibung nicht nur als Historie von Kriegen und des Gewinns und des Verlusts von Territorien, sondern mit dem Ziel, sich dem Schicksal und Alltag des Menschen in seiner Zeit zuzuwenden. Auch Professor Dr. Thieme war mit dem Thema einverstanden und, nachdem ich das erste Staatsexamen bestanden hatte, begannen vier Jahre —ich hatte die Schwierigkeit der übernommenen Aufgabe gewaltig unterschätzt —, in denen ich neben meiner Ausbildung als Gerichtsreferendar buchstäblich jede freie Stunde in die Aufarbeitung des gedruckten und ungedruckten Urkundenmaterials über das Heilig-Geist-Spital steckte. Die Arbeitsbedingungen waren einerseits gut, denn Professor Revellio hatte — er mußte nach dem Krieg aus politischen Gründen den Schuldienst vorübergehend verlassen — diese Jahre dazu genützt, den städtischen Urkundenbestand sorgfältig zu erfassen, einzeln einzutaschen und den wesentlichen Inhalt der Urkunden auf diesen Taschen zu notieren. Das heißt, die Urkunden waren zeitlich geordnet und leicht auffindbar. Aber es war alles andere als einfach, Urkunden, die im Laufe von Jahrhunderten von vielen verschiedenen Schreibern in mancherlei Schriften geschrieben worden waren, auch zu lesen. Und so machten Professor Revellio und ich uns in stunden- und tagelangen Sitzungen daran, diese Urkunden zu entziffern. Jeder, der uns dabei beobachtet hätte, hätte geschmunzelt. Mit dem Finger unter jeder Zeile lasen wir beide Dutzende von Urkunden laut und gleichzeitig vor uns hin, und wenn wir etwas verschiedenes lasen, erörterten wir, wie der Text wohl tatsächlich lauten könnte. Denkbar ungünstig waren die sonstigen Bedingungen. Ein Teil der Urkunden befand sich im sogenannten Bunker hinter der Stadtkasse. Dort mußte in der kalten Jahreszeit zunächst ein uralter, rauchender Ofen angefeuert werden, indem man zunächst sogenannte Sprießele machte und schließlich nach und nach hochheizte. Häufig wurde es erst richtig warm, als unser Arbeitstag schon vorüber war. Mir sind jene Wochen und Monate unvergessen, unvergessen auch das Engagement und die ebenso liebevolle wie energische Fürsorge von Professor Revellio, der ja sonst eher als etwas barscher und schwer zugänglicher Kauz galt. Vergleicht man die Bedingungen, unter denen später Archivare der Stadt hätten arbeiten können, muß man mit allem Respekt, vergleicht man das Lebenswerk Revellios mit dem seiner Nachfolger, fragen, ob diese ihre Zeit auch so genützt haben wie Revellio.

Als schließlich eine gewisse Zeit des Informierens und des Sammelns verstrichen war, meinte Revellio dann allerdings mit allem Nachdruck, nun sei es Zeit, daß ich endlich anfinge zu schreiben. Er hielt es für den größten Fehler vieler Geschichtsschreiber, daß sie vor lauter sammeln, ordnen und archivieren nicht zum Schreiben kämen und am Schluß eigentlich bei ihrer Arbeit „nichts heraus“ käme. Recht hatte er. Also machte ich mich an die Arbeit. Schließlich wurde die Dissertation von der juristischen Fakultät der Universität Freiburg angenommen. Berichterstatter war übrigens Professor Beyerle, der sich Jahrzehnte zuvor mit einer vergleichenden rechtshistorischen Arbeit über Villingen und Freiburg i. Breisgau habilitiert hatte. Damit wäre ich am Ende meiner Reminiszenzen und eigentlich wäre es erfreulicher, ich könnte den geneigten Leser auf die Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen und die dort erschienene Dissertation hinweisen. Für diejenigen also, die seinerzeit das Buch nicht gekauft haben — und ein Nachdruck ist nicht in Sicht — sei also das wichtigste von den Ergebnissen meiner seinerzeitigen Bemühungen wiederholt. Ich habe mir das im Einvernehmen mit der Schriftleitung so vorgestellt, daß dies zum einen Teil in diesem und zum anderen Teil im nächsten Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereines abgedruckt werden soll. Selbstverständlich verzichte ich in Nachstehendem auf jeden wissenschaftlichen Apparat. Der findet sich überreichlich in 490 Anmerkungen in meiner Dissertation.

Wenden wir uns zunächst der Gründungsgeschichte des Heilig-Geist-Spitals in Villingen zu. Die ältesten Hinweise rühren aus einer chronikalischen Nachricht von 1271, der bekannten Villinger Chronik von Heinrich Hug. Es heißt dort: „Anno 1271 Jahr ist schier die ganze stadt Villingen ausgebrunnen, das spitall, Johanniter- und Barfueßerkloster außgenommen. Seyndt 330 per-sonen, weib und kindt, verbrunnen. Und seind in dißen jar zwey graffen gestorben, einer von Fürstenberg, einer von Zeringen, alhie.“

In den St. Georger Jahrbüchern des 17. Jahrhunderts wird diese Nachricht wiederholt. Das heißt, es wird darauf verwiesen, daß das Spital und das Barfueßerkloster durch das Feuer nicht geschädigt worden seien. Ich bin freilich in meiner Dissertation davon ausgegangen, daß der geschichtliche Wert dieser Nachrichten zweifelhaft sei. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Aus der zentralen Lage des Spitals — es lag zwischen Münster und Rietstraße —, läßt sich im Vergleich zur örtlichen Lage anderer Spitäler in anderen Städten mit gesichertem Gründungsdatum der Schluß ziehen, daß das Spital älter ist als der älteste, völlig gesicherte Beleg für ein Heilig-Geist-Spital in Villingen. Hier handelt es sich um einen Ablaßbrief, ausgestellt in Rom am 15. April 1286, in dem zur Mithilfe bei der Vollendung des Heilig-Geist-Spitals in Villingen aufgerufen wird. Die Auswertung weiterer Urkunden und deren sorgfältige Exegese führte schließlich zu dem Ergebnis, daß die Gründung des Spitals spätestens zwischen 1284 und 1286 erfolgt sein muß, es sei denn, man folgt den zitierten chronikalischen Nachrichten, die sich zweifellos auf ein älteres Spital beziehen. Aber auch mit diesem zweifelsfrei gesicherten späteren Datum steht das Heilig-Geist-Spital von Villingen in zeitlicher Folge der Spitalgründungen immerhin unter den wichtigsten südwestdeutschen Spitälern an 12. Stelle. Die Gründung oder vielleicht auch Neugründung des Spitals war im wesentlichen das Werk von Gräfin Agnes von Fürstenberg. Sie hat in den Jahren nach der Gründung freigebig zur Erhaltung und Erweiterung des Spitals beigetragen, und auch ihre Söhne haben in späterer Zeit immer wieder darauf hingewiesen, daß ihre Schenkungen oder Vergünstigungen auf Bitten der Mutter erfolgt seien.

Über das Schicksal des Spitals in den folgenden Jahren gibt es verschiedene Vermutungen, bei denen möglicherweise die Auswertung weiterer Urkunden, die sich nicht im Urkundenbestand des Spitals selbst befinden, weiterhelfen könnte. Fest steht aber, daß es jedenfalls nach 1300 in Villingen nur ein Spital gegeben hat und daß aus ihm im Jahre 1322 — spätestens — das Leprosorium der „Siechen am Feld“ hervorgegangen ist.

Immer wieder wird die Auffassung vertreten, als handle es sich bei den Spitälern, insbesondere solchen mit der Zusatzbezeichnung „Heilig-Geist“, um kirchliche Einrichtungen. Das war, wie anderenorts, auch in Villingen keineswegs so. Das Spital war zunächst eine Einrichtung des Stadtherrn, also der Grafen von Fürstenberg, der allerdings dem Spital schon 1288 die Rechte des Freiburger Spitals gewährt, was bedeutet, daß er das Spital aus seiner Obhut entläßt und den Prozeß der Verbürgerlichung einleitet. Damit wird das Villinger Heilig-Geist-Spital demjenigen von Freiburg gleichgestellt, welches von Anfang an eine Gründung der Bürgerschaft war und von Anfang an von den Organen des Stadtregimes verwaltet worden war. Freilich war dies in Villingen kein vereinzelter oder gar ungewöhnlicher Vorgang. Es entsprach damals dem Zug der Zeit, die ursprünglich bruderschaftlich organisierten Spitäler, an deren Spitze ein sogenannter Meister stand, einer möglicherweise schlagkräftigeren, sicher aber mit mehr Macht ausgestatteten städtischen Verwaltung zu unterstellen.

Diese Verbürgerlichung des Spitals führte zu einer sogenannten Pflegschaftsverfassung. Das heißt, das Spital wurde von drei Organen verwaltet. Oberstes Leitungsorgan war der Rat der Stadt.

Dabei gab es Bereiche, in denen der Rat ausschließlich für das Spital handelte und allein das Spital vertrat, und andere, in deren Bereich der Rat nicht selber handelte, sondern durch Genehmigung oder Ablehnung zustimmungsbedürftige Rechtsgeschäfte, die durch die Pfleger abgeschlossen worden waren, an der Verwaltung mitwirkte. Im Spitalalltag sorgte der Spitalmeister für geordnete Zustände.

Natürgemäß war der Bereich, in dem der Rat der Stadt für das Spital handelte, klein. Er handelte im wesentlichen dann selbst, wenn Rechtsverkehr mit auswärtigen Mächten und Herrschaften abzuwickeln war, etwa mit den Grafen von Fürstenberg oder den späteren Stadtherren, den Habsburgern.

Im übrigen erfolgte die Einflußnahme des Rates auf die Spitalverwaltung dadurch, daß fast alle Rechtsgeschäfte zwar von den Pflegern vorgenommen wurden, daß diese aber in zunehmendem Maße an die Einwilligung des Rates gebunden waren. Dies gilt insbesondere für die Veräußerung von Grundstücken und für die von den Pflegern vor einem Ratsausschuß zu legende Jahresrechnung. Ich will diese Einzelheiten hier nicht vertiefen. Ich warne aber davor anzunehmen, als sei durch diese starke Machtstellung des Rates eine Vermischung städtischen Vermögens mit dem Spitalvermögen sozusagen programmiert gewesen. Die Urkunden beweisen, daß das Spitalvermögen jahrhundertelang außerordentlich sorgfältig, ja geradezu eifersüchtig als eigenes Stiftungsvermögen behandelt und bewahrt blieb. Die Urkunden geben beispielsweise nichts dafür her, daß etwa die Stadt Grundstücke des Spitals ohne Einhaltung jeglicher Förmlichkeiten kurzerhand für sich in Anspruch genommen hätte, wie dies beispielsweise in den letzten Jahren von der Stadt Villingen-Schwenningen u. a. für den Bau des Micro-Instituts für richtig gehalten worden ist. Es ist auch nichts dafür vorgefunden worden, daß Spitalgrundstücke auf dem Umweg eines Erwerbs durch die Stadt etwa einer anderen geplanten sozialen Einrichtung zugeschanzt worden wären, wie dies ebenfalls in den letzten Jahren zu beklagen war.

Ursache dafür könnte sein, daß diejenigen, die an der Begründung des Spitalvermögens so tatkräftig mitgewirkt haben, nämlich die Grafen von Fürstenberg, in den Jahrzehnten nach der Gründung zweifellos ein besonderes Auge auf die Einrichtung geworfen haben und daß in den Jahren danach diejenigen, welche das Spital mit Stiftungen bedacht haben, zum Teil andere wohltätige Institutionen — zum Beispiel Klöster — damit betraut haben, die Verwendung ihrer Stiftung durch das Spital zu überwachen, wobei im Falle eines Mißbrauchs das Spital Gefahr lief, die Stiftung an die überwachende Institution zu verlieren. Es bestand und besteht deshalb bis zum heutigen Tag aller Anlaß, daß der Oberbürgermeister der Stadt Villingen-Schwenningen als Vorsitzender des Stiftungsrates einerseits und als Stadtoberhaupt andererseits sogenannte In-sich-Geschäfte zwischen Stadt und Spital so objektiv wie möglich abwickelt. Die Stiftungsaufsicht beim Regierungspräsidium in Freiburg hat jedenfalls ihre Verpflichtung zur Kontrolle gerade solcher Geschäfte nicht mit der notwendigen Sorgfalt wahrgenommen. Es war in alten Zeiten auch nicht üblich, daß die Pfleger sich für ihre Arbeit bezahlen ließen. Auch das hat sich inzwischen geändert, der Stiftungsvorstand bezieht seit der Amtszeit des vorletzten Oberbürgermeisters eine monatliche Vergütung, die Mitglieder des Stiftungsrats ein allerdings höchst bescheidenes Sitzungsgeld.

Doch nun zur zweiten Stufe in der Hierarchie der Spitalverwaltung, den Pflegern.

Als vor einigen Jahren in einer hiesigen Tageszeitung aus Anlaß des jetzigen Neubaues des Altenheimes über die geschichtsträchtige Vergangenheit des Heilig-Geist-Spitals berichtet wurde, meinte die Redakteurin, bei den Pflegern handle es sich um Kranken- und Altenpfleger. Davon kann natürlich keine Rede sein. Die Pfleger waren diejenigen, die für das Spital Rechtsgeschäfte abwickelten. Sie waren in aller Regel Angehörige des Rates, also des Gremiums, welches sie zu überwachen hatten. Häufig gehörten auch Bürgermeister und Schultheiß zu den Pflegern. Wahrscheinlich haben die oben zitierten Kontrollrechte von Stiftern und ihren Nachfahren und die von den Stiftern eingesetzten Kontrollinstitutionen mit Erfolg dafür gesorgt, daß es zu einer Vermischung beider Vermögen oder auch nur einer Vermischung der Interessenlagen beider Vermögen möglichst nicht kam. Das Spitalvermögen war und blieb zweckgebundenes Sondergut. Überschüsse kamen nicht der städtischen Finanzlage zugute, sondern wurden ausschließlich Spitalzwecken zugeführt. Auch gewährte das Spital der Stadt Darlehen, wobei die Stadt selbstverständlich Zinsen zu zahlen hatte und auch regelmäßig bezahlte. Soweit es zu gegenseitigen Leistungen von Spital und Stadt kam, wurden sorgfältige jährliche Abrechnungen gefertigt, wobei von seiten der Stadt ein Pfennigpfleger, von seiten des Spitals einer der Pfleger mitwirkte. Eine weitere Konfliktmöglichkeit gab es dadurch, daß die Pfleger des Spitals zugleich auch Pfleger des Leprosoriums der „Siechen am Feld“ waren. Außerdem hatten die Pfleger die Pfründen der sowohl am Spital wie auch im Leprosorium tätigen Kapläne zu verwalten. Die Pfleger hatten also vier verschiedene Vermögensmassen gegen die Interessen der Stadt und gegeneinander abzuschirmen. Es sollen die Einzelheiten dieser überreichlich vorhandenen Konfliktsituationen im einzelnen nicht erörtert werden. Wenden wir uns einem anderen, sicherlich verantwortungsvolleren Aufgabenbereich der Pfleger zu, nämlich dem Abschluß von sogenannten Pfründverträgen. Pfründverträge sind Verträge über die entgeltliche Aufnahme von Pfründnern im Spital und die Aushandlung der von diesen Pfründnern zu erbringenden Gegenleistung. Es wird weiter unten noch auszuführen sein, welche Palette an Versorgungsmöglichkeiten das Spital seinen Pfründnern bot und welche Gegenleistung hierfür zu entrichten war. Das Hauptproblem war in einer Zeit, in der es noch keine statistisch erfaßte durchschnittliche Lebenserwartung gab und in der man noch nicht in der Lage war, den versicherungsmathematischen Barwert einer Leibrente zu ermitteln, das Aushandeln von Leistung und Gegenleistung, ein wahrhaft diffiziles Unterfangen. Aber man behalf sich, indem man von vorneherein beim Abschluß sogenannter Pfründverträge darauf hinwirkte, daß die Pfründner, so sie Leistungen des Spitals in Anspruch nahmen, so reichlich bezahlten, daß auch bei einer überdurchschnittlichen Lebensdauer und bei überdurchschnittlicher Leistungsinanspruchnahme das Spital sich zu seinem Vorteil aus der Affäre zog.

Ähnlich verhielt es sich, wenn man mit Stiftern über die Stiftung von Almosen, etwa Wein- oder Brotspenden oder die Unterhaltung eines Lichts in der Stube des Armen und Siechen zur Nachtzeit verhandelte. Es war schon genau zu überprüfen, ob das angebotene Stiftungsgut auch dazu ausreichte, den ausbedungenen Stiftungszweck zu finanzieren, also zu verhindern, daß das Spital etwa Geld zuschießen mußte. Und so kam es in der Tat vor, daß das Spital beispielsweise eine Weinspende, die in einer vom Stifter genau festgelegten Weise an die Siechen im Spital zu verteilen war, die Stiftungsauflage nur mit großem „Nachzug oder Nachteil“ des Spitals zu finanzieren war. Man konnte sich deshalb einige Jahrzehnte später glücklicherweise mit dem Sohn des Stifters vergleichen und sich gegen Rückgabe des Stiftungsgutes von der Stiftungsverpflichtung lösen.

Auch Leibrentenverträge wurden geschlossen, bei denen gegen Hingabe eines Kapitals eine jährliche Rente vereinbart war. Dabei wurden zum Teil uns heute amüsant anrührende, aber durchaus zeittypische Verfallsklauseln vereinbart. Etwa: wenn das Spital es versäumte, die vereinbarte Leibrente pünktlich zu zahlen, hatte der Leibrentner das Recht, sich in einer Gaststätte solange versorgen zu lassen, und zwar auf Kosten des Spitals, bis die Leibrente und der Wirt bezahlt waren.

Im weiteren Verlauf der Geschichte hat das Spital auch viele Darlehensgeschäfte abgeschlossen. Dabei wurde nicht nur an Gewerbetreibende der Stadt, beispielsweise Handwerker, zu denen auch der berühmte Villinger Kunsttöpfer Hans Kraut gehörte, Beträge ausgeliehen. Es kam auch häufig vor, daß auswärtige Herrschaften ganz beträchtliche Summen vom Spital als Darlehen aufnahmen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bestand ein Viertel der gesamten Einnahmen des Spitals — man muß allerdings die Naturaleinnahmen aus der Landwirtschaft entsprechend relativieren — aus Zinsen, die auswärtige Darlehensnehmer an das Spital zu bezahlen hatten.

In der Regel waren drei Pfleger für das Spital tätig. Sie wurden aus der Mitte des Rates durch diesen selbst bestellt. Weder die Stifter des Spitals, die Herren von Fürstenberg, noch danach die Habsburger als neue Stadtherren haben je in die Verwaltung des Spitals eingegriffen. Die Amtsdauer der Pfleger war entsprechend derjenigen anderer städtischer Ämter. Sie betrug ein Jahr. Eine wiederholte Bestellung war allerdings zulässig und wurde auch gerne ausgeübt.

In der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie stand der Spitalmeister. Er ist derjenige, der die alltäglichen Geschäfte als Leiter der Hausgemeinschaft besorgt. Im einzelnen wird seine Position durch die sogenannten Spitalordnungen geregelt, von denen ich im zweiten Teil dieser Abhandlung, welche im nächsten Heft erscheinen wird, einen Auszug bringen möchte. Vergleicht man von den erhaltenen Spitalordnungen diejenige von 1502 mit derjenigen von 1740, dann erlebt man eine unvorstellbare Kontinuität der Lebensformen über die Jahrhunderte hinweg. Eine Kontinuität, die wir uns heute, vergleichen wir die äußeren Umstände unseres Lebens mit denjenigen unserer Großeltern oder auch nur unserer Eltern, eigentlich gar nicht mehr vorstellen können.

Der Spitalmeister wohnt im Spital. Er beaufsichtigt das gesamte, übrigens recht zahlreiche Personal. Er sorgt dafür, daß den Pfründnern die mit ihnen ausgehandelten Leistungen gewährt werden. Er gewährleistet die Pflege der Kranken und Wöchnerinnen. Durch seine Hände gehen alle Einnahmen und Ausgaben. Er veranlaßt die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Vorräten und organisiert die Naturaleinkünfte des Spitals. Er bezahlt die Wein- und Salzrechnungen. Er kauft auf den Viehmärkten ein und verkauft dort übrigens bis zu 350 Stück Vieh im Jahr. Er zahlt den Taglöhnern den Lohn aus, stellt die für den Betrieb des Spitals notwendigen Knechte und Mägde ein und führt sie dem Bürgermeister bzw. den Pflegern vor, von denen sie vereidigt werden.

Der Spitalmeister beschafft das notwendige Handwerkszeug und ist verantwortlich für die Instandhaltung der Spitalgebäude. Er legt fest, wann welche Reparaturen durchzuführen sind, gibt den Handwerkern die entsprechenden Aufträge und bezahlt deren Rechnungen. Einmal im Jahr legt er Rechnung, wobei er nicht nur den Geldfluß, sondern auch den Güterumschlag aus der Eigenwirtschaft des Spitals genau verzeichnen und verantworten muß. Er führt die Listen über das Inventar des Spitals, seine Vorräte und den Viehbestand. Er verzeichnet, was die Pfründer in das Spital einbringen und was vom Eingebrachten dem sogenannten Anfallsrecht des Spitals unterliegt.

Diese Vielfalt der dem Spitalmeister übertragenen Aufgaben macht deutlich, daß es von seinem Geschick und seiner Zuverlässigkeit ganz entscheidend abhing, wenn im Spital mit Gewinn gewirtschaftet wurde. Genau dies aber war und ist die Voraussetzung, um über Jahrhunderte hinweg den Großteil der städtischen Armenfürsorge der Stadt zu leisten und die damit verbundenen Lasten zu tragen und das Spital vor Verlusten zu schützen. Es wäre kurzsichtig zu meinen, daran hätte sich in der heutigen Zeit auch nur ein Deut geändert. Wenn das Spital auch zukünftig seinen Aufgaben gerecht werden will, muß es auch in der heutigen Zeit, ungeachtet aller öffentlichen Förderung, als soziale Einrichtung einerseits, aber auch als angemessen zu nutzendes, wirtschaftliches Unternehmen andererseits geführt werden.

Stellvertreter des Spitalmeisters ist der Pfister —Bäcker —. Daneben gibt es eine Siechenmeisterin, die für Reinlichkeit in den Räumen und der Kleidung verantwortlich ist. Ackermeister und Scheu-ermeier sind für die Bestellung der Spitaläcker und die Einhaltung der Anbaufolge verantwortlich, der Scheuermeier darüber hinaus natürlich für die Verwaltung der Vorräte unter Verwendung von Kerbhölzern. In der Spitalmühle gibt es einen Mühlmeister, wobei das Spital nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern auch für Dritte mahlt. Für die Zubereitung von Mahlzeiten und Wiederverwendung von Resten gibt es genaue Anweisungen an den Koch. Ein Almosenbitter macht die dem Spital gewährten Ablässe den geistlichen Herren und auch sonst wo bekannt und wirkt auf Almosenstiftungen zu Gunsten des Spitals hin. Ein Spitalschreiber fertigt in erforderlichem Umfang Urkunden und Abrechnungen, wobei das Spital sich gelegentlich auch des Stadtschreibers bedient. Schließlich gibt es im Spital einen Kaplan, der neben den üblichen seelsorgerlichen Aufgaben insbesondere verpflichtet ist, die mit vielen Stiftungen verbundenen Jahrtagmessen zu halten. Eine besondere Aufgabe bewältigte übrigens der Kaplan, der im Jahre 1379 Dienst tat. Es war Heinrich Immendinger, der ein umfängliches Urbar über den Spitalbesitz anlegte, welches später von den Spital- und Stadtschreibern fortgeführt worden ist.

In einer zweiten Folge soll vom täglichen Leben der Insassen des Spitals berichtet werden. Ferner soll die wirtschaftliche Bedeutung des Spitals als Großgrundbesitzer und Lehensherr geschildert werden.

Nachstehend folgen schließlich einige Urkundenabschriften, die das oben beschriebene verdeutlichen mögen. Nämlich der Wortlaut des Eides, den die Spitalpfleger zu leisten hatten, ein Beispiel der von den Pflegern zu haltenden Jahresrechnung des Spitals, ein Beispiel für eine Weinspende.

Beispiel für eine Jahresrechnung des Spitals — Gelt Rechnung

Die Wiedergabe ist stark gekürzt; im Original bilden die Rechnungen Hefte von etwa 28 Seiten Umfang.

 

Fricht Rechnung

„Fricht“-Rechnungen sind wesentlich umfänglicher, das Beispiel konnte deshalb nur stark gekürzt wiedergegeben werden.

 

 

 

Diese Zeichnung von der Benediktinerkirche erhielten wir von unserem Mitglied Rudolf Heck aus seiner umfangreichen Sammlung Altvillinger Motive zur Veröffentlichung.