„Einzigartiger“ Silbermann (Gerhard Hauser)

Gaston Kern rekonstruiert in Hattmatt eine Orgellegende für die Villinger Benediktinerkirche

Im Herbst 2001 tauschte erneut ein Orgelbauer das milde Elsass mit dem rauen Schwarzwald ein, so wie Mitte 18. Jahrhunderts schon Johann Andreas Silbermann: Beide Biographien verweben sich in der Zähringerstadt Villingen zu einem außergewöhnlichen Projekt, vielleicht einem der bedeutendsten der jüngeren Orgelbaugeschichte überhaupt, denn der Hattmatter Gaston Kern rekonstruiert zur Zeit die legendäre Silbermann- Orgel der Villinger Benediktinerkirche – in wenigen Monaten wird sich zeigen, ob sein Werk von Erfolg gekrönt war, 250 Jahre nach der Fertigstellung des Originals.

Als 1752 Johann Andreas Silbermann, einer der bekannten Vertreter der ursprünglich aus dem Erzgebirge stammenden Orgel- und Klavierbauerfamilie, das Instrument – übrigens sein erster Auftrag in Baden – in der Benediktinerkirche eingebaut hatte, waren sich die Mönche in Villingen durchaus bewusst, welch ein „Juwel“ man sich erwarb. Denn Silbermann galt schon damals als ein teurer Mann, der auch einiges zu bieten hatte. Der Straßburger verband die sehr ausdruckstarke französische Orgelbaukunst mit der eher weichen mitteldeutschen zu einem ganz neuen Klangerlebnis. Das Ergebnis musste auch dem badischen Großherzog Karl Friedrich gefallen haben, denn er ließ die Orgel 1812 nach der Auflösung des Benediktinerklosters in Villingen ausbauen und in der Residenzstadt Karlsruhe aufstellen, wo sie nach mehreren Umbauten 1944 bei einem alliierten Bombenangriff völlig zerstört wurde.

 

Zaungäste aus Villingen stellten sich in der Werkstatt von Gaston Kern recht zahlreich ein. Alle wollten dem Orgelbauer bei seinem Werk – wie hier beim Einbau des Spieltisches – einmal über die Schulter schauen.

Im Zuge der Renovation der Benediktinerkirche liebäugelte die Münstergemeinde zum ersten Mal damit, die Orgel zu rekonstruieren, allerdings schreckten zunächst die Kosten von 1,5 Millionen Mark. Dann, abgekoppelt von der eigentlichen Kirchensanierung, wurde das Projekt unter dem Dreigespann – gebildet von Münsterpfarrer Dekan Kurt Müller, dem damaligen und inzwischen nach Trier abgewanderten Münsterorganisten und Bezirkskantor Stephan Rommelspacher sowie dem Sprecher des Arbeitskreises Silbermann-Orgel, dem engagierten Spendensammler Ulrich Kolberg – in Angriff genommen. Um die bundesweit erste Vollrekonstruktion des verlorengegangenen Meisterstückes zu ermöglichen, wurde eine Fachkommission eingesetzt, die unter dem renommierten Orgelfachmann, dem Straßburger Professor Marc Schaefer, den Orgelbauer Gaston Kern aus dem elsässischen Dörfchen Hattmatt berief.

Wer Gaston Kern in seiner inzwischen weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannten Orgelbau- Manufaktur besucht, wird stutzen: Von der verspielten Postkarten-Idylle der elsässischen Weinstraße ist nichts zu spüren, stattdessen dominiert ein rustikaler Charme. In dem früheren Bahnhof des Örtchens, unweit Saverne, hat sich der Orgelbauer mit seiner Mannschaft angesiedelt. Die weiten Hallen sind für den 61-Jährigen ideal, hat er doch die Möglichkeit, die restaurierten oder wie im Falle Villingens rekonstruierten Instrumente auch aufzubauen.

Wer einen Blick in die Manufaktur wirft, der realisiert schnell, dass sich der Orgelbauer Kern mit mit Leib und Seele dem Projekt verschrieben hat, die Orgel authentisch zu rekonstruieren. Er versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, die handwerkliche Vollkommenheit von Johann Andreas Silbermann zu erreichen – und das heißt nichts Anderes als dass er ein Instrument zu bauen versucht, wie es sein Vorbild im Barock getan hätte. Manchmal hat der Besucher sogar das Gefühl, er möchte es besser machen.

 


 

Millimeterarbeit ist bei der Herstellung der Metallpfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung gefragt. Die auf gewünschte Größe zugeschnittenen Platten werden aufgerollt und an Schnittstellen und Kern zuglötet.

 

Moderne Maschinen sind, wen wundert’s, so gut wie keine zu sehen, die Handarbeit dominiert „zu 99 Prozent“ nicht zum Selbstzweck, sondern im Dienste einer originalgetreuen Kopie. Ein kleines, aber bezeichnendes Beispiel: Gaston Kern wurden vorgefertigte Holznägel angeboten, die ihm die Arbeit wesentlich erleichtert hätten. Ein „klares Nein“ zu deren Verwendung kam aber von Marc Schaefer, dem Straßburger Professor, der als „spiritus rector“ weiterhin im Hintergrund agiert: Die Nägel müssen wie zu Silbermanns Zeiten handgeschnitzt werden.

Sinn dieser oft teuren und langwierigen Einzelanfertigungen: Der vollkommene Klang des Silbermann-Instrumentes soll wiederauferstehen. Dieses Projekt ist aber, wie Kern selbst zugibt, von Unwägbarkeiten geprägt, von welchen einige durch die Forschung inzwischen ausgeräumt sind. So bestand das Instrument nicht wie vermutet aus massivem Eichenholz, sondern nur aus einer vier Millimeter dünnen Platte, die mit Tanne verleimt war. Warum Silbermann diesen Kunstgriff anwandte, darüber kann man heute nur spekulieren, betont Ulrich Kolberg. Es könnten durchaus wirtschaftliche Gründe gewesen sein, aber es mag auch die Stabilität insgesamt verbessert haben. Doch trotz dieser Erkenntnisse bleiben noch ausreichend Rätsel: Ausgiebig kann man darüber philosophieren, von welchem Alter die Stämme waren, die seinerzeit aus den Wäldern rund um Villingen angeliefern wurden. Damals sei es sicherlich einfacher gewesen, an „hundertjährige Exemplare“ zu gelangen, vermutet der Orgelbauer. In seiner Manufaktur hat er sich eine ganze Menge solchen Holzes gesichert und er ist auch davon überzeugt, dass es ausreicht.

Oder das Holz für einen Teil der rund 1000 Pfeifen. Kein Astloch darf das Klangerlebnis eintrüben und selbst Experten staunen darüber, dass Kern dafür einen Lieferanten fand. Eine Firma aus dem französischen Jura sorgt für Nachschub – „gut, aber leider nicht ganz billig“, wie Gaston Kern schmunzelnd einräumt. Das trifft allerdings auch für manches Werkzeug zu, das Mitarbeiter der Manufaktur für die Herstellung der Metallpfeifen benötigen. Einzelstücke zu einem nicht geringen Teil, wofür Kern dann schnell einen vierstelligen Betrag hinblättern muss. Die Unikate, die zum Teil auf Silbermannsche Pläne zurückgehen, werden benötigt, um Metallpfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung herzustellen. Zunächst werden die Platten gehobelt und – welch „eine Plage“ stöhnt Kern –, dann zugeschnitten, später aufgerollt. Dann werden die Wände zu und der Kern aufgelötet. Absolute Präzisionsarbeit ist nötig, um den Spalt, durch den die Luft in die Pfeifen geblasen wird, genau in der richtigen Größe zu halten. Der Rückgriff auf vergangene Produktionsweisen findet erst dann seine Grenzen, wenn er auch nach Kerns und Schaefers Ansicht nichts mehr bringt. Die Lötkolben wurden früher mit Holzkohle erhitzt, doch in Kerns Werkstatt werden natürlich die modernen Nachfolger genutzt.

Doch so sorgfältig die Einzelteile auch produziert sind, letztendlich müssen sie zusammenpassen.Glücklicherweise hat Silbermann ausführliche handschriftliche Aufzeichnungen hinterlassen, die, inzwischen editiert, in vielen, mit Bemerkungen versehenen Kopien in Kerns Werkstatt liegen. Akribisch stellte Silbermann fest, was er jeden Tag arbeitete. So beschrieb er, dass „Schienen geflochten, die Schienen ins Welbredt angehenckt und auch am Clavir und die Mütterlein eingeschraubt“ wurden. Silbermann bemerkte auch, wenn’s mit der Arbeit nicht so vorwärtsging, wie gewünscht:

„Wegen der Fürstin zu Fürstenberg ein wenig gehintert worden.“ In seinen Aufzeichnungen steht jedoch nicht, wie er vorging, als er die Orgel- Legende schuf. „Heute rätseln wir manchmal darüber“, sagt Kern in seinem durch den elsässischen Dialekt gefärbten Deutsch. Dabei ist der Mythos, den Silbermann zu verbreiten scheint, keineswegs übermächtig. Immerhin produzierte er im Laufe seines Lebens über 60 Orgeln. Um diesen fulminanten Ausstoß zu erreichen, nutzte Silbermann eine Arbeitsweise, die man modern mit Serienfertigung umschreiben könnte. „Silbermann hat nach einem Schema gearbeit, das er nur auf die jeweiligen Orgelgrößen abgeändert hat“, erläutert Gaston Kern die Arbeitsweise des Straßburgers. Doch hier wiederum zeigt sich die Genialität des Künstlers und Handwerkers, schaffte er es doch, auf eine geradezu vorbildliche Weise, den Klang des Instrumentes mit dem jeweiligen Kirchenraum zu versöhnen.

Diesen Beweis muss Gaston Kern noch antreten. Seine Mannschaft baute das sieben Meter hohe, 4,45 Meter breite und rund 3,5 Tonnen schwere Meisterstück in Hattmatt auf, dann wird es wieder zerlegt und in einem Dreiachser nach Villingen gebracht. Über den Winter wird das Instrument in der Benediktinerkirche aufgebaut. Am Samstag, 21. September, soll die Silbermann-Orgel dann zum ersten Mal durch Stephan Rommelspacher, einer der Initiatoren der ersten Stunde, erklingen. In Hattmatt in der Werkstätte arbeitet Gaston Kern auf diesen Tag hin, manchmal wirkt der Schöpfer etwas erschöpft, wenn er daran denkt, wie viel Energie ihm sein „Meisterstück“, wie er es selbst nennt, schon gekostet hat. Dann sagt er, dass man so etwas nur einmal im Leben mache.