Erinnerung an die Bickenkapelle (Kurt Müller)

Gedenkfeier 50 Jahre nach ihrer Zerstörung am 20. Februar 1945

Gemessen an den grauenhaften Zerstörungen und Verwüstungen, die der II. Weltkrieg weltweit angerichtet hat, ist die Bombardierung eines kleinen Kirchleins in Villingen, am 20. Februar 1945, eigentlich fast belanglos. Wie stark aber in unserer Stadt nach wie vor die Wertschätzung dieser Kapelle lebendig ist, das konnte man am 20. Februar 1995 im Münster erleben. Frauen, Männer und auch Jugendliche beider Konfessionen hatten sich in sehr großer Zahl zu einer Gedenkstunde zum fünfzigsten Jahrestag der Zerstörung versammelt und füllten das Gotteshaus bis zur letzten Bank. Meditative Orgelmusik, Gesänge zur Verehrung des Hl. Kreuzes und Gebete in bilderreicher, plastischer, barocker Sprache aus dem Nägelinkreuzbüchlein des Pfarrers Joh. Jakob Riegger aus dem Jahre 1735 bildeten den Andachtsteil. Zu Beginn aber machte sich der Münsterpfarrer auf die Spurensuche, und er ließ in einem Lichtbildervortrag die Kapelle und ihre Bedeutung im Erscheinungsbild und in der Geschichte der Stadt lebendig werden. Er hat alle „Reliquien“, alle Ausstattungsstücke der Kapelle aufgespürt, die vor oder nach der Zerstörung aus der Kapelle in Sicherheit gebracht worden waren und sich irgendwo in der Stadt erhalten haben. Zu diesem Artikel soll der Inhalt des Vortrags kurz zusammengefaßt wiedergegeben werden.

Die alten Darstellungen der Stadt Villingen, etwa auf der Pürschgerichtskarte von 1607 oder der „Gumpsche“ Plan von 1692, zeigen immer das kleine Gotteshaus vor dem Bickentor. Das schönste mir bekannte Bild von 1851 hält den Kapellenbau fest, wie er von 1660 bis 1945 stand und zeigt das malerische Ensemble zusammen mit der steinernen Brücke, die erst 1877 abgebrochen wurde.

 

 

 

 

 

Der Weg zur Altstadtkirche und zum Friedhof führte für die meisten Villinger über diese Brücke und an der Bickenkapelle vorbei. Im Leben und im Tod begegneten so die Villinger oft „unserer Frauen Kapell“, die sicher immer offen stand und in der jahrhundertelang ein altehrwürdiges Vesperbild (Pieta) und das Nägelinkreuz zur Andacht einluden.

 

 

 

 

 

Der Stahlstich von 1885 belegt, daß auch nach dem Bahnbau 1873 die Bickenkapelle neben dem schienengleichen Bahnübergang markant ihren Platz behauptet hat vor der Silhouette der Stadt. Die Älteren unter uns haben die Kapelle so in Erinnerung wie sie das etwas romantisch anmutende Winterbild zeigt. Es war in diesem Jahrhundert etwas still geworden in der Bickenkapelle.

 

 

 

 

 

Die einst regelmäßige „Salve“-Andacht am Samstag war in Vergessenheit geraten. Feierlicher Gottesdienst fand eigentlich nur noch am Titularfest „Kreuz-Erhöhung“ am 14. September statt. Dabei gab es den bemerkenswerten Brauch, daß die Frauen auf der Männerseite in der Kapelle Platz nehmen durften. Das galt als Zeichen der Anerkennung für die tapfere Haltung der Frauen während der Tallard’schen Belagerung.

 

 

 

 

 

In den Jahren nach 1933 in denen die Nationalsozialisten die kirchliche Jugendarbeit weitgehend verboten hatten, wurde die Bickenkapelle zum Treffpunkt der treu gebliebenen kath. Jugend, die sich dort oft zu Andachten und Gemeinschaftsmessen versammelte. Die damalige Jugend und die meisten Villinger waren sehr betroffen, als die Fliegerangriffe auf den Bahnhof auch zur Zerstörung der Bickenkapelle führten. Es ist nicht ganz leicht nachvollziehbar, daß man nach dem Krieg nicht mehr an einen Wiederaufbau der Kapelle, sondern nur noch an mehr Raum für den Straßenverkehr dachte.

Es war eine Initiative der aus Villingen stammenden Geistlichen, daß am 1. Mai 1976 ein, von den Geistlichen der Münsterpfarrei und der Stadt finanziertes, Gedenkkreuz am Kapellenplatz eingeweiht werden konnte. Der Rheinfelder Künstler Leonhard Eder gab dem aus weißem Kalkstein geschaffenen Kreuz Formen, die an bleiches Gebein erinnern und somit das Elend und das Sterben der Kriegszeit symbolisieren. Ein Steinblock vor dem Kreuz trägt die deutende Inschrift: „Etwa seit dem Jahr 1400 stand hier eine Kapelle, Bickenkapelle genannt. Mehrmals zerstört, wurde sie zuletzt im Jahre 1660 erbaut.

 

 

 

 

 

 

 

Bomben legten die Kapelle am 20. Februar 1945 in Schutt und Asche. Das Nägelinkreuz — in der Kapelle noch verehrt — ist im Münster geborgen. Gekreuzigter Herr Jesu Christus beschütze deine Stadt“.

Also ist diese kleine Gedenkstätte bei der Fußgängerbrücke über die Gleisanlagen am Bahnhof nicht alles, was von der Bickenkapelle uns geblieben ist. Das eigentliche Heiligtum, das in der Kapelle verehrt wurde, ist das Nägelinkreuz. Mehrmals in der langen, von Kriegen und Belagerungen geprägten, Geschichte der Stadt wurde das Kreuz in gefährlicher Situation aus der Kapelle genommen und bei den Franziskanern oder im Münster in Sicherheit gebracht. In dieser Tradition hat der damalige Münsterpfarrer Max Weinmann bei zunehmender Gefahr von Fliegerangriffen das Kreuz ins Münster bringen lassen und dadurch ist es uns erhalten geblieben.

Während der Renovation des Münsters 1978 — 82 wurde das Kreuz restauriert und es wird nun wieder in der barocken Fassung verehrt, die der Villinger Faßmaler Kaspar Tober 1683 dem gotischen Kruzifix gegeben hatte. Innerhalb der Festwoche zur Wiedereröffnung des Münsters haben wir am 7. Mai 1982 in einer ökumenischen Feier das Nägelinkreuz ins Münster getragen und ihm in der nördlichen Turmkapelle, dem „finsteren Chörle“, seinen endgültigen Platz gegeben.

 

 

 

 

 

 

 

Die Verehrung des Kreuzes reicht in die Zeit der noch geeinten Christenheit vor der Reformation zurück und darum war es sinnvoll und gut, daß der Pfarrer der evangelischen Johannesgemeinde und der Münsterpfarrer, begleitet von Kirchenältesten und Pfarrgemeinderäten, das Kreuz ins Münster begleitet haben. Das „finstere Chörle“ mit dem Nägelinkreuz wurde in dieser Feier die „ökumenische Ecke“ im Münster genannt. Die ständig leuchtenden Opferlichter vor dem Kreuz bezeugen, daß Tag für Tag viele Christen das Kreuz aufsuchen mit Dank oder mit Bitten im Herzen. Das Kreuz hat einen guten Platz gefunden, es wird wieder häufiger besucht als es in der Bickenkapelle der Fall war und es ist somit das heilige Kleinod unserer Stadt geblieben.

Als 1971 der Grundstein für die neue kath. Pfarrkirche am Bickenberg gelegt wurde, da waren sich die Verantwortlichen schnell einig darüber, daß das neue Gotteshaus in der Nachfolge der Bickenkapelle am Fuß des Bickebergs zu sehen sei. Auch weil in der Kapelle besonders die Verehrung des Hl. Kreuzes gepflegt wurde, sollte die neue Kirche den Titel Hl. Kreuz-Kirche tragen. Daher ist auch der bedeutendste Schmuck der Hl. Kreuz-Kirche das große, von Klaus Ringwald geschaffene, Kruzifix im Chorraum über dem Altar.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Spurensuche nach „Reliquien“, nach Erinnerungsstücken aus der Bickenkapelle fördert im Münster, in der Benediktinerkirche, im Gemeindehaus und im Münsterpfarrhaus noch einiges zu Tage, was vor oder nach der Zerstörung noch geborgen werden konnte.

Vom Hochaltar, den Josef Anton Hops 1750 für die Kapelle erstellt hatte und dessen Hauptbild die Verspottung Jesu zeigte, sind die beiden Hauptfiguren Zacharias und Elisabeth, die Eltern Johannes des Täufers, erhalten. Erst vor wenigen Wochen konnte das Vesperbild vom Hochaltar wieder gefunden werden. Im Trümmerschutt fanden sich auch Reste der Putti, die den Hochaltar umschwebten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teilweise kann man mit alten Postkarten vorhandene Gegenstände der Kapelle zuordnen. So beweist eine Fotografie, daß die große Holztafel mit den 14 Nothelfern im Sitzungszimmer des Pfarrhauses, aus dem Chorraum der Bickenkapelle stammt. Die wohl aus dem 17. Jahrhundert stammende Tafel zeigt vor jeweils anderem landschaftlichem Hintergrund die 14 Nothelfer mit ihren Attributen und einem kurzen erklärenden Vers z.B.: „In Stechen, Grimmen und Magenweh vertraulich zu Erasmo geh! Seine sondere Gnad in solcher Not hat er von seinem, deinem Gott.“

In Bruchstücken aus den Trümmern geborgen wurde das große Kreuz vor der Außenwand der Kapellenfassade. Dominikus Aggermann (1779 —1835), in Villingen als der Schemmenschnitzer „Ölmüller“ bekannt, hatte das Kreuz einst geschaffen. Der Villinger Kunstmaler Richard Ackermann — wohl ein Nachfahre — hat das Kreuz restauriert, es hängt jetzt im Foyer des Münster-zentrums.

Aus dem wohl noch reicheren Figurenschmuck der Kapelle sind uns drei Holzplastiken erhalten geblieben. Der Hl. Wendelin, der Patron in allen Sorgen um Viehbestand und Gesundheit in den Ställen. Er war ein wichtiger Heiliger in der Zeit, da die meisten Bürger noch von den Erträgen der Landwirtschaft lebten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine wertvolle gotische Plastik stellt der Hl. Sebastian dar. Zusammen mit dem Hl. Rochus galt er als Pestpatron und die Pest war eine wahre Schreckensgeißel, der die Menschen hilflos gegenüber standen und nur himmlische Kräfte konnten helfen. Vom linken Seitenaltar stammt die barocke Madonna mit dem Kind und der Traube. In der rechten Hand trug die Maria ein Zepter und einen großen Rosenkranz.

In der Münstersakristei befindet sich eine kleine, mit einem wertvollen Renaissancegitter verschlossene Wandnische.

In dieser Nische wurden ursprünglich die Heiligen Öle für Taufe, Firmung und Krankensalbung aufbewahrt. Jetzt birgt die Nische eine kleine Figur im barocken Stil, die mit verschiedenen Namen bezeichnet werden kann: „Rast Christi“, „Letzte Rast Christi“, „Christus im Elend“ oder „Erbärmdebild“. Nach Ausweis einer Postkarte stand diese kleine Figur auf dem rechten Seitenaltar der Bickenkapelle.

Es sind noch zu nennen drei dringend der Restaurierung bedürftige große Bilder: Der Tod Mariens, der Tod des Hl. Josef und der Hl. Karl Borromäus. Die Münsterpfarrei ist seit einigen Monaten dabei, die Benediktinerkirche zu renovieren. Es ist geplant, daß möglichst viele der erhaltenen Ausstattungsstücke der Bickenkapelle dann bei der Einrichtung der Benediktinerkirche verwendet werden.

Dann werden in Zukunft das Gedenkkreuz am Kapellenplatz, das Nägelinkreuz im Münster, die Verehrung des Hl. Kreuzes in der Hl. Kreuz-Kirche und die Erinnerungsstücke in der Benediktinerkirche dafür sorgen, daß die Villinger die untergegangene Bickenkapelle nicht vergessen.