Provinzstadt zwischen Tradition und Moderne (Annemarie Conradt-Mach)

Villingen 1918 —1933

1. Soldatenräte — Arbeiterräte — Bürgerräte

Am 9. November 1918 erklärte der Deutsche Kaiser seinen Thronverzicht. Am 9. November 1918 begann in Villingen die Revolution. Bereits am 6. 11. hatte die Schwarzwälder Presse ihre Leser über die Meuterei der Kieler Matrosen unterrichtet. Die Lage in der Villinger Kaserne war gespannt und in Erwartung der kommenden revolutionären Ereignisse. Der spätere sozialdemokratische Innenminister Badens Adam Remmele, im November 1918 Soldat in der Villinger Kaserne, berichtet über die Revolutionstage, daß die Kieler Meuterei vor den Soldaten geheimgehalten worden sei, auf den Bahnhöfen hätte man Kontrollposten aufgestellt, um die ankommenden Soldaten auf „ordnungsgemäß ausgestellte Urlaubsscheine hin“ zu kontrollieren. „Wer ohne Urlaubsschein ankommt, soll festgenommen werden.“ Diese Anweisung für die Kontrollposten verbreitete Unruhe unter den Soldaten. In der Nacht zum Sonntag, dem 10. 11. 1918, trafen in Villingen die ersten Marinesoldaten ein mit Urlaubsscheinen, die den Aufdruck „Soldatenrat Wilhelmshaven“ trugen. Am Sonntagmorgen wurden die Soldaten in der Villinger Kaserne zusammengerufen. Ihnen wurde mitgeteilt, daß es Unruhen gegeben habe. Am Sonntagmittag zogen Soldaten mit einer roten Fahne durch Villingen. „Sendboten“ aus Donaueschingen forderten zur Bildung eines Soldatenrates auf.

Das Sozialdemokratische Organ, die Freiburger „Volkswacht“, berichtete über Villingen:

„Am letzten Sonntag (10. 11. 1918) wurde hier ebenfalls ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Vom Lindenhof zogen nachmittags Zivil- und Militärpersonen durch die Stadt nach dem Gasthof zum Felsen. Im überfüllten Saale wurde getagt. Ein Soldat, ein bewährter Genosse, leitete die Versammlung, an der Zivil- und Militärpersonen teilnahmen. Auch das Hauptreferat übernahm dieser Genosse, welcher die Notwendigkeit der Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates klarlegte. Seinen längeren Ausführungen folgte tobender Beifall. . . Alsdann wurde zur Bildung des Arbeiter- und Soldatenrates geschritten. Dieser besteht aus einer Abordnung Soldaten aus allen Kompanien, aus Vertretern der sozialdem. Partei (Mitgliedschaft Villingen) und des freien Gewerkschaftskartells.“

Die Lage in Villingen blieb ruhig. Ein Aufruf des Bürgermeisteramtes „An die Villinger Bevölkerung“ in den Zeitungen vom 11. 11. 1918 signalisierte Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat und betonte, daß „die Ordnung unter allen Umständen aufrecht“ erhalten werde.

Zwei Tage nach der Abdankung des Kaisers war für die Soldaten in der Villinger Kaserne der Krieg vorbei. Die meisten wollten möglichst schnell nach Hause. Durch den Zusammenbruch des alten Regimes hoffte man nun auf raschen Frieden. Die Stimmung unter den Soldaten korrespondierte mit der Unzufriedenheit unter den Fabrikarbeitern, hervorgerufen durch Überstunden und Mangelernährung. Die bürgerlichen Kreise, Stadtparlament und Bürgermeister wurden von der revolutionären Entwicklung überrannt. Unter dem Druck der Straße und um Ausschreitungen vor allem jugendlicher Soldaten und Arbeiter zu verhindern, war man zur Zusammenarbeit mit dem neugebildeten Arbeiter- und Soldatenrat bereit. Aber schon in der ersten Revolutionswoche zeigte sich, daß die alten Eliten, die nationalliberalen, liberalen und christlich orientierten Villinger Handwerker und Kleinunternehmer um ihren Einfluß und ihre Stellung in der Stadt bangten. Am 17. 11. versammelten sich die Liberalen im „Falken“, um zu „den brennenden Tagesfragen Stellung zu nehmen“ und Einfluß auf die Rätebewegung zu nehmen …

Am selben Tag veranstaltete der Arbeiter- und Soldatenrat einen Demonstrationsumzug mit Musik vom Riettor zur Tonhalle, anschließend fand eine große Massenversammlung mit „üblichem Massenbesuch“ statt. Alle Vertreter des öffentlichen Lebens waren anwesend, sämtliche politischen Richtungen vertreten.

In dieser Versammlung betonte der Vorsitzende des Arbeiterrates, Herr Neidinger, „daß der Arbeiterrat sich durchaus nicht einseitig zusammensetzen wolle, sondern Vertreter aller Organisationen in sich einschließe“.

Auf dieser Versammlung schien eine Koalition zwischen christlichen und sozialdemokratischen Kräften, einig in den Zielen, perfekt zu sein. Die Demonstration der Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen politischen Lager verdeckte aber nur kurzfristig die Angst der bürgerlichen und auch der katholischen Gruppierungen in Villingen vor einem Überhandnehmen des sozialistischen Einflusses.

Die bürgerlichen Arbeiterräte, die nach dem 12.11.1918 zugewählt wurden, dienten zwar dazu, bürgerliche Interessen in die Rätebewegung einzubringen. Langfristig sah man aber in diesem politischen Lager die Räte nicht als eine funktionsfähige politische Institution an. Allgemein galten die Räte als Institution, die eine möglichst reibungslose Demobilmachung gewährleisten sollten, nicht als Institution auf Dauer.

Wegen der schwierigen politischen Situation und der schlechten Wirtschaftslage mußte die Villinger Fasnacht 1919 zum fünften Mal seit Kriegsbeginn ausfallen.

„Daß dieses Jahr die Fasnacht unterbleiben mußte, ist auch für die Villinger eine Selbstverständlichkeit. Es wäre auch ganz angebracht gewesen, wenn etwa die Narro-Zunft in einer Proklamation für dieses Jahr den Streik verkündet hätte, als Protest gegen die Narretei der Zeit in Permanenz. Im übrigen hätte es für Abhaltung der Fasnacht manchen Stoff gegeben . . .

Anschlag des Arbeiter- und Soldatenrats Villingen

 

An Motiven für Wagen und Fußgruppen hätte es wahrlich nicht gefehlt, besonders wenn dann noch aus der reichhaltigen Geschichte der Stadt sinnreiche Gegenbeispiele genommen worden wären. Dem Huldigungswagen zur neuen Republik würde vielleicht jener Huldigungswagen an Baden aus dem historischen Festzug 1899 ganz passend als Gegenstück beigestellt worden sein mit der kleinen Variation, daß bei dem ersteren leuchtend rote Revolutionsmädel, den letzteren aber schwarze Klagejungfrauen umsäumten . . . (Es gäbe) dann eine Reihe aktueller Dinge aus Villingens Gegenwart auszumalen . . . zunächst einmal die Eingemeindung Schwenningens mit größeren Verbrüderungsszenen, Ausreißen der Grenzpfähle und hitzige Beratung, wer nun Ober-und Unterbürgermeister werde.“

Der Zeitungsbericht schlug außerdem ein Wagen des Kommunalverbandes vor:

„Die Tapezierung des Wagens mit den dreifarbigen Brot-, Fleisch- und Lebensmittelkarten sowie mit Bezugsscheinen gebe dem Wagen eine wesentliche Erhöhung seines Reizes und seiner Farbenpracht. Dagegen wäre dann ein Stück aus der Vergangenheit danebenzusetzen: Ein Villinger Wirtshaus mit Metzelsuppenbetrieb, der Wagen in sinniger Weise mit Ornamenten versehen als wie Blut- und Leberwürste, Villinger Würste, Schweinsknöchle, Laugenbrezeln, Gipfel usw. So hätte es noch vieles und ganz besonders zeitgemäßes für diesen Zug gegeben, was aber hier nicht alles verraten werden soll. Nur noch ein Bildchen mit Gegenstück sei angeführt: Eröffnung des neuen Sanatoriums (früher „Waldhotel“) für erholungsbedürftige A.- und S.-Räte und die Einweihung des erweiterten Gutleuthauses als Refugium für ehemalige gekrönte Häupter und Staatswürdenträger. Juhu! … In den letzten Monaten erlebten wir in der politischen Welt einen abschreckenden Carneval, der jeden Einsichtigen bis ins innerste Herz erschauern macht, der uns ein Grauen aufkommen läßt vor dem mahnenden Aschermittwoch, der unausbleiblich bald kommen wird und muß.“

Die Hoffnungen, die von vielen an die neue Zeit geknüpft worden waren, wichen im Frühjahr 1919 der Enttäuschung. Man sah in der „Verkehrung“ der sozialen Verhältnisse die Ursache hierfür. Unfähige Arbeiter- und Soldatenräte machten Politik, würden sich unberechtigte Privilegien aneignen, und die alten Herrscher kämen ins Gutleuthaus. Höhepunkt der Fasnachtsschreckensvision und Symbol einer völlig aus den Fugen geratenen Ordnung wurde das Bild der Städtevereinigung, die „Eingemeindung Schwenningens“. Eine Vorstellung, die dazu geeignet war, den Villinger Lesern das Absurde und Groteske ihrer momentanen Lebenssituation drastisch vor Augen zu führen. Eine Vereinigung von Villingen und Schwenningen war wahrhaft der Höhepunkt der Narretei.

Die Einführung des Achtstundentages im November 1918 wurde in den Villinger Handwerkerkreisen als eine wirtschaftspolitische Fehlentscheidung angesehen. Für die Sozialdemokratie war diese Kritik ein zentraler Angriff auf die Errungenschaften der Revolution. Der Hunger der Nachkriegszeit, unter dem vor allem die einkommensschwachen und unvermögenden Schichten zu leiden hatten, zerstörte alle Illusionen.

Auch die sozialistische Forderung nach Trennung von Kirche und Staat erhitzte die Gemüter. Das „Volksblatt“ beschuldigte die Sozialdemokraten des antikirchlichen bzw. sogar antireligiösen Verhaltens, und in einer großen Zentrums-Wahlversammlung in der Tonhalle wurde geäußert, daß der Stand der Friedensverhandlungen „ein besserer gewesen, wenn nicht die Revolution dazwischen gekommen wäre“.

Die Opposition hatte vielfältige Ursachen. Zum einen sah man in den Sozialdemokraten Gegner der christlichen Religion. Die meist jugendlichen Revolutionäre schienen alle Vorstellungen von Ordnung und Autorität in Frage zu stellen. Die Forderung nach einem Achtstundentag war mit dem Arbeitsethos und den Wirtschaftlichkeitsvorstellungen eines Villinger Handwerkers nicht mehr vereinbar. Auf der anderen Seite sah sich aber gerade auch das Zentrum als Vertreter der christlichen Arbeiterschaft und setzte sich aus diesem Grunde für mehr soziale Gerechtigkeit und für mehr Demokratie ein, da man die eigenen Anhänger nicht unbedingt in die Arme der Sozialdemokraten oder gar der Unabhängigen (USPD) treiben wollte. Die Position des Zentrums wurde im Laufe der Zeit schon deshalb stärker, weil die in Villingen anwesenden Soldaten in die Heimat entlassen wurden und damit ein wesentlicher Träger der Revolution wegfiel, aber auch weil sich die Sozialdemokraten untereinander nicht einig waren und schon bald in eine rechte und eine linke Gruppierung auseinanderfielen.

Die sozialdemokratischen Wahlgewinne und die Mitgliederzunahme der freien Gewerkschaften im Frühjahr 1919 hatten zu verstärkten Gegenaktionen der christlichen Gewerkschaften und des katholischen Arbeitervereins geführt. Die Agitation in diesem Sinne betrieb der christlich-gewerkschaftlich orientierte Redakteur des „Volksblatts“ Bernhard Fehrecke. Selbstverständlich zog er sich damit die Feindschaft der Villinger Sozialdemokraten zu.

Anzeige gegen den Fremdenverkehr (Villinger Volksblatt vom 21. Mai 1919)

 

Ihren gewaltsamen Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen im März /April 1919. Am Mittwoch, dem 13. März 1919, waren in Villingen die Betriebe geschlossen. In der Tonhalle fand eine große „Demonstrationsversammlung“ statt. Betriebe, Lebensmittelämter und öffentliche Gebäude „waren militärisch besetzt“. Von der Versammlung wurden die folgenden Forderungen gestellt: „1. Der Redakteur des Villinger Volksblattes, Fehrecke, muß innerhalb 24 Stunden Villingen verlassen, damit der Ursache der Unruhe und Mißstimmung der Boden entzogen wird . . .

3. Ultimatum an Herrn Bürgermeister Lehmann: entweder unparteiisch seines Amtes zu walten oder sofortige Enthebung von seinem Amte . . .

5. Wir fordern von allen Arbeitgebern Einhaltung des Achtstundentages mit Arbeitsfreiheit am Samstagnachmittag.“

Die Versammelten warfen dem Volksblattredakteur Fehrecke „eine gehässige Schreibweise“ vor, die „viel zur Verbitterung der Arbeiterschaft beigetragen“ habe. Dem Gemeinderat Neidinger und dem Bürgermeister wurde „Vetterleswirtschaft“ nachgesagt. Der Volksblattredakteur Fehrecke, er befand sich unter den Anwesenden, wurde „von der Menge aus dem Lokal entfernt“. Im Anschluß an die Versammlung zogen die Demonstrierenden zum Redaktionsgebäude des „Volksblatts“ und ließen sich dort die Entlassung des Redakteurs zusichern. Von dort ging es zum Rathaus, wo der Bürgermeister versprechen mußte, sein Amt von nun an unparteiisch zu verwalten. Die christlichen Bürgerausschußmitglieder werteten die Verhandlungserfolge allerdings mit dem Hinweis ab, sie seien „unter Maschinengewehren durchgedrückt worden“.

Die Verbannung des Redakteurs Fehrecke aus Villingen mit der Unterstützung bewaffneter Soldaten führte zu einer Welle der Empörung und schließlich zu einem Antrag der Zentrumsfraktion im Badischen Landtag. Die badischen Redakteure erhoben „schärfsten Protest … gegen die Verletzung der Meinungsfreiheit, insbesondere der Pressefreiheit, welche die freiorganisierte Arbeiterschaft in Villingen im Fall Fehrecke begangen hat“.

Die Villinger Unruhen setzten die Zeichen für den Beginn einer Radikalisierung der Schwarzwälder Arbeiterschaft. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt, von der Revolutionseuphorie nichts mehr zu spüren.

2. Kriegsfolge: Wohnungsnot

Nach den Ergebnissen der Reichswohnungszählung von 1927 hatte die Stadt Villingen bei einer Bevölkerung von 13 982 Einwohnern einen Bestand von 3 116 Wohnungen, von denen 3 104 bewohnt wurden … Das bedeutet, daß eine Wohnung durchschnittlich von 4,5 Personen belegt war. Auf 1 000 Wohnungen kamen 64, die mehrfach belegt waren. Diese Zahlen sagen allerdings noch wenig über die Wohnqualität in der Weimarer Zeit aus. Von den Zeitgenossen selbst wurde besonders der Zusammenhang zwischen Tuberkulose und der allgemeinen Wohnungssituation hergestellt. So verursachte in Villingen die Tbc 1913 über 27 Prozent der Todesfälle, 1919 sogar 30 Prozent, 1923 über 32 Prozent. 1924 sank der Anteil der Tbc-Toten dann auf knapp 17 Prozent.

Im Krieg hatte man die Baustoffe für den Kriegseinsatz beschlagnahmt, das bedeutet, daß etwa 4 1/2 Jahre lang keine Privatwohnungen mehr gebaut worden waren. Jetzt kehrten die Soldaten aus dem Krieg zurück, die geburtenstarken Jahrgänge der Jahrhundertwende kamen ins heiratsfähige Alter und suchten nach Wohnungen. Da der Bedarf so schnell nicht gedeckt werden konnte, ging man zunächst daran, den Mangel mit Hilfe des städtischen Wohnungsamtes zu verwalten. Die Zahlen der wohnungssuchenden Familien und der vom Wohnungsamt untergebrachten Familien standen in einem eklatanten Mißverhältnis.

Speicher, Keller, Büros, Kasernenstuben — alles wurde zu Wohnraum umfunktioniert. Der Bürgermeister der Stadt Villingen ging mit gutem Beispiel voran, indem er seine Wohnung teilte und drei Zimmer einer Familie zur Verfügung stellte.

Eine eigens gegründete Wohnungskommission machte sich in Villingen auf die Suche nach freiem Wohnraum und wies immer wieder auf die ganz erheblichen sozialen Unterschiede innerhalb der Wohnungsversorgung hin.

„Während ganze Familien, zum Teil acht Personen, in einem Zimmer schlafen und wohnen, sind auf Seiten der sogen. Besseren Räume in Luxus zur Verfügung:• Esszimmer, besseres Zimmer, Visitenzimmer, gutes Zimmer, Salon, Schreibzimmer, Kinderspiel-zimmer usw. Hier muß soziale Einsicht Platz greifen.“

Die Aufgabe der Wohnungskommission war es, in vorhandenen Wohnungen Räume für Wohnungssuchende aufzuspüren. Die Verwaltung des Mangels führte zu Mißgunst, Neid, Begünstigung und machte in der Stadt viel böses Blut. Der Gegensatz zwischen Villenbesitzern und Wohnungslosen, zwischen der Wohnungsversorgung der Arbeiter und der Versorgung der staatlichen Beamten wurde zum Dauerthema der „Sprechsaalartikel“ im Villinger „Volksblatt“, die dazu angetan waren, Klassengegensätze zu schüren und teilweise groteske Formen annahmen.

In der Bürgerausschußsitzung vom 8. September 1920 beklagte der Bürgermeister eine „wahre Heiratswut . . . Es werde einfach darauflosgeheiratet, ohne Vorbereitung, ohne Wohnung und ohne Aussteuer . . . Das Wohnungsamt müsse die Möglichkeit haben, auch einmal eine Trauung verhindern zu können, weil die Wohnungsfrage nicht gelöst sei“.

Im November 1920 faßte die Wohnungskommission den Beschluß, daß junge Verheiratete unter 25 Jahren grundsätzlich keine Wohnung mehr erhalten sollten und eine scharfe Zuzugssperre durchgeführt werde. Das bedeutete, daß ledig Zugezogene schriftlich zusichern mußten, in den nächsten drei Jahren auf dem Villinger Wohnungsmarkt keine Wohnung zu beanspruchen. Erst nach drei Jahren wurde man in die Liste der Wohnungssuchenden aufgenommen.

In einem Vortrag vor dem christlichen Gewerkschaftskartell skizzierte der Vorsitzende der Villinger Baugenossenschaft Häßler 1926 die Villinger Wohnungssituation. Danach fehlten in Villingen noch 200 Wohnungen, um die dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Diejenigen, die kein Verständnis für diese Probleme hätten, „sollten einmal mitgehen in jene Wohnungen und Zimmer, wo kein Ofen vorhanden ist, wo es hereinregnet und hereinschneit, so daß der Regenschirm übers Bett gespannt werden muß, wo täglich morgens und abends die Matratzen von den Wänden auf den Boden gelegt werden, wo der Vater sich ins Bett legen muß, damit abends die Kinder am Tisch sitzen können, um ihre Schulaufgaben zu machen, wo die Mutter um Mitternacht noch am Waschzuber im Zimmer steht und wäscht, daneben Mann und Kinder schlafend, wo erwachsene Söhne und Töchter zusammenschlafen müssen, wo die Hebamme kommt und 8 Kinder im gleichen Zimmer sind, wo schwerkranke Personen neben gesunden wohnen müssen, wo Lungenkranke sind, bei denen stets die Fenster geöffnet sein müssen, wo z. B. 7 Personen in einem Zimmer schlafen, essen, wohnen, wo gekocht, gewaschen wird und noch Heimarbeiten verrichtet werden, wo das einzige Zimmer feucht, finster und das Haus baufällig ist, wo kein Sonnenstrahl durchs Fenster dringen kann . . . In sehr vielen Fällen, wo junge Personen beiderlei Geschlechtes das Theater oder Kino besuchen, geschieht dies deshalb, weil man keine gemütlichen Zimmer daheim hat. Es sind Fälle bekannt, wo die Mutter ihren Sohn ins Kino schickt, damit die Tochter zu Hause baden kann“.

Millionen von Mark würden für Sanatoriumsaufenthalte ausgegeben, Menschen würden in den Alkohol flüchten und das alles nur wegen der erbärmlichen Wohnsituation der Betroffenen.

„Wenn Städte wie z. B. . . . Schwenningen neue Gelder für Wohnungsbauten flüssig erhielten, warum soll das nicht auch für Villingen möglich sein?“ Schon zu Kriegsende begann die Firma Kienzle mit dem Bau von Arbeiterwohnungen in Villingen. 1916 sicherte die Stadt der Firma Kienzle Gelände an der Waldstraße für den Bau dieser Wohnungen zu.

1921 erklärte sich die Firma Kienzle bereit, ihre Werkssiedlung in Villingen weiterzubauen. Da einige Bürgerausschußmitglieder glaubten, für die Stadt bessere Bedingungen erreichen zu können und das ganze Bauvorhaben kritisierten, ging die Firma an die Öffentlichkeit: Ein Teil der Stadtverwaltung habe die Gabe,

„Firmen, die ihren Werkangehörigen gesunde Wohnungen bauen wollen, das Bauen zu verleiden“.

Die Stellungnahme in der Presse endete:

„Die Herren, die beim Wohnungselend gerade in Villingen durch unsachliches Verhalten der Abhilfe des Elends Schwierigkeiten machen, würden vielleicht anders reden, wenn sie gezwungen wären, in den Wohnungen zu wohnen, in denen ein Teil der Villinger Arbeiter jetzt wohnen muß“

Optisch orientierte sich das Kienzle-Projekt an den Gartenstadt-Modellen. Es wurde für gute Durchlüftung gesorgt. Die Häuser wurden durch Gartenmauern miteinander verbunden. Die Wohnungsverhältnisse waren für die Zeit überdurchschnittlich und solide, es sollte für eine ansprechende Bepflanzung der Grundstücke gesorgt werden. Dieser „Luxus“ war einigen Bürgeraus-schußmitgliedern wohl zu viel. Sie befürchteten, daß Arbeiter hier genauso gut wie Bürger leben könnten.

In der Zeit von 1919 bis 1926 wurden in Villingen 451 Wohnungen gebaut. Davon errichtete die Stadtgemeinde 14 Prozent, von Privatpersonen wurden 40 Prozent gebaut, und 46 Prozent dieser Neubauten erstellte die Villinger Baugenossenschaft, die 1902 in Villingen gegründet worden war und zu deren wichtigster Aufgabe es gehörte, Wohnungen für Arbeiter und Handwerker zu schaffen.

Besonders schwierig war das Bauen in der Inflationszeit, die Baupreise liefen davon. Ursache war nach Meinung der Baugenossenschaft „die beabsichtigte Erstellung verschiedener Fabrikneubauten und sonstiger Bauvorhaben, die mit der Behebung der Wohnungsnot nichts zu tun haben. Die Bauherrn, welche sämtliche erhebliche Kriegsgewinne gemacht haben, können jeden Preis bezahlen, wodurch naturgemäss die Baupreise beeinflusst werden und die Bauhandwerker nicht mehr das große Interesse an den Kleinwohnungsbauten haben . . . Wir gestatten uns ferner noch darauf hinzuweisen, dass die Erweiterung der Fabriken auch auf die Wohnungsnot verschärfend einwirkt, da zweifellos neue Arbeitskräfte zuziehen müssen, für die es wiederum an Wohnungen fehlt“.

Die Villinger Baugenossenschaft vermietete 1927 in 40 Genossenschaftshäusern Wohnungen an 233 Familien mit insgesamt 1677 Personen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße betrug in diesen Wohnungen demnach 4,6 Personen, eine Belegung, die knapp über dem Durchschnitt in der Stadt lag. Die Hälfte dieser Familien waren Ein- oder Zweikinderfamilien, ein Drittel hatte drei und mehr Kinder. 105 Mieter waren Eisenbahner, 44 waren Handwerksgesellen oder Fabrikarbeiter, der Rest Angestellte, Post- und Bahnbeamte usw. Die Baugenossenschaft vermietete nur an „ordentliche“ und „ruhige“ Leute. Soziale Problemfälle wollte und konnte sie mit Rücksicht auf die anderen Mieter nicht aufnehmen.

Trotz aller Anstrengungen beim Kleinwohnungsbau gab es im Oktober 1925 immer noch 700 bis 800 Wohnungssuchende. Nach Meinung des Wohnungsamtes fehlten in Villingen 200 Zweizimmerwohnungen, 150 Dreizimmerwohnungen und 50 Vierzimmerwohnungen. Villingen habe sich nach dem Krieg „rapide“ entwickelt, und während des Krieges sei „so gut wie nichts gebaut worden . . . Außerdem sei Villingen eine über 1000 Jahre alte Stadt, in welcher natürlich die Wohnungen den heutigen kulturellen und hygienischen Anforderungen . . . durch Baufälligkeit, Mangel an Luft, Licht und Sonne in keiner Weise mehr entsprechen.“

Besonders schwierig sei es, kinderreiche Familien bei Privathausbesitzern unterzubringen.

Für die Nichtvermittelbaren schlugen das Fürsorgeamt und die Wohlfahrtskommission den Bau von Wohnbaracken vor.

In der Bürgerausschußsitzung vom 16. Januar 1925 wurde die „Erstellung“ eines Achtfamilienhauses beraten. Das Haus sollte an der Steppachstraße errichtet werden. In der Debatte wurde die Lage des Hauses stark kritisiert, worauf der Bürgermeister antwortete:

„Es werden doch keine Zigeuner angesiedelt, sondern Bürger und Einwohner. Man müsse mit dem Bauen dahin gehen, wo Wasser, Gas und Licht sei. Ein anderer Gemeindeverordneter warf in die Debatte ein: Er könne sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um ein Armenhaus handeln könne.“

Noch im Laufe des Jahres 1925 wurden die ersten Häuser im Steppach erstellt.

Die ersten Mieter, die in diese Häuser einzogen, waren Notfälle, die wegen einer Räumungsklage ihre alten Wohnungen verlassen mußten, Mieter, die wegen Arbeitslosigkeit die Mieten schuldig blieben bzw. Familien mit vielen Kindern.

Sehr schnell kam der Steppach in den Ruf, eine Asozialen-Siedlung zu sein, und die ehemaligen Befürworter unter den Kommunalpolitikern gingen auf Distanz. 1928 stimmten Kommunisten und Sozialdemokraten gegen den Bau von 18 neuen Notwohnungen im Steppach. Den Wohnungen fehle der Keller, der Speicher, das elektrische Licht, die Wasserleitung und auch der Wasserablauf. Der „Volkswille“ bezeichnete die Wohnungen in einem Artikel vom 21. Juni 1928 als „Sträflingswohnungen“. Aber durch die Zunahme der Arbeitslosigkeit und der damit zusammenhängenden Zahl von Räumungsklagen brauchte die Stadt weitere Notwohnungen. Das Thema Steppach blieb im Bürgerausschuß aktuell.

1932 sollten weitere Steppachwohnungen erstellt werden, wobei auf die elektrische Beleuchtung der Wohnungen, die einen zusätzlichen Kostenaufwand von 19 700 Mark bedeutete, verzichtet werden sollte. Der christliche Gewerkschaftssekretär Panther stimmte der Vorlage zu und hoffte, daß „nicht der Eindruck entstehe, dass die Armut noch bestraft wird“.

Mit 38 gegen 25 Stimmen wurde die Vorlage zum Bau des kostenreduzierten Steppach-Hauses angenommen.

Das Odium einer Asozialen-Siedlung konnte der Steppach nie abstreifen. Gerade weil viele der Mieter als Arbeitslose aus den besseren städtischen Wohnungen herausgeklagt worden waren, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen konnten, faßten sie es als empfindlichen sozialen Abstieg auf, wenn sie in die Steppach-Baracken eingewiesen wurden und wehrten sich entsprechend. Arbeitslosigkeit führte zu sozialem Abstieg, der Steppach machte die neuen Mieter dann endgültig zu „Asozialen“. Das „Rote Echo“, eine Zeitung der Villinger Kommunisten, glossierte die städtischen Bauvorhaben:

„Nachdem man heute überall sparen muß, so werdet ihr . . . zugestehen müssen, daß hier die Behörden der Stadt Villingen es verstanden haben, wirklich billige Wohnstätten für die Armen zu schaffen . . . Zur Verfügung stehen ein Zimmer und eine Küche. Miniaturstil! Ein Speicher ist nicht vorhanden. Nun zu was auch? Hier kann man am besten ersehen, dass unsere Behörden genau wissen, was eine unnötige Ausgabe ist . . . die Leute . . . haben doch nichts mehr, was auf dem Speicher untergebracht werden könnte . . . Fürsorglich hat man auch davon Abstand genommen, eine Lichtleitung einzubauen, da man diesen Armen die Sorgen wegen dem Bezahlen der Stromrechnungen ersparen wollte. Um die Barackenbewohner vor Bequemlichkeiten zu bewahren, erstellte man zur gemeinsamen Benutzung für sie einen Brunnen im Freien. Die . . . Zentrumslakaien kultivieren die Ärmsten der Armen immer mehr in die historische Vergangenheit unserer Urväter zurück.“

3. Kriegsfolge: Inflation

Im Jahr 1919 stieg der Dollar von 8,90 RM auf 50 RM. Nach dem Kapp-Putsch beruhigte sich die Lage vorübergehend. Im Juni 1920 kostete der Dollar 40 RM. Und nach der Ermordung Erzbergers kletterte der Dollarkurs auf 270 RM, gab dann aber wieder nach. Nach der Ermordung Rathenaus kostete der Dollar im Juni 1922 420 Mark. Im April 1923 kletterte der Dollarpreis auf 20 000 Mark und im November 1923 auf über 4 Billionen Mark.

Die Inflation verschärfte die Unterschiede zwischen den sozialen Klassen. Soziale Tugenden wie Arbeit und Fleiß hatten ihren gesellschaftlichen Sinn verloren. Rücksichtslosigkeit und Ellenbogenmentalität siegte. Schieber und Spekulanten konnten in Wohlstand und Luxus leben.

In der Inflationszeit arbeitete Sepp Kraus (Jahrgang 1902) beim Villinger Elektrizitätswerk. „Do war ich als junger Kerle, mit meim Freund, em Stern Sepp … zur Diskonto-Bank und (hend) dort installiert. Für der ganze Lohn hättet mir vielleicht an Laib Brot kriegt, wenn’s guat gange isch. No hem mir an Totekopf mola lasse vom a Moler und hem mer an d’Tür außa naghengt: ,Vorsicht Hochspannung‘. Hem mer a paar Kischta vorne na glegt. Do hem mer der ganze Tag Roman glesa. Kein Streich gschafft. Wenn mer scho nix kriagt fürs Geld, na schafft mer au nix! Und wenn no der Mondaschmeister hochkam vom Elektrizitätswerk, wenn er d’Stege runter isch, no sen mer auf der andere Seite naus. Bis der in Bau neikomme is, sen mir au drin gwesa.

Die Diskonto-Bank hat ja alles ghabt. Die hen niesa Kischta do ghabt mit Beleuchtkörper usw. Do hot mer kein Mangel ghabt, muß mer scho sage.“ Die Auswirkungen der Inflation auf die Bevölkerung waren unterschiedlich. Die Arbeiterschaft konnte ihre inflationären Einkommensverluste in der Regel durch Lohnnachbesserungen und Teuerungszulagen ausgleichen. Da die Konjunktur der Uhrenindustrie und ihrer Zulieferbetriebe inflationsbedingt sehr gut lief, konnten die Betriebe sogar expandieren. Existenzbedrohend war die Inflation für Rentenempfänger, Kriegsrentner und Alte, für Arbeitsunfähige und Kranke.

Ab 15. November 1918 wurde in der Uhrenindustrie der 8-Stunden-Tag bzw. die 48-Stunden-Woche eingeführt. Bedingt durch die Umrüstung von Kriegs- auf Friedensproduktion sowie den chronischen Energiemangel, der auf die ungenügenden Kohlelieferungen aus dem Ruhrgebiet zurückging, wurde in den Betrieben im Winter 1918 /19 teilweise sogar nur fünf Stunden pro Tag gearbeitet. Die Rückkehr der heimkehrenden Soldaten verursachte in den ersten Friedenswochen und -monaten einen erheblichen Arbeitsmangel, so daß es keinen betriebsorganisatorischen Grund gab, sich gegen den 8-Stunden-Tag zu wenden. Im Ausgleich des Lohnausfalls für die Arbeiter sahen die Uhrenindustriellen allerdings eine Ursache für ein weiteres Anheizen der Inflation.

Am 9. April 1919 trat der erste „Lohntarif für die Uhrenindustrie und die verwandten Industrien des Schwarzwaldes“ in Kraft.

Der Markverfall verbesserte die Situation der Uhrenindustrie bereits im Verlauf des Jahres 1919; er führte in den Uhrenregionen zu Arbeitskräftemangel. Die Industrie machte Gewinne auf den ausländischen Märkten, stand aber vor dem Problem, durch die ungenügende Energieversorgung und die Beschränkung der Arbeitszeit — der zentralen Errungenschaft der Revolution — nicht in ausreichender Menge produzieren zu können. Außerdem war das Deutsche Reich auf die wenigen Handelsmöglichkeiten der deutschen Wirtschaft mit dem Ausland angewiesen, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Obwohl Villingen circa 70 Prozent Katholiken hatte, spielten die christlichen Gewerkschaften trotz erheblichen Propagandaaufwandes und äußerst rührigen Gewerkschaftssekretären politisch eine eher untergeordnete Rolle. Gerade in den Villinger Großbetrieben — Kienzle-Uhren, SABA und Kaiser — konnten sich die freien Gewerkschaften durchsetzen. Selbst „gute Katholiken“ waren bei der SABA Mitglied im DMV, obwohl die deutschen Bischöfe von den Kanzeln verkünden ließen, daß es „Sünde“ sei, einer sozialdemokratischen Gewerkschaft anzugehören. Einerseits versprach man sich vom freien Gewerkschaftsverband eine größere Schlagkraft und ein besseres Durchsetzen der Arbeiterinteressen. Auf der anderen Seite wurden Neu-Eintretende in den Betrieben von den Mitarbeitern fast genötigt, in ihre Gewerkschaft einzutreten. Wollte man keinen neuen Arbeitsplatz suchen, gab man, vielleicht auch der Not gehorchend, dem Druck der Kollegen nach.

1922 erhielten die Gewerkschaften Villingens eine neue Konkurrenz. Das zum Junghans-Konzern gehörende Messing-Werk versuchte die „gelbe Arbeiterbewegung“, die als relativ unternehmerfreundlich galt, zu stärken. Als Reaktion auf diese Unternehmeraktion trat die Arbeiterschaft des Messingwerks am 13. November in den Streik. Nach viertägiger Dauer wurde der Arbeitskampf beendet. Die Träger der „gelben Bewegung“ waren aus dem Werk ausgeschieden, ihre Anhänger aus der Gewerkschaft ausgetreten.

Die Inflation beschleunigte die Abfolge der Lohnverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Im allgemeinen wurden die Teuerungszulagen von den Arbeitgebern in der Inflationszeit akzeptiert. Der einzige Lohnstreik dieser Jahre fand im Januar 1922 statt.

Die Arbeiter hatten feste Sätze als Lohnzulagen gefordert, die Arbeitgeber aber prozentuale Zuschläge von 2,5 bis 3 Prozent geboten. Vermittlungsversuche des Reichsarbeitsministeriums zwischen den Kontrahenten scheiterten. Im Januar kam es auch in Villingen zum Streik.

Die Gewerkschaften bestanden auf festen Zuschlägen, weil nur so wirkungsvoll der Teuerung entgegengetreten werden könne, die schließlich alle Lohngruppen treffe. Durch prozentuale Zuschläge würden nur die Lohndifferenzen verstärkt, die niedriger Entlohnten müßten noch „intensiver schaffen“ und damit „Raubbau“ an ihrer Arbeitskraft treiben. Die Unternehmerregelung würde eine „gewisse Uneinigkeit“ in die Arbeiterschaft tragen, was die Gewerkschaften vermeiden müßten.

Der Streik endete am 21. Januar. Für gelernte Arbeiter wurden die Sätze des Schiedsspruches akzeptiert, ungelernte Arbeiter mußten Abschläge von 10 bzw. 20 Pfennig hinnehmen. Die Arbeitgeber erklärten sich außerdem bereit, die nach dem 15. Februar eintretenden Verteuerungen durch Lohnerhöhungen auszugleichen.

Auf dem Höhepunkt der Inflation kam es zu erneuten Konflikten. In einer Konferenz der Gewerkschaften in Villingen, am 26. November 1923, wurden die beteiligten Organisationen aufgefordert „sofort alle Vorbereitungen zum Arbeitskampf zu treffen“. Die „erregte Arbeiterschaft“ des Messingwerkes beharrte auf dem Streik, „bis ihren Lohnwünschen Rechnung getragen worden“ sei.

Konnte am Montag der Streik bei der Firma Kaiser noch einmal kurzfristig durch Zugeständnisse und beruhigende Erklärungen der Firma abgewendet werden, traten am Dienstag, dem 27. November, in allen Villinger Betrieben die Arbeiter in Streik. Nach drei Tagen wurde in den Villinger Betrieben wieder gearbeitet, man war den Forderungen der Arbeiter entgegegen gekommen.

Der guten inflationär bedingten Beschäftigungslage stand eine immer schlechter werdende Versorgungslage der Bevölkerung gegenüber. Man konnte zwar Geld verdienen, bekam für das Geld aber nichts zu kaufen.

Der Geldwertverlust war rapide. Am 26. Oktober 1923 schilderte das „Volksblatt“ den Fall eines Villinger Bauern, der die Bezahlung für 28 Liter Milch erst eine Woche später erhielt und sich dann nicht einmal mehr einen halben Liter Essig als Gegenwert kaufen konnte.

Eine Reaktion auf die Inflation war das Hamstern von Waren, Sachsparen anstelle von Geldsparen, weiterhin das Entstehen eines Schwarzmarktes, wo Naturaltausch stattfand bzw. Phantasiepreise gezahlt wurden. Die Behörden versuchten, die immer schlechter werdende Versorgungslage durch alle möglichen Reglementierungen zu unterbinden. In den Fremdenverkehrsgebieten tauchten immer mehr vermögende Touristen auch aus dem Ausland auf und kauften mit ihren „harten Devisen“ die Läden leer. Im November 1921 ging an die Villinger Geschäftsleute sogar der Aufruf: „Verkauft nichts an Ausländer.“ Zu ausgesprochenen Demonstrationen der Arbeiterschaft gegen den Fremdenverkehr kam es bereits im Sommer 1919, dann im November 1921 und im Sommer 1923.

Mitte 1920 kam es unter der Villinger Arbeiterschaft zu verstärkten Unruhen wegen der überhöhten Preise. Da der Dollar-Kurs seit dem Kapp-Putsch gefallen war, forderten die Fabrikarbeiter einen Preisabbau.

Eine eigens gebildete Preisprüfungskommission untersuchte Möglichkeiten für einen Preisabbau in Villingen. Am 28. Juli riefen die Gewerkschaften in der „Festhalle“ zu einer Volksversammlung. 1500 Personen kamen.

Gewerkschaftssekretär Schifferdecker klagte die Praktiken der Landwirte an, die angeblich, nachdem die Preise für Lebensmittel festgelegt worden seien, keine Lebensmittel mehr auf den Markt bringen würden. Früher hätten die Bauern 2500 Liter Milch geliefert, nach der Preisfestsetzung nur noch 1800 Liter. Einige Bäcker würden zu knapp wiegen. Im Vergleich zu den Städten Freiburg und Karlsruhe würden die Nahrungsmittelpreise durch die Frachtkosten noch zusätzlich verteuert.

Die Versammlung beschloß einstimmig, an den Gemeinderat den Antrag zu stellen, daß allwöchentlich die Marktpreise in den Zeitungen zu veröffentlichen seien; Im Sommer 1921 wurde die Milchversorgung erneut schlechter, was einen Verbraucher im „Volksblatt“ schreiben ließ, daß es in Villingen zu viele Verbraucher gebe, „die von den traurigen egoistischen Motiven beseelt sind“.

Am 6. November nahm die Milchgenossenschaft Villingen zu der schlechten Milchversorgung Stellung.

„Es ist Tatsache, daß der Hauptgrund an dem bedauerlichen Milchrückgang in der Hamsterei von Rohmilch und der Verarbeitung zu Butter, zum Zwecke des Absatzes an Kurfremde zu suchen ist. Diesem Zustande ist nur abzuhelfen, wenn jeder durch Milchabzug geschädigte Verbraucher uns die Namen der Hamsterer und Verkäufer … angibt. Denn alle Mahnungen in Versammlungen und Flugblättern waren erfolglos.“

Die Versorgungslage war auch in Villingen nicht in den Griff zu bekommen. Gegen die Interessen der Arbeiterschaft standen in Villingen oftmals die Interessen der Landwirte und der kleineren Einzelhändler. Die Kluft zwischen Bauern und Kleinhändlern auf der einen und Arbeitern auf der anderen Seite verschärfte sich zusehends.

4. Die Wirtschaftskrise

Villingen hatte 1925 13 982 Einwohner. Die Gewerbezählung von 1925 wies für Villingen 649 Betriebe mit insgesamt 5 198 Beschäftigten aus. 913 Beschäftigte waren Pendler. Die durchschnittliche Betriebsgröße betrug 8 Beschäftigte. Allein in den 83 Metallbetrieben arbeiteten 2 848 Personen, also über die Hälfte der abhängig Beschäftigten. Die durchschnittliche Betriebsgröße in der Metallverarbeitung lag bei 34,3 Beschäftigten. Nur 66 Betriebe zählten mehr als 11 Beschäftigte, davon 31 Metallbetriebe. Acht Betriebe hatten in Villingen über 100 Beschäftigte. Im badischen Vergleich hatte Villingen einen höheren Anteil an Industriearbeitern als die Städte Konstanz und Freiburg.

Betriebe über 100 Beschäftigte
Betriebe 1923 1925 1934
Backofenfabrik Oberle 103 131
SABA 230 330 521
Uhrenfabrik Badenia 216 122
Uhrenfabrik Martin Jauch 100 187 336
Uhrenfabrik Kaiser 160 196 374
Kienzle Uhrenfabrik 1100 583 116
Kienzle Taxameter 289
Messingwerk 310 300 339
Seidenweberei 235 288
Kurz & Gaiser 220

 

Die Wirtschaftskrise in der Uhrenindustrie begann bereits mit der Einführung stabiler Währungsverhältnisse. Im Dezember 1925 trug sich die Industrie mit dem Gedanken, Arbeiter zu entlassen und die Löhne zu kürzen.

Da Verbesserungen der Vertriebsorganisation und des technischen Standards keine kurzfristigen Verbesserungen der Lage bringen konnten, suchten die Uhrenindustriellen nach anderen Möglichkeiten: Lohnsenkungen und Arbeitszeitverlängerungen. Im Oktober 1925 führten Betriebsstillegungen und Entlassungen zu erheblichen Unruhen unter den Uhrenarbeitern. Vereinzelt hatten Arbeiter auch Kürzungen ihrer Lohntarife hinnehmen müssen. Das Tarifabkommen vom 1. November 1925 sah eine sechsprozentige Erhöhung der Akkordlöhne und eine Erhöhung der Stundenlöhne um sechs Pfennige vor.

Am 22. Dezember 1925 wurden durch einen Schiedsspruch die Akkordlöhne um drei Pfennige und die Stundenlöhne um zwei Pfennige gesenkt. Den Arbeitgebern waren die Lohnkürzungen zu gering, daher wurden am Montag, den 22. Dezember 1925, im Arbeitsamtsbezirk Villingen zwischen 2 400 und 2 600 Arbeiter in einen unbezahlten Werksurlaub von ca. drei Wochen geschickt. Ein Familienvater mit fünf und mehr Kindern erhielt in diesen „Ferien“ in der Woche nur 21,60 Mark Erwerbslosenunterstützung. Aus Protest gegen dieses Unternehmerverhalten kam es am 4. bzw. 5. Januar zu Streikmaßnahmen der Arbeiter in Villingen, Furtwangen und Gütenbach.

Die Arbeit wurde aber nach Streikende nicht in allen Betrieben am Montag, den 25. Januar 1926, wieder aufgenommen. Die Firma Kienzle in Villingen konnte „infolge Nichtausführung von durch den Streik hervorgerufenen Reparaturen, Platzen von Röhren usw. nicht schon am Montag die Arbeit aufnehmen. Wegen der schlechten Geschäftslage ist eine größere Reduzierung der Belegschaft vorgesehen, zu der der Demobilmachungskommissar seine Zustimmung erteilt hat“.

Im April 1926 legte das Villinger Messingwerk wegen Arbeitsmangel trotz allmählich sich wieder belebender Konjunktur eine dreiwöchige Arbeitspause ein. Im Juni des Jahres gab es in Villingen immer noch 690 Arbeitslose. Die Stadt versuchte der Lage durch Notstandsarbeiten wie der Brigachkorrektur Herr zu werden. Trotz der geringfügig verbesserten Konjunktur hatten es vor allem ältere Arbeiter schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Das Thema Rationalisierung bestimmte notwendigerweise die gewerkschaftlichen Diskussionen.

„Wenn durch die Rationalisierung keine höhere Absatzmöglichkeit, durch Senkung der Preise keine Steigerung der Einkommen geschaffen wird, dann ist sie ein völliger Fehlschlag.“

Für die Gewerkschaften sei die einzige Möglichkeit, als Gegenmacht einen umfassenden Zusammenschluß zu finden. Leider sei auf dem Boden von Sozialismus und Kommunismus eine Einheitsgewerkschaft nicht möglich.

1927 und 1928 lief die Konjunktur in der Uhrenindustrie gut. Weitere Rationalisierungsmaßnahmen wurden durchgeführt, was auch einen vermehrten Einsatz von Arbeitszeitkontrollapparaten und Kontrolleinrichtungen sonstiger Art bedeutete. Wenn schon die „Lohnregulierung“ nicht im gewünschten Umfang durchsetzbar war, so sollte mindestens die Arbeitszeit möglichst intensiv genützt und ausgenützt werden.

Auf einer großen Gewerkschaftskundgebung in Villingen am 13. April 1930 wurde zum ersten Mal der Ruf nach Reduzierung des Rationalisierungstempos laut.

„Wenn die Arbeit nicht ausreicht, sollte man nicht zuerst das Geld, das die anderen verdienen, verteilen, sondern in erster Linie die Arbeit.“ Herabdrücken der Löhne sei keine Lösung, „das würde doch bedeuten, daß Tausende vor den Schaufenstern stehen und nichts kaufen können“.

Die Uhrenarbeiter mußten trotz steigender Preise Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit hinnehmen, und daneben gab es in Villingen Firmen, die Aufträge genug hatten.

„In unserer Schwarzwaldstadt haben wir ein leuchtendes Haus . . . (Hier) wird nicht nur am Tage, sondern auch des Nachts gearbeitet . . . Es werden dort keine Uhren oder damit verwandtes gefertigt, wie es im Schwarzwald der Brauch ist. Es werden darin auf vielen Maschinen von endlosen Papierstreifen Karten von besonderer Beschaffenheit gedruckt. Und diese Karten sind für die Bearbeitung in den Hollerith-Maschinen bestimmt. Und die Hollerith-Maschinen stehen in den großen Industrien unseres deutschen Vaterlandes und auch weiter draußen in der Welt. Sie stehen bei Großbanken, bei den Eisenbahnen und noch an vielen Orten, um auf schnellem Wege Licht und Aufklärung über in Dunkel gehüllte wichtige Fragen aller Art zu bringen. Mit dieser schnellen maschinellen Aufklärung werden rechtzeitig Verluste vermieden, bedeutungsvolle Statistiken erstellt, etwa erforderliche Umstellungen in der Produktion erkannt und durchgeführt; es kann rechtzeitig festgestellt werden, ob rationell gearbeitet wird . . . Und die Arbeiter in dem leuchtenden Haus, welche bis in den grauen Morgen tätig sind, sind sich vielleicht bewußt, daß sie mit dem Lichte, das ihrer Arbeit dient, nicht nur sich selbst, sondern den Unternehmungen .. . draußen in der Welt Leben und Brot erhalten helfen. Das leuchtende Haus sendet seine hellen Strahlen ungeheuer weit.“

Leider schloß die Hollerith Villingen bereits am 1. Oktober 1927 ihren Betrieb und verlegte ihn nach Sindelfingen. Der Grund für die Verlegung lag an den fehlenden Erweiterungsmöglichkeiten der Firma. Nach Aussage des Bürgermeisters hatte ein Villinger Privatmann sein Grundstück nicht zur Verfügung stellen wollen.

Mindestens ebenso erfolgreich war die Firma SABA. Die Firma SABA, ein vormals Triberger Unternehmen, verlegte 1918 ihre Produktion nach Villingen. Man stellte von Uhren auf Metallbestandteile und später auf Rundfunkgeräteproduktion um. 1927 wurden die ersten SABA-Empfangsgeräte produziert. Die Firma wurde neben der Hollerith bis 1927 eine der wenigen wirklich erfolgreichen Unternehmungen der Region.

Die Weltwirtschaftskrise behinderte zwar durch die Einkommenseinbußen der Bevölkerung einen Massenabsatz, auf der anderen Seite aber wurden die Lohnkosten gedrückt. 1931 lief SABA so gut, daß man sich mit Erweiterungsplänen trug. Man wollte den Betrieb noch im Laufe des Jahres 1931 bzw. 1932 nach Berlin verlegen.

Im Juni 1931 richtete Bürgermeister Gremmelspacher ein Schreiben an das badische Finanzministerium mit der Bitte um Hilfe. Die Stadt Villingen wollte den Betrieb mit seinen 200 Arbeitern unbedingt erhalten, von einem Ausbau der Firma versprach man sich außerdem weitere Arbeitsplätze.

Villingen selbst sei nicht in der Lage, SABA den Kredit zu gewähren. Die Akten überliefern leider nicht das Ergebnis dieser Verhandlungen, aber die SABA konnte ihren Betrieb erweitern und blieb in Villingen.

Im Februar 1930 war dann auch die Firma SABA zu Betriebseinschränkungen gezwungen, „um verlustreiche Lagerbestände zu vermeiden“. Im Dezember 1930 kam es zu umfangreichen Entlassungen in der Seidenweberei. Am 29. April 1931 ging die traditionsreiche Firma Oberle in Konkurs.

Die Firma SABA konnte am 8. September 1931 38 neue Arbeiter einstellen und kündigte für die Saison — das Weihnachtsgeschäft — außerdem die Einstellung von 100 bis 200 weiteren Arbeitskräften an. Dabei sicherte SABA der Stadt zu, hierbei nur ortsansässige Arbeiter zu verwenden. Ebenso erfreulich war, daß die Firma SABA ihre angeblichen Umzugspläne nach Berlin vorerst aufgegeben hatte. Spätestens seit 1932 erwies sich die Radioindustrie in Villingen als Motor. Nicht ganz unschuldig daran waren die Wahlkämpfe der frühen dreißiger Jahre. Immer mehr Parteien nahmen den Rundfunk für ihre Zwecke in Anspruch. Rundfunkteilnehmer zu sein, war außerdem zu einem Statussymbol geworden, auch und gerade bei Personen, die sich die teure Anlage eigentlich gar nicht leisten konnten.

Weniger gut als der Firma SABA ging es ihren Arbeitskräften, die an der allgemeinen Verschlechterung der Einkommenssituation der Schwarzwälder Arbeiterschaft beteiligt waren. Für die Kommunistische Partei in Villingen war die SABA deshalb auch die ideale Zielgruppe ihrer antikapitalistischen Propaganda. Unter der Überschrift „SABA-Paradies“ konnten die Villinger im „Roten Echo“ folgendes nachlesen:

„Trotzdem, daß in Villingen ein Massenheer von Erwerbslosen ist, werden bei Schwer c Söhne wöchentlich bis 60 und noch mehr Ueberstunden    gemacht . . . Durch den Schweiss der SABA-Proleten konnte man in kurzer Zeit einen neuen ungeheuren Fabrikkomplex erstellen lassen.“

Vor Weihnachten 1932 stellte die SABA 350 Arbeitskräfte neu ein. Die Neueinstellungen seien teilweise auch durch Lohnreduzierungen bei den Stammarbeitern finanziert, mit Zustimmung des „reformistischen“ Betriebsrates, so „Das Rote Echo“. Nach dem Weihnachtsgeschäft seien dann aber wieder 200 Arbeiter entlassen worden.

5. Arbeitslos

Zur Fasnacht 1932 schrieb das Villinger Volksblatt: „4,3 Millionen Deutsche haben keine Arbeit, sind arbeitslos . .. Liebe Narros und Närrinnen … da wollt ihr Fastnacht machen! Schaut euch um in Villingen selbst! Da ist bittere Not gerade genug . . . Denkt einmal darüber nach. Dann werdet ihr selbst finden, daß dies Jahr kein Fasnacht sein darf! Daß mers am beste wend ganz bliibe lau.

Mit dem ,verschbarte Fasnetgeld kauft ihr einem armen Kind einen Wollkittel, einer arbeitslosen Familie aber Kohlen damit sie nicht länger mehr frieren. Gebt den Hungernden an den drei Tagen lieber etwas zu essen, statt daß ihr es selber verbraucht! Die Hungernden sollen wieder einmal satt werden! Immer nur Kaffee und ,gsottini Herdöpfel machen nämlich nicht satt! Und du, wohlachtbarer Zunftsäckelmeister, gibst aus der Zunftkasse noch einen Gulden dazu, daß das Ding au bauet!‘ Rolle schittle dommer, wenns es verliide mag, s näscht Johr wieder. On, wo suscht au gärn ins Häs goht.“

Im Dezember 1932 waren in Villingen insgesamt 2 037 Personen von der Fürsorge abhängig. Das Arbeitsamt organisierte Turn- und Gymnastikunterricht für Arbeitslose, denn Stellen gab es nicht zu vermitteln. Im Mai 1931 waren dagegen „nur“ 1100 Fürsorgeempfänger unterstützt worden.

Die Arbeitslosigkeit war im Herbst, wenn es auf das Weihnachtsgeschäft zuging, relativ niedrig. Nach Weihnachten wuchs die Zahl der Erwerbslosen immer erheblich an, weil die Industrie keine Aufträge mehr hatte. Im Laufe der Krise trat eine Nivellierung der unterschiedlichen Erwerbslosen-unterstützungen ein. Die einzelnen Formen der Unterstützung näherten sich immer mehr dem Fürsorgeniveau. Wenn man allerdings die Situation der noch Arbeitbesitzenden in der Region betrachtet, so kann man fast davon ausgehen, daß sich im Krisenjahr 1932 auch das Lohnniveau der Uhrenindustrie mehr und mehr dem Fürsorgesatz anglich. Der Arbeitnehmer wurde in seinen Lebensbedürfnissen auf das Fürsorgeniveau reduziert.

Der Villinger W. K., Jahrgang 1909, war fünf Jahre lang arbeitslos. In solchen Fällen gab es keine Arbeitslosen- oder Krisenunterstützung mehr.

„Ich bin zum HaWe, Hermann Werner, Uhrenfabrik. Des isch an Bruader gsi zum C. Werner. Des war in dr Webergasse. Do war ich einige Johr. Mir send (dort) luter Gleichaltrige gsi. 29 bis 33 ben e arbeitslos gsi. Da hab e bei de Eltern gwohnt. Do hab e Kegel ufgsetzt im ‚Paradies‘ und in der ,Germania: Ich ho nochher der Hausbursch gmacht für d’Germania: Am Morge um achte, nüne be ich komme, ha d’Kegelbahn gricht, und na ha e s’Essa kriegt. No war ich von derheim weg. Unterstützung ham mer jo koine me kriegt. Der Vatter isch dort au arbeitslos gsi. Und no isch mer a weng geh hamstere, geh bettle, regelrecht bettle. Au an Turnerkolleg von mir. Sen mir mit em Fahrrad fort gfahre uft Land nus. Ham mer gsagt“mir sin arme Arbeitslose.‘ Do hasch du Mehl kriegt und du hosch Eier kriegt. Des hesch dohoam no abgä. Der Vatter het so gern Spätzle gessa. No het dMutter ebbes mache kenna. Grad so bettled. Des hon se kriegt anstandslos (bei den Schwarzwälder Bauern) . .. 29 bis 33 war die schlechtscht Zeit. No wo der Umschwung komme isch, no hon se uns gholt zum Arbeitsdienst.“

Im „Volksblatt“ erschienen Berichte, daß das Bettelunwesen zu einer richtigen Landplage ausarte, die Arbeitslosen immer „unverschämter“ und „aggressiver“ würden, so daß sich die Bauern regelrecht belästigt und bedroht fühlten. Keller- und Gartendiebstähle häuften sich.

Arbeitslosigkeit bedeutet in der Regel nicht Mangel an Arbeit, sondern Mangel an bezahlbarer Arbeit, eine Erfahrung, die auch heute viele Arbeiter machen können. Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit werden daher oft zu einem Rückfall in Zeiten schlimmer Ausbeutung. Die bloßen Zahlen können kaum eine realistische Vorstellung von dem vermitteln, was Arbeitslosigkeit für den einzelnen Arbeitnehmer, der auf das Anbieten seiner Arbeitskraft angewiesen ist, bedeutet.

Viele begannen überhaupt erst in der Wirtschaftskrise mit landwirtschaftlicher Tätigkeit. Die Ziegenzucht wurde wieder populär, immerhin erwirtschaftete die Familie so Butter, Milch und Käse. Die Kleintierzucht nahm zu. Die Stadt Villingen konnte in dieser Zeit nicht genug Kleingärten für Arbeitslose bereitstellen.

Im Juni 1932 gab es in Villingen wieder 1365 Familiengärten mit 27,3 Hektar und 236 Kartoffelfeldlose mit 27,3 Hektar. Die Nachfrage nach Kleingärten war groß, auch deshalb, weil das Fürsorgeamt Villingen von den arbeitsfähigen Bezugspersonen verlangte, daß sie ihren Eigenbedarf an Kartoffeln und Gemüse selbst anpflanzten.

Arbeitslosigkeit veränderte die Lebensformen und Wertvorstellungen der Familien. Die Betroffenen erlitten Einbußen ihres Selbstwertgefühls. Vor allem die Familienväter erlebten einen deutlichen Funktionsverlust ihrer Person, wenn sie zusehen mußten, wie Frau und Kinder das Geld heimbrachten.

Wenn die Betriebe Neuanstellungen vornahmen, wurden Frauen und Jugendliche bevorzugt, weil sie einmal für wesentlich weniger Lohn arbeiteten und außerdem leichter zu entlassen waren. Familien mit landwirtschaftlichem Nebenerwerb hatten es vergleichsweise gut. Zu essen gab es wenigstens genug. Viele Arbeitslose versuchten durch selbständige Tätigkeiten, etwas dazuzuverdienen. Auch hier waren Frauen im allgemeinen im Vorteil, weil sie wenigstens Putzen, Nähen und Flicken konnten. Wer solche Möglichkeiten nicht hatte, der war auf öffentliche Wohltätigkeiten angewiesen, auf Kleider- und Nahrungsmittelspenden, abgegeben von denen, denen es noch besser ging.

Die Richtlinien, nach denen Unterstützung gezahlt wurde, empfand man oft als reine Behördenwillkür. Die Bittgänge zur Fürsorgestelle oder zum Arbeitsamt waren demütigend, und die Art und Weise, wie man auf den Ämtern behandelt wurde, vermittelte Ohnmachtsgefühle.

Arbeitslosigkeit bedeutete sozialen Abstieg, vor allem Dauerarbeitslosigkeit. Manche waren bis zu vier Jahren arbeitslos — und das im Alter zwischen zwanzig und dreißig! Sie verloren ihren Hausbesitz, weil die Schulden nicht mehr bezahlt werden konnten, ihre Wohnung, weil die Miete zu hoch war, mußten in die „Asozialensiedlung“ umziehen, wurden Wohlfahrtsempfänger, lebten von Almosen und Spenden.

Ein ehrliches, angesehenes Leben war für Menschen, die von ihrer Arbeitskraft abhängig waren, in vielen Fällen nicht mehr möglich. In „Kampfverbänden“, den militarisierten Männerbünden der Rechten wie der Linken fanden viele schließlich kameradschaftlichen Zusammenhalt, die gesuchte Geborgenheit. Diese Gruppierungen vermittelten das Gefühl, etwas gegen die tägliche Bedrohung auszurichten, sie gaben scheinbar dem sinnlosen Arbeitslosenalltag wieder Sinn.

In Villingen organisierten sich die Erwerbslosen wie überall. Begründet wurde dies mit der derzeit „auch für Villingen ungeheuren Arbeitslosigkeit und die damit zusammenhängende Verelendung der Massen, deren Auswirkung auch für weite Kreise der Vllg. Bevölkerung z. Bsp. Kaufleute verhängnisvoll werden kann“.

Zu den vorgelegten Forderungen gehörte, daß alle städtischen Arbeiten von Villinger Erwerbslosen ausgeführt werden und dafür nach Tarif bezahlt werden sollten. Kohle- und Holzbeihilfen für erwerbslose Haushaltungsvorstände wurden verlangt, möglichst hohe Fürsorgerichtsätze und außerdem verlangte man einen Raum, in dem der Ausschuß die Wünsche und Anregungen der Erwerbslosen in Empfang nehmen könne.

Der Villinger Stadtrat ging im wesentlichen auf die Wünsche der Erwerbslosen ein, nur die Fürsorgerichtsätze könnten nicht erhöht werden, weil sie sowieso schon an der oberen Grenze lägen.

Die Stadt solle endlich ihre geplanten Notstandarbeiten durchführen. Bei der Zuteilung der Arbeit wollte der Ausschuß mitbestimmen. Es sollten hierfür ausschließlich Villinger Erwerbslose verwendet werden, sonst seien „Zusammenstöße unvermeidbar“. Ebenso bestand man auf der Erhöhung der Fürsorgerichtsätze, denn es sei eine „geradezu hohnvolle Zumutung, wenn (irden Unterhalt eines Proletarier-Kindes M2 wöchentlich in Frage kommt, hingegen für einen Polizeihund M 10.50.“

Weiterhin wünschte man Mitarbeit im städtischen Fürsorgeausschuß.

Der folgende Winter brachte keine Verbesserungen, die Wünsche des Erwerbslosenausschusses blieben bestehen, und so wiederholt das Schreiben vom 12. Februar 1930 die Forderungen des Vorjahres noch einmal.

Im Winter 1930/31 wurde über der Lesehalle eine Wärmehalle eingerichtet. „Die alleinstehenden Erwerbslosen sollen kostenlos Tee und Kaffee aus der Volksküche erhalten.“ Wie in den Vorjahren wurde eine Winterbeihilfe gewährt. Auch im Winter 1930/31 wurde um Winterbeihilfen gebeten. Im Winter 1931 wurde beschlossen, daß die Fürsorgeempfänger für ihre Holzzuteilungen arbeiten sollten. Der Erwerbslosenausschuß lehnte dieses Ansinnen ab.

„Wenn man betrachtet, daß jeder Unterstützungsempfänger zuerst 5 Stunden Pflichtarbeit leisten muß, bevor er überhaupt an Holzmachen denken kann, und es dann noch mit dem Handwagen nach Hause führen muß so ist das eine Zumutung . . . Wir sind der Ansicht, daß jeder Unterstützungsempfänger sein Holz selbst aufbereitet und sich mit Holz eindeckt, so ist es mit seiner Arbeit so ziemlich schon bezahlt.“

Im März 1931 wurde erstmals in der Presse die angebliche politische Einseitigkeit der Villinger Erwerbslosenbewegung kritisiert.

In seltener und erstmaliger Einigkeit mit dem „schwarzen Gegner“ berichtete der sozialistisch orientierte „Volkswille“ über das Villinger Spektakel am 12. März 1931:

„Der derzeitige Erwerbslosenausschuß besteht nur aus Kommunisten . . . Die freien und christlichen Gewerkschaften haben am letzten Samstag zur Bildung eines Ausschusses auf gewerkschaftlicher Basis schreiten wollen.“ Bei dieser Versammlung im Volkshaus/Löwen seien auch die Kommunisten anwesend gewesen. „Die Mehrzahl davon kaum 20 Jahre alt. Die beiden Kommunisten Blässing und Strak führten sich so flegelhaft auf daß sie nur von den jugendlichen Schreiern Unterstützung erhielten.“ Erst als sich die Polizei zeigte, verließen die Kommunisten den Saal. Die Bildung eines neutralen Ausschusses wurde dann doch vorgenommen.

Für einige Unruhe sorgte die nochmalige Herabsetzung der Fürsorgerichtsätze, die jetzt einer Familie von sieben und mehr Köpfen nur noch 17 Mark pro Woche zubilligten. Dies seien „Härten, . . . die nicht mehr zu tragen sind“.

Die Notverordnungen vom 16. September 1932 muteten den Wohlfahrtserwerbslosen sogenannte Karenztage zu, das bedeutete Abzüge an der Fürsorge. Darauf kam es nach Berichten des „Roten Echo“ auch in Villingen zu spontanen Aktionen. „Am Sonntagmorgen standen die Erwerbslosen und Fürsorgeempfänger in grosser Anzahl vor dem Rathaus, um der Verhandlung mit dem Bürgermeister Nachdruck zu verleihen . . . Als (der Stellvertreter) . . . auf dem Rathaus erschien, wurde er von den Erwerbslosen mit Rot-Front begrüsst .. . Während die Vertreter der Erwerbslosen mit dem Bürgermeisterstellvertreter . . . verhandelten, belagerten die Fürsorge- und Wohlfahrtsempfänger in dichten Massen die Treppen und Vorräume des Rathauses und machten dieselben mit den Rufen ,Hunger — Kohldampf‘ dem Bürgermeisterstellvertreter (den Sozialdemokraten Uebler) die Begleitmusik zu seiner Verhandlung mit ihren Vertretern.“

Die Erwerbslosenbewegung gab den Betroffenen das Gefühl, etwas gegen ihre eigene Notlage zu tun, stellte Ansprechpartner für die Stadtverwaltungen und die Parteien zur Verfügung. Die zunehmende Arbeitslosigkeit, die zugleich abnehmende Finanzkraft der Gemeinden und das wachsende Elend führte die Tätigkeit der Ausschüsse aber ad absurdum. Die gemäßigten Vertreter konnten sich auf Grund ihrer Wirkungslosigkeit auf Dauer bei den Arbeitslosen kein Gehör mehr verschaffen, die ewig gleichen Forderungen ermüdeten auch die Stadtväter, die sich immer weniger in der Lage sahen, diese zu erfüllen. Sie sahen sich in die Enge getrieben und glaubten doch, das Bestmögliche für die Arbeitslosen zu tun. Die Radikalisierung der Ausschüsse war vorprogrammiert. Wer sich nicht mit friedlichen Mitteln Gehör verschaffen kann, versucht es schlussendlich gewalttätig. Die Konfrontation zwischen den Massen der Erwerbslosen und den gewählten Parteivertretern wurde immer bedrohlicher. Auch die kleinen Schritte, die kleinen Hilfen, die sich die Fürsorgeausschüsse und die Gemeindeverwaltungen einfallen ließen, konnten die Forderungen der Arbeitslosen nach einer gerecht bezahlten Arbeit nicht erfüllen. Die Erwerbslosenversammlungen wurden zu Foren der KPD, verließen ihren parteipolitisch neutralen Boden. Wer hungert, ist und kann vielleicht auch nicht mehr „neutral“ sein. Aber das war für die Stadtverwaltungen ein Argument, die Arbeit der Erwerbslosenversammlungen grundsätzlich als linksradikal, als Bolschewisierung der Massen zu diskreditieren.

Im April 1932 wurde als weitere Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit die Notgemeinschaft Villingen gegründet, die sämtliche Hilfeleistungen der Stadt koordinieren, möglichst wirtschaftlich verteilen und außerdem auch noch steigern sollte. Die Notgemeinschaft übernahm die Volksküche, die ein gutes Mittagessen für 35 Pfennig an Erwerbslose ausgeben sollte. Das Essen wurde auch über die Straße abgegeben. Das Geld zur Subventionierung dieser Küche wurde zum Teil durch Haussammlungen und Spenden aufgebracht. Für die notwendigen Arbeitsleistungen zog man Wohlfahrtsunterstützungsempfänger zur Pflichtarbeit heran. Andere Tätigkeiten waren unentgeltlich und ehrenamtlich. Im Monat gab die Volksküche 1 500 Mittagessen aus und um die 500 Abendessen und Frühstücke. Auf die unparteiische Arbeitsweise der Notgemeinschaft wurde besonders wert gelegt.

Neben dem Essen wurde auch Kleidung ausgegeben, etwa neue oder gebrauchte Schuhe. Durch Haussammlungen, Spenden, unter anderem auch Naturalien betrugen 1932 die Gesamteinnahmen 10 000 Mark. Die Verwaltungskosten des Ausschusses machten in der gleichen Zeit nur 300 Mark aus. Auch die städtischen Banken nahmen Spendengelder entgegen. Die Arbeit war wirtschaftlich so erfolgreich, daß im Oktober 1932 der Mittagessenpreis von 35 auf 30 Pfennig gesenkt werden konnte.

Konzentration aller Kräfte zur Linderung der Not, Beteiligung der Erwerbslosen durch die Verwendung ihrer Arbeitskraft, Beschäftigungsmöglichkeiten wie Fortbildung, Turnen, Bastelarbeiten, in der Absicht, vor allem diese jungen Leute von der Straße zu holen bzw. am Besuch der Erwerbs-losenversammlungen zu hindern, das war das Konzept der Notgemeinschaft.

Selbsthilfe ohne Anleitung, darin war man in Villingen weniger geübt. Hilfsmaßnahmen kamen eher von karitativen Organisationen. Die Organisation des Elends überließ man gern den „berufenen Organisationen«.

Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wurde zum gesamtstädtischen Problem erklärt. Arbeitslose wurden nicht ausgegrenzt. Innerhalb der Notgemeinschaft waren alle zur Hilfe verpflichtet. Die soziale Kontrolle war beträchtlich, auf die Nicht-Arbeitslosen wurde ein regelrechter Spendendruck ausgeübt. Villinger Einzelhändler, Bäcker und Metzger, spendeten Nahrungsmittel und Bekleidung. Schuhmacher sicherten zu, für Notleidende die Schuhe kostenlos zu besohlen. Die städtischen Beamten übernahmen die Kosten für das Mittagessen von siebzig armen Schulkindern im Winter 1932/33, und die Arbeitslosen selbst wurden zu Hilfsarbeiten in der Notküche und zu anderen sozialen Tätigkeiten der gemeinsamen Hilfe herangezogen. Der Hilfsbereitschaft für andere konnte und durfte sich niemand entziehen. Bei der Organisation des Elends wurden in Villingen traditionell eingeübte Verhaltensmuster, etwa die Verantwortung für den sozial schwachen Mitbürger, in einer funktionierenden Stadtgemeinde reaktiviert. Die Solidarität der Gemeinde mit den notleiden-den Arbeitslosen mag auch der Radikalisierung der Erwerbslosenbewegung entgegengewirkt haben. Ausschreitungen waren in Villingen auch deswegen weitaus seltener als in Schwenningen trotz der ebenfalls sehr hohen Arbeitslosigkeit.

6. Die politischen Lager

Die Wähler zwischen 1919 und 1933 waren vielfältigen Veränderungen unterworfen, ihre Struktur wandelte sich in diesen 14 Jahren ganz erheblich. In Villingen nahmen die Wahlberechtigten von 6 850 bei der Wahl zur Nationalversammlung auf 9 559 bei der Reichstagswahl 1933 zu. Die Zunahme entsprach dem badischen Landesdurchschnitt. 1919 waren in Villingen 54 Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt. Bei der Reichstagswahl im Mai 1924 waren es 61 Prozent, bis zur Reichstagswahl 1933 waren 66 Prozent der Villinger wahlberechtigt.

Die Zunahme der Wahlberechtigten zwischen 1925 und 1933 deutet auf eine beträchtliche Altersverschiebung der Bevölkerung hin. Die geburtenstarken Vorkriegsjahrgänge kamen ins wahlfähige Alter, eine Entwicklung, von der vor allem radikale Parteien profitierten.

Von den ersten Wahlen abgesehen — hier gab es eine Wahlbeteiligung in Villingen von 86,3 Prozent —lag die Wahlbeteiligung in den Folgejahren deutlich niedriger. So wählten bei den Reichstagswahlen 1924 in Villingen nur rund 70 Prozent der Stimmbürger, 1928 wählten nur 62,4 Prozent, 1930 waren es 81,3 Prozent. Erst bei den Reichstagswahlen 1932 stieg die Wahlbeteiligung im Juli auf 84,6 und im November lag sie bei 78,7 Prozent. Schon seit den Wahlen des Jahres 1920 gab es positive Zusammenhänge, Fluktuationen, zwischen der SPD und bürgerlichen Parteien. Das Wahlverhalten der einzelnen Bezirke erschien relativ instabil. Von der Mobilisierung der Wählerschaft in Villingen ab 1930 profitierte nicht nur die NSDAP, sondern auch das Zentrum. Die NSDAP stieg von 17 Stimmen (0,3 %) bei der Reichstagswahl 1928 auf 2058 (26 %) bei der ersten Reichstagswahl 1932 bis auf 2883 Stimmen (32,8 %) bei der Reichstagswahl 1933. Das Zentrum erzielte 1928 bei der Reichstagswahl 2236 Stimmen (39,7 %) und steigerte seinen Stimmenanteil bei der ersten Reichstagswahl von 1932 auf 2875 Stimmen (35,8 %). Relativ gesehen allerdings mußte das Zentrum wegen der hohen Wahlbeteiligung Verluste hinnehmen. Zwischen 1924 und 1929 wurde in Villingen das Zentrum hauptsächlich von Angestellten, Berufslosen und Arbeitern, besonders von Arbeitern bei Bahn und Post gewählt. Beschäftigte bei der Bahn stellten in Villingen einen hohen Prozentsatz der Einwohnerschaft. Nach

Rüdiger Geist scheinen selbst protestantische Eisenbahner bevorzugt das katholische Zentrum gewählt zu haben. Nach 1930 wurde es bevorzugt von Arbeitern im Handwerk und von Berufslosen gewählt. Weniger attraktiv scheint diese Volkspartei für die Villinger Oberschicht, den selbständigen Mittelstand und nach 1930 für Teile der Arbeiterschaft gewesen zu sein. In der Gruppe der Arbeiter fand das Zentrum seine Anhänger fast ausschließlich unter den Katholiken.

Die SPD verlor in Villingen zwischen 1919 und 1924 rund zwei Drittel ihrer Wählerschaft überwiegend an die KPD bzw. USP. Am rechten Rand verlor die SPD Stimmen an die bürgerlichen Parteien.

Die KPD hatte ihren Rückhalt fast ausschließlich bei Arbeitern und später bei den Erwerbslosen. Bei Eisenbahnern und Postangehörigen fand sie keine Anhänger. Überrepräsentiert waren die protestantischen Arbeiter. Insgesamt deuten die Korrelationen aber auf eine geringe soziale Konformität der KPD-Wähler Villingens hin.

Die NSDAP hatte in der Villinger Gesellschaft praktisch keinen lokalen Rückhalt. Ihre ersten Erfolge bei der Reichstagswahl 1930 erzielte sie in Villingen in den Wohnbezirken von Beamten, Angestellten und der Oberschicht. 1932 waren diese Zusammenhänge weniger deutlich, was die Beamten und Angestellten anging, dafür gab es Wanderbewegungen der Oberschicht und der Arbeiterschaft zur NSDAP.

„Die NSDAP scheint also ihren ersten Aufitieg in Villingen in überdurchschnittlichem Maße den Beamten, Angestellten und Angehörigen der Oberschicht zu verdanken. Im Zuge der Reichstagswahlen 1932 und 1933 scheinen ihr aber auch Einbrüche in das Wählerreservoir der Arbeiterschaft gelungen zu sein. Überraschend hoch war auch der Anteil der NSDAP-Wähler aus dem katholischen Lager“

Ab 1932 hatte die NSDAP in Villingen ihre Anhänger bzw. Wähler aus allen sozialen Gruppen rekrutiert, außerdem profitierte sie von der höheren Wahlbeteiligung.

 

Die politischen Lager waren recht instabil. Die Wähler, vergleichsweise wenig weltanschaulich festgelegt, trafen ihre Wahlentscheidung aus der aktuellen Situation heraus. Für diese Hypothese spricht auch der niedrige Anteil an Zentrumswählern, gemessen am Anteil der katholischen Bevölkerung in der Stadt Villingen.

Bei Villingens Kommunalwahlen fallen die hohen Gewinne bürgerlicher Gruppierungen auf, gegen die sich Zentrum, SPD und KPD nur schwer behaupten konnten.

Die KPD schnitt auf kommunaler Ebene sehr schlecht ab. Ihr höchstes Ergebnis in Villingen erzielte sie bei den Reichstagswahlen im Mai 1924 und im November 1932. Hier erreichte sie 16,3 bzw. 16 Prozent der Stimmen. Die KPD war Gewinnerin der Reichstagswahl von 1932 in Villingen. Bei dieser Wahl hatte die NSDAP rund 300 Stimmen verloren, die KPD rund 300 Stimmen gewonnen und damit ihr bestes Ergebnis in Villingen erreicht.

7. Politische Radikalisierung

Nach den Beobachtungen des Landeskommissärs Konstanz gab es Anfang 1928 noch keine Ortsgruppe der NSDAP in Villingen, aber eine Gefolgschaft des rechtsradikalen Jungdeutschen Ordens mit 26 Mitgliedern und eine Stahlhelm-gruppe mit zehn Mitgliedern.

Das „Volksblatt“ berichtete am 11. Mai 1930 zum ersten Mal über eine „gutbesuchte“ nationalsozialistische Versammlung im Saal des „Waldschlößle“. Ein Drittel der Besucher seien auswärtige Nationalsozialisten, ein Drittel Schwenninger Kommunisten und ein Drittel neugierige Zuschauer gewesen. Redner war ein gewisser Köhler aus Weinheim. Nach dem ersten Satz der Schlußrede erhoben sich „geschlossen die Kommunisten und ein dreimaliges, Rot Front'“ ertönte. Dann kamen die Heilrufe der Hitleranhänger. Die Kommunisten fielen mit der Internationale ein und marschierten ab. Für die Unbeteiligten soll es eine „Gaudi“ gewesen sein. Die Zeitung bemerkte dann am 14. Juni 1930, daß die NSDAP in Villingen selbst bis jetzt wenig Fuß fassen konnte und im Schwarzwald auf ihre Hochburgen Furtwangen und Triberg begrenzt sei.

Ernst nahm man die Nationalsozialisten zu diesem Zeitpunkt in Villingen anscheinend nicht. Aber die politischen Sitten in Deutschland waren schon reichlich heruntergekommen, das sah auch das „Volksblatt“. Unter der Überschrift „Deutschland ein Paradies für Straßenlümmel“ zitierte das Blatt einen Artikel des „Manchester Guardian“:

„Was in England als Mord betrachtet wird, gilt hier (in Deutschland) vielfach als Totschlag … Es ist selten, daß einem Nationalsozialisten irgendetwas geschieht, es sei denn, daß ihm ein Bruder von der anderen Couleur an den Kragen geht. Auch wenn die Burschen von der Polizei erwischt werden, kommen sie verhältnismäßig glimpflich davon . .. Ohne Erlaubnis Waffen zu tragen kostet nur eine kleine Geldstrafe.“

Ab 1931 mußten in Villingen auf Grund der Notverordnung des Reichspräsidenten vom 28. März alle parteipolitischen Veranstaltungen beim Bezirksamt angemeldet werden. Bei Zuwiderhandlungen gegen diese Anmeldepflicht war man in Villingen rigoros. Als der Villinger NSDAP-Ortsgruppenleiter zur Verstärkung des „Saalschutzes“ bei Krawallen im „Deutschen Haus“ in St. Georgen am 13. April 1931 eine zusätzliche Lastwagenfahrt mit SA zu dieser Veranstaltung ansetzte, wurde er vom Amtsgericht Villingen am 15. Mai zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Ein Teil der Strafe wurde Wagenbauer dann allerdings wegen „Wohlverhaltens“ erlassen. Ein anderer Villinger Nationalsozialist wurde aus dem Staatsdienst entlassen, weil er im Dienst das Adler-Abzeichen der NSDAP getragen hatte.

Villingens Bürgermeister verbot das Tragen von Uniformen und die Veranstaltung von Umzügen. Die KPD-Villingen beantragte am 28. April durch den Schlosser Mauthe eine Maikundgebung am Bertholdsdenkmal und einen Umzug durch die Niedere, Bicken-, Obere, Riet-, Färber- und Gerberstraße und über den Münsterplatz. Mauthe wurde „anheimgegeben, dafür zu sorgen, daß keine verbotenen Waffen mitgeführt wurden“.

Ebenfalls für den 1. Mai beantragte die „Soz. Sport-u. Kulturgemeinschaft“ eine Maifeier im „Löwen“ mit Kundgebung. Das christliche Gewerkschaftskartell veranstaltete eine Versammlung für die Arbeitslosen „ohne politische Aussprache“, und der Wirt zum „Hohenzollern“ meldete für den Abend des 1. Mai einen „gemütlichen Unterhaltungsabend“ der KPD-Villingen an.

Bei dieser Mai-Veranstaltung kam es zu heftigen Ausschreitungen. „Während die Sozialdemokraten keine öffentliche Demonstration abhielten, kamen, wie üblich, die Kommunisten in starker Anzahl von Schwenningen herüber, uniformiert, mit zahlreichen roten Fahnen und Transparenten. Auch viele Frauen und Kinder waren dabei.“ Am Bertholdsdenkmal beschlagnahmte die Polizei drei nicht genehmigte Plakate der Schwenninger. Sie trugen die Aufschriften „Setzt Euch zur Wehr`; „Arbeiter werden ermordet“ und „Die Nazi sind bewaffnet“. Der Umzug von Villinger und Schwenninger Genossen ging dann zum Münsterplatz. Wegen der vorausgegangenen Polizeiaktion kam es dabei zu schweren Unruhen. Ein Kommunist wollte vom Brunnen vor der alten Sparkasse herab eine Rede halten und ergriff die Flucht, als die Polizei ihn festhalten wollte. In der Hans-Kraut-Gasse kam es zu einer Schlägerei, „bei der zwei Polizeibeamte zu Boden geworfen . . . wurden und mit Gummiknüppel und dem blanken Seitengewehr herausgehauen werden mußten. Als ein Bannerträger mit seiner Fahnenstange eingriff, ging diese in Stücke und diente ebenfalls als Waffe . . . Ernstlich verletzt wurde anscheinend niemand“. Am Abend nahm die Polizei noch eine Razzia auf dem „Hohenzollern“ vor, „doch ohne wesentliches Ergebnis“.

Die Straße gehörte längst den paramilitärischen Verbänden und Bünden von rechts und links.

Ein Solidaritätstag der „Roten Hilfe“ auf der Wanne wurde vom Bürgermeister und den Stadträten Uebler und Späth, Beisitzer in der Einspruchskommission, mit dem Hinweis abgelehnt, „dass sich nicht ähnliche Vorgänge wie anlässlich des kommunistischen Umzuges am 1. Mai wiederholen“. Man befürchtete die Beteiligung von befreundeten Organisationen aus Schwenningen, auch deshalb, weil „zur Zeit in Württemberg alle Veranstaltungen unter freiem Himmel verboten sind“.

Wenn man auch davon ausgehen kann, daß das

Villinger „Volksblatt“ grundsätzlich keine Ankündigungen der NSDAP abdruckte und auch nicht über alle NSDAP-Veranstaltungen berichtete —zum Ärger der Nationalsozialisten —, so scheinen sich Stadtverwaltung und das Badische Bezirksamt Villingen doch recht erfolgreich gegen die Militarisierung auf der Straße gewehrt zu haben. Auch den Vorwurf der Einseitigkeit kann man den Villinger Behörden nicht machen. Nach den Erfahrungen des 1. Mai 1931 war man bei radikalen Gruppierungen äußerst zurückhaltend geworden und suchte Auftritte unter freiem Himmel möglichst zu verhindern. Das Argument von Bürgermeister Gremmelspacher lautete:

„Es darf nicht übersehen werden, dass derartige Demonstrationen . . . gleichzeitig ganz bedenkliche Einflüsse auf den Fremdenverkehr haben werden.“

Die Kampforganisationen der Parteien vertrieben sich ihre Zeit mit militärischen Übungen, Appellen, Tagesmärschen, Geländeübungen etc., sangen Soldatenlieder und marschierten in Formation und Gleichschritt, manchmal auch mit „klingendem Spiel“. Jede politische Gruppierung war in der Regel an ihrer Uniform zu erkennen, trug Militärmützen, Soldatenstiefel und einen Leibriemen, der an Gewehrriemen erinnern sollte, nur zu oft aber auch als Schlagwaffe verwendet wurde. Nicht in Villingen selbst, dafür aber in den umliegenden Gemeinden tobte sich der NS-Pöbel aus. In der faschistischen Hochburg St. Georgen kam es Anfang September 1931 nach einem Vortrag des NS-Abgeordneten Rupp zu einer Saalschlacht. Es fiel der Zwischenruf „Hitler verrecke!“ Anschließend kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die Saalschlacht von St. Georgen kam in Villingen am 26. November 1931 zur Verhandlung. Dabei wurde ein Reichsbannermann und ein Nationalsozialist zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt —“wegen verbotenen Waffentragens“.

Am 9. April, vor dem zweiten Wahlgang bei der Hindenburg-Kundgebung in der Tonhalle, störten Nationalsozialisten den Redner durch Zwischenrufe. Die Nazis wurden gezwungen, den Saal zu verlassen, wobei es zu einer Schlägerei kam. Hindenburg verlor bei diesem Wahlgang 200 Stimmen, Hitler konnte in Villingen 600 Stimmen dazugewinnen, wohl auch Stimmen, die beim ersten Wahlgang für Thälmann abgegeben wurden. Auch wenn die Nazis öffentlich in der Stadt Villingen zu diesem Zeitpunkt nicht so stark auftraten wie im Umland, eine große Gruppe von Bürgern begann sich für den „Führer“ zu erwärmen.

Kurze Zeit, nachdem die Tonhalle bei der Hindenburg-Kundgebung durch Polizei geräumt worden war, versammelten sich etwa 50 Nationalsozialisten vor dem Gebäude. Die Polizei räumte den Platz und mußte sich dabei beschimpfen lassen mit „Kosaken, Bluthunde und Sauhunde“. Ein Polizist erhielt einen Tritt in den Unterleib.

Gegen die Randalierer vor der Tonhalle wurde am 23. Juni 1932 in Villingen verhandelt. Angeklagt waren ein 31 Jahre alter Fräser und ein 41 Jahre alter Angestellter. Beide erhielten 15 Mark Geldstrafe wegen Beamtenbeleidigung.

Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei im Bezirk. In der Stadt Villingen konnte das Zentrum seine Position noch halten und die NSDAP auf Platz zwei verweisen. Aber in den evangelischen Umlandgemeinden hatte sich die NS-Strategie ausgezahlt, so zum Beispiel in Königsfeld, Mönchweiler, Peter-zell, St. Georgen, Weiler und Triberg. In der Stadt lagen nach der Wahlschlacht überall Hakenkreuze aus Papier herum. Kommentar des „Volksblatts“ hierzu war, „daß dieses Symbol eigentlich reif für den Kehrrichthaufen sei“. Bei den Wahlkämpfen war Flagge gezeigt worden, aus vielen Häusern hing die Parteifahne zum Fenster heraus. Nationalsozialisten sollen nach Informationen des „Badischen Beobachters“ Hausbewohnern sogar Geld angeboten haben, wenn sie die Hakenkreuzfahne hinaushängen würden.

Anzeige der Firma SABA zur Reichtagswahl am 6 Nov. 1932

 

Die Kampforganisationen in den Sälen und vor allem auf den Straßen gaben ihren Mitgliedern vermeintliche Perspektiven. Sie organisierten den Alltag, lieferten Erlebnisse und vermittelten durch die Gruppensolidarität scheinbar Geborgenheit und Schutz und durch das martialische Gehabe das Gefühl von Macht und Stärke. Das waren emotionale Bindungen, die im Arbeitsalltag und vor allem im Arbeitslosenalltag fehlten. Die Aktivitäten der Kampftruppen vertrieben die Öde und vermittelten das irrige Selbstbewußtsein, etwas für die Zukunft Deutschlands bzw. der Arbeiterschaft zu tun. Innerhalb dieser Aktivitäten, im Kampf um die Straße, wurde teilweise modernste Technik eingesetzt: Lautsprecher und Massenverkehrsmittel. Der Lastwagen wurde zum Symbol für den Straßenkampf. Das „Zusammentreffen“ der unterschiedlichsten Kampfverbände der Region bei den jeweiligen Großveranstaltungen machte die Situation besonders gefährlich. Dieselben Gegner trafen sich immer wieder an den verschiedenen politischen Brennpunkten. „Vergeltungsgelüste“ konnten sich austoben. Die Schauplätze wechselten, die Fronten und Gegner aber blieben in der Regel gleich. Ein Ritual fand statt mit verhängnisvollen Folgen.

 

8. Die Machtergreifung in Villingen

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler, am 2. Februar wurde der Reichstag aufgelöst, und es wurden Neuwahlen für den 5. März festgelegt. Die Ortsgruppe des Villinger Zentrums gab am 6. Februar 1933 in einer Versammlung im „Paradies“ die Losung aus: „Das Zentrum fühlt sich so stark, daß es zum Sturm vorgehen wird.“ Und der Vorstand des Reichsarbeiterrates der deutschen Zentrumspartei wandte sich in der Presse an die „christlich-deutsche Arbeiterschaft“:

„Freunde, der Wahlkampf der vor uns liegt, ist einer der härtesten! Staatliche Machtmittel und finanzielle Kraft stehen gegen Volk und Arbeiterschaft!“

Aber die Fasnachtszeit nahm alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Am 1. März 1933, am Aschermittwoch, erfuhren die Villinger durch die Zeitung vom Reichstagsbrand. Laut Polizeibericht vom 3. März wurde in Villingen das Geschäftslokal der KPD durchsucht und von der Polizei geschlossen. Der Wahltag verlief ruhig.

„Einiges Aufsehen hatte es nur erregt, als wie überall etwa 20 Kommunisten aus Stadt und Bezirk in Schutzhaft genommen wurden (darunter 11 aus Vil-lingen).“

Am Dienstag, den 7. März forderten Nationalsozialisten Villingens Bürgermeister Gremmelspacher auf, wie überall im Lande auch auf dem Villinger Rathaus die Hakenkreuzfahne hissen zu lassen. Ein Anruf des Bürgermeisters beim badischen Innenministerium brachte keine Klärung des Problems.

„Daraufhin erklärte der Bürgermeister der nationalsozialistischen Abordnung, daß er gegen die Hissung einer Parteifahne aus grundsätzlichen Erwägungen Verwahrung einlegen müsse.“

Um Störungen zu vermeiden, durfte die Haken-kreuzfahne aber neben einer badischen und einer Stadtfahne gehißt werden. Kommentar des katholischen „Volksblatts“:

„Den Wählern dürften nun die Augen aufgehen, daß es mit den bisherigen freiheitlich-demokratischen Methoden aus ist.“

Die badische Regierung trat am 10. März zurück, und am 12. März wurden bei Villinger Sozialdemokraten und im „Volkshaus“ Hausdurchsuchungen vorgenommen, wobei ein Flugblatt des DMV beschlagnahmt wurde.

Am 15. März fand die Feier der „nationalen Erhebung“ statt, es gab einen Umzug mit Polizei, Feuerwehr, Postbeamten, NSDAP-Gruppierungen, dem Stahlhelm und anderen. Im Rathaus hielt der Bürgermeister eine Ansprache, danach sprach der Ortsgruppenleiter Gutmann. Bei der Bürgerausschußsitzung am folgenden Tag fehlten die kommunistischen und sozialdemokratischen Mitglieder. Am gleichen Tag wurden in Villingen der Regierungsrat Uebler, der Gewerkschaftssekretär Schifferdecker und der Landtagsabgeordnete Heid „in Schutzhaft“ genommen.

In der Zeit vom 18. bis zum 20. März wurden Reichsbanner, Eiserne Front und die SAJ aufgelöst, Vereinseigentum wurde beschlagnahmt, das „Volkshaus Löwen“ polizeilich geschlossen. Von SA und SS unterstützt nahm die Polizei Hausdurchsuchungen und „Kontrollen“ vor. Das Einheitspreisgeschäft „Erwege“ und der Konsumverein wurden geschlossen. Zur Feier der Eröffnung des neuen Reichstags fand ein Fackelzug statt. Die Feier endete mit dem Horst Wessel-Lied.

Anders als die Sozialdemokraten stimmte das Zentrum dem Ermächtigungsgesetz Hitlers zu. Da man die Nationalsozialisten bis zum Schluß bekämpft hatte, war diese Entscheidung für Zentrumsanhänger wenig einsichtig. Die Begründung in den katholischen Blättern lautete:

„Es war zu prüfen, auf welchem Wege Ruhe und Ordnung und innere Stabilität am ehesten gewährleistet und wie man nach einer Revolution möglichst schnell wieder feste Fundamente schaffen und zu einem Rechtsstaat zurückkehren könnte. Die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes hätte die Konfliktgefahren vergrößert und mit größter Wahrscheinlichkeit zu unübersehbaren und unverantwortlichen Folgerungen geführt.“

Am 29. März 1933 erschien auf der ersten Seite des „Volksblatts“ der Aufruf des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber, in dem die ablehnende Haltung der Kirche gegenüber dem Nationalsozialismus ausdrücklich aufgegeben wurde und die Gläubigen „zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit und zur gewissenhaften Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten unter grundsätzlicher Ablehnung alles rechtswidrigen oder umstürzlerischen Verhaltens“ aufgefordert wurden.

Bereits am 30. März stand in der Villinger Zeitung ein Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte, und am gleichen Tag wurden in Baden sämtliche sozialistische Turn-, Sport- und Kulturvereine aufgelöst und ihr Vermögen beschlagnahmt. Stadtrat Uebler legte in Villingen sein Amt nieder. Am 2. April 1933 verzichtete der Landtagsabgeordnete des Zentrums, Karl Häßler, in einer Parteiversammlung auf sein Mandat, wohl weil es nicht mehr opportun war, für diese Partei zu kandidieren. Karl Häßler überstand die Zeit des Nationalsozialismus relativ unbeschadet, obwohl einflußreiche Nationalsozialisten sich anfangs um seine Ablösung von seinem Amt als Sparkassenleiter bemühten.

Am 3. April wurden Stadtrat Uebler und der Redakteur und Zentrumsvorsitzende Karr aus der Schutzhaft entlassen. Die kommunistischen Stadträte verloren ihr Mandat, die Lehrer wurden aufgefordert, marxistisch gesonnene Schüler anzuzeigen.

Das Volksblatt gibt sein Verbot bekannt am 24. April 1933

 

Karikatur aus dem Villinger Volksblatt

Redakteur Karr, gerade haftentlassen, veröffentlichte zwei Wochen später einen Artikel, der ihm ein Zeitungsverbot für eine Woche einbrachte. Unter der Überschrift „Verhafteter Pfarrvikar in Pfohren“ hatte er berichtet, daß Pfarrvikar Reichgauer in der Karwoche aus der Kirche heraus verhaftet worden war.

„Nun hat also in der Karwoche Deutschland in seiner Baar das erste Beispiel der politischen Verhaftung eines katholischen Priesters erlebt.“

Bereits am 5. April waren die „Volksblatt“-Leser über das „größte Gefangenenlager Deutschlands“ unterrichtet worden, wo bereits 1750 Gefangene untergebracht seien. Eine neue Zeit hatte begonnen!

Anmerkungen:

Bei diesem Beitrag handelt es sich um das Manuskript eines Vortrages, der im Januar 1995 im Geschichts- und Heimatverein Villingen gehalten wurde.

Aus Platzgründen wurde auf die wissenschaftlichen Anmerkungen und Quellenhinweise verzichtet. Wir verweisen auf das von der Autorin herausgegebene Buch „Arbeit und Brot“, Neckarverlag VS, ISBN 3-7883-0869-9 (1990).