Die Geschichte der Feldner Mühle (Siegfried Kauder)

Wer von Villingen aus Richtung Unterkirnach hinter der Stadtgärtnerei parallel zur Bahnlinie zum Kirnacher Bahnhöfle wandert, trifft auf halbem Weg auf die Unterführung eines Ökonomiegebäudes, das ehemals zur Feldner Mühle gehörte. Die Mühle hat eine bewegte Vergangenheit, die bis in das Jahr 1335 zurückreicht. Ihre Lage läßt den Schluß zu, daß sie vielleicht im frühen Mittelalter zum Kloster Waldhausen (siehe Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen, Seite 25) gehörte.

Im Mittelalter hatte die Müllerzunft in Villingen ihre hohe Blütezeit. Villingen kann als eine der Geburtsstätten der Wassermühlen in Deutschland bezeichnet werden. Im Mittelalter waren es in Villingen nicht weniger als 17. Die Müller galten damals als die Wohlhabendsten und Einflußreichsten. Sie lebten unter einem besonderen Recht, dem „Mühlenrecht“. Obwohl die Mühlen außerhalb der Stadt lagen, galten die Müller nicht als Ausbürger, sondern als Vollbürger. Der Boden der Villinger Mühlen wurde behandelt, als ob er in der Stadt gelegen wäre. Während der gewöhnliche Villinger Bürger vor dem hohen Rat der Stadt nur in Mantel und Hut erscheinen durfte, war es dem Müller gestattet, in seiner Arbeitskleidung, den Sack unter dem Arm, vor den Rat zu treten. Schon im Jahr 1358 erließ der Rat der Stadt eine Mühlenordnung, eine der ältesten des Landes. So wurde der Mahllohn festgelegt. Jeder Müller und Mahlknecht mußte, bevor er mahlte, zu den Heiligen schwören, nicht mehr zu nehmen, als den ihnen bewilligten Lohn.

Die Feldner Mühle wurde unter dem Namen Kunstmühle weit über Villingen hinaus bekannt. Das Mehl wurde teilweise vierspännig mit Pferdefuhrwerken bis nach Neustadt im Schwarzwald transportiert. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein bewahrte sich die Stadt Villingen ihre Bedeutung als Umschlagplatz für Getreide. Jeden Dienstag war Hauptfruchtmarkt. Die hochbeladenen Wagen sollen vom jetzigen Kaufhaus in einer einzigen Reihe über den Münsterplatz an der Rabenscheuer vorbei und in der Oberen Straße bis zum Marktplatz gestanden haben.

Um 1800 war die Kunstmühle ein Hammerwerk der Firma Osiander und wurde als „Oberer Hammer“ bezeichnet. Der „Untere Hammer“ stand beim ehemaligen „Waldblick“. Die Mühle scheint bald darauf auf eine einfache Mühle umgestellt worden zu sein. Im Jahr 1839 bauten Johann Martin Kienzler & Company die Mühle völlig neu und massiv auf und versahen sie mit der damals neuesten Technik, dem sogenannten amerikanischen System. Während die übrigen 16 Kundenmühlen ausschließlich dem Eigenbedarf ihrer bäuerlichen Kundschaft dienten, befaßte sich dieser neue Betrieb mit dem handelsmäßigen Vertrieb seiner Erzeugnisse. Hinter dem Firmennamen J. M. Kienzler & Company standen als Gründer die Villinger Bürger, Weinhändler Johann Martin Kienzler, Kaufmann Johann Nepomuk Schön-äcker und der Förster Friedrich Hubbauer. Das Gründungskapital betrug 30 000 Gulden. Die massiv aus Stein erbaute, mehrstöckige Mühle, erforderte zu ihrem Betrieb 5 — 6 Mahlknechte. Die Produkte gingen außer in die Umgebung, nach Breisach, zuweilen auch nach Rastatt, Karlsruhe und Mannheim. Über die zeitweilige Bedeutung der Mühle, wurde im Katalog der Industrie- und Gewerbeausstellung von 1858 folgendes erwähnt: „Dieses Etablissement trug seit seiner Entstehung wesentlich zur Emporhebung des Villinger Fruchtmarktes bei, da dasselbe in der Regel als Käufer von wenigstens einem Viertel des auf dem Markte angefahrenen Kernenquantums ist. Die städtische Kaufhausrente hat sich dadurch von 2 000 auf 4 000 Gulden erhoben“.

Die Mühle zählte damals mit der chemischen Fabrik und der Dold’schen Spinnerei und Weberei zu den größten Unternehmungen der Stadt. Im Jahr 1868 ging die Mühle ganz auf den Teilhaber Schönäcker über. Da die auswärtige Konkurrenz die Vorteile des Anschlusses an das Eisenbahnnetz schon genoß, ließ sich die Mühle nur schwer halten. Sie ging 1869 an den Kompagnon Ernst Wit-tum über. Dieser führte das Unternehmen bis 1884. Selbst nach Eröffnung der Schwarzwaldbahn gelang es ihm aber nicht mehr, dem Unternehmen zur Blüte zu verhelfen. Vorübergehend wurde die Mühle von Hermann Oberle in Pacht genommen. Längere Zeit stand sie zum Verkauf an. 1884 wurde die Mühle von den aus Nürtingen kommenden Gebrüdern Künkele übernommen und im folgenden Jahr an den Crailsheimer Herrenmüllersohn Hermann Feldner übertragen.

(Siehe Bericht von Eugen Bode, Jahresheft XVII 1992/93, Seiten 61-73, des Geschichts- und Heimatvereins über Wasserwerke in Villingen. Die Feldner Mühle ist u. a. auf Seite 66 auf einer Farbpostkarte aus dem Jahre 1907 abgebildet.)

Hermann Feldner brachte von Hause aus ein ansehnliches Vermögen mit nach Villingen. Er hatte Ende 1880 die Tochter einer begüterten Bauernfamilie aus Altenberg im Hohenlohischen geheiratet. Dieser Wohlstand brachte der jungen Familie den Ruf ein, die reichste in Villingen zu sein. Aus der Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter hervor. Der älteste Sohn geriet in vorgerücktem Studium in geistige Umnachtung und mußte bis zu seinem Tod (über 20 Jahre lang) in einer Pflegeanstalt aufgenommen werden. Die einzige Tochter ergriff den Beruf einer Haushaltslehrerin. Sie heiratete einen polnischen Grafen, mußte sich aber, nachdem dieser sie verlassen hatte, mit ihrem Kind selbst durchs Leben schlagen.

Briefkopf-Illustrationen der Feldner Mühle vor dem 1. Weltkrieg (Stadtarchiv Villingen-Schwenningen 1.42.3, Nr. 123)

 

Während des Krieges 1914/1918 starb Hermann Feldner. Die beginnende Inflation nagte und fraß an dem ohnehin schon zusammengeschmolzenen Vermögen. Die Mühle war seit den 90er Jahren, als ausländisches Getreide und das Mehl der Großmühlen Deutschland überschwemmte, nicht mehr rentabel. Das restliche Vermögen zehrte eine Gesundbeterin auf. Die Restfamilie entschloß sich, das Anwesen zu verkaufen, fand aber trotz vieler Ausschreibungen keinen Käufer. Im Jahr 1927, als die Mehrzahl der Familienangehörigen verreist war, brannte eines Nachts die Mühle ab. Der jüngste, an einer Rückenmarkskrankheit leidende, gelähmte Sohn konnte durch den Hausdiener des nahen Kurhauses Kirneck erst im letzten Augenblick noch gerettet werden. Im Krankenhaus gestand der Sohn Feldners, den Brand gelegt zu haben. Teilweise wird auch berichtet, Hermann Feldner habe den Ersten Weltkrieg überlebt und er habe den Brand gelegt. Aufgrund der Schicksalsschläge, die die Familie Feldner erlitten hatte, verkündete das Schwurgericht ein mildes Urteil. Der Sohn wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Mutter, Marie Feldner und die Kinder zogen nach Karlsruhe.

Nach dem Brand ging das vollkommen zerstörte Objekt mit seinem großen Bodenareal in den Besitz der Baugenossenschaft. Diese übertrug die noch teilweise verbleibende Entschädigung aus der Brandversicherung auf andere Neubauten und trat dann das Gebäude samt dem noch stehenden Ökonomieteil an die Stadtgemeinde ab. Das Mauerwerk der Ruine stand noch einige Jahre, bis es schließlich dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Die Stadtgemeinde überließ das Ökonomiegebäude dem Forstamt, welches darin vier Wohnungen für Waldarbeiter einrichtete. Das Ökonomiegebäude der Mühle dämmerte seinem Verfall entgegen.

Im Jahr 1986 bot die Stadt Villingen-Schwenningen die Feldner Mühle zum Verkauf an. In Rede stand der Ausbau zu einem Reiterhotel. Der Leiter des städtischen Forstamtes, Forstdirektor Härle sah durch ein Reiterhotel in Waldrandlage den Waldfrieden in Gefahr. Er setzte sich tatkräfig dafür ein, daß der Förderverein für das körperbehinderte Kind Villingen-Schwenningen e.V., welcher am 8.3.1974 gegründet worden war, den Zuschlag erhielt.

Unter größtem persönlichem Einsatz des damaligen Vorsitzenden des Fördervereins, Herrn Wal-fried Ballof wurde die Feldner Mühle mit einem Aufwand von 1,35 Mio. DM zum Heim für körperbehinderte Kinder ausgebaut. Von den Kosten übernahm die Stadt Villingen-Schwenningen 150.000,— DM, 600.000,— DM steuerte die Aktion Sorgenkind bei. 320.000,— DM wurden durch Landeszuschüsse aufgebracht. 50.000,— DM flossen aus Spenden der Lebenshilfe. 230.000,— DM erbrachte der Förderverein aus Spenden und Bußgeldern.

Am 18. 5.1987 wurde das Haus als Heim für körperbehinderte Kinder eröffnet. Der Verein pachtete 266 ar Ackerland hinzu. Seither wird die Feldner Mühle durchgehend vom Verein genutzt. Nach 18jähriger Vereinsführung übergab Herr Walfried Ballof den Vorsitz 1992 an Siegfried Kau-der, der seither den Verein leitet.

Ein stolzer Besitz war ehemals die Feldner Mühle unmittelbar zwischen Brigach und Bahnlinie zwischen der heutigen Stadtgärtnerei und dem Kirnacher Bahnhöfle gelegen. Heute steht nur noch das Ökonomiegebäude (im Hintergrund).
Ein trauriges Bild bot sich, nachdem der Mühlenbesitzer Hermann Feldner sein Haus in Brand gesetzt hatte, nachdem der Betrieb völlig verschuldet war. Diese Ruine wurde später vom freiwilligen Arbeitsdienst abgerissen.

 

Der Verein hat derzeit 260 Mitglieder und betreut mit zwei Diplom-Sozialpädagoginnen, einer Heil-erziehungspflegerin und bis zu vier Zivildienstleistenden 95 Kinder. Es stehen 20 Pflegeplätze zur Verfügung. Acht Pferde, die therapeutisches Reiten mit den behinderten Kindern ermöglichen, aber auch der Allgemeinheit zum Reiten zur Verfügung stehen, werden von einem Pferdepfleger betreut.

Der Verein bietet für körperbehinderte Kinder offene Hilfen (stundenweise Unterbringung), Kurzzeitunterbringung, teilstationäre Aufnahme, Ferienprogramme und die Möglichkeit für Landschulheimaufenthalte an.