Wolfgang Blessing 27.11. 1933 — 9. 2. 1995 (Wolfgang Berweck)

Ein Nachruf

Im Dezember 1945 begegnete ich Wolfgang Blessing zum ersten Mal. Wir waren beide Sextaner in der heutigen Mädchenschule am Klosterring und es begann — was niemand ahnen konnte — ein leider allzu früh beendeter, in vielen Teilen gemeinsamer Lebensweg. Dieser Nachruf soll Sie an meinen, zum Teil sehr persönlichen Erinnerungen teilnehmen lassen.

Wolfgang Blessing kam am 27.11.1933 in Villingen/Schw. zur Welt und wuchs auf im „Oberen Haus“, ein eindrucksvolles Schwarzwaldhaus schon damals. Unvergeßlich sind mir die gemeinsamen Stunden intensiver Vorbereitung auf irgendwelche Prüfungen und Examen in der alle Wände bedeckenden, vollgestopften Bibliothek seines Vaters und die in Familienbildern und schönen Einrichtungsgegenständen liebevoll gepflegten Erinnerungsstücke an die Vorfahren. Als die Einkünfte aus der später betriebenen Anwaltspraxis es ermöglichten, hat Wolfgang Blessing aus dem ererbten Schwarzwaldhof innen und außen ein Schmuckkästchen gemacht, wie man es leicht kein zweites Mal findet. Die aus der Familie der Mutter wie des Vaters überlieferte Achtung vor dem Überkommenen hat ihn zutiefst von früher Jugend an bis ans Ende seiner Tage in all seinem Handeln und Denken geprägt.

Abgesehen von gemeinsamem Turnen auf einigen Gauturnfesten hatten Wolfgang Blessing und ich außerschulisch wenig gemeinsam. Ich war mehr den Musen zugetan. Er war Fußballfan. Aktiv und passiv. Aktiv beim Fußballverein in Unterkirnach und später als Gründer und Organisator der sogenannten „Germanswälder Kickers“, passiv als Berater des FC 08, dem Villinger Traditionsfußballverein. Fußball war nicht das Leben von Wolfgang Blessing, aber ein wichtiger Faktor und auch die Basis seiner Fitneß, die ihm auch nach seiner Erkrankung erstaunlich lange erhalten blieb. Daneben prägten die „Katzen“ Jugend und das spätere Leben von Wolfgang Blessing. Selber nur bedingt ein Fasnachtsfan, bewunderte ich ihn doch sehr, wie er am Fasnachtsmontag jahrelang aktiv im Umzug der Katzenmusik mitwirkte, über viele Jahre mit witzigen und gepfefferten Beiträgen in der Katzenmusikzeitung den Lokalpolitikern die Leviten las und später viele Jahre im Vorstand und schließlich gar als Präsident für den Katzenmusikverein „Miau“ Engagement, Zeit und Kraft aufbrachte. Seine jahrzehntelange Freundschaft mit Gerd Jauch war schließlich eine der Quellen für den großartigen Film über die Villinger Fasnacht. In diesem Film ist auch nicht von ungefähr die Heimat von Wolfgang Blessing, das „Obere Huus“, eindrucksvoll präsentiert.

Aber es gab in unseren Jugendjahren auch viel Gemeinsames. Unsere beiden Väter hatten den Notar Kern als OB-Kandidaten initiiert. Er wurde schließlich auch Kandidat einer unabhängigen Bürgerbewegung und es war selbstverständlich, daß wir uns am Wahlkampf beteiligten mit Austeilung von Flugblättern, Plakatkleben und dergleichen. Mit roten Ohren saßen wir in den Wahlveranstaltungen und waren in unserer politischen Naivität schrecklich enttäuscht und entrüstet, als kurz nach der geglückten Wahl zum OB Kern sich von denjenigen, die ihn aufs Schild gehoben hatten, abwandte und Mitglied der CDU wurde. Und später fragten wir uns manches Mal, ob in jener Zeit des wirtschaftlichen Aufschwunges in unserer Stadt nicht der CDU-Gegenkandidat Naegele mit seinem später als Chef der Rothaus-Brauerei höchst eindrucksvoll bewiesenen wirtschaftlichen Sachverstand nicht der richtigere Mann gewesen wäre, als der eher bedächtige Jurist und Humanist Kern.

1954 machten wir das Abitur. 100 Sextaner waren in Villingen und in St. Georgen erwartungsvoll in die „Höhere Schule“ gegangen. Ganze sieben, davon vier überdies — um mit Oberstudiendirektor Schwall zu sprechen — „unsichere Kandidaten“ blieben übrig! Unser Zorn auf die damalige Schulleitung war so groß, daß wir als Primaner, und zwar die ganze Klasse, zu Fuß nach Schwenningen gingen und uns beim dortigen Gymnasium anmeldeten. Das war selbst den Hardlinern im Kollegium am Romäusring — ihre Namen seien schamhaft verschwiegen — zuviel, es hätte ja 1954 keine Abiturienten gegeben, und sie schufen schließlich die Voraussetzungen für einen vernünftigen Unterricht und ein vom Häuflein der sieben Aufrechten gemeinsam bestandenes Abitur.

Das Studium der Jurisprudenz bestimmte daraufhin unseren immer kongruenter werdenden Lebensweg. Die gleichen Vorlesungen bei den gleichen Professoren, die gleichen Nöte des Studienanfängers und die des Kandidaten, ferner das gemeinsame Klausurenschreiben, die miteinander erworbenen Scheine und schließlich das auf Anhieb bestandene erste Staatsexamen 1958 brachten uns einander immer näher. In der anschließenden Referendarzeit, die 1961/1962 mit dem zweiten Staatsexamen und damit der Befähigung zur Ausübung des Richteramts endete, reifte unser Entschluß, gemeinsam im Herbst 1962 in Villingen eine Anwaltskanzlei zu eröffnen. Wolfgang Blessing war es, der federführend und in jeder Beziehung der Motor dieses gemeinsamen Starts war. Ein Start, der nicht nur von uns als recht risikovoll empfunden wurde und in einer Zeit, in der der Einzelanwalt noch die Regel war, auch im lokalen anwaltlichen Establishment als kühnes Unterfangen galt. Unsere spätere berufliche Entwicklung bestätigte aber die Tatkraft von Wolfgang Blessing in jeder denkbaren Weise.

1962 heiratete er seine Braut aus Studententagen, Liselotte geb. Ambs. Zwei Kinder wurden ihnen geschenkt, die ebenfalls ganz in der Tradition der Familie stehen und Wolfgang Blessing zum zweifachen Großvater gemacht haben.

Den frühen Tod des Vaters 1965 hat er als überaus schmerzlichen Einschnitt erlitten. Dieses traurige Ereignis brachte verantwortungsvolle Aufgaben.

Wolfgang Blessing wurde Vorstand der Schwarzwälder Feuerversicherung, einem Verein auf Gegenseitigkeit. Dieser Verein war vom Vater unter erheblichem finanziellem Einsatz und Risiko gegründet worden, eine Selbsthilfeeinrichtung für Schwarzwaldbauern, die ihnen mit ihren Stroh-und Schindeldächern erschwingliche Feuerversicherungsprämien sicherte. Über viele Jahre hinweg hat Wolfgang Blessing das Amt des Vorstandes in diesem Verein in der Nachfolge seines Vaters geführt.

Vom Vater übernommen war auch die Betreuung der Sippe Neugart mit ihren Hunderten von Bäsle und Vettern. Das alljährliche Sippentreffen an Kirchweih hat Wolfgang Blessing über viele Jahre hinweg vorbereitet und betreut. Die Sippe Neu-gart geht übrigens auf Forschungen des Vaters zurück, der in der Familie seiner Frau, einer geborenen Neugart, ungleich fündiger wurde als bei den Blessings.

Der Zusammenschluß der Städte Villingen und Schwenningen war für Wolfgang Blessing ein besonderes und belastendes Politikum. Wir hatten uns geschworen, nicht mit differierenden politischen Meinungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Er war entschieden gegen den Zusammenschluß der Städte, ich für den Zusammenschluß. Seine damaligen Bedenken gegen den Zusammenschluß haben sich in der Folge — leider — als nur allzu berechtigt herausgestellt. Er hatte hellsichtiger als viele der damals verantwortlichen Kommunalpolitiker die noch immer nicht zureichend gelösten Probleme dieses Städtezusammenschlusses erkannt. So prägten die Liebe zur Heimat, zu Villingen mit seiner reichen Tradition und Geschichte das Leben von Wolfgang Blessing zumindest im gleichen Maße wie die Liebe zu seinem Beruf als Anwalt. Als Anwalt war Wolfgang Blessing früh erfolgreich und anerkannt. Es ist Tragik und Schicksal seines Lebens, daß er in diesem geliebten Beruf schon Jahre vor seinem Tod sich nicht länger bewähren und profilieren konnte. Immer wieder gab es Hoffnung auf eine Rückkehr an den jahrelang für ihn respektvoll freigehaltenen Schreibtisch. Als die Kanzlei ihn aus Anlaß seines 60. Geburtstages feierte, hielt er aus dem Stand eine so gut gestaltete und launige Dankesrede, daß wir noch wenige Monate vor seinem Tod anfingen, uns auf eine neue Zusammenarbeit mit ihm zu freuen. Es mag als ein Beispiel der Anerkennung, die er in seinem Beruf erfahren durfte, daran erinnert werden, daß ihn die Karlsruher Versicherungs AG in höchst ehrenvoller Weise nicht nur zum Beirat ihrer Gesellschaft, sondern auch zum Vorstand ihrer Rechtsschutzversicherungs AG berief.

Im Geschichts- und Heimatverein hat Wolfgang Blessing als Gründungs- und Ehrenmitglied über viele Jahre in der Vorstandschaft mitgearbeitet und sein reiches, geschichtliches Wissen in die Vereinsarbeit eingebracht. Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, die Auswertung seines eindrucksvollen Familienarchivs mit seinem großen Bestand an Urkunden und Schriften, selbst voranzutreiben.

So erfüllte sich im Februar dieses Jahres ein Leben, reich an Anlagen und Fähigkeiten, eindrucksvoll an Geleistetem und doch jahrelang überschattet von der Tragik und dem Schicksal einer Krankheit, der Wolfgang Blessing nicht Herr zu werden vermochte. Wer ihn gekannt hat, wird ihn nicht vergessen. Wer mit ihm lebte und wer mit ihm zusammenarbeitete, schuldet ihm Respekt und Dank.