Lernen in historischer Umgebung (Klaus Nagel)

Die restaurierten Schulräume der St. Ursula-Schulen

Als 1993 im Rahmen des Umbaus der St. Ursula-Schulen die Arbeiten vergeben wurden, ahnte noch niemand, welche Kostbarkeiten sich im Gebäude Bickenstraße 23 verbergen würden.

Dort befanden sich bis 1984 die Waschräume des ehemaligen Mädcheninternats des Lehrinstituts St. Ursula, einige Klassenzimmer und ein Werkraum für die Jungen, die seit 1986 das Progymnasium und die Realschule St. Ursula besuchen. Nachdem die Putzdecken teilweise entfernt wurden, kamen im Erdgeschoß und im ersten und zweiten Obergeschoß Deckenmalereien ans Tageslicht.

Dr. Jakobs vom Landesdenkmalamt in Freiburg wurde am 1.9.1993 hinzugezogen; dieser stufte die Entdeckungen als „Kulturdenkmal“ ein, so daß die denkmalbedingten Arbeiten oder Teile zu einem Drittel vom Land Baden-Württemberg übernommen wurden. Zwei Drittel der Kosten trugen das Kloster St. Ursula und die Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg als Träger der St. Ursula-Schulen.

Als Restaurierungsfachmann konnte Peter Rau aus Staig/ Ulm gewonnen werden, der mit vier Restaurateuren in über 1200 Arbeitsstunden die Restaurierungsmaßnahmen an den drei gefaßten Holzdecken durchführte.

Die Putzplattendecken, Lattenreste und Kalkschichten mußten ganz entfernt werden, die Oberflächen der Holzbalkendecken gereinigt, die gereinigten Oberflächen fixiert, Fehlstellen gekittet, Malereien ergänzt bzw. retuschiert werden.

Die Holzbalkendecke im Erdgeschoß, in dem sich heute der Werkraum der St. Ursula-Schulen befindet, besteht aus Nadelholz. Balken und Deckenbretter sind in einem hellen Ockerton gefaßt, darauf in schwarz/grauer Tönung schmucke Ornamente gemalt.

Eine Besonderheit dieser Balkendecke ist das Zeichen eines Fünfecks, wie es auch im hölzernen Gefängnis des Oberen-Tor-Turms zu finden ist. Das fünfzackige magische Zeichen muß als Rein-heits- bzw. als „Bannungssymbol gegenüber bösen Mächten oder als Chiffre für einen zu beschwörenden glücklichen Ausgang gedeutet werden 1). Die Holzbohlendecke aus Nadelholz im ersten Obergeschoß war ursprünglich natursichtig und mit einem ölhaltigen Überzug versehen.

 

Deckenmalerei, Bickenstraße 23, H. OG: Holzdecke, Zustand nach der Restaurierung der Bemalung. Das dunkle Farbband kennzeichnet den Ort der ehemaligen Holzzwischenwand, die Wohn-und Schlafzimmer trennte.

 

Der Raum im zweiten Obergeschoß bestand einst aus zwei Räumen, die durch eine Holzbohlen-zwischenwand getrennt waren, was sich an einem dunklen Farbband an der Decke erkennen läßt, das von den Restaurateuren sichtbar belassen wurde.

Der Grundton der dortigen Deckenmalerei war ehemals weiß getönt, die Motive (Ornamente, Ranken, Arabesken, Blumen, Traubenbund und Herz) sind mit Erdfarben aufgemalt.

Nach bisherigen Kenntnissen könnten die Holzdecken aus dem 17. Jahrhundert stammen, die Farbfassung der Holzdecken aus dem 18. Jahrhundert. Eine Altersbestimmung könnte über eine dendrochronologische Untersuchung erfolgen, falls über Archivquellen keine Datierung möglich ist. Vermutlich ist es einem Gesetz der Kaiserin Maria Theresia (1740 — 1780) zu verdanken, daß die Deckenmalereien in St. Ursula so gut erhalten sind. Aus Brandschutzgründen erließ die habsburgische Verwaltung eine Vorschrift, sämtliche Holzdecken in den Zimmern zu entfernen. Daß mancher Eigentümer die Kosten scheute und nach einem Ausweg suchte, ist verständlich. Man verfiel darauf, unter die Holzdecke eine neue massive

Verschalung zu ziehen und zu verputzen, und dem Gesetz war Genüge getan.

Neben den Deckenmalereien wurden weitere Besonderheiten im Gebäude Bickenstraße 23 freigelegt; im ersten und zweiten Obergeschoß tauchten unter dem Putz Wandnischen aus profilierten Sandsteingewänden auf, von denen eine die Form eines „burgundischen Eselsrückens“ aufweist.

Vermutlich dienten die Vertiefungen einst als Gebetsnischen, in denen Heiligenfiguren standen; heute zieren die Nischen Plastiken des Kölner Künstlers Egino Weinert 2).

Am 9.11.1994 wurde mit Dr. Jakobs vom Landes-denkmalamt in Freiburg, Herrn Mey von der Unteren Denkmalbehörde und Frau Nagel vom Planungsamt der Stadt Villingen-Schwenningen die durchgeführte Restauration besichtigt und die Ausführung von der Superiorin von St. Ursula, Sr. Eva-Maria Lapp, und dem Schulleiter der St. Ursula-Schulen, Dr. Josef Oswald, abgenommen. Seit Beginn des Jahres 1995 stehen die restaurierten Räume den Schülern der St. Ursula-Schulen zur Verfügung.

Literaturangaben:

1) Werner Huger, Zur Geschichte der Villinger Mauer- und Tortürme, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XIX, 1994/95, S.45

2) Peter Rau, Bericht über Restaurierungsmaßnahmen an 3 gefaßten Holzdecken vom 4.10. 1994, Bauunterlagen im Kloster St. Ursula

Deckenmalerei, Bickenstraße 23, H. OG: Im Bereich des Herzmotivs, das mit Rosenranken umgeben ist, lag vermutlich das Schlafzimmer des ehemaligen Wohnhauses. Bickenstraße 23, IL OG: Wandnische mit profilierten Gewänden aus Sandstein. Vermutlich diente sie einst als Gebetsnische.