1000 Jahre Villingen und die Zähringer (Werner Huger)

Eine geschichtliche Analyse

Wurde die Stadt Villingen vor tausend Jahren gegründet, wie hieß der Gründer oder handelt es sich womöglich gar nicht um eine Stadtgründung, erfolgte diese erst später? Gab es eine Stadtgründung im eigentlichen Sinne überhaupt? Fragen über Fragen.

Meine geschichtliche Betrachtung will zeigen, um welchen Personenkreis schon jahrhundertelang die Spekulationen kreisen und auch, ob das Gedenken im Hinblick auf eine bevorstehende Tausendjahrfeier Sinn macht.

„Es gab gute Gründe, Herzog Berthold III. von Zähringen in Villingen eine Gedenkplastik zu erstellen“, schreibt 1976 Heinz Bühler in den Bilddokumenten von Herbert Schroff. Er verweist auf die Tagebuchniederschrift des Villinger Ratsherren Heinrich Hug, in dessen 1495 begonnener Chronik der erste Satz lautet: „Anno 1119 ist die Stadt Villingen von den Herzogen von Zäringen erbauen worden.“ Ferner steht auf der ersten Seite der Chronik: „Hertzog Berthold der viert des namens, hat Villingen erbauen.“ Welch Widerspruch: Da ist auf derselben Seite die Rede vom Jahr 1119, für das nur Berthold III. oder Konrad in Frage gekommen wäre, und dem „Erbauer“ Berthold IV., der erst nach 1152 die Herrschaft ausübte. — Schon vor über hundert Jahren, 1872, schreibt Johann Nepomuk Schleicher „Wenn es sich aber bewahrheitet, daß die Stiftung Freiburgs […] sieben Jahre älter ist als jene Villingens, so ist nicht Berthold III. (Anm.: gest. 1122) sondern (Anm.: sein Bruder) Konrad der Gründer Stadt Villingen. Professor Planitz spricht in seiner Abhandlung „Die deutsche Stadt im Mittelalter“, ohne seine Quelle zu nennen, für Villingen vom Gründungsdatum 1130, womit er wieder bei dem Zähringer Konrad angelangt wäre 1). Nicht genug damit: Professor Schwineköper kommt zu dem Ergebnis, Gründer der Stadt Villingen sei „mit großer Wahrscheinlichkeit“ Berthold V. (Anm.: gest. 1218) 2).

Aber schließlich gibt es auch noch einen bisher nicht genannten Grafen Berthold — ohne Zusatz —der etwas mit dem Jahr 999 zu tun hat, zumal so mancher auf alle Fälle im Jahr 1999 das tausendjährige Stadtjubiläum feiern möchte, einer Stadt, die es damals noch nicht einmal in Ansätzen gab. —Da alle Bertholde zeitlich nach dem Jahr 999 rangieren, müßten da nicht auch Berthold I. und Berthold II. diskutiert werden? — Die Verwirrung ist allgemein.

Nur zwei kritische Anmerkungen mögen die Problematik von Datierungen aufzeigen und gleichzeitig verdeutlichen, wie manchesmal Geschichtsschreibung entsteht. Wir wissen inzwischen, daß die Originalhandschrift der Hugschen Chronik (aufgefunden 1881) weder das Jahr 1119 als Gründungsdatum der Stadt, noch Berthold IV. als „Erbauer“ enthält. Es handelt sich um spätere Zusätze, die wahrscheinlich erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts in die Abschriften eingefügt wurden 3). Deren Primärquellen sind nicht bekannt. Zum andern bezeichnet eine späte Urkunde, die aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt, Berthold V. als „fundator ville vilingun“. Nun heißt zwar das lateinische „fundator“ tatsächlich „Gründer“, nach professoraler Auslegung allerdings auch „Förderer, Gönner, Wohltäter“ 4). Die Quelle, die Schwineköper benutzte, ist ein sogenanntes Anniversar, d. h. ein kirchliches Verzeichnis von Todestagen zwecks Abhaltung von Seelenmessen. Sie ist also weder Gründungsurkunde noch zeitgenössische Nachricht. Es wäre spannend und ermüdend zugleich, die Fehler, Trugschlüsse und gelegentlichen Oberflächlichkeiten als Irrtümer in der geschichtlichen Überlieferung unserer Stadt aufzulisten. Es sei hier vorweg schon angedeutet: Ein Beweis für „den Gründer der Stadt Villingen wird sich nie finden lassen. Zum einen gibt es dafür keine Urkunde, gleich welcher Art, wie wir sie bei den Städtegründungen des späteren Mittelalters gelegentlich vorfinden. Zum anderen vollzieht sich bei der Stadt Villingen, salopp gesagt, das biologische Wunder, daß sie über mehrere Väter verfügt.

Beginnen wir deshalb zunächst bei Berthold —ohne Zahl —, und mit ihm begeben wir uns zu jener Quelle, der einzigen übrigens, die verläßlich über Villingen als Ort auf dem Wege zur Stadt-werdung berichtet, ohne daß der Ort damit schon die Schwelle zur Stadtwerdung überschritten hätte. Mit Berthold — ohne Zusatz —, einem Grafen, begegnen wir jener Person, um derentwillen sich zuvorderst ein Denkmal lohnt und eine Tausend-jahrfeier rechtfertigt. — Mit ihm kennen wir den Gründer des Marktes Villingen und den Marktherren. Durch ihn fügen sich wirtschaftliche Aktivitäten einheimischer und überall her gekommener Menschen auf der östlichen Brigachseite zum Kristallisationspunkt der späteren Stadtwerdung. Zur Verwaltung des Reiches bedient sich im Mittelalter der König und Kaiser einerseits der Kirche und der Klöster, d. h. personal der Bischöfe und Äbte, andererseits der Angehörigen des weltlichen Hohen Adels, der Herzöge und Grafen. Nahezu ausschließlich entstammen Bischöfe und Äbte dem Hochadel. In diesem Gefüge sind Geistlichkeit und Adel Territorialherren, die ihren Besitz entweder zu eigen, d. h. ihnen gehörig, haben oder ihn vom obersten Repräsentanten des Reiches als königliches Lehen übertragen bekamen oder ihn als dessen Vertreter verwalten. Eine derartige Konstellation bedingt ein wechselseitiges Verhältnis von Treue und Glauben. Dazu gehört die dem König schuldige Gefolgschaft. Beispielhaft nenne ich aus dieser Zeit, die uns berührt, als herausragende Figur, Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln und gleichzeitig Kanzler des Reiches.

Einer dieser Grafen des ausgehenden 10. Jahrhunderts war ein gewisser Berthold — ein Allerweltsname der herausgehobenen Art, gibt es ihn doch in jenen Jahrhunderten dutzendweise. Berthold ist der neuhochdeutsche Name, abgeleitet von Berthold, geschrieben berhtold, gesprochen „Berchtold“. Der erste Namensteil „Berht“, gesprochen „Bercht“, hat seine Herkunft aus dem Althochdeutschen „beraht“ = „beracht“ und bedeutet „glänzend“. Der zweite Namensteil „old“ ist aus dem Althochdeutschen „-walt“ zu „waltan“ = walten, herrschen abzuleiten. In einer Zeit, in der es noch keine Familiennamen im engeren Sinne gibt, bedeutet der Sinn des Namens „Berthold“ etwa „glänzender Herrscher“.

Dieser Berthold oder Berchtold befindet sich im Gefolge des Kaisers Otto III., als dieser im Februar 998 von Ravenna aus seinen zweiten Romzug beginnt. Diesmal ist es ein militärischer Vormarsch, und Berthold bekleidet dabei eine entsprechende Stellung, sagen wir die eines Generals. Welche Gründe gab es dafür? Hierzu zitiere ich Prof. Gerd Althoff: Im Jahre 996 hatte Otto nicht nur die Kaiserkrönung erreicht, sondern auf sein Geheiß hin war auch sein Verwandter Brun von Kärnten als Gregor V. zum Papst erhoben worden. […] Gegen ihn erhob sich eine stadtrömische Adelspartei. Althoff führt dann weiter aus, diese Gegenpartei habe anfangs des Jahres 997 unter ihrem Präfekten Crescentius in Rom einen Gegenpapst eingesetzt. Dieser Johannes Philagathos, ein Grieche aus Süditalien, war einst durch die Protektion der Ottonen Erzbischof von Piacenza geworden und soll sogar Taufpate Ottos III. und Papst Gregors V. gewesen sein. Dieser Treuebruch und Frontwechsel des Johannes Philagathos und ebenfalls des erst kurz zuvor begnadigten Stadtpräfekten Crescentius erbitterte den Ottonischen Hof in Deutschland aufs äußerste. Der militärische Gegenschlag Kaiser Ottos III. war die konsequente Reaktion. Es waren die deutschen Truppen des Kaisers, die den Gegenpapst in der Nähe Roms aufspürten und gefangen nahmen. Eine der überlieferten Quellen, ein Papstkatalog, dessen Inhalt die Wissenschaft nicht anzweifelt, nennt den Namen des Anführers dieser Heeresabteilung. Es ist unser Graf Berthold.

Nach der Gefangennahme wurde der Gegenpapst geblendet, Nase, Zunge und Ohren verstümmelt. Es ist kaum anzunehmen, daß das ohne Kenntnis und Zustimmung Bertholds geschah. Dann veranstaltete man einen Schauprozeß. „Eine Synode in Rom verurteilte den Geblendeten, dem noch einmal die päpstlichen Gewänder angezogen worden waren, zur Absetzung; daraufhin riß man ihm die Gewänder vom Leibe und trieb ihn durch die Straßen Roms, wobei man ihn verkehrt auf einem Esel reiten ließ, den Schwanz des Tieres wie einen Zügel haltend“. Dem ebenfalls gefaßten Stadtpräfekten erging es ähnlich schlimm, und er wurde dann getötet.

Die in leitender Funktion und mit Energie betriebene Strafexpedition veranlaßte Kaiser Otto, den Grafen zu ehren 5). Unter anderem verlieh ihm der Kaiser das Privileg, an einem ihm, dem Grafen, gehörenden Ort namens vilingun, einen öffentlichen Markt zu gründen und mit einer Münze, einer Zollstätte sowie dem gesamten öffentlichen Gerichtsbann einzurichten.

Dieser Markt war vom Kaiser ausdrücklich den älteren Märkten in Konstanz, dem Bischofsort, und Zürich gleichgestellt worden. Damit wird erstmals für den Südwesten des Reiches die Linie einer „Marktrechtsfamilie“ erkennbar. — Alles in allem war das eine ganz ungewöhnliche königliche Gunst, denn so weitgehende Vorrechte hatten die Kaiser bisher nur an Kirchen und Klöster, d. h. an deren Herren, verliehen. Die darüber ausgestellte Urkunde wurde am 29. März 999 in Rom verfaßt. Es ist das älteste bisher bekanntgewordene Zeugnis, mit dem ein Kaiser seine ihm zustehenden königlichen Rechte auf einen vornehmen weltlichen Gefolgsmann übertrug. Die Urkunde befindet sich heute im Generallandesarchiv in Karlsruhe. Allgemeiner Güteraustausch durch freie Marktbe-schicker und deren Freizügigkeit auf einem räumlich definierten Gebiet, nämlich dem Ort Villingen, ferner die ordnungspolitische Macht mit dem schützenden und sichernden Gewaltmonopol des gräflichen Marktherrn, dann die für dieses Gebiet zuständige eigene Währung und die notwendig damit verbundenen Maße, zwecks Fixierung der Tauschrelationen Geld — Ware, sowie letztlich die Zollhoheit, mit dem Anspruch auf die Abschöpfung von Finanzzöllen, einer Umsatzsteuerart, seitens des Marktherren, ergaben ein neues komplexes System von Wirtschaftsbeziehungen und Abhängigkeiten. An die Stelle des rein grundherrlichen Güteraustausches, vorwiegend als Naturaltausch, tritt die neue Organisationsform des Wirtschaftens, mit regionaler und überregionaler Ausstrahlung. Die Folge ist auch ein neuer Organismus gesellschaftlichen Lebens. Das alles gehört zum Wesen dessen, was wir für die Jahre nach 999 als inhaltliche Konsequenz mit dem Begriff „Markt“ — merkatum — zu verbinden haben. Durch ihn entsteht auf dem begrenzten Ortsgebiet zu Villingen eine neue „Sozialwirtschaft“, die wir mit ihrem Beziehungsgeflecht persönlicher, sachlicher und rechtlicher Natur, unbeschadet vordergründiger räumlicher Begrenztheit, als eine echte Volkswirtschaft en miniature bezeichnen können.

Leider müssen wir dennoch von der Vorstellung Abschied nehmen, daß damit schon die Geschichte der Stadt Villingen begonnen hätte. Auch Konstanz und Zürich waren damals keine Städte im Rechtssinne sondern Märkte 6). Tatsächlich werden sie in der kaiserlichen Urkunde von 999 auch als „Markt“ (merkatum) bezeichnet.

Dennoch sind zwei Dinge auffallend:

Der Graf Berthold erbittet sich die königlichen Rechte für seinen Ort Villingen. Also muß er zu diesem einen besonderen und persönlichen Bezug gehabt haben. — Dürfen wir ihn schlicht einen Villinger nennen?

Die originale handschriftliche Urkunde hatte sich über all die Jahrhunderte hinweg, bis zum Übergang Villingens an das neu entstandene Großherzogtum Baden, in der Stadt selbst bewahrt. Erst aufgrund einer hoheitlichen Anweisung gelangte sie 1809 auf dem Postwege nach Karlsruhe. Wie ist es möglich, daß eine kaiserliche Urkunde aus dem Jahre 999, erteilt an die persönliche Adresse eines gräflichen Gefolgsmannes, Ortsherr und nun künftiger Marktherr von Villingen, an diesen Ort, die spätere Stadt, gelangt und sich hier, und nur hier, über Jahrhunderte erhalten hat? Welche internen Verflechtungen bestanden hier, die dazu beitrugen, die Urkunde zu erhalten 6a)? Eine faszinierende Frage an die künftige Forschung.

Wer war nun dieser Graf Berthold? Es ist sehr wenig was wir wissen. Von Einzelheiten abgesehen, ändert sich allerdings nichts an der „grundsätzlichen Einschätzung“, Graf Berthold sei einer der Vorfahren der Zähringer 7). Für diese tauchen, neben dem Namen Berthold, die inhaltlich gleichbedeutenden Namen Birhtilo und Bezelin auf. In einer Urkunde 8), die wahrscheinlich aus dem Jahre 1153 stammt, wird ein Bezelin von Villingen genannt. Der Bezugsort verweist auf die politische Konstellation, die Bezelin mit dem Ort verbindet und zeigt das persönliche Verhältnis an.

In der Forschung besteht eine Lücke. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Graf Berthold und Bezelin ein und dieselbe Person sind. Bezelin soll 1024 gestorben sein. Sein Sohn ist jedenfalls Berthold I. „mit dem Barte“. Er war Graf in der Baar und seit 1061 Herzog von Kärnten, ohne dort jemals auch nur ansatzweise die Herrschaft ausgeübt zu haben. Mit Berthold I. bleibt die Titulierung „Herzog“ an den Nachfolgern haften, bis deren letzter, Berthold V., sich zum erstenmal, Ende des 12. Jahrhunderts, „Herzog von Zähringen“ tituliert. Berthold I. stirbt 1078 auf der Limburg über Weilheim an der Teck. 1079, während der Auseinandersetzung mit den Staufern, verlegt sein Sohn Berthold II. den Herrschaftsschwerpunkt vom schwäbischen Albtrauf in den Breisgau, wo die Burg Zähringen, nördlich Freiburgs, zum Mittelpunkt der Herrschaft wird. Er legt sich künftig einen zweiten Familiennamen „von Zähringen“ zu, der sich dann vererbt. Sein Bruder ist Bischof Gebhard III. von Konstanz. Er weihte 1085 das 1084 auf dem Schwarzwald gegründete Reformkloster St. Georgen, 15 km nordwestlich Villingens. Noch weitere politische Entscheidungen machen deutlich, wie sich immer mehr die Herrschaft der Bertholde im Schwarzwaldraum strukturiert. Möglicherweise muß man hier den Ansatz für das Zähringische Städtewesen sehen.

Das gewaltige Herrschaftsgebiet der Bertholde von Zähringen, Herzoge von Kärnten, Grafen in der Baar, Rektoren und Reichsvögte, reicht in Schwaben über Teile des heutigen Württembergs, Mittel- und Südbaden nach Vorarlberg tief in die Schweiz bis über Genf hinaus nach Burgund. Sie gehören, vergleichbar mit den Staufern, zu den mächtigsten Fürstenhäusern des südwestlichen Reiches.

1934 fand man in Vichmjaz am Ladogasee in Rußland einen Münzschatz, in dem nahezu alle salischen Münzstätten vertreten waren. Darunter befand sich eine Villinger Münze, ein silberner Denar. Dieser Schatz von 13398 Münzen war nach 1079 verborgen worden. Die Villinger Münze könnte demnach zu Zeiten Bertholds II. oder schon seiner Vorgänger geprägt worden sein.

Die Söhne Bertholds II. (gestorben 1111) sind als seine Nachfolger Berthold III. (gest. 1122) und Konrad (gest. 1152). Nachfolger ist jetzt Konrads Sohn als Berthold IV. (gest. 1186). Als letzter des Geschlechts folgt dessen Sohn, Berthold V. (gest. 1218), der sich — wie erwähnt — erstmals Herzog von Zähringen nennt. Mit ihm erlöschen die Zähringer im Mannesstamm. Ihre machtpolitische Rolle ist zu Ende. Der Kaiser, der Staufer Friedrich II., legt seine Hand auf Villingen.

Alle diese Zähringer waren zu ihrer Zeit die Orts-und Markt- sowie schließlich die Stadtherren. Insofern hatten sie vitale Interessen. Aber leider: „eine Geschichte hat zu ihren Lebzeiten niemand geschrieben“ 9). Die schriftlichen Quellen schweigen über Villingen oder sind zu dürftig, um zu einer verbindlichen Aussage zu kommen.

So bleiben wir auf andere Quellen, z. B. die archäologischen, angewiesen. Sie haben in den letzten paar Jahren immerhin einige Ergebnisse aus der Zähringerzeit gebracht, wenngleich diese, allein statistisch gesehen, für eine Siedlungsgeschichte nicht ausreichen.

Auf dem Gebiet der mittelalterlichen Stadt, der heutigen Stadt innerhalb der Mauern, können für das 12. Jahrhundert mehrere Funde und Befunde nachgewiesen werden. Abgesehen von Keramik lassen sich zwei Siedlungsspuren datieren. Die hölzerne Bodenschwelle eines Hauses an der unteren Gerberstraße erbrachte nach einer dendrochronologischen Analyse das Fällungsdatum „um 1169“. Auf der entgegengesetzten Stadtseite, im Bereich der nordwestlichen Rietstraße, lieferte eine Hauswand das dendrochronologische Datum „um 1175“ 10). Da sich die Ergebnisse der Archäologie und ihrer Hilfswissenschaft der Dendrochronologie punktuell auf den mittelalterlichen Stadtgrundriß verteilen, darf daraus geschlossen werden, daß sich die neue Marktsiedlung spätestens seit der Regierungszeit Bertholds IV.: 1152 bis 1186, von der Ursiedlung, dem Dorf, als erstem Marktort, gelöst hatte. — Es kann keinen Zweifel geben, daß alle Bertholde, angefangen mit Berthold —ohne Zahl — ab 999, bis Berthold V., gest. 1218, in die Entwicklung des Marktortes Villingen eingebunden waren und fiskal- sowie machtpolitisch daran interessiert waren, diese nach Kräften zu fördern. Dennoch bleibt die Beantwortung der scheinbar wichtigsten Frage damit offen, wann den nun die „Stadt“ gegründet worden sei.

Dazu müssen wir zwei Phasen einer Entwicklung unterscheiden:

Die Verlagerung des Marktortes auf das heutige Gebiet der mittelalterlichen Stadt, westlich der Brigach, also den räumlichen Aspekt.

Die Stadtwerdung im Rechtssinne, als einer ständischen Institution.

Zu 1.: Geopolitisch wird der Schwarzwald nach 1079 erschlossen und zähringisches Ausbauland. Kloster- und Siedlungsgründungen sind dafür die Marken. Gleichzeitig verlagert sich der Herrschaftsmittelpunkt von der schwäbischen Limburg in den Breisgau. Verbindungen zwischen dem westlich und östlich des Schwarzwaldes gelegenen Landes werden über das Gebirge hinweg erforderlich und sind entsprechend zu sichern. Abgeleitet aus dem politischen Gesamtzusammenhang halte ich die Spanne nach Berthold I. (gest. 1078) ab Berthold II. (gest. 1111), über Berthold III. (er starb 1122 und hatte sich 1114 in Köln aufgehalten) bzw. seinem jüngeren Bruder Konrad (gest. 1152) für die Zeit der räumlichen Ausgliederung des Marktorts vom Dorf auf das spätere Stadtgebiet.

Es ist unwiderlegbar, daß der Vorgang einer sogenannten „Gründung“ der Stadt nicht einer bestimmten Person des Herrschergeschlechts der Zähringer zugewiesen werden kann. Der Vorgang ist kein Ereignis sondern ein Prozeß, der neben dem Herrscherwillen den normativen Kräften der gestalterischen Marktstrukturen, insbesondere den Freiheitsrechten der Bürger (burgensis), gehorcht. Damit wären wir bei Punkt 2, der eigentlichen Stadtwerdung:

Sie ist wiederum ein komplexer Prozeß. Markt und Stadt bedingen sich zwar wechselseitig, aber die Stadt im Rechtssinne verlangt noch weitere Kriterien, die wir hier nicht ausführlich erörtern können. Nur soviel sei gesagt: Ein wichtiges Element der Stadt ist, unabhängig davon, daß es stets einen Stadtherrn gibt, die unterschiedlich weitgehende wirtschaftliche, rechtliche und politische Selbstverwaltung durch eigene Organe über eine entsprechende Verfassung. Für eine solche Verfassung und Selbstverwaltung ist seitens des Herrn das Zugeständnis persönlicher Freiheit an die Bürger zur Gestaltung eigener Rechtsvorschriften und der Mitwirkung beim Gericht unabdingbar. Das ist gleichbedeutend mit einer neuen Sozialordnung im feudalistischen Gefüge der damaligen Welt. Als städtisches Recht umschließt im Rahmen der Bürgerfreiheiten eine solche Verfassung auch die Regelungen für den inneren Rechtsfrieden und die Möglichkeit, sich „aus eigener Kraft gegen Übergriffe von außen zu schützen“ 11). Für Villingen besitzen wir als ältesten urkundlichen Beleg den Hinweis auf die Beteiligung der 24 an der Verwaltung aus dem Jahre 1225. Diese 24, eine Eidgenossenschaft sozial herausgehobener Bürger, wahrscheinlich Kaufleute (mercatores), besitzen zweifellos eine viel weiter zurückreichende Tradition und fungierten als Vertreter für die Gesamtgemeinde. 1993 lieferte uns ein Torbalken des Riettorturms das dendrochronologische Fällungsdatum „Winter 1232/33“, seit Sommer 1995 ein Gerüstholz aus der östlichen Ringmauer beim Oberen Tor gar das Jahr 1209, der Zeit Berthold V. 12). Die damals im Bau befindliche steinerne Befestigung, als weiteres Zeichen für einen städtischen Rechts- und Friedensbezirk, dokumentiert fast zeitgleich den äußeren architektonischen Abschluß der bereits vorhandenen städtischen Siedlungsautonomie.

Kommen wir zusammenfassend und abschließend auf unser Anliegen zurück:

Zweihundert Jahre Geschichte zähringischer Herrschaft über Villingen erlauben es nach dem Vorgetragenen nicht, irgend eine Person herauszulösen und ihr den Status eines Gründers von Villingen zuzuweisen.

Es gibt Entwicklungsschwerpunkte, die in die Zeit bestimmter Zähringers fallen. Aber Indizien sind keine Beweise.

Unbestreitbar ist allerdings, daß es nie eine solche Entwicklung gegeben hätte, wenn nicht die Rechtsausstattung des Jahres 999 an den Grafen Berthold zur Initialzündung dafür geworden wäre. So bleibt allein dieser Mann dafür verantwortlich, daß das Dorf Villingen nicht in einem Dornröschenschlaf verblieb, sondern sich über eine neue Siedlung zur Stadt entwickelte, die im Hohen Mittelalter, zwischen 1200 und 1400, ihre große Vergangenheit fand.

Damit ist er der Erste unter Gleichen, die nach ihm kamen.

Die ausschließliche Frage nach dem vermeintlichen Stadtgründer bzw. einem Stadtgründungsdatum ist schon vom historischen Ansatz her gesehen methodisch falsch.

Kommen wir deshalb noch einmal von der Person zur Sache:

Nichts wäre unrichtiger, als den Begriff Markt oder Marktort aufgrund der veränderten Sichtweisen unserer Zeit, mit der Vorstellung eines heutigen Wochenmarkts zu verbinden, wo zum Beispiel ein Händler von der Insel Reichenau an seinem Stand auf dem Münsterplatz das Bodenseegemüse anbietet. Gewiß war es vor tausend Jahren auch ein realer lokaler und punktueller Markt, und die Vorgänge haben sich äußerlich vergleichsweise so ereignet.

Die wirtschafts-, sozial-, gesellschafts-, rechts- und staatspolitischen Dimensionen des Vorgangs waren aber damals ganz andere, neue. Nur ein entstehungsgeschichtliches Beispiel, ein Anschauungsbehelf, ein Modell, kann uns zum Verständnis weiterhelfen:

In diesem Sinne ist das Ereignis vor tausend Jahren vergleichbar mit der Entstehung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der EWG, 1957. In diesem Jahr entstand eine Organisation mit zunächst ökonomischer Zielsetzung. Als Volkswirtschaften bis dahin deutlicher voneinander abgegrenzt, gehörten dazu zunächst nur die Bundesrepublik, Frankreich, Italien und die Beneluxstaaten.

Genauso stand Graf Berthold mit seinem Ort Villingen im Jahre 999 in einem wirtschaftsrechtlichen Verbund mit einigen wenigen Marktorten, die kaiserliche Urkunde nennt Konstanz und Zürich. Damit war er gewissermaßen in der ersten Reihe bei der inneren Ausgestaltung des Reichsgedankens durch die Einrichtung weniger privilegierter lokaler Märkte mit regionaler und überregionaler Funktion.

Vor diesem Hintergrund ist der endlose und vergebliche Versuch zur Beantwortung der Frage nach dem vermeintlichen Gründer der Stadt Villingen oder einem konkreten Gründungsdatum absolut zweitrangig.

Der EWG der Römischen Verträge von 1957 gesellten sich im Laufe der Jahre weitere Staaten bei. Zu den ökonomischen Anbindungen kamen solche politischen, rechtlichen, militärischen und kulturellen Zuschnitts. So entstand die Integration Europas.

Auch vor tausend Jahren, nach 999, begann sich durch die Vermehrung der Marktsiedlungen das Geflecht wirtschaftlicher Verbindungen zu verdichten. Es diente zwangsläufig dem Ausbau des Reiches.

Durch die rechtliche und politische Emanzipation dieser Siedlungen entstand in der Folge das differenzierte und gleichzeitig komplexere Städtewesen des Reiches als eine erweiterte neue Form ständisch-feudaler Strukturen.

Um es zu wiederholen: Die neu angelegten Orte, die sogenannten „Gründungsstädte“, zu denen auch Villingen gehört, sind nicht das Ergebnis einer verbrieften ad-hoc-Entscheidung eines sogenannten Stadtgründers mit ausschließlicher Rechtsausstattung, sie entwickeln sich vielmehr im Zusammenwirken von gewährter Bürgerfreiheit und der ihr innewohnenden Eigengesetzlichkeit, ohne daß es dazu seitens des Marktherrn weiterer rechtsschöpferischer Leistungen bedarf. Die Dominanz des Herrn weicht der Partnerschaft und erfährt sogar gelegentlich militanten Widerstand. Verschiedentlich ist, im Gegensatz zu Villingen, die Entwicklung vom Marktort zur „richtigen“ Stadt stecken geblieben. Beispiele dafür sind Allensbach am Bodensee oder Tengen und Blumenfeld im Hegau.

Wir wissen aber, daß bis zum Ende des Mittelalters in Deutschland etwa 3000 Städte, in der Größe von 500 bis 50.000 Einwohnern, entstanden waren; zu denen, als konsequente Entwicklung aus dem Marktort heraus, auch die kleine Mittelstadt Villingen gehörte.

In den Vorgängen heutiger europäischer Integration, bis hin zur bereits im Gang befindlichen weltwirtschaftlichen Verdichtung der Märkte, liegt, vergleichsweise, tausend Jahre zurück, auf das Jahr 999 projeziert, die Bedeutung der Marktgründung zu Villingen, als die Pioniertat eines einzelnen Mannes und als einzigartiges politisches Ereignis.

Wenn wir uns zu dieser Sicht entscheiden können, ahnen wir, welche erinnerungsschwere Dimension die tausendjährige Wiederkehr der Marktgründung zu Villingen hat; jener Gründung, die zum auslösenden Sachverhalt der Stadtwerdung wurde. Hier gebührt das Gedenken dem Wegbereiter, der die Zeichen der Zeit hellsichtig wahrgenommen hat und dem dabei kaiserliche Gunst den Weg ebnete: Berthold, Graf in der Baar.

Die Berthold-Aktion

1907 wurde das Denkmal des Marktgründers Graf Berthold von der Stadt Villingen erstellt. Inzwischen ist die Sandsteinfigur durch Umwelteinflüsse stark geschädigt.Die „Berthold-Aktion“ der Initiatoren Werner Jörres und Herbert Schroff hat es sich zum Ziel gesetzt, die Statue restaurieren zu lassen. Danach soll sie im Umfeld der künftigen Stadthalle an der Bertholdstraße nach historischer Vorlage neu aufgestellt werden. Das soll bis 1999, dem tausendjährigen Jubiläum der Gründung des Marktes zu Villingen, geschehen.

 

Zur Finanzierung der Restaurierungskosten brachte die Berthold-Aktion eine Gedenkmünze, gestaltet von Fritz Hebi, heraus. Es handelt sich um eine Reliefprägung, 999 Feinsilber, Gewicht etwa 26g, Durchmesser 40 mm, Preis 45,— DM — im Etui 48,— DM, ohne Bezugskosten. Sie ist erhältlich am Schalter der Villinger Volksbank und der Sparkasse Villingen sowie in Ladengeschäft-en. Zu beziehen ist sie über: D. Hebi, Handelsvertrieb, Postfach 1444, 78004 Villingen-Schwenningen.

 

Exkurs:

Aus gegebenem Anlaß nun noch ein Schwenk nach Freiburg.

Wie sehr war man im Verhältnis Villingen — Freiburg immer wieder bemüht, das ältere „Stadtgründungsdatum“ zu besitzen. Es ist deshalb wohl kein Zufall, wenn in Villingen für Villingen so dubios das Datum 1119 auftaucht, wäre doch dann die angebliche Stadt um ein Jahr älter als Freiburg. Im Juni 1995 hat man allen Ernstes in Freiburg mit einem Historienumzug als Spektakel des „875jährigen Stadtjubiläums“ gedacht. Demgegenüber erfahren wir, „Konrad, jüngerer Bruder des bis 1122 amtierenden Herzogs Berthold III., berichtet, er habe an seinem Ort Freiburg einen Markt gegründet (ego Cunradus in loco mei proprii iuris, scilicet Friburg, forum constituti), indem er von überall her angesehene Kaufleute angeworben und ihnen am geplanten Marktplatz Baugrundstücke (areae) als freies Eigentum zugewiesen habe … 13).

Will man der Sache nicht Gewalt antun, dann bleibt es bei der Feststellung, daß der für seinen Ort Freiburg zuständige Konrad von Zähringen während der Zeit, in der die Kaisermacht im Reich durch den Investiturstreit mit dem Papst geschwächt war, kraft eigenen Machtanspruchs im Jahre 1120 auf seinem eigenen Grundbesitz einen Markt eingerichtet (constituti) hat.

Jede seriöse Interpretation kann sich deshalb nur der Formulierung Maria Blattmanns anschließen, die in einer wissenschaftlichen Zulassungsarbeit feststellte: Insofern ist 1120 zwar nicht das Jahr der „Stadtgründung“, aber doch des Auftakts zur Stadtwerdung Freiburgs 14). Der Sache nach liegt wohl oder übel die Rechtsausstattung des Markts zu Villingen 121 Jahre früher als in Freiburg.

Soweit es die Marktortsiedlung betrifft, stoßen wir mit dem Jahr 1173 in Freiburg auf das bisher älteste dendrochronologische Datum. Es stammt aus der Balkendecke eines Hauskellers 15). Einen ersten Hinweis auf die Freiburger Mauerbefestigung — und damit auf die Stadt — erhalten wir für das Jahr 1220 16). Wie für Villingen gilt auch für Freiburg, daß das älteste „Stadtrecht“, dessen genaues Entstehungsdatum nicht zu ermitteln ist, ins 13. Jahrhundert gehört 17).

Eine gewisse zeitliche Parallelität in der Entwicklung beider Städte ist unübersehbar. Dabei wollen wir es bewenden lassen.

Anmerkungen:

Dieser Beitrag war Inhalt eines öffentlichen Vortrags am 27. September 1995.

1) Hans Planitz, Die deutsche Stadt im Mittelalter, Seite 138/231

2) Schwineköper, Die Zähringer, Bd. I, Thorbecke 1986, Seite 82

3) ders. a. a. 0. S. 78 f.

4) Gerd Althoff, Münster, persönliche Mitteilung

5) ders., Almanach 88 des Schwarzwald-Baar-Kreises, Seite 110 ff.

6) K. S. Bader, Zürich, persönliche schriftliche Mitteilung

6a) Diese Überlegung verdanke ich Herrn Dieter Brüstle, Geschichts- u. Heimatverein Villingen

7) Gerd Althoff, Almanach a. a. 0., Seite 110 und 116, Nr. 2

8) Huger, Jahresheft Geschichts- u. Heimatverein Villingen, S.16, Nr. XI

9) Gerd Althoff, Die Zähringer, Bd. I, a. a. 0., Seite 44

10) 1169: Bertram Jenisch, Vortrag beim Geschichts- u. Heimatver­ein Villingen, 8. März 1995; Jenisch zitiert Lohrum, siehe unten 1175: Burkhard Lohrum, Ing., und beauftragter Dendrochronologe des Landesdenkmalamtes Freiburg, aus Ettenheimmünster: Vortrag vor Architekten in Villingen, 14. Oktober 1993.

11) K. S. Bader, Schriften zur Rechtsgeschichte, 1983, Bd. 3, S. 388

12) Burkhard Lohrum, dendrochronologische Untersuchung, Sep­tember 1993 und Sommer 1995

13) Die Zähringer, Bd. II, Thorbecke 1986, Nr. 190 Seite 234

14) wie Anmerkung 13, Seite 234, rechte Spalte

15) wie Anmerkung 13, Seite 211, Seite 254

16) wie Anmerkung 13, Seite 213, Seite 255

17) wie Anmerkung 13, Seite 252 und 258

Literatur:

Werner Huger, Die Gründungsidee der Stadt Villingen, in: Jahresheft XI, 1986/87, des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S.6 ff.

Widmung:

Diesen Beitrag widme ich dem Lehrer für Rechts- und Landesgeschichte, Herrn o. Professor em. Dr. Dr. h. c. Karl Siegfried Bader, Zürich, anläßlich seines 90. Geburtstages im Jahre 1995.