Von Taxametern, Fahrtschreibern und Computern (Herbert Ackermann)

Die Geschichte der Kienzle Apparate GmbH

Gründung

Die notariell beurkundete Gründungsversammlung der Kienzle Taxameter und Apparate Aktiengesellschaft, Villingen, datiert vom 19. Juni 1928. Unterm 10. Januar 1929 wurde die Firma in das Handelsregister B Bd. II OZ 1 eingetragen. Die Veröffentlichung erfolgte in der „Zweiten Zentralhandelsregisterbeilage zum Reichs – und Staatsanzeiger“ Nr. 15 / 1929, Reg. Nr. 88305. Als Gegenstand des Unternehmens wurde die Herstellung und der gewerbsmäßige Vertrieb von feinmechanischen Apparaten aller Art, insbesondere von Taxameter-Uhren sowie sonstigen Kontroll- und Meßapparaten, genannt. Das Grundkapital betrug 400.000 Reichsmark. Der Vorstand der Gesellschaft bestand aus dem ordentlichen Vorstandsmitglied Dr.-Ing. Herbert Kienzle, Fabrikdirektor in Schwenningen a. N., und den stellvertretenden Vorstandsmitgliedern Friedrich König, Kaufmann, und Friedrich Richter, Kaufmann, beide Villingen. Zu Mitgliedern des ersten Aufsichtsrats wurden gewählt: 1. Der Geheime Kommerzienrat Jakob Kienzle in Stuttgart, 2. der Fabrikant Ernst Ammer in Reutlingen, 3. der Fabrikdirektor Hellmut Kienzle in Schwenningen. In den folgenden Jahren übernahm Dr. Herbert Kienzle die überwiegende Mehrheit der Aktien (später der GmbH-Anteile), und sein einziger Partner blieb mit einer Beteiligung von ca. 5 % des Kapitals über Jahrzehnte der Ingenieur Paul Riegger. Nach dem Ableben von Dr. Herbert Kienzle im Jahre 1954 wurde – bis zu Beginn der 80er Jahre – das Stammkapital des seit 1944 als GmbH firmierenden Unternehmens von dessen Witwe, Frau Charlotte Kienzle (verstorben 1975), und den Kindern, Frau Dipl.-Volkswirt Margrit Furtwängler geb. Kienzle, Dipl.-Volkswirt Jochen Kienzle und Dipl.-Ing. Herbert Kienzle, gehalten.

Vorgeschichte

Aus der einleitenden Darstellung der Unternehmensgründung kann man schließen, daß die Gründer auch anderweitig industriell tätig waren und tatsächlich gibt es eine enge Verbindung zu anderen bedeutenden Unternehmen der Region, insbesondere zur Kienzle Uhrenfabrik, von denen Ende der zwanziger, anfangs der dreißiger Jahre ein gewissermaßen fließender Übergang vollzogen werden konnte. Die Kienzle Apparate und Taxameter AG leitet ihr Entstehen aus zwei Quellen her:

aus der Schwenninger Uhrenfabrik Kienzle und aus einem Zweigbetrieb dieses Unternehmens in Villingen, der auf die Uhrenfabrik C. Werner zurückgeht.

Der Schwenninger Ursprung

Bereits im Jahre 1822 begann der Uhrmachermeister Johannes Schlenker in Schwenningen mit der handwerklichen Fertigung holzgespindelter Uhren, wobei ihn seine drei Söhne unterstützten. Ein gutes Absatzgebiet war Österreich und insbesondere Böhmen, wo in Prag eine Niederlassung eingerichtet wurde, um von dort aus auf Traggestellen, den sogenannten „Krätzen“, die Uhren von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt zu tragen. Unter der tätigen Mitwirkung seiner Söhne konnte Johannes Schlenker seine Produktion erweitern und auch verbessern. Das beschwerliche Hausieren wurde mit vergrößertem Umsatz eingestellt und es wurden nur noch die Messen und Märkte in Österreich, Böhmen, Mähren und Schlesien besucht.

 

Geheimer Kommerzienrat Dr. -Ing. eh. Jakob Kienzle (1849 – 1935)

 

Im Jahre 1864 starb Johannes Schlenker. Die beiden jüngsten Söhne übernahmen die Firma, nachdem der Älteste 1854 nach Amerika ausgewandert war. Während einer der Brüder in Prag und in Wien Verkaufsstellen einrichtete, die sich nach und nach zu selbständigen Geschäftsstellen entwickelten, baute sein Bruder Christian die Schwenninger Firma weiter aus, so daß sie um das Jahr 1870 schon eine angesehene Stellung in der Uhrenbranche einnahm. Im Jahre 1883 übergab Christian Schlenker sein Geschäft seinem Sohn Karl-Johannes und seinem Schwiegersohn Jakob Kienzle, dem Vater des späteren Gründers von Kienzle Apparate. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Firma 20 Betriebsangehörige, die im Jahr 2100 Uhren herstellten. 1885 wurden bereits 60 Arbeiter beschäftigt und die Erzeugung war auf 30.000 Uhren angestiegen – ein Produktionswachstum, das seine Ursache in der zu dieser Zeit nachhaltig einsetzenden Fertigungsmechanisierung hatte.

1885 wurde die Firma Johs. Schlenker in „Schlenker & Kienzle“ umgenannt – erstmals erschien der Name Kienzle in der Uhrenindustrie – und 1897 wurde Jakob Kienzle durch Austritt seines Schwagers C. J. Schlenker alleiniger Firmeninhaber. Es entstanden neue Fabrikbauten, die Produktion wuchs kontinuierlich. In London, Mailand und Paris wurden Filialen errichtet. 1905 wurde die Herstellung von Taschenuhren aufgenommen, nachdem man bis dahin nur Großuhren gefertigt hatte. Im Jahre 1908 wurden im Werk 1700 Arbeitskräfte beschäftigt, die Produktion hatte sich auf 2,3 Millionen Uhren erhöht, wovon 75 % in den Export gingen. Kurz vor Beginn des 1. Weltkrieges, 1913, ergab sich die Möglichkeit, die Uhrenfabrik C. Werner in Villin-gen käuflich zu erwerben. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges stellte sich der Betrieb notwendigerweise auf Kriegsbedarf um, statt Uhren wurden Zünder hergestellt. 1918 konnte die Uhrenproduktion wieder aufgenommen werden. Als sich der Geheime Kommerzienrat und Schwenninger Ehrenbürger Jakob Kienzle zu dieser Zeit von der aktiven Mitarbeit zurückzog, übergab er, der in all diesen Jahren die treibende Kraft im Unternehmen war, seinen beiden ältesten Söhnen, Herbert und Christian, eine festgegründete und angesehene Firma.

Das Villinger „Werner-Werk“

1856 hatte der Uhrenbauer C. Werner handwerksmäßig mit der Fertigung von Uhren begonnen, deren Absatz bald über die Grenzen ausgedehnt wurde. C. Werner galt in Branchenkreisen vielfach als Lehrmeister der Uhrenfabrikation. Aus der ursprünglichen Werkstatt entwickelte sich bis 1875 ein Fabrikationsbetrieb zur Herstellung von Weckern, Regulatoren und Laufwerken von Uhren. Die Hauptabsatzgebiete waren Deutschland und Österreich, im Jahre 1887 entschloß man sich zur Errichtung einer Filiale und dem Bau einer Werkstatt in Innsbruck. 1893 wurde in Villingen am Benediktinerring ein neuer Fabrikbau errichtet, wo um die Jahrhundertwende rd. 500 Beschäftigte tätig waren. 1905 wurde von der Firma Werner auf Anregung eines Herrn Baum aus Breslau die Fabrikation von Taxameter-Uhren für den Betrieb von Pferdedroschken aufgenommen. Zu dieser Zeit wurden in Deutschland Taxameter nur in Berlin gebaut. Interessant ist auch, daß bereits im Jahre 1907 der Innsbrucker Ingenieur Salcher bei Werner eine Vierspeziesrechenmaschine entwickelte, der er den phantasievollen Namen „Adsumudi“ gab, weil sie addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren konnte. Leider kam das Gerät nicht zur Serienreife, wohl weil die Zeit noch nicht dafür reif war. Die Episode beweist jedoch, daß der ca. 40 Jahre später vollzogene Schritt zur Aufnahme einer Organisations- und Buchungsmaschinen-Produktion durchaus folgerichtig war, denn viele Erfahrungen aus dem Taxameterbau auch hier handelt es sich um ein kleines Rechensystem – konnten in die Produktion der Buchungsmaschinen einfließen.

Zwischen 1910 und 1912, nach dem Tod des Gründers, kam die Firma Werner in finanzielle Schwierigkeiten. Man sah sich gezwungen, zu liquidieren, so daß 1913 Kienzle Uhren das zur Disposition stehende „Werner-Werk“ käuflich erwarb.

Auch bei Werner war durch den 1. Weltkrieg die Weiterentwicklung des angestammten Produkts, des Taxameters, unterbrochen worden und konnte erst nach 1918 wieder fortgeführt werden. 1922 wurde ein weiteres Gelände mit Gebäuden in Villingen erworben, das später das Hauptgebäude der Kienzle Apparate und Taxameter AG wurde.

Kienzle Werksgebäude (1925) in der Prinz-Eugen-Straße (am Eisweiher).

 

Dr.-Ing. Herbert Kienzle

Ende der zwanziger Jahre drängten Bankkreise auf eine Fusion der führenden Firmen der deutschen Uhrenindustrie. Dr. Herbert Kienzle war dagegen, denn er war überzeugt, daß die unpersönliche Lenkung durch anonyme Kapitalgeber eine gesunde Entwicklung der Uhrenindustrie hemmen würde; in diesem Zusammenhang sollte auch die Taxameterfertigung aufgegeben werden. Dr. Kienzle hatte jedoch erkannt, daß bei zunehmender Motorisierung der Taxameter und andere Fahrzeuggeräte eine bedeutende Zukunft haben mußten. Er drängte deshalb auf eine Verselbständigung dieses Fabrikationszweiges.

 

Chronik der Kienzle-Gebäude Prinz-Eugen-Str.

1826 Erbauung und Gründung der Chem. Fabrik

Köhlreiter & Cie. (Soda, Salzsäure, Schwefel-

säure)

1852 Übergang an Joh. Rasina & Cie.

1870 Schenkung an den Landwirt Karl Beck

1905 Übergang auf Witwe Luise Hält

1920 Erwerb durch Karl Ludw. Weis, Freiburg

1922 Erwerb durch Kienzle Uhren AG, Schwenningen

1852 Bau des später „Rappenegger-Bau“ genannten

Anwesens durch den Kaufmann Jos. Ignaz

Ummenhofer

1855 Erworben von Val. Hässler und Val. Stern zum

Betrieb einer Mühle

1860 Erwerb durch den Mechaniker Friedrich

Hässler

1873 Aufteilung in zwei Gebäude

Wohnhaus Friedrich Hässler

Wohnhaus Franz Laun mit Schmiedewerkstatt

1883 Friedr. Hässler verkauft an Wilh. Städele, Taschenuhrengehäusefabrik, und dessen Ehefrau Ida geb. Rappenegger

1904 Verkauf an Otto Sigmund und Ferdinand Rap-penegger

1939 Verkauf an Kienzle Apparate AG, Villingen 1937 Errichtung des alten Verwaltungsgebäudes

1938 Fabrikerweiterungsbau (vom alten Mittelbau in

Richtung Brigach)

1941 Errichtung des nördlichen Querbaus längs der Brigach

1953 Bau des neuen Verwaltungsgebäudes

1955 Bau des Montageflügels längs der Brigach 1961/62 Südlicher Querbau und Shedhallen 1971/72 Entwicklungbau in der Waldstraße

Herbert, der älteste Sohn des Geh. Kommerzienrats Jakob Kienzle, war 1887 geboren. Nach dem Abitur studierte er, der technisch hochbegabt war, an der Technischen Hochschule Stuttgart Maschinenbau und promovierte zum Dr.-Ing. Er machte zahlreiche Erfindungen, die patentiert wurden; so z. B. wurde bereits in den zwanziger Jahren ein Schutzrecht für ein Verkehrsleitsystem erteilt. 1913 begab er sich nach den Vereinigten Staaten, um dort praktische Erfahrungen aus der Perspektive der sich schnell entwickelnden amerikanischen Industrie zu sammeln, für deren besondere Dynamik es in Europa wenig Vergleichbares gab. Es gehört wenig Phantasie dazu sich vorzustellen, wie die in USA gewonnenen vielfältigen Eindrücke das Urteilsvermögen des jungen Ingenieurs geschärft und seine künftige Betrachtungsweise wirtschaftlicher und marktbedingter Zusammenhänge beeinflußt haben. In Detroit wurden damals am Fließband Automobile in Stückzahlen gefertigt („Fordismus“), an die man sich in Europa 20 oder 25 Jahre später erst langsam herantastete und Rationalisierungsideen wurden mit der diesem Kontinent eigenen Unvoreingenommenheit realisiert („Taylorismus“), über deren Vor- und Nachteile man sich bei uns erst sehr allmählich klar wurde. Vielleicht war es rechnerisches Kalkül oder unternehmerisches Gespür, vielleicht beides, Dr. H. Kienzle setzte auf Aufzeichnungsgeräte für Automobile (gleich Motorisierung) und auf Meßschreiber, wie man damals die heutigen Betriebs-datenerfassungs- Systeme nannte (gleich Betriebsrationalisierung). Das Wagnis war groß, denn die Weltwirtschaftskrise warf bereits ihre Schatten voraus.

Dr.-Ing. Herbert Kienzle (1887- 1954) gründete 1929 die Kienzle Taxameter und Apparate AG.

 

Noch im Gründungsjahr der Kienzle Taxameter und Apparate AG machte der Schwarze Freitag an der New Yorker Börse ungezählte Aktionäre zu Bettlern und löste eine den ganzen Erdkreis umfassende Depression aus, zu der es bis zum heutigen Tag keine Parallele gibt. Ein Studium der Hauptversammlungsprotokolle und Bilanzen der folgenden Jahre verdeutlicht, wie wenig ermutigend in dieser Zeit die Verhältnisse waren. Nach einem zunächst positiven Start der Taxameter und Apparate AG mußte man immer weiter rückläufige Umsätze und Verluste hinnehmen, die die schrittweise Herabsetzung des Grundkapitals erforderlich machten. In dieser Zeit bewiesen Geschäftsführung, Mitarbeiter und Kapitaleigner ein beachtliches Stehvermögen und kämpften erfolgreich ums Überleben.

Scheinblüte, Krieg und Wiederaufbau

Dr. Herbert Kienzle erwarb bald nach der Gründung des Apparate-Unternehmens die Mehrheit der Aktien – sie befanden sich ausschließlich im Familienbesitz – durch Tausch der von ihm gehaltenen Uhren-Aktien. Nach seinem Ausscheiden als Vorsitzender des Vorstandes der Kienzle-Uhrenfabriken, Schwenningen (1931), widmete er sich nur noch der neuen Firma. Bis 1937 hatte sich die Lage so weit gebessert, daß die Errichtung eines Verwaltungsgebäudes notwendig wurde und im Folgejahr auch das Fabrikgebäude erweitert werden mußte. Noch 1940 / 41 wurde ein umfangreicher Neubau für die Fertigung erstellt. 1938 erfolgte die erste Änderung des Firmennamens in Kienzle Apparate AG, womit man der Erweiterung des Produktprogramms Rechnung trug, und 1944 erfolgte eine Umwandlung der Aktiengesellschaft in eine GmbH. Leider war der Aufschwung der dreißiger Jahre eine Scheinblüte – er mündete in der Katastrophe des Krieges und schließlich in der Stunde Null des Zusammenbruchs von 1945.

 

Der „Autograph“ aus dem Jahre 1928, Vorgänger des Kienzle-Fahrtschreibers. Anfangs der 30er Jahre entstand dieses Foto, das einen PKW zeigt, in dem alle damaligen Kienzle-Produkttypen nach außen sichtbar angeschlossen waren.

 

Der erste Fahrtschreiber 

Auszüge aus einer Ansprache von Dr. Herbert Kienzle anläßlich einer Pressekonferenz am 26. 2. 1953 in Villingen.

„1928 haben wir zum ersten Mal so ein tachographenähnliches Ding gebaut. Ich will Ihnen sagen, was das war. Das war der Wunsch des Polizeipräsidenten von Warschau, der ein Gerät haben wollte, das bei Überschreitung einer bestimmten Geschwindigkeit mit einem Lichtsignal dem Schutzmann nach außen anzeigt, daß die Geschwindigkeit überschritten wurde. Diese technische Aufgabe war natürlich sehr leicht zu lösen. Das Gerät ist hier, Herr Riegger, würden Sie so freundlich sein und es mal eben hochheben. Dann haben wir dieses kleine Fenster angebracht, wo man die Geschwindigkeit ablesen kann. Und dann haben wir in der zweiten Etappe auch eine Registrierung der Fahrgeschwindigkeit gebracht, und nachdem eine Uhr vorhanden war, um die Diagrammscheibe anzutreiben, freute sich der Fahrer, wenn er noch da seine Lenkzeit ablesen kann. Das war eigentlich das erste Gerät, das wir gebaut haben.“

 

Fahrtschreiber-Fertigung in den 30er Jahren.

 

Zunächst schien es so, als habe man sich mit der Einführung des Fahrtschreibers und mit dessen Entwicklung zum zentralen, das Unternehmensbild bestimmenden Produkt alle „wehrwirtschaftlichen“ Eingriffe der Rüstungsbehörden vom Leibe halten können. Denn der Tachograph förderte eine wirtschaftliche Fahrweise und die Beschaffung von Treibstoff stellte einen entscheidenden Engpaß dar. Mit fortschreitender Verschlechterung der Kriegslage griff der Staat jedoch immer mehr in die Unternehmensplanung ein. Dienstverpflichtete Entwicklungs- und Fertigungs-Ingenieure, Fachleute für bestimmte Rüstungsprodukte wurden zugewiesen und die für das Heer, die Marine oder die Luftwaffe bestimmten Teile und Aggregate flossen in das Fertigungsprogramm ein, gleich ob dies der Unternehmensführung behagte oder nicht. Zitieren wir dazu den Entwicklungsingenieur Karl Vögtlin, Jahrgang 1914, der seit 1938 bis zu seiner Pensionierung bei Kienzle Apparate in verantwortungsvollen Positionen tätig war:

„Bestimmte Luftfahrgeräte wurden in Lizenz gefertigt, so z. B. ein Regler für den 9-Zylinder-Sternmotor mit 1000 PS der Brandenburgischen Motorenwerke. Der Pilot wählte mit nur einem Hebel die Leistung, alle übrigen Werte, wie Zündung, Ladedruck, Gemisch, Drehzahl usw., wurden automatisch eingestellt. Oder für einen Vergasermotor wurde eine zusätzliche Luftdüse vorgesehen, die abhängig von der Flughöhe gesteuert wurde.

Der Zusammenbau der Apparate erfolgte am Einzelarbeitsplatz und die präzise Funktion des Gerätes war nicht zuletzt das Ergebnis eines geübten und fachmännisch geschulten Auges.

Bekanntlich nimmt mit zunehmender Flughöhe die Luftdichte ab, was eine Korrektur des Brennstoffgemischs nötig macht. Dies erfolgte von einem Barometerdosen-Satz aus, der über einen hydraulischen Kraftverstärker die Düse des Vergasers steuerte. In einem anderen Fall verstellte ein solches Gerät entsprechend der Flughöhe die Drosselklappe des Motors. Auch ein sogenannter Kreislaufregler zum Betrieb eines Dieselmotors für die Unterwasserfahrt eines U-Bootes wurde uns in Auftrag gegeben, wobei als Trägergas für den Sauerstoff getrocknetes und gereinigtes Abgas verwendet wurde. Es handelte sich bei diesen Produkten teilweise um Techniken, die auch für den zivilen Gebrauch wertvoll waren, und wir dachten vorausschauend an die kommende Friedenszeit, in der unsere Arbeit wieder der friedlichen Nutzung etwa in der Zivilluftfahrt dienlich werden sollte. Um Menschen und Maschinen vor Luftangriffen zu sichern wurde 1944 / 45 ein Teil der Produktion nach Donaueschingen, Ewattingen und andere kleine Orte sowie nach Isny ins Allgäu verlagert. Bevor diese Maßnahmen in ihrer ganzen geplanten Tragweite zur Wirkung kamen, ging der Krieg jedoch zu Ende.“

Das Jahr 1945

Die Kienzle Apparate GmbH, die bei Einmarsch der alliierten Truppen rund 1200 Mitarbeiter beschäftigte, stellte im April 1945 die Produktion ein. Dennoch ist ein völliges Absterben des betrieblichen Lebens nie registriert worden. Ein Bericht vom 28. Februar 1946 „Vorläufige Übersicht über das Geschäftsjahr 1945“, Diktatzeichen GL / Ma., weist darauf hin, daß das Unternehmen bis Kriegsende zu 50 % „Friedensgeräte“ herstellte. Im April 1945 standen immer noch fünf Mitarbeiter auf der Lohn- bzw. Gehaltsliste. Ihre Zahl steigerte sich langsam, bereits im Mai waren es wieder 61 und im Dezember 179. Verlagerte Betriebseinrichtungen, Maschinen und Materialien wurden zurückgeholt. Ab Jahresmitte wurde wieder gefertigt – zunächst für Bahn und Post – und mit der Firma Fahr in Gottma-dingen wurde die Fertigung von Ersatzteilen für landwirtschaftliche Maschinen vereinbart. Gleichzeitig begann die Entwicklung neuer, einfacher Erzeugnisse, wie elektrische Kochplatten und Feuerzeuge, was selbstverständlich von vorneherein als Übergangslösung angesehen wurde. „Obwohl direkte Kriegsschäden nicht eingetreten sind“, heißt es in dem Bericht, „ist die materielle und organisatorische Destruktion durch die indirekten Einwirkungen und das Fehlen einer ausreichenden Auffangbelegschaft für den Außenstehenden nicht groß genug einzuschätzen . . . Insbesondere als Folge der Verlagerungen sind erhebliche Beschlagnahmeschäden durch die Besatzungsmacht eingetreten . . . Bei den im Auftragsbestand aufgeführten Rasierapparaten handelt es sich um einen Auftrag, der von französischen Dienststellen stammt . . . Freie Facharbeiter sind gegenwärtig schwer zu finden . . . Zur Verminderung der Gebäudekosten und zur Belegung ungenützter Gebäudeteile wurden versätiedene Räumlichkeiten an zwei andere Unternehmen vermietet.“

Ab 1947 tendierten die Dinge wieder zu einer teilweisen Normalität, die freilich erst nach der 1948 erfolgten Währungsreform eintreten konnte. Immerhin ist der Geräte- und Teileexport – letzterer zur Gewährleistung des Reparatur- und Kundendienstes für zahlreiche im Ausland eingesetzte Taxameter – noch in der Reichsmark-Zeit zum Laufen gekommen. So hatte z. B. der britische Generalvertreter Weiland, Reserve-Offizier bei der britischen Armee, bei der Baden-Badener Militärregierung die Einstellung der Restriktionen erwirkt, die der Ausfuhr nach dem wichtigen Kienzle-Exportmarkt Großbritannien entgegenstanden. Die Bedeutung dieses Erfolges wird unterstrichen wenn man weiß, daß Wellands Firma in ihren besten Zeiten 80 % des taxiintensiven Taxametermarktes der Weltstadt London für Kienzle und den Markennamen „Argo“ gewonnen hatte.

Dennoch mußte Kienzle Apparate eine weitgehende Demontage über sich ergehen lassen; man stand zwar nicht vor Trümmern, aber doch in von Maschinen entblößten Fertigungshallen. Wer sich in dieser Zeit einen klaren Kopf, körperliche Gesundheit und zwei Hände zum Anfassen bewahrt hatte, verfügte über das notwendige Startkapital. Viele der ehemaligen Freunde und Mitarbeiter hatte die Katastrophe verschlungen, aber die Überlebenden stellten sich einer nach dem anderen wieder ein und gingen an die Arbeit. In London, Paris, Amsterdam, Rom, New York, Bombay, Johannesburg oder Sydney, in allen Erdteilen waren viele tausend Argo-Taxameter und -Tachographen im Einsatz. Die Kienzle-Service-Techniker wurden wieder gebraucht, die Verkäufer und Generalvertreter riefen nach den bewährten Produkten.

Büromaschinen

Da nicht sicher war, ob das traditionelle Produktangebot eine volle Auslastung des Betriebs langfristig gewährleisten würde, sah sich die Unternehmensleitung veranlaßt, nach neuen Möglichkeiten zur Verbreiterung der Fertigungsbasis Umschau zu halten. Im Mai 1948, einige Wochen vor der Währungsreform, fanden in Villingen Gespräche statt, die sich mit der Aufnahme einer weiteren Erzeugnislinie befaßten. Die Büromaschinenindustrie war im früheren Reichsgebiet schwerpunktmäßig in Mitteldeutschland, in Sachsen und Thüringen, konzentriert, wo an eine baldige Fertigungsaufnahme damals ebensowenig zu denken war wie an die Wiederherstellung eines geschlossenen wirtschaftlichen und politischen Gebildes auf deutschem Boden.

Die „Schnellsaldiermaschine“ 100 E war 1949 der erste Produktbaustein eines später umfangreichen Angebots von Organisationsmaschinen und Buchungsautomaten. Schnell wuchsen Mitte der 50er Jahre die gefertigten Buchungsmaschinen-Stückzahlen.

Der aus Württemberg stammende aber lange Jahre in Chemnitz tätige Buchungsmaschinen-konstrukteur Lorenz Maier hatte seine Pläne und Vorstellungen ca. zehn Firmen in Süd- und Westdeutschland vorgetragen und entschied sich dann doch für Kienzle. In seinen Erinnerungen schrieb er später: „Die Kienzle Apparate GmbH bot die besten Fertigungsvoraussetzungen und ihre vertrauensvolle Leitung ließ sie mir besonders geeignet erscheinen – obwohl keine branchenbedingten Fachkenntnisse vorhanden waren. Auch war das Unternehmen damals keineswegs reich an flüssigen Mitteln. Die Gespräche mit mir führten Herr Dr. Kienzle und Herr Polzin und ich gab mich zunächst mit einem Gehalt zufrieden, das das Existenzminimum sicherte. Ich sollte jedoch eine Art Umsatzprämie erhalten, sobald die verkauften Produkte 500 Stück im Jahr – es war am Anfang nur von Addiermaschinen die Rede – überschreiten sollten.“ Die Stunde war günstig, der Entschluß wurde gefaßt und in die Tat umgesetzt. Schon eineinhalb Jahre später waren die ersten funktionsfähigen Muster eines Saldiermaschinentyps fertig und nun folgte logisch ein Schritt dem anderen: Von Schüttel- und Springwagen führte der Weg über sogenannte Simplex-Buchungsmaschinen zu einem Buchungsautomatenprogramm, das bis zum Ende der fünfziger Jahre alle technisch-organisatorischen Möglichkeiten der damaligen Zeit abdeckte und in der Bundesrepublik Deutschland einen beachtlichen Marktanteil sicherte: Mitte der 50er Jahre stammten über 50 % aller im Inland eingesetzten Addierbuchungsmaschinen aus Villingen. Aus heutiger Sicht mögen die Erlöse bescheiden gewesen sein, die Beteiligten indes waren stolz auf ihre Leistungen.

Expansion

1954 verstarb Dr. Herbert Kienzle und sein ältester Sohn Jochen, der stets darauf bedacht war, das Unternehmen im Sinne seines Vaters fortzuführen, trat in die Geschäftsleitung ein. Der Tod des Gründers war ein schwerer Verlust.

 

Von links nach rechts die Geschäftsführer der Kienzle Apparate GmbH: Dipl.-Vw. Jochen Kienzle, Dipl.-Ing. Herbert Kienzle, Dr.-Ing. Richard Ernst und Dr. Martin Fahnauer.

Aber das Unternehmen verfügte inzwischen über eine Eigendynamik und über ein Management, das in der Lage war, die Dinge weiterzutreiben. Geld-und Literzähler für Tankstellen, Parkuhren, Digitaldrucker wurden auf den Markt gebracht, die Fahrtschreiber, Taxameter und Betriebsdaten-Erfassungsgeräte wurden stetig verbessert und im Typenangebot erweitert; das Produktspektrum wuchs, die Belegschaft überschritt die Zahl der tausend, dann der zweitausend Mitarbeiter, sie wuchs und wuchs. In den 70er Jahren waren allein in Villingen und den Zweigbetrieben Oberndorf, Bonndorf, Mönchweiler, der Fachschule für Datenverarbeitung in Donaueschingen usw.über 5000 Mitarbeiter bei Kienzle, d. h. bei der Muttergesellschaft, beschäftigt. Weltweit arbeiteten bei der Zentrale, bei Niederlassungen, Servicestellen, Generalvertretungen und Exclusivhändlern mit Gebietsschutz über 20.000 Menschen für das Fabrikat Kienzle. Die Geschäftsführung und damit die Verantwortung für das Unternehmen lag damals bei Dipl.-Volkswirt Jochen Kienzle, Dipl.-Ing. Herbert Kienzle, Dr.-Ing. Richard Ernst und Dr. rer. pol. Martin Fahnauer zusammen.

Luftbild des Werks Prinz-Eugen-Straße.

Der Weg zur Elektronik

Immer wieder ist in Fach- und Tageszeitungen, seit Mitte der 60er Jahre bis in die Gegenwart, behauptet worden, der zeitweise Höhenflug der deutschen Computerindustrie gehe ausschließlich auf Heinz Nixdorf zurück. Die Leistungen dieser einzigartigen Unternehmerpersönlichkeit werden jedoch in keiner Weise geschmälert wenn man darauf hinweist, daß die Entwicklung zur „Mittleren Datentechnik“, in der die deutschen Computerhersteller über einen langen Zeitraum hinweg weltweit Trends setzten, in hohem Maße von Kienzle beeinflußt wurde. Schon zu einer Zeit, als in Villingen das elektromechanische Büromaschinenprogramm ausgebaut wurde, machte man sich dort die ersten Gedanken wie es einmal weitergehen könnte, wenn die Halbleitertechnik, über die man auf einer USA-Reise erste Informationen erhielt, später zum Zuge

 

kommen sollte. Dazu heißt es in einem Memorandum aus dem Jahre 1971: „Ab 1954 wurde durch Initiative des Herrn Polzin von dem (Anm.: leider früh verstorbenen) Diplom-Physiker Martens ein erstes Programm für eine elektronische Rechenmaschine entworfen und in Berlin-Zehlendorf wurde ein einfachst-funktionierendes Modell hergestellt . . . Zur Weiterentwicklung zog diese Abteilung später nach München, wo zunächst als ‚Abfallprodukte‘ elektronische Bestandsvorträge (über auf den Kontenblättern angebrachten Magnetstreifen) und Oszillographen anfielen. Auch wurde bald die Entwicklung eines elektronisch gesteuerten ‚Gruppendruckwerks‘ (Anm.: Gemeint ist wohl der später sehr erfolgreiche Blockdrucker) in Angriff genommen, an dem der später tödlich verunglückte Ing. Schellig arbeitete, ohne jedoch zu diesem frühen Zeitpunkt die ganze positive Tragweite der Idee überschauen zu können.“

Kooperationspläne

Die Entwicklung der Kienzle Elektronik und des von dem Physikstudenten Heinz Nixdorf in Paderborn gegründeten „Labors für Impulstechnik“ verliefen – zunächst unabhängig voneinander und am Anfang zum Vorteil von Kienzle mit sehr unterschiedlicher Dynamik. Während Kienzle einen rasanten Aufschwung durch die Buchungsmaschinen-Konjunktur erlebte und durch eine günstige Ertragslage die Elektronik-Forschung ohne große Schwierigkeiten finanzieren konnte, bestand das Paderborner Labor 1955, also ein Jahr nachdem im Münchner Kienzle-Ingenieurbüro bereits die Grundsatzentscheidungen für Magnetkontencomputer gefallen waren, aus sechs Mitarbeitern und war überwiegend auf die Aufträge der Kölner Exacta / Bull-Gruppe angewiesen. (S. dazu die Nixdorf-Biographie „Eine deutsche Karriere“, 5.40). Kienzle zeigte sich in dieser Zeit flexibel und kooperationsbereit und prüfte systematisch und vorbehaltlos fortschrittliche Ideen Außenstehender, wobei erste Gespräche mit Heinz Nixdorf im Jahre 1963 offensichtlich die besten Aussichten eröffneten.

Dazu der ehem. techn. Geschäftsführer Dr.-Ing. Richard Ernst: „Nach ersten Kontakten auf der Hannover-Messe besuchte Nixdorf am 22. 11. 1963 Villingen – der Tag ist allen Beteiligten in Erinnerung, weil er der Todestag von J. F. Kennedy wurde – und erklärte seine Bereitschaft, mit und für Kienzle zu arbeiten. Als Endziel schwebte ihm vor, der einzige Elektronik-Entwickler für die deutsche Büromaschinen-Industrie zu werden.“

Zwei Wochen später bereits präsentierten die Kienzle-Ingenieure das Lastenheft für die Saldovortrags-Elektronik und Nixdorf sagte zu, nach fünf bis sechs Monaten den Prototyp zu liefern. Während der Hannover-Messe 1964 bietet Nixdorf Kienzle sein Werk zum Kauf an, stößt auf fundiertes Interesse und diskutiert mit der Kienzle-Geschäftsführung bereits am 12. 6. 1964 in Villingen einen Vertragsentwurf. Vermutlich unter dem Eindruck anderweitig eröffneter Perspektiven wird Heinz Nixdorf aber wieder schwankend und weicht auf Modifizierungen und Teillösungen aus; offensichtlich, weil sich ein näheres Zusammenrücken mit dem Buchungsmaschinenhersteller Wanderer in Köln inzwischen angebahnt hatte. Parallel zu dem Auf und Ab der Verhandlungen zwischen Kienzle und Nixdorf, bei der auch einmal die Gründung einer gemeinsamen Vertriebsgesellschaft und die Beteiligung Kienzles an der Nixdorf-Gesellschaft vor der Realisierung standen, schritten die gemeinsamen Entwicklungsarbeiten voran, wobei Verzögerungen offenbar deshalb unvermeidlich waren, weil immer neue technologische Erkenntnisse zu Konzeptänderungen führten, aber auch weil Nixdorf sich stark für andere Auftraggeber engagierte. Im April / Mai 1965 ist Heinz Nixdorf an einer 15prozentigen Kapitalbeteiligung an der Kienzle Apparate GmbH interessiert.

 

In den 60er Jahren drehte der Regisseur Helmut Käutner mit Sonja Ziemann den Spielfilm „Der Traum von Lieschen Müller‘: Eine tragende Rolle spielte dabei ein Kienzle-Buchungsautomat der Klasse 200.

 

Der Versuch der Konkretisierung scheitert jedoch nicht zuletzt daran, daß Nixdorf auch anderweitige Verpflichtungen eingegangen war, die zwangsläufig zu Interessenkonflikten führten. In den Jahren 1965 / 66 leistete allein die Kienzle-Abteilung Produktplanung in Paderborn 16.000 Arbeitsstunden, wobei die Nixdorf-Entwickler in das Wesen elektromechanischer Techniken einschließlich Druckausgabe, Tastatur- und Formulartechnik eingeweiht wurden, während die Kienzle-Ingenieure sich in die elektronische Speicher- und Rechnertechnologie einarbeiteten. Vor allem war für den jungen und schnell gewachsenen Nixdorf-Betrieb die mustergültige Fertigungs und Vertriebsorganisation von Kienzle von Interesse. Ein konkretes Ergebnis der Zusammenarbeit Kienzle-Nixdorf blieb der Computer Kienzle System 800, ein vom Produktimage her typischer Kienzle-Automat mit Kienzle-Mechanik und Nixdorf-Elektronik und gemeinsam erstellten Schnittstellen. Er wurde als Modell 3800 als Buchungsautomat mit elektronischer Multiplikation, als Modell 2800 als Buchungsautomat mit elektronischen Bestandsvorträgen eingesetzt und wurde als Modell 4800, d. h. als Synthese beider Grundmodelle, schließlich zum ersten Kienzle-Magnetkonten-Computer. Die Kienzle-Interessen in Paderborn wurden in dieser Phase vor allem von einem jungen Mitarbeiter namens Klaus Luft wahrgenommen, der später von Heinz Nixdorf engagiert und zu seinem Nachfolger aufgebaut wurde.

Mittlerweile hatte Kienzle ganz unabhängig von Dritten sein Konzept „6000“ forciert, das mit seinem damals einzigartigen Blockdrucker und dem ebenso beispiellosen Formular-Handling in den 70er Jahren ein großer Markterfolg wurde und weltweit als Spitzenprodukt der „Mittleren Datentechnik“ dastand. Die Wanderer-Werke, Köln, zunehmend von Nixdorf-Entwicklungen abhängig und seit ihrer Gründung immer mit dem Problem der Kapitalbeschaffung kämpfend, standen dagegen 1967 zum Verkauf an. Heinz Nixdorf realisierte eine früher erworbene Option und erreichte durch die Wanderer-Übernahme schlagartig sein lange verfolgtes Ziel einer funktionierenden Vertriebsorganisation.

Es erfolgte die Gründung der Nixdorf Computer AG und die beiden Unternehmen – Kienzle und Nixdorf – die jahrelang eine gemeinsame Zukunft diskutiert hatten, gingen nun endgültig getrennte Wege.

Die mittlere Datentechnik

Der Magnetkonten-Computer Kienzle 6000 wurde ab 1970 in wachsenden Stückzahlen ausgeliefert. Man hat es in Villingen verstanden, die solide Vertriebsorganisation, die der ehemalige Wanderer-Manager Karl Hueg in den 50er Jahren aufgebaut hatte, rechtzeitig auf die Notwendigkeiten des Computer-Hardware- und Software-Vertriebs umzustellen. Die Bundesrepublik und Westeuropa wurden von einem Netz von Niederlassungen und Generalvertretungen überspannt, die in der Regel als „Kienzle Datensysteme GmbH“ (KDS) firmierten. Verantwortlich für die Entwicklung des Systems 6000 war der Entwicklungsausschuß Büromaschinen (EAB). Unter Einbeziehung der vom Markt abgeleiteten Forderungen wurde das Rechnersystem kontinuierlich weiterentwickelt, leistungsfähiger gemacht, mit der Anschlußmöglichkeit zahlreicher Peripheriegeräte ausgestattet, was zu einem echten EDV-System unter Beibehaltung der Kontokarte führte, die zu diesem Zeitpunkt noch von einer Vielzahl der Anwender gewünscht wurde. Parallel zur Vermarktung von „MDT-Compu tern“ lief damals eine Public-Relations-Kampagne, die über den Industrie-Arbeitskreis Mittlere Datentechnik (Kienzle, Nixdorf, Triumph-Adler, Hohner, Anker, Philips) den MDT-Begriff systematisch verbreitete und sowohl an die Masse der potentiellen Anwender wie an die Meinungsbildner herantrug.

Der Magnetkonten-Computer Kienzle 6000 setzte internationale Maßstäbe auf dem Gebiet der Mittleren Datentechnik.

An fast allen deutschsprachigen Universitäten sowie an Wirtschafts- und Technischen Hochschulen wurden damals Vorlesungen und Seminare über MDT abgehalten; an den Universitäten Karlsruhe und Linz / Österreich wurden Lehrstühle für MDT eingerichtet, das Kölner BIFOA (Betriebswirtschaftliches Institut für Organisation und Automation), geleitet von den Professoren Szyperski und Grochla, verwendete einen Großteil seiner Kapazität auf das Thema MDT, und in vielen Fällen waren es Kienzle-Mitarbeiter, die in Seminaren, Vorträgen und Fachaufsätzen ihr MDT-Wissen darstellten.

Zu den jährlichen Deidesheimer Tagungen über MDT („Deidesheimer Kreis“) kamen jeweils mehr als 100 Fach- und Wirtschaftsjournalisten, um sich die Fachvorträge von Referenten anzuhören, die international erste politische und wissenschaftliche Adressen darstellten; u. a. hielt 1971 Helmut Kohl auf einem solchen Meeting den Einführungsvortrag. Es waren wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse, über die die gesamte deutsche und z. T. auch europäische Presse berichtete. Mittlere Datentechnik und Kienzle-Computer waren zu einer Identität, das deutsche Privatunternehmen war zum Motor und Trendsetter einer erfolgreichen Produktidee geworden. Die Kooperation im „Arbeitskreis Mittlere Datentechnik“ der deutschen Computerfirmen sah man damals sowohl in Markt- wie in Regierungskreisen, etwa im Bundesministerium für Forschung und Technologie, nicht ohne Wohlwollen, denn es war offensichtlich, daß die Leistungskraft der einzelnen deutschen Anbieter nicht ausreichen würde, um im Wettbewerb mit überseeischen Großkonzernen zu bestehen, und daß eine Bündelung der deutschen Interessen die langfristigen Überlebenschancen erheblich steigern würde.

Das rasante Innovationstempo der EDV-Technologie beschleunigte sich aber weiter und auch Kienzle war gezwungen, in rascher Folge neue Innovationssprünge zu vollziehen, um seine Marktanteile zu sichern: Es kamen zwei Fakturiermaschinen-Modelle auf den Markt, mit denen man an einem relativ kurzen Fakturier-maschinen-Boom partizipierte. Dann erwies sich das intelligente Bankenterminal 3000 als einzig richtiges Konzept, das eigentlich bis in die Gegenwart Bestand hat, und schließlich war es erforderlich, eine neue Magnetkonten-Computer-Familie herauszubringen (EFAS 2000), die kostengünstiger produzierbar und trotzdem modular ausbaufähig und wettbewerbsfähig sein sollte. Von diesem Typ wurden noch größere Stückzahlen ausgeliefert als vom „klassischen“ System 6000, das ein für allemal die Maßstäbe gesetzt hatte. Schließlich setzte ein Trend zu größeren Plattenspeichern und zur Bildschirmorientierung ein, der die MDT-Anbieter zur Konfrontation mit den Großrechner-Herstellern zwingen mußte. Das in diesem Sinne entwickelte System 6100 verschlang große Summen für die Hardware- und Anwender-Software-Entwicklung und faßte am Markt erst richtig Fuß, als es von dem Tandem Dr. Bindels, einem von Bull zu Kienzle gekommenen Vertriebs-Geschäftsführer, und dem Entwicklungschef Karlheinz Jauch restrukturiert wurde. Das so entstandene System 9000/ MTOS wurde zu einem der zuverlässigsten Systeme im mittleren Bereich und kam bis in die jüngste Vergangenheit über 30.000 mal zum Einsatz in fast allen Bereichen der Wirtschaft und Öffentlichen Verwaltung. Während hier also erfolgreich agiert und auch der baldige Übergang zu UNIX-Systemen vorbereitet wurde, war ein platten- und bildschirmorientiertes Einzelplatzsystem zu spät in den Vertrieb gelangt und geriet unter den Druck der sich schnell verstärkenden Personal-Computer-Welle. Erhebliche Aufwendungen waren vergeblich gewesen. Es waren die ersten massiven Anzeichen revolutionärer Strukturveränderungen im EDV-Markt, von denen kein traditionelles Computerunternehmen verschont bleiben sollte.

Der EC-Tachograph

Freilich darf nicht der Eindruck entstehen, als hätten sich bei Kienzle Apparate in den Wachstumsjahren die unternehmerischen Impulse ausschließlich auf den Bereich der Datensysteme konzentriert. Nach dem altersbedingten Ausscheiden von Direktor Paul Riegger, dem unbeirrbaren Kämpfer für die Idee des Fahrtschreibers, erfolgten bedeutende Weiterentwicklungen im Apparate-Bereich (Fahrtschreiber, Taxameter usw.). Als 1970 von der Europäischen Gemeinschaft ein Kontrollgerät für die Überwachung der Lenk- und Ruhezeiten im gewerblichen Güterund Personenverkehr vorgeschrieben wurde, erkannte man bei Kienzle Apparate die einmalige Chance, die sich hier dem Fahrtschreiber bot. Innerhalb kürzester Zeit gelang es Konstruktionschef Wilhelm Haupt und seiner Mannschaft ein Gerät zu entwickeln, das allen gesetzlichen Anforderungen entsprach.

Die neue Flachfahrtschreibergeneration von Mannesmann Kienzle FTCO 1319 mit automatischem Diagrammscheibeneinzug bedeutet eine bessere Integration des Gerätes in das Armaturenbrett.

 

 

Das Mannesmann-Kienzle-Werk auf der Sommertshauser Halde.

Da nun europaweit der Einbau des „EG-Kontrollgeräts“ anstand, galt es alle Vorbereitungen für einen Nachfrageschub zu treffen, für den es in der Vergangenheit der Kienzle Apparate GmbH kein Beispiel gab. Der Bau eines neuen Werks auf der Sommertshauser Halde in Villingen wurde geplant und in Rekordzeit in die Tat umgesetzt. Es ist nicht möglich, die Namen aller Mitarbeiter zu nennen, die sich bei der Verwirklichung dieses Großprojekts verdient gemacht haben. Kopf und Motor bei Planung und Durchführung waren jedoch zweifellos Dipl.-Ing. Herbert Kienzle und der Betriebsleiter Herbert Kleiser, der später zum Geschäftsführer für den Bereich Fertigung bestellt wurde und diese Position bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1993 innehatte. Mit dem Bau des neuen Apparatewerks, das später mehrfach noch erheblich erweitert wurde, entstand damals einer der modernsten feinwerktechnischen Betriebe in der Bundesrepublik. Bezüglich Materialfluß und Montagetechnik wurden dabei Maßstäbe gesetzt, die weit über die Grenzen des Landes hinaus in vielen Fällen Vorbildfunktion hatten.

Zweifellos gab es auch Synergie-Effekte und es sind auch die Erfahrungen aus dem Computerbereich in die „Apparate“ – Fahrtschreiber, Taxameter, Betriebsdatenerfassungsgeräte, Tankdatensysteme – und selbst in die Parksysteme eingeflossen. In zunehmendem Umfang wurden elektronische Bausteine in die Produkte integriert und erhöhten die Funktionsvielfalt. Der Tachograph wurde zum Datenerfassungsgerät, die Diagrammscheibe zum automatisch verarbeitungsfähigen Datenträger im Rahmen eines Fuhrpark-Management-Systems. Aus dem Kienzle-Taxameter, früher ein feinmechanisches Meisterwerk, wurde ein Taxi-Mikrocomputer und die Tankstellenautomation verlangte jetzt integrierte Systeme unter Verwendung von Kienzle-Computern.

 

Hervorstechende Merkmale des neuen Kienzle Taxameter / Wegstreckenzählers 1150 sind die äußerst kompakten Abmessungen im Radiofach-Format. Auch bei Fahrzeugen mit Beifahrer-Airbag gibt es keine Probleme.

Auch der seit langem gehegte und diskutierte Traum eines Unfalldatenspeichers reifte und bietet in der unmittelbaren Gegenwart ein weiteres Exempel für den Einfallsreichtum der Kienzle-Konstrukteure.

Und die Zukunft?

So ist diese geraffte Darstellung einer bewegten Unternehmensgeschichte in der Gegenwart angelangt. Der 1928 / 29 als Kienzle Taxameter und Apparate AG ausgegründete Zweigbetrieb von Kienzle Uhren – die längste Zeit als Kienzle Apparate GmbH firmierend – wurde nach 52 überwiegend erfolgreichen, wechselhaften Jahren 1981 von der Mannesmann AG übernommen, was damals sicherlich eine richtige Entscheidung der Eigentümer war: zu schnell mußten seit Beginn der elektronischen Revolution, deren Umlenkung in revolutionäre Bahnen auch äußerste Anstrengungen nicht vollziehen konnten, Innovationssprünge durchgeführt werden, die den Finanzierungsspielraum eines Familienunternehmens überforderten. Nachdem die schon einmal vor zwanzig Jahren getätigten Versuche einer Bündelung der deutschen Computeraktivitäten auch in den achtziger Jahren fehlschlugen, war die Separierung des EDV-Bereichs und dessen Übernahme durch die Digital Equipment Corporation ein verständlicher Schritt. Etwa zur gleichen Zeit schlug die Mannesmann AG ein neues Kapitel in ihrem Wandlungsprozeß zum Technologiekonzern auf, in dem sie die Fichtel & Sachs AG und VDO übernahm. Im Augenblick ist die empfindlichste Rezession der Nachkriegszeit sowohl im Kraftfahrzeug- wie im Computermarkt nicht so völlig überwunden, daß man von einer Konsolidierung sprechen könnte. Mit gespanntem Interesse wird der weitere Verlauf der Dinge nicht nur in Villingen- Schwenningen beobachtet.