Guller-Figuren einmal anders … (Gerhard Hirt)

Wenn von Guller-Figuren die Rede ist, weiß der Insider, daß damit Krippenfiguren gemeint sind, die der Villinger Dominikus Ummenhofer (1805 1856)* geschaffen hat. Dominikus war, so schrieb der ehemalige Villinger Hafnermeister und spätere Professor Karl Kornhas (Gewerbeschule Karlsruhe), im Jahrbuch 1926 der „Badischen Heimat“, eine echte Künstlernatur. „Neben einer Menge kleiner und kleinster Figürchen aus der Hand von Dominikus Ummenhofer kennen wir auch größere Arbeiten in gebranntem Ton, meist biblischen Charakters, die sich teils in der Städtischen Sammlung, teils in Privatbesitz befinden.“ Interessant ist auch das, was Kornhas über die Herstellung von Tonfiguren geschrieben hat: „Der bildsame, eisenschüssige Ton, der da und dort zutage tritt oder gegraben wird, war der „Werkstoff‘. Das freie Modellieren – Gipsformen kannte man kaum – bot große Hindernisse, weil der weiche Ton freistehende Figürchen, Arme und Beine nicht zuließ. Es mußte also eine Art Drahtgerüst eingeschoben werden, eine Arbeit, die großes Geschick und technische Erfahrung voraussetzte. Um ungehindert modellieren und später malen zu können, setzte man die Figürchen durch in den Fuß gebohrte Löcher auf Holzstäbchen, nahm diese in die Linke, während die Rechte modellierte, beziehungsweise malte. Nach dem Trocknen der Gegenstände wurde in der Regel im Töpferofen gebrannt, und, wo dieser nicht erreichbar war, im Kochtopf über dem Herdfeuer. Die Folge dieser Brennweisen war, daß fast alle keramischen Härtegrade vom porösen, weichen bis zum hart gesinterten zu finden sind. Es gibt aber auch Figürchen, die noch kein Feuer gesehen haben und wie die Ziegelsteine des alten Babylon an der Sonne getrocknet wurden. Das alles deckte dann die schützende und erhaltende Decke der Öl- und Lackfarben zu, die durch Übung und künstlerisches Empfinden diese Malerei zu vorteilhaftester Wirkung steigern konnte.“

Nur wenig bekannt ist, daß Ummenhofer auch 14 Kreuzwegstationen für den „Gottesacker in St. Peter im Schwarzwald“ geschaffen hat. Aus der Pfarrchronik St. Peter entnehmen wir in diesem Zusammenhang:

„Als eines der letzten bedeutenden Beispiele volkstümlicher Hafner-Handwerkskunst gelten die Kreuzwegstationen des Villinger Hafners Dominik Ummenhofer auf dem Friedhof in St. Peter. Der aus keramischen Passionsfiguren bestehende Kreuzweg zählt zwar nicht zu den Schöpfungen der hohen Kunst, aber er wirkt auf seine Art, nämlich gemütsvoll und volkstümlich, anmutig und religiös-besinnlich.

Als Hauptinitiator des im Jahre 1853 geschaffenen Kreuzweges erscheint der damalige Vikar Stefan Wehrle, wobei offenbleibt, ob er für einen ungenannten Auftrag- und Geldgeber handelte. Er zahlte am 29. Mai 1853 an Dominik Ummenhofer („Guller“) in Villingen für 90 Kreuzweg-figuren einschließlich Transport nach St. Peter 81 Gulden. „Meister“ Ummenhofer, der meist aus Ton Krippenfiguren modellierte und brannte, lieferte für St. Peter 90 Vollplastiken von je etwa 30 cm Größe, darunter einige Pferde. Die von Hand geformten und zweimal gebrannten Plastiken waren alle bemalt.“

Der dortige Vikar Wehrle war es auch, der den Passionsfiguren ein besonderes Zuhause gab, nämlich in hölzernen Schaukästen in den Aufbauten der Friedhofsmauer.

 

III Station: Jesus fällt zum erstenmal unter dem Kreuz; VI. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Der Pfarrchronik von St. Peter entnimmt der Chronist weiter: „Nach dem ersten Weltkrieg kümmerte sich der kunstverständige Regens Dr. Ries umden durch die Witterungsverhältnisse stark beschädigten Kreuzweg. Anläßlich der Ende 1921 von Franziskanerpatres abgehaltenen Volksmission wurden die Stationen erneuert und frisch bemalt. Die Kosten für die damalige Renovation beliefen sich auf ungefähr 9000 Mark (beginnende Inflation). Aufgrund einer oberhirtlichen Genehmigung wurde der Kreuzweg am 9. Dezember 1921 durch Regens Dr. Ries eingesegnet.“ Der Zahn der Zeit hatte den Kleinplastiken auch in den Jahrzehnten danach unerbittlich zugesetzt. Daher barg man 1954 Figur um Figur und brachte sie zunächst auf den Speicherboden des Priesterseminars, um die später in mühevoller Arbeit, zuletzt in Karlsruhe, vom Zerfall bedrohten Figuren im alten Glanz erstehen zu lassen. Der technische Restaurator Klein, vom Amt für Denkmalpflege Karlsruhe, nahm damals die Figuren des Villinger Meisters unter seine Fittiche. Mit viel Geduld rückte er in monatelanger Arbeit den Plastiken zu Leibe. Im Frühjahr 1967 kehrten die Figuren aus Karlsruhe in die „Heimat“ zurück und wurden wieder in den erneuerten Kreuzwegstationen aufgestellt. Es war für St. Peter im Jubiläumsjahr 1993 (900 Jahre St. Peter) eine würdige Veranstaltung, als am Fest Kreuzerhöhung, am 14. September, dem Kreuzweg von Dominik Ummenhofer nach der erneuten Renovation die kirchliche Weihe erteilt wurde. Die nochmalige Renovation war notwendig geworden, weil die Figuren in den zurückliegenden Jahrzehnten durch die Witterungsverhältnisse wieder arg in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Figuren und die Holznischen mit den verglasten Rahmen waren stark beschädigt. Ein Neubürger von St. Peter, Gottfried Richter, war der Initiator zur Rettung des Kreuzweges. Zunächst hoffte man, mit einer Teilrestaurierung den Erhalt des Kreuzweges sichern zu können. Nach dem Ausräumen der Figuren aus den Stationen zeigte sich aber, daß man um eine totale Renovierung nicht herumkam. So übernahmen Gottfried Richter und engagierte Mitbürger die schwierige Aufgabe, die Restaurierung selbst vorzunehmen, nachdem staatliche Zuschüsse versagt blieben.

In monatelanger mühevoller und engagierter Arbeit wurden die 74 noch erhaltenen Figuren instandgesetzt und farblich neu gefaßt. Die dreiseitigen Landschafts- und Hintergrundmalereien in allen 14 Gehäusen wurden ebenfalls unentgeltlich ausgeführt. Dabei hat man beim Erneuem, den ursprünglichen Charakter weitestgehend erhalten.

VII. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Bei der durch eine Bläsergruppe musikalisch umrahmten Einweihungsfeier, an der auch eine Abordnung unseres Vereins teilnahm, unterstrich Bürgermeister Gottfried Rohrer die künstlerische Bedeutung des Kreuzweges. Dabei lobte er in besonderer Weise die Renovierung durch engagierte Bürger, allen voran Gottfried Richter. Der erneuerte Kreuzweg stelle eine Bereicherung des Friedhofs dar und solle auch zum besinnlichen Beschauen hinführen.

Die gelungene Instandsetzung des Kreuzweges sei – so Bürgermeister Rohrer bei einem anschließenden Stehempfang – ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche Privatinitiative und ein kostbarer Beitrag zum Jubiläumsjahr, das insgesamt viele Energien freigesetzt habe. Schließlich sei das gemeinsame Werk auch ein Zeichen guter ökumenischer Zusammenarbeit.

Wer nun Gullerfiguren sehen möchte, findet diese nicht nur in der Weihnachtszeit als Krippenfiguren, sondern auch bei einem Besuch des Friedhofs in St. Peter, einem Kleinod im Schatten der dortigen Pfarrkirche.

Anmerkung:

* Guller = Übernamen (Spottnamen), weil Ummenhofer bei den damals aufgeführten Passionsspielen „krähen“ mußte. Er hat sich als Kirchenvogt eingehend mit der Herstellung von Krippenfiguren befaßt. Wegen seiner großen Popularität nannte man nach ihm alle alten Krippenfiguren „Gullerfiguren“, ob sie es waren oder auch nicht.