Die Warenburg (Hermann Preiser)

Es ist beinahe ein Unterfangen, über eine Burg zu schreiben, deren Anfänge im Dunkeln liegen, und die erst im Jahre 1325 in einem Rodel des Klosters Salem erwähnt wird, obwohl sie sehr früh entstanden sein muß. Aufgrund dieser Tatsache könnte man annehmen, daß die Villinger frühere Aufzeichnungen beseitigt haben, nachdem sie sowieso keine Burg in ihrer Nähe duldeten. Karl Siegfried Bader hat die Warenburg in seiner Schrift „Kirnberg, Zindelstein und Warenburg“ auch schon beleuchtet, und glaubt, daß es sich bei der Warenburg um eine Zähringer-Burg handelt, der die Aufgabe zufiel, das Brigachtal zu decken und gleichzeitig die Rolle des Marktes Villingen als herrschaftlichem Mittelpunkt zu ergänzen. Dem ist noch hinzu zu fügen, daß Märkte immer eine städtebildende Kraft hatten und der Bau der Stadt Villingen von der Burg aus überwacht wurde.

Die fränkische Zeit kannte noch keine Burgen und das Burgbau-Regal lag in den Händen des Kaisers, der widerrechtlich erbaute abreißen ließ. Später ging dieses Recht auf die Herzöge und Grafen über. Burgen wurden immer an strategisch wichtigen Punkten errichtet und gewannen später auch an wirtschaftlicher Bedeutung.

Im 12. und 13. Jahrhundert schossen die Burgen wie Pilze aus dem Boden, und der Zug von der Ebene auf die sicheren Höhen läßt sich genau verfolgen. So nannte sich ein Adliger 1112 „Cun-radus von Geisingen“ und derselbe urkundete 26 Jahre später als „Cunradus von Wartenberg“ 1). In einem zweiten Fall sehen wir, daß der 1152 genannte „Bertholdus von Engen“ in einer Urkunde vom Jahre 1171 als „Bertholdus von Hewen“ erscheint 2).

Bertold, der Marktgründer von Villingen, hatte die „Berta von Büren“ aus vorstaufischem Geschlecht zur Frau. Er stand in besonderer Gunst des Kaisers und wurde nach seiner Rückkehr aus Rom vom Kaiser mit einigen wichtigen Aufgaben betraut. Er starb 1005 und sein Sohn „Bezelin von Villingen“ trat wohl die Nachfolge seines Vaters an, und ihm ist wohl die Erbauung der Warenburg zuzuschreiben. Bezelin war viel unterwegs und hatte wohl zur Überwachung des Marktes und der Burg ein Gremium eingesetzt. In den Jahren 1015, 1019, 1021 erscheint Bezelin im Gefolge des Kaisers, und 1022 begleitete er denselben auf einer Heerfahrt nach Unteritalien und tritt dort zusammen mit Kanzler Dietrich und 2 italienischen Bischöfen bei einem Hofgericht als Urteilssprecher auf 3). Bezelin erhielt aufgrund seiner Verdienste die Grafschaft Ortenau und starb im Jahre 1024. Sein Sohn „Bertold mit dem Barte“ wird als Stammvater der Zähringer genannt. Ihm dürfte wohl die Erbauung der Warenburg nicht zuzuschreiben sein. Ihm wurde von Kaiser Heinrich II. das Herzogtum Schwaben versprochen, aber die Kaiserin-Witwe überging ihn und gab das Herzogtum dem Grafen von Rheinfelden. Wohl zum Trost erhielt er die Herzogswürde von Kärnten 4); aber nur dem Namen nach, welchen Titel die Zähringer bis zu ihrem Ende beibehielten. Vielleicht hängt dieser Titel damit zusammen, weil er in 2. Ehe die Tochter Mathilde des Herzogs Konrad II. von Kärnten ehelichte und die Mutter dieses Herzogs eine Tochter des Schwabenherzogs Hermann II. war. Wahrscheinlich sind durch diese Ehe die schwäbischen Besitzungen in die Hände der Zähringer gelangt 5).

Bertold I., Sohn Bertold II. dürfte mit der Erbauung der Warenburg nichts zu tun gehabt haben, denn er war zu sehr mit der Eroberung des Breisgaus und dem Bau der Burg Zähringen beschäftigt.

Die Warenburg stand am Ostende eines kleinen steppenartigen Höhenzugs, der sich östlich von Pfaffenweiler erhebt und sich über das Tannhörnle und Magdalenenberg bis zum Abfall in das Brigachtal hinzieht. Der ganze Höhenzug war, abgesehen von einigen Eichen und niederem Gestrüpp seitlich, kahl, und das Stück vom Warenberg bis zur heutigen Ruine wurde erst um 1840 aufgeforstet. Mit der Burg war die Herrschaft Warenburg verbunden, die das ganze Brigachtal mit den Dörfern Rietheim, Klengen, Überauchen und Grüningen umfaßte und umfangreichen Grundbesitz um die Burg herum und 4 Mühlen besaß 6), sowie ein Drittel des Kornzehnten zu Volkertsweiler und Sommertshausen. Die Burg hatte für damalige Zeit eine Größe, wie sie dem niederen Adel nicht zustand, und sie muß bald nach der Erhebung Villingens zum Marktort errichtet worden sein.

Die alte Burg muß aber schon sehr früh zerstört worden sein, vielleicht schon im „Villinger Krieg“, wie er im Fürstenberger Urkundenbuch genannt wird, wo sich die Grafen von Fürstenberg mit dem Grafen von Freiburg bekämpften, in welche Fehde auch Villingen einbezogen wurde, und wo Villingen ganz erheblicher Schaden zugefügt wurde ). Der Stadt Villingen konnte dies nur recht sein, denn sie duldete keine Burgen in ihrer nächsten Umgebung. Bei den 1892 erfolgten Grabungen wurden die Fundamente eines großen Gebäudes festgestellt. Auf dem Burgareal muß demnach ein Herrensitz gestanden haben, der in einer Urkunde als „Schloß“ bezeichnet wird. In einem Belagerungsbild von 1633 sind noch hohe Mauerreste zu sehen. Die ganze Burganlage nannte sich weiterhin Warenburg, nicht nur der alte Teil. Mit dem Übergang der Burganlage an Villingen 1526 ging auch die Warenburg an Österreich über, und die immer geldbedürftigen Herzöge verpfändeten die Burg, wegen seiner Kriegsdienste im Jahre 1336 für 400 Mark Silber dem Edlen Johann v. Thierberg und später an dessen Sohn 8).

Die Warenburg gelangte 1466 in den Besitz der Stadt, welche die Burg verfallen ließ. 1536 berichtet der Rat, daß die Burg nur noch ein alter Burgstall, ohne Dach und ein Haufen Stein sei 9). Die Stadt überließ 1556 zur Burg gehörende Güter dem Armenspital, welches darauf einen Maierhof erbaute, der 1633 beim Herannahen des Feindes abgebrochen wurde, um diesem keinen Unterschlupf zu gewähren.

Das Niedergericht (das hohe hatten die Fürsten-berger) blieb noch lange bei Villingen. Wie wir aus den Quellen ersehen, wurde noch im 16. Jahrhundert zweimal im Jahre im Namen des Hauses Österreich in Anwesenheit eines Obervogts und Gerichtsschreibers, eines Knechts und eines Pfarrers und einer Menge Volk Gericht gehalten. Nach altem Brauch wurde anschließend jedesmal von der Stadt zu Gast geladen, was der Stadt für Speis und Trank acht und mehr Gulden kostete.

 

Bild 1: Die Warenburg im 17. Jahrhundert. Aus Paul Revellio „Aus der Geschichte der Baar im Mittelalter“, Verlag M. Link, Schwenningen a. N.

 

Bild 2: Wappen von dem früheren Gutshof auf dem Areal der Warenburg. Das Haus wurde 1633 beim Herannahen des Feindes vor der Belagerung abgebrochen. Das Wappenschild wurde gerettet und ist heute an dem Haus des ehemaligen Gasthofes Ott in der Färberstraße angebracht.

Im Jahre 1892 wurden auf der Warenburg Ausgrabungen vorgenommen, um eine Übersicht über die Ausdehnung der Burganlage zu gewinnen. Darüber wurde wie folgt berichtet:

Warenburg 16. 8. 1892

Villingen, 13. Aug. „Gegenwärtig werden Ausgrabungen im benachbarten Läuble veranstaltet, die ein interessantes Ergebnis liefern. Was seither nur als Erdwall, Schutt und Rasenhügel erschien, zeigt sich als Überrest einer ansehnlichen mittelalterlichen Burg, der Warenburg, deren Grundplan sich nun feststellen läßt. Das Ganze umschloß ein ziemlich fester Graben mit einer Umfassungsmauer im Geviert von 58 Meter Länge einer Seite. Diese Mauer ist durch eine Erdschicht von 1 – 2 Meter bedeckt. Alle vier Enden sind bloßgelegt. Im südöstlichen Winkel erhebt sich der Unterbau eines Geviertthurmes bis auf 6 Meter Höhe. Die Breite einer äußeren Seite dieses Thurmes beträgt 10 Meter, die einer inneren nahezu 3 1/2 Meter, die Dicke der Mauern etwas über 2 1/2 Meter. Von den beiden westlichen Enden des Thurmes ziehen zwei Mauern parallel mit der südlichen Umfassungsmauer und treffen etwa in der Mitte auf eine starke Quermauer, die von der südlichen bis zur nördlichen Umfassungsmauer reicht. An ihrem südlichen Endpunkte fanden sich in einer Tiefe von 1 – 2 Meter viele Ziegelstücke, Bausteine, einzelne Eisennägel, Scherben von zierlichen Tongefäßen, Stücke von grünglasierten Ofenkacheln mit zierlichen Ornamenten, wie Landesknechten, weiblichen Figuren etc. Diese Kacheln gehören dem 16. Jahrhundert an (vom Maierhof). Die Schutthügel auf der westlichen und auf der östlichen Seite sind noch nicht untersucht, rühren aber offenbar von größeren Gebäuden her. Die Warenburg, gehört zu unseren ältesten Burgen, sie geht bis in das 12. Jahrhundert zurück, also in die Zeit der Herzöge von Zähringen, der Herren von Villingen (ausgestorben 1218). Zu der Burg gehören die Dörfer im Brigachtal bis Grüningen. Im Jahre 1466 wurde sie von Österreich an die Stadt Villingen verkauft, die sie sammt den umliegenden Feldern 1472 dem Spitale zur Nutznießung überließ. Da die Städte bekanntlich Burgen in ihrer Nähe nicht gerne sahen, so ließ man die Warenburg als Feste verfallen, das Spital unterhielt einen Maierhof mit Vieh daselbst. Als es im Januar 1633 hieß, der schwedische General Horn ziehe heran gegen Villingen, steckte die Besatzung der Stadt unter Oberst Aescher den Hof sammt seinen großen Vorräthen an Futter und Früchten in Brand. Seither diente das Ganze als Steinbruch. Vor ungefähr 50 Jahren wurde das Gelände mit Tannenwald bepflanzt. Wünschenswerth ist nun noch die Ausräumung des Thurminneren und die Untersuchung der größeren

Bild 3: Westliche Umfassungsmauer der Warenburg Bild 4: Mauern im Innern der Ruine Warenberg bei Villingen (1985).

Schutthügel, was mit ganz geringen Kosten sich ausführen ließen. Jedenfalls verdient das merkwürdige Bauwerk, das durch eine bequeme Weganlage zugänglich gemacht wird, einen Besuch.“

Die freigelegten Teile der Ruine sind längst überwuchert; auch vom noch ca. 6 Meter aufragenden Turm-Rest ist nichts mehr zu sehen. Lediglich auf der Westseite ragt die Umfassungsmauer noch ca. 3/4 Meter empor.

Um das genaue Alter der Burganlage festzustellen, wäre ein tiefer Einschnitt durch die Ruine notwendig, um evtl. Holzteile zu finden, aufgrund deren man das Alter dendrochronologisch bestimmen kann. In den letzten hundert Jahren wurde die Ruine zum Tummelplatz der Villinger Buben, die sich einen Spaß daraus machten, Mauersteine loszubrechen und in den Graben hinunterkullern zu lassen.

Wenn schon im Moment an die ganz Freilegung der Ruine nicht zu denken ist, sollte man auf alle Fälle die Reste der freiliegenden Mauer durch geeignete Maßnahme vor dem witterungsbedingten Verfall schützen, und es wäre Aufgabe des Forstamtes, rings um die Ruine einen gut begehbaren Weg anzulegen und das hochgewachsene Gestrüpp zu entfernen, denn immerhin bildet die Ruine ein Relikt vom ältesten Bauwerk Villingens.

Die Herkunft des Namens Warenburg oder Warenberg ist unbekannt. Nachdem aber im Norden so viele Villinger Denare gefunden wurden, darf man annehmen, daß der Markt Villingen stark vom Fernhandel berührt wurde. Die Fernkaufleute waren vom Frühjahr bis in den späten Herbst unterwegs, und im Winter suchten sie einen festen Platz und deponierten ihre Waren an sicheren Plätzen. Zum Teil auch auf Burgen. Vielleicht könnte dieser Name so entstanden sein, denn im Mittelhochdeutschen Wörterbuch heißt „ware“ Kaufmannsgut.

Anmerkungen:

1) Baumann, Freiherren v. Wartenberg in FDA II, S. 149.

2) Oberbad. Geschlechterbuch II, S. 59.

3) Heyck, Herzöge v. Zähringen, S. 10 und 15.

4) Ebenda S. 27.

5) Ebenda S. 92.

6) Stadtarchiv Villingen, Inventar 1, S. 104.

7) Fürstenb. Urk. B., VS., S. 349.

8) Villingen, Inventar I, S. 118.

9) Beyerle, Stadtrechte, S. 5.

10) Schleicher, Villingen unter d. Grafen v. Fürstenberg.