Der Beitrag der Wirtschaft zum Wiederaufbau der Stadt Villinge nach dem 2. Weltkrieg (Dr. Rudolf Kubach)

Villingen war nach dem 2. Weltkrieg eine Stadt mit ca. 17.500 Einwohnern, nicht allzu schwer von unmittelbaren Kriegsschäden betroffen, aber wirtschaftlich ausgelaugt und von französischen Besatzungstruppen völlig beherrscht. Die Bevölkerung hatte bei aller Freude über das Kampfende drückende Alltagssorgen. Lebensmittelkarten, Bezugsscheine, laissez-passer ), Hamstern, Schwarzer Markt, bon de déblocage ), Entnazifizierung, Requisition: Das waren einige der damals geläufigen Vokabeln, die das Leben der Menschen bestimmten. Die oft bretterverhangenen Auslagen der Einzelhandelsgeschäfte mit ihren leeren Regalen waren geradezu ein Sinnbild des Mangels dieser Zeit.

Die Industriebetriebe der Stadt standen zunächst vor dem Nichts. Jegliche Produktion und jede Warenbewegung bedurften der Genehmigung einer militärischen Dienststelle. Eine Lieferung nach Stuttgart in die amerikanische Zone war nach einem umständlichen Interzonenhandelsverfahren abzuwickeln, und der früher so bedeutsame Export war ausschließlich Sache des „Oficomex“ 3). Mit kümmerlichen Materialbeständen aus Rüstungsaufträgen wurden Feuerzeuge, Kochtöpfe, Spielzeug und alle möglichen primitiven Gebrauchsgegenstände produziert, nur um die Werkstätten vor dem Verfall zu retten und den Mitarbeitern eine Existenzmöglichkeit zu bieten. Der schwerste Schlag waren aber erst die Demontagen und die drei rigoros durchgeführten Maschinenbeschlagnahmeaktionen der Jahre 1946 bis 1948. Dies traf vor allem die metallverarbeitende Industrie der Stadt, die wie alle derartigen deutschen Unternehmen während des Krieges für die Rüstung eingespannt war. Da gerade die modernen Maschinen beschlagnahmt wurden, kann man davon ausgehen, daß die Betriebe damit weit über die Hälfte ihrer Produktionskapazität verloren haben. Diese Verluste machten der hiesigen Industrie beim Wiederaufbau im Wettbewerb mit ihrer Konkurrenz in den übrigen Besatzungszonen noch auf Jahre hinaus zu schaffen.

Einen grundlegenden Wandel dieser ziemlich trostlosen Situation brachte die Währungsreform am 21. Juni 1948 und als zweite Initialzündung bewährte sich auch der seit 1948 wirksame Marshall-Plan mit seinen ERP-Krediten. Mit der D-Mark als solider Basis, dem allmählichen Abbau des Besatzungsregimes entsprechend der erstarkenden Eigenstaatlichkeit der Bundesrepublik (1949), mit der Ablösung der gelenkten Wirtschaft durch das Prinzip der freien Weltwirtschaft, mit der Schaffung erster echter Exportmöglichkeiten, vor allem aber Dank dem unbändigen Lebens- und Leistungswillen der gesamten Bevölkerung konnte der eingerostete Wirtschaftsmechanismus zunächst zwar etwas holprig, dann aber immer flotter wieder in Gang gebracht werden. Die Einwohnerzahl Villingens verdoppelte sich in den darauf folgenden zwei Jahrzehnten. 1968 registrierte die Stadt 36.200 ansässige Bürger. Dieser stetige steile Anstieg der Bevölkerungszahl hatte zwangsläufig eine gewaltige Flächenausdehnung der Stadt zur Folge: Notwendig wurde eine großräumige Erschließung weiterer Bebauungsflächen und das Anlegen ganzer neuer Stadtviertel. Das bewohnte Stadtgebiet wuchs von 1946 bis 1968 von 223 ha auf 568. 1950 gab es in Villingen rund 4.700 Wohnungen, 1969 etwa 11.500.

Nach der Volks- und Berufszählung von 1961 waren von den damals rund 32.000 Einwohnern 16.700 erwerbstätig. Darunter waren 10.500 = 63 % im Produzierenden Gewerbe 2.600 = 15 % in Handels- und Verkehrsbetrieben 322 = 2 % in Land- und Forstwirtschaft 3.300 = 20 % in Dienstleistungsberufen.

Da zu diesen Zahlen die Pendler (rund 4.500) hinzugerechnet werden müssen, die zum überwiegenden Teil in der Industrie beschäftigt waren, wird das Bild von der Arbeitsintensität Villingens noch deutlicher. Wichtigste Existenzgrundlage der Stadt Villingen und ihrer Bevölkerung war damals wie heute die Industrie. Schwerpunkte bildeten die Uhrenindustrie, die Feinmechanik, die Elektrotechnik, die Rundfunk- und Fernsehindustrie, der Maschinen- und Apparatebau, Gießereien sowie die Kunststoffindustrie. Im Laufe der Nachkriegsjahre ergaben sich dann gewisse Veränderungen in der industriellen Struktur: Die Elektronik sowie Meß- und Regeltechnik traten immer deutlicher in den Vordergrund, während zwei Textilfabriken, Sägewerke und holzverarbeitende Betriebe sowie kleinere Hausbrauereien verschwanden. Die Zahl der in der Industrie Villingens Beschäftigten stieg von einigen wenigen Tausend vor der Währungsreform in zwei Jahrzehnten auf 12.000. Während vor 1948 die Unterbringung der heimkehrenden Soldaten und der Flüchtlinge aus den Ostgebieten große Schwierigkeiten bereitete, waren im Jahre 1969 über 3.000 Gastarbeiter hier beschäftigt. Eine Reihe von beachtlichen Neu- und Erweiterungsbauten an den alten und an neuen Standorten beweist das gesunde Wachstum in diesen beiden Dekaden. Die annähernd 50 Villinger Industriebetriebe mit mehr als 10 Beschäftigten entsprachen damals in etwa der Industriestruktur Baden-Württembergs: 1969 beschäftigen nur drei Betriebe mehr als 1.000 Mitarbeiter, zehn zwischen 100 und 1.000. Der Exportanteil lag annähernd bei 30 %. Firmen wie Kienzle Apparate GmbH (3.300 Beschäftigte) oder SABA (2.700 Beschäftigte) waren große, gesunde und expandierende Unternehmen mit einem internationalen Beziehungsgeflecht. Den überwiegenden Anteil der Industrie Villingens nahmen jedoch typische Familienbetriebe ein.

Was den Handel anbelangt, so füllten sich schon bald nach der Währungsreform die Regale der Ladengeschäfte wieder mit Waren, aber der konventionelle Einzelhandel mußte sich schnell damit vertraut machen, daß der bisherige Verkäufermarkt inzwischen zum Käufermarkt wurde, und daß er sich mit neuen Vertriebsformen (Selbstbedienung, Discount, Supermarkt, Großfilialunternehmen) auseinandersetzen mußte. Mit der stark aufkommenden Motorisierung ergaben sich Schwierigkeiten mit Parkplätzen und dem innerstädtischen Verkehr. Zwar brachte der Bau der Umgehungsstraße im Jahr 1965, der die B 33 um die Stadt herumführte, für den Fernverkehr Erleichterung, aber die Frage des innerstädtischen Verkehrs war damit nicht endgültig gelöst. Die wachsende Einwohnerzahl und das immer breitere Warenangebot führten zwangsläufig zu einer Ausweitung der Verkaufsflächen. 1969 waren rund 120 handelsgerichtlich eingetragene Einzelhandelsfirmen und eine wahrscheinlich ebenso große Zahl kleinerer Betriebe in Villingen ansässig. Auch beim Einzelhandel ergab sich als Folge der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit einige Strukturprobleme: Die ersten Warenhäuser und Handelsketten tauchten auf und vor allem der Lebensmitteleinzelhandel wurde zu einem erheblichen Teil von Großfilialunternehmen übernommen, die ihre Verkaufsflächen verstärkt auch am Stadtrand mit ausreichenden Parkmöglichkeiten etablierten. Die Erhaltung des historischen Stadtbildes als Einkaufs-und Dienstleistungszentrum wurde bald zu einem wichtigen Anliegen.

Das Handwerk, einstmals die breiteste Basis des städtischen Wirtschaftslebens, hatte nach der Handwerkerzählung von 1963 370 Betriebe mit rund 3.300 Beschäftigten. Eine eher bescheidene Rolle spielte der Fremdenverkehr mit seinen zwei Sanatorien und einigen Beherbergungsbetrieben. Parallel zum Wirtschaftsaufschwung wuchs dagegen Zahl und Bedeutung der freien Berufe sowie des Dienstleistungsgewerbes. Bei letzterem verzeichneten vor allem Geldinstitute und Verkehrsbetriebe ein vergleichsweise hohes Wachstum.

Angesichts der etwas schwierigen topographischen Lage Villingens waren Verbesserungen in der Verkehrsanbindung an die überregionalen Magistralen von entscheidender Bedeutung. Der allmähliche Ausbau der B 27, B 31 und B 33 ermöglichte einen schnelleren Anschluß an die Autobahnen in Stuttgart und ins Rheintal. Die Bemühungen um eine möglichst westliche Trasse der Autobahn Stuttgart – Westlicher Bodensee waren mit der Fertigstellung 1978 von Erfolg gekrönt. Mit dem kontinuierlichen Ausbau der Bundesstraße Freiburg Ulm erreichte Villingen eine verbesserte, aber noch immer unzureichende Anbindung in West-Ost-Richtung. Wachstumsfördernd erwies sich auch die Elektrifizierung der Schwarzwaldbahn von Offenburg über Villingen-Schwenningen nach Konstanz sowie der Gäubahn von Stuttgart über Rottweil in die Schweiz. Der Regionalverkehr profitierte vom kontinuierlichen Ausbau des Flughafens Donaueschingen.

Vieles wurde also bewegt nach dem Krieg. Der stetigen Aufwärtsentwicklung folgten aber die wirtschaftlichen Krisenzeiten Mitte der 70er Jahre und Anfang der 80er Jahre mit dem Wegfall zahlreicher Arbeitsplätze vor allem in der Uhrenindustrie und der Unterhaltungselektronik. Sie trafen nun das 1972 durch die Vereinigung mit der Stadt Schwenningen neu gebildete Oberzentrum Villingen- Schwenningen. Die danach eingetretene Stabilisierung und in Teilen positive Entwicklung unterbrach nachhaltig der wirtschaftliche Einbruch 1992 / 1993. Die Stadt, ihre Industrie, die Handels- und Dienstleistungsunternehmen sowie die in Villingen-Schwenningen arbeitenden und lebenden Menschen standen nun vor einer erneuten schweren Herausforderung, die sich in der Restrukturierung großer Unternehmen besonders niederschlägt. Dennoch: Villingen- Schwenningen wird auch diese Umbruchsphase meistern. Dazu gibt es ermutigende Ansätze. Und schließlich besteht noch die Hoffnung, daß aus der Geschichte dieser Stadt heraus die gegenwärtigen Probleme gelöst werden können. Dafür sprechen die historischen Leistungen der Wirtschaft und der in Villingen-Schwenningen lebenden Menschen.

Anmerkungen

1) Passierschein.

2) Freigabeschein zum Beziehen von gewerblichen Waren.

3) Außenhandelsbüro der französischen Besatzungsmacht.