Joseph Victor von Scheffel in Rietheim (Hermann Preiser)

Rietheim, seit 1972 ein VS-Stadtteil, feierte in diesem Jahr sein 900-jähriges Bestehen, wie andere Gemeinden bei Villingen, die ebenfalls vor 900 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurden (u. a. Neuhausen, Schabenhausen und Erdmannsweiler).

Das Stadtarchiv erstellte aus diesem Anlaß eine Jubiläumsschrift, die sich ausführlich mit der Rietheimer Ortsgeschichte befaßt. Wir wollen uns deshalb darauf beschränken, einen originellen Beitrag unseres Ehrenmitglieds Hermann Preiser zu veröffentlichen. Joseph Victor von Scheffel war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts Bibliothekar an der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen.

Joseph Victor von Scheffel 1826 – 1886

In seiner Zeit sehr bekannter Schriftsteller und Lyriker. Noch heute kennt man seine Gedichte „Alt-Heidelberg Du Feine“ und „Wohl auf die Luft geht frisch und rein“ sowie Kneip- und Studentenlieder wie „Gaudeamus igitur“, das Versepos „Der Trompeter von Säckingen“ und den Roman „Ecke-hart“, der um den Hohentwiel herum spielt.

In der Wirtsstube des „Löwen“ zu Rietheim, wo Scheffel den guten Glottertäler trank, hing eine Tafel mit folgendem Gedicht Scheffels:

„Rietheim im Iöwen 21. Juni 1881 am längsten Tag.

Gott geb allen Menschen ein Streben nach Wahrheit.

Dann bleibt auch dem Weine die Echtheit und Klarheit.

Gott sende des Sonnenlichts sonnigsten Strahl

Den Reben im Glottertal.

So sprachen im Löwen zu Rietheim die Gäste.

Sie probten vom alten Rest noch das Beste.

So schmeichelnd der Alte auch ihnen mocht frommen:

Notwendig wird es – ein Neuer muß kommen.

Im Namen der Anwesenden: J. Victor von Scheffel“

Der damalige Löwenwirt war ein Original und hatte wegen dieser Eigenschaft und seinem guten „Glottertäler“ vielen Zuspruch von Herren aus Villingen, Dürrheim und Donaueschingen. Auf einem Ausflug nach Villingen, den Scheffel gemeinsam mit einigen Honorationen von Dürr-heim aus, wo er zur Kur weilte, machte, kam er zum erstenmal in den Löwen zu Rietheim. Einer der Herren, der dabei war, schilderte den Vorgang folgendermaßen: Scheffel hatte, während die obri-gen Teilnehmer des Ausflugs in Villingen ihre Besorgungen machten, die kleine, aber hochinteressante städtische Sammlung besucht und kam befriedigt und in guter Stimmung ins Museum, wo er von einigen Villinger Herren begrüßt wurde. (Museum wurde auch das Villinger Gasthaus z. Falken genannt, weil es das Vereinslokal der Villinger Museumsgesellschaft war. Der Falken war damals das erste Gasthaus Villingens.) Bei der Rückfahrt wurde der Gesellschaftswagen in Marbach angehalten, um einen Spaziergang nach Rietheim zu machen. Die Gesellschaft kehrte dann beim alten Hirt im Löwen ein und trank dessen vortrefflichen „Glottertäler“ und „Suggentäler“. Als gewiegter Weinkenner schilderte der alte Löwenwirt unserem Scheffel, während dieser die beiden Weine kostete, die Eigenschaften derselben in sachverständiger Weise und sagte unter anderem, daß der eine trotz seiner verschiedenen Vorzüge nicht so zu schmeicheln vermöge, wie der andere. Man sprach über die Aussichten des kommenden Herbstes und die Notwendigkeit, daß die Zukunft wieder bessere Weine bringe. Hirt ließ einfließen, daß er wegen seines Weinbedarfes bereits an einen Weinbergbesitzer im Glottertal geschrieben habe, wenn die Herren nichts dagegen hätten, wolle er den Brief vorlesen, und so teilte er der Gesellschaft folgende poetische Epistel mit, die er trotz deren Mängel und Schwächen schon deshalb mitteilte, weil sie zu dem anfangs genannten Gedicht Scheffels den Schlüssel gibt.

Das Original lautet:

„Mein lieber Georg, wie stehts in Deinen Reben,

Was denkst Du wohl von diesem Jahr?

Glaubst du, es könnt was rechtes geben,

Ist noch die Absicht in Gefahr?

Wie sich der Hirsch nach frischer Quelle,

So sehn‘ ich mich nach gutem Wein.

Und wär der Preis auch etwas grelle,

Das wird für mich ein kleines sein.

Ich hör, die Reben stehen herrlich,

Dies macht ja Freud und Herzenslust.

Dann trinken wir ihn nicht so spärlich,

Den reinen Wein für unsern Durst.

Dann werden wieder munter schallen,

Von allen Bergen überall,

Des Winzers Jubelschüsse knallen,

Hernieder froh in jedes Tal.

Und sollt ein Stärlein sich erfrechen,

Zu naschen an der süssen Frucht,

So sei vergeben sein Verbrechen,

Und treibt es nicht in wilde Flucht.

Auch diesen Armen wär’s Entbehren

der Götterfrucht ja gar nicht lieb.

Wie sehnsuchtsvoll ihr lauschen,

spähen. Bis man sie Jagd als Traubendieb.

Wie fröhlich werden alle flattern,

Liebäugeln mit der goldnen Frucht.

Wenn sich die lieben Vögelein freuen,

auf jene gold’ne Traubenzeit,

so dürfen Menschen sich nicht scheuen,

Zu jubeln mit der Seligkeit.

Wie lieblich wird das Neue munden,

Der reine süße Traubenwein.

Ja alles, was durch Kunst erfunden,

soll fortan beim Gugug sein.

Mit Ekel denk ich jener Brühe,

die einst Docist ein großer Herr,

Er gab sich allerorts viel Mühe,

Bis war bekannt die hübsche Lehr.“

Die folgenden Verse sind ebenfalls von Hirt’s Hand mit Bleistift quer an den Rand geschrieben und mit einem Kreuz bezeichnet.

„So ging die Sache immer besser,

Man machte ohne Trauben Wein.

Gedenk ich der gefälschten Fässer,

Wie viel trug dies dem Schmierer ein.

Mit Wasser, Sprit und Glycerin

Und ein wenig Zuckermehl,

Zum roten nahm man Analin.

Dies alles ging ganz ohne Hehl,

Doch endlich scheint es, es wird besser.

Man packt die Fälscher hart am Schopf

Ja besser wär’s man schlug die Fässer

Zusammen jedem solchen Tropf

Zuletzt ein Gruß an all zusammen,

Die mir bekannt im Tälchen sind,

Und harre so in Angst und Bangen,

Bis uns die Lese Suser bringt.

Und auch ein Gruß an Frau im Bade,

Sie war im letzten Jahr verstimmt.

Ich hoff auf Huld und volle Gnade,

Wann uns der Herbst viel Segen bringt.

Recht baldig möcht ich es wissen,

Wie dann um alles sich verhält.

Dann kann ich aus dem Schreiben schließen,

ob ich soll richten recht viel Geld.

So leb denn wohl mein bester Jörgle,

Auf baldig frohes Wiederseh’n

Und gibts al guta i dim Bergli,

Werd ich ganz freudig zu Dir geh’n.“

Als der Löwenwirt seine Vorlesung beendigt hatte, bat ihn Scheffel um Tinte und Feder, sowie um die Erlaubnis, dem Schreiben an den Jörgli im Glottertal etwas beifügen zu dürfen. Sogleich schrieb nun Scheffel in wenigen Worten das bekannte Gedicht dazu und zwar auf demselben Bogen, auf welchem die Worte des Löwenwirts niedergeschrieben waren. Scheffel glaubte offenbar, daß Hirt den Brief an den Jörgli absenden würde. Der schlaue Schwarzwälder aber, der den Wert des Autographs ahnte, behielt den Bogen und bewahrte ihn wie ein Heiligtum. Für den Jörgli mochte er eine Abschrift gerade gut genug halten.

Die Gedichte hat später Herr F. Stocker für die städtische Sammlung in Villingen erworben.

Auf die heiteren Sitzungen im „Löwen“ zu Riet-heim, läßt sich trefflich das Wort Ebers anwenden

„Mit kräftigem Schluck leert‘ er die Pokale,

Und labte sich sein Herz an Deutschem Weine,

So mischte er des Herzens Ideale

In jedem Trunk zu köstlichem Vereine.“

(Scheffelgedenkbuch 1890, Ad. A. Breitner)

Prof. Dr. Stöckle, der Obmann des Scheffelbun-des, hat in seiner Scheffelbiographie „Ich fahr in die Welt“ (2. Aufl. 1888, S. 123 Anm.) darauf aufmerksam gemacht, daß der Dichter mit einem einfachen Steuergehilfen namens Tannengrün, einem Lehrersohn aus Mönchweiler, auf den er wegen seiner Offenheit und Geradheit viel hielt, ganz vertraut verkehrte und über Scheffels Aufenthalt in Dürrheim und die gemeinsamen Sitzungen im Löwen zu Rietheim erzählt. Scheffel sagte zu dem ihn in der Linde zu Marbach begrüßenden Tannengrün, daß er zuerst in ein anderes Bad gehen wollte. Aber das kleine Bahnhöfle zu „Marbe“ (Marbach) hätte ihn nach Dürrheim gelockt. Tannengrün begleitete Scheffel nach Dürrheim und recitierte unterwegs einen großen Teil des Waltherliedes, was den Dichter so freute, daß er dem Verehrer seiner Muse tränenden Blicks die Hand reichte und ihm sagt, daß er ihn bald nach Rietheim werde rufen lassen, „aber verrat me nit Tannengrün, ich bin für die Leut einfach der Doktor aus Karlsruhe“. Tannengrün wanderte daraufhin frohen Mutes über’s Zollhäusle, dem Schulhaus in Mönchweiler, seiner Heimat zu. Das war an einem Samstag gewesen und schon am Dienstag darauf, mittags 3 Uhr, kam von Rietheim ein Bub, barfuß nur mit einer Hose und einem ärmlichen Hemd angetan, schwitzend und keuchend auf das Büro, in dem Tannengrün arbeitete, mit dem Auftrag „Komme sie gli ze Riethe, en Härr hat g’sait, Se solle gli mit mir komme“.

Nach einer halben Stunde saß Tannengrün schon beim Herrn Doktor, las ihm von seinem Taschenbuch vor und trank mit ihm den herrlichen Glottertäler. Der Löwenwirt wunderte sich über die wackeren Zecher und am meisten, daß der Doktor mit einem Schreiberlein so vertraut tat und so herzlich über dessen Schnurren und Vorlesungen lachte. Tannengrün schwang sich nämlich zu Zeiten auf den Pegasus, der freilich manchmal recht seltsame Kapriolen machte. Das neueste, das er damals dem Herrn Doktor vorlas, war eine Art göttliche Komödie. Es werden darin die olympischen Götter und Göttinnen der Reihe nach abgehandelt. Scheffel lachte besonders herzlich über folgende Strophen:

Wer sich dem Herrn Merkur ergab,

Um Reichtum zu erschwingen

Der bleibt ein Laster bis ins Grab

Wird nimmer Muth erringen.

Folgt einer über Stock und Stein

Des Kriegesgott Legionen

Dem wird, kommt er gut weg,

Ein Bein vom Eichenholz belohnen.

Nur Bacchus bleibet ist und war

Ein leuchtendes Exempel

Un jedes Faß ist sein Altar

Jed‘ frohes Herz sein Tempel.

Das trug dem Tannengrün noch eine Extraflasche ein. Schon wollten sich die beiden auf den Heimweg machen, als noch ein Liebhaber des kristallhellen Glottertälers, ein Nimrod mit Jagdhund und Flinte in die Wirtsstube trat. Es war der mit Scheffel auf bestem Fuße stehende Landtagsabgeordnete Otto aus Villingen. Der hatte sich kaum niedergesetzt und ein paar Jägerszüge des feinen Weines geschlürft, was zog er aus dem Rucksack? Ein kleines Büchlein mit der Titelgoldschrift „Waldeinsamkeit“. Das war damals gerade als letztes größeres Werk Scheffels erschienen und wurde von nimrodenden Scheffel-freunden „in des Waldes tiefsten Gründen“ mit Vorliebe gelesen. Da auch Tannengrün von Scheffel dieses Buch als Geschenk erhalten hatte, entspann sich bald ein lebhaftes Gespräch über das Werkchen, das vor allem von Männern mit der grünen Farbe, aber auch denen, die sonst „im Wald und auf der Heide“ ihre Freude suchten, eine wahre Fülle des reinsten Genusses brachte und noch bringt. Der Jägersmann war voll des Lobes über das Werk. Tannengrün brachte ein Hoch auf die traute Förstersmaid und auf Scheffel, der sonst wegen lauten und stürmischen Lobs sehr verschnupft sein konnte, der hob ganz selig das Büchlein in die Höhe und sagte: „Ich schufs, dem Jägersmann gefällt’s und Tannengrün nennt es das hohe Lied der trauten För-stersmaid; was will ich mehr, das genügt zu dessen Existenz. Wie viele verstehen, was sich der Wald erzählt und die Bäume den sinnigen Menschen zurauschen?“

Jener erste Abend im Löwen, so erzählte Tannengrün weiter, „war ganz dem Schönen und Edlen geweiht; es war leider der einzige, wo wir so recht poetisieren konnten, denn wenn wir uns sonst, sei es im Hirsch in Schwenningen, sei es in der Linde in Marbach, oder wieder im Löwen zu Rietheim trafen, waren oftmals Herren von Villingen oder Donaueschingen, oft auch andere Badegäste aus Dürrheim mit in der Gesellschaft.“ Tannengrün meinte, Scheffel war es nur wohl, wenn sie zu viert beisammen waren, d. h. außer ihnen beiden noch der Wirt und die Wirtin „zum goldenen Löwen“. Da neckte der Meister gerne die Wirtin wegen ihres heimlichen „Prieschens“ und den Wirt mit seiner Poesie. Voll Lobes aber war er über den Glottertäler und den vortrefflichen Imbiß, den die Wirtin in Gestalt von gerauchten Bratwürsten, Rühreiern und trefflichem Schwarzbrot den Gästen servierte. Auch der Bub, den Tannengrün jeweils von Villingen herüberholte, bekam seinen Anteil am Schmause und zwar einen Weck und eine halbe Bratwurst.