Villinger Wasser stärkt müde Glieder (Andreas Wende)

Wie der Villinger Doktor Georgius Pictorius um 1557 für seine Heimatstadt warb

Reisen bildet – dieser Spruch hatte zu allen Zeiten seine Gültigkeit. Selbst der eilige Pauschaltourist unserer Tage nimmt die eine oder andere bleibende Erinnerung von seinen Abstechern mit nach Hause, als Souvenir oder im Dia. Viel gründlicher reiste man in früheren Jahrhunderten. Nicht nur an Fürstenhöfen war es üblich, die jungen Prinzen auf Bildungsfahrt zu schicken, auch Künstler und Wissenschaftler suchten in der Ferne nach unbekannten Anregungen für ihr Metier.

Die Ergebnisse dieser Reisen wurden publiziert, sicherten dem Verfasser den Lebensunterhalt und verbreiteten Erkenntnisse von unerhörten Begebenheiten, exotischen Ländern und Menschen. Gleichzeitig erweiterten die Daheimgebliebenen ihren Horizont.

Neben spannender Unterhaltung finden sich in den Beschreibungen auch sehr praktische Hinweise. Als Beispiel sind die sogenannten „Badenfahrtbücher“ zu nennen. Hier hat sich unter anderen besonders Georg Maler, latinisiert „Pictorius“, als Arzt und Schriftsteller einen Namen gemacht.

 

Recht lockere Sitten herrschten um 1500 in den Bädern, wie diesem Holzschnitt von Gallus Etschenreutter von einem Mineralbad jener Zeit zu entnehmen ist.

 

Er wurde um 1500 in Villingen geboren, immatrikulierte sich 1519 als „Jeorius Pictor“ an der Universität Freiburg und bereitete sich, neben seiner Tätigkeit als Lateinlehrer, im Medizinstudium auf den Arztberuf vor. 1540 ernannte ihn die vorderösterreichische Regierung zum „Archiater“, zum obersten Sanitätsbeamten.

Im Freiburger Herder-Verlag wurde 1980 ein Nachdruck von Pictorius‘ Badenfahrtbüchlein aus dem Jahr 1560 aufgelegt, der heute leider vergriffen ist. Angereichert mit zeitgenössischen Bildern bietet diese Ausgabe gründlichen Einblick in die Kultur- und Medizingeschichte im 16. Jahrhundert. Der Autor, umfassender Kenner der einschlägigen antiken und mittelalterlichen Fachlektüre, veröffentlichte zu seinen Lebzeiten rund 50 Schriften, die sich unter anderem mit Hygiene, bestimmten Krankheiten, Botanik, Zoologie, aber auch Magie und Mythologie befassten. Neben seinem „Reissbüchlein, kurtzer bericht für die so da reisen wöllen in frömbde unbekannte land“ hat ihn das Badenfahrtbüchlein besonders bekannt gemacht.

Natürlich hat Pictorius Vorbilder, und denen folgt der Mediziner im Aufbau seines Büchleins. Er nennt zunächst die drei Arten von Bädern – Heißluftbad, der heutigen Sauna vergleichbar, – Dampfbad nach antikem Vorbild und Wasserbäder aller Art und beschreibt ihre Wirkungen. Über Mineralrespektive Wildbäder gelangt Pictorius dann zur Beschreibung von 38 Bädern im Badischen, der Schweiz und dem heutigen Österreich. Auch seine Heimat findet dabei Erwähnung. „Von dem Bad Schwenningen“ heißt es bei Pictorius (zitiert nach der Übertragung von Udo Becker):

„Es ist ein nützliches Bad, eine Meile Weg von der Stadt Villingen über den Schwarzwald in dem württembergischen Dorf Schwenningen, welches viel gebraucht wird von dem Landvolk der Baar gegen Räude, müde Glieder, Magenschmerzen, es hilft bei verkrampften Gliedern, wie sie sich nach der Gicht einstellen, bei Grien und vielen anderen Krankheiten; auch da mag man gute Verpflegung bekommen, doch wer gut schlafen will, muss sein Bett mitbringen“.



Lustig ging es auch oft in den Bädern, die Doktor Pictorius in seinem Badenfahrtbüchlein beschreibt, zu. Der Villinger Arzt verurteilte aber solche Sitten, wie sie auf dem Holzschnitt von 1519 gezeigt werden: Zechen, üppige Mahlzeiten, Würfelspiel und laute Unterhaltung durch Spielleute haben im Bad nichts zu suchen.

Deutlich besser hinsichtlich der Verpflegung ist es laut Pictorius in Villingen bestellt, über das der reisende Mediziner im Kapitel „Von dem Neuenbad“ berichtet: „Es quillt bei der Stadt Villingen ein recht nützlicher Brunnen mit Namen Neubad; obwohl das Wasser Schwefel mit Alaun enthält, ist es doch nicht warm, sondern man muss es anwärmen; die Ursache dafür ist, dass die Minera, über die das Wasser fließt, so weit von seiner Quelle entfernt sind; es fließt nämlich unter dem Erdreich eines Berges, der hier Haubenloch heißt, hindurch. Das Wasser mit seinem Schwefel hilft, wie der (antike Arzt) Galen lehrt, die müden Glieder zu stärken; dann trocknet es die Feuchte der Nerven, nützt der Leber, der Milz und dem Magen, beseitigt alle Unreinheiten der Haut, vertreibt den Krampf, macht recht durstig, aber gute Gesellen helfen dagegen. Diesem Bad zuliebe sollte mancher weit herkommen, zudem die Verpflegung so überreich ist, dass einem die Wahl plagt, ob man Fisch, Fleisch oder Wildbret essen soll.

Und obwohl hier kein Wein wächst, so trinkt man doch den besten und es bleibt nicht bei einem. Das Wirtshaus, das dem Bad am nächsten liegt, heißt ,Zu der Mohrin‘. Mit diesen Worten ruft der Wirt seinen Gast: Komm‘ besser hier herein, Gast, etwas anderes zu suchen bringt nichts, hier schläft man gut, isst gut und trinkt gut.“

In ähnlicher Weise äußert sich Pictorius über andere Ziele seiner Fahrten. Dabei streut er nach heutigem Verständnis Kurioses ein. So sei in jenen Jahren schlecht zu baden, denen zwei Jahre zuvor Mond oder Sonnenfinsternisse vorausgegangen sind. Essen im Bad, bei mehrstündigen Aufenthalten nicht unüblich, sei schädlich, da die genossene Speise gären und die Wirkung des Bades behindern könne.

Seiner Vaterstadt Ehre gemacht! 

Im Jahre 1959 nahm sich Ernst Scheffelt aus Badenweiler des Villinger Arztes an und würdigte in „Badische Heimat“ – Mein Heimatland – Zeitschrift für Heimatkunde und Heimatpflege (39. Jahrgang), dessen Leben und Werk. Unter der Überschrift „Der Arzt Georgius Pictorius (1500 bis 1569) aus Villingen“ ist in einem mehrseitigen Artikel viel Interessantes und Kurioses zu lesen. Da heißt es unter anderem:

Im Mineralbad: Männlein und Weiblein sind durch eine einfache Unterteilung getrennt. Die Stange am Haus zeigt eine Badestube an: Der Ring mit dem Kreuz galt als glückbringendes und Unheil abwendendes Zeichen.

 

Im Jahr 1500 wurde zu Villingen ein Knabe geboren namens Georg Maler, der heute noch seiner Vaterstadt Ehre macht. Der begabte Junge wurde von seinem Vater, dem Metzgermeister Michel Maler, in die Klosterschule der Franziskaner geschickt und bezog dann im Alter von 19 Jahren die Universität Freiburg. Dort widmete er sich dem Studium der Philosophie und der freien Künste und latinisierte, dem Brauch jener Zeit folgend, seinen Namen: er nannte sich Georgius Pictorius (pictor = Maler).

Der Verfasser seiner Lebensgeschichte, der Arzt Dr. G. Kürz, auch ein Villinger, meint, dass unser Georgius ein fröhlicher Student gewesen sei; im Jahre 1529 ist er Lehrer an der Freiburger Lateinschule und bald darauf Vorstand derselben. Doch die Schulmeisterei befriedigte den vielseitigen Mann nicht. Angeregt durch die Schriften griechischer und römischer Ärzte studierte er noch Medizin und erwarb sich 1535 den Doktortitel. Dann ließ er sich nieder in der vorderösterreichischen Hauptstadt Ensisheim (Elsass), offenbar nicht als praktischer Arzt im heutigen Sinne, sondern als Sanitätsbeamter und Gerichtsarzt.

Schon in Freiburg hatte Pictorius einige Werke philosophischen Inhaltes geschrieben, in Ensisheim war er ganz besonders fleißig und erstaunlich vielseitig. Er schrieb 1560 das „Badenfahrtbüchlein“ gedruckt in Freiburg bei Peter Schmid. Darin beschreibt Pictorius 37 deutsche und ein französisches Bad. 18 seiner Badeorte liegen in Baden. Viele davon sind längst eingegangen. Das „Badenfahrtbüchlein“ enthält interessante Hinweise auf Sitten und Bräuche jener Zeit. Die Angehörigen der wohlhabenden Stände pflegten mindestens einmal im Jahr eine Badefahrt zu machen, auch wenn es ihre Gesundheit nicht unbedingt erforderte. Dabei wurde während des Aufenthaltes im Kurort das B a d e n sehr intensiv betrieben. Da pflegten Männlein und Weiblein mehrere Stunden, ja fast den ganzen Tag, im Bad zu sitzen, während man heute den Kranken nicht rät, lange zu baden. Nun, viele „Badegäste“ der damaligen Zeit waren gar nicht krank, sondern sie suchten Kurzweil und wollten gut leben. Das Wort „Fressbädle“ hat sich bis in unsere Tage erhalten und sagt genug.

Die Leute, die vor 450 Jahren eine „Badfahrt ausrichteten“, suchten meist auch Zerstreuung, das zeigen die Bilder, die uns vom Badeleben der damaligen Zeit überliefert sind. Da sitzen in einem nicht sehr großen Becken Männlein und Weiblein zusammen oder sie lehnen sich an die Wand. Auf der Brüstung stehen Platten mit Fleisch und Fisch, dazu Weinkrüge von ansehnlicher Dimension. In der Nähe sitzt ein Fidelmann und geigt.

Die Ärzte der damaligen Zeit waren gegen das unmäßige Essen und Trinken im Bad, sie bekämpften die Sittenlosigkeit, die sich allenthalben breit machte und glaubten auch, dass Haut- und Geschlechtskrankheiten durch das gemeinsame Baden verbreitet würden.

Schmausen und Zechen von Mann und Frau im Wasserbad gemäß dem alten Spruch: „Aussig Wasser, inne Wein, lasst uns alle fröhlich sein.“ Holzschnitt von 1481 aus Augsburg.

 

Pictorius gibt etwa folgende Anweisungen: nach der Ankunft im Badeort soll man einige Tage von der Reise ausruhen, vor dem Beginn der Kur vorsichtig purgieren ( = abführen), sich überhaupt in jeder Hinsicht genau vorbereiten. Anfänglich möge man nicht zu tief und nicht zu lang „einsitzen“. Die Hauptbadezeit sei morgens, da die Luft rein und kühl (er sagt: „der Lufft“). Nach dem Essen soll man 4 1/2 Stunden Pause machen, weil sonst die Leber verstopft werde. Etwas Bewegung wird empfohlen, auch Reibungen, also Massagen. Im Bad selbst soll man nicht schlafen und höchstens etwas leichten Wein mit Brot und Marzipan oder ein Ei genießen. Dieses Zugeständnis ist begreiflich, da ja stundenlang gebadet wird. Über die Bestandteile der Badwässer wissen die Ärzte des 16. Jahrhunderts nichts Genaues. Sie reden von Schwefel, Kupfer und Salz, wo diese Stoffe gar nicht vorhanden sind, und diese fehlerhaften Analysen werden wiedergegeben bis nach dem Jahr 1700. Unserem G. Pictorius haben sicherlich die Doctores Etschenreutter (1571) und Ruland (1600) manches abgeschrieben.

Nach einem überaus tätigen und erfolgreichen Leben starb Georgius Pictorius im Jahr 1569; von seinem Sohn wissen wir nur, dass er die Klosterschule in St. Blasien besucht hat.

 

 

Als bedeutender Sohn Villingens wurde Georgius Pictorius schon in Sebastian Münsters Kosmographie beschrieben. 1588 wurde im ältesten Stadtporträt die Fantasieansicht einer Stadt, die hier für Villingen stand, durch ein „Bildnuß“ von Pictorius ausgetauscht. Aber auch bei diesem Holzschnitt – der in der Basler Ausgabe der Cosmographia von 1628 erschienen ist – handelt es sich wohl um ein Fantasiebild, das keine individuellen Züge aufweist und mehrfach als Porträt für Gelehrte seiner Zeit verwendet wurde.