Villingen – Archäologische Spuren zur Entstehung einer „Zähringer Gründungsstadt“ (Dr. Bertram Jenisch)

1. Historische Standortbestimmung

Um 1100 brach in Europa nach dem Untergang der antiken Stadtkultur eine neue Epoche des Städtewesens an. Mit dem Abschluß der Stadtentwicklung gewachsener alter Zentren zwischen Loire und Rhein, verfestigten sich die bis heute gültigen Begriffe für Stadt und Stadtbewohner. Der Historiker Haase erarbeitete ein Kriterienbündel zur Beurteilung, ob ein Ort als Stadt zu bezeichnen ist, das bis heute noch weitgehend gültig ist 2). Für die Zeit bis zum Niedergang der Staufermacht (1246) ist demnach folgendes entscheidend: eine gute Verkehrslage (Fernstraßen), eine spätmittelalterlich umbaute Fläche von 20 – 50 ha, eine im 12. Jh. nachweisbare Befestigung, eine meist planmäßige Anlage, die Nennung als civitas oder oppidum, ein Stadtrecht und ein vor 1300 nachweisbares Stadtsiegel. Das Netz der Städte verdichtete sich im Hochmittelalter und eine Hierarchie dieser Zentralorte ist erkennbar. Ab dem 11. Jahrhundert ist festzustellen, daß die in diesem neuen Siedlungstyp häufig niedergelassenen Kaufleute sich zu seßhaften „burgenses“ entwickelten und eine neue Herrenschicht bildeten, die sich ab salischer Zeit emanzipierte 3). Seit dem 11. und verstärkt im 12. Jahrhundert wurden auch Städte gegründet, planmäßig angelegt und mit besonderen Rechten ausgestattet 4). Im 12. Jahrhundert erfaßte eine erste Welle von Städtegründungen Deutschland, nach Schriftquellen wurde 1120 Freiburg und 1143 bzw. 1158 / 59 Lübeck gegründet. Territorialherren wie die Staufer, Zähringer, Welfen, Wettiner und andere setzten die Städtegründungen zur Festigung ihrer Landesherrschaft ein 5).

Die Erforschung der Entwicklung der Stadt Villingen kann nicht losgelöst von diesen Prozessen betrachtet werden, bislang wurden die Zusammenhänge nicht entsprechend gewürdigt. Die historische Erforschung Villingens besitzt dennoch eine lange Tradition, stützt sich jedoch bislang fast ausschließlich auf Schriftzeugnisse und historische Pläne. Bereits um 1533 wurde eine erste „Villinger Chronik“ von Heinrich Hug verfaßt 6). Der Autor schildert die Anfänge der Stadt und überlieferte erstmals ein „Stadtgründungs-datum“ im Jahre 1119. Aus der frühen Neuzeit liegen uns mehrere umfangreiche Tagebücher und Chroniken vor, die die Geschichte der Stadt beleuchten und uns einen Eindruck über deren Aussehen vermitteln. An erster Stelle muß hier Abt Georg Gaisser genannt werden, von großem Interesse sind auch die Aufzeichnungen des Pfarrers Riegger, von Theoger Gästlin (1633 / 1634), Johann Philipp Mayenberg (1622 – 1641), Trudbert Neugart und Josef Simon Eisele (1794 1812). Die Beschreibungen dieser Chronisten des 17. und 18. Jahrhunderts decken sich mit den frühesten erhaltenen Darstellungen der Stadt.

Es ist bemerkenswert wie intensiv die Geschichte Villingens von kompetenten Bürgern schon sehr früh erforscht wurde. Der in Villingen geborene Freiburger Kirchenhistoriker J. G. B. Kefer (1744 – 1833) begann intensiv historische Quellen systematisch zusammenzutragen. Er erarbeitete für das Kolb’sche Lexikon die erste, solide Zusammenfassung der Geschichte der Stadt Villingen. Die Villinger Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts ist untrennbar mit den Namen Schleicher, Förderer sowie insbesondere Christian Roder und Paul Revellio verbunden.

Im Zentrum der Erforschung der „Stadtgründung“ Villingens stand, da keine Gründungsurkunde vorliegt, meist die Frage nach deren Zeitpunkt. Obwohl sich fast alle Bearbeiter über eine „Gründung“ in zähringischer Zeit einig sind, reichen die vorgeschlagenen Daten vom Ende des 11. Jahrhunderts bis zum Tod des letzten Zähringers 1218.

Der erste Forscher, der ein solches Datum überlieferte, war 1514 der Freiburger Johann Sattler‘): „Es wollen etliche, er (Berthold IV.) habe die stadt Villingen auf dem Schwarzwald auch gestifftet, wiewol etliche andere wollen, es hab sie sein son Berchtoldus der fünft Hertzog von Zeringen gestift, das las ich bleiben.“

Die früheste Villinger Überlieferung eines Gründungsdatums findet sich in der bereits erwähnten „Villinger Chronik“ Heinrich Hugs. In deren Einleitung heißt es: „Anno 1119 ist die statt Villingen von den Hertzogen von Zäringen erbauwen worden“. Dieses Datum wurde von einer Vielzahl von Forschern weitergegeben, obwohl Hug wenig später im Widerspruch dazu schreibt: „Hertzog Bechtold der viert des namens, hertzog von Zäringen, hat Villingen erbawen“. Roder äußerte den begründeten Verdacht, daß Hug aus zwei verschiedenen Chroniken schöpfte. Das frühe Datum sei ein Reflex auf das überlieferte Datum 1120 für die Gründung der Stadt Freiburg, mit der Villingen im 16. Jahrhundert eng verbunden war und die als gleich alt erachtet wurde 8). Heyck 9) wertete die schwankenden Angaben zu den Villinger Gründungsdaten als „an die Gründung von Freiburg i. Br. willkürlich angelehnte Fabeleien, weil das Datum 999 vergessen war.“

Aufgrund der frühen Marktrechtsverleihung im Jahre 999, die ein frühes „Stadtgründungsdatum“ erwarten läßt, wurde meist Herzog Berthold III. (1111-1122) oder sein Bruder Konrad (1111/11221152) als Stadtgründer Villingens angesehen. Als bisher letzter äußerte sich der jüngst verstorbene Berent Schwineköper zu diesem Problem. Er führte als bislang unbeachtete Quelle das sog. Villinger Kalenderblatt aus dem frühen 14. Jahrhundert an 10 ). Die Handschrift aus der Münsterpfarrei Villingen nennt einen „dux de Zeringen fundator ville Villingen“. In brillanter Weise belegt Schwineköper, daß es sich bei dem Zähringerherzog nur um den am 18. Februar 1218 verstorbenen Berthold V. handeln kann. Seine daraus abgeleitete „Gründungszeit“ Villingens zwischen 1186 und 1218 ist jedoch nicht schlüssig, bezeichnet „fundator“ doch nicht den „Gründer“, sondern den „Förderer, bzw. Stifter“ der Stadt. Der Versuch über die Bezeichnung des Ortes Villingen in Schriftquellen die „Stadtgründungszeit“ näher eingrenzen zu können erbrachte keine überzeugenden Ergebnisse. Die Nennung Villingens als „villa“ in verschiedenen Urkunden zwischen 1090 und 1186 wurde oft auf die dörfliche Vorgängersiedlung östlich der Brigach bezogen „), doch ist diese enge Interpretation bei der weitgehend willkürlichen Bezeichnung im Mittelalter nicht zwingend. Erst seit dem 13. Jahrhundert werden auf diese Weise Dörfer bezeichnet 12). Die Übersetzung als Stadt legt dagegen die Umschrift des Stadtsiegels III von 1284 nahe, zu einem Zeitpunkt als Villingen in jedem Fall als Stadt bezeichnet werden muß: SIGILLUM CIVIUM VILLE VILINGEN. Erst seit dem 14. Jahrhundert entwickelt sich die Regelhaftig-keit, nach der lateinische Urkunden Städte als „civitas oder oppidum“ und deutsche Schriften als „stat“ bezeichnen. Für die uns interessierende Frühzeit ergibt dies keine verwertbaren Ergebnisse.

Eindeutige Belege für die städtische Autonomie erbringen die rechtsgeschichtlichen Fakten, die in Schriftquellen überliefert sind 13). Demnach entwickelten sich die städtischen Freiheiten unter der fürstenbergischen Herrschaft. Nach einem möglichen Vorläufer von 1254 erhielt Villingen 1284 das erste Stadtrecht, nachdem es 1274 von fremder Gerichtsfolge befreit wurde. Die Teilnahme der Handwerker im zuvor vom Patriziat besetzten Rat der Stadt ist 1294 erstmals nachzuweisen. Seit 1297 ist das Amt des Bürgermeisters belegt, 1324 erhielt Villingen eine zünftige Ratsverfassung.

Einen wichtigen Schwerpunkt der Villinger Stadtgeschichtsforschung bildet die Untersuchung der Stadtgestalt. Vor dem Einsetzen flächiger archäologischer Untersuchungen fußten diese Überlegungen auf den wenigen Schriftquellen, die dazu Aussagen treffen sowie auf der Analyse historischer Stadtpläne und -ansichten, die seit dem 17. Jahrhundert vorliegen. Seit Hamms Überlegungen zu den zähringischen Städtegründungen 14) wurden bezüglich der Stadtanlage Villingens zwei seiner Axiome unkritisch weiter tradiert. Das erste betraf das heute noch sichtbare Straßensystem, das durch das Hauptstraßenkreuz und den Wechsel von breiten Wohn- und schmaleren Wirtschaftsgassen bestimmt ist, es soll auf einen planerischen Akt des zähringischen Stadtgründers zurückgehen. Es bestimmt die Baublöcke und letztlich ein zähringisches Hofstätten-maß. Ferner soll in diesem Plan ein Baublock zur Errichtung des späteren Münsters ausgespart geblieben sein. Hamms Thesen, die zu einem Idealbild der Stadt führte (Abb. 1), wurden von Noack aufgegriffen, der in einem Plan den Villingen-Stadtgrundriß daran „anglich“ 15). Er erkannte den Widerspruch der verschieden gestalteten Baublöcke zwischen Nord- und Südteil der Stadt und konstruierte in die quadratischen Baublöcke im Norden unbegründet Wirtschaftsgassen hinein. Die vorgestellten Thesen wurden von Re-vellio zusammengefaßt, er modifizierte jedoch Hamms strenges System der Hofstättenmaße aufgrund seiner Grabungen am Osianderplatz 16). Erst Cord Meckseper brachte grundlegend neue Aspekte in die Diskussion zum Stadtgrundriß Villingens ein 17). Eine Beobachtung, auf die er zum ersten Mal näher einging, war, daß sich das System der Wohn- und Wirtschaftsgassen nur im südlichen Bereich der Stadt nachweisen läßt, während im Norden annähernd quadratische Baublöcke bestehen. Meckseper erkannte weitere Abweichungen von dem zuvor als nahezu perfekt angesehenen „Gründungsschema“.

Abb. 1 : Idealansicht der mittelalterlichen Stadt Villingen, nach K. Gruber 1937.

In Abweichung zu Hamm wurde festgestellt, daß sich das Villinger Münster städtebaulich nicht in das Straßennetz einordnen läßt. Meckseper verband Grubers Beobachtungen eines Längsach-senknicks am Münsterbau 18) mit den von ihm postulierten zwei Orientierungsschemata und leitete deren Datierung davon ab. Er datierte demnach das erste, „geostete Straßensystem“ in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts, während das jüngere System „zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden sein könnte“. Meckseper übertrug diese Ergebnisse auf die Stadtgeschichte Villingens und kam zu dem Ergebnis, daß 1119 eine erste Gründung einer kleinen, einen einfachen Straßenmarkt umschließenden Siedlung im Nordteil des Stadtgebietes erfolgte. Unter Berthold IV. v. Zähringen (1152 – 86) wäre sie zu einer größeren Stadt mit einem „geosteten Straßensystem“ ausgebaut worden und mit der ersten Kirche ausgestattet worden. Ein zweiter Ausbau, der das System der Wohn- und Wirtschaftsgassen mit sich brachte sei unter der staufischen Herrschaft nach 1218 erfolgt. Ergebnis der baugeschichtlichen Untersuchung ist demnach eine Mehrphasigkeit der Stadtanlage und auch eine, im Gegensatz zu früheren Bearbeitern, erheblich spätere Datierung des Achsenkreuzes, das als Folge des Ausbaus einer bestehenden Anlage verstanden wurde. Insbesondere die Erkenntnis, daß der Grundriß der Stadt das Ergebnis einer zeitlich gestreckten Entwicklung darstellt und nicht auf eine Planung „auf der grünen Wiese“ zurückgeht ist das Verdienst Mecksepers, wenn auch neuere Forschungsergebnisse Abweichungen zu seiner Datierung der Phasen und zur Struktur der Stadt erbrachten.

Fassen wir die bisher geschilderten Ergebnisse der historischen Forschung zusammen, ist festzustellen: Villingen gehört anerkanntermaßen zu den ältesten Städten in Baden-Württemberg 19), doch zeigt eine Sichtung der sicheren Erkenntnisse zur Stadtentstehung, daß diese noch weitgehend ungeklärt ist und von nicht nachprüfbaren Annahmen bestimmt wird. Der erste Ort, für den ein Weltlicher das Markt-, Münz- und Zollrecht erhielt 20), ist erst im frühen 13. Jahrhunderts als Stadt im rechtlichen Sinne faßbar. Diese Periode von nahezu 250 Jahren wird bis 1218 von nur sieben Schriftquellen unmittelbar beleuchtet. Das Stadtbild und der gut erhaltene, regelmäßige Grundriß in Villingen erlangte deshalb schon früh den Rang einer Geschichtsquelle, da er im Gegensatz zu anderen Städten dieser frühen „Gründungsphase“ nur wenigen baulichen Veränderungen unterworfen schien. Die Frage in welche Zeit diese topographischen Strukturen zurückgehen kann jedoch nur durch die Archäologie geklärt werden, was bisher noch nicht geschehen ist.

2. Die Archäologie des Mittelalters

Zur „klassischen“ Geschichtsschreibung, die sich in erster Linie auf Schriftquellen stützt, gesellt sich nunmehr seit geraumer Zeit die Archäologie des Mittelalters als neue historische Teildisziplin. Insbesondere für die schlecht faßbare Frühzeit vieler Städte erschließt sie immer neue Quellen. Die Mittelalterarchäologie schließt durch neue Fragestellungen und Erkenntnisse eine Überlieferungslücke. Archäologische Funde ergänzen und korrigieren historische Quellen und überprüfen somit Schriftquellen. Viele Bereiche, etwa technische Details oder das Alltagsleben, sind nur durch die Archäologie zu erschließen. Archäologische Bodenzeugnisse, vom Kölner Historiker Hugo Borger als „Archiv im Boden“ bezeichnet, machen zunächst einen ungeordneten Eindruck. Der unmittelbare Einblick in die frühere Lebenswelt, die dieser „Überrest“ vermittelt, hat nach sorgfältiger Analyse den gleichen Quellenwert wie die durch die klassische Geschichtsschreibung gepflegte „Tradition“.

Es muß jedoch auch festgestellt werden, daß der Archäologie quellenbedingt oft enge Grenzen gesetzt sind. Nur menschliche Handlungen, die Spuren im Boden hinterlassen, können vom Fachmann erkannt und dokumentiert werden. Durch häufig fragmentarische Reste, spätere Störungen oder Veränderungen durch natürliche Prozesse sind die Befunde oft nur schwer zu deuten. Insbesondere in dicht besiedelten Arealen, wie zum Beispiel Stadtkernen, erschwert dies die Arbeit des Archäologen. Die Analyse von Einzelfunden und -befunden, erlaubt es meist nur siedlungsgeschichtliche Prozesse darzustellen. Fakten zur Ereignisgeschichte, die sich ein „Schriftquellenhistoriker“ oft von der Mittelalterarchäologie erwartet, können dagegen nur selten erbracht werden.

Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit versteht sich als Teil aller Disziplinen der Mediävistik, die mit verschiedenen methodischen Ansätzen das Ziel verfolgen, vergangene Lebensrealität zu erkunden. Mittelalterarchäologie ist aber nicht nur Archäologie der Epochen nach 800 unserer Zeitrechnung. Im Gegensatz zur Prähistorie trägt sie, unter Verwendung der gleichen Methoden, zu ihren Forschungsbereichen meist nur einen Teil bei. Die Zusammenarbeit und wechselseitige Auseinandersetzung mit den Nachbardisziplinen ist damit unabdingbar für die Weiterentwicklung der fachspezifischen Methoden und das Erreichen des Forschungszieles. Viele Aspekte die der Historiker traditionell als Kriterien zur Definition einer Stadt heranzieht sind archäologisch nicht nachweisbar, dennoch zeichnet die Archäologie ein differenziertes Bild der Stadt des Mittelalters, das insbesondere in Fragen des Alltagslebens oft weit über die Ausspzemöglichkeit der Schriftzeugnisse hinausgeht. Die Archäologie des Mittelalters erschließt bislang unbekannte Geschichtsquellen, auf deren Grundlage viele als unverrückbar erschienene Lehrmeinungen überprüft und wie schon häufig gezeigt abgeändert werden. Wichtiger noch als dieser offensichtliche Zugewinn an Fakten ist jedoch, daß auch neue Fragen aufgeworfen werden, die es auch von den anderen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft aufzugreifen gilt. Beispiele dieser fruchtbaren Zusammenarbeit zeigen sich insbesondere bei den drei bedeutenden mittelalterlichen Nachbarstädten Villingens. Zur Frühzeit Freiburgs, das wie Villingen als Zähringergründung gilt, waren bis vor wenigen Jahren nur einzelne urkundliche Erwähnungen bekannt, die für eine Stadtgründung um 1120 sprachen. Mittlerweile kennen wir Steinbauten des späten 11. Jahrhunderts im Stadtgebiet, die weit früher als bislang erwartet städtische Strukturen aufweisen und eine lange zu wenig beachtete schriftliche Erwähnung von 1091 in neuem Licht erscheinen lassen 21).

Dasselbe gilt für Schaffhausen, von dem man bis vor zwei Jahren annahm, daß es erst im 13. Jahrhundert zur Stadt wurde. Mittlerweile kennen wir nicht nur eine erste Stadtbefestigung des 11. Jahrhunderts, sondern auch die zugehörigen Wohnbauten und Funde die den Ort als frühstädtische Siedlung im Anschluß an das Kloster Allerheiligen ausweisen 22).

In Rottweil konnten durch Ausgrabungen die Strukturen des Königshofes, der Vorgängersiedlung zu der im 13. Jahrhundert an heutiger Stelle angelegten Stadt beleuchtet werden 23).

3. Die archäologische Erforschung Villingens im Vergleich mit Schriftquellen

Neben den oben vorgestellten Arbeiten wurden in Villingen schon früh punktuelle archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Die bisher 16 archäologischen Untersuchungen im Mauerbering Villingens (Abb. 2) tragen fast alle den Charakter von Notuntersuchungen. Besonders ältere Grabungen konzentrieren sich auf markante Einzelbefunde, während Laufhorizonte oder Hausgrundrisse erst seit 1986 beobachtet werden konnten. Dies liegt nicht zuletzt an der Tatsache, daß die mittelalterlichen Niveaus nur leicht überdeckt und daher häufig gestört sind. Oft sind die bis zum Grundwasserspiegel eingetieften Latrinengruben die letzten Anzeiger einer mittelalterlichen Bebauung, nur selten können Einzelbefunde stratigraphisch eingebunden werden. Auch bei der einzigen Plangrabung in der Stadt, im Münster, waren durch Umbaumaßnahmen die alten Laufniveaus abgegraben worden, so daß auch hier keine ungestörten Stratigraphien angetroffen wurden.

Die archäologischen Untersuchungen erbrachten wesentliche Neuansätze zur Bewertung der Siedlungsentwicklung Villingens 24), die in diesem Rahmen nicht umfassend behandelt werden können. Hier sollen daher drei Fallbeispiele herausgegriffen werden, um zu zeigen, wo Ergebnisse der archäologischen Forschung den bisherigen Forschungsstand ergänzen oder korrigieren. So kann zum einen die Arbeitsweise der Mittelalterarchäologie erläutert und die auf Villingen zu beziehende archäologisch-historische Synthese gezogen werden.

Fallbeispiel 1:

Siedlungsentwicklung im Brigachbogen

Die traditionelle Ansicht, die Stadtentwicklung Villingens sei auf eine planmäßige Gründung durch „die Zähringer“ 1119 auf der „grünen Wiese“ zu reduzieren, kann nach Mecksepers Arbeit nicht mehr in dieser Form aufrecht erhalten bleiben. Leider schlossen sich an diesen Neuansatz keine weitergehenden Forschungen an. Während die Siedlungsmodelle von Hamm und Gruber, offenbar unter dem Eindruck des planmäßigen Siedlungsbaus der 30er Jahre unseres Jahrhunderts, einen ebensolchen in das 12. Jahrhundert zurückprojezierten, geht die historische Forschung bereits seit langem von zeitlich gestreckteren Prozessen aus.

Abb. 2: Archäologisch untersuchte Areale im Kernstadtbereich Villingens. Ausgewertete Grabungen bis 1990 (dunkles Raster) und neuere Grabungen (helles Raster).

Selbst mit rein traditionell historisch-topographischen Methoden ist erkennbar, daß der obere Brigachraum bereits im frühen Mittelalter dicht besiedelt war. Ab der Jahrtausendwende können Villingen und die umliegenden Siedlungen benannt und durch Flurnamen lokalisiert werden 25). Neben der Pfarrkirche St. Maria in Villin-gen-Altstadt bestand hier noch die Nikolauskapelle, ferner sind die Filialkirchen St. Jacob in Nordstetten, St. Konrad in Vockenhausen und St. German in Waldhausen nachweisbar. Die Abhängigkeit dieser Orte von der Altstadtsiedlung spiegelte sich so auch in der pfarrechtlichen Organisation wider 26). Die Erstnennung von 817 in einer St. Galler Urkunde läßt keine Deutung zur Siedlungsstruktur zu. Erst das Marktprivileg von 999 zeigt, daß Villingen einige Bedeutung erlangt haben muß. Dem „Ort“ Graf Bertholds (suo loco) war in der Folge ein wirtschaftlicher Aufschwung beschieden, was aus der Münzemission aus der Mitte des 11. Jahrhunderts geschlossen werden kann

In Villingen herrschten nach Ausweis der wenigen auswertbaren Schriftquellen, etwa die Gründungsurkunden von St. Georgen und St. Peter, offenbar gestreute Besitzverhältnisse. Dies weist darauf hin, daß „suo loco“ im Marktprivileg nicht auf den gesamten Ort Villingen zu beziehen ist, sondern eher wörtlich auf den Besitz Bertholds vor Ort.

Seit 1084 sind im Umfeld der Siedlung Sitze von Ministerialen urkundlich faßbar. Dies entspricht einer allgemeinen Tendenz des 11. Jahrhunderts, als sich Adel sozial wie auch räumlich von der übrigen Bevölkerung abzuheben begann. Weitere Aussagen erlauben die wenigen Schriftquellen der Zeit bis zur Wende des 13. zum 14. Jahrhunderts kaum. Bis 1218 liegen zu Villingen nur sieben Urkunden vor, die jedoch selten Informationen über die Nennung des Ortsnamens und der handelnden Personen hinaus geben.

Für diese nur punktuell beleuchteten „dark ages“ – 817, 999, 1084, 1119 (?), 1179, 1218 – bieten mittelalterarchäologische Grabungen und Geländebegehungen die einzigen Zugangsmöglichkeiten zur Klärung der Siedlungsprozesse. So können die Siedlungsareale im dicht besiedelten oberen Brigachtal seit der Merowingerzeit lokalisiert werden (Abb. 3). Villingen-Altstadt geht als älteste Siedlung in das späte 4. Jahrhundert, die Zeit der alamannischen Landnahme zurück. Ausgehend von dem Zentralort Villingen-Altstadt wurde das Umfeld entlang der Brigach und ihrer Seitenbäche erschlossen und es entwickelten sich Weiler, kleine Dörfer und Wehranlagen. Die Grabungsauswertungen und Geländeuntersuchungen zeigten ergänzend zu den bisherigen Annahmen, daß im Brigachbogen bereits vor der Stadtanlage eine mittelalterliche Siedlung bestand 27). Zwei eindeutig anthropogene Hügelaufschüttungen, die sich bei einer Höhenschichtenkartierung im nordwestlichen Stadtviertel abzeichnen, das Keferbergle und eine Erhöhung beim Oberen Tor, stellen offenbar die Reste von zwei Turmhügelburgen vom Typ Motte 28) dar. Die beiden Anlagen sind, zusammen mit zwei historisch erschließbaren Mühlen und einem im Bereich des späteren Münsters archäologisch erfaßten Fachwerkhaus mit benachbartem Grubenhaus, als Reste eines etwa 1,5 km nordwestlich des Dorfes Villingen-Altstadt liegenden Herrenhofes anzusprechen. Auf einer leichten Erhebung angelegt, war er an zwei Seiten durch Mühlenkanäle, im Osten vermutlich durch einen Graben abgegrenzt. Weitere Baustrukturen sind in diesem Areal zu erwarten. Insbesondere Güterübertragungen der Zähringererben an Klöster zeigen, daß sich hier im späteren Münsterviertel der ehemals zähringische Besitz in Villingen konzentrierte. Leider können die genannten Befunde nicht exakt datiert werden, doch scheint sicher, daß sich der 1024 verstorbene Bezzelin von Villingen nach dem Gut benannte. Möglicherweise ist es sogar mit dem 999 mit dem Marktrecht begabten „locus (in) vilingin“ des Grafen Berthold gleichzusetzen. Der erst 1364 urkundlich nachweisbare Grafenhof beim Keferbergle 29) erstreckte sich also vermutlich über das gesamte spätere Münsterviertel und bildete den Kristallisationspunkt der neuen Marktsiedlung. Die Frage, die einstweilen nicht geklärt werden kann, lautet freilich, wie diese frühe Burganlage der Zähringer ausgesehen haben mag.

Erst in spätzähringischer Zeit ist eine Vorliebe des Adelsgeschlechts für mächtige, aus dem burgundischen Bereich angeregte Donjons festzustellen 30). Sie wurden freistehend in Breisach, Bern und Thun oder wie in Burgdorf in mehrgliedrige Anlagen integriert errichtet. Diese Burgen stehen in der formal vergleichbaren Tradition der Zähringerburgen, die seit der Mitte des 12. Jahrhunderts in den beiden Freiburg und Rheinfelden errichtet wurden. Die herzoglich-zähringischen Burgen heben sich vor dem Hintergrund gräflicher Burgenarchitektur im räumlichen Umfeld der Zähringer durch ihren eingliedrigen Typ und ihre monumentale Dimensionierung ab. Die Burgen sind Belege für das Selbst verständnis der Zähringer, das sie besonders nach dem niedergeschlagenen Burgunderaufstand von 1191 in ihrem südwestlichen Herrschaftsbereich manifestierten. Während die Burg auf dem Freiburger Schloßberg, ähnlich wie die Burgdorfer Anlage, ein repräsentativer Wohnsitz war, sind die „Donjons géants“ der Zähringer im Rektorat Burgund und der späten Erwerbung Breisach deutliche Demonstrationen der Macht des Stadtherrn.

Abb. 3: Die früh- und hochmittelalterliche Besiedlung im Umfeld Villingens. Merowingerzeitliche Funde (Rechteck), Siedlungen (Schraffur) und Wehranlagen (Punkt). 1. Villingen-Altstadt, 2. Nordstetten, 3. Waldhausen, 4. Kapf 5. Vockenhausen, 6. Runstal, 7. Volkertsweiler, 8. Affenberg, 9. Stadt Villingen.

Demgegenüber fällt auf, daß die nunmehr lokalisierbare Stadtburg in Villingen als einzige Burg der „Zähringerstädte“ nicht dieser formal sehr ähnlichen Gruppe von Türmen zuzurechnen ist. Die Fläche der lokalisierten Burghügel reicht nicht aus um ein solches Bauwerk aufzunehmen, ferner liegen auch weder schrifliche oder ikonographische Hinweise dazu vor. Sie scheint eher dem Burgentyp zuzuordnen zu sein, wie er beispielhaft am Husterknurr im Rheinland ausgegraben wurde 31) (Abb. 4). Die in einer Flußnie-derung gelegene Anlage bestand weitgehend aus Holz und Erde, unmittelbar benachbart bestand ein Wirtschaftshof. Die Villinger Ortsburg behielt offensichtlich im 12. Jahrhundert ihren archaischen Charakter, ja wurde sogar auf einen Kernbereich um das Keferbergle reduziert. Die eindeutigen Besitzverhältnisse in den zähringischen Kerngebieten auf der Baar machten offenbar, im Gegensatz zu den umstrittenen neuerworbenen Gebieten, den Bau eines steinernen Donjons als Machtsymbol überflüssig.

Die Privilegierung dieses abseits der dörflichen Siedlung Villingen-Altstadt gelegenen Ortes führte, zusammen mit der Förderung durch den Ortsherrn, zum Anwachsen des Burgweilers zum Marktflecken. Impulse dazu gab vermutlich zunächst die planmäßige Ansiedlung von Abhängigen, von denen zwischen 1084 und 1122 zahlreiche mit dem Namen „de vilingen“ im Umfeld der Bertholde erscheinen. In dieser Phase entstand der groß angelegte Bau I des Villinger Münsters 32), aber auch der romanische Turm der Pfarrkirche in Villingen-Altstadt 33), was auf ein Nebeneinander der beiden Siedlungsteile hinweist. Zur Frage nach dem Zeitpunkt der Verlagerung der Siedlung um die Altstadtkirche in den Brigachbogen können die wenig aussagekräftigen Untersuchungen im Bereich der Vorgängersiedlung kaum etwas beitragen 34). Weit günstiger sind die Voraussetzungen innerhalb des mittelalterlichen Mauerberings, wo von sechzehn verschiedenen Stellen archäologische Aufschlüsse vorliegen (Abb. 3). Es bleibt festzustellen, daß der um 1100 errichtete Turm der Altstadtkirche das älteste erhaltene Baudenkmal Villingens ist, die untersuchten Brunnen einer gehöftartigen Struktur beim Hoptbühl wurden im frühen 14. Jahrhundert verfüllt. Dies deckt sich mit der ersten Nennung der „alten stat zu Vylingen“ 1337, spätestens seit dieser Zeit war die Siedlung praktisch bedeutungslos geworden.

Die allmähliche Verlagerung der Siedlung erfolgte wohl seit dem späten 11. Jahrhundert. Die Dynamik, die in das Siedlungsgeschehen in der Zeit des Investiturstreits kam, zeigt sich nicht zuletzt in einer Intensivierung des Landesaus-baus im Schwarzwald, in deren Zusammenhang auch die Gründung der Klöster St. Georgen und St. Peter steht. Unklar ist bislang, wie und wem es gelang, die gesamte Siedlungskammer um den Brigachbogen umzustrukturieren. Als Initiatioren kommen jedoch nur die Zähringer in Frage, über mehrere Generationen gaben sie die entscheidenden Impulse, die zum Ausbau des „locus viligun dicto“ führten. Vom späten 11. bis frühen 13. Jahrhundert entstand im Anschluß an das bevorrechtigte zähringische Hofgut die voll entwickelte Stadt Villingen, während das gleichnamige Dorf und sämtliche naheliegenden Siedlungen verlassen wurden.

Das zähringische Hofgut prägte das Grundrißschema der späteren Stadt nachhaltig. Die Mottenhügel waren topographische Marken, die von den Hauptstraßen respektiert wurden und auch ihr Ende markierten. Die Obere Straße verläuft parallel zum möglicherweise erfaßten Ostgraben, die Rietstraße begleitet den Kiesrücken und den Mühlkanal. In Verlängerung dieser Achsen zeichnet sich das Straßenkreuz der späteren Stadt ab. Das durch planerischen Akt festgelegte Grundelement des Villinger Straßensystems erweist sich somit als im Wesentlichen von der gegebenen Situation vorbestimmt. Das Areal des ehemaligen Herrenhofes bildete nun eines der Stadtviertel, das sich jedoch durch die Sozialtopographie deutlich absetzte. Hier konzentrierten sich neben dem Sitz der Administration, der Burg des Orts-, später Stadtherrn, seit etwa 1300 das Rathaus, auch kirchliche und klösterliche Einrichtungen, was zu der Bezeichnung „Oberort“ führte. Auf den beiden das Viertel begrenzenden breiten Straßen spielte sich das Hauptgeschehen des Marktes ab.

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts muß in einem vorausschauenden Konzept die Grundlage des Straßen- und des damit verbundenen Stadtbach-systems festgelegt worden sein. Die in Villingen anzutreffende Wasserversorgung ohne künstliche Hebung des Wassers konnte nicht nachträglich auf ein bestehendes Straßensystem angepaßt werden, nur die umgekehrte Vorgehensweise ist möglich, eine Gleichzeitigkeit ist wahrscheinlich. Der Betrieb der Stadtbäche auf dieser idealen Fallinie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts konservierte das daran orientierte, regelmäßige Straßensystem. Der Umstand, daß alle drei Zuflüsse des aufgefächerten Mühlenkanals in das spätere Stadtgebiet im Bereich des Keferbergles liegen, zeigt, daß der Ortsherr diese frühstädtische Infrastrukturmaßnahme wohl mit initiiert hat und sich die Verfügungsgewalt über die Wasserversorgung sichern wollte. Das älteste Bauwerk das sich eindeutig an diesem Stadtbach- / Straßensystem orientiert, ist ein zweigeschossiges Steinhaus, das 1175 an der Rietstraße errichtet wurde. Das traufständige, rechteckige Gebäude weist bereits die Kriterien des typischen Villinger Wohnhauses auf. Weitere Bauten entlang der Rietstraße und oberen Rietgasse bestanden teilweise auch schon seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Derselbe Befund ist auch im Bereich des ehemaligen Kapuzinerklosters am Südende der Niederen Straße zu beobachten 35). Im Südwesten wirkten vorstädtische Strukturen offenbar länger nach. Noch 1169 wurde an der Ankergasse, einer Wegeverbindung in die „Altstadt“, ein Holzhaus eines lederverarbeitenden Handwerkers errichtet 36). Das Handwerkerhaus markiert offenbar den Randbereich einer Gewerbesiedlung zwischen Burgweiler und Altstadt an der Brigach. Die heutige Gerberstraße ist durch den älteren Namen „Hüfinger Gasse“ als ehemalige Wegeverbindung nach Süden ausgewiesen. Auch Gewerbeansiedlungen im südlichen Vorfeld des Burg- / Marktfleckens wurden von den Umstrukturierungen erfaßt. Ein Kalkofen an der Niederen Straße wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts unter das Hubenloch verlegt.

 

Abb. 4: Husterknurr, Rekonstruktion der Motte (nach A. Herrnbrodt)

Berthold IV. ließ 1179 durch Werner von Roggenbach ein „predium in Vilingen das Teile des Hofguts und die beiden Burgmühlen umfaßte, an das Kloster Tennenbach übertragen. Dies kann nur als Reflex auf die Veränderungen im Marktflecken gewertet werden, offenbar waren diese Einrichtungen für die Versorgung des zuvor autarken Sitzes des Ortsherrn nicht mehr notwendig. Dieser konnte nunmehr über den Markt der sich entwickelnden Stadt beliefert werden.

Um 1200 hatte sich entlang der Gassen eine lokkere Reihenbebauung aus Steinhäusern, dazwischen vereinzelt Schwellbalkenbauten, herausgebildet, die an der oberen Rietgasse und Gerber-straße (Abb. 5 a) am besten ablesbar ist. Insbesondere entlang der Hauptstraße wurden um 1200 meist in den Ecken von Baublöcken turmartige Steinbauten errichtet, die die Gassenfluchten bestimmte. Die noch großen, dazwischenliegenden Freiflächen des Bauerwartungslandes und die breiten Straßen und Gassen entlang der Stadtbäche machten noch keine Schaffung von Plätzen notwendig.

Mit dem Bau der Stadtmauer und des Grabens wurde das Gebiet um Siedlungskern und Erweiterung nach Süden und Osten endültig abgesteckt und alte Wegeverbindungen gekappt. Diese weitere große Gemeinschaftsaufgabe ist nicht ohne die vom Stadtherrn mitgetragene Planung denkbar, zumal sie auch Eingriffe in den Randbereich der beiden Burghügel mit sich brachte. Der Mauerbau um 1200 führte an der Gerberstraße 53 – 57 um 1210 zur Umstrukturierung der Parzelle, das Holzhaus wurde abgetragen und durch einen in der Ecke des Baublocks liegenden steinernen Kernbau ersetzt. Gleichzeitig mit diesem großen Bauvorhaben wurde die erste Johanneskirche durch einen Neubau gleicher Größe ersetzt, von dem noch im heute bestehenden Münster große Teile erhalten sind. Die archäologischen Befunde belegen demnach seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts frühstädtische Strukturen. Insbesondere sind das spätestens 1175 bestehende Stadtbachsystem und die daran orientierten Straßen und Gassen als erste und grundlegende Infrasturkturmaßnahme zu werden. Nach diesen Vorgaben erfolgte eine allmähliche Aufsiedlung des Gebietes. Schon die frühesten Häuser zeigen den charkteristischen Typ des Villinger Wohnhauses und die typischen, flechtwerkausgesteiften Latrinengruben, die sich deutlich von ländlichen Siedlungsmustern, abheben. Erst um 1200 wurde der Umriß der Stadt durch den Bau der ovalen Stadtmauer festgelegt. Der monumentale Bau der Filialkirche der Altstadt erscheint wie der Mauerbau für die zu vermutende Größe der Stadt überproportioniert, was bei zahlreichen frühen Städten zu beobachten ist.

Beim Aussterben der Zähringer 1218 hatte die Siedlung im Brigachbogen einen Entwicklungsstand erreicht, der sie auch nach dem eingangs geschilderten Kriterienkatalog des Historikers Haas als Stadt charkterisiert. Bereits seit der Merowingerzeit profitierte die Siedlung von der Anbindung an das überregionale Verkehrswegenetz. Der um 1200 errichtete Mauerbering schloß eine Fläche von 23,5 ha ein, die aufgrund des Stadtbach / Straßensystems regelmäßig gegliedert war. Ein Stadtrecht ist zwar noch nicht nachweisbar, doch besaß die Marktsiedlung seit 999 einen gesonderten Rechtsstatus.

Erst unter der staufischen Herrschaft bildete sich aus einem älteren Marktgericht ein selbständiges Stadtgericht heraus, das 12 Personen umfassende Richterkollegium wurde 1225 erstmals genannt. Das erste Siegel der Bürgerschaft erscheint 1244 und wurde schon 1253 durch ein neues ersetzt. Im frühen 13. Jahrhundert wurde die Stadtbefestigung weiter ausgebaut, die Tortürme, von denen zwei unmittelbar neben den Motten liegen sowie wenig später ein weiterer Turm wurden errichtet.

Abb. 5: Gerberstraße 17- 21. Isometrische Rekonstruktion der durch Bauuntersuchung nachgewiesenen Bebauung. a) 13. Jahrhundert, b) 14. Jahrhundert.

Mit dem Versuch Heinrichs I. von Fürstenberg die Stadt in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zum Mittelpunkt seines Territoriums auszubauen, kam es zu der von ihm geförderten Niederlassung von Franziskanern und Johannitern, die neben dem Riet- und Bickentor ihre markanten Kirchen und Konventsgebäude errichteten. Ein gotischer Neubau des Münsters wurde begonnen, aber nicht zu Ende geführt. Unter den Erben des Fürstenbergers erfolgten weitere Klosterniederlassungen, seine Witwe stiftete das Heilig-Geist-Spital. Die monumentalen Klosterbauten prägten forthin das Erscheinungsbild der Stadt. Sie bildeten zugleich auch neue topographische Marken innerhalb des Mauerberings. Bei der Errichtung der seit dem späten 13. Jahrhundert als kommunaler Versammlungssaal genutzten Franziskanerkirche schuf man in ihrem Vorfeld einen dreiecksförmigen Platz. Nach der Niederlegung der Vorbebauung wurde der Verlauf der oberen Rietgasse leicht verändert.

Mit dem Erringen städtischer Autonomie wurden um 1300 die ersten Bauten der Bürgergemeinde errichtet. Der Bau des Rathauses leitet eine Phase intensiver Bautätigkeit ein, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts festzustellen ist. In seinem Vorfeld entstand durch das Zurück nehmen von Baufluchten und Umgestalten von Gärten um das Münster ein Platz. Auf der Oberen Straße wurde das Kaufhaus errichtet, weitere Marktbauten werden urkundlich genannt. Um das Straßenkreuz entstanden früh Gasthäuser 37). Die Baulücken an den Straßen wurden geschlossen, bestehende Gebäude vergrößert und erhöht (Abb. 5 b). Die Stadt erreichte damit einen Baubestand, der sie bis in die Neuzeit prägte und der noch in großem Umfang heute erhalten ist. In dieser letzten Ausbauphase der Stadt setzen die Schriftquellen vermehrt ein, und können zur Klärung archäologischer Strukturen herangezogen werden. So sind für das frühe 14. Jahrhundert, in dem nach den dendrochronologischen Daten ein regelrechter „Bauboom“ stattfand, zahlreiche Bestimmungen zum Bauwesen in den Stadtrechten überliefert 38). Diese schreiben die Orientierung an Baufluchten und das Decken des Dachs mit Ziegeln vor, sie regulieren den Aufteilungsprozeß der Parzellen und die Erweiterung und Erhöhung der Kernbauten. Letztlich ist das uns überlieferte Stadtbild ein Resultat dieser letzten Ausbauphase der Stadt.

Bleibt die Frage nach dem „Gründungsschema“, nach dem die Zähringer die Stadt angelegt haben sollen. Es fällt auf, daß sämtliche Interpretationen des Villinger Stadtgrundrisses von einem Bestand ausgehen, der nicht der frühstädtischen Siedlung entspricht. Das Villinger Straßenkreuz ist nachhaltig von den Baustrukturen des zähringischen Hofguts und der Topographie bestimmt, die Verlängerung der südlichen und östlichen Tangenten führte zu seiner Ausbildung. Zwar war das Straßennetz durch die Stadtbäche seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts festgelegt, doch sind verschiedene Modifikationen feststellbar. Seine endgültige Ausformung durch die Aufteilung von Großparzellen, den Zeilenschluß der Häuser und die Schaffung von Plätzen erfuhr der Stadtgundriß erst im frühen 14. Jahrhundert. Dieser Bestand wurde irrigerweise in eine sagenhaft überlieferte „Gründungszeit“ 1119 übertragen. Die naturgemäß daraus resultierenden Schwierigkeiten wurden in oft nicht nachvollziehbarer Weise zu klären versucht. Das ausgeprägte und regelmäßige Grund-rißschema wurde auf den Willen des „Stadtgründers“ zurückgeführt, aus der spätmittelalterlichen Parzellenstruktur versuchte man vergebens ein einheitliches Hofstättenmaß dieser Gründung abzulesen. Unregelmäßigkeiten im System wurden zwar erkannt, doch gemäß der Grundüberlegung interpretiert. So sollte das Areal des Mün-sterplatzes von der ursprünglichen Bebauung ausgenommen gewesen sein um später hier das Pfarrmünster zu errichten. Die Grabungsergebnisse zeigen dagegen, daß der Platz in vor- und frühstädtischen Phasen bebaut und parzelliert war und erst um 1300 seine heutige Gestalt erhielt.

Fallbeispiel 2:

Die Stadtbefestigung 39)

In allen archäologisch beurteilbaren „Zähringerstädten“ zeigt sich, daß die Befestigung mit Mauer und Graben erst in einem bereits fortgeschrittenen Stadium der Siedlungsverdichtung erfolgte. In Freiburg i. Br. erfolgte der früheste nachweisbare Mauerbau in der Mitte des 12. Jahrhunderts, obwohl seit 1100 dichte Bebauung nachweisbar ist und 1120 die Marktgründung erfolgte. Für die Befestigung wurden unterkellerte Bauten im Bereich des „burgus“ aufgegeben und überbaut 40). In der westlichen Oberstadt Burgdorfs erfolgte die Befestigung mit der Mauer und vorgelagertem Spitzgraben um 1200, also zu einem Zeitpunkt in dem die Siedlung bereits als frühe Stadt zu bezeichnen ist 41). In den meisten Städten ist die Stadtmauer erst im frühen 13. Jahrhundert urkundlich faßbar, wobei oft ein höheres Alter vermutet werden kann. In den archäologisch beurteilbaren Städten zeigt sich, daß die urkundliche Erwähnung immer den Ist-Zustand dokumentiert und keine exakten Aussagen über das Alter zuläßt.

Bislang ging man davon aus, daß ein teilweiser Erlaß der von Villingen zu zahlenden Steuern im Reichssteuerverzeichnis von 1241 als Fördermaßnahme für den ersten Mauerbau zu werten ist. Der staufische Schenk Konrad von Winterstetten hätte demnach den Bau der Befestigung während der kurzen Zeit als freie Reichsstadt initiiert. Da für die Stadt jedoch das legendäre „Gründungsdatum“ 1119 überliefert war und man sich lange eine unbefestigte Stadt nicht vorstellen konnte, wurde verschiedentlich gemutmaßt, daß es eine ältere Befestigung eines Kernbereichs aus Holz und Erde gegeben habe. Diese Schlußfolgerung ist nicht zwingend, da man mittlerweile weiß, daß bedeutende mittelalterliche Städte, wie etwa Zürich oder Konstanz, erst im 13. Jahrhundert, also lange Zeit nach der Stadtwerdung, befestigt wurden. Die archäologischen Aufschlüsse in den fraglichen Bereichen der Villinger Kernstadt belegen, daß es eine Befestigung mit Wall und Graben vor der Errichtung der Mauer mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gegeben hat.

Das älteste nachweisbare Element der Stadtbefestigung ist die Innere Mauer, die eine Fläche von 23,5 ha umschloß. Verschiedene archäologische Aufschlüsse weisen auf einen Beginn des Mauerbaus in der Zeit um 1200 hin. Der vorgelagerte Sohlgraben war nur 2,5 m tief, aber 15 m breit. Das Aushubmaterial wurde teilweise auf einen stadteinwärts gelegenen Geländestreifen angeschüttet und zeichnet sich als leichte Erhebung ab. Der Grabenaushub und der in einem Zuge erfolgte Mauerbau erfolgte vermutlich in einem Zeitraum von 10 – 15 Jahren und ist als eines der größten kommunalen Bauvorhaben zu werten. Erst später kam es zum Bau der vier Stadttore am Ende der Hauptstraßen. Bislang ließ sich ihre Bauzeit aufgrund der kunstgeschichtlicher Datierung in die Zeit 1220 – 1250 eingrenzen. Die erste schriftliche Erwähnung eines Tores erfolgte erst 1290. alle drei erhaltenen Tore sind in Bezug auf die Stadtmauer etwa 5 bis 7 m zurückversetzt erbaut worden. Dies deutet auf eine ursprünglich anders organisierte Torsituation hin, vermutlich einfache Durchlässe mit Flügeltüren. Um eine Nutzung der Durchlässe während der Bauzeit zu gewährleisten, baute man die Tortürme, wie auch andernorts zu beobachten, etwa beim Freiburger Predigertor, von der Mauerflucht zurückversetzt. Durch den späteren Maueranschluß entstand eine Torkammer, die demnach keine chronologisch zu wertende wehrtechnische Entwicklung, sondern eine durch den Bauablauf bedingte Erscheinung ist. Die bauhistorische Untersuchung von B. Lohrum konnte zeigen, daß zwei der Tore erhebliche Zeit nach der Stadtmauer errichtet wurden.

Der älteste datierbare Stadtzugang ist das Riet-tor, dessen erste Bauphase 1232 / 33 datiert. Die Errichtung des Bickentores erfolgte erst eine Generation später um 1260. Für das Obere Tor und das abgebrochene Niedere Tor konnten keine Baudaten ermittelt werden, es hat jedoch den Anschein, daß die vier Tore nacheinander erstellt wurden. Mit dem Bau der Tortürme fand die erste Phase der Villinger Stadtbefestigung ihren Abschluß. Erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts sind weitere Ausbauten festzustellen.

Im Osten des Mauerberings wurde 1372 der Kaiserturm errichtet. Das wiederum durch die Datierung des Holzgefüges erbrachte Datum deckt sich mit der stadteinwärts angebrachten Bauinschrift, die das gleiche Baudatum überliefert. Auch der Bau des Romäusturmes kann mittlerweile durch eine Baugefügeuntersuchung datiert werden. Aufgrund seines archaischen Aussehens, das den kunsthistorischen Topos vom staufeschen Buckelquader evoziert, wurde der Romäusturm bisher meist in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert. Die beiden Untergeschosse, die sich deutlich von dem jüngeren Aufbau abheben, wurden jedoch erst 1390 errichtet.

Um 1400 wurden vermutlich zwei weitere Wachtürme errichtet, die in der Größe etwa dem Kaiserturm entsprachen. Zum einen handelt es sich um das Elisabethentürmchen zwischen Romäus-turm und Riettor. Ein weiterer Turm, das sog. Türmle, wurde beim damaligen Pfleghof des Klosters St. Georgen errichtet. Seine Sockelgeschosse bilden heute den Turm der Benediktinerkirche 41).

Auf die Weiterentwicklung der Stadtbefestigung mit der Ausführung des zweiten Mauerberings, die barocken Ausbaupläne sowie die Fragen der Entfestigung möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Zur ersten Phase der Befestigung bleibt festzuhalten, daß die Mauer, als Symbol der Rechtsstellung Villingens als Stadt, erst zu einem Zeitpunkt errichtet wurde, als sich im heutigen Kernstadtbereich bereits frühstädtische Siedlungsstrukturen voll ausgebildet hatten, die bis dahin unbefestigt waren. Durch die archäologisch-bauhistorische Betrachtungsweise wird deutlich, daß die Befestigung der Siedlung Villingen nur durch langfristige, zentrale Planung erfolgen konnte. Die Errichtung innerhalb eines Zeitraums von mehreren Generationen erfolgte ab etwa 1200 durch Bauhandwerker.

Fallbeispiel 3 :

Die Zeit der Siedlungsverlegung und der „Stadtgründer“

Auf dem Hintergrund dieses durch archäologisch – historische Untersuchungen nachgewiesenen Siedlungsablaufs ist es im Grunde müßig, nach der „Gründung“ Villingens zu fragen. Es wird vielmehr deutlich, daß dieser sich über mehrere Generationen erstreckende Prozeß auf keinen einzelnen „Gründer“ zurückzuführen ist, vielmehr trugen alle oben diskutierten Anwärter dieses Titels ihren Teil dazu bei. Bereits mit der Bevorrechtung und der Schaffung eines Marktes entstand bei dem Sitz Bertholds 999 ein Ort, der einige Kriterien einer frühen Stadt erfüllte. Der Ort wurde zum Warenumschlagplatz und somit wirtschaftlichen Mittelpunkt einer relativ dicht besiedelten Region mit einem dezentralen Siedlungsgefüge. Zu einer Siedlungsverdichtung, einem weiteren Kriterium der Stadt, kam es wohl seit dem Investiturstreit unter Berthold II. von Zähringen, unter dem vermutlich auch der erste Kirchenbau begonnen wurde. Die Siedlungskonzentration, die sich spätestens seit der Mitte des 12. Jahrhunderts nach einem durch Infrastrukturmaßnahmen vorgegebenen Raster vollzog, fand erst unter dem letzten Zähringer einen Abschluß. Seit dieser Zeit ist spezialisiertes Handwerk nachweisbar. Herzog Berthold V. wird wohl als „fun-dator“ der Stadt bezeichnet, weil unter seiner Herrschaft die Stadtmauer als markantes Zeichen des neuen Status entstand. Sieht man vom nicht zu klärenden rechtlichen Status der Bewohner ab, waren für Villingen seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Definitionskriterien einer mittelalterlichen Stadt erfüllt. Wesentliche weitere Aspekte, etwa die Emanzipation der Bürgergemeinde und das Auftreten monumentaler und öffentlicher Bauten treten jedoch erst im Laufe des 13. Jahrhunderts hinzu.

4. Schlußfolgerung

Nach alldem stellt sich natürlich die Frage, ob es sinnvoll ist, die Begriffe „Zähringerstadt“ oder „Zähringergründung“ weiter zu verwenden. Zweifellos dienten Städte den Zähringern als ein Element des Landesausbaus und der Raumbeherrschung, doch zeigen diese Siedlungen weder in städtebaulicher noch in rechtlicher Hinsicht spezifische Merkmale, die sich nur in Städten der Zähringer finden. Die Bezeichnung kann daher nicht als Gattungsbegriff zur Klassifizierung bestimmter Städte herangezogen werden. Vielmehr entstanden sie, wie schon Schwineköper erkannte, aus der Tradition des mitteleuropäischen Städtewesens, das seit dem 11. Jahrhundert neue Impulse erhielt. Die Zähringer nutzten jedoch ihre Möglichkeit konsequent, durch die Förderung von Städten den Landesausbau in ihrem Herrschaftsbereich voranzutreiben. Dies entspricht ihrer Stellung als eine der rührenden Adelsgeschlechter der Opposition gegen den Kaiser während des Investiturstreites. Dies setzte in Südwestdeutschland und der Nordschweiz deutliche Akzente und zog eine Welle von Stadtanlagen anderer Adelsgeschlechter nach sich. Gerade die sogenannten Städte mit „Zähringer-tradition“ geben Einblick in die Funktion dieser frühen Stadtanlagen. Die von den Fürstenbergern im 13. Jahrhundert auf der Baar gegründeten Städte Bräunlingen, Fürstenberg und Vöhrenbach zeigen, daß sich ähnliche Prozesse wie bei den „Zähringerstädten“ erkennen lassen. Die Städte wurden in erschlossenen Siedlungsräumen angelegt, deren Standortfaktoren jedoch erheblich schlechter waren. Diese Kleinstädte hatten meist nur eine Mittelpunktsfunktion für das unmittelbare Umland. Eine Rolle spielte auch die Kontrolle von Verkehrswegen was insbesondere Vöhrenbach, als „Ersatz“ für Villingen, deutlich macht 43).

Über die „Gründung“ von Städten durch die Zäh-ringer kann häufig nur spekuliert werden, da letztlich bei keiner ein urkundlich fixierter Gründungsakt nachweisbar ist. Meist erscheinen sie urkundlich erst nach dem Aussterben der Zähringer als Stadt im rechtlichen Sinne. Demgegenüber kann durch die Archäologie gerade die Frühphase einiger Städte erfaßt werden. Sie liegt meist deutlich vor durch Schriftquellen zu fassenden Elementen der Stadt, die überlieferten Stadtrechte stellen offenbar den Schlußpunkt der Stadtentwicklung dar. Die nur mit archäologischen Methoden zu fassenden frühstädtischen Strukturen, die durchaus von den historischen Plänen abweichen können, machen die planerischen Eingriffe deutlich, die die „Gründungsstädte“ von den „gewachsenen“ Städten unterscheiden. Als wesentlichstes Element erscheint hier die Festlegung eines regelmäßigen Straßensystems und den darauf Bezug nehmenden Stadtbächen. Solch umfassende Infrastrukturmaßnahmen, die sich an älteren Siedlungsstrukturen und den topographischen Gegebenheiten orientierten, können letztlich nur auf die Ortsherrschaft und ihre vor Ort zu fassenden Ministerialen zurückgehen. Ein solchermaßen vorbereitetes „Bauerwartungsland“ konnte sukzessive aufgesiedelt werden, wobei die Größe der Hofstätten variieren konnte. Eine Befestigung der Ansiedlungen durch Mauer und Graben erfolgte oft erst deutlich nach der Siedlungsverdichtung. Die Einbeziehung des Umlands der späteren Städte in diese Betrachtung macht deutlich, daß mit der Siedlungskonzentration ein Wüstungsprozeß benachbarter Dörfer, Weiler und Wehranlagen einherging. Diese Prozesse erstreckten sich über mehrere Jahrzehnte, was durch den Begriff „Stadtgründung“ nicht zum Ausdruck kommt. Die Zähringer und andere „Stadtgründer“ gaben vielmehr Impulse zu einer Umgestaltung einer dezentral strukturierten Siedlungskammer zur Stadt, die ihr Umland dominiert. Während die konkrete Art der Einwirkung des Ortsherrn nicht genau bestimmt werden kann, wird doch das Ergebnis deutlich. Die Siedlungskonzentration brachte neue Erfordernisse an die Struktur der Bebauung der engen Parzellen mit sich. An den festgelegten Straßen reihten sich die meist aus Stein erbauten Wohnbauten, dahinter erstreckten sich Hofareale mit Nebengebäuden und Gärten. Obwohl sich die Häuser der „Zäh-ringerstädte“ allgemein der süddeutschen Hauslandschaft, die von traufenständigen Häusern geprägt ist, zuordnen lassen, bildeten sich jedoch in den einzelnen Städten an die jeweiligen Erfordernisse angepaßte Haustypen heraus. Die Normierung des Hausbaus in den einzelnen Städten wurde durch die zügig erfolgte Bebauung, die nicht ohne spezialisierte Bauarbeiter auskam, gefördert. Die erhöhte Einwohnerzahl förderte die Herausbildung arbeitsteiliger Produktionsmethoden und brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung mit sich. Zur Deckung des Konsums der Bevölkerung wurde spätestens in der frühstädtischen Phase ein Markt eingerichtet, aus dessen Schutz sich eine rechtliche Sonderstellung der „Städter“ ableitet. Diese in erster Linie archäologisch faßbaren Siedlungen des 12. Jahrhunderts müssen meines Erachtens bereits als Städte bezeichnet werden, sie schließen die Lücke zwischen den bis zum 11. Jahrhundert erfolgten Marktgründungen und den seit dem frühen 13. Jahrhundert auch im rechtlichen Sinne voll entwickelten Städten.

Durch die Erfassung zusammenhängender Strukturen aus der Frühzeit von Städten können die Wachstumsphasen sowie Kontinuität bzw. Wandel in der Grundrißgestaltung differenzierter betrachtet werden. Dieser Hinzugewinn an historischen Quellen ist vor allem für bislang durch Schriftquellen kaum zu fassende Zeiträume äußerst wichtig. Die „Stadtgründungen“ erscheinen demnach als lange andauernder Prozeß, der häufig mit Veränderungen in der Grundrißstruk-tur verbunden war. Obwohl eine solche Bearbeitung immer lückenhaft bleiben muß, kann die archäologisch-historische Analyse der Stadtentwicklung Villingens zeigen, daß nur durch eine konsequente fachübergreifende und interdisziplinäre Arbeit ein umfassendes Bild über die Prozesse im Umfeld der Entwicklung früher Städte gezeichnet werden kann.

Anmerkungen:

1) Der vorliegende Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines Vor­trages, der vom Verfasser am 10. November 1993 im Villinger Alten Rathaus gehalten wurde.

2) C. Haase, Die Entstehung der westfälischen Städte. Veröff. Provin-zialinst. Westf. Landes- und Volkskunde I, 11, 1960, 65 ff.

3) H. Planitz, Die deutsche Stadt im Mittelalter von der Römerzeit bis zu den Zunftkämpfen 2) (Graz, Köln 1965).

4) E. Pitz, Europäisches Städtewesen und Bürgertum. Von der Spät­antike bis zum hohen Mittelalter (Darmstadt 1991) 225 ff.

5) E. Ennen, Die Europäische Stadt des Mittelalters 4) (Göttingen 1987). – B. Schwineköper, Beobachtungen zum Problem der „Zähringerstädte“. Schau-ins-Land 84 / 85, 1966 / 67, 49 – 78. – J. Sydow, Adlige Stadtgründer in Südwestdeutschland. In: E. Maschke / J. Sy-dow (Hrsg.), Südwestdeutsche Städte im Zeitalter der Staufer. Stadt in der Geschichte 6 (Sigmaringen 1980).

6) Chr. Roder, Heinrich Hug Villinger Chronik 1495 – 1533. Bibliothek des Literarischen Vereins Stuttgart (Tübingen 1833).

7) R. Feger (Hrsg.), Johann Sattler, Chronik der Stadt Freiburg im Breisgau. Unveränderter ND der 1968 von Joh. Schilter herausgegebe­nen Ausgabe (Freiburg i. Br. 1979) 20.

8) Roder (Anm. 6) 214.

9) E. Heyck, Geschichte der Herzöge von Zähringen (Freiburg i. Br. 1891, ND Aalen 1980) 521.

10) Schwineköper, in: H. Schadek / K. Schmid, (Hrsg.), Die Zährin-ger: Anstoß und Wirkung. Veröff. zu Zähringer-Ausstellung II (Sig­maringen 1986) 264, Nr. 222.

11) F. X. Kraus, Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden 2: Kreis Villingen (Freiburg i. Br. 1890) 114.

12) J. Sydow, Stadtbezeichnungen in Württemberg bis 1300. In: FS Berent Schwineköper (Sigmaringen 1982) 244 ff. 13)

13) Ch. Roder, Oberrheinische Stadtrechte. 2. Abt. Schwäbische Rechte 1: Villingen (Heidelberg 1905).

14) E. Hamm, Die Städtgründungen der Herzöge von Zähringen in Südwestdeutschland. Veröff. Alem. Inst. Freibung i. Br. (Freiburg 1932) 94 -103.

15) W. Noack, Die Stadtanlage Villingens als Baudenkmal. Badische Heimat 25, 1938, 234 f.

16) P. Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen (Villingen 1964) 67.

17) Meckseper, Rottweil. Untersuchungen zur Stadtbaugeschichte im Hochmittelalter. Maschinenschr. ing. Diss (Stuttgart 1968) 260­270.

18) K. Gruber, Zur Baugeschichte des Villinger Münsters. Mein Hei­matland 29, 1942, 9 -16.

19) F. Sepaintner, Villingen. In: Hist. Atlas Bad.-Württ. IV, 7 (Stuttgart 1974) 13 – 17.

20) G. Althoff, Warum erhielt Graf Berthold im Jahre 999 ein Markt­privileg für Villingen? In: K. Schmid (Hrsg.), Die Zähringer: Schwei­zer Vorträge und neuere Forschungen. Veröff. zur Zähringerausstel-lung III (Sigmaringen 1990) 269 – 274.

21) M. Untemann, Archäologische Befunde zur Frühzeit der Stadt Freiburg. In: Geschichte der Stadt Freiburg i. Br. 1 (Stuttgart 1995) im Druck. – Ders., Archäologische Befunde zur Frühgeschichte der Stadt Freiburg. In: Freiburg 1091 – 1120. Freib. Forsch. 1. Jahrt. Südwestdtl. (Sigmaringen 1995) im Druck.

22) K. Bänteli, Schaffhausen – seit dem 11 Jh. befestigte Stadt. In: Nachrichten des Schweizer Burgenvereins 67, 1994, 82 – 90. Mit wei­terführender Literatur.

23) L.. Klappauf, Rottweil. Untersuchungen zur Frühgeschichte der Stadt auf Grund der Ausgrabungen 1975 -1979 im Bereich des ehema­ligen „Königshofes“. Masch.schr. phil. Diss. (Freiburg 1980). – Ch. Gildhoff, Archäologische Untersuchungen zur Frühgeschichte der Stadt Rottweil. Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 1992 (Stuttgart 1993) 314 – 320. – Ch. Gildhoff / W. Hecht, Rottweil. In: Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch. Die Stadt um 1300 (Zürich, Stuttgart 1992) 109 -125.

24) B. Jenisch, Villingen. Archäologisch-historische Aspekte der Stadt­entwicklung im Vergleich mit anderen „Zähringer- Gründungsstäd­ten“. Masch.schr. phil. Diss. (Tübingen 1993), die Arbeit wird derzeit zur Drucklegung in der Reihe „Forschungen und Berichte der Archäo­logie des Mittelalters in Baden-Württemberg“ vorbereitet. – Zu archäologischen Grabungen seit 1990 vgl. B. Jenisch / H. Rudolph, Villingen. In: Fundber. Bad.-Württ. 19 / 2 (im Druck).

25) H. Maier, die Flurnamen der Stadt Villingen. Schriftenreihe der Stadt Villingen 1 (Villingen 1962). – M. Schmaedecke, Siedlungswü-stungen auf der Gemarkung Villingen, Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis. Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 1988 (Stutt­gart 1989) 269 – 271.

26) W. Müller, Die Kirchengeschichte Villingens im Mittelalter. In: W. Müller (Hrsg.), Villingen und die Westbaar. Veröff. Alem. Inst. 32 (Bühl 1972) 100 -126.

27) Jenisch (Anm.24) 51 -60. 309 ff.

28) H. Hinz, Motte und Donjon. Zur Frühgeschichte der mittelalter­lichen Adelsburg. ZAM Beih. 1 (Köln 1981).

29) Ch. Roder (Anm. 13) Nr. 26, § 66, 52 -56.

30) A. Zettler, Zähringerburgen: Versuch einer landesgeschichtlichen und burgenkundlichen Beschreibung der wichtigsten Munumente in Deutschland und der Schweiz. In: K. Schmid (Hrsg.), Die Zähringer: Schweizer Vorträge und neue Forschungen. Veröff. zur Zähringer-Ausstellung III (Sigmaringen 1990) 95 – 176.

31) Herrnbrodt, Der Husterknurr; eine niederrheinische Burgen-anlage des frühen Mittelalters (Köln, Graz 1958).

32) Th. Keilhack, Das Münster Unserer Lieben Frau zu Villingen: Ein archäologischer Beitrag zur Baugeschichte. Geschichts- und Heimat­verein Villingen Jahresheft 5 1980, 24 – 37.

33) Wischermann, Romanik in Baden-Württemberg (Stuttgart 1987) 323 f.

34) K. Spindler, Zur Topographie der Villinger Altstadt. Fundber. Bad.-Württ. 4, 1979, 391 -413.

35) Jenisch (Anm. 24).

36) Jenisch, „… alhie zuo vilingen …“. Eine Stadt des Mittelalters im Streiflicht. Arch. Inf. Bad.-Württ. 15 (Stuttgart 1990 ) 13 – 15, Abb. 4.

37) B. Jenisch, Das Wirtshaus zu der Mohrin. Geschichts- und Heimat­verein Jahresheft 16, 1991 / 92, 14 – 25.

38) Roder (Anm. 13) Nr. 26.

39) Die stark gekürzte Passage ist detailiert nachzulesen in B. Jenisch, Neue Aspekte zur Villinger Stadtbefestigung. Denkmalpfl. Bad.-Württ. 23 / 3, 1994, 100 – 108. Mit weiterführender Literatur.

40) M. Porsche, Die mittelalterliche Stadtbefestigung von Freiburg im Breisgau. Materialh. zur Arch. 22 (Stuttgart 1994).

41)  D. Gutscher / H. Kellenberger, Die Rettungsgrabungen in der Burgdorfer Marktlaube. Arch. im Kt. Bern 1, 1990, 241 – 266.

42) R. Willner, Die Benediktinerkirche in Villingen. Masch.schr. Magi­sterarbeit (Freiburg 1988).

43) K. S. Bader, Beiträge zur älteren Geschichte der Stadt Vöhrenbach (Vöhrenbach 1965).