Villinger Votivbilder und Votivgaben (Kurt Müller)

Zusammenfassung des Lichtbildervortrages vom 3. März 1994 im alten Rathaus.

 

Der Fürstenbergkelch

Schon aus dem Tempel von Jerusalem, auch aus den Wallfahrtszentren der antiken heidnischen Welt, sind kostbare Weihegeschenke der Mächtigen und einfache Weihegaben kleiner Leute bekannt. Das germanische Eigenkirchenwesen mit der ganzen Problematik der Anstellung von Geistlichen durch den Kirchherrn, aus dem sich nach dem Wormser Konkordat 1122 das Patronatswesen entwickelte, gehört in den Umkreis von geistlichen Stiftungen. Ein bedeutender Teil der Geschenke und Gaben an Kirchen und Klöster hat mit dem Begriff „Seelgerät“ eigentlich „Seelgerett“ oder „Seelgift“ zu tun. Das waren Stiftungen zum eigenen oder fremden Seelenheil, die testamentarisch oder schon zu Lebzeiten gemacht wurden. Altarstiftungen und Stiftungen von Altarpfründen in der Altstadtkirche und dem Münster von Villingen stehen sicher in diesem Zusammenhang. Das kostbarste Geschenk aus dem Hause Fürstenberg, wohl aus Anlaß des Ritterschlags der Söhne 1282 dem Münster übergeben, ist der sogenannte Fürstenbergkelch. Der Kelch trägt am Rand des Fußes die Inschrift: „Ich Kelch bin geiben durch Grafe Heinrich von Fürstenberg und durch Agnesen sin Wip und durch ihr Kinder siebeniv“. Es ist ein besonderes Zeichen der Wertschätzung und Dankbarkeit der Villinger, daß dieses Kleinod die Jahrhunderte hat unbeschädigt überdauern können und bis heute an Feiertagen im ehrenvollen Dienst der Liturgie steht.

Unter Votivgaben im eigentlichen oder engeren Sinn versteht man nun Bitt- und Dankzeichen verschiedenster Art, aber auch Weihegeschenke für Gott oder einen Heiligen an einem Wallfahrtsort oder einem Gnadenaltar. Damit wird geistliche Verbindung mit der heiligen Stätte dokumentiert. Es ist ein sinnfälliger Akt der An-heimstellung, es wird ein erfahrener Gnadenerweis öffentlich bekundet. Nach den großen Fernwallfahrten des Mittelalters nach Jerusalem, Rom und Santiago de Compostella, die sehr oft Bußcharakter hatten, entstanden später viele kleinere d. h. nach näher gelegenen Gnadenorten orientierte Wallfahrten verstärkt nun als Dank-und Bittgänge. Wo ursprüngliche Ausstattung sich erhalten hat, z. B. im bayrischen Altötting, trifft man in der Gnadenkapelle zum einen auf Mirakelbilder, die zum Zweck der Werbung neuer Wallfahrer von der Entstehung des Gnadenorts und daselbst erlebten Heilungen und Wunderzeichen erzählen. Und man begegnet einer Fülle von Votivbildern. „Ex-voto“, aufgrund eines Gelübdes, eines Versprechens hat der Votant ein Bild malen lassen und es der Kirche geschenkt. Darauf ist dargestellt seine besondere Notlage oder Gefahrensituation, aus der ihn die Anrufung der Gottesmutter oder des am betreffenden Heiligtum verehrten Heiligen gerettet hat. Oft ist der Votant in Gebetshaltung mit seiner ganzen Familie auf dem Bild. Meist über der Situation schweben der Schutzheilige oder Maria. Rings ums Gnadenbild angebracht, oder in der Schatzkammer geborgen, sind die übrigen Votivgaben aus Gold und Silber, aus Ton und Wachs, oder einfach abgelegte Krücken. In unserer näheren Heimat findet man Wallfahrtkirchen mit vielen erhaltenen derartigen Votivbildern etwa die Schenkenbergkapelle bei Emmingen ab Eck, oder die Annakapelle im Gnadental in der Nähe des ehemaligen Klosters Maria Hof bei Neudingen.

 

Votivbild aus der Schenkenbergkapelle

 

Die wohl ältesten Votivbilder oder eigentlichen Votivgaben von Villingen befanden sich sicher in der Bickenkapelle und waren dem Nägelinkreuz und der dazugehörenden Pieta gewidmet. Die erstmals 1415 erwähnte Holzkapelle wurde 1624 neu erbaut und 1633 mit vielen Votivtafeln zerstört. 1669 wurde die bis zum 22. Februar 1945 bestehende neue Kapelle errichtet. 1735 erwähnt Stadtpfarrer Johann Jakob Rieger in seinem Nägelinkreuzbüchlein wieder „viele Opfer und Gelübdstafeln, Denk- und Dankmäler der Er-barmnis Gottes“ in der Kapelle. Im Zusammenhang mit der Aufklärung und des Kampfes von Kaiser Josef II. gegen das Wallfahrtswesen, sind diese Votivbilder und -gaben mit wenigen Ausnahmen verschwunden. Der Gekreuzigte am Nägelinkreuz trägt ein 1710 gestiftetes feuervergoldetes Herz auf der Brust.

Votivherz am Nägelinkreuz

 

Die vergoldeten Strahlen des Nimbus sind Weihegaben von 1748. Im städtischen Museumsbesitz ist geborgen ein Votivbild mit kleiner Viehherde und ein aus schwerer Belagerungszeit stammendes Votivbild auf dem das Nägelinkreuz über der bedrohten Stadt schwebt.

 

Votivbild aus der Bickenkapelle (Städt. Museum)

An der zerstörten Gnadenstätte vor der Stadt, an der steinernen, der einzigen Brigachbrücke, bei der der Stationenweg zur Altstadtkirche und damit zum Friedhof begann, erinnert heute das Steinkreuz am geschwungenen Fußgängersteg zum Landratsamt. Das Nägelinkreuz selber aber ist geborgen und bleibt verehrt im „finsteren Chörle“ der ökumenischen Ecke des Münsters. In unmittelbarer Nähe der Bickenkapelle liegt das Bickenkloster.

 

Die Vision der Ursula Haider; Villinger Kanonenkugel in Einsiedeln in der Schweiz

 

Dahin kam 1480 aus Valduna, vom Stadtpfarrer und Franziskanerprovinzial gerufen, Äbtissin Ursula Haider mit 7 Klarissin-nen. Die sollten das Kloster am Bickentor zu einem geschlossenen Klarissinnenkonvent reformieren. Bei einem mächtigen Gewitter wurde Ursula Haider in einem Wolkenfenster die Vision der Gottesmutter Maria geschenkt. Und wie mit dem Nägelinkreuz besondere, der Stadt geltende, Verheißungen verbunden sind, so wurde auch hier in dieser Vision eine der Stadt Villingen geltende Zusage zuteil: „Wenn Du bewirkst, daß Du und Deine Untergebenen jährlich einen besonderen Dienst verrichtest, dann wird Dir und der ganzen Stadt, Maria eine getreue Fürbitterin sein. Du und die ganze Stadt sollen allezeit von mir beschützt und beschirmt sein“. (Der besondere Dienst, die Rezitation der 150 Psalmen mit besonderen Zusätzen wird bis heute von den

Ursulinen in St. Ursula während der Fastenzeit getreu verrichtet). Im Konventsaal des Klosters hängt ein Denk- und Dankbild mit einer kurzen Vita von Ursula Haider. Der letzte Satz lautet: „Ihr Leben war heilig und wunderbar.“

Bild am Grab von Ursula Haider

 

Die besondere Rolle von Ursula Haider und ihren Schwestern als Fürbitterinnen für die Stadt ist festgehalten auf dem Bild, das ihre Grabnische in der rechten Südwand der Klosterkirche ziert. Linus Bopp schreibt in seinem Büchlein über sie: „Möge Villingen und seine Jugend Ursula Haider nicht vergessen, deren sterbliche Hülle im ehrwürdigen Bickenkloster den flüchtig durchs Tor Eilenden an den letzten Sinn des Lebens gemahnt“.

Wie in ganz Deutschland, so war auch in Villingen die Zeit des Dreißigjährigen Krieges voller Elend und Not. Die wiederholt hart bedrängten und belagerten Villinger konnten sich stets der Feinde erwehren. Wir lesen in der 1896 in Freiburg erschienenen Wallfahrtsgeschichte von Einsiedeln von Pater Odilo Ringholz OSB folgende Notiz: „Im Schwedenkriege nahmen viele Städte ihre Zuflucht zu unserem Gnadenorte (Einsiedeln). Die Bürgerschaft von Villingen, die schon um 1530 den Brauch und die Gewohnheit hatte, eine Pilgerfahrt gen Einsiedeln zu tun, wurde in den Jahren 1633 und 1634 von den, mit den Schweden verbündeten, Württembergern dreimal hart bedrängt. Zum Danke für die Rettung machten sie einen Kreuzgang nach Einsiedeln, wo sie eine Gelübdetafel und eine Kanonenkugel hinterließen. Letztere hängt noch jetzt am Haupteingang in der Wallfahrtskirche und trägt die zum Teil verblichene Aufschrift: Villingen 1633. Im alten Rathaus in Villingen hängen zwei Erinnerungen an den Dreißigjährigen Krieg, die man als Votivbilder bezeichnen muß. Das eine hat zum Thema die Winterbelagerung durch die Württemberger im Bund mit den Schweden vom 11. – 24. Januar 1633. Über der Stadt schwebt die Gottesmutter, derem Schutz sich die Villinger anempfohlen haben.

 

Winterbelagerung 1633

 

Das zweite Bild aus der Belagerung im Sommer 1633 zeigt die unter Beschuß liegende Stadt und die Bürgerschaft drängt sich unter den Schutzmantel Mariens.

Die Wasserbelagerung vom Juni bis September 1634 wurde durch ein Weihegeschenk an den Hl. Nepomuk im Bewußtsein gehalten. 1711 ließ Graf von Trutmannsdorf das Standbild des Heiligen in der Niederen Straße an der Stelle errichten, bis zu der das gestaute Wasser in die Stadt gedrungen war.

Die Tallardsche Belagerung von 16. bis 22. Juli 1704 brachte die Stadt in allergrößte Gefahr. Nach menschlichem Ermessen war Widerstand gegen solche Übermacht sinnlos. Aber das Gottvertrauen und die feste Überzeugung, daß die gegebenen Verheißungen der Stadt auch in auswegloser Lage gelten würden, erklärt den Mut der Verteidiger. Und weil nach glücklichem Ausgang der Belagerung die Villinger den Sieg nicht der eigenen Tapferkeit, sondern dem Eingreifen himmlicher Kräfte zuschrieben, setzten sie viele geistliche Zeichen der Dankbarkeit. In der Not der Belagerung hatte der Rat auf Vorschlag des Stadtpfarrers Johann Jakob Rieger das Gelübde abgelegt, bei Errettung der Stadt eine Lorettokapelle zu bauen. Schon am 22. Juli 1705 wurde der Grundstein gelegt und „aus gemeiner Stadtmittel“ die Kapelle errichtet.

Das Innere der Lorettokapelle

Die Bürger beschenkten die Kapelle mit frommen Stiftungen und liturgischen Geräten, so daß ein eigener Lorettofond entstehen konnte. Die hohe Wertschätzung der Kapelle durch die Villinger beweist ihr erbitterter Widerstand als Josef II. sie zusammen mit der Bickenkapelle abbrechen wollte. Jedes Jahr wird am Fest Christi Himmelfahrt ein festlicher Gottesdienst vor der Kapelle gehalten, bei dem der Kelch verwendet wird, auf dessen Fuß die Inschrift steht: „Dieser Kelch gehört Maria Loretta bei Villingen 1708“.

Sehr beliebt bei den Villinger Bürgern war und ist seit ihrer Entstehung 1697 die Wallfahrt zu Maria in der Tanne in Triberg. 1891 wurden dort alle Votivbilder und Votivgaben aus der Kirche entfernt. Gott sei Dank mit zwei Ausnahmen. Es blieb erhalten das 1714 von der Markgräfin Augusta Sybille nach Triberg gestiftete kostbare silberne Antependium für den Hochaltar, und es blieb erhalten das mächtig große Villinger Votivbild, das die Ratsherren am 21. November 1715 begleitet von viel Volk nach Triberg getragen haben. Das Bild vom Georg Glückher aus Rottweil gemalt, wurde von Stadtpfarrer Rieger und vom Bruder des Künstlers Abt Michael Glück-her von St. Georgen (in Villingen) der Wallfahrtskirche in einem feierlichen Dankamt übergeben. Die Frauengestalt, die der allerheiligsten Dreifaltigkeit den Dank abstattet ist die Symbolgestalt für die Stadt Villingen. Am unteren Bildrand erscheint die wohl schönste Ansicht der Stadt aus dem 18. Jahrhundert.

Detail des Triberger Votivbildes

Die lateinische Votationsformel lautet in deutscher Sprache: „Dem Vater, Sohn und Hl. Geist und der Schutzherrin Maria weiht die gerettete Stadt Villingen diese Gabe, damit dieses Ereignis nie vergessen wird 1715“. Sechs in die Stadt abgefeuerte Kanonenkugeln unter dem Bild, verdeutlichen den Grund für diese wertvolle Votivgabe. Eine etwas martialisch anmutende Votivgabe im Münster stellen die anderen dort aufgehängten Kanonenkugeln aus der Tallardschen Belagerung dar. Die Menschen aber, die das tagelange Bombardement überlebt hatten, die verstanden dies Geschenk an das Münster gewiß als Zeichen großen Dankes, daß man solchen Feuer und Tod bringenden Granaten – wenn auch mit schweren Opfern – entkommen war.

Kanonenkugeln von 1704 im Münster

 

Detail aus dem Motivbild auf dem Dreifaltigkeitsberg

 

Hilfloser als gegen fremde Heere standen die Villinger Bürger, die weithin von Vieh und Landwirtschaft lebten, aufkommenden Viehseuchen gegenüber. Immer wieder kam es zu solchen existenzbedrohenden Katastrophen in den Ställen. Als im Jahre 1763 eine schwere, verlustreiche Seuche überwunden war, trugen die Villinger zum Dank ein Votivbild auf den Dreifaltigkeitsberg. Diese Votivgabe war der Ursprung der, bis heute, jährlich am Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag stattfindenden Wallfahrt. Dabei wird das Villinger Bild dort immer von der Wand auf der Orgelempore genommen und geschmückt im Chorraum aufgestellt. Das Bild zeigt die, noch ganz hinter dem doppelten Mauerring, geborgene Stadt, den Pfarrer Xaver Beck, die Ratsherren, die noch einmal gerettete Viehherde und die Krönung Mariens durch den dreifaltigen Gott.

Bei der grundlegenden Renovation, wie der Einrichtung des Münsters zu Anfang des Jahrhunderts, hat der Freiburger Künstler Franz Schilling an der südlichen Wand im unteren Chor ein großes Wandbild gemalt, das man durchaus als Votivbild auffassen kann. Die im Verlauf einer langen Geschichte in Villingen gemachte Erfahrung ist ins Bild gefaßt: Maria breitet ihren Schutzmantel aus über der Stadt und ihre Bürger und Klöster, die Schutzpatrone des Münsters und der Klöster stehen dabei, der helfende Engel vertreibt den Tod mit seiner Sense und verjagt die glühenden Kanonenkugeln.

Die vorläufig wohl letzte bedeutende Votivgabe der alten Stadt Villingen an ihr Münster, stellt die große Münsterglocke dar, die 1954 von der Gießerei Schilling in Heidelberg mit ihren 7 kleineren Schwestern zusammen gegossen worden war. Mit der Auflage an die Pfarrei, daß diese große Münsterglocke jeden Freitag um 11.00 Uhr zum Gedenken an die Opfer beider Weltkriege läuten solle, wurde sie von der Stadt dem Münster geschenkt. Sie hängt zusammen mit der neuen Jakobusglocke im Stuhl des Nordturms und trägt unter dem Stadtwappen die Inschrift: „Rex Christe – venicum pace“ (Christus König komm mit Frieden) gestiftet von der Stadt Villingen zum Gedenken an die Opfer beider Kriege und zum 250jährigen Jubiläum der Tallardschen Belagerung.

Die Schutzmantelmadonna aus dem Münster; Die große Münsterglocke von 1954

 

 

Ich habe den hier verkürzt wiedergegebenen Vortrag im alten Rathaus für die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Villingen gehalten, weil ich zusammen mit den Verantwortlichen der Münsterpfarrei schon länger in der Pflege dieser, uns überlieferten, Zeugnisse der Frömmigkeit beschäftigt bin. Wir haben vor Jahren das Gedenkkreuz für die Bickenkapelle errichten können. Mit den Spenden und Aktivitäten vieler Bürger konnte die Lorettokapelle außen renoviert und an das Stromnetz angeschlossen werden. Das Votivbild in Triberg wurde mit Mitteln der Sparkasse renoviert. Das Nägelinkreuz konnte aufwendig restauriert werden und wurde in ökumenischer Feier im Münster aufgestellt. Die Gläubigen der Münsterpfarrei haben mit ihren Spenden die Restaurierung des Votivbildes auf dem Dreifaltigkeitsberg ermöglicht. Eine schöne Frucht meines Vortrages war, daß durch die Initiative von Adolf Schleicher die Fußwallfahrt auf den Dreifaltigkeitsberg 1994 wieder begonnen wurde und hoffentlich fortgesetzt wird.