Vor 50 Jahren (Werner Huger)

22. Februar 1945: Amerikanische Bomber werfen Tonnen
von Bomben auf Villingen und Schwenningen

Villingen:

Um es vorweg zu sagen, es war der schwerste aller Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges auf die Stadt; glücklicherweise starben unmittelbar „nur“ fünf und als Folge eine weitere Person, also insgesamt sechs Menschen. Hermann Riedel hat in seinem Buch „Villingen 1945“ die Fliegerangriffe und deren Auswirkungen in Einzelheiten geschildert 1)). Allein vom 1. Januar bis 20. April 1945 (Besetzung durch die Franzosen) hat es 321 Luftalarme gegeben (von 1940 -1944 nur insgesamt 189). In dieser Zeit befanden sich nahezu täglich feindliche Flugzeuge über der Stadt. Ihre Angriffe zielten vor allem auf Versorgungseinrichtungen, den Bahnhofsbereich mit seinen Gebäuden bzw. Geleisen sowie Züge und Lokomotiven. Es waren, bis auf einen am 19. April, Tieffliegerangriffe mit Bordwaffen und Bomben. Die angreifenden Maschinen waren dabei einmotorige Jagdbomber („Jabo“), die, wie die Thunderbolts, bis zu acht 12,7-mm-Maschinengewehre und zwei Bomben besaßen. Ein täglich Kontrolle fliegendes Paar dieser schnellen, einsitzigen Flugzeuge nannte man in der Bevölkerung „Max und Moritz“.

Anders erging es der Stadt Villingen, als am 22. Februar 1945 um die Mittagszeit schwere viermotorige amerikanische Bomber aus größerer Höhe Tonnen von Sprengbomben auf das Bahnhofsviertel warfen. Hermann Riedel schreibt im obigen Buch (5. 141) dazu einleitend: An diesem Tag starteten die Alliierten ihren Generalangriff auf das gesamte Verkehrswesen des Reiches, um damit den Eisenbahnverkehr, die Rüstungsindustrie und das ganze Wirtschaftsleben lahm zu legen. Es ist bis heute unbekannt geblieben, wie der Angriff auf die kleine Stadt Villingen, gleichzeitig auf Schwenningen, Donaueschingen, Singen u. a. in den taktischen Planzusammenhang zu bringen ist und wie es folglich dazu kam. Das soll nach nunmehr genau fünfzig Jahren hier nachgeholt werden. Die Fakten ergeben sich aus der Auswertung der in Amerika vorliegenden und von dort beschafften Fachliteratur ). Dabei interessiert nur jener Angriffstrang der Bomber, auf dessen Linie die Stadt Villingen bzw. Schwenningen lag. Die in Europa eingesetzten Einheiten der USA-Air-Force gehörten zur 8. Luftflotte. Unter der Einsatznummer 8 AF 841 wurden am 22. Februar 1945 in England zusammen 1428 viermotorige Bomber abgefertigt, von denen 1372 über den einzelnen Zielen des deutschen Reichsgebiets erschienen. Dabei wurden 3895,1 Tons (= 3957 Tonnen) Bomben aus der optimalen Höhe von 10000 Fuß (etwa 3300 m) oder darunter abgeworfen. Die Operation lief unter dem Namen CLARION ab, „als wichtiger Angriff auf die deutsche Eisenbahn und die Verbindungswege“, wie der amerikanische Kommentar dazu bemerkt. Ergänzend heißt es in der amerikanischen Literatur „Der direkte Vorläufer des Planes CLARION (= Trompete) war HURRICANE, das Vorhaben vom Herbst 1944, die deutsche Bevölkerung durch eine ungeheure Entfaltung der alliierten Luftmacht zu beeindrucken. Der Plan war auf Einwände gestoßen, die auf dem Widerstand gegen Terrorangriffe beruhten. Am 1. Januar 1945 hatte General Eaker an Spaatz davon abgeraten, schwere Bomber gegen Verkehrsziele in deutschen Kleinstädten einzusetzen, denn es gäbe dabei viele Verluste unter der Zivilbevölkerung, und das deutsche Volk könnte zu der Überzeugung gelangen, daß die Amerikaner Barbaren seien, wie es die Nazipropaganda behauptete. Eaker folgerte, daß Spaatz und Bob Lovett recht hätten und wir niemals zulassen sollten, daß die Kriegsgeschichte uns des Vergehens überführte, die strategischen Bomber gegen den Mann auf der Straße eingesetzt zu haben. . . .“ Es gab weitere Argumente gegen den Plan CLARION, aber schließlich entschied sich das SHAEF (Supreme Headquarters of the European Forces = oberstes Hauptquartier der europäischen Streitkräfte) das Projekte CLARION als Versuch zu starten. „Die Gelegenheit ergab sich am 22. Februar, als fast ganz Deutschland für Sichtangriffe verwundbar schien.“ Die 8. Luftflotte mußte sich für die Durchführung des Plans in vielerlei Hinsicht von ihrem gewohnten Einsatzverfahren trennen. „Dabei war das wichtigste, daß die schweren Bomber aus einer Höhe von etwa 10000 Fuß (etwa 3300 m) oder sogar noch tiefer angreifen sollten, statt der üblichen Höhe von 20000 – 25000 Fuß. Außerdem bildeten die schweren Bomber kleine Angriffsgruppen, statt der gewohnten großen Verbände. Alle Jagdflugzeuge der 8. Flotte flogen mit für einen individuellen Beschuß mit Bordkanonen bzw. Bombenabwürfe. Seit der Neujahrskatastrophe hatte die deutsche Luftwaffe keinen ernsthaften Widerstand geleistet, und die über 70 deutschen Jagdflugzeuge, die an jenem Tag aufgestiegen waren, bildeten für den amerikanischen Geleitschutz kein ernsthaftes Problem.“ Obgleich 85 Maschinen durch die deutsche Flak einen Schaden erlitten, verlor die 8. Luftflotte an diesem Tag nur sieben Bomber. Im Zusammenwirken mit der 15. Luftstreitmacht schien das Projekt CLARION höchst zufriedenstellend zu verlaufen, so daß für den nächsten Tag, den 23. Februar, ein weiterer Einsatz derselben Art festgesetzt wurde. Wieder ließ sich die deutsche Luftwaffe kaum sehen. Die Verluste blieben erneut gering. Alles in allem wurden mindestens 150 Verschiebebahnhöfe beschädigt, vielleicht 500 Schienenstränge unterbrochen und etwa 300 Lokomotiven zerstört. Danach galt CLARION als erledigt.

Die in England am 22. Februar gestarteten Bomber flogen zunächst Richtung Osten über die Norddeutsche Tiefebene. Sie bildeten zwar eine Einsatzeinheit, aber sie operierten in drei Abteilungen, und zwar mit der 1., 2. und 3. Air Division (AD). Diese sind, entsprechend der Durchführung ihres Auftrags, in nachstehender Reihenfolge zu gliedern: Die 2. AD bestand über den Zielen aus 435 viermotorigen Bombern des Typs Liberator B 24, mit 1124 deutsche Tonnen Bombenlast, und war für das vorgesehene westliche Angriffgebiet zuständig.

 

Am 22. Februar 1945 wurden u. a. Villingen und Schwenningen von viermotorigen amerikanischen Flugzeugen angegriffen. Diese warfen über beiden Städten insgesamt mindestens 62 Tonnen Sprengbomben ab. Es waren Maschinen des abgebildeten Typs : B – 17, Flying Fortress (Fliegende Festung ). In Villingen starben unmittelbar fünf in Schwenningen 75 Menschen und weitere an den Folgen.

 

Luftaufnahme der US-Air-Force von Villingen und Schwenningen vom 23. April 1944

 

Dieser Bereich wurde markiert von den Städten Celle im Norden, Eschwege im Süden und Sangerhausen am Südharz im Osten. Östlich davon kamen die B-17-Bomber Flying Fortress, die „Fliegenden Festungen“, zum Einsatz. Sie bildeten die 1. und 3. Air Division, von denen am Ende des Einsatzes lediglich drei Maschinen verlorengegangen waren. Bei annähernd gleicher Bewaffnung wie die B 24 konnten diese Flugzeuge fast ein Drittel mehr an Bombenlast transportieren. Zunächst bombardierte die 1. AD in einem nord-südlichen Korridor von Lüneburg im Nordwesten und der Lutherstadt Wittenberg im Südosten. Aus 437 Flugzeugen wurden auf elf verschiedene Städte 1331 dt. Tonnen abgeworfen. Gemeinsam flog diese Einheit dann mit der 3. AD weiter nach Süden. Ab jetzt warf die 3. AD ihre Bomben ab. Sie bestand aus 500 Maschinen, mit 1502 dt. Tonnen Bombenlast. Insgesamt wurden 14 Städte und einige sonstige Ziele angegriffen. Wie im Angriffsplan vorgesehen und bereits oben erwähnt, erfolgten die Bombardierungen nicht durch den gesamten Pulk und flächendeckend, sondern in kleineren oder größeren Gruppen.

Das erste Bombenziel war Zwickau in Sachsen. Von dort ging es, Kurs Südwest, in der Reihenfolge nach Bamberg, Kitzingen, Neustadt, Ansbach, Aalen, Reutlingen, Ulm bis zum südlichsten Punkt nach Singen. Für alle diese Orte läßt sich die Zahl der angreifenden Flugzeuge und das Gewicht der abgeworfenen Bomben sowie das Angriffsziel aus der Statistik ablesen; Bsp. Singen: 8 Maschinen, 23 Tonnen, Verschiebebahnhof. Auch Villingen und Schwenningen sind als Zielorte in der Abwurfstatistik der Amerikaner genannt. Sie sind zunächst mit der Abkürzung „(0)“ versehen (0 = Target of Opportunity = Gelegenheitsziel nachgeordneter Rangfolge). Des weiteren ist den Orten Villingen und Schwenningen die Abkürzung „M/Y“ angefügt, d. h. „Marshalling Yard“ = Verschiebebahnhof. Daneben werden in der Statistik der Amerikaner nicht geplante und namentlich nicht bezeichnete Angriffziele genannt.

 

 

Links: Die Luisenstraße von Norden, kurz nach ihrer Bebauung, im Vordergrund das Anwesen Dr. Mayer, heute Verkehrsinsel mit Briefkasten bei den Parkplätzen vor dem Postamt. Rechts: Nach dem Bombenangriff vom 22. 2. 1945. Auf dieser Achse sind bis zum Haus mit dem Türmchen (ehemals Dr. Wilken, heute Bundespost) alle Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Links des Hauses Wilken die zu 95 % zerstörte Essenzfabrik Preiser.

So heißt es für den 22. Februar 1945, daß 42 Maschinen 125 Tonnen Bomben auf „T/O“ (= Targets of Opportunity) d. h. diesmal nicht identifizierte Orte, abgeworfen haben. Wie unsere Nachforschungen ergeben haben, gehören dazu in unserer Heimat zunächst die Kleinstädte Meßkirch und Stockach mit ihren Bahnhöfen an einer Nebenlinie, wo, wie in Villingen und Schwenningen, in erheblichem Umfang die benachbarten Wohnviertel getroffen wurden. Auf der direkten Flugroute von Ulm nach Singen lag als erstes Meßkirch. Dort starben unmittelbar 33 Menschen, darunter, im Haus gegenüber dem Bahnhof, eine Mutter mit ihren Kindern, sieben, fünf und drei Jahre alt. Fast gleichzeitig starben in Stockach zwanzig Menschen und auch hier traf es eine Mutter und ihre drei Kinder. In Singen starben 15 Menschen. Einem fatalen Irrtum unterlag L. A. Lenox, der Pilot einer B-17 Flying Fortress, der insgesamt drei weiße Balkenkreuze auf rotem Grund nicht als Hoheitszeichen der Schweiz erkannte und sich wunderte, was diese bedeuten. So warf er gegen 12.35 Uhr seine zwölf Bomben auf das schweizer Städtchen Stein am Rhein, unweit Singen. In den Trümmern dieses Kleinods starben neun Menschen. Über Singen drehten die Maschinen nach Nordwesten ein. Als nächstes Ziel traf es das benachbarte Engen. Dort starben im Bahnhofsumfeld 31 Menschen. Eine weitere Bombergruppe griff jetzt Geisingen an: zwei Tote. 24 Maschinen entluden über Donaueschin-gen 71 Tonnen Sprengbomben. Hier waren 33 Menschen sofort tot. Das benachbarte Hüfingen wurde, laut amerikanischer Statistik (dort fälschlich Hafingen), von 10 Maschinen mit 28,5 Tons Sprengbomben angegriffen. Noch vor Erreichen Villingens schwenkte der Bomberpulk nach Westen, Richtung Freiburg. Dort fielen die letzten Bomben, ehe es über das bereits besetzte Frankreich zurück nach England ging. Aus der Flugkurve nach Westen, südlich Villingens, lösten sich zweimal Bombergruppen; die eine steuerte Villingen an, die zweite flog nach Schwenningen. Nach den amerikanischen Angaben luden dabei 11 Bomber über Villingen 32,5 (deutsche) Tonnen Bomben ab. Durch Augenzeugenbericht können allerdings „nur“ neun angreifende Maschinen bestätigt werden. Hermann Riedel zitiert hierzu in seinem obigen Buch (Seite 141) das Protokoll. Es lautet nachstehend wie folgt: „Studienrat Werner Huger, welcher das Geschehen aus der Ferne miterlebt hat, schildert:

 

Luftaufnahme der 390th Group der 3. Air Division, 8. amerikanische Luftflotte, vom Bombenabwurf auf den Neckarstadtteil in Schwenningen in der Mittagszeit des 22. Februar 1945, wo unmittelbar 75 Menschen starben.

Am 22. Februar 1945 wurden mein Vater und ich um die Mittagszeit auf der Vöhrenbacher Straße vom Fliegeralarm überrascht. Kurze Zeit später hörten wir Flugzeugmotoren und suchten etwa 300 m oberhalb des Fesenmeyerschen Anwesens am Hang des Hubenlochs in den Hecken Deckung. Von dort aus übersahen wir die ganze Stadt und selbstverständlich auch den Luftraum. So wurden wir Zeugen eines Films, dessen Ablauf schreckliche Wirklichkeit war. Ein feindlicher Bomberverband – wir zählten über 900 viermotorige Maschinen – kam in großer Höhe wohlgeordnet aus Richtung Bad Dürrheim herüberge-flogen. In leichtem Bogen zog er südlich der Stadt, offensichtlich auf Heimkurs, in Richtung Westen. Aus der Mitte des Verbandes lösten sich plötzlich neun Maschinen und schwenkten nach Norden auf das Stadtgebiet ein. Wenig später fielen die Bomben. Die schwersten von ihnen konnten wir mit bloßem Auge verfolgen bis sie, eine Rauchfahne nachziehend, einschlugen. Im Nu lag eine riesige schwarze Wolke über der Stadt vor uns. Wir hatten den Eindruck, die Bomben seien in das nahegelegene Rietviertel gefallen. Nördlich der Stadt drehten die feindlichen Maschinen nach Westen ab und reihten sich wieder in die abziehenden Staffeln ein. Wenig später lösten sich erneut zwölf Maschinen aus dem Verband, flogen über die Stadt in Richtung Schwenningen und bald stiegen auch dort die dunklen Wolken auf.“ Inzwischen ist aus einer weiteren amerikanischen Quelle (vgl. hierzu die Anmerkungen) zu erfahren, daß der Angriff auf Villingen um 12.39 Uhr erfolgt sein soll.

Riedel war damals kommissarischer Leiter der Stadtverwaltung (Bürgermeister) und in dieser Eigenschaft gleichzeitig örtlicher Luftschutzleiter (a. a. 0. S. 1). Er begab sich sofort an die Scha-densstelle. Dort „bot sich ein Bild des Grauens und der Zerstörung“ (Riedel, a. a. 0. Seite 142 f.). Ohne in weitere Einzelheiten einzutreten, sei lediglich vermerkt, daß große Teile des Bahnhof-viertels ein Trümmerhaufen waren oder einem solchen glichen. Dort, wo sich nahezu ebenerdig nur noch Ruinen befanden, hatte man nach Toten zu suchen. Über allem lag ein eigenartig süßlicher Geruch, der zu einer Assoziation des Todes wurde. Er kam von der zu 95 % zerstörten Fabrikationsanlage für Essenzen der Firma Prei-ser. Die vollständige Zerstörung der Jugendstil-villen Dr. Mayer, Spitznagel, Grabs und Schleicher zwischen Bahnhof- und Luisenstraße boten als Fläche später den Raum für das heute dort stehende neue Postamt und den Platz davor mit Verkehrsinsel und Briefkasten.

 

Neckarstadtteil Schwenningen nach dem Angriff am 22. 2. 1945. Bereich: Oberer Teil der Reutestraße. Aufgenommen vom Hotel „Vierjahreszeiten“ aus, das heute (1994) nicht mehr steht.

Schwenningen: 

Die amerikanische Statistik gibt an, Schwennin-gen sei von 22 Bombern angegriffen worden, die 64,0 Tons (rd. 65 Tonnen) Bomben abgeladen hätten. Die oben zitierten Augenzeugen berichten begründet von zwölf Flugzeugen. Wie unter den Anmerkungen am Ende dieses Berichts zu zeigen sein wird, muß es sich bei den amerikanischen Angaben um einen statistischen Zählfehler handeln. Fest steht, daß es sich bei den aus dem Pulk ausgescherten B-17-Bombern um Maschinen der 390th Bombardment Group gehandelt hat. Deren Bomben trafen zwar die Geleisstrecke zwischen Bahnhofsgebäude und der Brücke bei der Möglingshöhe sowie Straßen und Gebäude links und rechts des Bahnhofsgeländes, aber unbeschreiblich vernichtend schlugen sie südöstlich des Bahnhofs, jenseits der Bahnlinie, im Neckarstadtteil ein. Dort standen die kleinen Arbeiterhäuser, in Holzfachwerk erbaut. Von ihnen wurden vierzig völlig zerstört und mehrere hundert schwer beschädigt. Nach der Zahl der Toten war die Trauer in Schwennin-gen am größten. Ab etwa 12.42 Uhr starben innerhalb weniger Minuten 75 Menschen. In dem alles zerfetzenden Inferno wurden allein in dem kleinen Haus Kornbindstraße 89 zehn Leben ausgelöscht, darunter Vater, Mutter und sieben Kinder. Nur wenige Meter davon entfernt, im gedeckten Splittergraben auf dem damals offenen Zimmerplatz zwischen Kornbind- und Werastraße, wo sechs Bomben einschlugen, fanden 21 Menschen einen plötzlichen Tod.

In der Bewertung der Aktion CLARION durch die Amerikaner, hatten jene Stimmen recht behalten, die an der nachhaltigen Wirksamkeit des Projektes zweifelten. Die Analyse des amerikanischen Generalstabs war ernüchternd. Man stellte fest, die Bombenabwürfe hätten nur eine örtliche und zeitweilige Wirkung erzielt. Der geheime Nachrichtenausschuß der Alliierten folgerte außerdem, daß das Unternehmen CLARION die Widerstandsfähigkeit Deutschlands nicht ernsthaft beeinträchtigt hätte.

Für jene allerdings, die es damals traf, spielte weder die Anzahl der Flugzeuge, noch die Bombentonnage, noch die strategische Absicht der Amerikaner eine Rolle. Ihnen blieb das Leid und hilfloses Entsetzen.

Anmerkungen:

1) Hermann Riedel, „Villingen 1945 – Bericht aus einer schweren Zeit“, Herausgeber: Stadt Villingen, Ring-Verlag Villingen, 1968, Seite 4 ff. und 141 ff.

2) Statistik mit Anmerkungen: Roger A. Freeman, „Mighty Eigth War Diary“, Jane’s Publishing Co., London 1981: 22. February 1945. Im Rahmen der statistischen Erfassung räumen die Amerikaner ein, daß es bei den Zahlenangaben mehrere Ursachen für einen Fehler geben kann.

Literatur: „The Army Air Forces in World II“, Edited by W. F. Craven & J. L. Cates (Vol. III/Europe: Argument to V-E Day) The University of Chicago, Chicago 1951, Seite 733 ff.

An dieser Stelle sei Herrn Hans Ring, Übersee (Bayern) für die Vermittlung und Mr Christian G. Sturm in Portland, USA, für die Mitteilung der Daten und Fakten gedankt.

Flugzeugtyp der Villingen und Schwenningen angreifenden Maschinen: Boeing B-17 Flying Fortress, Ursprungsland USA, Einsatzzweck: Bomber, Hersteller: Boeing Aircraft Company. Die „Fliegende Festung“ B-17 war vom Beginn der amerikanischen Teilnahme am Zweiten Weltkrieg bis zum Kriegsende im Einsatz (1941/45). Es gab mehrere Fertigungsserien: B-17 A, B, C, D, E, F, G. Technische Einzelheiten: (B-17 G):

Triebwerke:    Vier 1200 PS Doppelsternmotoren

Spannweite:    31,64 m

Länge:    22,26 m

Höhe:    5,80 m

Leergewicht:    14850 kg

Fluggewicht:    25000 kg

Besatzung:    10 Mann

Höchstgeschwindigkeit: 480 km/h in 9150 m Höhe Dienstgipfelhöhe: 11400 m

Größte Reichweite:    2960 km

Bewaffnung:    13 Maschinengewehre Kaliber 12,7 mm max. Bombenzuladung über kurze Reichweiten: 7850 kg (Quelle: Kenneth Munson, Die Weltkrieg II – Flugzeuge, Motorbuch Verlag Stuttgart, 18. Auflage 1993, S. 52 ff.)

Meßkirch:    Auskunft Standesamt (April 1994), Sterbebuch

Stockach:    Hans Wagner, Aus Stockachs Vergangenheit, Herausgeber: Hegau Geschichtsverein e.V., Band 11, 1967, Seite 261 f.

Singen:    Auskunft Stadtarchiv (April 1994)

Engen:    Auskunft Stadtarchiv (April 1994)

Geisingen:    Auskunft Standesamt (April 1994), Sterbebuch

Immendingen:    wurde an diesem Tag nicht angegriffen Donaueschingen: LS -Schadensmeldung, Stand 22. 2. 45, 13.40 Uhr, in: Stadtarchiv Donaueschingen, AZ 393002, Akte Nr. 102936, 1944 – 1946

Hüfingen:    Chronik, Angriff: „12.30 Uhr“

Schwenningen: Bombenangriffe auf Schwenningen – Der Krieg gegen Frauen und Kinder, Privatmanuskript Karl Benzing, Schwennin-gen, hinterlegt beim Stadtarchiv Villingen-Schwenningen; dort auch Hinweis auf das 390th MEMORIAL MUSEUM 6000 E. Valencia Rd. Tucson, Arizona 85706, (602) 574.0287. Bei Karl Benzing findet sich auch eine umfassendere bildliche Darstellung des Geschehens in Schwenningen insgesamt. So ist z. B. die Abbildung der Trümmerlandschaft im Bereich der oberen Reutestraße im Neckarstadtteil von dort entnommen und mit freundlicher Unterstützung des Stadtarchivs VS reproduziert worden.

Die originalen Negative der zwei Luftbildaufnahmen der Amerikaner von 1944 und dem Angriff am 22. 2. 45 erhielten wir entgegenkommend von Herrn Karl Nickstadt in Schwenningen, dem wir an dieser Stelle danken. Diese stammen aus den „National Archives and Record Service“, Washington/DC.

Zahl der Angreifer auf Villingen und Schwenningen:

Unter Anmerkungen, Punkt 2, haben wir schon auf das Eingeständnis von Fehlern bei den Amerikanern hingewiesen.

Für die Richtigkeit des zitierten Augenzeugenberichts, wonach Villingen von neun Flugzeugen (statt 11) und Schwenningen von zwölf (statt 22) B-17-Maschinen angegriffen wurden, sprechen folgende Gründe: Die Augenzeugen zählten für den Bomberpulk „über 900 viermotorige Maschinen“. Wir wissen inzwischen, daß es 937 waren.

Die angreifenden Maschinen waren für die Beobachter bei klarem Himmel zunächst von vorne, als sie sich aus dem Bomberpulk lösten und dann von der Seite, im Vorbeiflug zu sehen sowie durch die günstige Relation von Entfernung, Höhe und Geschwindigkeit leicht zu zählen. Ein Indiz ist ferner, daß die Augenzeugen zutreffenderweise davon sprechen: „Wenig später lösten sich erneut 12 Maschinen …“

Der nachstehend genannte Bericht der Amerikaner nennt als Angriff-zeit auf Villingen „12.39 Uhr“ und auf Schwenningen „12.42 Uhr“. Es handelt sich dabei um den Bericht eines amerikanischen Aufklärers vom folgenden Tag, dem 23. Februar 1945, der über Villingen meldet: „Eine Konzentration von mindestens 150 Detonationen …“ und über Schwenningen. „Eine Konzentration von 170 Detonationen …“, aus denen, zählt man die Einzelauflistung zusammen, 180 werden. (Im übrigen sind das alles nur Näherungswerte.) Bei 11 zu 22 Bombern müßte in der Umrechnung 150 zu 300 Detonationen herauskommen; nimmt man die Zahlen 9 und 12 wäre das Verhältnis 150 zu 200 Detonationen, was der durch die Augenzeugen beobachteten Zahl der Flugzeuge eher entspricht.

In einer dokumentarischen Filmaufnahme (ZDF, 5. 6. 94, zum 50. Jahrestag der Invasion „Alle gegen Deutschland“) war in Nahaufnahme der Bombenabwurf einer B-17 Flying Fortress zu sehen. Es handelte sich um 12 Bomben, die gleichzeitig aus dem Schacht in einer Reihe nach unten fielen. Im Standbild konnten sie einwandfrei gezählt werden. Auch dies ist ein Hinweis, daß es keine 22 Bomber auf Schwenningen waren, ansonsten hätten rechnerisch mindestens 264 Einschläge (statt 170) gezählt werden müssen.

Der Bericht zu den Angriffszeiten und die Zahl der Detonationen in Villingen und Schwenningen findet sich in englischer Sprache und deutscher Übersetzung im Stadtarchiv VS, Ordner Weltkrieg II, Nr. 35, II, Luftschutz und Bomben. Er ist als Quelle der Herkunft nach nicht zuordbar. In der Übersetzung ist er eingangs wie folgt beschriftet: Akte siehe III; Vertraulich 23. Februar 1945; Erläuterung zum Bericht S. A. 3249; Angriff auf taktische Ziele in Deutschland am 22. Februar 1945; I. Erhaltener Bescheid über den Angriff:…; II. Übersicht über die Angriffsziele:…; III. Einzelheiten des Angriffs: Schwenningen: G. S. G. S. 4416/X3 – 600405, dann Text …, schließlich SAV 390/1367 -1369; Villingen: G. S. G. S. 4416/X3 – 545405, dann Text …, schließlich SAV 390/1368. Leider ist der Inhalt der Abkürzungen nicht bekannt, vielleicht sind die beiden Nummern SAV 390/1367 – 1369 und SAV 390/1368 bei Villingen ein Hinweis, daß auch Villingen von Maschinen der 390th Bombardment Group angegriffen wurde. (9 Flugzeuge auf Villingen plus 12 Flugzeuge auf Schwenningen = 21 Flugzeuge. Ergibt sich so vielleicht der Fehler der Amerikaner von 22 Maschinen auf Schwenningen?). Schweiz: Stein am Rhein, 22. 2. 1945: Auskunft des Lokalhistorikers Karl Hirrlinger im Film „Sorry for the bombs“, Schweizer Fernsehen DRS, Juli 1994, sowie dessen Brief an Verfasser vom 18. 8. 1994.