Lebendige Stadtgeschichte im Kaiserturm (Herbert Pleithner)

Am 7. Mai 1994 wurde der Villinger Kaiserturm nach fast zweijähriger Renovierung in festlichem Rahmen eröffnet. Die Frühlingssonne überstrahlte das bunte Treiben rund um den Turm. Mit 20 Böllerschüssen eröffnete das Villinger Grenadier-Corps die Festlichkeit. Miliz, Bürgerwehr und Trachtengruppe erfüllten dieses Baudenkmal wieder mit Leben. Den ganzen Tag über feierten die Besucher im Hof vor dem „Theater am Turm“. Für musikalische Abwechslung sorgte die Jugendkapelle der Stadtharmonie, genauso wie die „Black-Forest-Jazzband“ und die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen. Der Kaiserturm ist derzeit der einzige Wehrturm der Stadt, der besichtigt werden kann. In früheren Jahren stand der Turm Jugendgruppen zur Verfügung, davor diente er sogar Wohnzwecken. Was gibt es denn nun Besonderes zu sehen in diesem Türmchen?

Zunächst einmal besteht der Turm aus sechs Geschossen, wobei sicher schon jeder einmal im untersten Geschoß, dem Tordurchgang war. Im 1. bis 4. Obergeschoß ist eine Dokumentation über die Befestigungsanlage der Stadt zu sehen.

Unter anderem wird die Geschichte des Kaiserturms erklärt. Befestigungs- und Belagerungstechniken im 17. und 18. Jahrhundert sind dargestellt. Einige Tafeln zeigen Darstellungen aus dem Bauernkrieg, dem Dreißigjährigen Krieg und dem Spanischen Erbfolgekrieg. In einem Geschoß wird dann gezeigt, daß sich die Einstellung der Bevölkerung zu der Befestigungsanlage im Laufe des 19. Jahrhunderts wandelte. Wirtschaftliche Gründe sprachen damals sogar für einen Abriß, nachdem die Befestigung die militärische Funktion verloren hatte.

Was gibt es denn noch zu sehen?

Nun – da sind ein paar bauliche Dinge, auf die ich aufmerksam machen möchte: Zum Beispiel die Fenster. Die sehen so aus, wie früher eben Fenster hergestellt wurden, Einfachfenster mit Sprossenteilung. Mit Vorreibern wie zu Großmutters Zeiten. Wenn Sie demnächst den Turm besteigen, schauen Sie sich die Fensterbänke an. Sie können das nicht wissen – die sind nagelneu sie sehen aber so aus, als ob sie 600 Jahre alt wären.

 

Der Kaiserturm wurde zur Eröffnung im Mai mit Fahnen geschmückt. Das Grenadier-Corps eröffnete mit 20 Böllerschüssen das Fest.

Tatsächlich über 600 Jahre alt sind die Holzbalken verschiedener Decken und Fensterstürze. Das Holz, das wurde übrigens erst im Jahr 1993 wissenschaftlich untersucht, wurde im Winter 1371 geschlagen. Auf dem Weg nach oben sind Beleuchtungskörper in Form von Fackeln montiert. Diese Fackeln wurden in aufwendiger Handarbeit hergestellt – bitte betrachten Sie diese handwerkliche Meisterleistung. Schauen Sie sich auch die Eingangstür an. Der Türdrücker und der Türklopfer stammen aus der bekannten Schlössersammlung von Karl Kratt. Im 4. Obergeschoß befindet sich ein gotisches Gruppenfenster, das über viele Jahre teilweise zugemauert war. Auf der Ausstellungstafel neben diesem Fenster zeigt ein Foto einer alten Postkarte, daß Anfang dieses Jahrhunderts das Fenster außen noch zugemauert war. Innenseitig haben wir das Gruppenfenster erst 1992 wieder freigelegt. Wenn Sie durch den Turm gehen, was ich Ihnen hier und heute ans Herz legen möchte, denken Sie bitte auch daran, daß sich diese Renovierung von der Instandhaltung anderer städtischer Gebäude an einem Punkt deutlich unterscheidet: Die Arbeitsleistung der Handwerksbetriebe, des Bildungszentrums an der Turmgasse, der Werbeagentur W.A.S. Schinke und unseres Architekturbüros erfolgte kostenlos. In einer einmaligen Aktion halfen Firmen aus dem gesamten Schwarz-wald-Baar-Kreis zusammen, um dieses Türmchen der Bevölkerung und den Besuchern unserer Stadt zugänglich zu machen. Lassen Sie mich mit diesem Bericht über die Eröffnung des

Kaiserturms eine Frage an Sie richten:

Waren Sie schon im renovierten Kaiserturm? Hand aufs Herz – Sie hatten schon lange vor, das Türmchen zu besteigen. Aber man weiß ja nicht einmal, wann der Turm geöffnet ist. Dabei können Sie den Turm für die unterschiedlichsten Gelegenheiten nutzen. Ein Jahrgangs- und Klassentreffen könnte dort beginnen. Für den Sektempfang steht sogar ein Kühlschrank zur Verfügung. Sie haben Gäste, Verwandte aus Amerika. Sie müssen mit ihnen den Turm besteigen! Wenden Sie sich ans Verkehrsamt in der Rietstraße, man wird Ihnen gerne behilflich sein. Jeder Verein sollte sich vor der Jahreshauptversammlung oder sonst irgendwann einmal am Kaiserturm treffen. Jede Wandergruppe könnte eine Wanderung dort beginnen lassen – rechnen Sie ungefähr eine Stunde für die Besichtigung. Als einen Programmpunkt bei Betriebsausflügen könnte man den Kaiserturm aufnehmen. Die Besichtigung ist abwechslungsreich und hochinteressant. Schulklassen und Sportvereine, Volkshochschulkurse, Geburtstagsgesellschaften, Kirchliche Gruppen, Parteien, Pfadfinder oder sonstige Gruppen bis 30 Personen sind angesprochen – Sie werden den Besuch nicht vergessen.

Sie können den Turm auch im Anschluß an eine Stadtbesichtigung jeweils Mittwoch um 15.00 Uhr oder innerhalb der speziellen Führung „Wehranlagen und Belagerungen“ am Dienstag um 15.00 Uhr und am Sonntag um 10.00 Uhr besichtigen.

Im I. Obergeschoß wird die Geschichte des Kaiserturms erzählt. Das 3. Obergeschoß klärt auf über den Bauernkrieg, den Dreißigjährigen Krieg und den Spanischen Erbfolgekrieg.

 

Im 4. Obergeschoß wird die Entfestigung dargestellt. Architekt Herbert Pleithner und Fotograf Thomas Herzog-Singer sind stolz auf ihr gemeinsames Werk.

 

Mittwochs zwischen 16.30 Uhr und 18.30 Uhr sowie samstags zwischen 14.00 Uhr und 16.00 Uhr steht Ihnen das Türmchen für die Besteigung auf eigene Faust zur Verfügung.

Das Schönste und Wichtigste, was den Besuch des Kaiserturms wirklich zur bleibenden Erinnerung macht, habe ich bislang noch gar nicht erwähnt:

Es ist die Diaschau im obersten Geschoß. So etwas Phantastisches hat Villingen noch nicht gesehen: 20 Minuten Verzauberung durch eine professionelle, audiovisuelle Diaschau mit Überblendtechnik. Was Sie im Kaiserturm sehen, sind Profifotos von der Stadt Villingen, mit Tiefenschärfen-Variationen, modernsten Techniken sowie Impressionen des Fotografen Thomas Her-zog-Singer. Sie werden staunen, was ein Fotografenauge in unserer Stadt alles sieht. Die Schau ersetzt oder ergänzt zumindest einen Stadtrundgang, den Sie vielleicht eh machen wollten. Was Sie hören werden, sind Informationen über die Stadtgeschichte, abwechslungsreich vorgetragen von einem professionellen Sprecher eines Tonstudios, untermalt von ausgesuchten Musikklängen. Die Lautsprecherboxen wurden eigens für diesen Raum entwickelt. Nach diesen 20 Minuten muß sich der Besucher in der profanen Welt erst wieder zurechtfinden. Bleiben Sie einfach noch ein wenig in den thronartigen Stühlen sitzen. Der Fotograf, Thomas Herzog-Singer wird im nächsten Jahr eine neue Diaschau installieren, weshalb ich Ihnen empfehle, den Turm bald zu besteigen, um sich diesen Kunstgenuß nicht entgehen zu lassen. Ich habe die Bilder nun mindestens schon dreißig mal gesehen und entdecke immer noch Neues.

Besuchen Sie den Kaiserturm – ob alleine oder mit Freunden – Sie werden es nicht bereuen. Wenn Sie Informationen über die durchgeführte Renovierung haben wollen, sprechen Sie mich einfach an. Gerne werde ich auch eine Gruppe führen. Hier wird Stadtgeschichte, wie ich glaube, auf lockere Art, im zeitgemäßen Stil, erhalten und weitervermittelt. Sie müssen nur kommen. Und wenn Sie Spaß daran hatten, erzählen Sie’s weiter.