Buchbesprechung (Michael Tocha)

Buch: Geschichte in Bildern und Geschichten oder Erinnerungen an eine alte Stadt. Villingen – einst und jetzt.

Vor Werner Jörres und Herbert Schroff.

Mit einem Vorwort von Heiner Flaig. Todt-Druck GmbH, 1993.

Ein neues Buch über Villingen in der „guten alten Zeit“ hat Aufsehen erregt. In der Presse war zu lesen, daß die von Werner Jörres und Herbert Schroff signierten Exemplare so schnell weggingen, daß eine weitere Signierstunde angesetzt wurde. Gibt es einen deutlicheren Beweis dafür, daß die Verfasser die Bedürfnisse und Stimmungen ihrer Leser genau getroffen haben?

Doch bleiben wir nüchtern, denn das ist Rezensentenpflicht. Vor uns liegt ein Buch in handlichem Querformat, das auf insgesamt 144 Seiten einen vielfältigen Eindruck von Villingen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vermittelt. Auf jeder Doppelseite finden sich zwei oder drei Photos, und schon beim Durchblättern erschließt sich die Grundidee des Werks: Mehreren Bildern aus vergangenen Jahrzehnten (aus Herbert Schroffs noch längst nicht erschöpftem Archiv) wird stets der heutige Zustand gegenübergestellt – dieses Buch lebt von den Kontrasten. Die Texte sind vor allem auf jene älteren Bilder bezogen. Man müßte sich einmal die Mühe machen, die Namen der Villinger Persönlichkeiten und Originale zu zählen, von denen die Autoren kleine Begebenheiten des Alltags zu erzählen wissen. Indem sie sie noch einmal an die Stätten ihres früheren Wirkens zurückversetzen, werden die alten Abbildungen gewissermaßen mit Leben erfüllt – d. h. menschlich. Dabei wird eine Wertung beständig durchgehalten: Früher war das Leben in Villingen geruhsamer, idyllischer, buntscheckiger; heute braust überall der Verkehr, können Kinder nicht mehr auf den Straßen spielen, strahlt kaltes Neonlicht. Nur selten findet das Neue Zustimmung, wie etwa die Commerzbank am Niederen Tor (S. 36) oder das Gebäude der AOK (S. 60); in der Regel wird Verschwundenes nostalgisch verklärt.

Sollte man da eine differenziertere Betrachtung einfordern? Man sollte es nicht; denn die Autoren nehmen für sich ihr gutes Recht in Anspruch, ihre Sicht der Dinge zu vermitteln. Sie wollten gar nicht das Für und Wider städtebaulicher Entwicklungen umfassend abwägen; die Dialektik von Fortschritt und Bewahrung ist nicht ihr Thema. Ihre Texte sollen und können nur subjektiv sein; denn sie halten vor allem eigene Erinnerungen fest. Daß sie damit zugleich ganz ähnliche Erinnerungen ihrer Mitbürger formulieren, erklärt, warum das Buch so gefragt ist. Zugleich sind die Eindrücke aus der Jugendzeit wie persönliches Stilempfinden der Maßstab für die recht gestrengen Urteile über die meisten Neubauten und die dafür Verantwortlichen: Was und wer kann schon vor dem „verklärten Blick des unsterblich Verliebten“ (Heiner Flaig) bestehen? Indes stellen sich auch ernstere Fragen. Die vor allem beschriebenen und abgebildeten Zeiträume sind die Weimarer Republik und das „Dritte Reich“. War wirklich der Zeit Anfang der 30er Jahre eine „behäbige Ruhe“ eigen, wie man auf S. 18 lesen kann? Gab es nicht auch viel wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit, politische Verfolgung – und das heißt auch: persönliche Erinnerungen daran? Kann man solche Zeiten mit dem bloß nostalgischen Blick gerecht werden? Gerade der Leser, der jene Jahre nicht miterlebt hat, würde sich wünschen, von Zeitzeugen auch etwas vom allgemeinen Lebensgefühl und den gewiß auch bitteren Erfahrungen jener Jahre vermittelt zu bekommen. Aber, noch einmal: Jörres und Schroff wollten keine Villinger Sozialgeschichte schreiben, sondern Erinnerungen mitteilen. Ihre Erinnerung ist ihre Sache, sie haben entschieden, was sie davon weitergeben wollen. Verlangen wir von diesem Buch nicht, was nicht in seiner Absicht liegt.

Im übrigen bleibt festzuhalten, daß gerade dieses Buch eine authentische Vorstellung vom Villingen früherer Jahre vermittelt – darin liegt sein Verdienst. Dies ist eine Leistung der Bilder. Wo sonst bekäme man in solcher Fülle Anschauung vom alten, z.T. nicht mehr vorhandenen Stadtbild? Wie anders, manchmal fast nicht mehr erkennbar sich Straßen und Häuser kaum ein halbes Menschenalter zuvor noch darbieten! Indem die neuen den vergangenen Ansichten gegenübergestellt sind, wird deutlich, wie rasch und einschneidend sich das Gesicht unserer Stadt, und aller unserer Städte, verändert hat, wie viele Fehler begangen worden sind, wieviel Substanz unwiederbringlich verloren ist. Niemals in ihrer langen Geschichte ist dieser Wandel dramatischer vor sich gegangen als seit dem Zweiten Weltkrieg. Daraus folgt für Bürger und Amtsträger heute eine in gleichem Maße gesteigerte Verantwortung auch für ihre äußere Gestalt. Denn von der Stadt als dem gemeinsamen, „kommunalen“ Gehäuse des Daseins hängen auch heute Lebensqualität und Wir-Gefühl in entscheidender Weise ab. Werner Jörres und Herbert Schroff haben uns an diese Tatsache sehr persönlich und herzhaft deutlich erinnert.

Vollständigkeitshalber sei hier vermerkt:

Der neue Bildband ist bereits das dritte Buch zum Thema „Villingen, wie es früher einmal war‘:

1976 erschienen die „Villinger Bilddokumente 1862 – 1930′; gesammelt von Herbert Schroff mit einmaligen Fotos, z. T aus der Frühzeit der Fotografie, herausgegeben im Verlag Revellio.

Als Band 4 der Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen gibt es seit 1982 das Buch „Villingen, Zeitgeschehen in Bildern 1928 – 1950 ‚ kommentiert von Heiner Flaig, mit Bildern aus verschiedenen Quellen, u. a. vom ehemaligen Fotografen Schollmeyer.

101915_0619_Buchbesprec1.jpg