Der Polizeibaltes (Joseph Stadler)

Aus den Memoiren von Ober-Postinspektor Joseph Stadler

Mein Großvater war der Polizeidiener Balthasar Stadler, geboren zu Villingen am 29. Dezember 1800, gestorben am 11. Oktober 1867 am Schlaganfall – Lungenödem oder Herzschlag – abends 9 Uhr. Mein Großvater war von mittlerer Größe, hatte dunkle Haare, die Eltern meines Großvaters Balthasar Stadler waren der Taglöhner und Lumpensammler Franz Stadler, geboren um das Jahr 1752 in Degerfelden, Dornegger Amt, Schweiz, in der Nähe von Basel. Er erreichte ein Alter von 64 Jahren und starb am 6. August 1816 angeblich an einem Schlaganfall beim Mittagessen und wurde am 8. August mittags 2 Uhr beerdigt in Villingen von Kaplan Mager. Franz Stadler war verheiratet seit dem 5. Februar 1798 mit Apollonia geborene Emminger von Nieder-eschach (Amt Villingen), gestorben am 26. November 1826, 10.00 Uhr nachts daselbst, d.h. in Villingen, 63 Jahre alt.

Mein Urgroßvater Franz Stadler ist also aus der Schweiz nach Villingen eingewandert und steht in den Standesbüchern der Stadt Villingen daher als Beisäß, d.h. als „Eingewandert“ eingetragen. Ob er Bürger geworden ist, konnte ich nicht feststellen. Sein Sohn Balthasar, mein Großvater, wurde am 19. Mai 1832 in Villingen Bürger, ob auf Grund des angeborenen Bürgerrechts oder durch Einkauf, weiß ich nicht. Über die Herkunft der Apollonia geborene Emminger konnte ich bisher nichts feststellen.

Was meinen Urgroßvater Franz Stadler bewog, aus der Schweiz nach Villingen einzuwandern, ist mir nicht bekannt. Er soll der Sohn eines Landammanns gewesen sein und einen Jugendstreich verübt haben; auch soll er aus der Lehre entlaufen sein und beim Kirchdorfer Pfarrer gedient haben. Ob er Geschwister hatte, konnte ich nicht feststellen.

Was den Geburtsort des Franz Stadler anbelangt, kommt wohl der Ort Dornach – früher Dorneck genannt, Pfarrgemeinde im Bezirk Dornegg-Thierstein des Schweizer Kantons Solothurn im Birstale – in Betracht.

Einen Ort Degerfelden gibt es dort allerdings nicht. Die Gemeinde Tegerfelden – 652 Einwohner im Bezirk Zurzach, Kanton Aargau, kann wohl nicht in Betracht kommen. Ferner wird der Ort Degerfelden auf badischem Gebiet bei Kleinlaufenburg ebenfalls auszuscheiden sein, da dieser Ort wohl niemals schweizerisch gewesen ist. Vielleicht kann das Pfarramt in Dornach in der Sache Aufklärung geben. Vor einigen Wochen – Winter 1919/1920 – traf ich einen schweizerischen Grenzschutzsoldaten aus Dornach, der mich bei der Prüfung meines Passes beim Überschreiten der Grenze bei Emmishofen frug, ob ich in Dornach Verwandte hätte. Auf meine Frage, „warum“, sagte er mir, daß es in Dornach ebenfalls Stadler hätte, z.B. einen Sparkassendirektor Stadler und andere mehr. Vielleicht sind es Verwandte meines Urgroßvaters.

Die Dornacher Stadler sollen alle in besseren Verhältnissen leben. Vielleicht war der Franz Stadler tatsächlich besserer Leute Kind. Ich habe nämlich stets bezweifelt, daß der Abkömmling eines Landammanns später Lumpensammler wird, in den ärmsten Verhältnissen lebt, und nicht nach der Heimat zurückzieht, um dort bessere Verhältnisse zu suchen. Ich habe die Mähr von dem Landammannssohn für eine Flunkerei meines später beschriebenen Onkels Balthasar gehalten, der gern übertrieb und behauptete, der Franz Stadler sei aus Frauenfeld gewesen, was völlig falsch ist. Der Franz Stadler muß ein armer Schlucker gewesen sein, seine Söhne Balthasar und Bernhard bettelten zeitweise das Mittagessen bei den Kapuzinern in der Niederen Straße in Villingen. Franz Stadler soll in der Gerbergasse gewohnt und daselbst eine Lumpensammlerei betrieben haben. Er soll noch eine Tochter Anna Stadler bzw. Ritter, unehelich, und nachträglich gesetzlich als eigene Tochter anerkannt, besessen haben. Mein Vater erzählte ab und zu von ihr als von der Lumpensammlerbäs. Sie starb im Spital in Villingen vor dem Balthasar Stadler. Über ihr Geburts- und Sterbedatum weiß ich nichts.

Über meinen Großvater Balthasar Stadler, im Volke der „Polizeibaltes“ genannt, weiß ich folgendes zu sagen:

Der Grundton seines Charakters war leichter Lebensauffassung. Er war ein großer Vogelfreund und Witzbold. Er hatte einen Taubenschlag und hielt diese Tiere mit Leidenschaft. Seinen Söhnen hatte er streng verboten, über den Taubenschlag zu gehen. Die Beschaffung des Taubenfutters mußte unter allen Umständen sichergestellt werden, selbst wenn seine Frau und 6 Kinder fast nichts zu essen hatten. Wenn ihm seine Angehörigen hintenherum eine Taube verkauften, so konnte er sehr ungehalten werden. Ferner war der Polizeibaltes ein großer Freund von Stubenvögeln. Das ganze Jahr hielt er sich solche in großen Käfigen, die im Wohnzimmer neben und unter dem Ofen aufgestellt waren und von denen ich noch einige auf dem Speicher vorfand. Natürlich handelte der Baltes auch mit solchen Vögeln. Er war ein großer Vogelkenner und Naturfreund und nahm seine Söhne viel mit in den Wald, um ihnen die Kenntnis der Vögel beizubringen und ihre Liebe zur Natur zu wecken. Dabei wurden dann in selbstgefertigten Hütten Vögel mit dem „Meisenkolben“ oder mit Klebruten gefangen. Auch mit „Schlicken“ wurde der Vogelfang betrieben. Mein Vater erzählte mir oft von diesen Vogelfahrten an schönen Sonntagen im Frühling und Sommer. Dieses Talent für die Vogelwelt ging auch auf meinen Vater über. Auch er kannte viele Vögel nicht nur beim Sehen, sondern auch schon am Gesang der Vögel und an ihrem Locken und machte mich immer wieder auf den Gesang der Vögel aufmerksam, wenn ich mit ihm ins Feld ging oder ihn später, als er Feldhüter geworden war, auf seinen Feldgängen begleitete.

Die Jugend meines Großvaters Balthasar Stadler muß recht trübe gewesen sein. Sein Vater, Franz Stadler, war ein Taglöhner. Diese Leute verdienten damals einen Hungerlohn. Fabriken waren damals noch nicht vorhanden, er wird daher kärglichen Verdienst in der Landwirtschaft, im Walde beim Holzmachen, in Steinbrüchen, bei Bauten usw. gesucht und gefunden haben. Daneben soll er eine Lumpensammlerei betrieben haben. Damit war damals auch das Einsammeln von Knochen verbunden. Im Sommer, Frühjahr und im Herbst war für Taglöhner in der Landwirtschaft in einer Stadt wie Villingen mit ihrem weiten Feldgelände sicher Arbeit vorhanden. Dagegen wird er im Winter mit dem Verdienen Schwierigkeiten gehabt haben. Da waren in meiner Jugend dann die Taglöhner mit Dreschen beschäftigt. So wird es auch mein Urgroßvater, als er die Witwe Ritter heimführte, bereits 46 Jahre alt. Als er starb, zählte er bereits 64 Jahre. Es ist klar, daß in diesen Jahren die besten Kräfte verbraucht sind. Der Franz Stadler war daher zweifellos ein Taglöhner zweiter Güte und mußte sich wohl mit bescheideneren Löhnen begnügen, als die jungen Arbeiter erster Klasse. Ohne Zweifel mußte die Urgroßmutter Apollo-nia darauf bedacht sein, mitzuverdienen so gut es ging. Ob sie Vermögen hatte oder vielleicht Hilfe von ihren Angehörigen in Niedereschach erhielt, weiß ich nicht. Da ständig kleine Kinder da waren, wird die Möglichkeit zu verdienen nur gering gewesen sein. Zweifellos litt darunter die Erziehung der Kinder.

Das größte Unglück für die urgroßväterliche Familie war sicher der Tod des Ernährers im Jahre 1816, als der älteste Sohn Balthasar erst 16, der jüngste Sohn Bernhard erst neun Jahre alt waren. Die übrigen Kinder waren ganz klein gestorben. Wie ich von meinem Vater hörte, nahm sich der Balthasar seiner Mutter und seines Bruders Bernhard sehr an. Er konnte kein Handwerk erlernen, sondern mußte taglöhnern, um die Mutter zu unterstützen. Als dann der Bernhard aus der Schule kam, mußte auch er in die Sodafabrik, um zu verdienen und konnte ebenfalls kein Handwerk erlernen. Später bewarben sich die beiden armen Söhne dann um Stellen im städtischen Dienste als Polizeidiener und Waldhüter, die ihren Mann knapp ernährten. Ohne Zweifel half auch die Stiefschwester Ritter tüchtig mit. Schon die Tatsache, daß sie mit ihren beiden Halbbrüdern zeitlebens gut stand, läßt darauf schließen, daß sie eine gute Tochter und Schwester war.

Der Großvater Baltes erzählte angeblich oft, wie er mit seinem kleinen Bruder Bernhard das Essen bei den Kapuzinern in Villingen gebettelt habe.

Ich vermute, daß die Familie Franz Stadler in der Gerbergasse gewohnt hat, vielleicht in städtischen Armenwohnungen. Die Schwester Ritter wohnte ebenfalls in einer solchen Wohnung im Michaelsturm, weshalb sie auch den Namen die „Turmnanne“ erhielt.

In den 1814er Jahren lagen in Villingen in der Gerbergasse, im sogenannten „Russischen Bock“, da wo jetzt der Stiftskeller ist, viele kranke Soldaten. Sie hatten Typhus, Ruhr und andere Feldzugskrankheiten und starben massenhaft weg. Die Leichname wurden dann ohne Sarg auf Wagen geladen und auf der Roßwette, da wo jetzt die Bärenbrauerei steht, beerdigt. Der Sage nach half auch der Urgroßvater bei diesen Beerdigungen als Totengräber mit. Vielleicht hat er sich dabei selbst Typhus geholt. Das Sterbedatum – Anfang August 1816 – spricht eher für eine solche Sommerkrankheit als für einen Schlaganfall.

Der Baltes war ständig zu lustigen Streichen aufgelegt. Er soll ein guter „Strähler“ im Narrohäs gewesen sein. Man erzählte von ihm, daß ihm von seinen Freunden öfters ein Narrohäs zur Verfügung gestellt wurde, damit sie einen gewandten Strähler bei sich und dadurch Unterhaltung hatten. Einmal wäre es ihm dabei aber recht schlecht gegangen. Er hatte einem Villinger gehörig die Meinung gesagt, und ihn natürlich dabei gereizt. Dafür wollte ihn der Gekränkte in den Stadtbrunnen, der auf dem Marktplatz stand, werfen. Das Publikum nahm sich indessen des bedrängten Narros an und errettete den „allefenzigen“ Baltes vor einem kalten Bade.

Mit seinem Vorgesetzten, dem Bürgermeister Hubbauer, trieb der Baltes gern Schindluder. Wenn die Bauern von auswärts, die den Bürgermeister Hubbauer nicht kannten, unten ins Bürgermeisteramt an der Wachstube vorbeikamen, so kehrten sie gewöhnlich beim Baltes an und sagten ihm Grüß Gott. Der Baltes gab ihnen dann den Rat, mit dem Bürgermeister recht laut zu sprechen, da er nicht gut höre. Nun schrien die Bauern natürlich den Hubbauer recht an, und wenn dieser dann nach dem Grund ihres lauten Redens frug, so klärte sich dann die Lumperei des Baltes rasch auf. Dieser aber lachte sich unten in der Wachstube ins Fäustchen. Ob sich das der Bürgermeister Hubbauer von seinem Polizeidiener ständig gefallen ließ, weiß ich nicht. (Die Polizeiwache befand sich damals da, wo heute das Münsterpfarramt ist, Ecke Kanzleigasse – Kronengasse).

Hubbauer hatte die üble Gewohnheit, seinen Untergebenen von weitem zu pfeifen, wenn er sie nicht mehr errufen konnte. Der Baltes aber reagierte auf dieses pfeifen niemals. Er ließ sich nicht pfeifen. Als ihn Hubbauer einmal frug, warum er auf seinen Pfiff nicht gehalten habe, entgegnete der Baltes schlagfertig: „Herr Bürgermeister, ich habe gemeint, man pfeife nur den Hunden“.

Auf alle Fälle war das Verhältnis zwischen dem Baltes und seinem Vorgesetzten ein gutes und patriarchalisches. Der Baltes soll sich auch einige Male der unpünktlichen Ablieferung amtlicher Gelder schuldig gemacht haben. Der Bürgermeister Hubbauer hat dann jeweils die Verfolgung unterdrückt, um den kinderreichen Baltes nicht ins Unglück zu bringen. Die Ehefrau Magdalena soll in solchen Fällen sehr für ihren bedrängten Gemahl eingetreten sein. Sonst muß der Baltes ein gutmütiger, stets gefälliger Mann gewesen sein. Mir wurde erzählt, daß er hilfesuchenden Menschen unentgeltlich Bittgesuche und Eingaben in allen vorkommenden Fällen gern verfaßt habe. Der Bürgermeister Hubbauer habe das Publikum kurzerhand zum Baltes geschickt, er solle ihnen die Eingabe machen. Hiernach zu schließen, muß er eine gute Feder geschwungen haben und schriftgewandt gewesen sein. Ich besitze leider von ihm keine Zeile. Er war zwei fellos ein guter Schüler gewesen. Baltes war auch zweifellos ein gut befähigter Mann. Leider war er nicht festen Charakters und so besorgt für seine große Familie, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Er hatte zwar eine Freude, daß ihm so zahlreich Kinder beschert waren – mehrere seiner Kinder starben im Kindes- und Säuglingsalter – aber die Sorge um ihre Erziehung kümmerte ihn weniger. Er neigte einem lockeren Lebenswandel zu und verkehrte wie sein Sohn Baltes gern in Wirtschaften. Sicher ist dem beliebten Manne auch vieles bezahlt worden, aber dennoch kam er dadurch rückwärts zum Schaden seiner Familie.

Einmal hatte die Ehefrau Magdalena einige hundert Gulden von einer Base aus Honstetten bei Engen geerbt. Vater Baltes nahm im Auftrag seiner Ehefrau das Geld in Verwahrung, legte es aber nicht auf die Kasse, sondern verbrauchte es langsam für sich. Später, als die Magdalene dafür eine Kuh kaufen wollte, kam die Sache ans Tageslicht, und es gab natürlich häuslichen Unfrieden. Die Familie unterhielt eine oder zwei Kühe, von welchen die armen Leute lebten. Der Lohn als Polizeidiener war so gering, daß er zum Unterhalt der achtköpfigen Familie bei dem lockeren Wandel des Vaters nicht ausgereicht hätte. Wie der Baltes in religiöser Hinsicht beschaffen gewesen ist, weiß ich nicht. Zum Beichten ging er zum pensionierten Pfarrer Kurz, der in der Oberen Straße im Hause des Gerbers Beha wohnte. Gewöhnlich nahm der Baltes zum Beichten einige Stubenvögel mit, weil er wußte, daß Kurz ebenfalls ein großer Vogelfreund war und sich gern in einen Vogelhandel einließ. Nach vollendeter Beichte und Absolution kam dann der Vogelhandel an die Reihe. Bei Kurz im Hause wurden nur ganz „Intime“ zur Beichte gehört, darunter auch der Baltes.

Das Eheleben scheint nicht ganz gut gewesen zu sein. Die Ehefrau Magdalene, die eine durchaus rechtschaffene, brave und fleißige Frau gewesen sein muß, und die auch auf gute Erziehung ihrer Kinder hielt, fand natürlich in ihrem wenig ernsten Ehemann nicht die erforderliche Stütze in der Kindererziehung. Sie muß böse Zeiten mitgemacht haben und erst, als ihre Kinder heraufkamen, besonders mein Vater und mein Onkel Fridolin, die sehr zur Mutter hielten, und sie unterstützten, wurde ihre Lage erträglicher. Der Baltes foppte seine Ehefrau gern. Er sagte oft im Scherze „er könne zu nichts kommen, er habe immer noch das erste Weib“.

Mein Vater erzählte von seinem Vater folgendes Erlebnis: Baltes hatte einst amtlich einen Mann nach Triberg zu transportieren. Damals ging noch keine Eisenbahn und Baltes mußte die Tour in einem Tage über Mönchweiler, Peterzell, St. Georgen und zurück machen, mindestens 50 Kilometer. Es war schon spät in der Nacht, als Baltes von Triberg auf dem Heimmarsch sich von Mönchweiler her Villingen näherte. Da sah er plötzlich von weitem her ein Licht auf sich zukommen, das ungemein rasch sich näherte und sich bald als eine gut gekleidete Dame entpuppte, die eine Laterne in der Hand trug, welche unzählige Gläschen und Eisen hatte, wie wenn sie geschliffen wären. Die Dame war trotz des herrschenden Schmutzes mit keinem Flekken von Kot bedeckt, ihre Schuhe waren ganz rein. Baltes erschauerte, als sich die Erscheinung näherte. Diese sprach ihn an und ging einige Zeit neben ihm auf der anderen Straßenböschung her. Sie sagte ihm, der sie nicht kannte und niemals gesehen hatte, seinen ganzen Lebenslauf, die Verhältnisse in seiner Familie her und zeigte sich ganz über ihn unterrichtet. Plötzlich, als sie den Krebsgraben, der durch das Tal hinter Mönchweiler führt, überschreiten mußten, verschwand die Gestalt, nachdem sie dem Baltes noch „Gute Nacht“ gewunschen hatte, worauf Baltes erwiderte: „was Gottes Wille ist, du auch“. Der Baltes soll von dieser Zeit an – es war schon in seinen letzten Lebensjahren – ernster gewesen sein. Von der Erscheinung hat er sofort nach seiner Heimkehr erzählt, so daß nicht anzunehmen ist, daß er sie erfunden habe. Dies ist umsoweniger anzunehmen, als der nicht furchtsame Mann, sonst bei seinen vielen Nachtwachen und Nachtkontrollen niemals eine nicht natürliche Erscheinung gehabt hatte und auch kein Frömmler oder religiöser Schwärmer gewesen ist.

Der Lieblingssohn des Baltes war sein Ältester, Jakob, der in Bezug auf leichte Lebensauffassung auch ihm am meisten ähnelte. Meinen Vater soll er nicht besonders lieb gehabt haben, weil er zur Mutter hielt, und dies auch stets offen bekundete. Mein Vater hatte eine ernste Lebensauffassung und fand daher an dem nicht einwandfreien Verhalten des Vaters keine Freude. Wahrscheinlich merkte dies der Vater, der nebenbei viele Stücke auf sich hielt. Einmal soll es zwischen meinem Vater und seinem Vater fast zu Tätlichkeiten gekommen sein, und zwar kurz vor dem Tode der Mutter Magdalena, die lange an ihrem schweren Leiden darnieder lag. Der Baltes soll sich einmal in kränkenden Worten über seine kranke Ehefrau in ihrer Gegenwart, daß sie nichts mehr tauge, geäußert haben, worauf ihm dies mein Vater streng verwiesen habe. Mein Vater ließ sich aus Gründen der Pietät nicht näher über sein Verhältnis zum alten Baltes aus, ich merkte aber, daß er ihm zeitlebens gegrollt hat, weil der Vater die geliebte Mutter so schlecht behandelt habe. Mein Onkel Fridolin, der ebenfalls so sehr an der Mutter gehangen hat, erzählte, wie tief der Mutter Tod meinem Vater nahegegangen sei und wie sehr dieser noch lange um sie geweint habe. Nach dem Tode seiner Ehefrau Magdalena trug sich mein Großvater Baltes mit dem Gedanken einer nochmaligen Verheiratung. Er soll schon die Hochzeitshosen gerichtet gehabt haben. Da pochte der Tod an. Beim Ausschellen hatte der 68jährige Baltes einen leichten Schlaganfall erlitten. Man brachte ihn heim und er erholte sich wieder. Nach 8 Tagen wiederholte sich der Anfall. Nach der Schilderung meines Vaters soll er einen schweren Todeskampf gehabt haben, vermutlich trat Lungenödem ein, sodaß er ersticken mußte. Er starb in den Armen meiner Tante Karoline, die ihn pflegte, im dritten Stock meines Elternhauses abends gegen 9 Uhr am 11. Oktober 1867. Mein Vater wollte noch einen Geistlichen holen, dieser kam aber zu spät. Der Baltes soll im Todeskampfe schwer den Herrgott angerufen haben.

Mein Urgroßvater Franz Stadler hatte noch einen Sohn, Bernhard Stadler, geboren zu Villingen 19. August 1809, gestorben zu Unterkirnach als Waldhüter am 5. Januar 1869, 3 Uhr nachmittags. Näheres über sein Leben weiß ich nicht. Er war städtischer Waldhüter und hatte sein Waldhüterhaus auf dem Viehhof beim Neuhäusle zwischen Villingen und Vöhrenbach. Ich war als Postgehilfe 1888 und 1889 von Vöhrenbach aus wiederholt beim Viehhof, der inmitten ungeheurer Wälder ganz allein liegt und habe mich nach dem Großonkel Bernhard erkundigt. Er muß ein ruhiger, friedlicher Mann gewesen sein. Er liegt auf dem neuen Friedhof in Unterkirnach beerdigt und zwar war er der erste, der in diesen Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts neu angelegten Friedhof gelegt wurde. Bernhard Stadler hinterließ, soviel ich weiß, eine Tochter, die mit einem Metzger Weißer von Herzogen-weiler verheiratet gewesen ist. Diesen Weißer lernte ich als Postgehilfe in Vöhrenbach ebenfalls kennen, er muß ein wenig solider Mann gewesen sein. Auf mich machte er keinen guten Eindruck (Alkoholiker). Die Nachkommen Bernhards leben noch in Unterkirnach, ich kenne sie indessen nicht. Mein 1921 verstorbener Vetter Balduin Stadler hat mir meines Erinnerns einmal einen seiner Nachkommen vorgestellt, etwa 1896. Die Ehefrau – zweiter Ehe – des Bernhard Stadler kannte ich noch. Sie lebte als Pfründnerin im städtischen Farrenstall in Villingen und war eine kleine, freundliche Frau. Ich sah sie in meiner frühesten Jugend, wo wir sie die Vetter-bäs hießen. Das Wort „Onkel“ und „Tante“ kannte ich in meiner Jugend nicht. Meine Onkel und Tanten nannte ich Vetter und Basen.

Die beiden Brüder Balthasar und Bernhard sollen sehr aneinander gehangen sein. Mein Vater erzählte von verschiedenen Besuchen, die sie beim Onkel Bernhard auf dem Viehhof gemacht haben und wo es ihnen sehr gefallen habe. Bei solchen Besuchen mußten dann die sangeskun-digen Buben des Baltes dem Onkel Bernhard Volkslieder singen, was dieser gern hörte. Dafür wurden sie mit Speck, Schnaps, Wein und gutem Wälderbrot bewirtet, und die beiden Alten erzählten aus ihrer Jugend und erweckten Erinnerungen aus Alt-Villingen. Zum Schluß nahm dann jeweils der „knabenfreundliche Bernhard“, dem Buben versagt waren, die Neffen samt dem Bruder Balthasar in das etwa eine Viertelstunde vom Viehhof entfernte Wirtshaus zum Neuhäusle-Auerhahn, wo noch eins getrunken wurde, zum Abschied. Das waren Sonnentage für meinen Vater und seine Brüder. Als ich später von Vöhrenbach aus 1888/1889 ab und zu ins Neuhäusle kam, gedachte ich jeweils wehmütig dieser Besuche meiner Ahnen in den stolzen Wäldern der Heimat und erkundigte mich bei den alten Unterkirnachern über meinen Großonkel Bernhard. Nun sind inzwischen wieder dreißig Jahre ins Land gegangen und die damals alten „Wälder“ sind inzwischen, einer nach dem anderen, zum braven Bernhard auf den stillen, sonnigen Friedhof in Unterkirnach getragen worden, der so wunderbar über der Höhe ob dem Dorfe gelegen ist. Da droben muß es sich prächtig schlafen, rings von mächtigen Tannen und Föhren umgeben. Keine Lokomotive, keine Großstadtunruhe stört dort oben den Schläfern ihre köstliche Ruhe. Bei der Beerdigung des Onkels Bernhard war mein Vater und einige seiner Brüder ebenfalls dabei. Es soll noch Schnee gehabt haben und eisig kalt gewesen sein, mithin muß Bernhard im Frühjahr gestorben sein.