Als Morand Faust Polizeipräsident war (Werner Huger)

Erinnerungen an das Kriegsende 1945

In den Abend- und Nachtstunden des 20. April 1945 drangen französische Kampfeinheiten in Villingen ein. Am 21. April war das Schießen zu Ende. Nachdem mein Elternhaus im Februar nach der Explosion einer Fliegerbombe unbewohnbar geworden war, lebten wir in einer winzigen Wohnung in der Matthäus-Hummel-Straße, nahe den deutschen Kasernen, in einem kleinen Dachzimmer nebst Küche. Wir, das waren meine Großmutter, meine Mutter, meine jüngere Schwester und ich, gerade 14 Jahre alt. Vom Vater hatten wir während der Wirren des zu Ende gehenden Krieges nichts mehr gehört. Als Hilfszöllner zur Bewachung an der Schweizer Grenze, war er irgendwann zu einer Kampfgruppe abkommandiert worden. Es muß der 23. oder 24. April gewesen sein, als mit Gepolter an die äußere Glastüre gepocht wurde. Mit vorgehaltenen Maschinenpistolen drängten mehrere französische Soldaten in die Wohnung. Ich lag mit Fieber krank in meinem Bett in der Küche. Energisch wurde ich zum Aufstehen aufgefordert und mußte mich anziehen. Sämtliche Behältnisse der Wohnung wurden durchwühlt, der Inhalt auf den Boden gekippt. Bei dieser Gelegenheit kam ein alter Trommelrevolver zum Vorschein, den mein Vater aus dem Frankreich-Feldzug 1940 mitgebracht hatte. Etwas Dümmeres hätte uns nicht passieren können. Am 21. April war nämlich auf Veranlassung der französischen Besatzung an die Bevölkerung der Befehl ergangen, daß u. a. sämtliche Waffen abzuliefern seien. Ausgerechnet diesen Revolver hatte ich beim Ausräumen des halb zerstörten Elternhauses nicht mehr gefunden. Jetzt tauchte er hier in der Wohnung auf. Der Hahn der Waffe ließ sich zwar nicht mehr spannen, sie war unbrauchbar, doch den Franzosen war sie ein willkommener Fund. Ich wurde abgeführt. Meine Mutter erzählte mir später, daß einer der französischen Soldaten, der deutsch sprach, zu ihr gesagt habe: „Wenn bis morgen das Gewehr nicht da ist, wird Ihr Junge erschossen“. Tatsächlich war ich beim Vordringen der Franzosen in die Stadt im Besitz eines deutschen Wehrmachtskarabiners nebst Munition gewesen. Das Gewehr war mir allerdings auf eine heute nicht mehr erinnerliche Weise abhanden gekommen. Nur soviel wurde jetzt deutlich: Ich war denunziert worden. Später erfuhr ich, daß zum Zeitpunkt meiner Inhaftnahme sowohl das örtliche Gefängnis als auch das ehemalige Kriegsgefangenenlager Stalag mit Internierten besetzt war. Man verbrachte mich in die damalige Knabenvolksschule, die heutige Realschule, im ehemaligen Benediktinerkloster. In dem Raum des obersten Stockwerks, in den man mich sperrte, war ich der siebzehnte Gefangene. Man teilte deshalb die Zahl der Einsitzenden, und wir belegten nun ein zweites Zimmer. Hinter uns wurde die Türe abgeschlossen. In rascher Folge gesellten sich weitere Inhaftierte hinzu. Der Raum wurde mit zweistöckigen Holzbetten vollgestellt, auf denen Strohsäcke lagen. Wir waren eine gewissermaßen gutbürgerliche Gesellschaft. Neben mir und über mir lagen drei weitere Jugendliche, der jüngste 13, der älteste 16 Jahre alt. Weitere Jugendliche befanden sich in anderen Klassenräumen, und wie ich später erfuhr, auch im Gefängnis und dem Stalag. Unsere Bude repräsentierten darüber hinaus ein Rektor, ein Fabrikant, ein Behördeninspektor, sogar zwei Frauen, eine Krankenkasseninspektorin und eine biedere Hausfrau. Daneben gab es Leute, die man irgendwie und irgendwo aus irgendwelchen Gründen aufgegriffen hatte. Warum sie alle einsaßen, wußte in der Regel keiner genau. Wie der abgebildete Ausschnitt des Bulletin, der Mitteilungen der Militärregierung vom 17. November 1945 belegt, genügte es, in der Partei oder Hitlerjugend gewesen zu sein. Es brauchte nur eine Verdächtigung und einen Denunzianten, und die hat es, wie zu allen Zeiten, in reichlicher Zahl gegeben. Es waren auch Leute inhaftiert, die z. B. bisher in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten gesessen hatten und von den Franzosen ohne Papiere aufgegriffen worden waren. Hatte man eine leichtlebige Dame beim Tete-ä-tete mit einem Franzosen erwischt, war sie wegen Prostitution dran. Es hätte keine heterogenere Gesellschaft auf so kleinem Raum geben können. Einen Haftgrund im Rechtssinne gab es wohl selten. Der Krieg hat seine eigenen Gesetze, und die Devise lautet auch hier „sicher ist sicher“. In der genannten Zusammensetzung blieben wir in diesem Raum bis zu meiner Entlassung am 13. Juni 1945 eingesperrt. Wenn einer von uns austreten wollte, dann mußte er an die Türe pochen. Daraufhin erschien ein deutscher Hilfspolizist mit einem Gewehr über der Achsel und führte uns auf die Schultoilette, stellte sich davor und beendete seine Wache damit, daß er schließlich hinter uns wieder die Türe verschloß. Wie sich insgesamt die hygienischen Verhältnisse darstellten, läßt sich bei diesem Verfahren leicht ausmalen, vor allem wenn man daran denkt, wie sich die beiden Frauen in der Männergesellschaft zurechtfinden mußten.

In der ersten Zeit, ich vermute bis zum Waffenstillstand am 8. Mai, erschien täglich der damalige französische Polizeipräsident mit einer Begleitmannschaft Uniformierter. Morand Faust war, wie er im Jahresheft XVII, 1992 / 93 des Geschichts- und Heimatvereins selbst erzählt, ehemaliger Kriegsgefangener im Stalag und vom ersten Militärgouverneur, Oberstleutnant Rosette, am 23. April 1945 als Polizeichef für die zivile Polizei eingesetzt worden. Er war gewissermaßen das Bindeglied zwischen der militärischen Besatzungsmacht und der zivilen Ordnungsmacht, für die der eingesetzte Bürgermeister zuständig war. Über ihn berichtet ausführlicher Hermann Riedel in seinem Buch „Villingen 1945“ a. a. 0.. Nach seinem Erscheinen mußten wir in der Mitte des Zimmers zusammentreten, dann wurden Namen aufgerufen, der Betreffende meldete sich. Als ich an der Reihe war, sagt Morand Faust als deutschsprechender Elsässer zu mir: „Aha, Sie sind der, bei dem man eine Pistole gefunden hat“. (Von einem Gewehr war keine Rede mehr). Das eilige Auftreten der Franzosen hatte weniger etwas Inquisitorisches als eher Geschäftsmäßiges an sich. Obwohl noch Krieg war und uns die Angst beherrschte, war Morand Faust kein Mann, der zu diesem Gefühl beitrug. Er war kein Racheengel. Er wirkte bestimmt aber nicht bedrohlich. Wenn ich ihm heute begegnete, würde ich in der Umsetzung meiner Gefühle von damals zu ihm sagen: „Ah, Sie sind Morand Faust; das waren vielleicht noch Zeiten!“. So spukhaft wie die gesamte Mannschaft erschienen war, verschwand sie wieder aus dem Klassenzimmer Der Riegel drehte sich im Schloß. Keiner war mitgenommen worden, keinem etwas angetan: Stubenappell!

Ganz anders sah es aus, wenn sich, mit dem Blick von oben aus dem Fenster, hin und wieder eine Gruppe Zivilisten vom Schulhof her dem Eingang des Westflügels näherte. Sie wurde von einem Mann angeführt, der einen Klumpfuß hatte und mit seinem schleppenden Gang sofort ins Auge stach. Die Haare waren schwarz und glänzend nach hinten gekämmt, die Augen lagen dunkel in den Höhlen. Es war Franz Frank, Kommunist und Leiter der deutschen Widerstandsbewegung, die bereits vor der Besetzung der Stadt mit den damaligen Feinden kollaborierte. Inzwischen waren sämtliche Klassenzimmer der Knabenschule belegt. Alle Gefangenen mußten stockwerksweise auf die Gänge hinaustreten, Namenslisten wurden verlesen, und wenn sich ein Gesuchter fand, wurde er mitgenommen, gewissermaßen ein zweites Mal verhaftet. Auch diese Leute erschienen wie ein Spuk und verschwanden ebenso.

 

Im Gegensatz zu Morand Faust und den übrigen Franzosen wirkte ihr Erscheinen allerdings bedrohlich, alptraumhaft. Sie waren wie eine Mischung zwischen Rächer und Gangster. Sie konnten im Auftrag des französischen Gouverneurs handeln und waren in gewisser Weise Gegenspieler von Morand Faust, der, wie er selbst schreibt, viel Ärger mit Frank hatte. (Am 31. August 1945 ließ Gouverneur Robert den Franz Frank in eine Falle tappen, verhaftete ihn und ließ ihn durch ein französisches Militärgericht aburteilen. Damit erledigte sich die „politische Polizei“ des Frank und Konsorten endgültig.) Als wir Gefangene einmal die Büroräume der Gruppe Frank im Gasthaus Stiftskeller an der Gerberstraße säubern mußten, fiel mir auf, wie improvisiert und ungeordnet alles war: Da liefen lediglich einige Männer mehr zufällig zwischen leeren Regalen bzw. zwei oder drei Schreibtischen hin und her, und als einer von ihnen die Schublade des Schreibtisches aufzog, lagen darin ein paar Pistolen. Kurz nach meiner Verhaftung wurden auf der Innenseite der halbhohen Hofmauer an der Schulgasse dicke Pfähle eingerammt und mit Stacheldraht verspannt. Am Hofeingang blieb ein bewachtes Drahttor. Der so abgeschirmte Hof diente unserem täglichen Rundgang. Als wir nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai auch auf Arbeit mußten, fand im Hof der Morgenappell und die Einteilung der Arbeitstgruppen statt. Ausgeführt und bewacht wurden wir regelmäßig von den bereits erwähnten Hilfspolizisten in Zivil, die eine Armbinde trugen. Sie waren den im Amt verbliebenen und den Franzosen unverdächtigen regulären Polizeibeamten von Fausts Gnaden zur Unterstützung beigegeben worden. Es waren, mit einer Ausnahme, durchweg rechtschaffene und friedfertige Bürger, die ihr Amt nicht zu ernst nahmen. So erinnere ich mich an den Inhaber eines Villinger Versicherungsbüros, Schuppler, der es mir auf dem Weg zu einer Arbeit erlaubte, für eine Stunde zu verschwinden, um meine Mutter aufsuchen zu können. Er hat mir bestätigt, daß sich in dem Gewehr, das ihm die Franzosen als Waffe überlassen hatten, nur eine Patrone befände. Er war es auch, der am Tage der deutschen Kapitulation die Tür zu unserem Gefangenenzimmer aufgeschlossen hatte, den Kopf halb durch den Spalt gesteckt, und nur das eine Wort sagte : „Waffenstillstand!“. In meinem Bubenherzen, von den Indoktrinationen des Dritten Reiches geprägt, brach eine Welt zusammen. Schließlich war noch am 24. April das Gerücht verbreitet worden, in den Wäldern bei Tannheim seien SS-Kampftruppen, die Villingen befreien sollten. (Tatsächlich handelte es sich um den letztlich vergeblichen Durchbruchsversuch der eingeschlossenen deutschen Infanterie-Division 106, bzw. der Volks-Grenadier-Divisionen (V.G.D) 719 und 352, die lediglich das Allgäu zu erreichen suchten. Sie standen allerdings unter dem Oberbefehl des kommandierenden Generals der Waffen-SS Georg Keppler. Die einzelnen Divisions-Kommandeure waren dagegen Generalleutnant Willy Seeger und Generalmajor Rudolf von Oppen.

Jetzt war alles aus, und wir dachten, daß man uns für viele Jahre nach Frankreich in Bergwerke oder Arbeitslager stecken würde. Nebenbei hatten wir immer noch Angst, evtl. als Geiseln erschossen zu werden.

Nun ging es also an den Aufbau, besser gesagt, zunächst ans Aufräumen. Wir beseitigten u. a. die Trümmer der nach dem schweren Luftangriff vom 22. Februar 1945 völlig zerstörten Villen beim Bahnhof und an der Luisenstraße, die gesprengten Reste der Rotationsmaschine einer Druckerei an der Ringmauer beim Kaiserturm, räumten die Kreisleitung der Partei aus und löschten zwischendurch nach einem langen Fußmarsch einen Waldbrand beim Gasthaus Forelle im Groppertal. Das alles war schon deshalb beschwerlich, weil wir quantitativ und qualitativ nur ungenügend zu essen hatten. Ich erinnere mich an ein Gericht aus Trockengemüse, das schmeckte, als habe man es mit halbgekochten Hobelspänen zu tun. Es war allerdings erlaubt, daß Angehörige Essensgaben für die Gefangenen im Erdgeschoß der Schule ablieferten. So bekam ich gelegentlich einen Reisbrei, den mir meine Mutter unter persönlichem Verzicht aus den ehemaligen Beständen der Wehrmachtskaserne gekocht hatte. Da bestand dann die Möglichkeit, vom Fenster aus wenigstens zu winken. Im ersten Obergeschoß des Nordflügels war über dem Saal, in dem massenhaft die requirierten Radios lagen, ein Büro eingerichtet, das als Verhörraum diente. Auch ich wurde zwei-, dreimal dorthin geführt und vernommen. Das Verhör führten abwechselnd ein bis zwei Villinger, die aus dem Umfeld des Widerstandes gegen Hitler kamen. Diese stellten zwar bohrende Fragen, aber sie waren nicht gehässig. Der eine oder andere saß später durchaus ehrenwert im Gemeinderat der Stadt. Hier in diesem Raum wurde mir am 8. Juni 1945 meine Entlassung eröffnet. Da die Urkunde aber mit dem Namen und der Straße teilweise falsch ausgefüllt worden war, mußte ich nochmals fünf Tage sitzen. Auf dem Heimweg zu meiner Mutter hatte ich das unbeschreibliche Gefühl als sei ich soeben neu geboren worden.

Bereits am 20. Mai hatte die „politische Polizei“ der Gruppe Frank ihre Tätigkeit eingestellt. Zwei Tage nach meiner Entlassung verabschiedete sich auch Morand Faust von seiner städtischen Polizeigewalt. – Als Vertrauter Fausts und doch gleichzeitig deutscher Hauptmann der Reserve – so habe ich ihn noch in Offiziersuniform gesehen – war der Villinger Fotograf Walter Bräunlich bereits vor dem Umsturz konspiratives Mitglied der Widerstandsgruppe und Kontaktmann der im Stalag einsitzenden Kriegsgefangenen. Ihn beriefen die Franzosen am 21. April 1945 zum Bürgermeister, und er blieb es bis zum 17. Februar 1946, dem Tag, an dem ich gerade 15 Jahre alt wurde. Als ich bald nach meiner Haftentlassung arbeitsverpflichtet wurde, erhielt ich eine Art Ausläuferstelle im Rathaus und saß dort abrufbereit im Vorzimmer des Bürgermeisters Bräunlich. Er kannte mich zwar nicht, aber irgendwer mußte mich ihm verdächtig gemacht haben. Er ließ mich kommen und fragte mich aus. Als ich ihm u. a. sagte, daß ich noch im März auf einer Führerschule an Infanteriewaffen vormilitärisch ausgebildet worden sei, schob er mich noch zur selben Stunde ab. Künftig war ich für ihn „weit vom Schuß“. Ihm bin ich mittelbar einmal begegnet. 1963, als Referendar in Donaueschingen, hielt das Kollegium Einkehr im kreiseigenen Pflegeheim in Geisingen. Ich sagte dem Anstaltsleiter, ich hätte gehört, daß sich Walter Bräunlich hier befände. Es bestätigte das und meinte, dieser sei in einem gesundheitlich völlig desolaten Zustand eingeliefert worden. Die Zeit war über alles hinweggegangen, der Neuaufbau staatlicher Ordnung längst anderweitig vollendet.

Quellen und Literatur:

Hermann Riedel: „Villingen 1945“, Ring Verlag Villingen, 1968. Derselbe: „Ausweglos … !“, Herausgeber: Stadt Villingen-Schwenningen, 1974.

Werner Huger: Ein Pimpf erinnert sich …, in : „1939 /1949, 50 Jahre Kriegsausbruch, 40 Jahre Bundesrepublik Deutschland“, Herausgeber: Stadt Villingen-Schwenningen, 1989.

Hermann Riedel: „Aasen, Schicksal einer Division“, 1969.