Das Franziskanerkloster in Villingen (Prof. Dr. Dieter Mertens)

Zur Geschichte seiner baulichen Nutzung

1982 konnte der erste Bauabschnitt des großen Unternehmens „Wiederherstellung des ehemaligen Franziskanerklosters in Villingen“ abgeschlossen werden. Dieser erste Bauabschnitt galt der Wiederherstellung des Kirchengebäudes und dem Ausbau zu einem Konzerthaus, was ein sehr kompliziertes Unterfangen gewesen ist. Der glückliche Abschluß wurde von September bis November 1982 mit einer Kaskade festlicher musikalischer Veranstaltungen gefeiert, und die erste dieser Veranstaltungen bildete der „Festakt zur Einweihung“ der zum Konzerthaus umgebauten Kirche.‘) Dieser Festakt galt selbstverständlich einer weltlichen „Einweihung“ im Unterschied zur Konsekration der Kirche im Jahr 1292, mit der der Konstanzer Weihbischof das Gebäude vor sieben Jahrhunderten seiner geistlichen Bestimmung übergab. Fünf von diesen sieben Jahrhunderten lang war die Franziskanerkirche, ihrer ursprünglichen Bestimmung entsprechend, ein konsekrierter, geistlicher Raum. Ebenso lange wurden auch die Konventsgebäude von einer geistlichen Kommunität bewohnt. Hier soll die Geschichte der Nutzung dieser Klostergebäude vorgestellt werden, und darin bilden Jahrhunderte vom 13. bis zum 18. Jahrhundert die erste große Nutzungsperiode. Weil sie die längste ist, soll auf sie ausführlicher eingegangen werden als auf die nachfolgenden Perioden. In der ersten langen Nutzungsperiode ist der Gebäudebestand keineswegs unverändert geblieben. Die Bauten des 13. Jahrhunderts haben Erweiterungen erfahren, so insbesondere im späteren 15. Jahrhundert durch den Kreuzgang. Andererseits ist der alte Konventsbau während des Spanischen Erbfolgekrieges bei der Beschießung Villingens durch das Heer Tallards im Juli 1704 so stark getroffen worden, daß der Guardian Adrian Funk, der darüber berichtet, klassisch gebildet, wie er war, die Zerstörung Trojas zum Vergleich heranzog. 2) Die Konventsbauten waren weitestgehend ruiniert, von der Kirche das Dach und Gewölbe des Chores sowie das Dach des Langhauses zerstört. Zwischen 1705 und 1714 ließen die Mönche einen neuen und, wie ein vergleichender Blick auf die vielfach herangezogene Federzeichnung aus dem Ende des 17. Jahrhunderts zu erkennen gibt, sehr viel großzügigeren Konventsbau errichten und stellten Langhaus und Chor wieder her, wobei letzterer jedoch nur flach gedeckt und nicht mehr, wie zuvor, eingewölbt wurde. Dieser großdimensionierte Konventsbau des 18. Jahrhunderts ist es, der zusammen mit der Kirche die späteren Umnutzungen erlebte und der nunmehr wiederhergestellt ist. Entsprechend diesen Nutzungsperioden sollen die nachfolgenden Ausführungen gegliedert werden, ein Kapitel „Von Assisi nach Villingen“ soll sie einleiten. Der 2. Abschnitt heißt „Das Kloster in der Stadt – ein Kloster für die Stadt“ und behandelt die fünf franziskanischen Jahrhunderte; es folgt „Das Kloster als Kaserne“ und „Das Kloster als Spital“.

1. Von Assisi nach Villingen

Im Jahr 1267 wurden die Franziskaner nach Villingen gerufen. Der heilige Franziskus war damals bereits seit vierzig Jahren tot, und sechzig Jahre war es her, daß er öffentlich der Welt abgesagt und sich in einem spektakulären Akt zu einem Leben der Christusnachfolge in freiwilliger Armut bekannt hatte, ein Akt, der am Anfang der franziskanischen Bewegung steht. Dies war wohl 1206. Der Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro Bernardone aus Assisi und der wohl aus der Picardie stammenden, vielleicht adeligen Donna Pica, der den Taufnamen Giovanni trug, von seinem Vater aber Francesco, „Franzose“, gerufen wurde, sagte sich öffentlich in spektakulärer Weise vor dem Bischof von Assisi und einer Menge Leute von seinem Vater los. Nicht seinen Übernamen legte Giovanni alias Francesco damals ab, im Gegenteil, der Name Francesco blieb ihm und ging auf die von ihm initiierte Bewegung – die franziskanische Bewegung – und den daraus hervorgegangenen Orden – den Franziskaner-Orden – über. Franziskus gab seinem Vater vielmehr die Kleider zurück zum Zeichen, daß er dessen Welt, die bisher auch die seine gewesen war, und seine bisherige Lebensweise ablegte, um nunmehr „nackt dem nackten Christus zu folgen“, das heißt: in völliger Armut die Nachfolge des Gekreuzigten zu üben. In der Oberkirche San Francesco in Assisi hat Giotto um 1300 diese Szene gemalt gemäß der Legenda maior des Hl. Bonaventura, des Ordensgenerals der Franziskaner von 1257 bis 1274. Auf der linken Bildseite steht vor einer Menge Leute der Vater, die Kleider des Sohnes schon über dem Arm, und blickt grimmig, ja fassungslos auf Franz. Der aber schaut ihn nicht an; er steht dem Vater wohl gegenüber, doch ist er durch einen leeren Raum von ihm getrennt; sein Blick und seine gebetsweise aneinandergelegten Hände richten sich, wie es die Franziskus-Erzählungen besagen, nach oben über den irdischen Vater hinweg zum Vater im Himmel, während der Bischof mit seinem Pluviale, dem weiten Chormantel, die Blöße Franzens verhüllt. Franz „verließ die Welt“, wie er später in seinem Testament schreibt. Er betrat „den Weg verachteter Armut, erniedrigender Buße und skandalerregender Absonderlichkeit“)) Von den Gefährten, die sich ihm anschlossen, verlangte er ein Leben, das sich nicht um das Morgen kümmert, nicht um das Dach über dem Kopf und nicht um Essen und Trinken, und er schickte sie zu predigen aus ohne Stock und Schuhe und ohne Reisegeld.4)

Als Graf Heinrich von Fürstenberg 1267 / 1268 die Söhne des Hl. Franz nach Villingen rief, „in unsere Stadt (castrum, villa) Villingen“, da wandte er sich an den Amtsträger eines etablierten und durchorganisierten Ordens, an den Bruder Albert, Minister (d. i. der Provinzial) des Ordens der Minderbrüder in Oberdeutschland. 5) Das Schreiben des Villinger Stadtherrn an den Bruder Albert läßt keinen Gedanken aufkommen an Waldeinsamkeit und Vogelpredigt, an unorganisertes Hausen und Beten in Höhlen, an die Sorglosigkeit der Lilien auf dem Felde, vielmehr ist die Rede von einem Haus (domus), das die Brüder übernehmen können oder neu erbauen sollen, von Grundstücken, die sie jetzt und künftig nutzen werden, von Rechten und Freiheiten; Statuten und Gewohnheiten eines Ordens – eines Ordens, der schon so viele Niederlassungen in Deutschland besaß, daß er sie 1239 organisatorisch in vier Provinzen einteilte, in die kölnische, die sächsische, die österreichische und eben die oberdeutsche, die ihrerseits seit 1260 in sechs Kustodien untergliedert war. Zur Boden-see-Kustodie (Custodia Lacus), welcher die Villinger Gründung zugeordnet wurde, gehörten damals die Konvente in Lindau (1239 / 1240), Konstanz (1240), Zürich (nach 1240), Luzern (nach 1240) und Schaffhausen (1262) – gleichzeitig mit Villingen ist Überlingen (1267), wenig später (1280) ist Burgdorf (Kanton Bern) und erst in großem Zeitabstand sind die Klöster auf dem Viktorsberg (Bezirkshauptmannschaft Feldkirch; 1370) und in Hausach im Kinzigtal (1475) hinzugekommen. 6)

Assisi 1206 und Villingen 1267 – der Unterschied zwischen dem Auszug des Franziskus aus der Welt und dem Einzug der Franziskaner in Villingen, zwischen dem unbehausten Franz von Assisi und den mit Haus- und Grundstücksangeboten nach Villingen gelockten und im Jahr darauf, 1268, hier seßhaft gewordenen Franziskanern erscheint riesengroß und kaum zu überbrücken. Tut sich hier nicht ein Gegensatz auf? Handeln die Franziskaner von 1267 / 1268 noch im Sinn des Franziskus? Franziskus hat ein frühchristliches Asketentum erneuert, das noch nicht auf Organisation und Gehorsam gegründet und gesellschaftlich noch nicht integriert war. Er hat aber gleichzeitig seine Anhänger zu Predigt und Seelsorge in die Städte gesandt. Die Spannung zwischen Selbstheiligung und Seelsorge, zwischen dem Auszug aus der Welt und den Erfordernissen einer organisierten und in Kirchenräumen geübten Seelsorge in der Welt führte schon zu Lebzeiten des hl. Franz zu Konflikten unter den Anhängern, d. h. in dem seit 1209 sich allmählich ausformenden und gleichzeitig rasch ausbreitenden Orden, der 1223 mit einer päpstlich approbierten Regel versehen wurde. Diese freilich fragmentarische und weiterer Auslegung bedürftige – Regel hat den grundlegenden Konflikt nicht beseitigt. Franz hat den geistlichen Sprengsatz seines charismatischen Asketentums nie ganz entschärft, so daß immer neue franziskanische Gruppen den Anspruch erhoben, die wahren Intentionen des hl. Franz zu erfüllen, und immer neue Abspaltungen und Reformbewegungen die Geschichte des Franziskanerordens bestimmten. Über Kirchen- und Konventsbauten hatte Franziskus in seinem Testament, sie zwar billigend, aber die Billigung doch wieder doch einschränkend, geschrieben: „Die Brüder mögen sich hüten, Kirchen und Unterkünfte und alles, was sonst noch für sie errichtet wird, anzunehmen, wenn sie nicht, wie es sich gehört, der heiligen Armut gemäß sind, deren Einhaltung wir in der Regel versprochen haben, und sie sollen dort immer nur gastweise wohnen wie Fremdlinge und Pilger.“7) Als die Franziskaner nach Villingen gerufen wurden, leitete der große Bonaventura den Orden, der neben dem Dominikaner Thomas von Aquin in Paris Theologie gelehrt hatte und wie kein zweiter die Hinwendung der Franziskaner zur theologischen Wissenschaft verkörpert, ein neues, von Franziskus selber nicht vorgelebtes Element. Bonaventura hat die auseinanderstrebenden Flügel der franziskanischen Bewegung wieder zusammengeführt und den Orden als sein „zweiter Gründer“ konsolidiert. Er hat in Fortführung der Konzessionen des Franziskus-Testaments die Errichtung von Konventsgebäuden verteidigt und dabei allgemeine Bauvorschriften formuliert. Erlaubt ist nach Bonaventura nur, was notwendig, vernünftig und zweckentsprechend ist. Überflüssiges, Vorwitzig-Erlesenes, Weltliches, der Armut nicht entsprechendes Bauen und Ausstatten ist verboten, also ein Übermaß an Länge, Breite und Höhe, erlesene Malereien, Schnitzereien, Verglasungen, Säulen. Nur gastweise zu wohnen, gilt als eine Frage der Einstellung, nicht des Besitzrechtes. Laut Bonaventura ist überflüssiger baulicher Aufwand eine fünffache Sünde: Er bedeutet eine Verletzung des Armutsgelübdes, gibt ein schlechtes Beispiel im Orden, verstrickt die Brüder in unnütze weltliche Geschäftigkeit, beraubt die Armen der ihnen zustehenden Almosen und führt zu überzogener Betteltätigkeit, wodurch die Sympathien der Bevölkerung und die Chancen der Seelsorge aufs Spiel gesetzt werden. 8)

Am 15. Januar 1268 wurde in Villingen der Start für die Bautätigkeit der Brüder freigegeben. Graf Heinrich I. von Fürstenberg, der Begründer der heute noch existierenden Fürstenberger Linie und große Förderer Villingens, seit dem Ende der Stauferherrschaft 1254 faktisch der Stadtherr, der 1257, zehn Jahre vor den Franziskanern, schon die Johanniter in die Stadt geholt hatte 9), stellte in einer Urkunde fest, daß die Franziskaner auf seiner und seiner Frau Agnes dringende Aufforderung, dazu im Einverständnis und mit Bitten der Bürger Villingens, geholt worden seien, daß ihnen ferner keinerlei Auflagen gemacht werden – also weder bezüglich der mit der Pfarrkirche konkurrierenden Seelsorge noch etwa bezüglich der notwendigen Bauten -, daß sie vielmehr ganz nach den Regeln, Gewohnheiten und Freiheiten ihres Ordens handeln dürften und daß die Grundstücke, die sie jetzt und künftig innehaben werden, und die Wege innerhalb des Mauerrings, die an ihre Grundstücke anstoßen, von allen Lasten und Auflagen befreit seien.10) Der Stadtherr war zweifellos der Eigentümer der Grundstücke, die den Franziskanern gegeben wurden – nicht übereignet, sondern zum Nießbrauch (ad usum vestri ordinis) überlassen, denn der Orden als ganzer verstand sich als arm, nicht nur seine einzelnen Mitglieder. Den Stadtherrn Graf Heinrich und seine Frau Agnes nannte denn auch eine Inschrift, die später, nach der Fertigstellung des Chores, auf dessen östlicher Innenwand angebracht wurde. 11) Von den Bürgern Villingens sprach die Inschrift nicht, sie galten also nicht als Mitstifter. Doch ihr Einverständnis, das die Urkunde festhält, war nötig, weil der Mauerring eben den Raum umschloß, in dem neben dem Stadtherrn die Bürgerschaft mitbestimmte und den die Bürgerschaft in zunehmendem Maß als ihren Rechtsraum ansah, aus dem aber mit nun der Ansiedlung der Franziskaner ein Teil herausgenommen, einer geistlichen Kommunität ein Stück „stadtrechtsfreien“ Raumes zugebilligt wurde.

2. Das Kloster in der Stadt – ein Kloster für die Stadt

1268 konnte also mit dem Bau einer Kirche und eines Konventsgebäudes begonnen werden sowie mit der Anlage eines Friedhofs. Ein erster Bauabschnitt deutet sich an, der sich möglicherweise auf das Langhaus bezieht: 1275 können fünf Altäre und der Friedhof geweiht werden (cimiterium apud fratres Minores in Villingen et quinque altaria).12) Damals hatten – wie Grabungen von 1943 ergeben haben – drei Häuser, die anscheinend ohne Fundamentierung bloß auf Holzschwellen errichtet waren, der Anlage des Friedhofs weichen müssen.13) Häuser zählten ja nicht generell zu den Immobilien, es gab durchaus Holzhäuser, die zerlegbar und transportabel waren und darum den Mobilien zugerechnet wurden. 1292 endlich waren Kirche und Konventsbau der Franziskaner fertiggestellt. Am 27. April jenes Jahres, dem Sonntag Jubilate, vollzog der Konstanzer Weihbischof Bonifacius, ein Augustinereremit, die Einweihung der Kirche.14) Er tat dies vermutlich im Beisein von Brüdern aus allen Konventen der oberdeutschen Provinz. Denn das Provinzialkapitel dieses Jahres fand in Villingen statt, und ein Sonntag Ende April oder Anfang Mai, Jubilate oder Cantate, ist ein durchaus üblicher Versammlungstermin für die Provinzialkapitel. Der Weihetermin dürfte von dem Kapitelstermin bestimmt worden sein, nicht umgekehrt. Zum oberdeutschen Provinzialkapitel hatten sich die Kustoden der sechs Kustodien Elsaß, (Mittel-)Rhein, Basel, Bodensee, Schwaben und Bayern einzufinden, die vom Provinzial berufene Brüder sowie gewählte Vertreter der Konvente, d. h. Vertreter von etwa einem halben Hundert Franziskanerklöstern von Friedberg in der Wetterau und Frankfurt am Main bis Freiburg im Üchtland, von Kaiserslautern und Saarburg, bis Würzburg und Bamberg, von Straßburg und Rufach im Elsaß bis Regensburg, Landshut und München. 15) Graf Heinrich, der Gründer des Villinger Klosters, war schon 1284 gestorben, er hatte sich zwar in Villingen begraben lassen, aber nicht auf dem Friedhof der Franziskaner oder gar in deren Kirchenbaustelle, sondern beim Münster. 16) Die Inschrift an der Ostwand des Chors der Franziskanerkirche, die an Graf Heinrich und seine Frau Agnes erinnert, 17) könnte 1292 angebracht worden sein, könnte aber wegen der Verwendung des Wortes monasterium (Kloster) sehr wohl auch jünger sein. Die Franziskaner des 13. Jahrhunderts wollten nicht wie die traditionellen, seßhaften Orden sein, auch wenn sie ihnen in Wirklichkeit in vieler Hinsicht ähnlicher wurden, und vermieden es, ihre Männerkonventen als monasteria zu bezeichnen; lieber sprachen sie von loca, Niederlassung, oder domus, Häusern. 18) Von einem Haus (domus), das die Brüder übernehmen oder das für sie gebaut werden sollte, sprach auch Graf Heinrich von Fürstenberg, als er die Brüder 1267 / 1268 nach Villingen rief. Die Datierung der Inschrift hängt natürlich auch davon ab, ob der Chor gleichzeitig mit dem Langhaus, der Kirchenhalle, erbaut worden ist. Ungewöhnlich wäre das nicht. So wurde die Würzburger Franziskanerkirche, erbaut von 1250 bis 1291, sogar mit dem Chor begonnen, einem rechteckigen, aber eingewölbten Chor. In Rufach, wo die Franziskanerkirche zur selben Zeit entstand, hat der Chor hingegen ebenso wie in Villingen einen Fünf-Achtel-Schluß, ist aber flach gedeckt, obwohl doch eine polygonale Brechung des Chorschlusses in den Bereich des Gewölbebaues gehört. 19) Die Wände des Villinger Chores werden von Strebepfeilern gestützt, und dies macht doch nur Sinn, wenn auch eine Einwölbung vorhanden war. Der drei Joch lange, polygonal geschlossene und auch gewölbte Chor (und zwar auf Konsolen gewölbt, nicht wie bei den Dominikanern auf Diensten, die bis nach unten reichen) begegnet in Franziskanerkirchen zuerst in Freiburg im Üchtland und in Freiburg i. Br. und wird in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die spezifisch franziskanische Form des Chors. 20) Dem dürfte der Villinger Chor wohl entsprochen haben. Das Villinger Langhaus, ein einschiffiger Saal, unterscheidet sich von den Langhäusern der eben genannten gleichzeitigen Franziskaner-kirchen, denn diese haben allesamt drei Schiffe. Für Villingen könnte Lindaus Franziskanerkir-che als Vorbild gedient haben, ehemals eine Saalkirche – im 19. Jahrhundert zum Theater umgestaltet. Deren Chor ist allerdings erst nachträglich, im 14. Jahrhundert gebaut worden. Finanziert wurde die ausgedehnte Bautätigkeit der Villinger Franziskaner unter anderem durch die 1268, 1270, 1275 und 1281 gewährten Ablässe und natürlich durch den Bettel der Mönche in Stadt und Land. Um ein Beispiel zu nennen: Der 1275 bei der ersten Altar- und Friedhofsweihe gewährte Ablaß bezog sich allein auf den 1. Mai, der als Kirchweihtag festgesetzt wurde, und besagte: Wer an diesem Tag und den nachfolgenden acht Tagen in wahrhaft reuiger Gesinnung die – irgendwie noch unfertige – Franziskanerkirche besucht (die Urkunde spricht von locus, Niederlassung) und die Messe hört, der erhält von jedem der fünf geweihten Altäre einen Nachlaß der Sündenstrafen von einem Jahr von läßlichen und von 40 Tagen von schweren Sünden.21) Der Bettel in Stadt und Land durfte, wir hörten es schon von Bonaventura, grundsätzlich nicht überstrapaziert werden; und es bauten in Villingen nicht nur die Franziskaner. Das Münster wurde nach dem Brand von 1271 wiedererrichtet, das Heilig-Geist-Spital beim Münster baute mit Hilfe eines Ablasses von 1286, die Schwestern der Vettersammlung besaßen Ablaßbriefe von 1255 und 1294.22) Überhaupt wurden in vielen Städten Kirchen gebaut: Franziskaner-, Dominikaner-, Augustinereremitenkirchen, Klarissenklöster und Dominikanerklöster mit ihren Kirchen und noch anderes mehr. Daß viele dieser Kirchen lange Bauzeiten haben, kann u. a. wegen der Gleichzeitigkeit großer Unternehmungen, die alle finanziert sein wollten, nicht verwundern. Die Konsekrationshandlung des Konstanzer Weihbischofs vom Sonntag Jubilate des Jahres 1292 bezog sich auf die Kirche und – noch einmal – den Friedhof. Die Konventsgebäude waren sicherlich ebenfalls fertig und beherbergten die große, vermutlich über hundert Personen zählenden Versammlung des Provinzialkapitels. Den Bürgern der Stadt Villingen präsentierte sich das Franziskanerkloster in seiner Funktion für den Orden. Und diese Funktion – Ort des Provinzialkapitels zu sein – hat es in seiner 500jährigen Geschichte insgesamt 26 mal erfüllt: das zweite Mal erst wieder 1406, nach 116 Jahren, doch im 15. und 16. Jahrhundert im Durchschnitt alle 12 Jahre, danach im Schnitt alle 20 Jahre. 23) Die Beherbergungskapazität des Klosters muß also schon vor dem Neubau der Konventsgebäude im 18. Jahrhundert beträchtlich gewesen sein. Wenn die habsburgischen Landesherren in Villingen logierten, taten sie dies bei den Franziskanern. 24) Die Franziskaner waren im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert mehrfach bereit und in der Lage, Teilen der Freiburger Universität Unterkunft und Unterrichtsräume und gewiß auch die Benutzung ihrer Bibliothek zu bieten, wenn nämlich in Freiburg die Pest ausgebrochen war und man Zuflucht suchte in der hochgelegenen Schwarzwaldstadt mit der gesünderen Luft. 25) Diese Funktion des Klosters für den Orden, die Herrschaft und die vorderösterreichische Universität waren, schaut man auf den Alltag, doch die Ausnahme. Die Regel war vielmehr, daß das Kloster Funktionen für die Stadt und ihr Umland ausübte: potentiell für jeden einzelnen und für Gruppen und außerdem für die Kommune. Diese Funktionen lassen sich rasch aufzählen: Die Hauptsache des Klosters ist seine Kirche, und diese ist ein Ort der Predigt und der Liturgie; der Kirchenraum ist von der Predigt her gedacht: der schlichte Saal ohne geheimnisvolle Nischen, dämmrige Nebenkapellen oder sich verselbständigende Querschiffarme und Vorhallen ist architektonisch ganz auf die Situation der öffentlichen Rede, den Hör- und Blickkontakt zwischen Redner und Zuhörern ausgerichtet. Als Ort der Liturgie, der Messe, speziell auch des Gedächtnisses der Verstorbenen in Messe, Chorgebet und Prozession, als Ort der Beichte, des Totengedächtnisses, der gemeinschaftlichen und privaten Andacht wendet sich das Kloster mit seiner Kirche und dem Friedhof im Prinzip an alle in der Stadt, aber auch an die Menschen im Umland z. B. in den sog. Termineien, den Bezirken, wo die Mönche betteln und als Gegenleistung für die materielle Gabe ihr Gebet anbieten, das sie durch ein frommes, asketisches Leben bei Gott angenehm und wirksam zu machen versprechen. Die Verbindung zwischen den gläubigen Wohltätern und den Franziskanern wird anschaulich und greifbar deutlich, wenn man im Archiv die Reste des um 1400 angelegten pergamentenen Jahrzeitbuches in die Hand nimmt, das einmal kalendarisch das ganze Jahr hindurch die Personen aufgeführt hat, deren die Brüder im Gebet gedenken sollten. Acht zerschnittene Blätter umfaßt es noch, mehr ist nicht erhalten, weil das Pergamentbuch im vergangenen Jahrhundert zum Lederpreis an einen Klaviertischler versteigert war, der das Pergament für die Belederung der Hämmer gut gebrauchen konnte. 26) Das später für das Stadtarchiv zurückerworbene Fragment verzeichnet Bürger und Adelige, weltliche und geistliche Personen, unter den letzteren insbesondere Schwestern. Noch diese Reste, die erhalten sind – die Jahrgedächtnisse bloß von November und Dezember -, zeigen hinreichend deutlich, daß die Anziehungskraft des Klosters auf alle sozialen Schichten beträchtlich gewesen ist. Gewiß gab es nicht wie anderenorts die Konkurrenz der Dominikaner, denen sonst die vermögenderen Schichten in stärkerem Maße zuneigten, aber die Villinger Johanniter haben den Franziskanern offenkundig einen Teil des Adels überlassen müssen. Die Reste des Jahrzeitbuches vermitteln auch den Eindruck, der sich andernorts bei günstigerer Überlieferungslage statistisch ermitteln läßt, daß die Frauen unter den Wohltätern stärker vertreten sind als die Männer und auch mehr Frauen als Männer sich auf dem Franziskanerfriedhof begraben ließen. In Notzeiten stieg die Zahl der Stiftungen gewöhnlich an. So ist es sicherlich kein Zufall, daß die älteste erhaltene Urkunde über eine Jahrzeitstiftung aus dem Jahr 1349 stammt, als die große Pest über ganz Europa und auch durch Villingen zog und hier 3500 Tote zurückließ, darunter 500 schwangere Frauen. 27) Auch die größte aller Villinger Jahrzeitstiftungen – die Überlebenden der Pest bildeten sie zugunsten der Pestopfer aus deren Hinterlassenschaft war bei den Franziskanern ‚angebunden. 28) Jahrzeitstiftungen haben eine geistliche wie auch eine wirtschaftliche Seite. Die Fürbitte für das Seelenheil des Stifters macht diesen in der Liturgie der Klosterkirche, ja im Chorraum der Brüder selbst gleichsam gegenwärtig, wenn nämlich am Jahrzeittag sein Name aufgerufen und seiner in der Messe gedacht, wenn sein Grab besucht wird, das sich in oder bei der Kirche oder im Kreuzgang befindet (uber das grab gon und visitieren mytt gebett und röch [Weihrauch] nach gewonlich bruch unsers goczhüß). 29) Umgekehrt machen die den Franziskanern übergebenen Einkünfte aus Liegenschaften – Wiesen, Äckern, festen Häusern – die Brüder außerhalb des Klosters präsent als Bezieher von Veesen und Pfenningen, von Natu-ral- und Geldrenten. Und wenn sie die ihnen übergebenen Gelder interessierlich, d. h. verzinslich (zu 5 %) anlegten bei der Stadt, den Fürstenbergern, bei privaten Gläubigem in Villingen selbst, im österreichischen Bräunlingen, in den komturischen, zur Johanniter-Kommende gehörigen Dörfern Dürrheim, Weigheim, Obereschach und Neuhausen, im fürstenbergischen Donaueschingen, im rottweilischen Deißlingen, im württembergischen Kappel (Gemeinde Niedereschach), dann knüpften sie geldgeschäftliche Fäden zur Bevölkerung des umliegenden Landes. 30)

Die Bruderschaften banden mehrere Villinger Personengruppen besonders eng mit Kirche und Kloster der Franziskaner, die Bruderschaften repräsentierten sich auf dauerhafte Weise in und bei der Kirche. Sie hatten besondere Altäre. Und auf dem Friedhof oder gar im Kreuzgang ließen sie sich Begräbnisplätze möglichst dicht an der Kirche vertraglich zusichern. Die Sebastiansbruderschaft versammelte sich am Marienaltar, die Bruderschaft der Hufschmiedknechte am Elogiusaltar (beide Altäre auf der Ostseite), die Schneider am Franziskusaltar und die Weber am Severusaltar (auf der Westseite). Die Hufschmiedknechte durften sich bei der inneren Pforte bestatten lassen und die Schneider beim Eingang zur Kirche. Vom 16. bis 18. Jahrhundert kamen drei oder vier ganz andere, nämlich nichtzünftische Bruderschaften hinzu, die sich der Pflege bestimmter Frömmigkeitsformen widmeten: die Passions-, die Franziskus-, die Antonius-von-Padua-Bruderschaft und die von den fünf Wunden Christi, vielleicht eine Erneuerung der Passionsbruderschaft. 31)

Aus Predigt und Liturgie sind die Passionsspiele hervorgegangen, zu deren kontinuierlicher, wenngleich nicht jährlicher Pflege sich am Katha-rinentag (25. November) 1585 die erwähnte Pas-sionsbruderschaft zusammenschloß. Der Prolog des ältesten erhaltenen Textbuchs, das ein Mitglied der Bruderschaft 1599 verfaßt hat und nach dem bis in das 17. Jahrhundert gespielt wurde, gibt darüber Auskunft. 32) Das Passionsspiel fand normalerweise im Garten an der Südseite des Franziskanerklosters statt, 142 Spieler wurden benötigt. Das Erdbeben beim Kreuzestod Christi wurde mit Böllerschüssen von der Brigachbrücke her simuliert; damit Felsen zerspringen und Gräber sich öffnen, gab es Kulissen mit entsprechenden technischen Vorrichtungen. Die Aufführungen konnten so angelegt sein, daß sie mehrere Tage dauerten – 1768 von Kardienstag bis Karfreitag einschließlich einer nächtlichen Prozession und der Kreuzigungsdarstellung auf dem Marktplatz -, sie waren ein weithin beachtetes Ereignis.

Das Franziskanerkloster Villingen aus der Vogelperspektive, ca. 1650.

Im 18. Jahrhundert, als die erhaltenen bemalten Holzkulissen durch Johann Sebastian Schilling, der auch das Kirchenschiff ausmalte, hergestellt wurden, verfaßten die Fran-ziskanerpatres neue Dramentexte: Meinrad Schwarz (1718) und Exuperius Weizenegger (1742). Jetzt fanden die Aufführungen immer häufiger im geschlossenen Raum, nämlich in der Franziskanerkirche statt, z. B. 1742 und 1766 mit der Begründung, das auf- und wieder abschlag-bare hölzerne Theater sei baufällig und das Wetter kalt. Die heutige kulturelle Nutzung des Kirchenraumes deutet sich an, den Franziskanern hat das freilich ein schlechtes Gewissen gemacht. Das durchschlagende Argument lautete : Wenn die Franziskaner nicht ihre Kirche zur Verfügung stellen, werden die Spiele in das Theater der Benediktiner verlegt. Um das größere Übel, die Abwanderung der Spiele, zu vermeiden, ist das kleinere Übel zu wählen. 33) Nachdem der Josephinismus 1769 / 1770 den Passionsspielen ein Ende gemacht hatte, rügten die Franziskaner in einem 1771 zu Ehren der hl. Katharina aufgeführten Drama den indifferentismus in vita moderna politica.34) Doch eine Wiederzulassung der Passionsspiele erreichte die Bruderschaft nicht.

Die Patres Schwarz und Weizenegger, die Verfasser der jüngeren Dramentexte, waren Lehrer, der eine für Philosophie, der andere für Rhetorik, an dem Gymnasium der Franziskaner. 35) Dieses war 1650 auf Bitten der Kommune errichtet und 1711 um eine Oberstufe erweitert worden und bestand bis 1774, als die Vorderösterreichische Regierung es mit dem konkurrierenden Gymnasium der Benediktiner in deren Kloster zusammenlegte. 124 Jahre lang hat das Franziskaner-kloster den Villingern also auch als gymnasiale Ausbildungsstätte gedient. Theaterspielen war Bestandteil der rhetorisch-literarischen Ausbildung, und deshalb haben die Schüler – im 18.

Jahrhundert in dem auf- und abbaubaren Theater – regelmäßig Komödien – d. h. nicht Stücke zum Lachen, sondern mit gutem, erhebenden Ausgang wie die Passion, die darum auch Passi-onskomödie hieß – gespielt, welche zumeist von den Patres verfaßt waren. Freilich haben die Franziskaner auch schon vor 1650 Schüler unterrichtet – schon 1398 und 1436 ist von Schülern die Rede 36) -, gewiß, wie es üblich war, vor allem im Psalmensingen und in anderen liturgischen Funktionen.

Ziehen wir ein Zwischenresümee dessen, wodurch die Franziskaner mit ihren Gebäuden Kirche und Kloster – und dem Friedhof den Villinger Bürgern gedient und sich der Stadt verbunden haben, dann kommt die ganze Fülle der in Konkurrenz mit dem Münsterklerus ausgeübten geistlichen Funktionen in den Blick: der Sakramentenspendung, Liturgie und Predigt, des Begräbniswesens und des Totengedächtnisses und der Betreuung von Bruderschaften, aber auch die Funktionen im Bildungswesen, in der Frühneuzeit vor allem im höheren, in Gymnasium und Theater. Die konkrete Rolle des Asylrechts – das Franziskanerkloster, das ja nicht dem Stadtrecht unterlag, konnte Verurteilte und Gefängisausbrecher vor dem Strafvollzug schützen – bliebe noch zu untersuchen, das Recht ist gelegentlich belegt in der Wahrnehmung durch Delinquenten wie in Bestreitung durch die Stadt, seine konkrete Bedeutung ist schwer zu ermessen, es scheint im Rechtsleben der Stadt daher nicht nebensächlich gewesen zu sein.

Doch das war noch nicht alles. Wenn die Franziskaner, wie beschrieben, in ein solch enges Verhältnis zur Stadt getreten sind, wenn die Mönche, die doch einem mobilen Orden verpflichtet waren, ohne nicht an einen bestimmten Ort, an eine bestimmte Niederlassung gebunden zu sein, zu einem integrativen Bestandteil der Stadt geworden sind, sozusagen zu einem Stück Villingen, dann stellt sich die Frage, ob am Ende nicht die Stadt der bestimmende Teil gewesen ist und die Stadt sich das Kloster dienstbar gemacht und gleichsam einverleibt hat.

In der Tat hat das Gewicht der Stadt ständig zugenommen. Die weitgehende Entmachtung der Fürstenberger zu Beginn des 14. Jahrhunderts und der Herrschaftswechsel zu den Habsburgern – die ja ferne Herren waren und den Städten Vorderösterreichs deutlich mehr Autonomierechte gewährten als z. B. die württembergischen Grafen und Herzöge ihren Amtsstädten, denen sie stets bestimmend nahe waren 37) –, die Veränderungen auf der landesherrlichen Ebene ließen in Villingen das Dreierverhältnis Fürst-Kommune-Kloster praktisch zusammenschrumpfen zu dem Zweierverhältnis Kloster-Kommune. Bürgermeister, Schultheiß und Rat rückten anstelle des Landesherrn zu Konservatoren, Schutz- und Schirmherren des Klosters auf.“) Dem Kloster fehlte darum ein Rückhalt, wenn ihn der Orden nicht bot. So nutzte die Kommune schon bald, seit dem Ende des 13. Jahrhunderts, die Franziskanerkirche für die jährliche Verlesung des Stadtrechts und für die Ratswahl, also für ihre kommunalen Angelegenheiten; 1295, während der Umbruchszeit der Villinger Stadtverfassung, hinderten die Bürger gewaltsam die Anwendung der Disziplinargewalt der Guardians gegenüber einem Mitbruder, zugleich leiblichen Bruder des Provinzials, der vielleicht aus Villinger Patriziatskreisen stammte; 39) der Pfleger, der die Geldgeschäfte der Franziskaner abwickelte, weil diese es selber aufgrund ihrer Regel nicht durften, und dem der Guardian jährlich Rechnung legte, war niemand anders als der Bürgermeister; die Stadt war bevorzugter Geschäftspartner bei der Anlage von Kapital, sie zahlte im 18. Jahrhundert nur 4 % anstatt der üblichen 5 % Zinsen; 40) die Inanspruchnahme des klösterlichen Asylrechts 41) stellte der Rat unter Strafe; 1571 muß das Provinzialkapitel sich gar die Einmischung des Rates in die Besetzung des Guardianats verbitten; 1598 regelten der Rat und die Provinz- und Konventsvorsteher vertraglich die Beseitigung von Mißständen und die Amtsführung des Guardians; 42) über das Gymnasium übte der Rat im 18. Jahrhundert die Schulaufsicht aus. Auch in seiner sozialen Zusammensetzung war der Konvent der Stadt immer ähnlicher geworden. Das Rekrutierungsfeld des Villinger Konvents verengte sich im Laufe der Zeit. Die Villinger Bürgersöhne wurden zahlreicher. Am Ende des 18. Jahrhunderts waren von den noch zehn Patres neun aus Villingen gebürtig und einer aus Fürstenberg. 43) Verließ, wer in den Orden eintrat, noch die Welt oder ging er nur nach nebenan? Familienbande spielten unweigerlich eine immer bedeutendere Rolle. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wo wir genaue Konventslisten haben, erscheint das Franziskanerkloster wie ein Familienbetrieb der Patrizierfamilie Wittum, fünf Wittums gehörten 1765 gleichzeit zum Konvent.44)

Im selben 18. Jahrhundert unter Kaiserin Maria Theresia und ihrem aufklärerischen Sohn Kaiser Joseph II. wurde die Stadt entmachtet – doch nicht zugunsten des Klosters, sondern allein zugunsten des Landesherrn. Es ging nun auch um die Existenz des Klosters.“) Das erste Verbot der Passionsspiele 1770, die Aufhebung des Franziskanergymnasiums 1774, die Abschaffung der Bruderschaften 1784, die Beseitigung des Friedhofs 1785 waren der Beginn der „Abwicklung“. Nicht die Reformation, sondern die Aufklärung hat den Villinger Franziskanern das Ende bereitet. Die Schulkomödie des Jahres 1771 geißelte, wie bereits erwähnt, den indifferentismus, die religiöse Gleichgültigkeit, die im politischen Leben herrsche. 46) 1797 wurde das Kloster förmlich aufgehoben, so daß eine 500 Jahre währende Periode der franziskanischen Nutzung des Klosters zuende ging, geprägt von einer intensiven Symbiose des Klosters mit der Stadt. Die Stadt hatte immer stärkeren Einfluß ausgeübt und sich das Kloster sozial anverwandelt und gleichsam einverleibt, und so erscheint es angesichts der Bedeutung schon allein der Räumlichkeiten – des Kirchenraums und der Konventsge-bäude – beinahe logisch, daß der Rat als erster 1791 der Regierung die Aufhebung des Klosters zum Zweck der Umnutzung als Kaserne vorschlug – um so nämlich die Villinger Bürger vor den Unannehmlichkeiten immer neuer Einquartierungen von Militär in die Privatwohnungen zu bewahren. Die Überlassung des Klosters und seines Vermögens an die Stadt lehnte die vorderösterreichische Regierung ab, und so blieb vorerst unklar, ob die Klostergebäude kaiserliches, landständisches, städtisches oder minoritisches Eigentum seien.47)

3. Das Kloster als Kaserne

1791 zogen tatsächlich erstmals Soldaten in das nur noch mit vier Priestermönchen besetzte Franziskanerkloster ein. Noch waren es österreichische oder mit Österreich verbündete Truppen. Die Mönche mußten Unterkunft in Privathäusern suchen. Erste Umbauten wurden im Kloster vorgenommen, aber bis 1808 blieben die Altäre in der als Stall und Magazin genutzten Kirche einfach stehen. Die Kirche war noch nicht rite profaniert, 48) dies geschah erst 1808 bis 1810, nach dem Übergang an Baden. Kirche und Klostergebäude verwahrlosten zunächst einfach. Im Preßburger Frieden vom 26. Dezember 1805 wurde Villingen Württemberg zugesprochen. Eine Woche später, am 3. Jänner 1806 – so ein Bericht des Magistrats von 1813 -wurde die Stadt Villingen durch eine Königlich-Württembergische Zivil- und Militärkommission in Besitz genommen. Diese Inbesitznahme hatte unter anderem zur Folge, daß bald ein Königlich-Württembergisches Fußjägerbataillon hierher verlegt wurde, zu dessen Unterbringung obenangeführte Kommission das geräumige, aber in allen seinen Teilen äußerst ruinierte Minori-tenkloster in Anspruch nahm und die schleunigste Ausbesserung desselben gebot. Diese Ausbesserung, verbunden mit den übrigen zur Unterbringung des besagten Bataillons nötig gewordenen Einrichtungen verursachte der Stadtkasse eine bare Geldauslage von 2574 f 57 kr. Diese werden in 24 Posten penibel aufgezählt und fast in voller Höhe beim Landesherrn des Jahres 1813 resp. der Badischen Regierung, geltend gemacht. 49) Württembergisch blieb Villingen bloß 10 Monate lang, im Oktober 1806 wurde es badisch, und von der badischen Regierung erwarb die Stadt im Jahr 1813 Kirche und Konventsgebäude für 3200 fl. 50). Die hohen Ausbaukosten entstanden hauptsächlich für die Herstellung großer Säle, für 174 Bettladen, 24 Tische, 48 Bänke, Fußböden und Türen und einen Kanal zur Abführung des Unflats, aber auch für die Entfernung von acht eisernen Plattenöfen aus Klosterzimmern. Die Stadt hätte sich die entstandenen Kosten gern auf den Kaufpreis von 3200 fl. anrechnen lassen, von denen sie erst 1/6 angezahlt hatte. Sieben Jahre lang stritt die Stadt Villingen mit der badischen Regierung, die nur 600 fl. nachlassen wollte und auflaufende Zinsen in Rechnung stellte; 1820 gab schließlich die Stadt klein bei.

Sie verwendete das Franziskanerkloster nunmehr für eine größere, 1824 von der Regierung unter dem Vorbehalt, daß Zins und Tilgung weiterhin gezahlt würden, genehmigte und 1825 eingeleitete Tauschaktion. 51) Das Kloster wurde für 7200 fl. (!) an die Spitalverwaltung verkauft, genau gesagt: Kloster und Kirche für 6000 fl., Garten und Schanze für 400 fl. und der Keller für 800 fl.; das alte Spital ging für 3000 fl. an die Stadt, um als neues Kaufhaus zu dienen, wogegen das mitten auf der Rietstraße stehende alte Kaufhaus dem Abriß verfiel. Damit begann auch schon die dritte Nutzungsperiode des Franziskanerklosters: Das ehemalige Kloster sollte Spital werden.

4. Das Kloster als Spital

Die geplante neue Nutzung machte einen gründlichen Umbau nötig, d. h. sie erforderte die bislang bedeutsamsten Eingriffe in den Baukörper vor allem die Kirche. Die Kirche sollte Ökonomiegebäude werden, und dafür war der Kirch-raum dreistöckig auszubauen: zuunterst Stallungen mit acht fundamentierten Scheidewänden, mit Futtergängen und mit Remisen im Chor; darüber im Langhaus Scheune mit Einfahrt; die alten Fenster und der Chorbogen waren zu vermauern, 19 neue Liechter einzubauen und zu verglasen, 9 Türen in Innern usw., 25 Durchgänge und 48 Balken in den zwei Stöcken anzubringen und zu vermauern; 1100 Bretter wurden verplant. Diese Umbauarbeiten – 6 Gewerke, der Zimmermann ist bei weitem der wichtigste – wurden in öffentlicher Kundmachung ausgeschrieben, um an den Mindestnehmenden vergeben zu werden. Die Listen der eingegangenen Angebote liegen bei den Akten.

Zum Spital umgebaut, beherbergte das ehemalige Kloster sowohl einen Teil der Pfründner ein anderer Teil wohnte im Leprosenhaus – als auch das Waisenhaus sowie die Krankenheilanstalt für die zugezogenen Nichtbürger. Zugleich wurde auch die Finanzverwaltung konzentriert. Die Regierung legte die verschiedenen Fonds Waisenspital, Elendjahrzeit, Leprosorium und Armensäckelpflege – 1854 zu den „Vereinigten Spital- und Armenstiftungen“ zusammen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde zwischen der Stadt und der Badischen Regierung des Seekreises die räumliche Ausgliederung des Waisenhauses aus dem Spital, wie sie schon in Konstanz und Überlingen bestand, viel erörtert, bis das Karlsruher Innenministerium anders entschied.“) Man hätte sonst die Pfründner des Leprosenhauses mit im Kloster unterbringen und so Verwaltungskosten einsparen können. Statt dessen erfolgten weitere Aus- und Umbauten im Franziskanerkloster selbst. Die Krankenanstalt wurde vom Chor in die Konventsgebäude verlegt und das Waisenhaus kam in den Chor sowie in den zweiten und dritten Stock des Langhauses über der Ökonomie. Zudem sollte man so das Gutachten der Bauinspektion – Ordensschwestern für die Krankenanstalt gewinnen. Das würde zu einer besseren Verpflegung der Kranken führen und wäre für größere Reinlichkeit und Ordnung im ganzen Haushalt ein großer Gewinn. Nach der Überwindung vieler Widerstände gelang es 1859, Vinzentinerinnen nach Villingen zu holen. Seit dem 1. Juni 1859 besorgten sie den inneren Haushaltungs-dienst.“) Die Trennung des Waisenhauses und des Krankenhauses vom Spital wurde aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreicht, nachdem 1889 das Schönsteinsche Haus (neben dem Osianderschen Haus) erworben und als Waisenhaus genutzt und 1912 das neu erbaute Kranken haus bezogen werden konnte. Am Ende der spitalischen Nutzungsperiode des Klosters war das Konventsgebäude folgendermaßen aufgeteilt: Im Erdgeschoß Speisesaal, Küche, Wäscherei, Bügelei und Vorratsräume; im ersten Obergeschoß Schwesternklausur, Pfründnerräume, Tagesraum und Männerschlafsaal; im zweiten Obergeschoß Pfründnerzimmer, ein Saal für Spitälinge und ein Wäscheraum. 54)

Vom historischen Charakter der Anlage, von ihrem kunsthistorischen Wert, von Denkmalschutz gar war lange nicht die Rede. Daß der gedruckte Stadtführer den Kreuzgang als eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt bezeichnete, provozierte 1903 das Bauamt zu der Bemerkung: „Doch wegen seines Zustandes muß man sich schämen, ihn Fremden zu zeigen.““) Kurioserweise bietet der Einbau von Wasserklosetts in das ehemalige Konventsgebäude 1924 den übergeordneten Stellen Gelegenheit, auf den Wert des vor Ort vernutzten und verbrauchten Gebäudes hinzuweisen und den städtischen Behörden Vorhaltungen zu machen. Ein 1883 dem Südflügel vorgesetzter Anbau mit Abtritten und der entsprechenden Grube sollte abgerissen werden, der Einbau der Wasserklosetts erforderte dafür aber, in die vom Vorbau befreite Fassade neue Fenster einzubrechen. Der Plan fand nicht die Zustimmung des Bezirksbauamtes. Doch weil der Einspruch erst mit Verzögerung eintraf, schufen die Villinger vollendete Tatsachen. Der Einspruch des Bezirksbauamtes in Donaueschingen vom 23. September 1924 ist jedoch hörenswert als eine denkmalpflegerische Philippica und ein Zeugnis denkmalpflegerischer Vernunft und Kompetenz:

Es durfte u.E. keinem Zweifel unterliegen, daß bei einer Anlage, wie dem alten Hl. Geist Spital in Villingen nicht nur einzelne Teile sondern das Ganze als Baudenkmal zu schützen und zu behandeln ist. Den geradezu jämmerlichen Verunstaltungen früherer Zeiten sollte jetzt eine besondere Sorgfalt entgegengesetzt werden. Die vorliegende Fensterlösung hätte jedenfalls in einer für die Fassade [in] richtiger, klarer und rhythmischer Form durchgeführt werden können. Abgesehen davon, dass dieser Gebäudeteil nach dem Romäusring hin sehr in Erscheinung tritt und dadurch wohl eine einwandfreie Lösung erfordert hätte, sollte sich jeder Architekt stets angelegen sein lassen, die ästhetisch beste Lösung anzustreben, auch wenn es sich nicht um ein derartiges Baudenkmal handelt.

Es wurde anlässlich einer gelegentlichen Nachschau auch festgestellt, dass im Kreuzgang ein fremd anmutender Glasabschluß eingebaut, Verputzstücke, auf denen alte Malereien waren, abgeschlagen und in nicht zu verstehender Weise behandelt wurden. Die Arbeiten sind vollzogen, den rein baupolizeilichen Anforderungen ist genügt, gesetzliche Bestimmungen aufgrund deren besondere bauliche Maßnahmen gefordert werden können, bestehen u. W nicht. Da der Stadtgemeinde selbst vornehmlich an der Erhaltung ihrer alten Baudenkmale gelegen sein muss, ersucht das Bauamt als Konservator der Baudenkmale einen Bericht des Bürgermeisteramtes nach Benehmen mit dem Leiter der Villinger Sammlungen und dortigen Kunstpfleger darüber einverlangen zu wollen, ob der jetzige Zustand der Anlage fortbestehen und die neuen baulichen Änderungen, die nicht im Einklang stehen mit den Gesetzen einer würdigen Denkmalspflege, in dieser Form erhalten und auf die Dauer verantwortet werden wollen.

Wir verkennen keineswegs die derzeitige schwere Finanzlage der Gemeinde, bemerken aber, dass das alte hl. Geistspital in Villingen, insbesondere der Kreuzgang, zu den wertvollsten Baudenkmälern der Stadt zählt.

Zu Beratungen in Sachen Denkmalspflege, gegebenenfalls auch zur Erwirkung eines staatl. Zuschusses ist das Bauamt gerne bereit.

Der Brief bedeutete doch so etwas wie ein Programm. 1929 tauchte das Projekt auf, ein neues Ökonomiegebäude zu errichten und die Kirche als Museumsgebäude zu nutzen. 1930 wurden die Stallungen tatsächlich in ein auf dem 1929 erworbenen Spitalgutshof, dem Neukum’sche Anwesen, neuerrichtetes Ökonomiegebäude verlegt, so daß es nunmehr möglich wurde, an der Kirche die notwendigsten Sicherungs- und Renovierungsmaßnahmen durchzuführen. 1933 und 1934 war dies endlich der Fall. Zunächst galt es, den teilweise morschen Dachstuhl, dem Stützen unterzogen worden waren, als ein in sich stabiles und tragfähiges Hängewerk wieder herzustellen. Sodann sollte alles Holzwerk unterhalb des Dachgebälks (4000 lfdm) einschließlich der Stallwände (250 qm) und der Stalldielenböden (3650 qm) bis zum Erdboden herausgenommen werden. 56) Den soweit leergemachten Kirchenraum nun doch nicht als Museum, sondern als vorläufige Reithalle zu verwenden, wurde erwogen, aber nicht realisiert. 57) 1935 konnte auch die Erneuerung des Kirchenäußeren vorgenommen werden. Andere, seit ebenfalls Ende der 1920er Jahre anvisierten, 1932 und 1933 beschlossene und ausgeschriebene Restaurierungsmaßnahmen konnten – nun teilweise durch das 3. Arbeitsbeschaffungsprogramm (Reinhardt-Programm) finanziert – zuendegebracht werden: im Klostergebäude die Instandsetzung des Kreuzganges und des Innenhofes sowie die Erweiterung und Neuverglasung der Kapelle. Im gleichen Zug erfuhren das Osiandersche Haus und das Waisenhaus eine Instandsetzung und wurde der Osiandergarten zu einem freien Platz umgestaltet. 58) Dieser jetzt inmitten eines renovierten Ensembles sehr ansehnlich gewordene Platz erhielt seinen Namen nach dem 30. Januar, dem Tag der „Machtergreifung“ Hitlers. Auch gehörte nunmehr der restaurierte Kreuzgang mit dem Innenhof zu den wieder vorzeigbaren architektonischen Zimelien der Stadt; er stand auf Goebbels‘ Besichtigungsprogramm anläßlich seines Besuches Villingens, und ein Blick vom Kreuzgang in den Innenhof zierte als eines von acht historischen und folkloristischen Motiven Hitlers Villinger Ehrenbürgerbrief vom 14. Juli 1935.59) Zu einem weiteren Ausbau und einer planvollen Nutzung des Langhauses scheint es lange Zeit nicht gekommen zu sein. Vorerst stehen nur eher zufällige Nachrichten Hermann Riedels über die letzten Kriegsmonate zur Verfügung. 60) Demnach war gegen Ende des Krieges die ehemalige Franziskanerkirche als öffentlicher Luftschutzraum für 100 Personen ausgewiesen. Der Raum faßt aber zweifellos mehr Leute, er wurde darum, wie es scheint zugleich, auch anders, nämlich als Lagerraum für Lebensmittel, verwendet. Denn am 21.4.1945 – genau an jenem Tag, an dem größere französische Infanterieverbände in die Stadt einrückten – plünderten Deutsche und Italiener die dort lagernden Lebensmittel restlos. Riedel nennt bei dieser Gelegenheit die Franziskaner-kirche „Prinz-Eugen-Halle“. Ob dieser Name dem Langhaus offiziell gegeben worden ist bzw. wann, und ob mit der neuen Benennung eine neue Nutzung beabsichtigt war, bedürfte noch der Nachprüfung. 61) Als Halle konnte man das Langhaus sicherlich erst seit der Entfernung der Einbauten im Jahr 1934 bezeichnen.

Auch nach dem Krieg gab es jahrzehntelang keine offizielle Nutzung des leeren Langhauses. Beim Einbau einer Zentralheizung und der Warmwasserversorgung aller Zimmer des Spitals im Jahr 1964 wurden die „Franziskanerhalle“ „Halle“ hieß das Langhaus interessanterweise nun und auch weiterhin – und der anschließende Chorteil sowie der Kreuzgang ausgespart, da hierfür anderweitige Verwendungsmöglichkeiten ins Auge gefaßt sind.“) 1968 führte eine Überprüfung der Statik der Kirchenhalle zu dem Ergebnis, daß das Gebäude bei normalen Schnee- und Windverhältnissen noch ausreichend standsicher sei, sich aber für den Aufenthalt von Menschen nicht eigne. Der Giebel zeigte einen lotrechten Riß, die Längswände waren ausgebaucht, die Dachkonstruktion hatte sich gesenkt und verformt, und der Westwind hatte das Dach, das auf den Außenmauern ohne eine konstruktive Verbindung nur auflag, zur Rietgasse hin verschoben, so daß auch die Längswände sich dorthin neigten. Dennoch wurde „die Halle“ in zunehmendem Maße für kulturelle Zwecke genutzt. Den Chor mochte man noch nicht freimachen, auch wenn für das Altersheim neue Räume errichtet würden. Denn – so konnte man 1964, knapp zwanzig Jahre nach Kriegsende, argumentieren – die höhere Lebenserwartung verbiete es, das bisherige Spital aufzugeben. 1978 war es dann aber doch soweit. Die letzten Spitalinsassen verließen das ehemalige Franziskanerkloster. Und damit ging nach rund 150 Jahren auch die spitalische Nutzungsperiode zu Ende. Das Konzept für die künftige Verwendung der Gebäude und für die Planung des Ausbaues wurde im Januar desselben Jahres verabschiedet. 63) Die Sanierung und der Ausbau des gesamten Kirchengebäudes – des Chors und des Langhauses konnten nun in Angriff genommen und damit die gegenwärtige Nutzung vorbereitet werden. In zwei großen Bauabschnitten ist nunmehr zustande gebracht, wovon der Denkmalpfleger Blank im Bauamt des badischen Seekreises zu Donaueschingen, der Verfasser des oben ausführlich zitierten Schreibens vom 23. September 1924, nur träumen konnte. Nicht einzelne Teile, sondern das ganze, das Osiander-Haus einschließende Ensemble – ein historisches Ensemble in einer historischen Altstadt, insgesamt eine Konstellation, die ihresgleichen sucht – ist im Einklang mit den Gesetzen einer würdigen Denkmalspflege einer neuen, nunmehr kulturellen, insbesondere künstlerischen und musealen, Nutzung geöffnet worden. Die Baugeschichte dieses Ensembles, die in den verschiedenen, von uns durchschrittenen Nutzungsperioden entgegentritt, läßt den Rang und die Bedeutung des in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten Geleisteten erst richtig erkennen und einschätzen. Man wird es wohl eine Jahrhundert-Leistung nennen dürfen, denn es ist nur mit den Leistungen des 13. und des 18. Jahrhunderts zu vergleichen, als die Kirche und die ursprünglichen Konventsgebäude zwischen 1268 und 1292 erstmals errichtet und nach 1704 die zerschossenen Konventsgebäude in den sehr großzügigen Dimensionen, deren sich künftig das Museum wird freuen dürfen, wiedererrichtet wurden.

Dieser Beitrag gibt in leicht erweiterter und um Anmerkungen ergänzter Form den Vortrag wieder, der am 13.12.1992 beim Festakt „700 Jahre Franziskaner“ in der ehemaligen Franziskanerkirche gehalten wurde.

Anmerkungen und Literaturhinweise zum Leitartikel von Prof. Dr. Dieter Mertens:

1) Sonderbeilage des Schwarzwälder Boten, September 1982, S. 5.

2) Protocollum Venerabilis conventus FF. Min. S. Francisci Conventus Villingae conceptum Anno 1696, Leopold-Sophien-Bibliothek Überlingen, Ms. CXVI, S. 26. STAVS 2/2 DD 77A (Hans-Josef Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen. Bde 1-2, Villingen 1970-1971, Nr. 1801). – Christian Roder, Villingen in den französischen Kriegen unter Ludwig XIV. In: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar.

4) (1882) S. 70-212, hier S. 154-200.

5) L. Hardick O.F.M.-E. Grau O.F.M. (Hgg.), Die Schriften des heiligen Franziskus von Assisi (Franziskanische Quellenschriften 1), Werl 3 1980; S. Bonaventura, Legenda maior S. Francisci. In: Ana-lecta Franciscana 10 (1926-1941), S, 557-652, – Kaspar Elm, Franziskus und Dominikus. Wirkungen und Antriebskräfte zweier Ordensstifter. In: Saeculum 13 (1972), 127-147, hier S. 137 f.

6) Kajetan Esser O.F.M., Anfänge und ursprüngliche Zielsetzungen des Ordens der Minderbrüder (Studia et documenta Franciscana IV), Leiden 1966, S. 15 ff.; 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskani-sche Kunst und Kultur des Mittelalters. Niederösterreichische Landesausstellung Krems-Stein 1982. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, Neue Folge Nr. 122, Wien 1982.

7) Fürstenbergisches Urkundenbuch Bd. 1, bearb. von Sigmund Riezler, Tübingen 1877, Nr. 459, 464, 465. – Benvenut Stengele, Das ehemalige Franziskaner-Minoriten-Kloster in Villingen. In: Freiburger Diözesenarchiv N.F. 3 (1902), S. 193-218, hier S. 193 f.; Christian Roder, Die Franziskaner zu Villingen. In: Freiburger Diözesanarchiv N.F. 5 (1904), S. 232-312, hier S. 233 f.; Alemania Franciscana Antiqua 3 (1957), S. 19-44 (Paul Revellio), hier S. 20 f.; Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 125-144, hier S. 126 f.

6) Konrad Eubel, Geschichte der oberdeutschen (Straßburger) Minoriten-Provinz. Würzburg 1886, S. 1- 17. John B. Freed, The Friars and German Society in the Thirteenth Century (The Medieval Academy of America, Publication Na. 86), Cambridge, Mass. 1977, S. 26 ff., 43 ff. Ernst Englisch, Zur Geschichte der franziskanischen Ordensfamilie in Österreich von den Anfängen bis zum Einsetzen der Observanz. In: 800 Jahre Franz von Assisi (wie Anm. 3), 5. 289 bis 306. Karten: Freed S. 31, 47; 800 Jahre Franz von Assisi, nach S. 356; Historischer Atlas von Baden-Württemberg, hg. von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Stuttgart 1972-1988, Karte VIII,6 von Walter Petschan in Verbindung mit Meinrad Schaab und Beiwort von Walter Petschan (1975).

7) Dazu Esser, Anfänge (wie Anm. 4), S. 168 ff., hier bes. S. 181.

8) Bonaventura, Determinatio multarum quaestionum super Regulam, quaest. 6, zitiert in: Albertus a Bulsano, Expositio Regulae FF. Minorum S.P. Francisci Assis., Mediolani 1889, S. 311 f.; S. Clasen (Hg.), Franziskus, der Engel des sechsten Siegels. Sein Leben nach den Schriften des heiligen Bonaventura (Franziskanische Quellenschriften 7), Werl 2 1980.

9) Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 70 f.

10) Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 4), Bd. 1, Nr. 464.

11) Ebd. Nr. 465.

12) Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 235.

13) Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 54, 128.

14) Regesta episcoporum Constantiensium – Regesten zur Geschichte der Bischöfe von Konstanz, Bd. 1, bearbeitet von Paul Ladewig und Theodor Müller. Innsbruck 1895, Nr. 2820. Stengele (wie Anm. 5), S. 194 f.; Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 235 f.

15) Nicolaus Glassberger, Chronica (Analecta Franciscana 2), Quaracchi 1887, S. 106. – Eubel (wie Anm. 6), S. 162, 212 Anm. 84.

16) Sigmund Riezler, Geschichte des Fürstlichen Hauses Fürstenberg und seiner Ahnen bis zum Jahre 1509. Tübingen 1883, S. 214 ff.; Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 71.

17) Fürstenbergisches Urkundenbuch (wie Anm. 4), Bd. 1, Nr. 465.

18) Esser (wie Anm. 4), S. 168-189.

19) Helma Konow, Die Baukunst der Bettelorden am Oberrhein, Berlin 1954, S. 11.

20) Ebd. S. 17.

22) Der Text bei Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 235 Anm. 1.

23) Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden, Bd. 2: Die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen. Freiburg i. Br. 1890, S. 127, 130.

Eubel (wie Anm. 6), S. 162, 164 ff.; Alemania Franciscana (wie Anm. 5), S. 26 Anm. 12.

24) Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 191 ff.

25) Richard Faller, Eine Analyse der Verlegung der Universität Freiburg in Zeiten der Pest. Zulassungsarbeit zur wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien, (Masch.), Freiburg 1973. Ders., Die Pestflucht der Universität Freiburg nach Villingen (Veröffentlichung des Stadtarchivs Villingen), Villingen-Schwenningen 1986.

26) STAVS 2/1 DD 3 (Nr. 2919). – Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 243 Anm. 1; Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 441 ff.

27) STAVS 2/1 DD 3 (Nr. 118); STAVS 2/4 (Pfründ-Archiv) R 5, S. 59 (Josef Fuchs, Pfründ-Archiv Villingen. Villingen-Schwenningen o.J. (1982), Nr. 489, S. 190).

28) STAVS 2/4 (Pfründ-Archiv) S 1 (Fuchs, Pfründ-Archiv, Nr. 500; Abbildung und Regest S. 193 f.); Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 441-446.

29) STAVS 2/1 DD 76 (Nr. 2919), fol. 8r.

30) STAVS 2/1 DD 58a (Nr. 2327): Verzeichnis über Jahrtagsfeiern und Einkünfte 1685-1782; DD 63 (Nr. 3218): Verzeichnis der gestifteten Messen und Jahrtage, 1792.

31) STAVS 2/1 PP 48a (Nr. 3169): Bruderschaft der Huf- und Waffenschmiede 1415; DD 42 (Nr. 575): Streitschlichtung 1426 zwischen Kirchherr und Franziskanern zu Villingen über die Anbindung der Armbrustschützen- und anderer Bruderschaften; DD 60a (Nr. 1866): Artikel der 1759 von Papst Clemens XIII. bestätigten Marianisch-Antonianischen Bruderschaft; DD 58/2 (Nr. 1859): 1759 Ablaß für die confraternitas B.M.V. in coelum assumptae ac s. Antonii de Padua. – Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 270 Anm. 1.

 

32) Christian Roder, Ehemalige Passionsspiele zu Villingen. In: Freiburger Diözesan-Archiv 44 N.F. 17 (1916), S. 163-192; Antje Knorr, Villinger Passion. Literaturhistorische Einordnung und erstmalige Herausgabe des Urtextes und der Übertragungen. Göppingen 1976 (=Göppinger Arbeiten zur Germanistik Nr. 187), S. 36 ff., 141 ff., 185 Verse 170-191. Alfred Stern, Passionsspiele in Villingen 1769. In: ZGO 22 (1869) S. 397-401.

33) Protocollum (wie Anm. 2), S. 65 (zu 1766).

34) Protocollum (wie Anm. 2), S. 119.

35) Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 267 ff. 36 STAVS 2/2 DD 14 (Nr. 239), DD 27 (Nr. 368).

36) Rudolf Seigel, Innerschwäbische Landstädte. Ein Beitrag zur vergleichenden Verfassungsgeschichte. Protokoll des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte e.V. Nr. 86, 14.1.1961 (Masch.).

37) Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 260. Vgl. zum folgenden in der hier gegebenen Reihenfolge ebd. S. 236, 276; 239 f.; 249; 246 f.; 258 f.; 260 f.; 275.

38) STAVS 2/1 DD 2 (Nr. 38). – Riezler (wie Anm. 16), S. 238 f.

39) STAVS 2/1 DD 63 (Nr. 3218): Inventar über das Vermögen des Minoritenklosters 1792.

40) Zuerst 1497; STAVS 2/2 JJ 66 (Nr. 750).

41) STAVS 2/1 DD 55 (Nr. 1623).

42) STAVS 2/1 DD 60 (Nr. 2506), fol. 37-39: Aus Villingen stammen 1788: Carolus (Klostername: Constantius) Wittum, 63 Jahre alt; Johann Friedrich (Benjamin) Hartmann, 67 J.; Antonius (Thaddae-us) Handtmann, 65 J.; Johann Baptista (Josephus) Hummel, 72 J.; Lucas Ferdinand (Carolus) Ummenhofer, 57 J.; Johannes Thad-daeus (Marianus) Majer, 51 J.; Josephus (Georgius Zacharias) Hummel, 50 J.; Carolus (Johannes Chrysostomus) Wittum, 40 J.; Adria-nus (Johann Baptista ) Wittum, 29 J. (nach der Aufhebung des Klosters Pfarrektor in Villingen 1797-1817); aus Fürstenberg: Andreas (Philippus Carolus) Schalch, 47 J.

44) STAVS 2/1 Protocollum Conventus Villingani 1755-1789, hinterer Innendeckel.

45) Roder, Die Franziskaner zu Villingen (wie Anm. 5), S. 279 ff.

46) Protocollum (wie Anm. 2) S. 119.

47) S TAVS 2/1 DD 61 (Nr. 2685); DD 66 (Nr. 2730).

48) Bericht des Sekretärs Xaver Handtmann, zitiert bei Revellio, Beiträge (wie Anm. 5), S. 143.

49) STAVS 2/2 XVI 3 b 13, Bericht des Magistrats vom 26.8.1813.

50) STAVS 2/2 XVI 3 b 14.

51) STAVS 2/2 XVI 3 b 15.

52) Hierzu und zum folgenden STAVS 2/2 XVI c 36.

53) STAVS 2/Spitalfonds, Rechnungen 1859/60, Beilage Nr. 452, 1/2.

54) STAVS 2/17, Bauamtsakten Franziskaner.

55) Ebd.

56) STAVS 2/2/XVI c 46: Ausschreibung über die Zimmerarbeiten in der ehem. Franziskanerkirche, 28.11.1933, und Kostenvoranschlag.

57) Ebd., Bürgermeister an Stadtbauamt, 21.11.1933.

58) STAVS 2/2/IV 3b 16a; 2/2/XVI c 47; 2/3/Spitalfonds, Verwendungsbuch Spital. Gebäude 1934-1935; 2/3/Spitalfonds, Rechnung 1934, S. 156-168.

59) Heiner Flaig, Villingen. Zeitgeschehen in Bildern 1928-1950 (Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen 4). Villingen-Schwenningen o.J. (1982), S. 36 f., 65, 96 f.

60) Hermann Riedel, Villingen 1945. Villingen 1968, S. 83, 157.

61) Die Namengebung macht insofern einen guten Sinn, als Prinz Eugen am 23. Juli 1704, unmittelbar nach der Belagerung und Beschießung Villingens durch Tallard, die Stadt besucht und auch die Ruine des Franziskanerklosters besichtigt und dabei versprochen hat, sich beim Kaiser für eine Unterstützung des Wiederaufbaus einzusetzten. Roder, Villingen in den französischen Kriegen (wie Anm. 2), 5. 190 ff.

62) STAVS 2/17, Bauamtsakten Franziskaner.

63) Vgl. den Bericht von Baudirektor Karl Böhler, Zum Um- und Ausbau des ehemaligen Klosters. In: Sonderbeilage des Schwarzwälder Boten, September 1982, S. 18 f.

 

Das ehemalige Franziskanerkloster in Villingen, von der Rietgasse her gesehen