Umrisse zu einer Geschichte von Zunftverfassung und Patriziat in Villingen, vornehmlich in der Neuzeit 1) (Andreas Nutz)

1. Einleitung

Das Thema Zunftverfassung und Patriziat ist im wesentlichen Gegenstand der städtischen Verfassungs- und Sozialgeschichte des Alten Reichs und darüberhinaus Alteuropas, d. h. der Zeit bis um 1800. Eine Untersuchung dieses Themas in Bezug auf Villingen ist vor allem deshalb interessant, weil hier der Fall einer organisierten politischen Führungsschicht in einer Landstadt vorliegt, und zwar einer Führungsschicht, die im wesentlichen dem Patriziat in den Reichsstädten entspricht.

Unser heutiges Bild des Verhältnisses von Zunftverfassung und Patriziat stützt sich fast ausschließlich auf Forschungsergebnisse über die deutschen Reichsstädte, bzw. die Forschung hat den Begriff ‚Patriziat‘ vorwiegend auf Reichsstädte angewendet 2). Es fragt sich nun, ob und inwieweit diese Ergebnisse auch für Landstädte im allgemeinen und für eine Landstadt wie Villingen im besonderen zutreffen. Darüberhinaus stellt sich die globale Frage, in welchem Ausmaß die Reichhaltigkeit und Komplexität von Kultur und Gesellschaft einer Stadt abhängig ist von ihrem Rechtsstatus oder ihrer Größe. Diese globale Fragestellung kann hier nur angedeutet werden, wir wollen uns hier auf die Untersuchung der Merkmale des reichsstädtischen Patriziats in Bezug auf die Landstadt Villingen beschränken. Zunächst ist zu fragen, welche Vorstellungen mit den Begriffen ,Zunftverfassung` und ‚Patriziat‘ verbunden werden können. Dazu muß bis zu den Anfängen der Stadtverfassung Villingens im Hochmittelalter zurückgegangen werden. Im Hochmittelalter lag die Regierung der Stadt in den Händen des Schultheißen als dem Vertreter des adeligen Stadtherrn. Stadtherren Villingens waren zuerst die Zähringer, dann die Fürstenberger und die Habsburger.

Schon früh beteiligte der Schultheiß Niederadlige und vermögende Bürger (meist Groß- und Fernhändler) am Stadtregiment in Form des Rats der Vierundzwanzig (erster Beleg von 1225) – diese Personengruppe wird als Patriziat bezeichnet 3). Ausgeschlossen von der Regierung und Verwaltung der Stadt blieb die Masse der städtischen Bevölkerung, v. a. Handwerker, die sich seit dem 12. und 13. Jahrhundert in Zünften zu organisieren begannen (frühester Beleg für Deutschland: Worms 1106). In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts kam es in den meisten Städten zu Unruhen – den Zunftkämpfen – in deren Folge die Handwerker die sog. Zunftverfassung, d. h. die Mitbeteiligung der Zünfte am Regiment der Stadt, v. a. das Recht ein Ratsamt zu bekleiden, durchsetzten. Nur in wenigen Städten blieben die Zünfte auch weiterhin völlig vom Rat ausgeschlossen, u. a. in Nürnberg und Frankfurt a. M. – diese Städte werden deshalb als Städte mit rein patrizischer Verfassung bezeichnet. Damit sind die beiden Fachbegriffe im Titel des Beitrags eingeführt: Zunftverfassung und Patriziat bzw. patrizische Verfassung. Diese Begriffe bezeichnen die beiden wichtigsten Typen des Ratsregiments in der alten Stadt. Die Spannungen zwischen Zunfthandwerkern und Patriziern bestimmten die Verfassungsgeschichte vieler deutscher Städte bis zum Ende des Alten Reichs. Doch waren die Konfliktlinien keineswegs immer klar und starr, etwa derart, daß die Zünfte im Sinne politischen und gesellschaftlichen Fortschritts für Demokratie eintraten 4) wogegen die Patrizier eine Art Stadtadel oder Aristokratie zu bewahren versuchten, dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Begriffe Zunftverfassung und Patriziat nicht nur zwei verschiedene Typen des Ratsregiments ausmachen, sondern auch zwei verschiedene Werthaltungen verkörpern, die mit einer eher demokratischen und einer eher oligarchisch-elitären Grundhaltung korrespondieren – diese Dimension des Themas beherrscht die Forschung unterschwellig wohl auch noch in der Gegenwart 5).

Von der Zunftverfassung als demokratischer Regierungsform kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil von den Zünften allein die Zunftmeister ratsfähig waren, sie repräsentieren nur eine kleine Minderheit der Einwohnerschaft. Gesellen, Lehrlinge, Frauen, Knechte und Mägde gehörten zur Familia, d. h. zum Haushalt des Zunftmeisters, sie waren von politischer Mitwirkung ausgeschlossen.

Ein dynamisierendes Element, das die Gegensätze zwischen Zunftverfassung und Patriziat ausgleichen konnte, war die Oligarchisierung innerhalb der Zünfte: die vermögenderen Zunftmeister, denen es gelungen war, sich am Handel zu beteiligen, machten ärmere Meister – ihre Zunftgenossen – ökonomisch abhängig (Verlag); diesen vermögenden Meistern gelang es manchmal ins Patriziat einzuheiraten. Zudem erwies sich bald, daß auch ein Bürgermeister aus den Zünften nicht auf die Beziehungen, die Geschäftskenntnisse und das Vermögen der Patrizier verzichten konnte. Das zeigte sich z.B. deutlich als 1425 in Konstanz die Patrizier geschlossen die Stadt verließen, weil im Rat ein Verbot ihrer Handelsgesellschaften durchgesetzt worden war. Der zünftische Rat beeilte sich bald, von dieser Linie wieder abzurücken, damit die Patrizier wieder zurückkehrten.

Ein gravierender Nachteil für die Zünfte war, daß im Mittelalter Ratsämter unbesoldet waren 6) und es deshalb Zunftmeistern sehr schwer fiel, ihre Erwerbsarbeit für längere Zeit ruhen zu lassen. Unter diesen Vorzeichen waren solche Personen für die Politik prädestiniert, die allein von Renten, aus Erträgen ihres Vermögens, lebten d. h. Müßiggänger, eben Patrizier.

Neben diesen sozialen und ökonomischen Variablen war es im 16. Jh. in erster Linie die Reformation, die Bewegung in das Verhältnis von Zunftbürgerschaft und Patriziat brachte: Häufig waren es die Zünfte, welche der neuen Lehre zum Durchbruch verhalfen, während das Patriziat eher zurückhaltend blieb, denn: nachgeborene Patriziersöhne konnten im geistlichen Stand als Domherren, Theologen oder kuriale Beamte ein gutes Auskommen haben und profitierten dabei von reichen Pfründen, während die Reformation gerade diese Pfründen säkularisierte. Doch gibt es auch hiervon Ausnahmen: In Nürnberg als einer der bedeutendsten deutschen Städte war es gerade der rein patrizische Rat, der schon in den 1520er Jahren die Reformation einführte. Die Regel war jedoch eine Parteinahme des Patriziats für den alten Glauben. Dies ist auch der Hintergrund für die Maßnahmen Kaiser Karls V. in den oberdeutschen Städten nach seinem Sieg über den protestantischen Schmalkaldischen Bund: Der Kaiser ordnete bis 1551 in 25 süddeutschen Städten einen autoritären, sich selbst erneuernden patrizischen Rat an. De facto bedeutete dies das Ende der Zunftverfassung. Weil sich seitdem der Brauch, Ratsstellen zu besolden, herausbildete, und das Patriziat sich zunehmend von Handelsgeschäften zurückzog, wurde das Patriziat immer mehr reines Verwaltungspatriziat 7). Grundsätzlich hätten die kaiserlichen Maßnahmen auch in Villingen zu einer Abschaffung der Zunftverfassung führen können, denn auch Städten, die stets katholisch geblieben waren, wie Rottweil und Überlingen, wurde eine patrizische Verfassung aufgezwungen. Als Landstadt wurde Villingen jedoch nicht von den kaiserlichen Maßnahmen betroffen – an der Beteiligung der Zünfte am Ratsregiment änderte sich bis zum 18. Jh. in Villingen nichts. Die Landstadt Villingen befand sich sozusagen im Windschatten der Reichspolitik, überkommene Strukturen wurden hier nicht angetastet.

Welches sind nun die Merkmale, mit denen das Patriziat in den Reichsstädten charakterisiert wird? Wichtigstes Merkmal des Begriffs ‚Patriziat‘ ist, daß er den Kreis der ratsfähigen Familien beschreibt. Weitere häufig anzutreffende Merkmale sind die gesellschaftliche Abgeschlossenheit, die sich v.a. in auf die eigene Schicht begrenzten Heiratskreisen manifestiert, sowie ein überdurchschnittlich hohes Vermögen in den Händen der Patrizier. Freilich sind die beiden zuletzt genannten Merkmale nicht absolut notwendig.

Wesentlich ist also, daß das Patriziat den Kreis der ratsfähigen Familien beschreibt, der je nach Verfassung der Stadt noch durch Vertreter aus den Handwerkerzünften erweitert werden konnte 0). Der mittelalterliche Bürger bezeichnete diese Personen meist als ‚Geschlechter‘, erst seit dem 16. Jahrhundert begann man – in Aufnahme einer Standesbezeichnung der römischen Antike – diese Gruppe als ‚Patrizier‘ zu bezeichnen. Unter einer Zunft soll eine Gemeinschaft zur gegenseitigen Unterstützung der in einer Stadt dasselbe Handwerk oder Gewerbe treibenden Personen verstanden werden. Der Begriff ‚Patriziat‘ hat also in erster Linie eine politische, der der ‚Zunft‘ eher eine wirtschaftliche Dimension. Wie kommt es nun aber zur Bildung von Patrizierzünften? Eine Frage, die sich umso mehr stellt, als die Patrizier sich ständig bemühten, sich von den in Zünften organisierten Handwerkern abzugrenzen; zumal Merkmal des Handwerkers ist, daß er mit seiner Hand arbeitet, während der Patrizier eben nicht mit der Hand arbeitet und sich deshalb in vielen Städten als ‚Müßiggänger‘ bezeichnet.

Nun, die Bildung von Patrizierzünften hatte zunächst einen praktischen Grund: Solange die Patrizier das Rathaus allein beherrschten, konnten sie dort ihre Gelage und Gastereien, aber auch ihre vertraulichen privaten, geschäftlichen und politischen Beratungen ungestört abhalten. Nachdem die Handwerkerzünfte ihre Beteiligung am Rat erzwungen hatten, war der Rat keine ,geschlossene Gesellschaft‘ mehr, deshalb benötigte man einen eigenen Versammlungsort – eine Trinkstube 9); und man benötigte eine Ordnung welche festlegte, wer in die Gesellschaft aufgenommen werden durfte und wer nicht. Zunftordnung und Trinkstube haben zuvor schon die Handwerkerzünfte besessen, diese Institutionen wurden nun Vorbild auch für das Patriziat.

2. Zunftverfassung und Patriziat in Villingen

Mit dem 13. Jahrhundert sind erste Nachrichten über die Verfassung Villingens überliefert. Damals hatten die Grafen von Fürstenberg als Stadtherren das Regiment in die Hände des Schultheißen und der sog. Vierundzwanzig gelegt. Mitglieder in diesem Gremium waren ausschließlich Patrizier 10).

Das Bevölkerungswachstum und die Kreuzzüge waren zwei wichtige unter vielen anderen Ursachen für das wirtschaftliche Wachstum im 13. Jahrhundert; dieses Wachstum begünstigte die Vermögensbildung auch in den Handwerkerzünften; und – wichtig für unser Thema – mit dem Vermögen wuchs auch das Selbstbewußtsein und der Wunsch nach politischer Mitgestaltung. Dies war der Hintergrund für die Zunftkämpfe des 14. Jahrhunderts. Im Verlauf dieser Kämpfe erzwangen die Zünfte ihre Beteiligung am Rat in den Reichsstädten.

Diese sog. ,Zunftkämpfe` äußerten sich gelegentlich als bewaffnete Aufläufe oder zumindest Unruhen 11) mit sozialen Hintergründen und Konsequenzen. Für Villingen ist ein Wandel hin zu einer Beteiligung der Zünfte am Ratsregiment klar erkennbar, und zwar schon gegen Ende des 13. Jahrhunderts: 1294 sind Zünfte am erweiterten Rat erstmals beteiligt, 1297 tritt erstmals der Bürgermeister neben dem Schultheißen auf 12). Der wichtigste Punkt bei diesen Ereignissen ist, daß die patrizische Exklusivität des Rats gebrochen und nun auch die Zünfte an der Leitung der Regierungsgeschäfte beteiligt waren. Daran ändert der Umstand nichts, daß die Patrizier im Laufe der Zeit bedingt durch ihre Vermögen und ihre sachliche Kompetenz viel an verlorenem Einfluß wieder zurückgewannen. Diese neue Stellung der Zünfte wird im Großen Zunftbrief von 1324 kodifiziert und befestigt. Im Ergebnis ist diese Entwicklung z. B. mit den oberschwäbischen Reichsstädten durchaus vergleichbar, doch fehlen noch Anzeichen für Auseinandersetzungen, die die Bezeichnung ,Zunftkämpfe` rechtfertigen würden. Im Vergleich zu vielen Reichsstädten ist das Jahr 1324 ein recht frühes Datum für die Einführung einer Zunftverfassung – diese wurde z. B. in Memmingen 1347, in Augsburg erst 1368 eingeführt. Wenn sich Anzeichen für Zunftkämpfe in Villingen bisher nicht gefunden haben und der Zeitpunkt der Einführung der Zunftverfassung recht früh erscheint, so kommt eine Erklärung aus einem ganz anderen Bereich in Betracht: Auffallend ist nämlich die zeitliche Nähe zwischen der Manifestwerdung der Zunftverfassung 1324 und dem Übergang der Stadtherrschaft von Fürstenberg an Habsburg 1326. Demnach hätten sich im Patriziat eher Parteigänger Fürstenbergs befunden, in den Zünften eher Parteigänger Habsburgs. Für diese Vermutung spricht, daß führende Patriziergeschlechter eng mit Fürstenberg verbunden, oder gar fürstenbergische Amtleute waren: so etwa die Tannheim und die Tierberg. Diese Verbindung des Patriziats zu Fürstenberg wurde auch später beibehalten: es ist kein Zufall, daß 1514 Graf Wilhelm von Fürstenberg auf der Herrenstube mit den Stubengenossen speiste und Heinrich Hug über diese Zusammenkunft schreiben konnte: Do herbott er sich gegen ainer gemainen statt fill gutz . . . und was große fruntschafft zue dem selben maul [= Mal] 13) Die mit dem Zunftbrief von 1324 in Villingen erreichte Zunftverfassung wurde, nach bisherigem Forschungsstand – abgesehen von eher formalen Änderungen wie der Minderung der Ratsmitglieder – erst durch die theresianischen Verwaltungsreformen 1756 geändert. Für die bloße äußere Form – daß mehrere Zunftmeister im Rat saßen – mag dies zutreffen. Hinter dieser statischen Kulisse freilich war das politische, das soziale und ökonomische Verhältnis von Zunftbürgerschaft und Patriziat ständig in Bewegung.

3. Die Entstehung der Herrenstubengesellschaft in Villingen

Im Stadtarchiv Villingen ist reichlich Material zur inneren Geschichte der Herrenstubenzunft im 17. und 18. Jh. vorhanden: Zunächst als früheste zusammenhängende Quelle die Statuten von 1686, dann drei Statutenerneuerungen aus dem späten 18. Jh. und v. a. die fast lückenlose Reihe von Rechnungen der Gesellschaft von 1701 bis 1829. Dieses Material ist noch zur Gänze unerforscht. Deshalb kann hier nur auf die Ordnung von 1686 eingegangen werden, zunächst ausführlich auf die Frage des Gründungsdatums.

Die Ordnung von 1686 gibt das Jahr 1442 als Gründungsdatum an. Der Verfasser der erneuerten Statuten von 1790 freilich gibt ein weit höheres Alter an, er schreibt von der … Herren Stube oder Einigung der ehrbaren burger, wie selbe schon in den Urkunden 1256 / 1286 / 1324 und in den Statuten genannt wird . . . „). Bei solchen Rückdatierungen ist jedoch zuerst einmal Skepsis angebracht, weil das Bedürfnis, auf eine möglichst lange Reihe von Ahnen zurückblicken zu können in der Gesellschaft des Ancien Regime noch weit ausgeprägter war als heute. Die vom Verfasser der Statutenerneuerung von 1790 genannten Urkunden aus dem 13. und 14. Jh. sprechen zwar von den ,ehrbaren burgern` und den ,muessig genger`, aber eben nicht von einer ‚Herrenstube‘, der Nachweis für die Konstituierung des Patriziats als Korporation ist dadurch nicht erbracht; zudem sind Patriziergesellschaften vor dem 14. Jh. bisher nur für Köln belegt (die sog. Richerzeche).

Die Angabe des Jahres 1442 als Gründungsdatum in den erneuerten Statuten von 1686 hätte viel Wahrscheinlichkeit für sich, fände sich nicht im 1371 begonnenen Großen Stadtrecht ein Nachtrag aus dem Jahre 1418, der lautet 15): Und also sol nieman dehain ander trinckstuben haben, noch dehain ander trinckstube sin, denne der herren Trinckstube, darin die muessig genger gan sullent.

Diese Stelle setzt die Existenz der Herrenstube voraus und es ist schwer vorstellbar, daß es für diese Herrenstube keine Stubenordnung gegeben haben sollte. Die 1686 erwähnten Statuten von 1442 wären dann ihrerseits die Überarbeitung älterer Statuten. Gerade das unwichtig scheinende Privileg, eine eigene Trinkstube haben zu dürfen, konnte vom mittelalterlichen Stadtbürger sehr wichtig genommen werden: In der Reichsstadt Memmingen empörte sich 1471 die Bürgerschaft über ein solches Privileg, empfand es als Hochmut der Patrizier und erreichte aus diesem Anlaß eine Abwahl des patrizischen Bürgermeisters sowie eine fast vollständige Verdrängung des Patriziats aus dem Rat 16).

Hinsichtlich der Frage der Gründung der Villinger Herrenstube wäre denkbar, daß sogar die These Roders zuträfe, daß die Müßiggänger . . . oder Herren sich zu einer zunftmäßigen Verbindung zusammenschließen. So ist die [Marginale: Gesellschaft der] Herrenstube entstanden, jedenfalls kurz nach 1324 17). Diese Vermutung ließe sich durch Verweis auf andere Städte stützen: Für Konstanz haben wir den „Statutenentwurf der Gesellschaft zur Katz“ aus dem Jahre 1425 überliefert, er folgte unmittelbar auf den Großen Zunftaufstand von 1424 18).

Doch einen eindeutigen Quellenbeleg kann Roder – der die Quellen des Villinger Archivs kannte wie kein anderer – für seine These nicht liefern. So muß das Jahr 1418 als erste Erwähnung der Villinger Herrenstubengesellschaft in den Quellen gelten. Eigentlich ist dieser Beleg sogar glaubwürdiger als die Nennung des Jahres 1442, weil diese Angabe 244 Jahre später (nämlich 1686) gemacht wurde und es sich um eine ,Traditions`-Quelle (d. h. bewußte Überlieferung) handelt, bei der Erwähnung in der Quelle von 1418 aber um eine ,Überrest`-Quelle (d. h. eher unbeabsichtigte Überlieferung) 19).

Diese Datierung gilt nur für die Organisation des Patriziats in Patriziergesellschaften oder Ge-schlechterstuben. Das Patriziat an sich, als politisch führende, bevorrechtigte und durch Heirats-und Verwandtschaftsbeziehungen untereinander verbundene Gruppe gab es schon lange, in Villingen sind schon 1324 im Großen Zunftbrief diese Patrizier als ‚Müßiggänger‘ bezeichnet, die älteste Nennung der Müßiggänger stammt aus dem Jahr 1294, als sie in der Auszugsordnung genannt wurden.

Soviel zur Frage der Datierung des Gründungsdatums. Nun sei noch auf die Namen eingegangen die sich Patriziergesellschaften gaben und einige Anmerkungen zum Namen „ehrsame Müßiggänger“ sowie zum Begriff ‚Ehrbarkeit‘ gemacht, wodurch sich das Selbstverständnis von Korporationen wie der Villinger Herrenstube aufhellen läßt.

Die Patriziergesellschaften nannten sich häufig nach dem Haus in dem sie ihre Versammlungen abhielten, in diesem Fall weist der Name auf die gesellige Funktion der Gesellschaften hin: In Konstanz ,Gesellschaft zur Katz‘, in Memmingen ,-zum Goldenen Löwen‘, in Kempten ,-zum Strauß‘, in Frankfurt ,Alt Limpurg` usw. Oder die Gesellschaften nannten sich nach der Art ihrer Tätigkeit: dem Müßiggang – so in Villingen, Freiburg, Rottweil, Kaufbeuren.

Der Name ‚Müßiggänger‘ ist jedenfalls keine Villinger Besonderheit, ebenso wie das Adjektiv ‚ehrbar‘, das in der traditionellen Gesellschaft vor 1800 in aller Munde war und ständig gebraucht wurde 20): So bezeichneten sich nicht nur die meisten Handwerkerzünfte ebenfalls als ehrbar, sondern war dieses Adjektiv auch durchgehend in Briefanreden anzutreffen (z. B. Ehrbare, fürsichtige und weise und gelehrte Herren, liebe Nachbarn). Ehrbarkeit war die Voraussetzung für den Erwerb des Bürgerrechts wie für die Mitgliedschaft in einer Zunft. Als nicht ehrbar galten z. B. unehelich Geborene und bestimmte Berufe wie Totengräber, Henker, Schäfer. Dies waren Voraussetzungen für Ehrbarkeit, die für alle städtischen Korporationen galten – das Land hatte einen eigenen Ehrenkodex. Neben diesen allgemeinen Bedingungen für Ehrbarkeit definierten viele Korporationen noch spezielle Bedingungen, die sich als Aufnahmebedingungen in den Satzungen oder Statuten niederschlugen. Hier war für die meisten Patriziergesellschaften die ehrbare Abstammung ein wichtiges aber in den einzelnen Städten ganz unterschiedlich definiertes Merkmal. Die Herrenstube in Augsburg machte sogar adelige Abstammung zu einem Aufnahmekriterium. Als Anfang des 16. Jh.’s kein Geringerer als Jakob Fugger der Reiche die Aufnahme beantragte, wurde dies mit dem Hinweis auf seine niedere Abstammung – er stammte von einer Weberfamilie ab – abgelehnt. Diese Haltung änderte die Augsburger Herrenstube auch nicht als Jakob Fugger vom Kaiser 1507 in den Grafenstand erhoben und mit den Grafschaften Kirchberg und Weißenhorn belehnt wurde. Erst 1538, nachdem die Herrenstube durch Aussterben und Abwanderung alter Familien sehr geschwächt war, wurde Anton Fugger, der Neffe Jakobs, aufgenommen. Daß gesellschaftliche Führungsschichten auch in der Gegenwart noch Wert auf Ehrbarkeit legen, zeigt etwa der Begriff ,Honorationen` (lateinisch honor = die Ehre) an. Bevor wir uns nun der Ordnung der Villinger Herrenstube von 1686 zuwenden, sei noch ein Villinger Beispiel, wo verletzte Ehre zu Konflikten im Zusammenleben verschiedener Gruppen in der Stadt führen konnte. Die Rangordnung spielte im öffentlichen Leben der alten Stadt eine große Rolle und konnte besonders bei öffentlichen Veranstaltungen, z. B bei Prozessionen, zu verletzter Eitelkeit und Mißstimmung führen. So lesen wir im Ratsprotokoll von 1688 folgende Passage:

Demnach Ehrsamer Rat und gantze Bürgerschaft wie zeithero missfällig sehen mußte, wasmaßen sich die Edelleute (d. h. Mitglieder der Herrenstube) bei der öffentlichen Prozession vorgedrungen und nit allain den Amtleuten, Gerichtsherren (ihren Stubengenossen), sondern auch dem Stadtschreiber den Vorgang angenommen, da jedoch diese denen Edelleuten all Zeit präcedieren, also ist resolvieret worden, denen alten Ratssitzungen von 1582, 1583, 1586 . . . gemäß die Edelleute dem gemainen Rat nach zu setzen. So Decreta dem Junker von Freyburg und Junker Yfflinger intimiert werden soll 21).

4. Die innere Ordnung der Herrenstubengesellschaft nach den Statuten von 1686

Entstehung und Selbstverständnis dieser Korporation sind treffend im ersten Absatz der Statuten von 1686 dargestellt 22):

Zue wüssen undt khundt gethon seye Mäniglichen hiemit, daß zwahr die in dem Jahr Christi 1442 all-hier auffgerichte löbliche gesell- undt Bruderschafft der also genandten Herrnstuben biß auff die in gegenwürdigem Saeculo eingefallne leydige Kriegsempörung in ruhe würdiger guether ordnung gebliben: nachmals aber durch sovihl betriebt- und beschwerliche Zeiten, so wohl ahn gliedern, alß gefäll- und Einkhünfften dermassen abgenommen, daß dise Societät entlich gahr disolviert, undt in abgang gebracht worden.

Für das Selbstverständnis als ehrbare Zunft war nicht nur das hohe Alter, die Berufung auf die Tradition als Behauptung einer Kontinuität der eigenen Existenz mit der verdienter Vorfahren wichtig, sondern bei der Villinger Herrenstube besonders auch der religiöse Charakter. Die Religion wird schon dadurch angesprochen, daß sich die ehrbaren Müßiggänger nicht nur als Gesellschaft, sondern auch als Brüderschaft verstehen. Als Zweck der Gesellschaft wird angegeben, sie solle dienen … nit allain zur befurderung der Ehr Gottes undt der abgelebten hl. brüdern Seelen-Hayl und trost . . . sondern auch zur pflantzung und haltung bürgerlicher Liebe und freundtschafft auch Ehrlicher Ergötzlichkeit.

Die Herrenstube verstand sich also auch als Bruderschaft bzw. Gebetsbruderschaft. Solche Bruderschaften haben auch viele Handwerkerzünfte gepflegt. Diese stifteten Altäre und Messen und pflegten das regelmäßige und gemeinsame Gebet für die Verstorbenen. Ausdruck dieses religiösen Selbstverständnisses ist es wohl auch, daß die Mitglieder der Gesellschaft in den Statuten von 1686 am häufigsten als ‚Brüder‘ angesprochen werden, nur vereinzelt einfach als ‚Genossen‘ oder ‚Stubengenossen‘.

Doch wird hier auch ein Wandel des Charakters der Herrenstube deutlich – vor dem 30jährigen Krieg scheint der religiös-kirchliche Einschlag gefehlt zu haben: Nicht nur fordert die erwähnte Urkunde von 1418 und die prister die mugend ouch zuo samend gan, zuo den aber dehain weltlicher nit da stuben gesell sin noch werden sol 23). Auch fehlen in den Mitgliederlisten von vor 1618 Geistliche völlig. Exemplarisch sei hier der Musterrodel von 1595 angeführt, unter ‚Herrenstube‘ nennt er folgende 27 Namen und Berufsangaben 24):

Herr Jacob Meyenberg, Burgermaister

Herr Johann Schönstain, Burgermaister

Herr Jacob Poßinger, Schultheiß

Herr Conrad Werner, Schultheiß

Junker Andreas Yflinger von Graneckh der älter

Junker Hanß Jacob Betz Haupt(mann?)

Sebastion Mendlin

Clemenß Yßelin

Balthasar Gastlin

Zacharias Kegel

Joachimus Stollenberg

Junker Matheus Herdter

Ulrich Bueler

Andreas Yflinger der jünger

Ulrich Neydinger

Georg Starckh

Johann Schueh

Herr Jacob Schreiber

Andreas Strickher

M(eister?) Michael Rubin

Hieronimus Hopp

Michael Schwerdt

Junker Hannß Fridrich von Siglingen

Junker Hanß Rudolf!‘ von Thierberg

Conrad Hiener

Caspar Häfelin

Dr. Bernhard Freyburg.

Als Grund für die Aufnahme von Geistlichen nach 1686 wird wohl der Mangel an Mitgliedern anzusprechen sein; man kam deshalb den Geistlichen entgegen indem der Herrenstube ein kirchlich-religiöser Charakter gegeben wurde, z. B. verpflichten sich die Mitglieder zum Besuch bestimmter Gottesdienste – und den Geistlichen in der Stubenordnung bestimmte Ämter reserviert waren (vgl. Pkt. 3 in den im Anhang wiedergegebenen Statuten).

Die Mitglieder der Villinger Herrenstube seit dem 17. Jh. lassen sich im wesentlichen vier Berufsgruppen zuordnen:

Grundbesitzender Niederadel der Umgebung: V. a. die Ifflinger von Graneck 25) und die Familie von Freyburg, die Verwandte in den Patrizierzünften zahlreicher oberdeutscher Städte hatte.

Die – zahlenmäßig bedeutendste Gruppe – städtischer Beamter, Kanzlisten und Syndici

Andere Akademiker wie Geistliche, Ärzte, Apotheker und Lehrer

Kaufleute

Die Zusammensetzung des Patriziats spiegelt auch Normen und Werte seiner Zeit wieder: Das Heilige Römische Reich war eine aristokratische Gesellschaft. Im Patriziat spiegelte sich dies darin, daß Adlige die einflußreichsten Mitglieder waren und zahlreiche Adlige der Umgebung zu den geselligen Zusammenkünften als Gäste geladen wurden. Auch war es Ausdruck adliger Attitüde, daß die ‚bürgerlichen‘ Patrizier die Nobilitierung anstrebten, Wappenbriefe erwarben, Ahnenforschung betrieben und auch in der Baukunst adlige Elemente in der Stadt heimisch machten – zu verweisen ist hier z. B. auf die Wohntürme. Im Gegensatz zum Alten Reich hat sich die Gesellschaft des 19. und 20. Jh.’s primär als bürgerliche Gesellschaft verstanden und sich vielfach durch ökonomische Kriterien definiert; es ist deshalb nur konsequent, wenn im Honoratiorenstand, aus dem sich die Stadträte rekrutierten, im 19. Jh. Kaufleute dominierten.

Weist die soziale Zusammensetzung schon darauf hin, daß sich das Patriziat in der frühen Neuzeit überwiegend aus der Oberschicht rekrutierte so stellt sich nun die Frage, ob das Patriziat auch kodifizierte politische Vorrechte in der städtischen Gesellschaft Villingens hatte. Die Statuten von 1686 nennen hier nur den einen Punkt, daß es ein altes Vorrecht der Herrenstube vor anderen Zünften sei, nicht nur auf ihrer eigenen Stube gemeinsame Gastereien zu halten, sondern dies auch in andern Wirtschaften zu tun (Pkt. 8). Die Statutenrevision von 1790 nennt eine Reihe weiterer Pukte: die Herrenstube hat bei öffentlichen Veranstaltungen wie Prozessionen den ersten Rang bei den Richtern, beim jährlichen Schwörtag legen sie dem Amtsbürgermeister das Handgelübde ab, während die anderen Zünfte wie gewöhnlich schwören, sie sind von Frondiensten, Stabreisen 26), Feuerlaufen und gemeiner Wacht, ferner von Einquartierung insbesondere von gemeiner Mannschaft, befreit 27). Deutlich wird hieran jedenfalls, daß die Villinger Patrizier in der städtischen Gesellschaft de iure nur soziale Vorrechte genossen haben, es findet sich kein Beleg, daß den Mitgliedern der Herrenstube ein verbrieftes Monopol auf bestimmte Ämter zugesichert wurde. Daraus könnte man folgern, die Herrenstube habe keine politische Funktion im Leben der Stadt gehabt, sondern nur der ‚Pflege der Geselligkeit‘ gedient, bzw. wie es die Statuten von 1686 ausdrückten zur pflantzung und haltung bürgerlicher Liebe und freundtschaft, auch Ehrlicher Ergötzlichkeit. Doch eine solche Schlußfolgerung würde sich nur auf normative Quellen stützen, welche die soziale Wirklichkeit nur begrenzt wiedergeben können. Eine solche Schlußfolgerung würde schon deshalb zu kurz greifen, weil es gar nicht zu vermeiden ist, daß eine elitär rekrutierte Korporation – und eine solche war die Herrenstube zweifellos 28) – auch politischen Einfluß hat und ihn auch einsetzt. Es ist deutlich geworden, daß noch weitere Forschungen notwendig sind, um das Thema „Zunftverfassung und Patriziat in Villingen“ mit Leben zu füllen. In diesem Beitrag sollte es nur darum gehen Umrisse zu zeichnen. Als Aufgabe weiterer Forschung bietet sich die Untersuchung der personellen Zusammensetzung des Villinger Patriziats an. Eine solche Untersuchung diente nicht nur der Erhöhung der Anschaulichkeit von recht abstrakten Begriffen wie Zunftverfassung und Patriziat, sondern damit ließe sich auch der Grad der Abgrenzung der Führungsschicht erkennen und so würde auch exakt die geographische Ausrichtung der privaten, wirtschaftlichen, politischen und kirchlichen Außenbeziehungen Villingens deutlich werden.

Anhang:

Paraphrase der Statuen der Herrenstube von 1686

Die Präambel nennt als Voraussetzung für die Aufnahme in die Herrenstube, daß der Kandidat Villinger Bürgerrecht besitzt und sonst keiner Zunft beigetreten ist.

1. Am Montag nach dem Fest der unbefleckten Empfängnis (9. Dezember) soll im Münster ein Lobamt gesungen und zwei Messen gelesen werden. Am Donnerstag nach Aschermittwoch soll zum Trost der verstorbenen Brüder ein Seelamt und zwei Messen gesungen werden. Beiden Festen sollen alle Herren beiwohnen und dabei ihre Andacht verrichten. Wer ohne triftigen Grund fernbleibt und keinen Vertreter schickt, soll an den Stubenmeister 2 Schilling Buße zahlen.

2. Wenn ein Mitglied der Societät stirbt, soll jeder Bruder dem Stubenmeister 2 Schilling in die Büchse geben, damit davon Anniversarien bezahlt werden können.

3. Die Versammlungen werden von zwei Oberpflegern geleitet. In Konformität mit den alten Satzungen sollen auch drei Stubenmeister

einer aus der Priesterschaft

einer aus dem Rat

einer außerhalb des Rats

gewählt werden. Jedes Jahr auf Johann Baptist (24. Juni) sollen die alten Stubenmeister den dazu Deputierten Rechnung ablegen. Von den drei alten Stubenmeistern soll der jüngste im Amt bleiben zur besseren Information der zwei neuen. Wer sich weigert die Wahl zum Stubenpfleger anzunehmen, soll 30 Kreuzer Strafe zahlen – außer dem Abt von St. Georgen und den vier Amtleuten. Dasselbe gilt für die Wahl der zwei Oberpfleger, die jedes Jahr am Neujahrstag gewählt werden.

4. Aufgabe der Stubenmeister ist es, Nutzen der Gesellschaft zu fördern und Schaden zu wenden, deren Reputation gegen jedermann zu verteidigen, Einkünfte und Gefälle sowie Strafen fleißig einzuziehen und getreulich zu verwalten. Bei Zusammenkünften sollen die Brüder mit genügend Speis und Trank versehen sein. In alledem soll jeder Bruder gleich behandelt werden.

– Strafen – Ehrengericht – Instanzenzug –

5. Weiter ist es Aufgabe der Stubenmeister, die Brüder mit Vorwissen der Oberpfleger zu den Zusammenkünften durch den Stubenknecht laden zu lassen. Bei Nichterscheinen ohne triftigen Grund soll der Betreffende 12 Pfennig Strafe zahlen 29). Der Stubenmeister kann auch schärfere Maßnahmen ergreifen, falls sich ein Stubengenosse renitent zeigt gegen Anordnungen des Stubenmeisters, wenn sich zwischen den Stubenbrüdern hitzige Streitigkeiten, schält- rauff oder schlaghendell ereignen. Dasselbe gilt, wenn einer der Brüder flucht oder Gotteslästerungen ausstößt; je nach Beschaffenheit der Sache kann der Fluchende mit 4 Schilling bis 2 Pfund Strafe belegt oder aus dem Haus gewiesen werden. Was die Scheit-, Rauf- und Schlaghändel betrifft, sollen diese am folgenden Tage vor die Dreizehner (eine Art Ehrengericht) und die zwei Oberpfleger gebracht werden; von diesen sollen die beiden Parteien gehört werden; dieses Gremium fällt ein Urteil und verhängt Strafen; die Strafe soll nicht höher als 5 Pfund sein und der gemeinsamen Büchse zufallen. Falls die begangene Tat aber eine höhere Strafe verdient, soll darüber allein der Rat entscheiden.

– Aufnahme –

6. Alle, die nicht dem Richtergremium angehören noch irgendeiner Zunft der Bürgerschaft und die sich aus eigenem Gut oder aus Herrendienst ernähren, ob geistlich oder weltlich, ob adelig oder bürgerlich, sollen der Gesell-und Bruderschaft der Herrenstube angehören. Es soll keiner Stubengenosse werden, der nicht ehrbaren Herkommens und Wandels ist; die Stubenmeister sollen darüber Erkundigungen einziehen und den Dreizehnern Bericht darüber erstatten. Anschließend wird gemeinsam über die Aufnahme entschieden. Der Aufgenommene soll 1 1/2 Gulden Einstand zahlen und ein Tischtuch geben. Er soll ferner einen Eid schwören, sich den Satzungen zu unterwerfen und jährlich 12 Pfennig in die Büchse zu zahlen.

7. Reguläre Zusammenkünfte finden an Neujahr, am Tag St. Johannes Baptist (24. Juni), Aschermittwoch und am Schwörtag statt. Es sind auch außerordentliche Treffen möglich. Bei allen Zusammenkünften kann auch Ehrliche Spiel und kurtzweil getrieben werden.

8. Es ist ein Vorrecht der Gesellschaft vor anderen Zünften nicht nur – was den anderen Zünften auch zusteht – auf ihrer Stube Gastereien zu halten und Speis und Trank kommen zu lassen, sondern dies auch in anderen Wirtschaften zu tun.

9. Über den Kauf des Hauses in der Rietstraße und den daraus fließenden Kastenzins an das Kloster St. Blasien.

10. Wenn ein Stubenmeister oder ein anderer Amtsinhaber in Ausübung seines Amtes von Fremden beschimpft oder sonstwie angegriffen wird, so sollen ihn alle Mitglieder schützen und schadlos halten.

11. Bisher hat sich mit dem Stubenknecht allerhand Unordnung zugetragen, man ist hier in einer gütlichen Einigung begriffen.

12. Die Ordnung gilt in gleicher Weise für auswärtige wie für einheimische Brüder.

Diese Ordnungen und Statuten beeinträchtigen in keiner Weise den Magistrat, dessen obrigkeitliche Prärogativen, noch die gemeinen Stadtrechte, Freiheiten und Privilegien. Der Gesellschaft bleibt es vorbehalten, ihre Statuten zu ändern, zu mehren oder zu mindern.

29. März 1686

Anmerkungen:

1) Vorliegender Beitrag ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags, den ich unter dem Titel „Zunftverfassung und Patriziat mit besonderer Berücksichtigung Villingens“ am 28.11.1992 auf Einladung der Museumsgesellschaft in Villingen gehalten habe. Die Museumsgesellschaft versteht sich als Traditionsgesellschaft des Villinger Patriziats der ,Ehrsamen Müßiggänger‘ bzw. der Herrenstubengesellschaft. Für Anregungen und Kritik danke ich herzlich Dr. Kasimir Bumiller, Bollschweil.

2) Gegen diese Beschränkung wandte sich schon H. Lieberich. Vgl. Art. „Patrizier“. In: Handwörterbuch der deutschen Rechtsgeschichte. Hg. von A. Erler und E. Kaufmann. Göttingen 1964, Bd. 3, Sp. 1552: Grundsätzlich ist zu sagen, daß es [das Patriziat A. N.] keine Sondererscheinung der Reichsstädte ist. Auch in Bezug auf Städte wie Freiburg scheinen keine Vorbehalte dagegen zu bestehen, die Führungsschicht als Patriziat zu bezeichnen, vgl. etwa H. Nehlsen, Civites et milites de Friburg. Ein Beitrag zur Geschichte des ältesten Freiburger Patriziats. In: Schau-ins-Land 84 / 85. 1966 / 67, S.79 – 125.

3) Bader K. S., Stadtrecht und Bürgerfreiheit im alten Villingen. Karlsruhe 1952, S.8.

4) So formulierte etwa der erste VIllinger Stadtarchivar Christian Roder: Nachdem die Handwerker… 1324 die Neugestaltung der Stadtverfassung in dem demokratischen Sinne durchgesetzt hatten . . . „Geschichte der Stadt Villingen“. Konzept von Christian Roder 1893 ff. StA Villingen-Schwenningen 2 / 1 BBB 14, Kap. III Zunftwesen.

5) Freilich nicht in der Form des früher an dieses Thema herangetragenen Gegensatzes zwischen adligem Geblüts- und bürgerlichem Verdienstrecht. Vgl. I. Batori, Das Patriziat der deutschen Stadt. Zu den Forschungsergebnissen über das Patriziat der süddeutschen Städte. In: Zeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie und Denkmalpflege 2. 1975, S. 1-19, hier S.6.

6) Eine bemerkenswerte Ausnahme von dieser Regel könnte freilich gerade Villingen gewesen sein /Anmerkung: / Vgl. etwa die Regelung im großen Stadtrecht: Roder, Stadtrecht, S.38 f, S.79 f.

7) A. Rieber, Das Patriziat von Ulm, Augsburg, Ravensburg, Memmingen und Biberach. In: Deutsches Patriziat 1430 -1740. Hg. von H. Rössler. Limburg a. d. Lahn 1968, S. 318.

8) So etwa Lieberich, Sp. 1552.

9) Batori, S.16 f.

10) Bader, S. 8.

11) E. Isenmann, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter 1250 bis 1500. Stuttgart 1988, 5.190 f.

12) P. Revellio, Art. „Villingen“. In: Badisches Städtebuch, hg. von E. Keyser, Stuttgart 1959, 5.400.

13) Heinrich Hugs Villinger Chronik von 1495 bis 1533, hg. von Chr. Roder (Bibl. des Literar. Vereins Stgt. 154). Tübingen 1883, S.56.

14) StA Villingen-Schwenningen 2 / 1 PP 54.

15) Oberrheinische Stadtrechte. Hg. von der Badischen Historischen Kommission Abt. 2 Heft 1: Villingen. Bearb. von Chr. Roder. Heidelberg 1905, S.78.

16) Dies kommentierte ein zeitgenössischer, zünftisch gesonnener, Chronist mit den Worten: Ist daz nit ain wunder, das sie [die Patrizier A. N.] solch hochmuet treiben von ains dantz wegen, daz sie die andern nit mit ihnen wolln dantzen lassen. Zitiert bei P. Eitel. Die oberschwäbischen Reichsstädte im Zeitalter der Zunftherrschaft, Stuttgart 1970, S. 99.

17) Roder, Stadtgeschichte (Zunftwesen).

18) K. D. Bechtold, Zunftbürgerschaft und Patriziat. Studien zur Sozialgeschichte der Stadt Konstanz im 14. und 15. Jh. Sigmaringen 1981, 5.243.

19) In einer Urkunde von 1367 ist die Rede von 215 der ersamen acker – diese Stelle könnte so interpretiert werden, daß das Patriarchat als Kaoporation Besitzt gehabt hat, was die Existenz einer Patrizier-gesellschaft sehr wahrscheinlich macht; Vgl. das Regest dieser Urkunde bei J. Fuchs (Hrsg.), Pfründ-Archiv Villingen, S.86.

20) Im Herzogtum Württemberg rekrutierten sich die Inhaber leitender Ämter aus einer Schicht die als ‚Ehrbarkeit‘ bezeichnet wurde.

21) U. Rodenwald, Das Leben im Alten Villingen im Spiegel der Ratsprotokolle Bd. 1. Villingen 1966, S. 23 f.

22) Renovierte Statuten und Ordnungen der Herrenstuben zu Villingen. StA Villingen-Schwenningen 2 / 1 PP 52.

23) Roder, Stadtrecht, S.78.

24) StA Villingen – Schwenningen 2 / 1 Z 13a. Daß je zwei Bürgermeister und Schultheißen genannt werden, hängt damit zusammen, daß die jeweiligen Amtsvorgänger, d. h. der Altbürgermeister und -schultheiß ebenfalls angeführt werden.

25) Zu den Ifflinger, vgl. J. Fuchs, Zur Geschichte der Freiherren von Ifflinger-Graneck, in: Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, 1978 / 79, S. 32 – 36.

26) Ist damit gemeint: Stabholz oder Bürgerholz spalten? So etwa Grimm, Deutsches Wörterbuch Bd. 17 Sp. 377.

27) StA Villingen-Schwenningen 2 / 1 PP 54.

28)Vgl. etwa Pkt. 6 der Statuten im Anhang dieses Beitrags.

29) Es gelten folgende Münzrelationen: 1 Gulden oder 240 Pfennige oder 60 Kreuzer oder 20 Schilling. Der eines ‚Pfundes‘ ist regional verschieden, er liegt in der Regel aber etwas höher als der Wert eines Gulden.