Villingen nach dem Dreißigjährigen Krieg (Hermann Preiser)

Kaum hatte sich Villingen von den Belagerungen im Dreißigjährigen Krieg erholt, hatte die Stadt wenige Jahrzehnte später unter den französischen Kriegsgelüsten zu leiden, denn der Schwarzwald blieb von dauernden kaiserlichen und französischen Truppen-Durchmärschen nicht verschont.

Roder1) hat sich mit den Geschehnissen jener Zeit eingehend befaßt und viel Material zusammengetragen. Hauptsächlich diente ihm die Chronik des damaligen Villinger Bürgermeisters Benedikt Berger und die Relationen des Ratsyndikus Joh. Mich. Grüninger, sowie die Aufzeichnungen des Franziskanerpaters Adrion Funk. Letztere in lateinischer Sprache im Kefer’schen Nachlaß in der Leopold-Sophien-Bibliothek in Überlingen.

Bei der Zerfahrenheit und Ohnmacht des Deutschen Reiches und durch die Schwächung der Habsburger, fühlte sich Ludwig XIV. als unumschränkter Herrscher in Mitteleuropa und brach mehrere Friedensverträge. Unter nichtigen Vorwänden hat er die Kriegsfurie in die Grenzländer getragen, so nach Vorderösterreich, die badische Markgrafschaft und die Rheinpfalz. Im badischen Rheintal waren die Franzosen fast immer siegreich und durch Brand und Plünderung hatte der Breisgau schwer zu leiden, zumal es denselben gelang, durch die Feigheit des Kommandanten, die Stadt Freiburg einzunehmen. So fiel dieser vorderösterreichische Vorort mit reichen Vorräten an Lebensmitteln und Munition in französische Hände, welches der französische General Vaudans zu einer Hauptfestung ausgebaut hat, und sich der Schwarzwald mit Flüchtlingen füllte. Die Universität Freiburg siedelte deshalb nach Konstanz und die vorderösterreichische Regierung nach Waldshut. Nach dem Beginn dieser Kriegsoperationen im Jahre 1674 war Villingen und besonders das Brigachtal durch die unaufhörlichen Truppendurchmärsche hart mitgenommen. So mußten einmal 246 Pferde und 30 Wagen bis Offenburg hergegeben werden. Die Bauern sind zum Teil mit ihrem Vieh in die Wälder geflüchtet und was noch dageblieben ist, wurde durch Fuhren nach Freiburg, Stühlingen, Rottweil, Hornberg usw. zu Grunde gerichtet, sodaß der Ackerbau äußerst notlitt. Der Schaden, vom kaiserlichen Heer angerichtet, belief sich auf 61.908 Gulden.

Mit dem Fall von Freiburg wurde natürlich die Stellung Villingens eine sehr wichtige. Villingen führte jetzt auf den Landtagen in Waldshut das Präsidium, war aber deswegen noch mehr gefährdet wie vorher, denn von Freiburg her stand den Franzosen, nachdem der Weg über den Hohlen Graben und vom Kinzigtal nur hinlänglich verteidigt, der Weg in unsere Gegend und in das Schwäbische offen.

Das sah man auch in Villingen ein und da Villingen seine Verteidigung nicht mit eigenen Mitteln durchzuführen vermochte, verfügten die kaiserlichen Räte am 15. Dezember 1677, zur Verteidigung der Stadt genügend Munition hierher zu schaffen, außerdem sollte das Umfeld hier, zu Triberg und zu Bräunlingen und die Freiburg zustehenden Zehntfrüchte, bis auf Weiteres Villingen überlassen werden. Um aber Villingen zu einem verteidigungsfähigen Waffenplatz herzurichten, mußten umfangreiche bauliche Veränderungen vorgenommen werden, wozu aber die Zuschüsse der Regierung bei weitem nicht ausreichten. Die westliche Anhöhe des Hubenlochs sollte unbedingt, was man schon bei früheren Belagerungen erkannte, in die Verteidigungslinie einbezogen werden, war aber unmöglich. Lediglich ein neues Werk gegen den Kalkofen, das 1811 abgebrochen wurde, das sogenannte „Bügelein“ wurde errichtet.

Anfang des Jahres 1687, nach der Übergabe von Freiburg an die Franzosen, wurde Generalwachtmeister von Stahrenberg mit der Verstärkung der Villinger Festungsanlagen betraut, aber obwohl der damalige Kommandant der Stadt und der Magistrat auf die Beschleunigung der Festungsarbeiten drängten, ging die Arbeit nur langsam voran. Am 16. April kam die kaiserliche Artillerie mit 14 halben Cartaunen, 5 Viertel-Cartaunen (eine halbe Cartaune schoß 24 Pfund Eisen weg) und 7 großen Feuermörsern, samt Pulver, Lunten, Kugeln und Blei hier an und blieb den Sommer über hier. Am 10. August machte der Villinger Magistrat die Regierung darauf aufmerksam, daß der zwischen Freiburg und Villingen liegende Hohle Graben nur mit 100 Bauern besetzt ist und der angefangene Turm wegen Fehlens der Mittel, nur halb gebaut sei und daß die übrige Besatzung kaum 300 Mann betrage mit vielen überlästigen Weibern und Kindern, und daß nach der Belagerung von Offenburg nur noch der „Hohle Graben“ vorig stände, und bitte um Gottes Barmherzigkeit willen um Unterstützung, damit sie nicht genötigt werden, die Schuld schlimmstenfalls auf andere zu schieben. Kurz darauf drangen die Franzosen bis Gengen-bach vor, mußten aber, da der Herzog von Lothringen mit den Kaiserlichen anrückte, wieder über den Rhein zurück.

Am 31. Oktober macht Rudolphi den Villinger Rat, auf die immer größer werdende Gefahr aufmerksam, denn er hat durch Gefangene und Überläufer erfahren, daß der Feind im Begriffe stehe mit einem großen Kontingent durch das Waldkircher Tal gegen den Schwarzwald und Villingen anzurücken und verlangt von den Villingern eine Zahl von 15 Männern an den „Hohlen Graben“ zu stellen und Räumlichkeiten für einzuliefernde Gefangene herzurichten, ferner 200 300 Holzstämme für Blockhäuser und etwaige Breschen herbeizuschaffen und die Batterien um die Stadt zu reparieren. Da die Häuser innen ganz an die Mauer angebaut sind und den Durchgang ringsherum versperren, sind diese zu durchbrechen, damit sich von da aus die äußere Mauer und die Fülle (Wall) besser verteidigen lasse. Er hält die Zunftmeister täglich an, bei den Schanzarbeiten nur taugliche und starke Leute, nicht aber wie seither Kinder zu gebrauchen. Ebenso ist notwendig auf das äußere Werk eine Brustwehr zu legen und so von der Fülle aus mit derselben eine Verbindung herzustellen und hält es für notwendig auch am Sonntag zu arbeiten, wenn dazu der Magistrat die Zustimmung gibt. Der Bau wurde erst 1684 vollendet. Auch die übrigen Festungswerke befinden sich in einem äußerst mangelhaften Zustand. Die teilweise eingestürzten Mauern müssen neu hergestellt werden und der Niedere Turm hat gegen das Riettor von oben bis unten ins Fundamemt 1/2 Schuh weit klaffende Spalten, sodaß man an verschiedenen Orten ganz durch die Spalten sieht „und sich mit vollem Leib sich ganz hineinlegen mag“. Das Gewölbe desselben über den Straßendurchgang ist ebenfalls gewichen, sodaß man nicht mehr wagt, einen Schuß auf dem Turm zu tun, wie im Schwedenkrieg, wo man das Feld bestreichen und das neue Werk am äußeren Wassergraben decken konnte. Der Turm soll abgebrochen und neu erbaut werden.

Trotz dem 1678 mit Kaiser und Reich abgeschlossenem Frieden, verlangte Ludwig XIV. von den vorderösterreichischen Ständen eine Kontribu-tion von 500.000 Franken, wovon es Villingen allein mit 25.348 Franken traf.

 

Wanderer auf dem Weg ins Wieselsbachtal können noch heute unmittelbar hinter der Schleifekapelle den Damm des neuen Weihers erkennen, den die Franzosen in ihrem Bericht „See“ nennen. Auf der Gemarkungskarte der Stadt Villingen aus der Zeit um 1800 ist noch die Staumauer am Warenbach eingezeichnet (unten links im Bild).

 

Die allgemeine peinliche Stimmung wurde durch zahlreiche herumstreichende Spione noch gesteigert und wie gut die Franzosen recherchiert haben, zeigt ein Bericht aus dem 18. Jahrhundert, in dessen Vorrede mitgeteilt wird, daß die Franzosen, während sie Freiburg innehatten und ihre Grenzen gegen Deutschland auszubreiten suchten, durch Ingenieure die Gegend zwischen Freiburg, Schaffhausen, Konstanz und Villingen untersuchten. Die genauen topographischen Aufnahmen, allein 6 Ellen lang, habe Ludwig XIV. für die vornehmsten Offiziere, die den Einbruch kommandieren sollten in Kupfer stechen lassen. Der Text dazu gibt ein ziemlich anschauliches Bild der Festung Villingen. Nach einer eingehenden Beschreibung des für Truppenbewegungen geeigneten Weges von Freiburg über den „Hohlen Graben“ und Vöhrenbach hierher heißt es: „Nach Villingen oben auf der Höhe über Fehrenbach trifft man ein Retranchement. Die Bauern der umliegenden Dörfer haben solches in den letzten Kriegen aufgeworfen gegen die Streifereien der kaiserlichen Truppen bei Villingen. 47 Ruthen von der Verschanzung ist linker Hand ein Kreuz, und 600 Ruthen davon kommt man aus dem Wald, da nun Villingen nur noch 3/4 Stund entfernt ist, vor sich liegen sieht, 340 Ruthen vom Holze findet sich ein Derflein einem Bache, so zur Rechten des Weges einen See machtet. (Der Warenbach und der sogenannte neue Weiher am Runstal). Die Enge will nicht viel sagen, und man kann sie vermeiden, wenn man beim Ende des Holzes linker Hand hält und längst einer Wiese über einen kleinen Hügel in die Ebene rückt. Von gedachtem Bache hält der Weg zum Weiher zur Rechten des Weges immer an, jedoch bleibt zwischen den beiden eine Weite von 240 Ruthen. Die Ebene so sich von hier bis an die Stadt erstreckt, ist sehr schön, weil weder Hecken noch andere Hindernisse im Wege stehen, so kann man allzeit in Schlachtordnung anrücken. 400 Meter von dannen, vereinigt sich der Straßburger Weg, und der See rechter Hand ist allhier 281 Ruthen entfernt. 189 Ruthen fernerhin fängt ein Hügel an, der höher als die Stadt liegt und bis auf 12 Ruthen an den Graben reicht (Hubenloch). Diese Höhe hat eine Länge von 340 und in der Mitte eine Breite von 100 Ruthen. Die beiden Ende sind ungefähr 20 Ruthen breit und läuft sonderlich das Eck gegen die Stadt spitzig zu. Dieser Hügel hat keinen höheren um sich und der nächstgelegene ist 700 bis 800 Ruthen entfernt. Auf beiden Seiten sind Felder und Wiesen. Rechter Hand fließt ein Bach, so aus dem See kommt und sich unter die Stadt in den Strom ergießt. Auf dieser Höhe könnte man zur Verteidigung der Stadt einige Befestigungswerke anlegen. Villingen liegt in einer fruchtbaren Gegend, so von dem kleinen Fluß Briga bewässert wird. Ihre Befestigung ist von keiner Wichtigkeit, ob sie gleich mit einem doppelten Graben, davon jedoch der erste an den meisten Orten nur 7 – 9 Ruthen in der Breite hat, umgeben ist. Dieser äußerste Graben ist mit kleinen Türmen besetzt, welche aber nur die Tore decken und keineswegs imstande sind, den Graben zu beschützen. Die größte Tiefe des Wassers, so den ganzen Platz umgibt, ist von 3 – 4 Fuß, an den meisten Orten nur zwei. Zwischen den beiden Gräben ist eine Mauer, die 12 Fuß hoch und nur 2 Fuß dick ist. An dieser Stelle stehen die gemeldeten Türme, und dienet sie anstatt eines bedeckten Weges, um den äußersten Graben zu verteidigen. Ob sie gleich keine andere Flances als die Türme von den Stadttoren hat. Der Raum zwischen den beiden Gräben ist 2 Ruthen breit, man kann sich aber keiner Kanonen daselbst bedienen, weil die Schießscharten nur für die Musketen gemacht sind. Vor einem ordentlich bedeckten Weg würde der Raum allzusehr eingeschränkt sein. Zwischen diesem bedeckten Weg und der Stadt ist der andere Graben, so 12 Ruthen in der Breite und gar kein Wasser hat, dergestalt, daß er zu Gärten gebraucht wird. Er hat gar keine Verteidigungswerke, und können ihm die Türme, weil sie ohne Flanc sind, nicht helfen. Die Stadtmauer ist nur dritthalb Fuß dick und innen herum mit einem hölzernen Gange, der aber ganz verfällt, versehen. Die Schießscharten sind nur für Musketen und die ganze Mauer, so zur Verteidigung der Stadt wenig oder gar nichts beiträgt, innen am Graben etwa 28 Fuß hoch. Die Stadt hat vier Tore und bei jedem einen viereckigen Turm, dessen vorderste Seite 4 Ruthen hat. Man kann etliche Canonen darauf pflanzen, den Graben aber in Ermangelung der Flancs keinesweg davon verteidigen. Außer diesen vier Toren ist noch ein fünftes der abgedachten Höhe, welches die Stadt beschießen kann, gerade gegenüber (Michaels- oder Romäusturm). Auf diesem Turm stehen 2 Geschütze, und weil er höher ist, als der Hügel, so kann man mit den auf dem Turm gepflanzten Canonen jene ganze Höhe bestreichen. Jetzt gedachte Stadt hat den Kaiserlichen jederzeit zu einem Magazin, was sowohl die Lebensmittel, als Kriegsmunition anbelangt, gedient, und stehen noch 60 Stück Geschütze darin, davon aber 20 dem Kaiser gehören.“

(Nach einer Spezifikation vom Januar 1671, befanden sich im hiesigen Zeughaus, 42 große und kleine Stücke, 6 Mörser, 3 Böller, 4 Petarden und 3 Orgeln auf Rädern, wovon die erste 100, die zweite 50 und die dritte 25 Kugeln schoß, 56 Doppelhaken, 150 Musketen, 6104 Kugeln für die Stücke, 9 Zentner Kugeln zu Doppelhaken und Musketen, 30 Tonnen Pulver, 3 Hürden oder 10 Zentner Lunten).

„Alle um die Stadt liegenden Hügel sind nicht gar hoch und an Getreide sehr fruchtbar. Die Besatzung ist gemeinlich von 200 Mann, mit welchen die Bürger die Posten gemeinschaftlich besetzen. Wenn dieser Ort nicht mit einer starken Besatzung versehen ist, kann man sich leicht davon Meister machen und braucht nur 3 bis 4 Stunden um in der schwachen, von keinem anderen verteidigten Werke mit Canonen eine Bresche zu schießen. Ohne den Vorteil, welche die Magazine dieses Platzes geben, fällt es den Kaiserlichen schwer, von Hüningen bis Breisach etwas zu unternehmen, weil die gebirgige Gegend zwischen Freiburg und Villingen, welche Orte zwölf Stunden voneinander liegen, allzu unfruchtbar ist, als sie daraus großen Vorteil und Nutzen ziehen könnten.“

Da man auf den Anfang der achtziger Jahre einen Einfall der Franzosen befürchtete, traf man auch in Villingen die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen. Die Wachen wurden pünktlicher und zwar durch ältere verständige Leute besetzt, Holzvorräte zum Verbauen herbeigeschafft, die Festungsgräben mit Wasser gefüllt, Stecken an der Mauer angebracht. Die Bürgerschaft wurde neu gemustert und einexerziert. Die Leute mußten die Betstunden fleißig besuchen und das Tanzen an öffentlichen Festen wurde abgeschafft.

Auf kaiserlichen Befehl rückten im September 1682 drei neuburgische Kompagnien hier ein, welchen eine aus Triberg folgte. Diese Soldaten übten aber großen Unfug, brachen nachts in die Häuser ein und beunruhigten und beraubten die Bewohner so, daß städtische Streifwachen für Sicherheit sorgen mußten.

Am 10. Dezember 1688 wurde bekannt, daß der französische Kommandant von Straßburg mit starken Truppen, vielen Geschützen und sonstigem Kriegsmaterial gegen Villingen anrückt, und daß auch von Freiburg 1000 Mann in Marsch gesetzt wurden. Der Bürgermeister, der Rat und der Hauptmann des hiesigen Militärs traten zusammen, um zu beraten, welche Maßnahmen zur Verteidigung notwendig sind. Nachmittags um 3 Uhr kamen die ersten feindlichen Reiter von Mönchweiler gegen die Stadt angerückt und ritten durch das Steppach der Altstadt zu, gegen die man gegen Abend einen Kanonenschuß abfeuerte. Inzwischen ist eine weitere Reiterabteilung eingetroffen und hat im Steppach, das man von der Stadt aus mit keiner Kanone bestreichen konnte, sein Nachtlager genommen. In Villingen mußten alle Bürger und Soldaten schwören, daß sie dem Erzhaus Österreich sich mit Gut und Blut beständig erweisen, was am Samstag, den 11. Dezember morgens um 7 Uhr in der Franziskanerkirche geschah, wobei Dekan Dr. Johannes Heinrich Metz eine bewegte Ansprache gehalten hat.

Bald darauf haben die Hochwärter auf dem Münsterturm den Anmarsch weiterer Truppen von Obereschach herkommend, gemeldet und daß sich die hier lagernden Franzosen hinter die Stuck begeben, worauf die Villinger einige Kanonenschüsse auf sie abgegeben haben und gleichzeitig die zwei Mühlen vor dem Niederen Tor und das Gutleuthaus, Bad- und Schützenhäuser in Brand gesetzt haben um dem Feind keinen Unterschlupf zu geben. Alle Gartenzäune wurden herausgerissen und verbrannt, sowie die Nägelinkapelle durchbrochen und zum Einschanzen unbrauchbar gemacht. Gegen Mittag ist Mons. Chamilly in eigener Person vor der Stadt eingetroffen und hat durch einen in die Stadt geschickten Trompeter, zu wissen verlangt, weshalb man sich gegen die französischen Soldaten feindselig zeigt, er aber nichts Widriges vorgenommen habe. Man sollte mit der Beschießung von den Türmen einhalten, sonst müßten für jeden Schuß 5000 Franken bezahlt werden, worüber ihm der Kommandant der Stadt und der Bürgermeister, demselben bedeuteten, daß sie vor der Stadt gebrandschatzt haben und sich mit den Stuck ganz nahe an die Stadt herangemacht haben, weshalb sie zur Verteidigung gezwungen seien. Hierauf antwortete der Trompeter, daß Mons. Chamilly den Kommandanten und Bürgermeister zu sprechen wünsche, ihnen aber geantwortet wurde, daß diesselben sich nicht von ihren Posten wegbringen lassen, man solle aber 2 Offiziere als Geißeln hereinschicken und man 2 Deputierte dagegen herausschicken wolle. Darauf sind 2 Offiziere hereingeritten und wurden in das Gasthaus „Zur Flasche“ in der Rietstraße geführt. Man hat einen der französischen Sprache kundigen Ratsherr und den Stadtschreiber hinausgeschickt. Mons. Chamilly sagte den Deputierten, daß er die Stadt nicht begehre, noch jemand beleidigen wolle; des Königs Interesse aber gebiete es, in die Stadt eine französische Garnison mit etwa 60 Mann zu legen (das wäre ein trojanisches Pferd gewesen), man solle sie nicht daran hindern, noch der kommandierende österreichische Offizier dagegen beschweren und die kaiserliche Garnison in der Stadt mit ihren Freiheiten zu dulden. Falls man aber seinen Wunsch nicht erfülle, sei es des Königs Befehl, die Stadt zu bombardieren und bis auf den Herd zu verbrennen; man solle unverzüglich antworten, ob man in des Königs Begehr einwillige und in des Königs Gnade bleiben wolle, und sonst allen Schaden nicht ersetzen will. Er erhielt die Antwort, daß die unverhoffte und ganz verwunderliche Zumutung in keiner Weise zugemutet werden könnte und sie mit Gut und Blut die Stadt verteidigen werden.

Sobald nun diese Antwort überbracht wurde, hat derselbe alle Wachen, die auf den Bergen aufgestellt waren, aufgehoben und sich mit seinen Truppen, den Weg wo sie herkamen zurückgezogen, wo sie die Nacht in Peterzell und St. Georgen kampierten.

In der Chronik von Berger steht, daß General Chamilly mit dem Kommandanten eine Wette gemacht habe, daß er Villingen mit wenig Mannschaft einnehmen würde, deshalb ist er mit wenig Truppen und Geschützen nach Villingen marschiert und konnte eine Belagerung nicht riskieren.

Wenn auch die Stadt anschließend einige Zeit Ruhe hatte, so hatte sie und die umliegenden Gemeinden unter den nicht enden wollenden Truppendurchzügen zu leiden, wobei die Stadt die Verpflegung übernehmen mußte. Der kurbayrische Generalwachtmeister Baron v. Seyboldsdorf nahm am 27. Januar 1689 mit seinem ganzen Regiment hier Quartier, und verlangte neben dem Unterhalt der Pferde, den Offizieren eine Freitafel und die gemeinen Soldaten zwölf Tage lang mit Brot, Fleisch, Wein und anderen Lebensmitteln zu verpflegen, worüber 3000 Gulden draufgingen. Außerdem hatte die Stadt für die auf dem Wald stehenden kurbayrischen Truppen Backöfen und das nötige Brennmaterial, sowie das Mehl zu stellen. Aus dem Zeughaus der Stadt mußten die Mannschaften auf den Pässen, die wieder besetzt wurden, weil das Gerücht umging, die Franzosen wollen wieder in den Schwarzwald einbrechen und Villingen angreifen, mit Lunten, Kugeln und Pulver versehen werden.

Da es der Stadt an Munition mangelte, mußte sie gegen Kredit solches von Schaffhausen besorgen. Ende des Jahres 1689 wurde ein sächsisches Bataillon, meist kranker halbverhungerter Soldaten in die Stadt gelegt. Generalwachtmeister Tori hatte sein Quartier in der Gastherberge „Zum Hecht“ in der Oberen Straße und führte ein hartes Regiment. Einmal hat er den Villinger Schreiner Glyckherr zu sich gerufen und ihm den Auftrag gegeben, eine Bettstelle, nach von ihm angegebenem Maß zu machen. Als der Schreiner dieses überbracht hat, hat dasselbe dem General nicht gefallen und eine Änderung verlangt, welche diesem wieder nicht gefiel. Als der Schreiner darauf hinwies, daß er die Arbeit nach dem angegebenen Maß gemacht hat, griff dieser nach seinem Stock, um ihn zu verprügeln. Der Schreiner war aber schneller und hat den General an die Wand gedrückt und ist in sein Haus fortgerannt, das er verschloß. Der General hat daraufhin seine Pistole geladen und ist mit seinem Kammerdiener vor des Schreiners Haus gelaufen, in der Absicht, ihn zu erschießen, einige herbeigelaufene bewaffnete Bürger konnten aber das verhindern. Einmal ist durch seine Veranlassung ein Brand entstanden, worauf die erbitterten Bürger den General ins Feuer werfen wollten. Er ist dem nur entgangen, weil er im Morgenmantel zu den Johannitern floh. Die Leute, die ihn bedrohten wurden vier Wochen in den Turm gesteckt. 1692 befand sich Oberst Bürklin mit seiner Garnison in unserer Stadt und wurde 1693 an die Schwarzwaldpässe abkommandiert. Den Sommer über hielt sich General Stadel hier auf, und um ihn in Stimmung zu halten, beschloß der Rat der Stadt, ihm 1 Faß Neckarwein, zwei Hammel und zwei Kälber zu spendieren.

Die bayrische Armee, die sich einige Zeit in der Stadt und Umgebung aufhielt, zog Mitte November wieder ab. Die Bürger aber mußten mit 120 Pferden dessen Artillerie bis nach Rottenburg und Horb fahren, bei welchem Zug viele Pferde vor Hunger krepierten und der Stadt nochmals Kosten von 100 Talern entstanden.

Anmerkung:

1) Roder, „Villingen in den französischen Kriegen“ in Band IV des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar (1882) S.72 – 212.