BLUME-POST ein Begriff der Gastlichkeit im alten Villingen (Uta Baumann)

Wer unter den alten Villingern erinnert sich nicht gern an das Hotel BLUME-POST, das über vier Jahrhunderte lang in bevorzugter Lage am Marktplatz der Stadt Villingen gelegen war! Hier trafen sich die Villinger Geschäftsleute am Stammtisch, hier war das Haus für Familienfeiern von der Taufe über die Hochzeiten bis zum Leichenschmaus, hier wurde Stadtpolitik gemacht und hier verkehrten fremde Handelsleute und später die Vertreter der Industrie; und jeder konnte sich in der ‚Blume‘ wohlfühlen.

Die ersten Aufzeichnungen über einen Gasthof ,ZUR BLUME‘ differieren zwischen 1504 und 1527 1). Vorher soll die ‚Blume‘ eine Herberge des Klosters Tennenbach gewesen sein. Unter dem damaligen Gasthof ‚Blume‘ darf man aber nur ein kleines Eckhaus an der Niederen Straße und Bickenstraße verstehen; wie das Haus ausgesehen hat, ist nicht überliefert oder durch Bilder dokumentiert, doch darf man annehmen, daß es sich dem Baustil der Häuser in den vier Hauptstraßen mit maximal drei Stockwerken und einer klaren Fensterfront angepaßt hat. Der erste Wirt, der namentlich bekannt ist, wird 1602 mit Hans Mayer genannt, ihm folgte 1659 ein Balthasar Schmidt.

Von diesen beiden Wirten sind nur die Namen bekannt, über die Führung des Gasthofs und die Gründe des Besitzerwechsels weiß man nichts. Erst mit dem Jahr 1726 kommt Licht in das Dunkel der Vergangenheit, als der kleine Gasthof ‚Blume‘ an Bürgermeister Ganser verkauft wurde, der ihn bereits drei Jahre später, 1729, dem Mann seiner Tochter Caecilia, einem Johann Georg Grechteler (auch unter Grechtler genannt) überschrieb. Dieser Grechteler muß ein cleverer Kaufmann gewesen sein. Hieß es doch auf einer Wandtafel, die früher in der Eingangshalle der ‚Blume‘ über die Geschichte des Hauses berichtete 2) „Bedingt durch seine (Grechtelers) außerordentlichen Fähigkeiten als Proviantaufkäufer für die österreichische Armee am Oberrhein und in den Niederlanden wurde er nach Wien an den Hof als Proviantkommissar für die Armee berufen.“ Kein Wunder, daß der zum österreichischen Beamten avancierte Mann, nachdem er Villingen verlassen hatte, die ‚Blume‘ 1755 an Johann Baptist Ummenhofer verkaufte. Die neue Aera dauerte aber wieder nur wenige Jahre, denn bereits 1764 tritt der Posthalter und Sonnenwirt Borgias Cammerer als Käufer auf. Offensichtlich beabsichtigte er, die ‚Blume‘ einer seiner zahlreichen Töchter als Mitgift und Existenzgründung zu geben. Eine dieser Töchter, Maria Josepha Cammerer, galt 1764 als Wirtin zur ‚Blume‘. Im selben Jahr war die Hochzeit des Küfergesellen Franz Joseph Dold von Rohrbach im Schwarzwald mit Josepha Cammerer und der Sonnenwirt, der bislang Besitzer der ‚Blume‘ war, überschrieb den Gasthof seinem Schwiegersohn, der fortan Eigentümer war. Das Glück der jungen Dold-Familie im Gasthof ‚Blume‘ dauerte aber nicht lange; Franz Joseph Dold starb bereits im Jahre 1778 im Alter von 35 Jahren. Man kann sich leicht vorstellen, wie schwer es die Witwe mit sechs Kindern gehabt haben muß, den gastronomischen Anforderungen gerecht zu werden und trotzdem ihre Familie nicht zu vernachlässigen. Wie sehr sie aber von ihrer eigenen Schwester Magdalena Handtmann, geborene Cammerer, vernachlässigt wurde, zeigt eine Bemerkung in den „Elterlichen und eigenen Erinnerungen“ von Heinrich Dold 3), worin steht: „Als Curiosum führe ich an, daß Frau Syndicus Handtmann mit ihrer Schwester Blumenwirtin nie intim verkehrt haben soll. So groß waren zu jener Zeit die Standesunterschiede, daß Frau Handtmann sich zu den Patriziern zählte und die Schwester Blumenwirtin als zum Volk gehörend ansah.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Sie (die beiden Schwestern) liebten sich nicht, sondern das Gegenteil.“

Wie glücklich mag die Blumenwirtin gewesen sein, als ihr Sohn Franz Xaver 1797 den Gasthof ,Zur Blume‘ übernahm und im selben Jahr noch die Tochter des Bürgermeisters und Wilden-Mann-Wirts Ignaz Maier heiratete. Unter der Führung von Franz Xaver Dold und seiner tüchtigen Frau Walburga hat sich die ‚Blume‘ zu einem der meist besuchten und beliebtesten Gasthäuser in Villingen entwickelt. Dennoch muß es sehr ländlich zugegangen sein; so hat der Blumenwirt, der seinen kleinen Enkelsohn Seppe – Nazi (Joseph Ignaz Ummenhofer) närrisch geliebt haben soll, ihm nicht verboten, in der Wirtschaft mit seiner Kinderpeitsche auf die Gäste dreinzuschlagen4). Diese kleine familiäre Begebenheit zeigt uns, wie einfach der Betrieb einer Wirtschaft abgelaufen ist und daß eben die Wirtsstube gleichzeitig Wohnstube der Familie und Mittelpunkt des Familienlebens war. Franz Xaver Dold starb schon mit 50 Jahren, als er 1827 seinen Sohn Qualbert in eine Tuchmacherstelle in Weil der Stadt brachte und auf dem Heimweg in der Eschach bei Horgen mit seinem Pferd ertrank.

„Die Villinger hatten der ‚Blume‘ nach dem Tod von Franz Xaver Dold den Untergang prophezeit. Das Gegenteil aber war der Fall“ 3).

Die Witwe Walburga Dold, geb. Mayer, rührte den Gasthof allein weiter. Sie rief ihren ältesten Sohn für einige Jahre aus der Fremde zurück, wo er als Kaufmann gearbeitet hatte, und er war seiner Mutter eine gute Hilfe. Nachfolger wurde aber, wie es in Villingen und auch im Schwarzwald üblich war, der jüngste Sohn Johann Baptist. Als Walburga Dold 1839 starb, übernahm er die ‚Blume‘.

Blume-Post um die Jahrhundertwende.

Johann Baptist Dold war ein tüchtiger, unternehmungslustiger Geschäftsmann und erkannte, daß der Gasthof ‚Blume‘ sich nur entwickeln konnte, wenn der Betrieb vergrößert würde. Durch Zukauf des Nachbarhauses „Zum Schwarzen Adler“ in der Niederen Straße wird das Anwesen großzügig erweitert. Es hat nun sowohl von der Niederen Straße wie von der Bickenstraße einen Eingang und bietet in den oberen Geschossen Platz für eine größere Anzahl Fremdenzimmer sowie für einen Festsaal. Im Adreßbuch von 1884 steht der Blumenwirt Dold unter der Hausnummer 316 mit Eingang Niedere Straße. Dagegen weist das Adreßbuch von 1902 für die ‚Blume-Post‘ zwei Hausnummern auf: Florian Johs, Hausnummer 309 an der Niederen Straße und Florian Johs, Hausnummer 308 an der Bickenstraße. Das Haus ,Zur Blume‘ hatte sich durch die Erweiterung an der Niederen Straße und durch Zukauf des Nachbargrundstücks mit Hofeinfahrt an der Bickenstraße so arrondiert, daß es sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem für damalige Begriffe großzügigen Hotel entwickeln konnte. Nach Schließung des Gasthofs „Sonne“ wurde die Poststallmeisterei etwa 1845 auf die ‚Blume‘ übertragen. Von nun an heißt der Gasthof ‚BLUME-POST‘. In der kommenden Zeit zeichnet sich das Gästeverzeichnis durch hohe Namen aus. So wohnte 1845 Fürst Metternich hier, 1850 war der Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I. in der ,Blume-Post‘ zu Gast, wobei er zum Empfang von einem weißgekleideten Mädchen, der späteren Frau Osiander, mit Blumen empfangen wurde. Auch der Großherzog von Baden und seine Frau logierten 1858 in der ‚Blume-Post‘. Alljährlich fanden Maskenbälle und Konzerte in der ,Blume-Post‘ statt; damals gab es ja in Villingen noch keine Festhalle!

1891 stirbt der Blumenwirt Johann Baptist Dold und schon im nächsten Jahr folgt ihm sein Sohn Gustav Adolf im Tode nach. Damit endigte die über ein Jahrhundert lange Familientradition der Dolds ,zur Blume“). Das ganze Anwesen wird für 160.000 Mark an den Kaufmann Florian Johs verkauft. Dieser baute das Haus 1904 um und modernisierte es. Die Inserate in den Tageszeitungen und den Villinger Prospekten nennen als besondere Neuerung die Zentralheizung und das elektrische Licht! Der Umbau im Jugendstil wurde von Architekt Carl Naegele geplant und war für die Jahrhundertwende eine große Errungenschaft. Die Fassade des Hauses wurde reich verziert und an der Ecke Bicken- und Niedere Straße entstand ein Turm, der in seiner Höhe durchaus den Villinger Stadttoren Konkurrenz machen konnte.

Als Neuerung ließ Florian Johs im Erdgeschoß Einzelhandelsgeschäfte einbauen. Es gab da den Friseur Erb und das Blumengeschäft Böhning, zwei Branchen, die den Hotelbetrieb nur bereichern konnten. Schon vor 1900 wurde in der Niederen Straße neben dem Restaurant eine Konditorei eingerichtet, die von Conditor Sapel aus Königsfeld bestens betrieben wurde und ebenfalls dem Hotelbetrieb zugute kam.

Werbeanzeige um 1910

Wohl durch die schweren Inflationsjahre bedingt zeigten die Söhne von Florian Johs kein Interesse zur Übernahme des Hauses ‚Blume-Post‘ und so wird es 1927 an Konditormeister Markus Späth aus Urloffen im Renchtal verkauft. Auch er setzt die Tradition des Hauses fort und ist vor allem als guter Küchenmeister und Weinkenner bekannt. Die Postkutschen stehen zwar längst nicht mehr vor der ‚Blume-Post‘, wer aber Ende der Zwanzigerjahre das Verkehrsflugzeug der Linie Mannheim – Konstanz oder der Linie Stuttgart – Freiburg benützen wollte, wurde in der Eingangshalle der ,Blume-Post‘ empfangen und mit Taxi zum Flugplatz gebracht.

Joh. Georg Grechteler (1729 – 1755); Franz Josef Dold (1760 – 1797)

Das Restaurant im Erdgeschoß blieb aber das Wirtshaus der Villinger und hier am Stammtisch mag manches politische Problem besprochen worden sein. Viele alte Villinger werden sich noch gerne an den Kellner Karle aus Tuttlingen erinnern, der seinen Stammgästen so restlos vertrauen konnte, daß er sagte: „Zahl morge“, wenn gerade viel Betrieb mit den fremden Gästen war und er keine Zeit zum Rechnen hatte!

1944 übernimmt Eduard Bernhard aus Berlin das Anwesen. Er führt es über die schwierige Kriegszeit und die Periode totaler Beschlagnahme mit viel Fleiß und Umsicht und unter den allergrößten Schwierigkeiten bis zum Jahr 1952. Dann erwirbt die Rhein-Main-Bank das Haus und baut im Erdgeschoß an der Niederen Straße eine Filiale ein. Das Hotel wird durch Geschäftsführer, die von der Rhein-Main-Bank bestellt wurden, weiter betrieben, bis es am 1. Januar 1957 vom bisherigen Hotelier vom „Deutschen Kaiser“, allen bekannt unter dem Namen Erwin Kaiser, gekauft wird. Mit ihm übernahm ein Gastronom par excellence das Haus, verstand er es doch treffend, die Tradition des Hauses den Gästen zu übermitteln und gleichzeitig das Interieur des Hauses zu verbessern, denn in jeder Generation waren, bedingt durch die, technischen Neuerungen, Sanierungsarbeiten nötig.

Franz Xaver Dold (1797 – 1827); Walpurga Dold (1827 – 1839); Joh. Baptist Dold (1839 – 1886); Gustav Adolf Dold (1886 – 1892)

 

Florian Johs (1894 – 1927); Markus Späth (1927 – 1942); Eduard Bernhard (1944 – 1952); Erwin Kaiser (1957 – 1986)

Es war ein großer Verlust für die Villinger Gastronomie, als Erwin Kaiser 1968 altershalber den Hotelbetrieb aufgeben mußte und das ganze Anwesen an einen Kaufhauskonzern veräußerte. An die Stelle des stattlichen Hotels wurde ein Warenhaus gebaut. Alle Verordnungen vom Planungsamt und Baurechtsamt wurden eingehalten, um wieder ein Gebäude entstehen zu lassen, das in die historische Innenstadt passen sollte. Was daraus geworden ist, kann nur als ein seelenloser Kasernenbau angesehen werden. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, daß ohne den guten Willen der Bauherrschaft und einer überzeugenden Architektur kein Haus abgerissen und wieder in einem alten Baustil aufgebaut werden kann. Es fehlt ihm der Geist, der es einstens schuf.

Ein Blick in die Poststube in den 60er Jahren.

 

So ist die ,Blume-Post‘, die 440 Jahre lang ein attraktiver Mittelpunkt des Villinger Stadtgeschehens war, ein Stück Vergangenheit und läßt sich nicht mehr zurückholen. Aber im Gedächtnis der Villinger Bevölkerung möge sie weiterleben!

Literatur:

1) Eugen Bode in Heft XVI des Geschichts- und Heimatvereins, S.26 „Villinger Gasthäuser bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts“ und Erwin Kaiser: Geschichtlicher Überblick über das Hotel Blume-Post.

2) Erwin Kaiser: Wandtafel: Geschichtliches über die Blume-Post.

3) Heinrich Dold: Elterliche und eigene Erinnerungen, S.3 (1898).

4) Ebenda, S.21.

5) Karl Dold: Deutsches Geschlechterbuch, 3. Badischer Band, 1955, S. 146 -157, (aus diesem Buch sind die Jahreszahlen der Eigentümer der Blume-Post von 1776 – 1892 entnommen).