Die unfreiwillige Trennung der Stadt Villingen vom Haus Österreich (Hermann Preiser)

und der Übergang an den Herzog von Modena und danach an das Großherzogtum Baden

Fast 500 Jahre lang (von 1326 bis 1805) war Villingen unter Habsburger Herrschaft und gehörte zu den österreichischen Vorlanden. Durch das politische Ränkespiel an den Herrscherhöfen Europas wurden alte Bindungen zerschlagen und neue geschaffen. Wie sich diese Politik für die Stadt Villingen auswirkte, wird im folgenden Bericht geschildert.

Habsburg verliert seine Länder in Italien

Durch den Frieden von Aachen im Jahre 1748 kam Österreich in den Besitz der Lombardei und der Toskana ‚). Diese Tatsache ermunterte die Habsburger zu weiterem Landgewinn in Italien. Eine Gelegenheit hierzu bot sich an: Herkules III., Großherzog von Modena, hatte nur eine Tochter; obwohl diese zuerst dem Herzog von Parma versprochen war, gelang es den Österreichern, den Herzog umzustimmen und so wurde diese Tochter mit Erzherzog Ferdinand, einem Sohn von Maria Theresia, vermählt. Die Hochzeit fand am 18. Oktober 1771 in Mailand statt. Durch das zu erwartende Erbe war eine Verbindung zwischen der Lombardei und der Toskana über das Herzogtum Modena gesichert. Treu dem sprichwörtlichen Grundsatz der Österreicher „Bella gerant alii, tu, felix Austria, nube“ (zu deutsch: Mögen die andern Kriege führen, Du, glückliches Österreich, heirate), glaubten die Habsburger, einen geschickten Schachzug gemacht zu haben; aber weit gefehlt! Denn als der Breisgau durch kriegerische Verwicklungen hin und her geworfen wurde, griff der Krieg auch nach Italien über und General Bonaparte überrannte in einem Siegeszug ohnegleichen die österreichische Armee in Italien 2).

Frankreich betrachtete sich wegen des österreichischen Thronfolgers auch mit Modena im Kriegszustand. Napoleon schloß zwar einen Waffenstillstand mit dem Herzogtum Modena; als aber die geforderten Tributionen nicht rechtzeitig abgeliefert wurden, vereinigte er dieses Herzogtum mit der Cisalpinischen Republik. Nachdem Napoleon bis nach Klagenfurt vorgedrungen war, schloß er am 18.4.1797 den Vorfrieden von Leoben (Steiermark), in dem Österreich die Lombardei verlor 3).

Der Übergang von Villingen an den Herzog von Modena

Nach den Kriegswirren zwischen Frankreich und Habsburg wollte Napoleon zwar den Großherzog Herkules mit einem anderen Land entschädigen, doch suchte er unter allen Umständen die Habsburger — und damit auch Herkules, den Schwiegervater des österreichischen Erzherzogs — aus Italien zu entfernen. Er soll sogar daran gedacht haben, Herkules nach Deutschland zu verpflanzen. Anfangs war noch von schwäbischen Besitzungen die Rede 4); aber Napoleon schlug auf Empfehlung seiner Berater den Breisgau vor 5). Herkules wehrte sich aber mit aller Gewalt dagegen, war doch die Entschädigung für sein verlorenes Herzogtum viel zu gering und die Einkünfte aus diesem kleinen Landstrich viel zu klein; er sah auch in Freiburg keine würdige Residenz. Das zugeteilte Gebiet (Breisgau) zähle nur 150.800 Personen gegenüber 380.000 Seelen des sonst verloren gehenden Herzogtum. Der Tausch hätte auch eine Million weniger Einkünfte gebracht 6).

 

 

Es verbreitete sich damals das Gerücht, daß Herkules den Breisgau um 6 Millionen an den Markgrafen von Baden abtreten wolle. Freiherr von Reitzenstein, der Beauftragte des Markgrafen, hatte dabei die Hand im Spiel7). Schließlich aber mußte Herkules notgedrungen den Willen Napoleons akzeptieren, den Breisgau zu übernehmen, der damit aus dem österreichischen Staatenverband gelöst wurde.

Kaiser Franz von Österreich nahm daraufhin am 16. Februar 1803 mit wehmütigen Worten Abschied von der Bevölkerung seines uralten Stammlandes 8). Auch der vorderösterreichische Landeskommissar von Greifenegg verabschiedete sich am 2. März 1803 mit rührenden Worten von den Menschen des ihm bisher unterstellten Landes 9). Erzherzog Ferdinand von Österreich verkündete ebenfalls am 2. März 1803 die Übernahme des Breisgau und der Ortenau durch seinen Schwiegervater Herkules 10) und bat seine bisher vorderösterreichischen Landsleute, jene Treue und Liebe, die bisher dem regierenden Haus Habsburg gegolten hatte, in Zukunft dem neuen Besitzer zu schenken 11).

Der Übergang an den neuen Herrn wurde von der Bevölkerung nur mit Widerwillen aufgenommen. So schrieb der junge v. Rotteck zu Freiburg an seinen Freund: „Wir sind also jetzt modenesisch; so weit hat es die Liebe der Breisgauer zu ihrem Landesherren und ihre Treue und Tapferkeit gebracht, daß sie gleich einer Schafherde an einen bankerotten Italiener verhandelt wurden. Landesväter, Völkerglück, Nationalwillen, Menschenrechte — leere Worte. Wenn Länder verwüstet werden, Städte niedergebrannt und Völker verarmen, wer denkt da an eine Entschädigung. Wenn aber ein 70jähriger Rou in Gefahr steht, ohne Hof leben zu müssen, da wird sogleich die politische Waage hervorgeholt, um ihm Länder und Menschen nach dem Gewichte zuzuteilen“. Ein anderer Zeitgenosse schildert die Wirkung dieses Ereignisses: „Stadt und Land, wie vom Donnerschlag getroffen, erstaunten über das noch unverbürgte Gerücht, daß sie aufhören sollen, Österreicher zu sein! Lange fand es keinen Glauben und die bloße Furcht der Möglichkeit bewirkte Schrecken.
Beim Ausbruch des überwältigenden Schmerzes ruft man den unseeligen Krieg zurück oder steht wie versteinert und flucht den ertragenen Leiden und verschwendeten Opfern…..“ 12) .

Die Villinger sandten Herzog Herkules eine Ergebenheitsadresse, für welche dieser in italienischer Sprache dankte 13). Herkules sprach kein Wort deutsch; er hatte sich in Treviso niedergelassen und hatte niemals Freiburg oder Villingen betreten. Die Regierungsgeschäfte überließ er seinem Schwiegersohn Herzog Ferdinand, welcher diese dem früheren vorderösterreichischen Landeskommissar v. Greifenegg übertrug.

Am 13. Oktober 1803 starb Herzog Herkules; darauf wurde in Villingen ein 6-wöchiges Trauergeläute angeordnet und während dieser Zeit wurden alle Lustbarkeiten verboten 14).

Die Erbfolge trat der Schwiegersohn von Herkules, der österreichische Erzherzog Ferdinand an, der ein Bruder des damaligen Kaisers war. Damit war auch Villingen — allerdings nur für ganz kurze Zeit — ein Glied des Erzhauses. Die alten, glücklichen Beziehungen zu Wien lebten aber nicht mehr auf 15).

Villingen wird kurze Zeit württembergisch 16)

Nachdem Napoleon am 2. Dezember 1805 die berühmte Kaiserschlacht bei Austerlitz gewonnen hatte, kam in dem darauffolgenden Preßburger Frieden der Breisgau und die Ortenau an den Markgrafen von Baden. Villingen, Bräunlingen und Bonndorf waren darin nicht eingeschlossen, weil der Herzog von Württemberg, der sein Gebiet vergrößern wollte, die Städte für sich beanspruchte. In dem vorausgegangenen „Brünner Vertrag“ behauptete der Herzog, Villingen sei nur eine württembergische Enklave. Dies war niemals der Fall und die Behauptung war nur möglich, weil die französischen Unterhändler weder ortskundig waren noch größere Landkarten zur Hand hatten.

Gleich am 4. Januar 1806 kam der württembergische Hofrat Spittler mit 55 Dragonern und 120 Mann Infanterie, die zwei Kanonen mit brennender Lunte mit sich führten, und nahmen von der Stadt Besitz. Das Militär wurde in das aufgehobene Franziskanerkloster gelegt 17).

Die Villinger nahmen mit gemischten Gefühlen die Nachricht auf, daß sie aus dem österreichischen Staatsverband gelöst werden und einen protestantischen Herrscher als neuen Herrn erhalten sollten; doch sie mußten zu diesem bösen Spiel gute Miene machen. Die feierliche Übergabe der Stadt an Württemberg erfolgte am 30. Mai 1806 mit einem großen Programm. Nur widerwillig bemühten sich die Einwohner, einen guten Eindruck zu machen; sie empfingen die württembergische Kommission mit der zum Teil berittenen Bürgerschaft beim sogenannten „Stumpen“ (Anhöhe zwischen Nordstetten und Kappel). Am Oberen Tor war eine Ehrenpforte errichtet und hier hatten 150 Mann Bürgermilitär bei türkischer Musik zusammen mit dem Stadthauptmann Aufstellung genommen. Die Bürger und Schulkinder bildeten Spalier. Ihnen schlossen sich die Vögte und Untervögte der Dependenzorte an. Der Magistrat und das städtische Dienstpersonal hatten sich im Rathaus versammelt, wo der Übergabeakt durch Baron von Reischach und den französischen General Pririon unterzeichnet wurde.

Die kurze Zugehörigkeit Villingens zu Württemberg war für die Bevölkerung eine schlimme Zeit. Die Besatzung holte, wohl im Zweifel darüber, daß Württemberg sich eine längere Zeit des Besitzes der Stadt erfreuen dürfte, aus den Villinger Klöstern alles, was zu holen war. Die Schlüssel zum Stadtarchiv im Münsterturm mußten ihnen ausgehändigt werden und die im Archiv aufbewahrten Silberstücke des aufgelösten Franziskanerklosters, u. a. vier Kelche und viele Meßkännchen wurden weggenommen. Bei den Kapuzinern und im Kloster der Ursulinen wurde alles, was von Wert war, entwendet. Besonders schlimm hat der württembergische Amtmann Ditzinger im Benediktinerkloster gewütet. Vor das Klosterportal ließ er eine Wache stellen und beschlagnahmte sämtliches Klostereigentum. Das Bargeld von 2.282 Gulden sowie die ausgeliehenen Kapitalien wurden eingezogen. Die meisten Kirchengeräte, dar unter zwei goldene Kelche wurden mitgenommen und aus dem Tabernakel die Monstranz entfernt. Die wertvollen goldbestickten Kirchengewänder wurden vereinnahmt und die echten Perlen aus den Reliquien der Kirche abgenommen. Außerdem beanspruchten die Besatzungstruppen die Betten und das Weißzeug sowie die Fahrnisse wie Chaisen, Wagen, Karren und Pferdegeschirr. Die Kühe wurden nach Rottweil getrieben und die Pferde für eigene Zwecke verwendet. Der Keller wurde geöffnet und mit dem besseren, für Kranke bestimmten Wein ein Saufgelage abgehalten. Der weitere im Keller lagernde Wein wurde, was besonders verwerflich war, während eines Gottesdienstes im Kirchenraum versteigert.

Die Grundstücke des Klosters wurden an altwürttembergische Orte verkauft. Professor Roder 18) schätzt den Wert des mitgenommenen und versteigerten Gutes auf 191.800 Gulden.

Zum Beispiel:

Bargeld 2.282 Gulden

Kapitalien zu 5 % Zins 58.932 Gulden

Kapitalien zu 4 % Zins 43.895 Gulden

Kapitalien zu 3 % Zins 10.000 Gulden

Kirchengerät und anderes Silber 6.577 Gulden

Kupfer-, Messing- und Zinngeschirr 1.189 Gulden

Speise- und Trinkgeschirr 296 Gulden

Wein 8.751 Gulden

Fässer und Lager 1.483 Gulden

Früchte 4.874 Gulden

Pferde, Hornvieh und Wagen 2.730 Gulden

Betten und Weißzeug 1.857 Gulden

Schreinwerk 818 Gulden

Gemälde und Tafeln 1.038 Gulden

Theatergarderobe 1.200 Gulden

Verschiedener Hausrat 126 Gulden

Alles, was nicht versteigert wurde, hatte man in größter Eile in einer Nacht- und Nebelaktion weggeführt, denn schon einige Tage zuvor hatten die Württemberger erfahren, daß sich die süddeutschen Staaten unter dem Protektorat von Napoleon zusammengeschlossen hatten und nach Artikel 14 des Rheinbundvertrages Villingen dem neu geschaffenen Großherzogtum Baden einverleibt werden sollte, was die Württemberger verheimlicht hatten und was man deshalb in Villingen erst verspätet erfuhr 19). Das Benediktinerkloster wurde am 8. Juni 1806 aufgelöst, doch durften die Mönche ihre Schule noch einige Zeit lang weiter behalten.

Der Übergang an das Großherzogtum Baden Es ist kaum zu beschreiben, wie die Villinger aufgeatmet haben, als sie erfuhren, daß sie wieder von Württemberg getrennt würden und den badischen Großherzog als neuen Herrn erhalten sollten.

Für die an Baden fallenden Gebiete Villingen, Bräunlingen und die Grafschaft Bonndorf wurde der großherzogliche Kommissar v. Drais eingesetzt. Am 12. September 1806 wurde nach ausgewechselten Vollmachten zwischen dem französischen General Monard (der Breisgau war noch von den Franzosen besetzt) und Geheimrat v. Drais fesgelegt, daß die genannten an Baden fallenden Orte in ein und demselben Akt in Villingen übergeben werden sollten. Der badische Kommissar v. Drais, der schon einen Tag vor der Besitznahme Villingens in der Stadt eintraf, wurde mit größter Freude empfangen und konnte nicht genug schildern, mit welchem Enthusiasmus sie den Repräsentanten ihres langersehnten Souverains empfingen.

An der Grenze des Villinger Stadtbanns wurde v. Drais von einer Magistratsdeputation begrüßt. Die bürgerliche kleine Kavallerie stellte sich als Eskorte vor seinen Wagen. Zum Vorreiten hatte sich der Postmeister mit seinen vier Postillonen eingefunden. Am Niederen Tor vermehrte das Villinger Bürgermilitär die Wagen-Eskorte. Die gesamte Geistlichkeit und die Bürgerschaft mit dem Bürgermeister an der Spitze kamen dem Wagen entgegen 20). So wurde der großherzogliche Vertreter in langem Zuge unter Abfeuerung des Stadtgeschützes wie in einem Triumpfzug in das Gebäude der Benediktinerabtei, wo ihm sein Absteigequartier bereitet war, begleitet. Alsdann wurde von der Hofkommission beim Magistrat statistisches Material gesammelt. Diese Statistik oder Inventur wurde wahrscheinlich schon bei der Übergabe Villingens an Württemberg zusammengestellt, denn sie enthält noch das Vermögen der von den Württembergern aufgehobenen Klöster. Die Stadt und die sieben Dependenzorte hatten nach der Zählung von 1806 folgende Einwohnerzahlen:

Villingen    2769

Klengen        338

Marbach    208

Rietheim    171

Grüningen    191

Pfaffenweiler     253

Überauchen    184

Unterkirnach     675

Im ganzen zählte damals (1806) die Stadt mit ihren Dependenzorten 4780 Bewohner, 1917 Häuser und 1000 Familien.

Die Einkommen teilten sich folgendermaßen auf:

1) Einkommen der Stadt (herrschaftliches):

a) Zoll und Konfiskationen nebst Rekognitionszins (1 Zollbereiter und 10 Unterzoller). Auf Villinger Gemarkung jährlich etwa 4000 Gulden. Die Stadt bezieht neben diesem Herrschaftsgeld jährlich 800 Gulden durch Verpachtung lt. Sök-kelamtsrechnung.

b) Umgeld, teils an die Wirte verpachtet, teils durch Abstich und Petschierung der Fässer eingezogen, 200 Gulden.

c) Salzgelder: Das Salz wird von Freiburg über Schaffhausen an den hier angestellten Einnehmer abgeliefert und von demselben zu einem ihm vorgeschriebenen Preis verkauft. Der Erlös wird nach Freiburg eingeschickt. Nun kann der Salzfaktor Mathäus Willmann jung kein Salz mehr von Freiburg bekommen. Er will es von Sulz beziehen. Der Ertrag bei 1020 Familien zu 20 Kronen beläuft sich auf 340 Gulden.

d) Stempelpapier wird von Freiburg hierher geschickt und beträgt jährlich 50 Gulden.

e) Einkommen aus dem 1792 aufgehobenen Minoritenkloster: (Sekretär Handmann) Es hat ein großes Klostergebäude mit einer nicht mehr benützten Kirche, 14 Jauchert Äcker und 1/2 Jauchert Garten. Die jährlichen Reve-nüen belaufen sich an Geld und Früchten auf 1942 Gulden 27 Kronen nach Abzug der Lasten und angewiesenen Besoldungen mit 424; bares Geld wurde gefunden und in Despositen 101 Gulden 27 Kronen. Ausstände sind vorhanden 1787 Gulden 50 Kronen. An Kirchensilber und Inventarstücken sind vorhanden 1630 Gulden und 30 Kronen, zusammen 1942,3 Gulden.

2) Klösterliche Einkommen:

a) Benediktinerkloster St. Georgen mit 1 Abt und 25 Konventualen, wovon 17 präsent und 9 auf Pfarreien exponiert sind.

Güter: Ackerfeld 57 Jauchert, Wiesen 21 Jauchert, Waldungen 1500 Jauchert. Einkünfte an Geld und Naturalien: 22041 Gulden nach Abzug verschiedener Lasten von 613 Gulden. Das Kloster besitzt die Orte Ingoldingen und Degernau in der Landschaft Altdorf, welche 3623 Gulden abwerfen, Tinten-hofen und Herbetzhofen bei Ehingen mit dem Ertrag von 1500 Gulden, Grüningen mit 997 Gulden, Beckhofen (unter fürstenbergischer Hoheit gestandene Höfe) gibt 695 Gulden, Rittergut Neckarburg 766 Gulden, Seyerhof 555 Gulden, Bubenholz 306 Gulden. Ferner Lehenshöfe in Villingen, Grüningen, Klengen, Marbach, Obereschach, Neuhausen, Weigheim, in den fürstenbergischen Orten Rippoldsau (330 Gulden); Kirchdorf, Hochemmingen; im Tribergischen Schönenbach und Furt-wangen; in den Rottweilischen Orten Sinkingen, Weilersbach, Mühlhausen und Niedereschach. Aktivkapitalien 113.007 Gulden, Passiva 110 Gulden. Wir sehen aus dieser Bestandsaufnahme, daß das Kloster sehr reich war.

b) Das Kapuzinerkloster mit 6 Patres und 2 Fratres hat außer der Kirche und einem kleinen Garten nichts an Gütern und Einkünften, da die Kapuziner allein vom Bettel bzw. von Almosen leben.

c) Das Ursulinenkloster ist mit einer Superiorin, 13 Frauen, 3 Schwestern und einer Novizin besetzt. Das Kloster hat zwei Gebäude, 185 Jauchert Güter. Einkünfte an Geld und Naturalien 2269 Gulden. Aktiva hat das Kloster keine, aber 2380 Gulden Schulden.

Die gesamten Einkünfte der Stadt betragen 21.700 Gulden, die Ausgaben jährlich 21.628 Gulden, darunter sind Besoldungen mit 8.675 Gulden. Liegenschaften der Stadt: 47 3/4 Mannsmahd Wiesen (1 Mannsmahd ist 1 Jauchert), 30 Jauchert Ackerfeld, = Bürger-Almend, 5.940 Jauchert Gemeindewaldung, einen Bauernhof in Einstetten (Nordstetten), einen in der Kirnach und in Klengen.

Die Dependenzorte haben folgende Liegenschaften:

Marbach 81 Jauchert Gemeindewald und 376 Jauchert Almend, Klengen 34 Jauchert Gemeindewald und 450 Jauchert Almend, Rietheim 69 Jauchert Gemeindewald und 392 Jauchert Almend, Überauchen 201 Jauchert Gemeindewald und 692 Jauchert Almend, Spitalhof, Mantelhof und Schlegelhof, zu Pfaffenweiler gehörig, haben ihre Privatwaldung und Almend, Kirnach hat keine Waldung und Almend, aber mehrere Hofbauern haben eigene Waldungen. Einkünfte des Hospitals (Hl. Geist-Spital):

Die Einnahmen betragen 6.952 Gulden, darunter die Erträgnisse aus 245 Jauchert Acker, 96 Mannsmahd Wiesen, 36 Jauchert Wald. Die Ausgaben betragen 6.829 Gulden, es bleibt ein Überschuß von 123 Gulden.

Einkünfte im Leprosorium (Gutleuthauspflege): Einnahmen 947 Gulden, Ausgaben 1.076 Gulden. Die Einnahmen reichen somit nicht aus. Einkünfte der Elendjahrzeitpflege:

Einahmen 3.591 Gulden (bei 29.215 Gulden Aktivkapitalien), Ausgaben 1.328 Gulden, Überschuß 2.263 Gulden.

Auswärtige Korporationen:

Kommende Villingen von St. Katharinental in der Schweiz hat jährlich Gefäll von 472 Gulden, Kloster Amtenhausen 605 Gulden.

Die Besoldung der Stadt an ihre Bediensteten betrug:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aufgrund dieser Aufstellung ist zu ersenen, aas die Stadt schon damals viele Bedienstete hatte. Für die Leute mit geringem Lohn waren diese Stellen nur ein Nebenerwerb; sie übten sonst einen Beruf aus und hatten meistens ein Stück Land und eine Kuh oder einige Geißen im Stall.

Die offizielle Übergabe der Stadt an den Großherzog 21)

Nachdem am 22. November 1806 der Villinger Magistrat im Freiburger Münster dem Großherzog gehuldigt hatte, ging am Tage danach der Hauptakt im Villinger Münster unter Paradierung des französischen, des großherzoglichen und des Villinger Bürger-Militärs vor sich. Von der Stadt war der gesamte Magistrat und die Bürgerschaft, der landesfürstliche Oberzoller und die Beamten des Benediktinerstifts sowie der Johanniterkommende anwesend.

Der französische Kommissar ließ nach einer Anrede an die großherzogliche Hofkommission die über die Übergabe gefertigten Protokolle öffentlich ablesen und übergab je eine Fertigung an die Vertreter der zu übergebenden Distrikte. Nach der Rede von General Monard hielt der großherzogliche Hofkommissar v. Drais eine Ansprache an die Versammlung und betonte, daß „nicht nur der Breisgau, sondern auch die Städte Villingen und Bräunlingen sowie die Herrschaft Bonndorf in das Band, das alle lieben, eingeschlossen werden. Ich kenne den frohen Dank, der heute aus allen Herzen aufsteigt dafür, daß unser Regent Karl Friedrich unser Vater ist, dafür, daß nichts die Wohlfahrt des Landesfürsten und seiner Untertanen hebt und inninger vereint als jene gleiche Mäßigung, womit der Gerechtigkeit die Billigkeit und Menschenfreundlichkeit sich immer begegnen und küssen. Früher war schon dieser Verein vom Himmel erfleht, aber noch ist es früh genug, um Heil zu verbreiten, wenn Gott uns Ruhe schenkt und wenn der Eifer der Untertanen selbst auch hierzu tritt, wenn in dem schönen, beinahe ganz zusammenhängenden Staat seiner königlichen Hoheit von Baden sich die Gewerbe vermehren, wenn kein Produkt des reichen Landes unbenutzt bleibt und wenn sich zu diesem Fleiße ein schlichter, vernünftiger Sinn einstellt. Diese Hoffnungen und diese Empfindungen der Treue und des Gehorsams bezeugt der feierliche Lobgesang dieses Tages 22).“

In Villingen konnte aber trotzdem keine rechte Freude aufkommen, sondern bittere Enttäuschung, denn es stellte sich heraus, daß nach dem Pariser Vertrag vom 12.7.1806 nur das Gebiet rechts der Brigach an Baden gefallen war. Wohl schlechte Landkarten waren daran schuld! Links der Brigach aber lag lebenswichtiges Gebiet der Stadt und ihrer Einwohner, zum Beispiel: der Germanswald

die beiden Hammerwerke
die Rothgerbermühle

9 Fruchtmühlen einschließlich denen von Marbach und Klengen der sog. Hochwald mit 34 Jauchen der Friedhof mit der Altstadtkirche zwei Drittel der den Bürgern gehörigen Wiesen, Äcker und Weiden die dem hiesigen Waisenspitel gehörigen Wiesen und Waldungen einschl. des Torfmooses beim Zollhaus die beiden Dörfer Marbach und Klengen der größte Teil des freien Pirschbe-sitzes, welcher der Stadt vom Kaiser lt. vorhandener Urkunden zuerkannt wurde.

Endlich findet sich die von Frankfurt nach der Schweiz ziehende Land- und Commerzialstraße fast ganz auf dem linken Brigachufer.

Dieser Abtretung des vorerwähnten Gebietes bei der Besitzübergabe an Baden wurde seitens der Villinger sehr schwer empfunden. Am 12. September 1806 hat der Magistrat die großherzogliche Regierung auf die nachteiligen Folgen der Teilung Villingens hingewiesen, daß die Brigach nur ein Bach sei und eine unnatürliches Zerstückelung der Villinger Gemarkung eintrete. In einem Bericht der Stadt an den Regierungsrat Weizenegger in Karlsruhe hat sie darauf hingewiesen, daß die Trennung durch die Brigach Villingen in die Klasse der ärmsten Städte hinabstufe, dagegen Schwenningen zu einem blühenden Marktort emporsteige. Die Regierung in Karlsruhe antwortete darauf, daß nur durch einen Gebietstausch eine Änderung herbeigeführt werden könne. Es fanden dann Verhandlungen zwischen Baden und Württemberg über den Austausch einiger Gebiete statt und aufgrund eines wechselseitigen Vertrages vom 17. Oktober 1806 kamen die gewünschten Veränderungen zustande. Die Stadt wurde durch die großherzogliche Hofkommission darüber unterrichtet, daß im Tausch gegen Tuttlingen, das fälschlicherweise Baden zugeteilt war, der auf dem linken Brigachufer liegende Stadtbann wieder an Baden und damit an Villingen kam 23). Diese Gemarkungsgrenze hat sich bis zum Zusammenschluß der Stadt Villingen mit Schwenningen nicht mehr verändert.

Der badische Großherzog war sehr betrübt, daß er nicht wie der Herzog von Württemberg zum König ernannt wurde; nur die Anrede „Königliche Hoheit“ wurde ihm zugestanden 24). Die Seelenzahl seines Landes von 800.000 war für ein Königreich einfach zu klein. Später soll er einmal geäußert haben: „Lieber ein Großherzog als ein kleiner König!“

Der neue Landesherr hat sich aber bei der Übernahme der Stadt auch nicht großzügig benommen. Das Benediktinerkloster blieb aufgelöst und die Klostergebäude samt Kirche wurden vom badischen Fiskus übernommen. Alles, was die Württemberger seinerzeit nicht hatten mitnehmen können, z. B. die Turmuhr der Kirche mit ihren sieben von Grüninger gegossenen Glocken mit Glockenspiel, sowie die wertwolle Silbermannsche Orgel wurden trotz heftigem Widerspruch der Einwohner nach Karlsruhe abgeführt, um in der evangelischen Stadtkirche Verwendung zu finden. Die Klosterbibliothek mit über 20.000 Bänden wurde teilweise der badischen Hofbibliothek einverleibt, ein anderer Teil gelangte in die Universitätsbibliothek nach Freiburg und der Rest wurde verschleudert. Wertvolle Handschriften und Urkunden wie die Hugsche Chronik wanderten in das Landesarchiv. Besonders aber litt die Stadt durch die Aufhebung der Klosterschulen. Langsam aber gewöhnte man sich an den neuen Landesherren.

Einhundert Jahre, nachdem Villingen badisch wurde, also im Jahre 1906, wurde im Gemeinderat der Bedeutung dieses Tages gedacht und ein großes Festprogramm aufgestellt; doch mußte mit Rücksicht auf den auf diesen Tag gefallenen Buß- und Bettag die Feier verschoben werden. Stattdessen wurde aber im Hotel Blume-Post ein großes Festessen mit vielen geladenen Gästen veranstaltet 26).

Nach dessen Eröffnung erhob sich Bürgermeister Dr. Braunagel, um auf die Bedeutung dieses Tages in kurzen, gehaltvollen Worten hinzuweisen und einen Rückblick auf die geschichtlichen Ereignisse vor 100 Jahren zu werfen. Er erinnerte an die Huldigung im Freiburger Münster und den für Villingen bestimmten Hauptakt in unserem Münster. Er sagte, welch großes Glück es war, daß Villingen wieder an das angestammte Herzoghaus der Zähringer gekommen ist. Die badischen Markgrafen hätten von früheren Heiraten her noch ein paar Tropfen Zähringer Blut in ihren Adern. Der Bürgermeister ließ den Großherzog hochleben und sandte ihm ein Huldigungstelegramm, das der Großherzog sofort beantwortete.

An diesem Nachmittag trat, von den Anwesenden freudig begrüßt, Professor Dr. Roder in den Saal. Der Bürgermeister begrüßte ihn aufs Herzlichste und gedachte der großen Verdienste Roders um die Geschichte Villingens 27), sein Leben und Wirken hänge ja engstens mit unserer Stadt zusammen und er hoffe, daß Roders Lebenswerk „Die Geschichte der Stadt Villingen“ bald im Druck erscheinen möge. Der Bürgermeister schloß mit einem Hoch auf Roder, und die anwesenden Mitglieder des Münsterchors und des Sängerbundes widmeten ihrem früheren Mitglied einen donnernden Sängergruß. Dr. Roder dankte in humorvollen Worten und versprach, sein Möglichstes zur Vollendung seines Werkes über Villingen zu tun. (Der Druck wurde durch den Beginn des 1. Weltkrieges unmöglich gemacht.)

Roder versicherte, daß er Villingen nie vergessen könne, er fühle sich heute noch als Villinger. Darauf leerte er sein Glas mit dem Wunsch, daß auch unsere Nachkommen diesen Gedenktag in hundert Jahren ebenso feierlich begehen mögen.

Literatur

1), 2), 3), 4) Kageneck „Das Ende der vorderösterreichischen Herschaft“

5) Villingen zählte zur vorderösterreichischen Landschaft Breisgau mit damaligem Regierungssitz Freiburg

6) Josef Bader „Geschichte der Stadt Freiburg“ Bd II, S. 316

7) Kageneck, siehe oben, S. 110

8), 9), 10), 11) dto, Korrespondenz über Übergang an Modena

12) Josef Bader, Bd II, S. 316

13), 14) Stadtarchiv Villingen, Inventar Bd II, 121

15) Kageneck, siehe oben, S. 130

16) Kageneck, siehe oben, S. 142 16

17), 18) Professor Dr. Roder „Chronik von Villingen“ im Band des Jahres 1888 des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Donaueschingen

19) Rud. Huber „Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte“ Rheinbundakte S. 27 und 28; Villinger Volksblatt vom 1. 12. 1906 nach Roder

21) Villinger Volksblatt vom 1. 12. 1906 nach Roder

21), 22) 23) Villinger Volksblatt vom 1. 12. 1906 nach Roder

24) Marion Wierischs „Die Entstehung des Großherzogtums Baden“ i. ZGO Bd. 125, S. 198 und 199

25) Albert Fischer „Aus Villingens Vergangenheit“, S. 70 u. 71

26) Villinger Volksblatt vom 24. 11. 1906, nach Roder

27) Professor Dr. Roder war viele Jahre an der Villinger Realschule tätig und wurde später Realschuldirektor in Überlingen. Roder ist einer der besten Kenner der badischen und Villinger Geschichte. Seine Arbeit wurde dadurch gewürdigt, daß er zum Hofrat ernannt und ihm der Orden von „Zähringer Löwen“ verliehen wurde. Roder hat das Villinger Archiv geordnet und das Villinger Urkundenbuch schriftlich niedergelegt, das erst später im Jahre 1971 unter dem Titel „Inventur über die Bestände des Stadtarchivs Villingen“ in der Bearbeitung von Hans Josef Wollasch im Druck erschien.