Die letzten Monate des zweiten Weltkrieges (Morand Faust)

Der Einmarsch der französischen Armee in Villingen am 21. April 1945 und die ersten Wochen der Besatzung aus der Sicht eines französischen Kriegsgefangenen

In den letzten Kriegsmonaten, um die Jahreswende 1944/45, wo wir im Kriegsgefangenenlager VB – Villingen befürchteten, daß Parteileute gegen uns eingreifen könnten, beschlossen einige französische Kriegsgefangene ein bewaffnetes Kommando aufzustellen zum Schutze ihrer Kameraden.

Das Kommando bestand auf zwölf Mann unter Führung eines Offiziers-Aspiranten. Mit dem Beschaffen von Waffen wurde ich betraut, weil ich zahlreiche Bekannte in Villingen hatte und auch deutsch sprach. Es war möglich, weil im Lager die Bewachung locker geworden war und in der Stadt eine pessimistische Stimmung herrschte. Die Bevölkerung war sehr deprimiert durch die Fliegerangriffe.

Ich hatte bereits den Fotokaufmann Walter Bräunlich kennengelernt. Bräunlich bewunderte Ludendorff, verdammte aber den Führer und seine Partei. „Die haben uns für ein Jahrhundert politisch ausgeschlossen“ meinte er. Bräunlich und einige seiner Freunde besorgten mir Waffen. Ich schaffte die Waffen heimlich ins Kriegsgefangenenlager.

Bei Bräunlich verkehrte auch der Kaufmann Franz Frank, der in Verbindung stand mit dem französischen Lieutnant Mariani. Mariani war ein ehemaliger Kriegsgefangener, der bei der Firma Fichter und Hackenjos gearbeitet hatte. Im September 1944 floh er in die Schweiz, im März 1945 sprang er aus einem Flugzeug ab und lebte versteckt in Villingen.

Im Frühjahr 45 wurde die Bewachung der Gefangenen noch schwächer als bisher. Ein alter Kriminalbeamter ging täglich im Lager herum, ein harmloser Mann, den niemand fürchtete.

Der Lagerkommandant Hauptmann Götz blieb bis zum Ende ein disziplinierter Offizier. „Hier werden die Flinten nicht weggeworfen, wie 1918“ sagte er.

Oberst Gall, Standortältester und Stalag-Kommandant wurde äußerst freundlich und zuvorkommend. Er lieh uns seine schönsten Schallplatten.

Riesengroße Buchstaben P. G. (Prisonnier de Guerre) wurden auf die Barackendächer gemalt. Ein Fahnenmast stand mitten im Lager und erwartete die Trikolore. Zuletzt kam die Frage der Gefangenen-Übergabe an die einrückende französische Armee. Sonderführer Rudolf Schindler wurde von Oberst Gall zu diesem Auftrag bestimmt. Die Hauptvertrauensleute der im Lager vertretenen Nationen waren damit einverstanden. Schindler war sehr bekannt, besonders bei den Franzosen (er sprach gut französisch) und hatte keine Feinde.

Am 19. April 1945 rückte der Stab des Stalag und die Stammkompanie ab. Während der Tage davor wurden eine Menge Akten auf dem Kasernenhof verbrannt. An diesem 19. April, kurz nach Mittag, erlitt Villingen den letzten großen Fliegerangriff, diesmal in der Nähe des Lagers. Viele schwere Bomben fielen auf die Firma SABA. Der 20. April war ein schöner, sonniger Vorfrühlingstag. Die Gefangenen gingen zur Arbeit wie üblich. Gegen Abend hieß es: „Die Franzosen sind in Königsfeld!“ Hauptmann Götz, eine Maschinenpistole unter dem Arm, verließ das Lager gegen 20 Uhr. Nun war die Stunde der Übergabe gekommen. Aber sie erfolgte nicht wie vorgesehen. Nach dem Abgang von Hauptmann Götz verständigte sich Sonderführer Schindler mit dem Hauptvertrauensmann Franz, Vertreter der Franzosen, der stärksten Kriegsgefangenengruppe.

Das ehemalige Stalag auf dem heutigen Kasernengelände.

 

Die verstorbenen Gefangenen wurden auf dem Villinger Friedhof entlang der alten Marbacher Straße beerdigt, bevor sie nach Kriegsende in ihre Heimat überführt wurden.

 

Beide waren überzeugt, daß in aller Kürze die französischen Truppen einrücken würden und wollten absolut Zwischenfälle vermeiden. Sonderführer Schindler übergab das Lager den französischen Kriegsgefangenen, vertreten durch Franz, der sofort das bereits erwähnte französische Schutzkommando hinzuzog.

Der deutschen Wachmannschaft wurden die Waffen abgenommen. Damit wurden französische Gefangene ausgerüstet. Die entwaffenten deutschen Wachleute wurden dann in der „Eingangsbaracke“ eingesperrt, die beim Lagerhauptportal stand. Im Auftrag des Offiziers-Aspiranten begab ich mich in die Bölke-Kaserne, in das Gebäude der Stalag-Kommandantur. Es war bereits Nacht. Im Kellerflur befand sich eine marschbereite Soldatengruppe, die ich gefangen nahm und in das Lager brachte. Ich verhaftete auch den Standort-Offizier, Hauptmann Thum, und brachte ihn ebenfalls in das Lager. Während der ganzen Nacht herrschte Ruhe.

Am 21. April, nach Tagesanbruch, kam Capi-taine Besnier vom Lazarett Waldhotel zum Stalag und als Rangältester übernahm er die Führung. Besnier war ein Offizier der Ersten Französischen Armee. Er wurde Anfang April gefangen genommen und in unser Stalag eingeliefert, dann aber in das Kriegsgefangenen-Lazarett Waldhotel verbracht, wo er als nichttransportfähiger Verwundeter verblieb, obschon er nur leicht verletzt war.

Capitaine Besnier wollte sofort Verbindung aufnehmen mit dem verantwortlichen Repräsentanten der Stadt Villingen. Da er nicht deutsch konnte, war es Sonderführer Schindler, der mit Herrn Hermann Riedel (einzig erreichbarer Repräsentant der Stadt) eine telefonische Unterredung hatte. Auf Wunsch von Capitaine Besnier sollte Herr Riedel zum Stalag kommen zur Übergabe-Verhandlung. Ein Militär-Motorradfahrer war nämlich inzwischen bis zum Stalag gekommen. Es war der erste Kontakt zwischen den Leuten im Stalag und der heranrückenden französischen Armee.

Herr Riedel erschien im Stalag mit einer weißen Fahne, begleitet vom Obergefreiten Steinfeld, Lagerführer der Kriegsgefangenen-Unterkunft Klosterkaserne, und Leandre Saulnier, Vertrauensmann der dort untergebrachten Gefangenen. Die Übergabeverhandlung fand im Büro des bisherigen Lageroffiziers Götz statt. Anwesend waren von französischer Seite Capitaine Besnier, der Offiziers-Aspirant, Chef der bewaffneten Gruppe, Hauptvertrauensmann Franz, Adjudant (Feldwebel) Bernhard, französischer Vertrauensmann (Kriegsgefangener ler Armee Française), einige Vertrauensleute der im Stalag vertretenen Nationen und ich selbst. Auf deutscher Seite waren anwesend Herr Riedel, Obergefreiter Steinfeld und Sonderführer Schindler und ich fungierten als Dolmetscher.

Capitaine Besnier erklärte Herrn Riedel, er werde ihn vorläufig auf seinem Amt belassen und gab die Maßnahmen bekannt, die er als Verantwortlicher der Stadt durchzuführen hätte. Der Capitaine war höflich und zeigte keine Schärfe. Während der Verhandlung fiel mir der ernste Gesichtsausdruck des Herrn Riedel auf. Er war sich seiner großen Verantwortung bewußt. Gegen 9 Uhr verließ er das Lager und begab sich auf das Rathaus unter Begleitung einer französischen Wache.

Im Auftrag von Capitaine Besnier ging ich in die Stadt, wo völlige Ruhe herrschte. Die Straßen waren leer. Jetzt kam das Treffen mit der heranrückenden französischen Armee. Ein Spähwagen fuhr durch das Bickentor in die Innenstadt ein. Die Besatzung bestand aus einem Oberleutnant und drei Mann. Sie waren stark bewaffnet. Ich ging auf den Offizier zu und meldete ihm die letzten Ereignisse: Befreiung des Stalags, bewaffnete Ex-Kriegsgefangene, Verhandlung mit dem Vertreter der Stadt Villingen. Zum Schluß sagte ich: die Stadt ist frei, Sie können einmarschieren. Der Oberleutnant befahl mir: „Geben Sie der Bevölkerung bekannt, unsere Truppen werden einmarschieren. Die Leute sollen in ihren Häusern bleiben, Fenster und Türen zu!“

 

 

Auf der Straßenkreuzung in der Stadtmitte gab ich einige Schüsse ab und schrie: „Straße frei! Die Franzosen ziehen ein!“ Die Villinger schrien „sie kommen, sie kommen“.

Noch vor dem Einmarsch der französischen Truppen baten mich Capitaine Besnier und der Oberleutnant, die sich inzwischen im Rathaus getroffen hatten, ich sollte ihnen einen Bürgermeister vorschlagen. Ich schlug Herrn Walter Bräunlich vor, der zusagte und angenommen wurde.

Bräunlich wurde also in seinem Amte durch den einzigen Willen des französischen Militärs eingesetzt. Herr Riedel, erster Beigeordneter, der in den letzten Jahren die Stadtverwaltung kommissarisch geleitet hatte, blieb im Dienst der Stadt. Dieser erfahrene erste Beigeordnete war unentbehrlich.

Im Laufe des Nachmittags des 21. April rückten französische Truppenverbände — darunter ein Bataillon des 27. Infanterieregiments — in Villingen ein. Weiße Fahnen wehten an den Häusern. Der Stab des 27. I. R. besetzte die Räume des Rathauses.

Ich verbrachte den 22. April im Stalag bei meinen Kameraden. Am Abend suchte ich Herrn Bräunlich auf. Er war niedergeschlagen. Er sagte mir, das Schwerste sei die Aufrechterhaltung der Ordnung und bat mich dringend, die Polizeigewalt zu übernehmen. Am 23. April, auf Vorschlag von Lieutnant Herrenschmidt und Commandant Krau, wurde mir durch Lieutnant-Colonel Rosette, Kommandeur des 27. I. R. und Militärgouverneur von Villingen, die Zivile Polizei der Stadt anvertraut. Lieutnant Herrenschmidt war bei der Kommandantur zuständig für zivile Angelegenheiten. Lieutnant-Colonel Rosette hieß richtig Sarda de Caumont (Rosette war sein Tarnname aus der französischen Wiederstandsbewegung).

Mit dem Schreiben vom 23. April 1945 der Militär-Verwaltung Villingen wird dem früheren französischen Kriegsgefangenen FAUST Morand die zivile Polizei von Villingen anvertraut. Er hat damit alle Gewalt über das Personal der Schupo und der Gendarmerie und ist beauftragt, die Ordnung aufrecht zu erhalten und alle notwendigen Verhaftungen von suspekten Personen zur Sicherheit der Stadt durchzuführen. Er wird feststellen und Buch führen, wo Waffen und Munition gehalten werden, ebenso wer Photoapparate und Radios hat, die schon eingesammelt waren. Er wird mit aller notwendigen Strenge die militärischen Befehle auf dem Gebiet von Villingen durchführen.

Morand Faust

 

Mir unterstanden von diesem Tage ab die deutschen Polizeibeamten (örtliche Schutzpolizisten) und die deutsche Gendarmerie. Später wurden noch Hilfspolizisten hinzugezogen. Mein Stellvertreter und Berater war mein Freund Pierre Hambye, ehemaliger Kriegsgefangener und von Beruf Jurist in Belgien.

Es war in den ersten Tagen schwer, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Viele Ausländer waren noch bewaffnet und es hätte leicht zu Schießereien kommen können. Es wurde zerstört, geplündert, auch Gewalttätigkeiten und Abrechnungen gab es. Die deutschen Polizisten waren meist machtlos, obschon sie Armbinden mit der Aufschrift „Police“ trugen. Im Stalag, in der Knabenschule und im Gefängnis waren viele Zivilisten eingesperrt, meistens in den ersten Tagen grundlos verhaftet (der Direktor von Maria Tann zum Beispiel). Mit der Genehmigung von Commandant Krau bekam ein großer Teil wieder die Freiheit.

Dagegen verlangte die Militärregierung Verhaftungen. Eine Liste wurde auf dem Bürgermeisteramt aufgestellt (also von Deutschen aufgestellt) und zur Ausführung der Militärregierung übergeben. Es gab auch eine politische Polizei, die mir nicht unterstand, deren Chef Franz Frank war, der seine eigene Politik und sein eigenes Interesse verfolgte. Ich hatte viel Ärger mit dem Mann.

In der Nacht vom 24. April versuchten deutsche Truppen vom südlichen Schwarzwald her einen Durchbruch nach Ost-Südost, Richtung Allgäu. Dieser Durchbruch im Süden der Stadt schien Villingen zu bedrohen. Die Bevölkerung fürchtete sehr eine Rückkehr der deutschen Truppen, besonders der Waffen-SS. Aber Marbach wurde noch einmal in das Kriegsgeschehen einbezogen. Es gab Tote beiderseits. Einige Zivilisten des Dorfes wurden als Geiseln nach Villingen gebracht. Pfarrer Alfons Hirt wollte ihre Stelle einnehmen. Seine Bitte wurde abgelehnt.

Täglich marschierten lange Kolonnen deutscher Kriegsgefangener durch die Stadt. Alle Waffengattungen der Wehrmacht waren vertreten.

Am 30. April verabschiedete sich Commandant Krau von Bürgermeister Bräunlich und am gleichen Tag fand die erste Besprechung mit dem neuen Militärgouverneur Capitaine Pierre Robert statt. Lieutnant-Colonel Rosette, Commandant Krau und Lieutnant Herrenschmidt, die einzigen des Regimentsstabes, die ich kannte und deren Abschied von Villingen ich sehr bedauerte, waren tadellose Offiziere.

Capitaine Robert war ein stattlicher, vornehmer Mann. Er dachte damals schon an deutschfranzösische Versöhnung und Freundschaft. Mit seiner Einwilligung wurde das Fronleichnamsfest prächtig gefeiert und auch das Fest der Heiligen Jeanne d’Arc (die Jungfrau von Orleans). Die beste Tat von Capitaine Robert: er löste die politische Polizei auf.

Am Waffenstillstandstage, als die Glocken läuteten, hörte ich jemand neben mir sagen: „Jetzt gibt es kein Deutschland mehr!“ Es war der erste Tag einer neuen Zeit für Deutschland. Ich verließ Villingen im Juni 1945, um nach mehrjähriger Abwesenheit in meine französische Heimat zurückzukehren.

 

 

 

. . . und welche Erinnerungen haben Villinger an diese schwere, ereignisreiche Zeit?

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Anschluß an diese eindrucksvolle Schilderung der letzten Kriegsmonate durch Morand Faust hätten wir gern auch einen korrespondierenden Bericht eines Villingers — oder einer Villingerin veröffentlicht.

Wir hoffen, daß wir hiermit eine kompetente Persönlichkeit aus den Reihen unserer Mitglieder aufgefordert haben, für unser nächstes Jahresheft den hier fehlenden Bericht zu schreiben. Über entsprechende Vorschläge freut sich die Redaktion.