Die Vielfalt der Ordenstrachten im alten Villingen (Kurt Müller)

Anmerkungen zu einem Skizzenbuch aus dem Kloster St. Ursula

„Kleider machen Leute!“ Heutzutage belegen die Dimensionen der Konfektionsabteilungen der Kaufhäuser, die Vielzahl der Modehäuser, Boutiquen, Jeans Shop’s und Ateliers die Tatsache, daß auch der moderne Mensch seine (Ver)Kleidung liebt und viel Geld und Interesse dafür aufwendet.

In früheren Jahrhunderten waren sicher die Wäschetruhen und Kleiderschränke viel sparsamer dimensioniert, aber das Erscheinungsbild der Menschen auf den Straßen war nicht weniger differenziert und bunt. Das verdankte man der erfindungsreichen Emsigkeit der Meister und Gesellen der Schneider-, Kürschner-, Hutmacher- und Schuhmacherzunft, der Weber und Tuchhändler, der Färber und Gerber; auch die Putzmacherin sei nicht vergessen. Uralte Verkehrswege dienten dem Handel mit Seide und wertvollen Stoffen.

Es waren im täglichen Leben die sozialen Schichten leicht erkennbar, ja, Beruf und Stand waren am Gewand sicherer ablesbar als heute: Männer und Frauen, Adel und Bürger, Scholaren, Studenten und Professoren, Landsknechte, Soldaten und Offiziere, Ratsherren und Mitglieder der Zünfte, Bauersleute, Fuhrmänner und Vaganten und nicht zuletzt Kleriker und Ordensleute waren durch Stat, Häs, Uniform, Tracht, Robe, Kutte, Ornat oder Talar für jedermann identifizierbar (wer einer war, trug auch das Narrenkleid).

All das ist belegt in Geschichtsquellen, in der Literatur, ist gemalt auf Ahnengalerien, auf Gemälden, auf Votivbildern, in Stifterfiguren auf Altären, ist geschnitzt auf Zunftladen, in Stein gehauen auf Grabmälern und gesammelt in Museen für Volkskunst und Trachten.

Ein interessantes Dokument für die Kleidung des geistlichen Standes liegt im Archiv des Klosters St. Ursula: Ein ohne Einbanddeckel gebundenes Skizzenbuch, undatiert und unsigniert, wohl aus dem Ende des 16ten Jahrhunderts stammend. Es handelt sich um 93 Blätter im Format 14 x 19 cm. Jedes Blatt trägt nur eine Figur. Kunstvolle, sorgfältig alle Einzelheiten berücksichtigende Tuschezeichnungen bilden somit einen Katalog aller Stufen der kirchlichen Hierarchie vom Papst bis zum Diakon. Dann folgen Äbte, Äbtissinnen, Nonnen und Mönche nahezu aller damals bekannter Ordensgemeinschaften. Exakt sind der Schnitt der Kleider, die Insignien des Amtes, aufgenähte Symbole und Attribute dargestellt.

Die Künstlerin oder der Künstler sind unbekannt, aber ich vermute, daß eine talentierte Klarissin diese „Bilderbogen“ gezeichnet und zu einem Sammelband gebunden hat. War das lediglich eine Liebhaberei? Sollte es ein Nachschlagewerk ergeben? War das als Anschauungsmaterial gedacht für die Unterweisung der Novizinnen, um sie über die Mannigfaltigkeit und Unter-schiedenheit der geistlichen Gemeinschaften zu unterrichten?

Die Liebe zum Detail und die Akribie der Ausführung verraten jedenfalls die Freude der Künstlerin an den oft geradezu pittoresken Gestalten auf dem Papier und wohl auch ihren Stolz und ihre Freude an den lebendigen Persönlichkeiten, denen sie in geistlicher Tracht in der Stadt begegnen konnte, wo die strenge Ordnung der Klausur einen Ausgang in die Öffentlichkeit gestattete.

Trotz der radikalen Cäsur, die die Säkularistion zu Anfang des 19ten Jahrhunderts über das Leben der Klöster gebracht hat, sind die Orden nicht untergegangen. Viel seltener zwar als im Mittelalter oder in der Barockzeit, aber immerhin, man begegnet hie und da einer Ordensfrau oder einem Ordensmann in geistlicher Tracht. Das neue kath. Kirchenrecht von 1983 bestimmt: Die Mitglieder der Orden sollen ihr Ordenskleid tragen als Zeichen der Weihe und Zeugnis der Armut.

Aber nach wie vor gilt das alte Sprichwort: „Die Kapuze macht noch keinen Mönch!“ Nicht das äußere Erscheinungsbild, die innere Haltung ist entscheidend bei der Beurteilung einer Person. Aus diesem Grund war eine Kleiderordnung im frühen Mönchtum ganz unerheblich, und kirchliche Regelungen für das Aussehen einer bestimmten Ordensgemeinschaft sind erst für jüngere Gemeinschaften belegt.

Die Vorläufer des Mönchtums waren die Asketen in der ägyptischen Wüste. Ihr Kennzeichen war höchstens der Mantel, wohl ein einfaches Tuch. Das erinnert an die alttestamentliche Tradition des vor allem bei Elias erwähnten Prophetenmantels. Der Vater des abendländischen Mönchtums, Benedikt von Nursia (480-547), behandelt in seiner bis heute gültigen „Regula“ die Kleiderfrage folgendermaßen:

„Die Kleider, die den Brüdern gegeben werden, seien der Lage und dem Klima des Wohnorts angepaßt; denn in kalten Gegenden braucht man mehr, in warmen dagegen weniger. Der Abt soll dies also weise in Rechnung ziehen. Wir sind aber der Ansicht, in einer Gegend mit mittlerem Klima reiche für jeden Mönch eine Kukulle (Kapuze) und eine Tunika aus; die Kukulle sei im Winter dickwollig, im Sommer dünn oder abgetragen.

 

 

Dazu komme das Skapulier für die Arbeit und als Fußbekleidung Strümpfe und Schuhe. Über die Farbe des rauhen Stoffes von all dem sollen sich die Mönche nicht aufhalten; die Kleider seien vielmehr so, wie man sie in jenem Lande vorfindet oder wohlfeil beschaffen kann.

Der Abt sorge für das richtige Maß, damit die Kleider denen, die sie tragen, nicht zu kurz seien, sondern gut passen. Wer neue Kleider erhält, soll die alten immer gleich zurückgeben, damit sie in der Kleiderkammer für die Armen aufbewahrt werden. Denn für den Mönch genügt es, zwei Tuniken und zwei Kukullen zu haben wegen der Nacht und um sie waschen zu können. Was darüber ist, muß als überflüssig entfernt werden. Auch die Fußbekleidung und überhaupt alles Alte sollen sie abgeben, sobald sie Neues bekommen. Brüder, die auf Reisen geschickt werden, erhalten aus der Kammer Unterkleider. Nach ihrer Rückkehr geben sie diese gewaschen wieder ab. Auch sollen die Tuniken und Kukullen etwas besser sein, als man sie gewöhnlich trägt; sie erhalten sie bei ihrer Abreise aus der Kleiderkammer und geben sie bei der Heimkehr wieder zurück.“ (Aus Kapitel 55 der regula sanct Benedikti).

 

 

Die ursprünglich ganz auf Einfachheit und Zweckmäßigkeit ausgerichtete Kleidung der Mönche bekam dann im Verlauf der Zeit auch symbolische Bedeutung. Mit der Einkleidung beginnt das Ordensleben. Das Gewand wird geweiht. Es ist ein Ehrenkleid, es ist mit dem Taufkleid vergleichbar, es wird auch mit einer Rüstung verglichen gegen den bösen Feind. Der Mönch wird auch in seinem Ordenskleid begraben.

Die Frauenorden haben sich in alter Zeit stark an die Männerorden angeglichen. Das eigentliche Zeichen der Gott geweihten Frauen war und ist der Schleier.

Die vielfältigen Aufgaben, die Männer- und Frauenorden in der Seelsorge, im Unterricht und auf sozialem Gebiet heute übernommen haben, machte eine Vereinfachung der Kleiderordnung notwendig. Wo heute eine Ordensfrau, ein Ordensmann oder ein Priester im Straßenbild erscheinen, da fallen sie nicht auf, bleiben aber klar erkennbar.