„C’est une veritable Sibérie . . . „ 1) (Hubert Weißer)

Die Condé-Armee im Winterlager

Villingen 1792/93

Nein, es handelt sich nicht um den Stoßseufzer eines Rekruten der hiesigen Garnison Française, der mitten im Winter zu einer Geländeübung in den Villinger Stadtwald ausrücken muß und sich über das sibirische Klima beklagt: Das Zitat stammt vielmehr von dem Offizier F. de Romain, der als Angehöriger der royalistischen Condé-Armée vor genau 200 Jahren den Winter 1792/93 in Villingen verbrachte und uns einen sehr farbigen Bericht über seinen Aufenthalt in unserer Gegend hinterlassen hat. 2)

Wie bereits von Michael Tocha geschildert 3), war Villingen in diesen Wintermonaten eine „Hochburg der Gegenrevolution“: Am 28. Oktober 1792 zog Prinz Condé als Anführer einer stattlichen adligen Emigrantenarmee von rund 4000 Mann in unserer Umgebung ins Winterquartier; er selbst residierte mit seinem „Hof“ und Generalstab im Franziskanerkloster, das in der Zwischenzeit aufgelöst worden war. Bei rund 3000 Einwohnern Villingens um 1790 kann man sich leicht vorstellen, was für eine Belastung das Winterlager für die Stadt und ihre Umgebung gewesen sein muß. Zurecht bedauert deshalb Tocha in seinem Aufsatz, daß wir aus den Ratsprotokollen nicht viel über das Verhalten der Franzosen und über ihren Umgang mit den Einheimischen erfahren. Verlief das Zusammenleben zwischen den Villinger Bürgern und den adligen Emigranten vielleicht deshalb verhältnismäßig reibungslos, weil die Adligen ihren Aufenthalt “ — noch! — mit gutem Geld“ bezahlten, wie Tocha vermutet?

So sind wir, vorerst 4), auf die Auswertung französischer Quellen angewiesen, deren besonderer Reiz darin beruht, daß unsere Stadt und ihre Bewohner aus der französischen Perspektive gesehen und geschildert werden: Einige Einstellungen und Urteile, so stellen wir überrascht fest, haben offensichtlich zwei Jahrhunderte überstanden und sind, in ähnlicher Form, noch heute von Franzosen über Deutsche zu hören.

Der Rückzug der Condé-Armée ins Winterlager Villingen

Zunächst müssen wir uns die politische Situation vergegenwärtigen, in welcher die adligen Emigranten Ende Oktober 1792 in Villingen ankommen: Sie, die mit ihren Armeen sobald wie möglich in Frankreich einmarschieren wollen, um der Revolution ein Ende zu bereiten, fühlen sich vom österreichischen Kaiser Franz II. und dem preußischen König Friedrich Wilhelm II., von den deutschen Fürsten überhaupt, nicht genügend unterstützt.

Als Wien und Berlin im Herbst 1792, nach der Niederlage der Koalitionsarmeen bei Valmy, die royalistischen Armeen der Brüder Ludwigs XVI. und des Herzogs von Bourbon nicht mehr weiter unterstützen und damit zu ihrer Auflösung beitragen, bekommt Condé vom Freiburger Regierungspräsidenten von Sumerau die Anweisung, sich in sicherem Abstand von der französischen Grenze in den Schwarzwald zurückzuziehen. Im abgeschiedenen, kleinen Städtchen Villingen, „hinter den höchsten Bergen“, fühlen sie sich gleichsam ans Ende der Welt abgeschoben, und deprimiert stellt Romain fest, die Landschaft hier sei „ein wahrhaftes Sibirien“; man könne wegen des rauhen Klimas hier „nicht einmal Getreide“ anbauen und in der Umgebung sehe man „nur Wiesen und Wälder“.

In einem Brief an seinen Vater vom 15. November 1792 berichtet Romain:

„Seit einigen Tagen ist das ganze Land so tief verschneit, daß man nur noch auf Schlitten weiterkommt. Man hat uns berichtet, daß dies so bleibt bis zum Frühjahr“ 5)

 

 

 

»Marche du Don Quichotte moderne pour la deffence du Moulin des abus« Kolorierte Radierung, anonym 1791: Die von den Emigranten vorbereitete militärische Gegenrevolution wird in Frankreich selbst nicht ernst genommen. Das zeigt dieses in Paris verkaufte Blatt: Man sieht die Häupter der militärischen Emigration als eine große Don Quichotterie auf dem Marsch gegen das revolutionäre Frankreich, gerade in dem Augenblick, als das Scheitern der Flucht des Königs in Varennes bekannt wird. Condé erscheint im Mittelpunkt als Don Quichotte, Mirabeau-Tonneau auf einer faßähnlichen hölzernen Rosinante, begleitet von abenteuerlich jämmerlichen Gestalten. Der klapprigen, mit dem Kopf des Königs und adligen Wappen geschmückten Windmühle des Ancien Régime steht die offenkundig uneinnehmbare Festung Landau gegenüber. Bezug auf das deutsch französische am Oberrhein hat auch die Gruppe rechts von Condé: Es ist der auf einem Pfau sitzende Bischof von Speyer, als »Despot« bekannt, hier durch einen riesigen Bauch, eine überlange Nase und den zärtlichen Umgang mit einem jungen Priester persönlich angegriffen. Hier, wie auf anderen ähnlichen Blättern, trennt der Rhein die armselig-lächerliche Gegenrevolution vom Land der Revolution. F.D. Quelle: Ausstellungskatalog des Goethe-Instituts „Deutschland und die französische Revolution 1789/1989“

 

Der Winter sei hier so streng, berichtet Romain voll Schauder, daß man auf abgelegenen Bauernhöfen der Umgebung Villingens die Toten wegen der Schneemassen bis zur Beerdigung im Frühjahr im Rauchfang konserviere. Romain gibt allerdings zu, dies nicht selbst gesehen zu haben, aber halte solche Berichte seiner Landsleute durchaus für glaubwürdig, so unpassierbar seien oft die Wege in entfernte Täler, Schluchten und zu verschneiten Anhöhen. Und nicht ohne ein leicht ironisches Augenzwinkern empfiehlt er seinem Vater, solche Geschichten nicht seinen kleinen Kusinen zu erzählen, „denn wenn sie eines Tages zufällig durch den Schwarzwald reisen würden, wagten sie wohl nie, in einem Zimmer ohne Kaminabschluß zu schlafen.“ 6)

Beobachtungen beim Kontakt mit der Einwohnerschaft Villingens

Um Abwechslung in die tristen Wintertage zu bringen, mischen sich die Emigranten unter das Volk, besuchen die Villinger Wirtshäuser und versuchen, sich dem Verhalten der Einheimischen anzupassen, denn „man muß mit den Wölfen heulen, das heißt mit den Deutschen zusammen trinken und rauchen.“ 7)

Romain rühmt die bescheidene, einfache, zufriedene Lebensart der Schwarzwälder. Die Menschen sind von tiefer Frömmigkeit, der Vater spricht bei jeder Mahlzeit für die ganze Familie das Tischgebet, und sonntags werden auf dem Friedhof die Gräber der Angehörigen besucht — das harmonische Bild einer Welt, die für den adligen Romain noch in Ordnung ist, weil er bei diesen gottesfürchtigen Menschen noch keine Anzeichen revolutionärer Auflehnung gegen die gottgewollte Ständeordnung feststellt:

„Dieses Volk, das sich nicht darum schert, wie man sich in Paris kleidet, wie man dort ißt, scheint um so glücklicher zu sein, als es keine Not kennt, als es keine Vergnügen genießt, außer seine Felder und Wiesen zu bestellen und sich um die Familie zu kümmern. Sicherlich fände ein ehrlicher Mann hier vielleicht ein echteres Glück als in unseren französischen Städten.“ 8) Es sind einfache und harmlose Vergnügungen, denen sich das Volk hingibt: An Sonn- und Feiertagen besuchen alle den Gottesdienst, und abends treffen sich die Männer in der Wirtschaft, oft auch in Begleitung ihrer Ehefrauen, um zu zweit zwei Schoppen Wein 9) oder vier Maß Bier 10) zu trinken, zusammen mit ein wenig Kümmelbrot, das man ihnen auf einem Teller serviert, der voll mit Salz bedeckt ist.

„Sie sitzen sich da drei oder vier Stunden an einem Tischende gegenüber, die meiste Zeit, ohne ein Wort zu reden, und beschränken sich darauf, die Leute zu beobachten, die kommen und gehen oder die sich einfach hinsetzen, um sich genauso zu verhalten. Unser ganzes Benehmen zieht auf eigenartige Weise ihre Blikke an:

Aber falls wir bei ihnen irgendwelche tiefsinnigen Gedanken hervorrufen, so bringen sie diese sehr selten in unserer Gegenwart zum Ausdruck, ohne Zweifel aus Zurückhaltung, einer Tugend, die wir kaum pflegen.“ 11)

Wem kommt es nicht bekannt vor, dieses Bild vom schweigsamen, eher verschlossenen Schwarzwälder, der besonders dem Fremden gegenüber mit Zurückhaltung reagiert?

Ab und zu spielen fahrende böhmische Musikanten zum Tanz auf, und dann kommt es durchaus vor, daß junge Emigranten an dem eher beschaulich-schwerfälligen Treiben mit den schmachtenden Walzerklängen teilnehmen:

„Dann drehen sie ihre oder die Wirtin ihrer Freunde viel schneller zum Tanze, als diese es gewohnt sind, was manchen Matronen nicht immer gut bekommt, dicken und bisweilen altersschwachen Frauen, einer Art unbeweglicher Säulen, die dieses Vergnügen dennoch wie ganz junge Mädchen genießen, ohne jegliche Hintergedanken …“ 12)

Ist es für den Leser dieser 200 Jahre alten Zeilen nicht eindrucksvoll, hier gewisse Urteile, Stereotypen zu finden, die die Vorstellung vieler Franzosen von den Deutschen auch heute noch bestimmen? So schreibt z.B. bei einer allerdings nicht repräsentativen – Umfrage unter 11000 französischen Schülern 13) eine große Zahl französischer Jugendlicher, sie fänden es auffallend, auf der Straße sehr viele dickbäuchige Deutsche zu treffen. Und in einem bekannten Chanson des Sängers Gilbert Bécaud aus den 70er Jahren 14) besingt dieser die deutschen Mädchen als „gross‘ mad‘ moiselles“… Auch die Charakterisierung des Tanzvergnügens als ein eher „schwerfälliges Treiben“ 15) bringt verblüffende Parallelen zu einer Umfrage, in welcher Franzosen die auffallendsten negativen Eigenschaften nennen sollten, die sie bei Deutschen feststellten: eine gewisse Schwerfälligkeit („lourdeur“) und Fehlen von echter Fröhlichkeit („pas de vraie gaieté“) wurden mit am häufigsten genannt 16).

Was die Eßgewohnheiten betrifft, so erscheint die Schwarzwälder Küche dem verwöhnten französischen Gaumen des adligen Herrn eher bescheiden: Den ganzen Winter wird geräuchertes Rind- oder Schweinefleisch gegessen, dazu gibt es Sauerkraut, manchmal gedörrte Birnen, Äpfel oder Pflaumen, die mit viel Soße serviert werden. Der Salat „schwimmt fast immer im Essig“.

Fast täglich kommen Teigwaren auf den Tisch. Außer Kartoffeln oder weißen Rüben gibt es kaum ein Gemüse, allenfalls an Festtagen etwas Karotten und Zwiebeln. Die Suppe ist dünn (sie besteht hauptsächlich aus Brühe), neben dem üblichen Bier gibt es allenfalls einen „minderwertigen Weißwein“ von Rhein oder Neckar zu trinken.

Romain schließt seine Schilderung der Schwarzwälder Küche mit der nicht sehr schmeichelhaften, etwas herablassenden Bemerkung, insgesamt seien Kost und Logis durchaus auszuhalten: „Man gewöhnt sich an alles“.

Ausführlich beschreibt Romain die schönen Schwarzwälder Trachten, die vorwiegend sonntags getragen werden und deren Luxus offensichtlich im Gegensatz zur allgemein üblichen Sparsamkeit steht: Das Mieder der Frauen ist reich verziert mit seidenen oder goldenen Tressen, sie tragen sehr kurze Faltenröcke aus einem so festen Stoff, daß diese beim Ausziehen allein stehen bleiben.

Als Kopfschmuck dient den Frauen entweder ein Häubchen aus feinem Leinen, eine Haube aus Samt oder schwarzer Seide, besetzt mit schwarzen Spitzen oder Gold. Andere tragen ein samtenes, mit Pelz besetztes Käppchen, über das sie zum Ausgehen einen breitrandigen Filzoder Strohhut setzen:

„Stellt man sich in einer solchen Aufmachung ziemlich breit und kräftig gebaute Frauen vor, von denen manche auch feine Gesichtszüge tragen, dann bekommt man ein Bild der typischen Schwarzwälderin.“ 17)

Die Männer, „hochgeschossen, verschlossen, die Hände in den Taschen“, tragen kurze Kniehosen aus dunklem Leder. Über das Hemd ziehen sie eine meist scharlachrote Weste mit hellen Metallknöpfen; die Weste hält ein breiter Ledergurt zusammen, dazu gehören prächtige, mit Stickereien verzierte Hosenträger.

Über der Weste tragen sie eine Jacke und darüber einen sehr langen Rock, der vorn und hinten zugeknöpft werden kann. Als Kopfbedeckung dient ihnen im Freien ein großer, breitrandiger Filzhut und im Haus eine pelzbesetzte Samtmütze.

Die materielle und psychologische Situation der Emigranten während des Winterlagers

Zum harten Winterwetter und der Abgeschiedenheit des kleinen Schwarzwaldstädtchens kommen finanzielle Probleme und beengte Unterkünfte, die von den Komfort gewohnten adligen Herren heftig beklagt werden.

In einem Rundschreiben vom 13. November läßt Condé, der aus eigenen Mitteln bis dahin jedem Adligen seiner Armee 39 Livres monatlich ausbezahlt hatte, diesen mitteilen, seine finanziellen Mittel seien erschöpft: Falls er von den Brüdern des französischen Königs oder den deutschen Fürsten keine Hilfe bekomme, müsse er die Zahlungen einstellen. Deprimiert stellt er seinen Leuten anheim, den Dienst zu quittieren und das Winterlager in Villingen zu verlassen:

„Ich nutze bewußt diesen Zeitpunkt, in dem der Adel sein Gehalt bezieht, um ganz offen mit ihm zu sprechen, damit diejenigen, die sich gerne von uns trennen möchten, mehr Wahlmöglichkeiten haben.“ 18)

Auch F. de Romain schreibt im Dezember 1792 an seinen Vater:

„Ich habe überhaupt kein Geld mehr; das heißt, mir bleiben noch ungefähr 100 Francs und meine Uhr, die ich zu verkaufen versuche, was ziemlich schwierig ist, trotz ihres schweren Goldgehäuses.“ 19)

Dankbar rühmt Romain die Opferbereitschaft und Treue vieler Diener, die ihren adligen Herren in die Emigration gefolgt sind:

„Sie seufzen vor Kummer, mitansehen zu müssen, wie so bedeutenden Männern das Notwendigste fehlt, oft ein Glas Wein oder eine Tasse Kaffee, die für ihre Gesundheit unentbehrlich sind, weil sie es so gewöhnt sind. Diese braven Leute begnügen sich mit einem Glas Wasser und einem spärlichen Rest Fleisch, den ihre Herren auf dem Tisch stehen lassen. Als Anhänger des Königs brennen sie wie ihre Herren darauf, in den Krieg zu ziehen.“ 20)

Diese Anhänglichkeit ging nach Romain bisweilen so weit, daß sie den Adligen „ihre bescheidenen Ersparnisse, die sie in zwanzig Dienstjahren zusammengetragen hatten“, anboten.

Wir sehen, die adligen Herren sind tief von dem Bewußtsein durchdrungen, daß ihnen ihr Glas Wein oder ihre Tasse Kaffee zustehen. Was sie unter Armut und Entbehrung verstehen, ist immer noch sehr erträglich; die Entbehrungen sind vor allem im Vergleich zu ihrer aufwendigen Lebensführung vor Ausbruch der Revolution zu sehen: Von existentieller Not der Emigranten im Villinger Winterlager kann keine Rede sein.

Einige Beispiele belegen, daß sich die Emigranten einigermaßen angenehm einzurichten wußten. So berichtet Romain, daß er zusammen mit einem Freund die Gemeinschaftsunterkunft im Franziskanerkloster aufgegeben hat, weil es ihm dort zu laut war:

„Ich fand dort nicht einmal die Möglichkeit, Euch (d.h. dem Vater) zu schreiben; ein Freund und ich haben uns mit guten Deutschen geeinigt, die uns verpflegen und beherbergen für elf Kreuzer täglich (…) Dafür bekommen wir jeden Tag mittags eine Suppe, ein sehr kleines Stück Fleisch und einen Teller Gemüse, das alles ohne Brot, weil wir jeden zweiten Tag ein Kommisbrot bekommen, das nicht schlecht ist. Abends bereite ich mir mein Nachtessen mit einer kleinen Schüssel geronnener Milch, die mich drei Heller kostet. Ich bröckle mein Brot hinein, und dann gehen wir in unsere Betten schlafen, wo wir oft zwischen zwei riesigen Bergen von Bettfedern schwimmen. 21)

Der Leser kann sich eines Schmunzelns nicht erwehren über diese recht amüsante Darstellung der für viele Franzosen auch heute noch ungewohnten, großen Kopfkissen und Federbetten in Deutschland.

Wir erfahren auch, daß die Herren tagsüber oft in den Wäldern ihrer Jagdleidenschaft frönen, ohne sich um so lästige Fragen wie Jagd- und Eigentumsrechte zu kümmern — Rechte, auf die sie ja bei sich zu Hause, vor der Revolution, peinlich genau Wert gelegt haben! 22)

Und ausführlich wird geschildert, wie die Speisekarte, die sonst aus dem „ewigen gekochten Rindfleisch“ bestand, hie und da durch „Wildpastete aus Rehkeule und Hirschfilet“ raffiniert bereichert wurde.

Ins Schwärmen gerät Romain, wenn er sich erinnert, wie diese Delikatessen sich im Ofenrohr der Kachelöfen des Franziskanerklosters herstellen ließen: Das Wildbret, fein gewürzt, vermischt mit Speck und Fett, wird:

„In eine große Schüssel aus Ton gelegt, deren Deckel man mit dem weichen Inneren unseres Schwarzbrots luftdicht verschließt; danach wird die Schüssel genau in die Mitte des Ofenrohrs geschoben, das die gleiche Wirkung wie ein Herd hat. Ihr könnt Euch den feinen Duft vorstellen, den dieses Meisterwerk der Militärkochkunst in dem ärmlichen Gebäude verbreitet. 23)

Der Stolz, der aus so viel kulinarischem Erfindungsreichtum herausklingt, kommt uns auch heutzutage recht bekannt vor:

„Ich glaube, man muß Franzose sein, um seine Zeit mit derlei Dingen zu verbringen.“ 24) Auch Fürst Condé fand häufig Mittel und Wege, seine Standesgenossen zu regelrechten Empfängen zu bitten:

„Vor der Tür des großen Wirtshauses, in dem er residiert, sieht man, wie sich Leute abplagen, Nahrungsmittel herzuschleppen, um etwa dreißig royalistische Gäste, die er täglich zu Tisch lädt, zu bewirten, und zwar sehr großzügig, wenn man bedenkt, daß er ein Fürst in der Emigration ist. Sein Grillmeister, den er aus Chantilly hat kommen lassen, hat auf der Straße ein großes Feuer angemacht, über dem sich die Bratspieße, schwerbeladen mit Fleisch, drehen.“ 25)

Was mögen wohl die Einwohner Villingens beim Anblick solcher Szenen von den Klagen über Armut und Not der Emigration gehalten haben? Die Langeweile der Kleinstadt versuchen sich die Herren durch Spiele und sportliche Wettkämpfe zu vertreiben: „Man machte gute Miene zum bösen Spiel.“ 26)

So lädt der Herzog von Enghien, der ebenfalls zum Villinger Winterlager gestoßen ist, die sportlichsten Offiziere seiner Truppe zu Geländewettläufen ein.

„Ach, was würden wir hier fröhlich leben, wenn auf unseren Herzen nicht die Gefangenschaft des Königs und die schlimme Lage unserer Liebsten lasten würde! 27)

Die Klage Romains zeigt sehr anschaulich die Widersprüche zwischen der materiell durchaus erträglichen Lage der Emigration einerseits und ihrer depressiven Stimmung andererseits.

Villingen als Zentrum der Gegenrevolution:

Politische Aktivitäten der Emigranten während des Winterlagers

Diese niedergeschlagene Stimmung der Emigranten hat ihren Grund vor allem in der drohenden Auflösung der Condé-Armee, die wie ein Damoklesschwert über dem Villinger Winterlager schwebt: Wie bereits eingangs erwähnt, fühlen sich die Emigranten von den europäischen Monarchen im Stich gelassen. Prinz Condé entfaltet deshalb von seinem Villinger Quartier aus verzweifelte diplomatische Aktivitäten, um eine Auflösung seiner Armee zu verhindern.

Bereits am 7. November 1792 hat er in einem Brief an Kaiser Franz II. dringend um Geld gebeten, aber nicht einmal eine Antwort erhalten.

Da erscheint es den Emigranten wie eine Fügung des Himmels, als eine Kalesche aus St. Peters-burg vor Condés Quartier ankommt:

„Wir haben aus diesem Wagen einen hochgewachsenen jungen Mann mit angenehmen Gesichtszügen aussteigen sehen, bekleidet mit einem pelzgefütterten Mantel (…). Er trat zu uns, fragte, wo der Prinz sei, und begab sich sofort zu ihm. Fünf Minuten später kam er zurück , um jemandem aus dem Gefolge in einer Sprache, die ich nicht verstand, zu sagen, er solle alles ausladen, was sich in seiner Kalesche befinde. Die ersten Gegenstände, die man anpackte, waren kleine Kisten, von denen wir geheimnisvoll reden hörten: ‚Es ist Geld!‘

Aber, um Gottes willen, wie schwer diese Kisten waren! Zwei Männer konnten sie nur mit Mühe tragen, zu viert mußte man man sie die Treppe hochschleppen.“ 28)

Bei dem jungen Herrn handelt es sich um den französischen Herzog von Richelieu, der sich im russischen Heer gegen die Türken militärische Verdienste erworben hat und nun im Auftrag der Zarin Katharina II. nach Villingen gereist ist, um Condé und seinen Leuten das Angebot zu machen, sich am Asowschen Meer auf der Krim niederzulassen. Mehr noch als dieses großzügige Asylangebot erfreut die Emigranten aber der Inhalt der obenerwähnten schweren Kisten: Sie enthalten 60000 Dukaten als Reisegeld.

Condé und sein Stab sähen einen Rückzug auf die Krim freilich als einen Verrat an der gerechten Sache des französischen Königs an —sie benutzen die staatliche Summe vielmehr, um der Truppe finanziell über den Winter im Schwarzwald zu helfen.

Wie wertvoll diese Hilfe der Zarin ist, wird sich wenige Wochen später zeigen, als am 28. Januar 1793 von Wien aus die Auflösungsorder für die Condé-Armee kommt: In brüsker Form teilt der österreichische General Graf Wallis dem Prinzen Condé mit, die Emigranten würden, falls sie es wünschten, zum 1. April 1793 als „einfache Soldaten“, allerhöchstens im Rang von „Unteroffizieren“, in das kaiserliche Heer übernommen. Man konnte aus dem Ton unschwer den „Mangel an gutem Willen und die Antipathie gegen die Soldaten der ehemaligen französischen Armee herauslesen“. 29)

Fast gleichzeitig läßt eine weitere Hiobsbotschaft die Stimmung der Emigranten auf den Tiefstpunkt sinken: Wie eine Bombe schlägt am 25. Januar im Hauptquartier Condés die Nachricht ein, daß Ludwig XVI. vier Tage zuvor in Paris hingerichtet worden sei. Condé läßt, wie bereits bei Tocha erwähnt 30), in der Franziska-nerkirche zu Ehren des Hingerichteten einen Gedenkgottesdienst feiern, dreitausend Emigranten versammeln sich in der Kirche und auf dem Kirchplatz. Nach dem Gottesdienst hält Condé eine feierliche Ansprache an seine Leute, die er mit einem flammenden Appel1 zum Widerstand und zum weiteren Kampf für die Monarchie schließt:

„Aber Sie wissen, meine Herren, es ist ein Grundsatz, daß der König in Frankreich nie stirbt. Möge der Himmel dieses kostbare und wichtige Kind [gemeint ist der achtjährige Kronprinz Louis Charles, Amn. d. Verf.] schützen, das, obwohl für das Glück ausersehen, vom Leben bis jetzt noch nichts kennt außer das Unglück, geboren zu sein! Welches Schicksal es auch haben mag, es kann Gott nur wohlgefällig sein. Laßt uns vor seinem Altar, wie es in Frankreich Brauch ist, der neuen Begeisterung für unsere althergebrachte Liebe zu unseren Königen Ausdruck verleihen und unserem rechtmäßigen Herrscher alles Gute wünschen“ Der König ist tot, meine Herren. Der König ist tot! Es lebe der König!“ 31)

Laut wiederholt die Menge „Es lebe der König!“, und die französischen Emigranten vermerken gerührt, daß auch die Villinger Bevölkerung, die zahlreich auf dem Franziska-nerplatz erschienen ist, Mitgefühl und Trauer gezeigt habe: „Das Volk stimmte, so wie es zusammen mit dem Adel Tränen vergossen hatte, in die Hochrufe auf den neuen König ein.“ 32)

Dieses Mitgefühl der Bürger, das die Emigranten so beeindruckt, hält sich am österreichischen Hof offensichtlich in den nüchternen Grenzen der Staatsraison: Wie bereits dargelegt, kommt in Villingen fast gleichzeitig mit dem Kondolenzschreiben die Auflösungsorder für die Condé-Armee an. Nicht wenige Emigranten stellen ernsthaft Überlegungen an, ob sie nicht doch das Angebot Katharinas II., sich auf der Krim niederzulassen, annehmen sollen.

Condé jedoch kämpft verzweifelt für die Erhaltung seiner Armee und läßt von Villingen aus seine vielfältigen Beziehungen spielen, um den Kaiser umzustimmen. 33)

Unter Hinweise auf die Dukaten der Zarin gelingt es ihm tatsächlich, den Hof zu überzeugen, daß seine Armee finanziell noch einige Monate überstehen kann und daß Wien lediglich für die Verpflegung der Truppe („pain“) und Futter für die Pferde („fourrage“) sorgen müsse. Tatsächlich erreicht Condé das Unerwartete: Anfang März 1793 wird die Auflösungsorder widerrufen. Allerdings wird die Condé-Armee dem Oberbefehl des österreichischen Generals Wurmser unterstellt und hat sich österreichischen Organisationsprinzipien zu unterwerfen. Die große Mehrheit der Adligen erhält den normalen Truppensold von rund neun Kreuzern pro Tag; nur wenige behalten ihren Offiziersrang, ihnen werden fünfzehn Kreuzer ausbezahlt.

Lediglich zwei Adligen wird ein Generalsrang zugestanden: Condé wird im Range eines Divisionschefs zum Feldmarschall, der Herzog von Bourbon als sein Stellvertreter zum Generalmajor ernannt. Condé akzeptiert ohne Widerrede diese nicht gerade verlockenden Bedingungen und organisierte den Abzug aus dem Villinger Winterlager.

Zwischen dem 26. und 28. März 1793 zieht seine Armee in drei Gruppen aus Villingen und Umgebung ab, um über Oberndorf, Horb, Rottenburg und Cannstatt nach Heilbronn zu gelangen, wo sich alle am 4. April 1793 treffen. Nach zehntägigem Lager in Heilbronn erhält Condé von General Wurmser den Marschbefehl, um sich mit den österreichischen Truppen im Hauptquartier in Speyer zu vereinigen; von hier aus soll zusammen mit dem preußischen Heer das von der französischen Revolutionsarmee besetzte Mainz angegriffen werden.

So scheint der Abschied von Villingen den Emigranten nicht allzu schwergefallen zu sein, in ihren Memoiren widmen sie ihm nur einige Zeilen; für Condé und seine Leute sind Monate der Untätigkeit, des quälenden Wartens im Schwarzwaldwinter vorbei. Sie haben ohnehin immer das Gefühl gehabt, hier nur geduldet gewesen zu sein, und der Aufbruch in den Kampf erscheint ihnen fast wie eine Erlösung. Ob die Villinger Bevölkerung über den Abzug ihrer Wintergäste ähnlich erleichtert war? Aufsuchen und Auswertung von Quellen, die die Villinger Perspektive zeigen, wäre sicherlich ein lohnendes Unternehmen.

Anmerkungen:

1) „Es [d.h. Villingen] ist ein wahrhaftes Sibirien.“

2) F. de Romain, Souvenirs d’un officier royaliste, Paris 1824. Romain, aus dem Arrondissement Saumur stammend, war in der königlichen Armee Hauptmann des Artillerieregiments von Grenoble.

3) Michael Tocha, Villingen im Zeitalter der französischen Revolution (1770-1815), Jahresheft XIV (1989/90) des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S. 7-19. Wertvolle Anregungen zu diesem Aufsatz und die entscheidenden Literaturhinweise verdanke ich meinem Kollegen Michael Tocha, der seinerseits von Arnulf Moser, Konstanz, wichtige Informationen erhielt.

4) Eine genaue Erforschung der Villinger Ratsprotokolle sowie einer Chronik der Villinger Ursulinen könnte sicherlich interessante Aufschlüsse bringen.

5) Romain, S. 268 f.

6) Romain, S. 270

7) Romain, S. 278

8) Romain, S. 277

9) ein Schoppen („un chopine“) Wein entspricht etwa einem halben Liter.

10) Ein Maß („une pinte de biere“) Bier entspricht etwa einem Liter.

11) Romain, S. 278

12) Romain, S. 279

13) Zit. nach Dieter Tiemann, Frankreich- und Deutschlandbilder im Widerstreit, Europa Union Verlag, 1982 14

14) Titel des Chansons: „La grosse noce“ („grosse“ bedeutet im Französischen „dick“).

15) Romain, S. 278, verwendet den Begriff „tumultes languissants“.

16) Rene Cheval, L’imagerie franco-allemande, in: Revue d’Allemagne, avril-juin 1973.

17) Romain, S. 273

18) Romain, S. 265

19) Romain, S. 289

20) Zit. nach: Rene Bittard des Portes, Histoire de l’Armée de Condé pendant la Revolution Francaise (1791-1801), S. 55

21) Romain, S. 290 f.

22) Hierüber müßten in Villinger Quellen, Ratsprotokollen o. sicherlich Klagen zu finden sein.

23) Romain, S. 283

24) Romain, S. 281

25) La Boutetiere, L’Armée de Condé d’apres une correspondance inedite de son chef, 1791-1801, Paris 1881, S. 8

26) De Piepape, Histoire des Princes de Condé au XVIIIe siecle, Paris 1913, S. 176

27) Romain, S. 283

28) Romain, S. 284 f.

29) Rene Bittard des Portes, S. 59

30) a.a.o., Jahresheft XIV, S. 14

31) Romain, S. 292 f. Der achtjährige Kronprinz Louis Charles wurde von den Royalisten nach der Hinrichtung seines Vaters als rechtmäßiger Thronfolger, Ludwig XVII., angesehen. Das Kind wurde im Juni 1793 auf Befehl des Nationalkonvents einem Jakobiner, dem Schuster Simon, übergeben und soll 1795 umgekommen sein.

32) D’Ecquevilly, Campagnes du Corps sous les ordres de son altesse serenissime Mg` le Prince de Condé, Paris 1818, Band 1, S. 46.

33) Der Vertraute Condés, Marquis d’Ecquevilly, berichtet sehr ausführlich in seinen Memoiren, wie er mit der diplomatischen Mission betraut wurde, beim preußischen König Friedrich Wilhelm II., vorstellig zu werden, damit dieser wiederum in Wien gegen die Auflösung der Condé-Armee aktiv werde: Ecquevilly, a.a.o. S. 50 ff

34) Zit. nach Rene Bittard des Portes, S. 67.