Die deutsch-französischen Beziehungen in Villingen im Jahre 1992 (Marc Henninger)

Die etwa 2500 Mitglieder der französischen Gemeinschaft bilden einen beachtlichen Teil der Villinger Bevölkerung im Jahre 1992. Diese Gemeinschaft kann zwei verschiedene Lebensweisen adaptieren:

Die Weltfremdheit, wo die Menschen kaum Verbindungen mit den Deutschen haben und sich zufrieden geben mit den bestehenden französischen Strukturen, d. h. eigener Lebensmittel-Laden, Kino, Offiziers- und Unteroffiziersheim, Sportvereine, Bibliothek und Videothek.

Das Integrieren in die deutsche Umwelt in allen Lebensbereichen (Beruf, Wirtschaft, Kultur, Familie) und mit dem ständigen Willen der beiden Bevölkerungen, die deutsch-französischen Beziehungen zu erweitern.

So wie die erste Lebensart schädlich und nutzlos ist, so ist die zweite eine Bereicherung und Aufwertung, die der heutigen geopolitischen Lage vollkommen angemessen ist. Selbstverständlich ist die zweite Lebensart schon seit langem angenommen worden und macht immer noch Fortschritte. Das bedeutet also, daß die deutsch-französischen Beziehungen in Villingen hervorragend sind.

Es ist jetzt interessant, diese Tatsache zu untersuchen, wenn man zum einen nach den Ursachen sucht und zum anderen die Verwirklichung dieser Beziehungen aufzeigt.

Die Gründe für die hervorragenden deutsch-französischen Beziehungen

Villingen liegt im Land Baden-Württemberg und die Geschichte dieser deutschen Gegend ist eng mit der Geschichte von Ostfrankreich, besonders mit Elsaß-Lothringen verbunden. Diese Teile Frankreichs und Deutschlands haben mehrere Gemeinsamkeiten, so z. B. Klima, Länderkunde, Traditionen, Landessitten, Sprache, Religion und Kultur. Dennoch sind die Einwohner dieser beiden Regionen die Vertreter von zwei verschiedenen Nachbarvölkern, die im Geschichtsverlauf öfter als Feinde erklärt waren. Aber in der Tat — beiderseits des Rheins — haben die Menschen diese zeitweilige Gegnerschaft immer wieder durch Begegnungen, ihren Gedankenaustausch und ihre Freundschaften über Grenzen hinweg aufgehoben. Also ist ein Deutscher im Elsaß kein Unbekannter und ein Franzose in Villingen für niemand eine Überraschung. In natürlicher Weise ist Villingen für den Empfang der Ausländer und besonders der Franzosen geeignet. Die Villinger und die Bewohner der Villinger Umgebung bekunden ein besonderes Interesse für Franzosen und für alles, was mit Frankreich zusammenhängt.

Die französische Gemeinschaft stellt derzeit 6,5 % der Villinger Bevölkerung. Diese geringe Anzahl könnte ein Ghetto oder einen Minderheits-Effekt erzeugen. Das ist erfreulicherweise nicht der Fall, denn auf beiden Seiten haben sich die Menschen bemüht, das zurückgezogene, „abgekapselte“ Leben zu verhindern. Diese anerkannte geistige Aufgeschlossenheit fördert die Verbindungen, bringt Gemütlichkeit für die Menschen und ermöglicht es, neue Freundschaften zu schließen.

Ein weiterer Grund für die gute Qualität der deutsch-französischen Beziehungen liegt im Wirtschaftsbereich. In der Tat muß man erkennen, daß die Anwesenheit der französischen Armee mit 270 Familien, 1200 Soldaten und außerdem die Familien der 80 Franzosen, die in Villinger Betrieben arbeiten, besondere Wirkung auf das wirtschaftliche Leben der Stadt haben. Obwohl die französische Armee weitgehend autonom ist, kann und will sie nicht alles selbst produzieren. Rege wirtschaftliche Kontakte sind vorhanden. Auch dies ist sicher ein Grund für gute deutsch-französische Beziehungen.

Der dritte Grund ist sentimentaler Art. Sowohl die Einheimischen als auch die Franzosen lieben die schönen Dinge des Lebens (Gastronomie, Festlichkeiten, Treffen mit Freunden, Stammtisch). Darüber hinaus sind viele Franzosen, die in Villingen leben, mit deutschen Frauen verheiratet, kennen Deutschland und die Deutschen und haben alles getan, um wiederzukommen. Da sie diese Wahl getroffen haben, gefällt ihnen die deutsche Lebensart und solche Empfindungen sind ebenfalls günstig für die deutschfranzösischen Beziehungen.

Die Verwirklichung der deutsch-französischen Beziehungen

Man kann diese Beziehungen in drei Kategorien einteilen: beruflich, kulturell und Familie.

Wir haben bereits festgestellt, daß die Anwesenheit eines französischen Regiments ein wesentlicher Faktor für die Qualität der beiderseitigen Beziehungen ist. Ein Beweis ist die Patenschaft des französischen Regiments mit einem ähnlichen deutschen Bataillon in Immendingen. Eine Patenschaft besteht nicht nur aus einer schönen Urkunde, die feierlich von den militärischen Behörden unterschrieben wird; es ist auch — und hauptsächlich    gemeinsame Arbeit mit mehreren Übungen, Lehrgängen und Wettbewerben, die jährlich veranstaltet werden. Trotz der Entfernung der beiden Standorte sind die Aktivitäten von Dauer und konstruktiv. Sie ermöglichen eine bessere gegenseitige Menschenkenntnis sowie der beruflichen Seite. Das fördert die Integration der Franzosen in Deutschland.

Ein Regiment, das in einer Stadt stationiert ist, benötigt gute Verbindungen zu verschiedenen Verwaltungsbereichen, der Kreis- und Stadtverwaltung, dem Kulturamt, der Feuerwehr, Polizei, Bahn und Post, dem Forstamt, um nur einige zu nennen. Diese verpflichtenden Beziehungen könnten auch Spannungen unterliegen aufgrund der vorhandenen Probleme, die nicht angenehm sind. Man kann jedoch feststellen, daß viele Verhandlungen immer gut ablaufen, dank gegenseitigem Verständnis und Freundlichkeit. Das gilt auch für die beiderseitige Nutzung von Sportanlagen, Schießanlagen und verschiedenen Gebäuden. Nahezu immer wird den Anforderungen entsprochen, zum größten Vorteil beider Seiten.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen unsere Kinder, welche schon im jüngsten Alter die freundschaftliche Beziehungen in den deutschen und französischen Grundschulen in Villingen erleben.

Auf dem Gebiet der Kultur sind die Kontakte von Dauer und vielfältig. Wie bekannt, gibt es Patenschaften zwischen der Stadt Villingen-Schwenningen und dem französischen Batailon, Partnerschaften mit den Städten Pontarlier und La Valette du Var. Die Deutsch-Französische Gesellschaft (DFG) trägt reichlich bei zu guter Qualität der Beziehungen und fördert Veranstaltungen, auf denen sich Deutsche und Franzosen begegnen, um die beiden Lebensarten besser verstehen und kennen zu lernen: Konzerte, Besichtigungen, Ausflüge, Tanzabende und diverse andere Festlichkeiten.

Mkhoui der DFG im Herbst 1987

 

Marc Henninger am 16.5.92 auf dem 25jährigen Jubiläum begegnen und gemeinsame Interessen zum der Deutsch-Französichen Gesellschaft

 

 

Idylle am Straßenrand? Wie wir alle wissen, werden die zahlreichen Partnerschaften unserer Stadt auf großen, hübschen, bunten Tafeln an den Zufahrtsstraßen dokumentiert. Schade, daß die Autofahrer, die mit Tempo 70 dort vorbeifahren, so viel Bild- und Textinformation auf einen Blick nicht so schnell erfassen können. Und Fußgänger kommen dort nicht vorbei. Wie wäre es, wenn man solche — oder ähnliche — Tafeln zusätzlich in den Fußgängerzonen unserer Stadt aufstellen würde?

Die Kenntnis der Traditionen ist sehr gründlich. Die Franzosen sind bei dem Fest, das den Villingern sehr viel bedeutet — der Fasnet — immer dabei. Ohne die Franzosen könnte diese Festlichkeit „Fast’net“ stattfinden! Aber dem ist nicht so. Die Fastnachtsvereine der Stadt laden systematisch die Franzosen ein und vergessen nie die „Garnisonsangriffe“, bei denen die Franzosen dreimal am Tag den Kampf verlieren und nach jedem Angriff wiedererstehen. Zu den kulturellen Ereignissen gehört auch der Sport. Hierbei sind die Beziehungen besonders eng. Viele Schützenvereine (Historische Grenadiere, Polizeisportverein, Bundespostverein) benutzen die französischen Schießanlagen, laden die französischen Freunde zu Wettveranstaltungen ein und alles spielt sich ab, als ob es immer so gewesen wäre.

Auch im Bereich der Familien werden die deutsch-französischen Beziehungen leicht verwirklicht durch:

die französischen Offiziere und Unteroffiziere, die mit deutschen Frauen verheiratet sind (11 %).

die Einschulung einiger französischer Kinder in deutschen Schulen.

die in beruflichen und kulturellen Aktivitäten geknüpften Freundschaftsbande. Eine einfache Begegnung verwandelt sich in Kameradschaft und dann in eine Freundschaft, die der Zeit und den Ereignissen widersteht. Sogar nachdem die französischen Familien Villingen verlassen haben, bleiben diese mit ihren deutschen Familien in dauerhafter Verbindung. — die Feiertage um Weihnachten und Neujahr, wo deutsche Familien französische Soldaten einladen, um gemeinsame Tage zu verbringen. Wir können also zum Schluß feststellen, daß auf sehr vielen Gebieten die Beziehungen hervorragend sind. Diese guten Verhältnisse müssen aufrecht erhalten und noch verbessert werden. Jetzt erst recht, wo unsere beiden Länder und Völker sich in einem vereinten Europa ohne Grenzen noch mehr als in der Vergangenheit begegnen und gemeinsame Interessen zum Wohle aller verwirklichen wollen.