Die „Herrenstuben-Sozietät“ in Villingen (Wolfgang Bräun)

Urlaub, Ferien, Dolce Vita, Vakanz, Freizeit, Muße, Nichtstun wer hat nicht Gefallen an solchen Zeiten, in denen trotzdem so allerhand passieren kann, und die nicht nur nach Ansicht der Werbeexperten zu den schönsten des Lebens gehören. Doch diese Einstellug ist nicht nur in der Neuzeit die des abhängig Arbeitenden, die der Lehrer und Schüler, die der Touristen oder ihrer Gastgeber. „Ehrsamer Müßiggang“ war in Villingen, einer Stadt mit mittelalterlicher Zunftverfassung, schon im 15. Jahrhundert die Betätigung derer, die nicht von ihrer Hände Arbeit, nicht vom Handwerk oder dem Handel lebten, sondern von ihren Renditen oder sonstigen Einkünften. Diese Mitglieder der „Herrenstuben-Sozietät“ waren jene Honoratioren der Stadt, die in deren Verwaltung selbst keine überragende Rolle mehr spielten, und die aus ihrem ursprünglichen Stadtregiment von einigen wenigen Geschlechtern verdrängt worden waren. Grafen und Edelleute, kirchliche Herren, Magistrat und Geistlichkeit der Stadt stellten den Kreis dieser ganz besonderen Zunft.

Ihr Haus stand in der Rietgasse, dort wo heute mit Fotoartikeln, mit der Dienstleistung eines Frisörs oder mit Versicherungen und Schreibbüro Umsatz gemacht wird. Ganz früher, die Senioren werden sich daran erinnern, wurde dort durch die Kaufleute Hebsacker und Bauer mit Lebensmitteln gehandelt und schließlich nutzte auch die Volksbank in den 70er- bis Mitte der 80er-Jahre den Um- und Neubau des früheren „Herren-Hauses“.

Die Geschichte der Müßiggänger und ihres Lokals ist bemerkenswert bis ins Jahr 1828. Seither ist es lediglich Wohn- und Geschäftshaus. Vordem aber war es ein Ort der vornehmen Geselligkeit, zu der sich auserwählte Bürger zusammenfanden. Das Haus stand im Besitz und Eigentum der Gesellschaft und war auf seiner Rückseite über einen Zugang mit dem Alten Rathaus verbunden.

Im oberen Stock nutzte man ein „Festsälchen“, wovon die höheren Fenster und ein Mobiliar-Verzeichnis Auskunft gaben. Zu den Kostbarkeiten gehörte auch das „Lüsterweibchen“, das seit vielen Jahrzehnten im Rathaussaal hängt, ein Sofa mit Wappenschmuck und jede Menge Wappenscheiben, die von den Bürgermeistern und Adeligen gestiftet wurden. Durch sie wurde die Mitgliedschaft ausgedrückt und man wies dadurch auch die honorable Stellung und Herkunft aus.

Von den vielen bedeutenden Gästen, die im Laufe der Jahrunderte nach Villingen kamen, Grafen, Kaiser, Kriegsherren, Deputierte und geistliche Würdenträger, waren die meisten wohl Logierbesuch bei der Johanniterkommende oder den örtlichen Klöstern — Kaiser Maximilian war jeweils Gast der Franziskaner , doch ist anzunehmen, daß alle jeweils auch zu einem Umtrunk in die „Herrenstube“ geleitet wurden. Vom Chronisten Heinrich Hug erfährt man, daß Wilhelm von Fürstenberg 1514 „uff die alt fassnacht“ die Herren der Stube zu einem Karpfenessen eingeladen hatte. Des Fürsten Bruder Friedrich stiftete 1525 einen „mechtigen Hirsch“ und bittet zur Tafel. Zu der Abendgesellschaft, die mit einem Tänzchen endete, habe der Graf seine Mutter, das ‚Ehegesponst‘, seine Kinder und etliche Begleiter von Adel mitgebracht.

Schließlich feierte man in der Rietgasse auch die glücklich überstandenen Gefahren der Bauernkriege, worauf der Rat der Stadt der Herrenstube eine besonders hohe Geldspende machte.

In seinem Tagebuch berichtet Abt Gaiser für das Jahr 1632 von der Schlichtung im Streit der Klöster St. Georgen und St. Blasien mit der vorderösterreichischen Regierung. Ort der neuen Abmachung über die Kontributionsabgabe: die Herrenstube.

Ein Festmahl mit anschließendem Feuerwerk an einem der Bäche in der Rietstraße markierte den in Rastatt geschlossenen Frieden mit Ludwig XIV. im Jahre 1715.

Das Haus in der Rietstrasse hatte jedoch nicht nur gesellschaftlichen sondern auch materiellen Wert: vier Stockwerke und ein gewölbter Keller machten nach einem Brandversicherungskataster aus dem Jahre 1766 geschätzte 1.000 Gulden aus. Das benachbarte Haus des Stubenknechts und Wirtes Josef Harscher wird auf 200 Gulden bewertet.

Als die Verwaltungsreform unter Kaiserin Maria Theresia die Zahl der Ratsmitglieder verringerte, verblaßte wohl auch der Glanz der Herrenstuben-Sozietät. Auch der Adel siechte dahin: mit dem Tod des letzten Ifflingers von Graneck, einem in Villingen ansässigen Geschlecht mit Gütern um Niedereschach, war auch der Adel ausgeschaltet.

Als Villingen 1806 an Baden kam, als Selbstverwaltung und Gericht dem Rathaus genommen wurden und der Gemeinderat dem Bezirksamt unterstellt wurde, war die Zunftstube kein Ort mehr für lokalpatriotischen Stolz. Schatten fiel auf die Sozietät, als der Präses Benediktinerabt Anselm Schababerle 1810 verstarb.

In der neuen, großherzoglichen Gesellschaftsordnung hatte man kaum noch Verständnis für die Statuten der Bruderschaft aus dem Jahre 1442. So fand man 1829 Ersatz mit der Gründung eines „Leseverein“. Dieser wurde später zur ‚Museumsgesellschaft‘, die auch gesellige Veranstaltungen abhielt.

Das Haus kam 1830 in private Hand und gehörte nach 1845 dem „Ochsenwirtshermann“ Hermann Ummenhofer. Er war leidenschaftlicher Zeichner historischer Soldateska und Maler von Motiven in Öl, die nach seinem Tod 1897 versteigert wurden.

Infotafel am Haus Rietstraße 20

 

Von 1862 bis 1873 betrieb Hermann Höhler die von Ferdinand Förderer betriebene Buchhandlung im früheren Zunfthaus.

Ein Wortspiel machte um 1870 unter den Villinger Kindern die Runde: „Hinter’s Hermann Höhler’s Hus hät mer hundert Hase höre huschte“.

Wie auch heute wieder, machte danach ein Frisör seine Geschäfte: Barbier Schirmeier eröffnete eine Rasierstube.

Als das Haus schließlich 1897 versteigert wurde, wollte es der Gewerbeverein kaufen.

Doch mit 1.000 Mark überbot Uhrenfabrikant Leopold King die Kaufleute. Er zahlte 28.000 Mark. Nach dem Umbau eröffnete Frau King einen Laden für Obst und Gemüse, den schließlich der Schwiegersohn Hebsacker und danach dessen Tochter mit Familiennamen Bauer bis Mitte der 60er Jahre weiterführte. Viele Jahre war dann das Haus der früheren Sozietät das der Geldgeschäfte … und der Renditen. Grad so wie nach 1442, als die Müßiggänger von Zins und Zinseszins lebten …