Das Villinger Rathaus vor der Renovierung und Sanierung 1992-93 (Elmar Fuhrer)

Das „Rathaus Villingen“ der Stadt Villingen-Schwenningen besteht eigentlich aus drei Häusern:

1) Das historische Rathaus, in Villingen das „ALTE RATHAUS“ genannt. Es ist am Mün-sterplatz gelegen und wird zum ersten Mal 1306 erwähnt. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts wurde das Alte Rathaus weiter ausgebaut; während in der Innenstadt Villingen die Traufenstellung der Häuser zur Straße üblich ist, steht das Alte Rathaus mit seinem spätgotischen Staffelgiebel zum Münsterplatz (also zur Straße). Ein weiterer Umbau wurde im Renaissancestil 1534-1538 gemacht, wobei der in der Seitengasse (Rathausgasse) vorspringende Treppenbau entstanden ist. Die Bemalung der Giebelseite, auf die heute noch viele Villinger stolz sind, wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts gefertigt von Karl Eidt. Sie mußte leider der sehr nüchternen Bemalung bei der Fassadenreparatur in den 30er-Jahren dieses Jahrhunderts weichen. Heute dient das Alte Rathaus als Museum und für Repräsentationszwecke. 1)

 

2) Das ehemalige Pfarrhaus der Münsterpfarrei, Haus Nr. 7, ist ebenfalls spätgotisch wie das Alte Rathaus. Dieses Haus wurde im Jahr 1926 von der Münsterpfarrei an die Stadt verkauft, damit die Stadt Villingen ihr Rathaus erweitern konnte; die Münsterpfarrei erwarb das Grundstück an der Ecke Kanzleigasse-Kronengasse zum Bau eines neuen Pfarrhauses (Vergleiche hierzu Jahresheft XVI des G H V, S. 12, Bild des Münsterplatzes vor dem Tausch der Grundstücke!).

3) Der nördliche Teil des Rathauses von Villingen ist ein Barockgebäude, Hausnummer 8 am Münsterplatz. Es wurde Ende der 20er-Jahre mit dem früheren Pfarrhaus vereinigt und umgebaut. Verursacht durch die total desolaten technischen Einrichtungen wie Heizung, Sanitär-und Elektroinstallation und im Hinblick auf die neu zu installierenden EDV-Anlagen entschloß sich die Verwaltung und mit ihr der Gemeinderat, die zwei Gebäudeteile zu sanieren. In enger Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt in Freiburg (Dr. Leusch und Dr. Jakobs) wurden 1988 durch Restauratoren im ganzen Objekt Voruntersuchungen durchgeführt. Dabei ergab sich, daß es keine zusammenhängende formale und stilistische Fassung gibt. Bei der letzten umfassenden Renovierung in den 20er-Jahren wurde eine damals übliche sparsame Fassung gefunden mit dem optischen Ergebnis der imitierten Holzmaserung.

1988 wurde durch den Restaurator eine Musterachse durch den barocken Hausteil angefertigt mit dem Ergebnis, daß diese Art einer imitierten Holzmaserung für ein Rathaus nicht befriedigend ist und in keiner Weise den Ansprüchen eines Repräsentativbaues, wie es ein Rathaus nun eben einmal sein soll, entspricht.

Nachdem nun der Gemeinderat sich durchgerungen hatte, das Rathaus zu sanieren, konnten ab Januar 1992 behutsam weitere grundlegende Voruntersuchungen vorangetrieben werden. Dadurch, daß das gesamte Rathauspersonal vorübergehend in das alte Landratsamt am Kaiserring umziehen konnte, war es möglich geworden, daß sämtliche Verkleidungen an Decken und Wänden abgenommen wurden und es zeigte sich ein klares Konzept der beiden Hausteile. Das sogenannte alte Pfarrhaus, also der südliche Teil des Rathauses, war ein schlichter Massiv-bau, der in den letzten Jahrhunderten verschiedene, nicht mehr nachvollziehbare Eingriffe überleben mußte. Es ergaben sich jedoch zwei sensationelle Funde, die sehr bedeutend für die Villinger Stadtgeschichte sein können:

1) Der von verschiedenen sachkundigen Bürgern und Fachleuten vermutete Übergang vom ehemaligen Pfarrhaus, jetzt Rathaus Nr. 7, zum alten historischen Rathaus (Ratssaal) muß tatsächlich bestanden haben, da in der Südwestecke im ersten Obergeschoß ein herrliches Gewände (Renaissance) zum Vorschein kam. Dies bestärkt die Vermutung, daß tatsächlich ein Übergang vorhanden war; damit ist auch zu klären, daß der sogenannte Wehrgangansatz an dieser Stelle vorhanden ist.

Tür-Gewände vom Pfarrhaus zum Rathaus

 

Es kann daraus gefolgert werden, daß die Münsterpfarrer somit einen trockenen Zugang in das Rathaus und durch dieses zur ehemaligen Herrenstube hatten, bei welcher die gehobene Klasse der Villinger Bürger — ehrsame Müßiggänger genannt – sich in der Stube traf (siehe auch Artikel von Wolfgang Bräun in diesem Heft und den Hinweis auf der Wappentafel am Haus Rietstraße 20!).

2) Bei Abnahme der Verkleidung im sogenannten Barockhaus Münsterplatz 8 im zweiten Obergeschoß kam der Nordgiebel des alten Pfarrhauses in Renaissance-Quaderbemalung zum Vorschein. Diese Fassadenmalerei wird durch den Restaurator dokumentiert, konserviert und restauriert. Der Fund dieser Wandbemalung ist ein klarer Beweis dafür, daß das Pfarrhaus bis zur Barockzeit das einzige Gebäude gegenüber der Münsterfassade zwischen Rathausgasse und Kanzleigasse war.

Im sogenannten Barockbau Münsterplatz Nr. 8 kamen bei der Wegnahme der ominösen Verkleidungen weitere Barocktäfer zum Vor-

Quadermalerei am Nordseite-Außengiebel des ehemaligen Pfarrhauses (jetziges Rathaus, Nr. 7)

 

Das „Lüsterwiible“ hängt seit Jahrzehnten im Sitzungssaal des Alten Rathauses. Ursprünglich schmückte es das „Festsälchen“ der Herrenstuben-Sozietät.

 

schein, die alle wieder gerichtet und ergänzt werden. Ebenso wurden in verschiedenen Räumen sogenannte „Villinger Parkettböden“ gefunden, die teilweise restauriert und ergänzt werden.

In Bezug auf den Fund der Nordfassade altes Pfarrhaus, jetzt Rathaus Münsterplatz Nr. 7, ergeben sich für die Geschichte Villingens viele interessante Befunde, die sich weitgehend auf die Renaissancezeit beziehen, in der Villingen eine bedeutende und auch optisch zum Ausdruck kommende Stadt war. „Optisch“ soll heißen: Die Hausfassaden und Wandmalereien im Innern hatten eine hohe Bedeutung und sind vergleichbar mit anderen bedeutenden Städten. In Villingen ist eine ganze Reihe solcher Beispiele aufzuweisen, bei denen unter dem neueren Putz alte Wandgemälde zu Tage kamen: Siehe z.B. Brunnenstr. 42 Haus Muhle, Rietgasse 4-16, Abt Gaiser-Haus beim Benediktiner, Glunkenhaus Färberstr. 64, Rietstr. 31, Rietstr. 11 und das historische Rathaus.

Quellennachweis:

Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen