„Mach Krueg, Haeffen, Kachel und Scherben” (Gunda Woll)

Hafnerwaren vom 16. bis 19. Jahrhundert im Museum Altes Rathaus Villingen-Schwenningen

Im Kreuzgang des Villinger Franziskanermuseums befindet sich ein Grabstein mit den Initialen „H.K.“ und der Jahreszahl „1562“. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um das Epitaph des Villinger Kunsthafners Hans Kraut. 1992 jährte sich damit der Todestag des berühmten Villinger Tonkünstlers zum 400sten Mal. Überregional bekannt ist Hans Kraut durch seine qualitätsvollen von Hand aufgebauten Tonplastiken sowie durch seine Relief- und Fayencekachelöfen. Eines seiner ersten urkundlich belegten Werke ist ein Keramik-Epitaph für den 1536 verstorbenen Malteser-Komtur Wolfgang von Maaßmünster mit einer Darstellung der Schlacht von Rhodos. Dieser Grabstein ist eine der Hauptattraktionen im Museum Altes Rathaus in Villingen-Schwenningen.

Die Städtischen Museen nahmen Mitte 1992 dieses Jubiläum zum Anlaß, eine Ausstellung von Hafnerwaren aus dem 16.-19. Jahrhundert zu zeigen, die in Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt und dem Stadtarchiv Ravensburg entstanden war. Villinger Ofen- und Gebrauchskeramik wurde erst jüngst geborgenem Vergleichsmaterial aus Ravensburg gegenübergestellt.

Renaissancemodel von Andreas Mauselin (1585-1619) und Hafnergeschirr aus dem 16. bis 19. Jahrhundert standen im Mittelpunkt der Ausstellung, die zuvor bereits in Ravensburg, Rottenburg a. N. und Rottweil zu sehen war. Der Ravensburger Fundkomplex wurde 1984 bei der Sanierung des mittelalterlichen Gebäudes Marktstraße 36 neu entdeckt und geborgen. Hinter einer unscheinbaren Putzfassade verbarg sich ein spektakulärer Fund: Renaissancezeitliche Ofenkachelmodel waren in den Fachwerckfeldern vermauert. In den Geschoßzwischenböden und in einer Abfallgrube unter der Treppe fanden sich Tausende alter Gefäßscherben, die sich zu vollständigen Geschirrsätzen rekonstruieren ließen. Den greifbaren Beweis für eine jahrhundertelange Hafnertradition in diesem Haus, die sich vom 16. bis 19. Jahrhundert auch archivalisch belegen läßt, lieferten dann die Überreste eines Brennofens sowie die Entdeckung von „Hafnerhilfsmitteln“.

Ein Portrait Kaiser Karls V. gehörte ebenso wie eine biblische Judith in der Tracht des 16. Jahrhunderts zu den Motiven der tönernen, plastisch modellierten Ofenkachelmodel. Meist waren mehrere Model zu thematischen Serien wie „Die sieben Tugenden“, „Die fünf Sinne“ oder „Planetengottheiten“ zusammengeschlossen. Die Model belegen eindrücklich den

Samson als „DIE STERKE“, Kachelmodel Städtisches Archiv Ravensburg

 

Geschmack städtischen Bürgertums um 1600 und gewährten Einblick in ein Stück vergangener Wohnkultur.

Die handwerkliche Fertigung einer Blattkachel von der Bildvorlage über die Stationen Holzmatrize, Tonmodel bis zur zweifach gebrannten glasierten Kachel wurde anschaulich vorgeführt. Gezeigt wurde eine reiche Palette an Gefäßformen wie Töpfe und Schüsseln, aber auch Rasierbecken, Weihwasserkesselchen und Nachttöpfe. Die Exponate zeigten einen Querschnitt durch das wenig erforschte Sonder- und Gebrauchsgeschirr des frühen 17. bis frühen 19. Jahrhunderts.

Die handwerklichen Zeugnisse der Villinger Hafner bildeten einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung. Model, Kachelserien und Gefäßkeramik belegen das handwerkliche und künstlerische Können der hiesigen Hafner —allen voran Hans Kraut.

Unter ähnlichen Fundumständen wie in Ravensburg wurden bereits im Jahre 1928 im Villinger „Hans Kraut Haus“ Kachelmodel und gebrannte Kacheln entdeckt. Sie bilden einen wichtigen Grundstock zur Definition und Würdigung seines künstlerischen Werkes. Hier galt es die Spreu vom Weizen zu trennen: nicht jede Ofenkachel aus dem 16. Jahrhundert wurde von Hans Kraut eigenhändig verfertigt. Zur Untergliederung in „Hans Kraut“, „Hans Kraut Werkstatt“, „Zeitgenossen“ und „Nachfolger“ wurden die Exponate von Susanne Mück und Dr. Dorothee Ade-Rademacher archivalisch, handwerklich und stilistisch neu beurteilt. Einem beachtenswerten Rahmenpositiv, das als Positivvorlage zur Herstellung von Kachelnegativen diente, widerfuhr eine neue Deutung und Würdigung. Tintengefäße von unterschiedlicher Form und Gestalt vertraten die Gebrauchskeramik. Ein mehrstockiges Tintenhaus von Alois Nüssle aus Grafenhausen verfertigt, das 1929 mit der Sammlung Oskar Spiegelhalder in der Städtische Sammlung kam, bildete einen optischen Höhenpunkt der Ausstellung. Von ihm stammte auch ein Glasurrezeptbuch. Auf’s Neue wurde hier in der direkten Gegenüberstellung bewiesen, daß die Keramik der Städtischen Sammlungen dem Vergleich durchaus standhalten kann, wenn auch der gut dokumentierte Fundzusammenhang noch fehlt.

 

Frau G. Woll bei der Arbeit

 

Motiv aus der Ausstellung Hafnerwaren