Buchbesprechung (Uwe Conradt)

Klaus Ringwald

Der Münsterbrunnen in Villingen

Herausgegeben von der Stadt Villingen-Schwenningen und Klaus Ringwald

Belser-Verlag Stuttgart und Zürich 1992

Stärker noch als die Portaltüren am Villinger Münster ist der Brunnen von Klaus Ringwald zu einem Ort von Kommunikation geworden. Fast zu jeder Tageszeit kann man Besuchergruppen finden, lesend, diskutierend, erklärend. Was bei den Türen wichtig war, die Beschreibung der Szenen aus Altem und Neuen Testament, der Bezug zur „hohen Politik“, das entfällt beim Brunnen. Die Identifizierung der Porträts, ein beliebtes Spiel der Villinger, ist viel eindeutiger geworden. Kaum noch ist das Rätselraten wichtig. Zu eindeutig sind die Porträts, die Stärke eines Ringwald. Und die Porträtnähe ist einem Klaus Ringwald in diesem Zusammenhang auch nicht wichtig. Stattdessen Stationen aus der Geschichte, der Gegenwart, Tafeln zu denkwürdigen historischen Ereignissen. Die Porträts werden zu Typen einer bestimmten Zeit. Der Brunnen als eine Art Bilder- und Lesebuch zur Stadtgeschichte    braucht’s da
noch noch einen Bildband zum Brunnen?

Die Aufgabe, die sich dem aus Salem am Bodensee stammenden Fotografen Bernhard Fuchs stellte, war ungleich schwieriger als bei den beiden Portaltüren des Villinger Münsters. Blieben diese noch weitgehend im Relief, kommen beim Brunnen vollplastische Figuren hinzu. Das Wechselspiel von Licht und Schatten wirkt umso stärker. Manchmal, bei längerer Verweildauer vor dem Brunnen, scheint es, als würden sich die Figuren drehen, sich bewegen. Das Foto aber kann nur den Augenblick wiedergeben, und eine „Schokoladenseite“ gibt es nicht. Jede Ansicht ist spannend, wichtig. Gerade im Zusammenspiel von Angeleuchtetem und Verschattetem liegt der Reiz des Brunnens. Eine Beobachtung, die selbst der flüchtig Vorübergehende schon machen kann.

Auf die einzig mögliche Art hat sich Bernhard Fuchs der Aufgabe genähert: der Rundgang, der jeweils drei Seiten des Brunnen-Achtecks abbildet, dann die Detailaufnahmen der Figuren. Die Inschrift auf den Textplatten wird auf der gegenüberliegenden Seite wiederholt. Das hat den Vorteil, daß die Seiten im Überblick dem Auge des Betrachters folgen. Jeder Betrachter wird zunächst die ihm zugewandte Gesamtansicht suchen, dann die Details abfragen. Die Reihenfolge der Seitenansichten im Buch entspricht dem historischen Ablauf, der dargestellt wird und der zugleich immer eine Epoche der Architekturgeschichte widerspiegelt: von der Romantik bis zum „Betonstil“. Vor Ort kann sich der Betrachter Anfangs- und Endpunkt frei wählen, im Buch ist die historische Folge sinnvoll.

Allein durch einfachen Standortwechsel erreichen die Figuren und Figurengruppen ihre Plastizität. Mal erscheint die Frau, die den Kopf aus dem Fenster hält, um ihre Haare im Strahl des Wassers zu reinigen, in Normalsicht, wie es der Betrachter vor Ort nicht könnte, mal in Untersicht, wobei die Kamera sich zugleich um das Objekt herumzugehen scheint. Dieser Vorgang ist bei allen Fotografien zu beobachten. Gerade die Ansichten, die vor Ort unmöglich sind, vervollständigen das Bild des Brunnens, das auch dem eingeweihtesten Betrachter noch Neues bieten kann. Daß die Hintergründe der Fotografien ohne Tiefe sind, ist notwendige Konsequenz. Nicht auf Münster und Bürgerhäuser kommt es an, sondern allein auf den Brunnen und seine Gestaltung. Die Fotos von Bernhard Fuchs bilden nicht einfach nur die Realität des Kunstwerkes ab, sind nicht nur die eigentlichen Glanzstücke des Buches, sondern erfüllen die Aufgabe des Erklärens, werden selbst zum Kunstwerk.

Rolf Legler interpretiert im Anschluß an die Fotos und Texttafeln die einzelnen Seiten des Brunnens und ordnet ihn ein in die Kultur- und Kunstgeschichte von Brunnen und Quelle. Eine kritische Anmerkung sei vermerkt: Rolf Legler bezeichnet die „klassizistische“ Front des Brunnens als Schauseite. Sicher, die Zeit des Verlustes alter Rechte und alter Zugehörigkeit, der auch schmerzliche Neubeginn im badischen Großherzogtum, war ein entscheidendes Ereignis der Geschichte der Stadt. Aber der in Anlehnung an das alte Taufbecken achteckige Brunnen kennt nur Schauseiten. Jede Seite ist gleich wichtig, was nicht bedeutet, daß sich nicht jeder Betrachter vor dem Brunnen seine Lieblingsseite aussuchen mag. Leicht faßbar geschrieben ist der Text, kulturhistorische Details werden unaufdringlich eingestreut. Gerade durch seine Kürze ergänzt der Text die Daten, die dem unvoreingenommenen Betrachter notwendig fehlen müssen. In diesem Text finden sich auch Hinweise zu den Türen: Schwarz-Weiß-Abbildungen und kurze Erklärungen der Bildtafeln. Das ist natürlich – zu wenig, um sich mit diesen Türen zu beschäftigen. Dazu hat der Belser-Verlag schließlich auch einen anderen Band herausgegeben. Mehr als nur Werbung für diesen Bildband sind die Hinweise trotzdem. Sie machen deutlich, in welcher Tradition ein Klaus Ringwald steht.

Die Kurzbiographie von Münsterpfarrer und Dekan Kurt Müller über den Künstler Ringwald ist weit mehr als nur das Aufzählen von Daten. Darauf verzichtet er fast völlig. Der Mensch Klaus Ringwald soll dem Leser nahegebracht werden. Manchmal liest sich diese „Biographie“ wie eine „Liebesgeschichte“. Hier ist ein kunst-befliessener und weltoffener Mann fasziniert von Person und Werk. Klaus Ringwald hat ihn ein stückweit auf seinem Weg seit der Entstehung der Münstertüren begleitet. Hier schreibt ein Freund über den Freund. Und diese Art der Biographie wirft ein besseres Licht auf den Künstler, als es dürre Fakten könnten. Und wem das Herz voll ist …

Ein Buch für die Villinger, um sich zu vergewissern, daß ihre geschichlichen Kenntnisse über das Städtle auf dem letzten Stand sind. Ein Buch für die Zugereisten, damit sie mitreden können und vielleicht auch als erster Einblick in die fast tausendjährige Geschichte ihrer neuen Heimatstadt.