20 Jahre Stadt Villingen-Schwenningen (Dr. Gerhard Gebauer)

Die Bilanz „20 Jahre Stadt Villingen-Schwenningen“ ist positiv. Die Stadt hat in dieser Zeit eine gute Entwicklung genommen. Ausgangspunkt ist für diese Beurteilung das Jahr 1972. Damals ist es darum gegangen, zwei in sich gefestigte Städte und weitere neun Dörfer zu einer kommunalpolitischen Einheit zusammenzufügen. Dabei konnte nicht auf die Erfahrungen anderer zurückgegriffen werden. Es mußte originäre Arbeit geleistet werden.

Villingen-Schwenningen war die mit Abstand größte Gemeindereform-Maßnahme in Baden-Württemberg, vermutlich sogar in der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Andere Städte sind mit dem Versuch, einen großen Wurf zu wagen, gescheitert. Man denke nur an das Bemühen zur Bildung der „Lahnstadt“, einem versuchten Zusammenschluß von Gießen und Wetzlar.

Wenn man nach den Gründen für das unbestreitbare Gelingen der Neubildung der Stadt Villingen-Schwenningen fragt, dann gibt es deren zahlreiche. Ausschlaggebend war aber sicherlich, daß die gesamte Bürgerschaft in alle Entscheidungen stets miteinbezogen worden ist. Nichts ist über die Köpfe der Menschen hinweg und gegen Mehrheiten geschehen. Dies war für mich stets eine unverzichtbare Voraussetzung für jedwedes Handeln im Einzelfall.

Positiv hat sich auch ausgewirkt, daß alle politischen Kräfte der Parteien und Wählervereinigung — teilweise nach anfänglichem Zögern — sehr bald zur gemeinsamen Stadt gestanden sind. Bereits wenige Jahre nach dem Städtezusammenschluß hat niemand, der politisch ernst genommen werden wollte, es gewagt, sich öffentlich gegen diese Stadt zu stellen.

Der Grund dafür ist letztlich darin zu suchen, daß die Argumente, die zur Bildung der gemeinsamen Stadt geführt hatten, überzeugend waren. Die unterschiedliche Entwicklung der Städte Villingen und Schwenningen in zurückliegender Zeit war Geschichte. Sie hatte eher zu einer Vernachlässigung des gesamten Raumes an den Quellen der Donau und des Neckars geführt. Grenzen waren aufgezogen worden, die wider jede Vernunft waren. Sie hatten die Menschen voneinander abgeschottet und sich dem Fortschritt entgegengestellt. Die Gründung des Südweststaates im Jahre 1952 war nur ein erster entscheidender Schritt, der die Voraussetzungen für das geschaffen hatte, was dann 1972 konsequent fortgeführt worden ist.

Seit dieser Zeit sind wir unserm Ziel, der Schaffung eines leistungsfähigen Oberzentrums, ein gutes Stück nähergekommen. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Bildung, Kultur, Jugend, Sport, Soziales und Freizeit. Die Entwicklung von Industrie, Handel und Gewerbe hat ebenfalls beachtliche Erfolge zu verzeichnen. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Ausbau der industriellen Arbeitsplätze noch nicht befriedigt und immer wieder schmerzhafte Rückschläge erleidet.

Die wichtigste Zielvorgabe für die kommenden Jahre sehe ich in der Notwendigkeit, die zentralörtliche Integration der Stadt zu stärken. Der städtebauliche Brückenschlag zwischen Villingen und Schwenningen ist mehr denn je unverzichtbar. Es muß zu einem ehernen Gesetz werden, daß alle Einrichtungen von oberzentraler Bedeutung ihren Standort im Zentralraum finden. Daß gegen diesen Grundsatz bei der Stadthalle verstoßen worden ist, kann nur bedauert werden.

Die Mittelpunktfunktion der Stadt Villingen-Schwenningen hat wesentlich gestärkt werden können. Sie war 1972 in dieser Form auch nicht annähernd vorhanden. Die Ausweisung als Oberzentrum der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg ist heute kaum noch umstritten.

Es wäre aber vermessen zu glauben, der Ausbau des Oberzentrums sei abgeschlossen. Bei genauem Hinsehen ist diese Entwicklung auch noch nicht annähernd beendet. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Bildung und öffentliche Dienstleistungen. Der abschließende Ausbau des Oberzentrums ist eine Aufgabe für Generationen.

Auch das Land Baden-Württemberg hat eine Vielzahl von guten Leistungen erbracht. Ich denke dabei vor allem an die Hochschulen. Hier ist ein beachtenswerter Einstieg gelungen, der aber keineswegs als abgeschlossen gelten kann. Gesamtstädtischer Geist ist immer wieder zunehmend anzutreffen. Dieser Eindruck wird überlagert durch Ereignisse einzelner Art, die mehr als notwendig das Gegensätzliche hervorheben und betonen. Wer sich erinnert, was 1972 an Gemeinsamkeiten vorhanden war, nämlich buchstäblich nichts, der darf zufrieden sein und braucht sich nicht entmutigen zu lassen.

Wir stehen vor einer grundlegenden Neuordnung der öffentlichen Finanzen. Deutsche Einheit und wirtschaftliche Rezession werden dazu führen, daß wir uns von vielen Wünschen verabschieden müssen. Die verbleibende Investitionskraft muß daher vor allem auf die Entwicklung des Zentralraumes konzentriert werden. Wenn wir dieser Erkenntnis nicht folgen, wird die Stadt in ihrer Entwicklung Schaden nehmen.

Es bleibt sicher noch vieles zu tun; aber im Blick zurück sehe ich nicht ohne Stolz auf das persönlich Erreichte und voller Genugtuung auf die Entwicklung der Stadt in allen ihren Lebensbereichen.