Zum 100. Geburtstag der Villinger Maler Waldemar Flaig und Richard Ackermann (Gertrud Heinzmann)

Wir gedenken der beiden bedeutenden Maler Waldemar Flaig und Richard Ackermann, die beide vor 100 Jahren in ihrer Vaterstadt Villingen geboren wurden: W. Flaig am 27. Januar 1892, R. Ackermann am 11. September 1892. Die Erinnerung an ihr künstlerisches Werk bleibt ganz besonders in ihrer Heimat lebendig. Eine seltene Freundschaft verband diese beiden Malerkollegen; sie waren sich wesensverwandt in ihrem künstlerischen Schaffen und beide tiefverbunden mit ihrer Vaterstadt Villingen. Beide wurden durch die Fronterlebnisse des 1. Weltkriegs und ihre Verwundungen herausgerissen aus ihrer bürgerlichen Bahn und als junge Männer nach dem Krieg in den 20er Jahren zu Avantgardisten des Expressionismus, ähnlich ihrem berühmteren gleichaltrigen Kollegen und Malerfreund Otto Dix.

Beider Leben und Werk soll auch an dieser Stelle gewürdigt werden.

Waldemar Flaig wuchs in einer angesehenen Villinger Handwerkerfamilie mit künstlerischen Neigungen auf: ein Vorfahr seiner Mutter Wilhelmine Flaig, eine geborene Schertle, war der im 19. Jahrh. lebende angesehene Zeichner und Lithograf Valentin Schertle; sein Vater, der Glasermeister August Flaig starb früh, als Waldemar erst 6 Jahre alt war. Bei seinem Stiefvater, dem Kunst- und Dekorationsmaler Albert Säger in der Rietstraße, ging er in die Lehre und bekam so eine gründliche handwerkliche Ausbildung bis zur Gesellenprüfung, auch in der Fresko- und Wandmalerei. Albert Säger, als realistischer Landschafts- und Historienmaler seiner Heimatstadt gut bekannt, wurde ihm ein gründlicher Malervater, bis in ihm die künstlerische Begabung sichtbar wurde und er zur Weiterbildung an die Kunstgewerbeschule in Karlsruhe und an die Akademie der bildenden Künste nach München ging. Danach folgte 1913 eine fruchtbare Wanderzeit in den Süden nach Rom und Neapel; Zeichnungen, Skizzen und Tuscharbeiten brachte er mit heim. Im 1. Weltkrieg 1914-18 wurde er jäh aus seinem beginnenden künstlerischen Schaffen gerissen, war 4 Jahre lang Frontsoldat, bis er im Juli 1918 an der Marne verschüttet und schwer verletzt mit einer Rückenlähmung ins Lazarett eingeliefert wurde. An Krücken kam er heim nach Villingen. Später bricht aus ihm das Entsetzen durch über Krieg, Tod und Zerstörung und findet seinen starken künstlerischen Ausdruck 1921 im Ölgemälde „Golgatha 1914, Der Tod im Stacheldraht“. Dieses erschütternde Bild vom toten Soldaten im Stacheldraht dokumentiert seine tiefe Ausdeutung vom Krieg und Tod und läßt doch Raum für eine hoffnungsvolle Vision für neues Leben und eine Zukunft, symbolisiert durch die gemalten Samenkapseln des Löwenzahn im Vordergrund des Bildes.

 

 

 

 

 

 

 

 

Das christliche Golgatha-Thema als Mahnbild hat ihn auch später in seinem „Golgatha 1932“ kurz vor seinem Tod nicht zur Ruhe kommen lassen. Trotz Kriegsverwundung und körperlichen Leiden, die sein ganzes kurzes Leben anhielten und wohl auch zu seinem frühen Tod führten, erschien er seinen Freunden als froher, lebensbejahender Künstler. Er zieht nach Meersburg, heiratet 1920 die Villingerin Maria Thoma aus der Oberen Straße, zwei Kinder werden geboren, der Sohn Hubert (er fiel im 2 Weltkrieg 1943 in Rußland) und die Tochter Erika (verheiratete Milpacher). Die Erinnerungsausstellung für Waldemar Flaig im Juli 1992 im Villinger Franziskaner Museum kam zustande durch die gemeinsame Initiative der Stadt Meersburg und der Stadt Villingen-Schwenningen.

Die verinnerlichte Aussagekraft seiner Bilder zeigt sich ganz besonders in seinen Landschaften vom Schwarzwald, vom Bodensee, von Meers-burg. Als Beispiel sei hier das eindrucksvolle Bild „Schnellzug Schwarzwaldbahn“ (1924) herausgegriffen aus der Fülle seiner Landschaften. Die aufgewühlte nächtliche Gewitterlandschaft mit dem dahinbrausenden Zug in den Tunnel hinein, alles in gespenstischer Bewegung in dunkelgrün-blau-braun gebrochenen Farbtönen, mit helleren Dampfwolken darüber, expressiv von ihm empfunden und gemalt. In den 12 aktivsten Jahren seines kurzen Lebens von 19201932 entstanden viele Ölbilder, Lithografien, Aquarelle, Feder- und Rötel-Zeichnungen. Auch das Don Quichote-Thema reizte ihn wie seinen Freund Ludwig Engler zu ganz eigenwilliger Darstellung. In der Porträt-Malerei sind bemerkenswert: Otto Dix (1924), Ludwig Engler (1926), die Tänzerin Tatjana Barbakoff (1927), viele Selbstbildnisse, seine Frau in „Mutter und Kind“ (1923) und Bildnisse seiner Kinder, auch ein Narro (1929). Diese Porträts, die in vielen Ausstellungen hingen und ihn bekannt machten, sind mehr oder weniger in traditionellem Stil gemalt. Seine eigenwilligste expressive Formgestaltung fand er in Landschaften seiner Heimat. Daneben schuf er bei Ausmalungen in Kirchen, Kapellen und Pfarrhäusern Fresken, Altarbilder und Hinterglasmalereien, die seine tiefe Religiosität zum Ausdruck brachten. In der schwierigen Inflationszeit der 20er Jahre war er an jedem größeren Auftrag froh, hatte er doch auch eine Familie zu ernähren. Er beschickte viele Ausstellungen mit seinen Landschaften und Porträts. Die anstrengenden Fresko-Ausmalungen Anfang der 30er Jahre und seine leidenschaftliche Arbeitsweise dabei hatten seine geschwächte Gesundheit so angegriffen, daß er nach einer Mandeloperation am 4. April 1932 im Villinger Krankenhaus starb, unfaßbar für seine Familie und seine Villinger Freunde. Richard Ackermann, der sich für seinen so früh verstorbenen Malerfreund oft eingesetzt hatte, hat auch zu Ausstellungen in Villingen Arbeiten von W. Flaig mitbeschickt, so 1946 nach dem 2. Weltkrieg in Villingen zur Kunstausstellung im damaligen „Haus der Jugend“ (Waldschlößle), Titel des Verzeichnisses „Maler des Schwarzwaldes und der Baar“. Für die Sonderausstellung „Waldemar Flaig“ im Alten Rathaus Villingen 1974 hatte Ackermann seinen Freund W. Fl. in einer früheren Laudatio folgendermaßen charakterisiert: „In den Jahren 1918-21 vollzog sich seine und auch meine endgültige Abkehr vom Antik-Akademischen zum Freilicht-Malerischen und damit zur Impression und zur neuen Expression des Gestaltens. Flaig also zeigt den illustrativen Expressionismus, der nicht wie die meisten im Nihilistischen stecken blieb, sondern richtunggebende Direktiven aufweist: Landschaft, Figurationen verschiedenster Gebiete in allen Registern menschlichen Empfindens.“

Die Würdigung der Malerpersönlichkeit Richard Ackermann soll einleitend unter dem Motto stehen, das er seinem Temperabild „Blick auf Villingen“ einschrieb: „Segen sei über dieser Stadt“. Dieses Bekenntnis aus dem Kriegsjahr 1940 drückt seine tiefe Verbundenheit mit seiner Vaterstadt aus. Im Bild bricht die Lichtfülle der Sonnenstrahlen aus dunkel drohenden Wolken hervor und erhellt Villingen; Tannen und Silberdisteln im Vordergrund als Symbole für Schwarzwald und Baar bilden den Rahmen. Ackermann, der nicht nur den 1. Weltkrieg wie sein Freund Flaig schwer verwundet erleiden mußte, sondern auch den 2. Weltkrieg als Soldat mit der Gefangenschaft in Frankreich überlebte, wurde als Maler zum bekennenden Kriegsgegner, zum Humanisten und Friedensbeschwörer, wie besonders die Ausdeutung der heimatlichen Legendengestalt des Romeius sichtbar macht: er läßt in seinen Darstellungen den Romeius sich wandeln vom kriegerischen Landsknecht Ro-meius militans über den eingekerkerten Romeius Mann zum Mahner, Wächter und Friedensstreiter für eine bessere Zukunft. Das spricht auch uns Heutige an! R. Ackermann, der unverheiratet blieb und keine eigene Familie hinterließ, lebte in besonderer Hinwendung in seiner Heimatstadt Villingen zu seiner kunstsinnigen Mutter, bis sie 1948 im Heilig-Geist-Spital starb, und seinen Freunden, die ihm nahe verbunden waren, die seine expressive Kunst bewunderten, ihn unterstützten und ihm auch materiell halfen. Wenn man ihn in seiner bescheidenen Werkstatt in der Bertholdstraße besuchte, war man erstaunt über die Fülle neuer Entwürfe, Modelle und Bilder, die man bewundernd entdecken konnte. Aus seinem christlichen Glauben schöpfte er Hoffung und Trost, so wie er es in dem „Magischen Gedicht“ zu den 10 wundervollen Tempera-Blättern „Advent“ (1937-46 entstanden) ausdrückte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Richard Ackermann wuchs in Villingen in einem gut bürgerlichen Elternhaus auf, in dem Wohlstand herrschte und familien-traditionsbewußte Kultur seit Generationen gepflegt wurde. Sein Vater war Wilhelm Ackermann, ein selbständiger Kaufmann der Textilbranche in der Niederen Straße 10; sein Urgroßvater Dominik Ackermann, der Ältere, der „Ölmüller“ genannte Schemenschnitzer und Bildhauer; sein Großvater, Dominik der Jüngere, Maler von Villinger Landschaften; seine Mutter Anna, geb. Martin, tiefreligiös und kunstliebend, stammte aus einer Familie, die Opernkapellmeister, Schriftsteller, Pfarrer und Ärzte hervorgebracht hatte. Die Werke der Dominik-Ackermann-Ahnen begleiteten Richard sein Leben lang. Er studierte zuerst in Freiburg Glasmalerei und monumentale Wandmalerei, dann an der Kunstakademie Karlsruhe Grafik und impressionistisches Malen. Nach dem 1. Weltkrieg, den R.A. als Kriegsfreiwilliger schwerverletzt und zeitlebens gehbehindert überlebte, in dem auch sein Vater und sein Bruder Ernst, beide gelernte Kaufmänner, schwerverletzt wurden, brachte die Inflationszeit mit dem Tod des Vaters und des Bruders den völligen Ruin des väterlichen Geschäftes und den Verlust seines geliebten Elternhauses in der Niederen Straße. In dieser Notzeit entstehen aus tiefster christlicher Glaubenshoffnung des Maler-Mystikers die Zyklen-Mappe „Gothische Welt“ (1926), die „Advents-Mappe“ (1937) und die Aquarell-Miniaturfolge „Mein Villinger Kreuzgang“, die 10 Bildgedichte aus Villingen und Umgebung „Elendjahrzeit 1931“. Völlig mittellos, nachdem die Mutter 1932 ins Pfründnerheim übergesiedelt war, lebte er zurückgezogen ganz seinen künstlerischen Aufgaben, die er seit 1933 als „Expressionist“ geächtet als Maler der „entarteten Kunst“ nur in „innerer Emigration“ ausüben konnte. *) Seine miserable Lage damals geht aus einem Brief vom 8.6.34 an die NS-Jury hervor: „Ich bin finanziell nicht mehr in der Lage, Ausstellungen zu beschikken oder die vom Bund geforderten Fotos zu beschaffen“. Ein Lichtblick war die Freundschaft mit dem Fabrikanten Hermann Schwer, für den er die Kunstkartenserie „Vom Schwarzwald und seinen Trachten“ und die Aquarell-Serie um die Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“ schuf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Hoffungsschimmer war auch der Auftrag im „Theater am Ring“, vier Gemälde im Foyer zu malen (1942). Trotz seiner Invalidität wurde er noch zum Militärdienst bei der Luftabwehr eingezogen bis zum Tag der Kapitulation im April 45; auf dem Fußmarsch nach Hause griff ihn ein französischer Trupp auf und brachte ihn nach Frankreich in die Gefangenschaft für ein 3/4 Jahr. Nach seiner Heimkehr wuchsen ihm neue Kräfte zu, und eine Blütezeit seines schöpferischen Tuns entstand in den 50er und 60er Jahren. Großaufträge in Fresko wie das Triptychon in der Südstadtschule (1954), das Wandbild in der Handelsschule „Die Lichtrakete“ (1960) und Zyklenmappen wie „Die Romeius-Quelle“ (1958), „Spektral-Entladungen“ in Aquarellen, „Abstrakta“ (1960), „Flammen und Strahlen“ (1967) und als letztes großes Werk (1967) 11 Lithografien „Villingen, die Stadt der schönen Türme und Tore“, bevor er am 10 Juli 1968 starb. Der Wert seiner zahlreichen künstlerischen Arbeiten in Bilderzyklen, Mappen, Tafelbildern in Öl, Aquarell und Tempera, in Lithografien und Holzschnitten verdient es, der Öffentlichkeit in Villingen in einer Gesamt-Kunstausstellung in Erinnerung zu bleiben.

Sein christlicher Glaubensgrund, nach dem er lebte und malte, findet treffenden Ausdruck in seinem Magischen Gedicht in 10 Tempera Blättern Advent“:

 

Schrifttum:

*) Dr. Gustav Heinzmann, „Bildkunst vom Schwarzwald und von der Baar. Der Maler und Grafiker Richard Ackermann.“ Band 5 der Schriftenreihe der Stadt Villingen-Schwenningen. S. 38 ff.

 

Waldemar Flaig, Schwarzwaldlandschaft, Öl auf Leinwand, 79 x 99 , 1929

 

Es würde den Rahmen dieser Jahresschrift sprengen, wollte man auch nur einige wesentliche Werke der beiden Künstler Richard Ackermann und Waldemar Flaig abbilden, die in den Würdigungen von Gertrud Heinzmann und Herbert Muhle genannt sind.

Wir möchten deshalb hier ausdrücklich auf Bücher bzw. Kataloge über R. Ackermann und W. Flaig hinweisen und Ihre besondere Aufmerksamkeit darauf lenken. Ausführliche Informationen hierzu finden Sie in der Literaturliste der Städtischen Museen in diesem Heft.

Die nachfolgende Biographie über Waldemar Flaig wurde übrigens erstmals im diesjährigen Katalog zur Ausstellung im Franziskaner veröffentlicht. Unser Dank gilt dem Autor für die Genehmigung zum Nachdruck.

Wem die Kunst das Leben ist, dessen Leben ist eine große Kunst.