Das Wirtshaus zu der Mohrin (Bertram Jenisch)

Villinger Wirtshäuser des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit im Spiegel von Archäologie, Bauforschung und Schriftquellen

Die Ausgrabung an der Rietstraße 27-31

Bedingt durch große Baumaßnahmen wurde die archäologische Forschung in Villingen in den letzten Jahrzehnten intensiviert. Die so neu hinzugewonnenen historischen Quellen erweiterten unsere Kenntnis über das mittelalterliche Leben, losgelöst von der schriftlichen Überlieferung, ganz entscheidend. Allmählich wird es möglich, das Bild dieser mittelalterlichen Stadt, in Zeitschichten getrennt, ausschnittsweise wieder erstehen zu lassen. Die Grabungen erbrachten neue Erkenntnisse zur Wohnbebauung, Befestigung und der handwerklichen Produktion in der Stadt. Unerwartet wurden aber auch eine Reihe von anderen Aspekten beleuchtet. Einer davon wird uns im Folgenden beschäftigen.

Von Februar bis Mitte Mai 1989 mußten an der Rietstraße 27-31, bedingt durch den Bau des sogenannten Riet-Zentrums, ca. 600 m2 durch das Landesdenkmalamt, Archäologie des Mittelalters, Außenstelle Freiburg, archäologisch untersucht werden. Die zweigeschossige Unterkellerung der Gesamtfläche machte diese Maßnahme unabdingbar‘). Die Baumaßnahme ermöglichte erstmals eine großflächige Ausgrabung an der ehemaligen Marktstraße Villingens, die zwar unter einem enormen Zeitdruck stand, aber dennoch bemerkenswerte Ergebnisse erbrachte.

Während die Fläche des Grundstückes Rietstraße 31 weitgehend gestört war, haben sich auf dem Rest der Fläche nahezu ungestörte Schichten erhalten. Die Störung des westlichen Bereichs ist um so schmerzlicher, da sich hier der Pfleghof des Klosters St. Katharinental zu Dießenhofen befand (Abb. 1, 8)2). Obwohl das Kloster seit 1259 in Villingen ein nicht zu lokalisierendes Haus besaß, wurde die Niederlassung erst am 17. Oktober 1314 urkundlich erwähnt. Von diesem Baudenkmal wurde nur die Fassade, der bemerkenswerte Dachstuhl und ein mit renaissancezeitlicher Wandmalerei ausgeschmückter Raum in die neue Baukonzeption mit einbezogen. Zur Baugeschichte dieses imposanten Gebäudes mit einer Breite von 17,4 m konnte leider nichts beigetragen werden. Im Inneren befanden sich lediglich zwei Latrinengruben einer Vor-bebauung, die für die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zu erschließen ist.

Weit komplexer waren die Beobachtungen auf den Grundstücken 27 und 29, die ursprünglich eine Parzelle bildeten. Im Zentrum des Areals wurde der rückwärtige Bereich eines Gebäudes erfaßt, das straßenseitig von der bestehenden Bebauung überlagert war (Abb. 1, 1).

Das Haus war 6 m breit und besaß ein nur leicht in den anstehenden Kies eingetieftes 90 cm breites Fundament aus Kalksteinen. In der Südwestecke befand sich eine starke Konzentration von Holzkohle und angeziegelten Steinen und Lehm, die ehemalige Herdstelle. In der Südostecke lag, ungewöhnlich für Villingen, ein 50 cm ein-getiefter Kellerraum von 2,5 m Breite, der am Rand mit Flechtwerk befestigt war. Auf dem Kiesboden zeichneten sich durch Rostspuren zwei Kreise mit einem Durchmesser von ca. 90 cm ab, die als Standspuren von Fässern zu deuten sind. Der erfaßte Bereich des Hauses muß als Küchen- und Vorratstrakt gedeutet werden.

Im südlich angrenzenden Hofbereich lagen sieben kreisrunde Latrinengruben, 1,5 m tief und mit einem Durchmesser von ca. 2 m. Die mit einem korbartigen Geflecht ausgekleideten Gruben bestanden nicht gleichzeitig. Sie lösten einander vom späten 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert ab. Ins 13./14. Jahrhundert sind auch zwei quadratische, überdachte Gruben mit einer Seitenlänge von 2,5 m zu datieren. Bei einer zeichneten sich vier Pfosten an den Ecken ab, die Reste eines auf dem Boden aufliegenden zeltartigen Daches. In der Verfüllung fanden sich die verkohlten Balken der Dachkonstruktion, mit der die Grube nach einem Brand aufgefüllt wurde. Die mit einem Korbgeflecht versteiften Gruben dienten vermutlich der Vorratshaltung. Trotz zahlreicher Ausgrabungen wurden solche Bauten erstmals in Villingen angetroffen.

Im 14. Jahrhundert wurde das Areal erheblich umgestaltet. Zunächst wurde an die Südostecke des Hauses eine gemauerte Latrine (Abb. 1, 3) angebaut. Nur wenig später wurde das Haus abgebrochen und von den Fundamenten eines größeren Gebäudes (Abb. 1, 2) überlagert, das sich vermutlich nach Norden bis zur Rietstraße erstreckte. Die bestehende Bebauung verhinderte eine weitere Untersuchung der zu erwartenden Innenstrukturen.

Diesem Haus können im Hinterhofbereich der Nachbargrundstücke zwei Ökonomiegebäude zugeordnet werden, die ein erstaunlich hohes Alter aufweisen. Für das westliche (Abb. 1, 5) konnte durch eine dendrochronologische Untersuchung des rudimentär erhaltenen Dachstuhls das Baudatum 1370/71 ermittelt werden, was mit dem Umbau des Haupthauses korrespondiert. Ein in Teilbereichen erhaltener Glattputz läßt vermuten, daß hier einst Getreide eingelagert war. Das Gebäude war durch eine Tür mit dem Nachbarhaus (Abb. 1, 6) verbunden, das 1491/923) angebaut wurde. Hier befand sich eine Mälzerei. In den zusammengehörigen Gebäuden erfolgte die

 

Abb. 1: Villingen, Rietstraße 27-31. Gesamtplan M.1:500. 1- Wirtshaus zu der Mohrin (Phase I) mit Latrinengruben (helles Raster) und Keller, bzw. überdachten Vorratsgruben (dunkles Raster). 2 – Wirtshaus zu der Mohrin (Phase II). 3 – gemauerte Latrine. 4 – zerstörte Latrine. 5 – Scheune, erbaut 1370/71. 6 – Mälzerei, erbaut 1491/92. 7 – Weg. 8 – Pfleghof Kloster Katharinental.

Lagerung und Aufbereitung von Getreide für die Bierherstellung. Der Boden des Erdgeschosses, wo sich vermutlich auch Stallungen befunden haben, war durch neuzeitliche Unterkellerungen gestört.

Dieser Komplex war durch einen Weg (Abb. 1, 7) von dem beschriebenen Klosterpfleghof getrennt. Diese Situation gibt auch eine Stadtansicht aus dem Ende des 17. Jahrhunderts sehr realistisch wieder.

Die rechteckige Latrine, die unmittelbar hinter dem neu errichteten Haupthaus lag, war aus Trockenmauerwerk aufgebaut, ihre lichten Maße waren 5 x 2,3 m, sie war 1,5 m tief.

Die Schichten der 17 m3 fassenden Latrine waren klar zu trennen und lieferten ein umfangreiches, zeitlich differenzierbares Material. Neben drei Zentnern Keramik, darunter zahlreiche vollständig erhaltene Töpfe 4), enthielt sie auch viele Gläser und weitere Kleinfunde. Das Material datiert in das 14. bis 17. Jahrhundert, die abschließende Deckschicht enthielt Funde des 19. Jahrhunderts, die Struktur der Füllschicht läßt auf einen großen Brand schließen.

Nur wenige Meter davon entfernt wurde auf dem Nachbargrundstück im Herbst 1989 bei Bauarbeiten eine vergleichbare Grube (Abb. 1, 4) angetroffen. Sie wurde vor einer systematischen Untersuchung wissentlich abgebaggert.

Überblick zu den Funden aus der gemauerten Latrine

Aufgrund der Materialfülle ist eine Darstellung des gesamten Fundkomplexes aus der gemauerten Latrine derzeit noch nicht möglich, doch soll an dieser Stelle ein repräsentativer Überblick über die Zusammensetzung des Grubeninhalts stehen (vgl. Titelbild).

 

 

Das Fundspektrum ist sehr homogen, es enthält weitgehend Koch- und Tafelgeschirr. Vergleichbare Funde, etwa die Fragmente eines figürlich ausgestalteten Gießgefäßes enthielten bereits die Flechtwerkgruben seit dem Ende des 13. Jahrhunderts. Um die Entwicklung des Fundstoffes zu verdeutlichen, werden daher einige Funde (Abb. 2,1.3 und 3,8) aus der Flechtwerkgrube 3 mit vorgestellt.

Den weitaus größten Anteil am Gesamtkomplex hat die Geschirrkeramik. Zu den frühesten Stücken zählen grautonige Töpfe mit Leistenrändern (Abb. 2,1), die noch ins 13. Jahrhundert zu stellen sind. Die Töpfe des 14. bis frühen 16. Jahrhunderts (Abb. 2,2) sind mit weit über einhundert Stücken die umfangreichste Fundgrube. Obwohl ihre Höhe zwischen 10 und 50 cm streut, sind sie sich in Proportion, Randbildung und technologischen Eigenschaften sehr ähnlich. Neben den Töpfen enthielt die Abortgrube noch weiteres Kochgeschirr. Bei einer Gruppe von Gefäßen, den sogenannten Grapen, sind drei aus Ton gewülstete Beine angarniert. Das früheste Exemplar dieser Art ist eine Grapenpfanne (Abb. 2,3) mit einer hellgrünen Innenglasur, die um 1300 datiert. Im 16. Jahrhundert wurden die Grapentöpfe (Abb. 2,6) zu einer sehr geläufigen Form, die entweder grautonig und unglasiert oder rottonig mit grüner Innenglasur auftritt.

Als Eßgeschirr für breiige Speisen oder Suppen sind Hen-kelschalen zu werten. Frühe Formen des 14. Jahrhunderts sind steilwandig und besitzen eine hellgrüne Innenglasur (Abb. 2,4), während spätere Formen ausladender sind (Abb. 2,5) und in ihrer Gestaltung den Grapentöpfen ähneln.

Da die Formen mittelalterlicher Keramik sehr langlebig sind, ist es ein besonderer Glücksfall, daß sie hier mit besser zu gliedernden Gläsern5) vergesellschaftet sind. Aus der vorgestellten Latrine stammt der umfangreichste Komplex an Hohlgläsern, der bisher in Villingen stratigraphisch geborgen wurde.

Eine Flechtwerkgrube im Hofbereich enthielt das Oberteil einer farblosen, gestauchten Flasche (Abb. 3,8) des späten 13. Jahrhunderts.

Aus der untersten Schicht der gemauerten Grube stammen Fragmente eines emaillebemalten Glases von der Wende des 13. zum 14. Jahrhunderts. Dem farblosen Glas haften Reste von gelbem und grünem Emaille an. Im oberen Bereich ist, durch Linien eingefaßt, die Aufschrift [M]AGIST[ER] zu lesen, auf der Wandung sind Pflanzendarstellungen zu erkennen.

Zu den frühesten Funden zählen Nuppengläser vom „Schaffhauser Typ“ (Abb. 3,9). Die qualitätvollen Gläser datieren in das 14. Jahrhundert. Sie sind sehr dünnwandig und fast farblos, mit einer leichten Türkisfärbung. Auf die Wandung sind die namengebenden kleinen Nuppen in Reihen angebracht, der Standring ist gekniffen.

Ihnen verwandt sind die Krautstrünke (Abb. 3,11), eine Leitform des 15. und 16. Jahrhunderts. Die Becher aus grünem Glas sind viel dickwandiger als frühere Formen und haben wenige große Nuppen auf der Wandung. Da neben treten aber auch noch weitere, feinere Glasformen auf. Besonders bemerkenswert sind Flaschen aus hellgrünem Glas mit einer Wandstärke unter 1 mm. Ihr Boden ist stark eingewölbt, die Wandung durch senkrechte Rippen gegliedert und der Hals tordiert.

Größere Glaspokale besaßen Stülpdeckel (Abb. 3,12), von denen mehrere Exemplare in Fragmenten vorliegen. Weit verbreitete Trinkgefäße waren einfache Glasbecher, deren Wandung durch schrägumlaufende Rippen verziert sind (Abb. 3,10). Diese Verzierung entstand beim Blasen der Becher in eine Form. Der Boden der Becher wurde hochgestochen, als man das noch weiche Gefäß aus der Form hob.

Neben Gläsern traten im Fundspektrum auch noch keramische Trinkgefäße auf. Kleine Becher mit grüner Innenglasur (Abb. 3,5) sind wegen des geringen Fassungsvermögens von wenig mehr als 2 cl am ehesten als Schnapsbecher anzusprechen. Tassen aus Faststeinzeug (Abb. 3,7), mit wellenverziertem Standfuß und Ösen-henkel, wurden mit Sicherheit nicht in Villingen hergestellt, sondern vermutlich aus dem Elsaß importiert. Besonders interessant sind zwei bisher einzigartige Sonderformen, die möglicherweise früher einen Stammtisch zierten.

Ein Bügelbecher (Abb. 3,1), der an das Ende des 14. Jahrhunderts datiert, weist eine für Villingen typische frühe gelbgrüne Glasur auf. Ohne Parallelen ist ferner ein um 1500 zu datierender Sechspaßkrug (Abb. 3,6), der vollständig geborgen wurde. Die Innenseite ist mit einer dunkelgrünen Glasur überzogen, die auf der Außenseite nur Mündung und Wand vollständig bedeckt, sie verläuft an der Basis.

Neben Trinkgeschirr fanden sich auch Gegenstände, die das Alltagsleben im Mittelalter näher beleuchteten. Öllämpchen (Abb. 3,2), flache Schälchen mit einer herausgezogenen Schneppe, fielen offenbar bei nächtlichen Toilettenbesuchen häufiger in die Latrine. Ferner fanden sich mehrere Sparbüchsen (Abb. 3,4), die erwartungsgemäß alle zerschlagen waren. Die Behältnisse besaßen einen 3,2 cm langen und bis zu 2 mm breiten Schlitz, um Münzen hineinzustecken. Alle Exemplare wiesen ferner eine Durchbohrung auf, vermutlich konnten sie mittels eines querliegenden Hölzchens und einer damit verbundenen Schnur aufgehängt werden. Ungewöhnlich ist das Auftreten von mehreren Schröpfköpfen (Abb. 3,3), die im mittelalterlichen Gesundheitswesen eine Rolle spielten. Dieser Überblick über das Fundspektrum läßt freilich noch einige Fragen offen. Unklar ist zunächst, weshalb überhaupt die zahlreichen Fundstücke in die Latrine gelangten. Die Errichtung und auch das Leeren einer solchen Entsorgungseinrichtung war nicht billig und man nutzte sie daher nicht als Müllkippe. Auf diesen Umstand ist es wohl zurückzuführen, daß hölzernes Gerät, das man, wenn es schadhaft wurde, verbrennen konnte und Metalle, die wieder einzuschmelzen waren, stark unterrepräsentiert sind.

 

Fundauswahl Trinkgeschirr und Sonderformen – vgl. Abb.3 und Titelbild.

Besonders die großen vollständigen Töpfe dienten als Wasserbehältnisse zur Toilettenhygiene und fielen wie die zahlreichen Kleinfunde unbeabsichtigt in den Abort. Bei einer Benutzungsdauer von mehr als 300 Jahren erscheint die Fundmenge bei weitem nicht mehr so groß.

Das Wirtshaus zu der Mohrin – Schriftliche Belege

Das Anwesen mit dem ungewöhnlich großen Abort, der sich neben seiner Konstruktion auch durch den hohen Fundanfall auszeichnet, kann kein normaler Haushalt gewesen sein. Eine Aufarbeitung der Urkunden im Stadtarchiv Villingen ergab, daß an diesem Platz das mittelalterliche Gasthaus „Zu der Mohrin“ bestand6), man wird nicht fehl gehen, wenn man den beschriebenen Befund damit in Verbindung bringt. Die große Besucherzahl erforderte eine angemessene Entsorgungsvorrichtung und bedingt auch die große Zahl der Funde.

Das Gasthaus wird am 25. Oktober 1526 in einem Ur-fehdebrief der Katharina Kuenb ergerin von Was serburg7) erstmals erwähnt.

Sie hatte in Rottweil Diebstähle begangen und die Contrebande bei der „wuertin zum Adler in Villingen“ verkauft. Sie stahl auch fünf Leinentücher bei dem „wuert zo der Moerin in Villingen“, dessen Namen wir leider nicht erfahren.

Erst 1631 wird mit Mathias Schilling der erste Wirt namentlich faßbar. Weitere Wirte des 17. und 18. Jahrhunderts waren Johann Dold sowie Georg und Martin Mahler. In seinem „Badenfahrtbüchlein“ von 1560 beschreibt D.

Gregorius Pictorius8) neben anderen Bädern rund um den Schwarzwald auch das Neuenbad in Villingen, das an der Ecke Riet- zu Badgasse lag. Pictorius, ein um 1500 in Villingen geborener Arzt und Schriftsteller, entstammte der Villinger Familie „Mahler“ und besaß daher eine große Ortskenntnis. Er empfiehlt dem hungrigen Badegast das Wirtshaus, das dem Bad am nächsten ist, das „Gasthaus zue der Mohrin“. Er überliefert uns ferner, wie der Wirt seine Gäste ruft:

„Komm‘ besser hier herein Gast, etwas anderes zu suchen bringt nichts, hier schläft man gut, ißt gut und trinkt gut!“ Neben dem Bad, das nach Pictorius recht durstig macht, lobt er, daß „die Verpflegung so überreich ist, daß einem die Wahl plagt, ob man Fisch, Fleisch oder Wildbret essen soll. Und obwohl hier kein Wein wächst, so trinkt man doch den besten und es bleibt nicht bei dem einen.“ Ein in Villingen geborener Zeitgenosse beschreibt also das „Wirtshaus zu der Mohrin“ als eines der besten Häuser am Platze. Neben Getränken wurde auch eine reichhaltige Palette an Speisen angeboten, dies spiegelt sich klar im Fundspektrum wider9). Wir erfahren auch, daß man hier übernachten konnte; über Schlafkammern, die vermutlich im Obergeschoß lagen, kann die Archäologie freilich keine Aussagen machen. Die Pferde der Reisenden konnten in der Scheune im Hof eingestallt werden, Wagen konnten im geräumigen Hof abgestellt werden. In den Ökonomiegebäuden konnte durch eine Bauuntersuchung eine Mälzerei erfaßt werden, der Wirt braute offensichtlich das ausgeschenkte Bier selbst. Dies ist im übrigen bei mittelalterlichen Gasthäusern generell zu erwarten.

Das Haus wurde offenbar häufig von Badegästen frequentiert, das hat durch den Fund von Schröpfköpfen auch seinen archäologischen Niederschlag gefunden. Die durstigen Badegäste benutzten vermutlich den direkten Weg vom Neuenbad durch die nachgewiesene Seitengasse zum Hintereingang des Wirtshauses, der unmittelbar am Abort vorbeiführte.

Trotz des überschwenglichen Lobes, das die Gaststätte von Pictorius erhielt, taucht es später nicht unter den Häusern auf, in denen nach den Urkunden berühmte Gäste abstiegen. Sank etwa das Niveau stark ab oder war die Mohrin, eine Herberge für Badegäste, für Reisende wie den Bischof von Straßburg zu anrüchig?

Die Mohrenwirte Georg, Martin (17. / 18. Jahrhundert) und Philipp (1802-1830) Mahler entstammten wie Pictorius10)) der Familie Mahler. Es ist also gut denkbar, daß unser Autor Werbung für einen Familienbetrieb machte. Dies würde erklären, weshalb er gerade das Wirtshaus zu der Mohrin so hervorhebt, während am Ort weit renommiertere Häuser bestanden.

Der Altmohrenwirt Philipp Mahler verkaufte sein Anwesen 1830 an den Hammerwerksbesitzer Heinrich Osiander. Kurz nacheinander wurde das Haus nun von Franz Anton Körner und Cyprian Thoma betrieben, 1841 ist Josef Granser als Wirt nachgewiesen. Der „Mohren“ wurde 1843 von Karl Berger gekauft und in „Falken“ umbenannt. Am 7. August 1848 wurde das Gasthaus „durch menschliche Bosheit“ ein Raub der Flammen. Das Feuer griff auf sieben benachbarte Wohnhäuser und drei Ökonomiegebäude im Hof über 11). Eine Brandschicht aus dieser Zeit wurde als obere Abdeckung der Latrine angetroffen. Nach diesem Unglück wurde der „Falken“ im gegenüberliegenden Haus Rietstraße 15 weiter betrieben. Die ergrabenen Befunde und das Fundmaterial bestätigen die auf einem Archivstudium beruhende Deutung als Gasthaus. Die archäologische Analyse zeigt uns weiter, daß dieses Gasthaus bereits seit dem 13., spätestens der Mitte des 14. Jahrhunderts an diesem Ort bestand.

Auf der Grundlage des stratifizierten Fundguts können erstmals die Realien, die in Spätmittelalter und früher Neuzeit in Villingen in Gebrauch waren, gegliedert werden – die Wirtshauslatrine ist als Schlüsselkomplex zu werten.

Der archäologische Nachweis dieses spätmittelalterlichen Gasthauses hat eine über die Grenzen Villingens hinausreichende Bedeutung. Wir kennen bislang kaum archäologische Zeugnisse dieser Art. In Süddeutschland ist nur das Gasthaus zum Wilden Mann in Nürnberg ausgegraben und auch umfassend publiziert worden 12).

Spätmittelalterliche und Frühneuzeitliche Wirtshäuser in Villingen

Als Vorläufer der mittelalterlichen Gasthäuser bildeten sich seit dem 11. Jahrhundert kirchliche Hospize, meist im Zusammenhang mit der Kreuzzugsbewegung, heraus; es sind aber auch Gemeinschaftsherbergen für Kaufleute und Tavernen bekannt. Die frühesten Nachweise der Fremdenbeherbergung gegen Bezahlung finden sich entlang der Pilgerstraßen 13), fremde Kaufleute und Geschäftsfreunde konnten mit ihren Waren bei ortsansässigen Kaufleuten beherbergt werden.

Gasthäuser 14) im eigentlichen Sinn bildeten sich erst seit dem 13. Jahrhundert heraus. Es waren Häuser mit öffentlichem Charakter, der durch ein Schild oder ein Zeichen kenntlich gemacht wurde, sie waren oft auch mit einem Namen versehen. Die Wirte hatten das Recht und die Pflicht, Fremde gegen Entgelt unterzubringen, solange das Schild aushing. Rangstufen der Gasthäuser spiegeln sich in der Ansprache der Wirte wider. Herrenwirte beherbergten Leute zu Pferd, Karrenwirte waren für Fuhrleute zuständig und Kochwirte versorgten einfache Reisende. Der reiche Urkundenbestand in Villingen ermöglicht eine nähere Betrachtung der Villinger Wirtshäuser im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Schwierigkeiten ergaben sich vor allem bei der exakten Lokalisierung der Anwesen, da aufgrund der punktuellen Überlieferung Namensänderungen oder Besitzerwechsel nur selten eindeutig zu fassen sind. Es ist ferner zu bedenken, daß das Alter der Häuser weiter zurückreichen kann, als es die Schriftquellen belegen, wie das beschriebene Beispiel zeigt. Obwohl es erstmals 1526 in Schriftquellen erscheint, wurde das Wirtshaus zu der Mohrin (Abb. 4,1) seit dem späten 13. Jahrhundert betrieben.

Zu dieser Zeit bestanden mindestens zwei weitere Gasthäuser in Villingen. Seit 1308 ist das Wirtshaus „Adler“ (Abb. 4,2) an der Niederen Straße 60 nachweisbar ‚5), das uns bereits in dem Urfehdebrief der Katharina Kuenbergerin begegnet ist.

Seit 1379 ist das Gasthaus „Zum Wilden Mann“16) (Abb. 4,3) bekannt, das nahe des Kaufhauses an der Oberen Straße 4 lag. Das Anwesen wird im 18. Jahrhundert als dreistöckiges Gebäude mit Gewölbekeller, Schankstube und Tanzlaube beschrieben. In der zweistöckigen Scheuer waren Stallungen, in denen 70 Pferde eingestellt werden konnten, im Hof befand sich ein Röhrenbrunnen.

Die Geschichte des renommierten Hauses kann aufgrund einer besonders guten Quellenlage klar erfaßt werden17). Die Urkunden nennen uns zahlreiche Wirte18), einer von ihnen, Ignatius Mayer, war von 1792-1817 Villinger Bürgermeister.

Mit dem Wirtshaus verbinden sich auch einige aufsehenerregende Ereignisse. Am 28. März 1563 „sind sechs camelthier alhie gewesen sampt einem moren“, 1566 war in der Tanzlaube für einen „Fünfer“ eine „schwarze, lebende Kalbin mit sechs Füßen zu sehen“. Bei der Belagerung von 1633 durchschlug, laut dem Tagebuch des Abt Gaisser, eine Kugel alle drei Stockwerke des Gasthauses, riß in der Schankstube der Wirtin ein Bein weg, zerriß ein Kind und tötete einen weiteren Menschen19). Das Haus sah auch bedeutende Gäste, 1612 stieg hier der Obrist Aescher ab, 1665 übernachtete der Bischof von Straßburg mit seinem Gefolge in diesem und drei weiteren Gasthäusern. In den Jahren 1712/13 war der „general de Vobon“ 21 Wochen lang einquartiert.

Wie für kein anderes Wirtshaus in Villingen zeichnen uns die historischen Quellen hier ein lebendiges Bild über

das Alltagsleben, aber auch die besonderen Ereignisse, die sicherlich in der Stadt damals Tagesgespräch waren. Kurz nach 1500 werden mit der wachsenden Zahl von Schriftzeugnissen weitere im Bestand ältere Wirtshäuser faßbar.

 

Abb. 4: Wirtshäuser in Villingen. Vor oder um 1500 (dunkles Raster), 16.-18. Jahrhundert (helles Raster). 1 – Mohrin, 2 – Adler, 3 – Wilder Mann, 4 – Blume, 5 – Engel, 6 – (Roter) Löwe, 7 – Flasche, 8 – Hirsch, 9 – Lamm, 10 – Krone, 11- Schwan, 12 – Bären, 13 – Rabe, 14 – Lilie, 15 – Schwert/Sonne, 16 – Ochse, 17 – Hecht, 18 – Hut, 19 – Schlössle, 20 – Paradies, 21- Schwert, 22 – ?????, 23 – Freudenstadt.

 

 

Am Straßenkreuz, Ecke von Niederer Straße und Bickenstraße, lag seit 1504 die „Blume“ (Abb. 4, 4). Sie war im 19. Jahrhundert Posthalterei und wurde um die Jahrhundertwende zum Hotel umgebaut. Das beeindruckende Bauwerk mußte ohne begleitende Dokumentation der archäologischen Zeugnisse einem Kaufhausneubau weichen. Ein „Wirtshaus vor dem Riettor“ (Abb. 4, 5) wird 1509 genannt, als das Anwesen von der Stadt dem Kloster Salmannsweiler abgekauft wurde 20). Der damalige Wirt hieß Michael Werkmeister. Vermutlich ist 1539 mit dem „offen Wirtshaus“ dasselbe Anwesen außerhalb der Ringmauer gemeint. Das Haus ist wahrscheinlich mit dem Wirtshaus „Engel“ identisch, das uns in späteren Urkunden begegnet. Das hölzerne Wirtshausschild, vermutlich das älteste im Villinger Bestand, befindet sich in den städtischen Sammlungen.

Der „Löwe“ oder auch „Rote Löwe“ (Abb. 4, 6) lag an der Oberen Straße 10, er wurde erstmals 1514 erwähnt. Das dreigeschossige Haus, in dessen zweitem Obergeschoß sich vermutlich ein Tanzsaal befand21), besaß einen Keller, von dem 1790 eine Abwasserleitung durch die Haf-nergasse angelegt wurde“). Im Hof haben sich die ehemaligen Pferdeställe erhalten. Der langgestreckte, massive Bau, dessen Erdgeschoß von einem Kreuzgratge-wölbe überspannt ist, wurde in der Barockzeit errichtet. Das große Wirtshaus zwischen ehemaligem Kaufhaus und Oberem Tor wird noch heute betrieben.

Die „(Vollen) Flasche“ (Abb. 4,7), die 1521 genannt wird23), lag an der Rietstraße 15. Peter Zeltmeister, genannt Seckler der Wirt, ist 1473 der erste Wirt, der mit dem von der Familie Seckler betriebenen Haus in Verbindung gebracht werden kann. Der „Hirsch“ (Abb. 4,8) an der Niederen Straße 37 ist seit 1533 nachzuweisen24). Am Südende der Straße, neben dem Niederen Tor, lag seit 1554 das „(Goldene) Lamm“ (Abb. 4, 9). Um 1758 wurde an den Wirt Baptist Schilling das Braurecht erteilt. Sein Vorfahr war Bürgermeister und gab 1704 dieses Amt auf, das laut Ratsbeschluß nicht mit dem Führen einer Wirtschaft vereinbar sei25). Dem Haus gegenüber lag das Kapuzinerkloster und bis 1714 das „Lämmlinsbad“. Das Gelände wurde 1821 vom Lammwirt und weiteren Bürgern gekauft, in der profanierten Kirche eine Branntweinbrennerei und Brauerei eingerichtet. Der südlich angrenzende Wohntrakt der Kapuzinermönche wurde abgerissen und das Areal in einen Biergarten umgewandelt. Die „Krone“ (Abb. 4,10), ursprünglich eine Weinstube in der Rosengasse, ist seit 1556 belegt. Als Gasthaus an der Kronengasse 12 erscheint sie 1720 in einem Bauantrag. Zwischen Innerer Stadtmauer und der Fülle sollte gegenüber der städtischen Zehntscheuer ein Gewölbekeller errichtet werden26). Das Haus wurde 1800 von Franz Josef Reichert mit Brau- und Schankrecht an Josef Schleicher verkauft“). Der alte Wirt eröffnete das Wirtshaus „Schnecke“.

In der „Rabenscheuer“ am Münsterplatz wurde seit 1593 der „Schwanen“ (Abb. 4,11) betrieben, er wurde 1877 an die Brigachstraße 9 verlegt.

Neben dem Bickenkloster lag an der Bickenstraße 19 der „Bären“ (Abb. 4,12), der, obwohl erst 1618 erwähnt28), nachweislich weit älter ist. Das Wirtshausschild von 1582 befindet sich im Franziskanermuseum.

Das noch heute betriebene Wirtshaus „Zum Raben“ (Abb. 4, 14) an der Oberen Straße 13 wird 1602 genannt. Ein Wirt wollte 1753 neben der Wirtschaft noch die Bar-bierkunst ausüben, was ihm untersagt wurde. Der Rabenwirt begnügte sich daher mit dem Zapfenrecht und nahm sein Schild ab29), das Gasthaus wurde als Weinstube weiter betrieben.

Die „Lilie“, in den sechziger Jahren abgebrochen, (Abb. 4,14) lag an der Rietstraße 5. Unter den vielen bekannten Wirten ist die Bildhauerfamilie Schupp hervorzuheben. Anton Schupp ist 1687, Johannes Schupp 1710-1730 als Betreiber des Gasthauses zu belegen.

Das Gasthaus zum „Schwert“ (Abb. 4,15) erscheint 1658 erstmals in Schriftquellen, 1665 wird es im Zusammenhang mit der Übernachtung des Bischofs von Straßburg erneut genannt. Es lag an prominenter Stelle neben dem Kaufhaus an der Oberen Straße 4. Das verschuldete Anwesen der Familie Kegel wurde 1703 an Hans Georg Kammerer verkauft. Dieser benannte es in „Sonne“ um, in dieser Form hat es sich bis heute erhalten. Im Jahr 1789 wurde erneut ein Gasthaus zum „Schwert“ (Abb. 4,21) an der Färberstraße 14 eröffnet. Der „Ochsen“ (Abb. 4,16) wurde seit 1690 an der Niederen Straße 15 betrieben. Zu diesen alteingesessenen Gasthäusern traten dann seit dem Ende des 17. Jahrhunderts weitere hinzu. Vermehrt handelt es sich um Weinstuben wie 1690 den „Hecht“ (Abb. 4,17) an der Oberen Straße 12,1701 den „Hut“ (Abb. 4,18) an der Brunnenstraße 26 und 1727 den »Karpfen“. Das „Schlössle“ (Abb. 4,19) an der Schlösslegasse 9 wird 1744 zum ersten Mal erwähnt. Das „Paradies“ (Abb. 4,20) ist 1763 an der Gerberstraße 39 belegt.

Fassen wir nun die Lage der Wirtshäuser nach den Stadtvierteln getrennt zusammen:

Im repräsentativen Oberort, dem politischen und geistigen Mittelpunkt der Stadt, finden wir erst spät drei Gaststätten, den „Raben“, den „Schwanen“ und die verlegte „Krone“. Das Stadtviertel wird von den alten Wirtshäusern umsäumt, bleibt aber selbst frei davon.

Im nordöstlichen „Hafnerviertel“ liegen vier alte Gasthäuser und eine jüngere Weinstube dicht beieinander. An der Oberen Straße das „Schwert“/“Sonne“, der „Wilde Mann“, der „Löwe“ und der „Hecht“, an der Bickenstraße lag der „Bären“.

Im Rietviertel liegen an der Rietstraße zwei alte Häuser, die „Mohrin“ und die „Flasche“, benachbart die jüngere „Lilie“. In den Nebengassen befanden sich zwei Weinstuben, die alte „Krone“ und der „Hut“. Neben dem verlegten „Schwert“ ist jedoch noch ein weiteres Gasthaus zu lokalisieren. Das Anwesen Färberstraße 36 (Abb. 4,22) besitzt einen nur leicht eingetieften gewölbten Keller, und ist daher ein ehemaliges, nicht benennbares Gasthaus 30). Mittelalterliche Keller sind, wie schon Paul Revellio feststellte, in Villingen nur bei Gasthäusern nachzuweisen, sie fehlen bei den sonstigen Bauten völlig31). Die flach eingetieften, überwölbten Lagerräume wurden bei der ersten Erfassung durch die Feuerversicherung als „Keller im Stock“, d. h. zu ebener Erde bezeichnet.

In der Südwestecke des größten Stadtviertels, zwischen Zinser- und Bogengasse, befand sich das Vergnügungsviertel der Stadt (Abb. 4,23). Dieser Bereich wird auf einem Plan von 1806 als „Freudenstadt“ bezeichnet. In den Jahren 1501 und 1518 ist hier das „gemain Frauenhaus“ zu fassen, die Einwohnerliste von 1766 nennt das „Franzosenhaus“ und „Freuymanns Haus“ als Gebäude in städtischem Besitz. Bereits im Spätmittelalter lebten hier soziale Randgruppen. Faßbar werden etwa das Haus der „Baderinnen“, „Hans Leberwurst, der Frauenwirt“ oder auch ein Abdecker32).

Im „Hüfinger Viertel“ sind am Straßenkreuz zwei alte Wirtshäuser, der „Adler“ und die „Blume“ zu lokalisieren. Jüngere Häuser, der „Ochsen“, der „Hirsch“, das „Paradies“ und das „Lamm“ reihen sich in nahezu regelmäßigen Abständen entlang der östlichen Niederen Straße, in einer Nebengasse liegt das „Schlössle“.

Im 14. Jahrhundert sind in Villingen bereits drei Wirtshäuser nachweisbar, um 1500 waren es schon acht Häuser, die sicher belegt sind. In der neuen Wirteordnung von 1691 werden 23 Wirte namentlich aufgeführt und ver-eidigt33). Vermutlich sind einige Wirtshäuser des Umlandes in dieser Aufstellung mit enthalten. Um die Jahreswende 1793 /94 wurden in Villingen 17 Gastwirtschaften betrieben, die trotz der beschriebenen methodischen Schwierigkeiten wohl alle erfaßt werden konnten.

Die scheinbar hohe Zahl von Wirtshäusern für eine 2000 bis 3000 Einwohner zählende Stadt entspricht den Erwartungen an eine Mittelstadt im 14./15. Jahrhundert. In dieser Zeit waren in Straßburg, das 25 000 Einwohner zählte über 40 Wirtshäuser nachweisbar, in der Großstadt London mit 150 000 Einwohnern wurden etwa 300 Gasthäuser betrieben.34).

Ein leider nicht namentlich genanntes Villinger Wirtshaus kam selbst zu literarischen Ehren, indem Simplicius Simplicissimus, der Held des wohl berühmtesten deutschen Barockromans, hier für längere Zeit abstieg35). Die Urkunden im Villinger Stadtarchiv enthalten auch weitere allgemeine Bestimmungen zu Wirtshäusern in Villingen. Die Einfuhr des ausgeschenkten Weins ist in der Zollordnung von 129636) erstmals belegt. Aus Protokollen des 17. Jahrhunderts wissen wir, daß der Wein vor allem aus dem Breisgau, der Ortenau und dem Elsaß bezogen wurde, auch Einkäufe im „Schweizer- und Württembergerland“ sind belegt.

Das Stadtrecht von 1371 erlaubt es, ein „hus da man win inne schenkt offentlich“ zur Nachtzeit zu betreten37). Die Gottesdienstordnung im Stadtrecht von 1592 verbietet ausdrücklich, während der Lobämter und Predigt im Münster in „Brandtwein-, Bier- und Würthsheüsern“ zu sitzen und prangert das lockere Treiben in diesen Einrichtungen an38).

Neben diesen stadtrechtlichen Bestimmungen sind zwei Trinkstubenordnungen im Archiv aufbewahrt. In der älteren von 149139) legten die Meister und Stubengesellen der Villingen Wirtszunft die Ordnung für ihre Trinkstuben fest. Unter anderem ist auf den 16 Pergamentblättern das Karten-, Würfel- und Brettspiel geregelt. Am 3. Juli 1668 wurde die Ordnung der „Schiltwürdt- und Weinschenken wie auch Bierbrewen“ in 28 Punkten erneut festgelegt 40). Aus einer Eingabe an den Rat erfahren wir 1685, wie man in der Stadt Schild- und Zapfenwirte unterschied. Schildwirte betrieben ein Gasthaus im heutigen Sinn mit Beherbergung von Gästen, während Zapfenwirten der Weinverkauf aus Fässern zustand en). Noch 1751 heißt es, daß nur derjenige, der das Braurecht besitzt, offensichtlich sind dies die Schildwirte, Essen und Trinken geben sowie Herberg und Hochzeit halten darf. Wein- und Branntweinschenken ist es verboten, daß sie „ganze Tisch voll Gäste setzen und Zehrung halten“. Im 18. Jahrhundert gab es unter den zahlreichen Villinger Wirten nur neun Bierbrauer oder Schildwirte42). Die Herstellung des Bieres war streng reglementiert und die Einfuhr von „ausländischem Bier“, erwähnt wird etwa das Fürstenberger Bier aus Donaueschingen, war streng verboten.

Ergebnisse

Nach der Darstellung der Quellen zu mittelalterlichen Wirtshäusern in Villingen, die uns neben dem Stadt-archiv43) vor allem die Archäologie und Bauforschung liefert, können einige Ergebnisse zusammengefaßt werden.

Das Wirtshaus kann in der mittelalterlichen Stadt im Brigachbogen als eigener Bautyp erfaßt werden, es unterscheidet sich in mehreren Punkten von einem üblichen Stadthaus. Es handelt sich um große, meist dreigeschossige Steinbauten. Sie allein besitzen Keller, das heißt überwölbte Lagerräume, die nur 0,5 -1 m in den Boden eingetieft waren. Die überdachten Vorratsgruben und der mit Flechtwerk ausgesteifte, eingetiefte Raum des ersten Steinbaus auf dem Gelände des Rietzentrums sind als deren Vorläufer im 13./14. Jahrhundert anzusehen. Im Erdgeschloß lag ferner die Schankstube und Küche. Im

Obergeschoß sind die Schlafkammern anzunehmen, im

Obergeschoß bestand seit dem 16. Jahrhundert manchmal ein Tanzsaal. Die Anlage eines großen freien Raumes wurde durch eine besondere Dachkonstruktion, die die Dachlast auf die Außenmauern ableitete, ermöglicht. Im Hof lag die Latrine, wegen der zahlreichen Benutzer weit größer als bei einem normalen Haushalt. Um den Hof gruppierten sich die Ökonomiegebäude, Stallungen für Pferde, Scheunen oder Anlagen zum Bierbrauen. Einfache Schankstuben weisen diese Kriterien freilich nicht auf.

In erster Linie dienten die Wirtshäuser der Versorgung der Gäste mit Speisen und Getränken, die zum Teil selbst hergestellt wurden. Dies findet seinen nachhaltigen archäologischen Niederschlag, Tafel- und Kochgeschirr ist in großen Mengen nachweisbar. Ferner konnten in den Häusern Reisende und Bürgen von Schuldnern, im sogenannten „Einlager“, auch für längere Zeit untergebracht werden. Der große Troß, der 1665 den Bischof von Straßburg begleitete, überstieg die Kapazität eines einzelnen Hauses und mußte auf vier Gasthäuser verteilt werden.

Daneben ist die Rolle im städtischen Kulturleben nicht zu vergessen. Auftritte von Spielleuten, Gauklern und die Schau von Kuriositäten unterhielten die Gäste, von Fremden waren Neuigkeiten aus aller Welt zu erfahren. Um möglichst viele Gäste anzuziehen, lagen die Wirtshäuser alle an verkehrsgünstiger Stelle, an den Hauptstraßen oder an Kreuzungen. Sie prägten das Stadtbild nachhaltig, weshalb man sich an ihnen orientierte, Straßennamen – Bärengasse, Kronengasse, Paradiesgasse, Ochsengasse, Schlösslegasse – belegen dies.

Die frühesten Wirtshäuser, die in Villingen nachzuweisen sind, gruppieren sich um das nordwestliche Stadtviertel. Nahe des Kaufhauses lagen hier die ältesten Häuser an der Marktstraße dicht beieinander. Diese Konzentration spiegelt den erhöhten Bedarf an Bewirtung an dieser Stelle wider. Hier wurden reisende Kaufleute beherbergt, Waren untergebracht und die Geschäfte besprochen.

Ab dem 17. Jahrhundert erfolgte eine flächendeckende Versorgung der Stadt mit Wirts- und Schankstuben, die besonders im Südteil der Stadt neu hinzukamen. Der gestiegene Bedarf an Gastbetrieben ist wohl nicht allein auf die Einquartierung von Soldaten, die seit dieser Zeit verstärkt festzustellen ist, zurückzuführen, hierin zeigt sich auch die wirtschaftliche Angleichung der verschiedenen Stadtviertel.

Die Wirte, der erste ist um 1300 nachzuweisen, waren häufig vermögende Bürger, die neben den Gasthäusern oft noch weitere Liegenschaften und Grundstücke besaßen. Sie entstammten meist alteingesessenen Villinger Familien, unter ihnen finden wir Persönlichkeiten wie den Lokalhelden Romäus Mans oder den Bildhauer Johannes Schupp. Viele von ihnen genossen ein hohes öffentliches Ansehen, mehrfach waren Wirte Bürgermeister.

Diese alten gewachsenen Strukturen sind heute vielfach überlagert und nur noch in Ansätzen zu erkennen. Alte Gasthäuser wurden aufgegeben oder umbenannt, zahlreiche neue kamen hinzu. Nur durch das Zusammenwirken verschiedener historischer Disziplinen ist es möglich, Aussagen zu den frühen Wirtshäusern in Villingen zu gewinnen. Sie waren nicht nur Einrichtungen, die das Bedürfnis nach Nahrung und Unterkunft befriedigten, man darf auch ihre Rolle in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht nicht unterschätzen.

Anmerkungen:

St. A. Urkunden des Stadtarchivs nach J. Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen 1 u. 2 (1970 / 71).

Pfr.A. Urkunden des Pfründarchivs nach J. Fuchs, Pfründ-Archiv Villingen (1982).

1) Bertram Jenisch, „…alhie zuo vilingen…“. Eine Stadt des Mittelalters im Streiflicht. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 15 (1990) 28 -41.

2) A. Müller, Das Villinger Amt des Klosters St. Katharinental. Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahresheft 14(1989 / 90) 70 – 89.

3) Die dendrochronologische Datierung erfolgte durch B. Loh-rum, Ettenheimmünster.

4) Nach einer ersten Durchsicht handelt es sich um mehrere hundert Gefäße.

5) Einen guten Überblick über die Formen mittelalterlichen Glases gibt E. Baumgartner u. I. Krueger, Phönix aus Sand und Asche. Glas des Mittelalters (1988).

6) St. A. DDD 40 / 3; Das Haus wurde 1830 vom Altmohrenwirt Philipp Mahler an Heinrich Osiander verkauft.

7) St. A. JJ 228.

8) D. Gregorius Pictorius, Badenfahrtbüchlein (1560). Nachdruck Herderverlag Freiburg (1980) 75 f.

9) Neben dem Koch- und Eßgeschirr sind vor allem die geborgenen Tierknochen von Interesse. Ohne einer Analyse vorgreifen zu wollen sind mit Sicherheit Knochen von Rind, Schwein, Schaf, Ziege, verschiedene Geflügelarten und Lagen von Eierschalen (Beleg für Eierspeisen) im Spektrum zu erkennen.

10) Der Villinger Bürgersohn Gregor Mahler latinisierte bei der Immatrikulation an der Universität Freiburg am 24. März 1519 seinen Namen in „Jeorius Pictor“. Nach einem Studium der Artes liberales und der Medizin wurde er 1540 oberster Sanitätsbeamter der vorderösterreichischen Regierung in Ensisheim. Bis zu seinem Tode veröffentlichte der Polyhistor etwa 50 Schriften.

11) U. Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen II. Geschichts -und Heimatverein Villingen, Jahresheft 15, 1990/1991, 238.

12) R. Kahsnitz u. R. Brandt, Aus dem Wirtshaus zum Wilden Mann. Funde aus dem mittelalterlichen Nürnberg. Katalog des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg (1984).

13) Villingen lag an einem Seitenarm der Pilgerstraße nach Santiago de Compostella, spätmittelalterliche Pilgerverzeichnisse geben die Stadt als Station an. Nordöstlich der Stadt lag die Jakobskapelle, die durch die „Jakobsgasse“ mit der „Villinger Altstadt“ verbunden war.

14) H. C. Peyer, Gasthaus. in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 4, 6. Lfg. (1988) Sp. 1132-1134. 15

15) St. A. DD 24; Der Beleg ist nicht ganz eindeutig, jedoch ist seit 1526 der Gastbetrieb sicher nachweisbar.

16) St. A. DD 9.

17) W. Haas, „Wilder Mann“ – ein mittelalterliches Baudenkmal. Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahresheft 2 (1975) 20 f.

18) Zu den Wirten dieses und der folgenden Gasthäuser vgl. den Beitrag E. Bode und B. Jenisch in diesem Heft.

 

19) Bei der Unterkellerung des Gebäudes wurde eine 10 kg schwere Geschützkugel und eine weitere 1 kg schwere Eisenkugel gefunden, die in die betreffende Zeit zu datieren sind. Die freundliche Mitteilung verdanke ich Herrn Oberle sen., in dessen Besitz sich die betreffenden Stücke befinden.

20) St. A. L 9.

21) Freundliche Mitteilung von Herrn Dr. J. Page, LDA Freiburg.

22) St. A. Q 25 a.

23) St. A. JJ 194.

24) St. A. JJ 248.

25) U. Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen. Im Spiegel der Ratsprotokolle des 17. und 18. Jahrhunderts (1976) 21.

26) St. A. T 30.

27) St. A. PP 14.

28) Pfr. A. Q 6.

29) U. Rodenwaldt (1976) 51.

30) Später befand sich hier das Brauhaus Ott, die Bausubstanz scheint aber älter zu sein.

31) Die einzige Ausnahme ist, laut einer mündlichen Mitteilung von Herrn Dr. Page, ein Keller im ehemaligen Bickenkloster. Der nur 2,5 m breite Keller erstreckte sich auf einer Länge von 8,5 m unmittelbar an der Stadtmauer. Dies war durch den vom Stadtgraben lokal gesenkten Grundwasserspiegel möglich.

32) Peter Findeisen, Ortskernatlas Baden-Württemberg 3. 2. Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis (1991) 15.

33) U. Rodenwaldt (1976) 50.

34) H. C. Peyer, Von der Gastfreundschaft zum Gasthaus. Studien zur Gastlichkeit im Mittelalter. MUH Schr. 31 (1987).

35) H. J. C. v. Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus (1669) Darmstadt (1985) IV 25. 26. Der Autor wohnte von 1649 bis zu seinem Tod 1676 in Offenburg und im Renchtal, er war selbst einige Jahre lang Wirt in Gaisbach „Zum silbernen Sternen“.

36) Chr. Roder, Oberrheinische Stadtrechte. Villingen (1905) 10.

37) ders. 32.

38) ders. 194-197.

39) St. A. PP 7.

40) St. A. PP 7 a.

41) Solche Trinkstuben waren bei ehrlichen Bürgern verpönt, weshalb dort auch keine Bruderschaften ihren Sitz nahmen oder Hochzeiten ausgerichtet wurden. Die Zapfenwirte durften weder Lehrjungen ausbilden, noch Spielleute halten, Gäste beherbergen oder Pferde einstellen.

42) U. Rodenwaldt (1976) 50 f.

43) Die Archivalien sind aufgrund der großen Menge bislang erst sehr unvollständig und unstrukturiert aufgearbeitet. Wünschenswert wäre etwa ein Häuserbuch der Stadt, das aufgrund der Einwohnerbücher bis ins frühe 14. Jahrhunderts erstellt werden könnte. Durch Rechnungen, Bauanträge oder Beschreibungen wäre es möglich, die Baugeschichte klarer zu fassen. Die Lokalisierung einzelner Personen und deren Beruf hätte neben den sozialgeschichtlichen Aspekten vor allem auch für die archäologische Forschung eine große Bedeutung.