Die neuentdeckte Siedlung Villingen „Laible“ (Dr. Gabriele Weber)

und die spätlatnèzeitliche Besiedlung Villingens und Umgebung.

Die Landschaft um die an der mittleren Schwarzwald-Ostabdachung gelegene Stadt Villingen ist seit der Jungsteinzeit, aufgrund ihrer siedlungsgünstigen naturräumlichen Gegebenheiten, ein von fast allen Kulturen gerne aufgesuchtes Siedlungsgebiet.

Während für das Neolithikum bisher auf Villinger Gemarkung nur Lesefunde vorliegen% lassen sich erst seit der Bronzezeit Siedlungsspuren nachweisen2).

Bronzezeitliche Funde, 1943 bei der Gärtnerei Ebert in der „Altstadt“ geborgen, wurden von Konrad Spindler als verschleifte Grabhügel interpretiert3). An der Eisenbahnüberführung der Schwenninger Straße wurde ein Depotfund mit zwei Sicheln und einem Lappenbeil freigelegt4). Unter zahlreichen Steinhügeln im oberen Brigachtal, die bisher undatiert waren, verbergen sich nach Ergebnissen neuer Ausgrabungen zum Teil bronzezeitliche Bestattun-gen5). Dies weist auf eine relativ hohe Besiedlungsdichte dieses Raumes während der Bronzezeit hin.

Für die nachfolgende Urnenfelderzeit (1200 – 800 v. Chr.) ist der Einzelfund eines Bronzeschwertes vom Typ „Rixheim“, wiederum aus dem Bereich der „Altstadt“, das 1899 bei der Friedhofserweiterung zutage kam, sowie ein Brucherzhort zu erwähnen6). Ein zeitgleicher Hort, der die Trachtausstattung einer Frau jener Zeit enthielt, stammt aus Schwenningen. Waffenfunde aus dem Schwenninger Moos lassen an eine Opferstätte oder ein Quellheiligtum am Neckarursprung denken. Zur urnenfelderzeitlichen Siedlung an der Altstadtquelle in Villingen gehörte ein Urnengräberfeld auf dem „Laible“, das bei der Materialentnahme für den großen hallstattzeitlichen Grabhügel „Magdalenenberg“ vermutlich zum größten Teil zerstört wurde. In der Aufschüttung des Hügels kamen Metallteile, Keramik und Leichenbrandreste zutage 7).

Eine dichte Besiedlung des Raumes zeichnet sich erstmals in der Hallstattzeit ab. Aus dieser Epoche sind in der Umgebung von Villingen zahlreiche Grabhügelfelder lokalisiert worden8). Als herausragender Fundpunkt ist der Magdalenenberg zu nennen, ein Großgrabhügel von 107 m Durchmesser, der das bekannte frühkeltische Fürstengrab in einer hölzernen Grabkammer in der Hügelmitte, sowie kreisförmig angeordnet 126 Nachbestattungen enthielt9). Die wohl zugehörige hallstattzeitliche Siedlung befindet sich in Sichtweite, ca. 3,5 km entfernt, auf dem Kapf bei Unterkirnach, der durch einen Abschnittswall befestigt war. Ausgrabungen haben gezeigt, daß die Befestigung aus einer reinen Holz-Erde-Konstruktion bestand10). Dieser Wall zeichnet sich heute noch deutlich im Gelände ab. Im Inneren fanden sich eine gering mächtige Kulturschicht und einige Abfallgruben, die zum Magdalenenberg zeitgleiche Funde enthielten. Die hallstattzeitliche Anlage sicherte in einem weiten Bogen ein Areal von ca. 2 ha Größe und schloß auch einen Quellhorizont mit ein. Im Vergleich zu einer sehr dichten Besiedlung des zu betrachtenden Raumes während der Hallstattzeit ließen sich für die darauf folgenden Zeitepochen bisher nur sehr wenige Belege erbringen. Da erst für die römische Zeit wieder eindeutige Siedlungsspuren vorliegen, ging man lange davon aus, daß das Gebiet in der Latnezeit nicht besiedelt war. So wurde vermutet, daß der Villinger Raum, als die leicht abbaubaren Eisenerz-vorkommen erschöpft waren, wieder verlassen wurde“) Für die nachfolgende Frühlatenezeit sind auf Villinger Gemarkung bisher weder Siedlungsstellen noch Gräber nachweisbar. Grabfunde aus der Latnezeit sind, außer einer nachträglich in einen hallstattzeitlichen Hügel bei Überauchen (Abb. 3, 18) eingebrachten Bestattung und einem unsicheren Befund aus Bräunlingen (Abb. 3, 19), es handelt sich um zwei Flachgräber12), aus der Umgebung Villingens bisher nicht bekannt. Diese Beobachtung deckt sich mit der Situation im Oberrheingebiet und im Schweizer Mittelland, wo das Fehlen der Gräber in der Spätlatenezeit immer noch eine Herausforderung für die Forschung darstellt und bisher nicht erklärt werden kann, da aus derselben Zeit zahlreiche Siedlungen sicher nachgewiesen sind.

Bei der ersten Ausgrabung des Magdalenenberges durch Christian Roder 1890 kamen in der Schüttung des Hügels einige Lesefunde zutage, die eindeutig der Spätlatnezeit, d. h. der Zeit von ca. 125-15v. Chr. zuzurechnen sind. An keramischen Funden sind dabei eine Schüssel mit einziehendem Rand (Abb. 1, 1), die Bodenscherbe eines grobkeramischen Topfes (Abb. 1, 2), zwei Randscherben von Schüsseln (Abb. 1, 3-4) und das Wandbruchstück eines groben Topfes mit für die Latnezeit charakteristischem Kammstrich (Abb. 1, 5) erwähnenswert. Das Bruchstück einer Schrötlingsform (Abb. 1, 6), die zur Herstellung keltischer Münzen diente, gehört ebenfalls zum Fundspektrum. Vor allem aufgrund der Gußform wurde schon von Konrad Spindler Anfang der 70er Jahre eine spät-latnezeitliche Siedlung vermutet, die sich in ummittelbarer Nachbarschaft des Magdalenenberges befinden könnte13). 34

 

Abb. 1: Mittel- bis Spätlatenezeitliche Funde aus der Siedlung Villingen „Laiblel Maßstab 1:2

 

 

 

Abb. 2 Das „Laible“ von Nordosten, im Hintergrund der Magdalenenberg

 

Abb. 3 Latènezeitliche Fundstellen in Villingen und Umgebung. 1 Villingen „Laible“ 2 Villingen „Altstadt“ 3 Schwenningen „Auf Eschelen/Hexenloch“ 4 Schwenningen „Rinelen/Vor Hummelholz“ 5 Hammereisenbach „Krumpenschloß“ 6 Hüfingen „Galgenberg“ 7 Bad Dürrheim „Im See/Hübliswiesen“ 8 Rottweil „Nikolausfeld“ 9 Dittishausen 10 Donaueschingen „Brugger Halde“ 11 Weilersbach 12 Tuningen „Heidelburg“ 13 Mundelfingen „Rufeln“ 14 Villingendorf 15 Trossingen 16 St. Georgen, Brigachquelle 17 Martinskapelle, Bregquelle 18 Überauchen 19 Bräunlingen

Seine Deutung, die Spätlatneleute könnten das von ihnen geraubte Gold aus dem Magdalenenberg an Ort und Stelle zur Herstellung keltischer Münzen eingeschmolzen haben, erscheint dabei utopisch. Eine kurzfristige Siedlungstätigkeit, die ausschließlich der Grabplünderung diente, hat bisher im gesamten keltischen Raum keine Entsprechungen. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß aufgrund einer mündlichen Mitteilung ein Raubgräber mit einem Metallsuchgerät auf dem „Laible“ zahlreiche keltische Goldmünzen, vermutlich sogenannte „Regenbogenschüsselchen“, widerrechtlich ausgegraben haben soll. Solche Tätigkeiten sind keineswegs als Kavaliersdelikt zu werten, sondern haben eine nachhaltige Zerstörung von Bodendenkmalen zur Folge. Weitere spätlatènezeitliche Siedlungsfunde wurden 1945 im Bereich der „Altstadt“, bei der Gärtnerei Ebert (Abb. 3, 2) bei „Ausschürfungen“, so der Fundbericht14), zu Tage gefördert. Diese Fundstücke sind zur Zeit leider nicht auffindbar, so daß über diesen Fundpunkt keine weiteren Aussagen getroffen werden können. Doch wenden wir uns wieder der Umgebung des Magdalenenberges zu. Manfred Hettich aus Villingen, einem ehrenamtlichen Mitarbeiter der archäologischen Denkmalpflege, der seit vielen Jahren regelmäßig Feldbegehungen in diesem Areal durchführt, ist es zu verdanken, daß zu den Funden aus der Hügelschüttung von der Grabung 1890 seit 1983 weitere latnezeitliche Fundstücke hinzugekommen sind, die die Lokalisierung einer keltischen Siedlung im Gewann „Laible“ (Abb. 3, 1) möglich machen. Das begangene Areal liegt ca. 200 m nordwestlich des Magdalenen-berges. Es handelt sich um ein plateauartiges Gelände, das an seiner Nord- und Westseite von einer Geländerippe begrenzt wird (Abb. 2). In der nördlichen Rippe könnten sich Reste einer Wallanlage verbergen. Das Siedlungsgebiet ist im Norden und Westen durch die Topographie und die Lesefunde eingrenzbar, im Süden und Osten ist die Ausdehnung bisher noch offen. Der östliche Teil des Höhenrückens ist bewaldet, was die Auffindemöglichkeiten bei Feldbegehungen erheblich erschwert. Die heute zu lokalisierende Siedlungsfläche hat eine Größe von mindestens 1 ha. Das „Laible“ wird im Norden und Süden durch die Täler des Waren- und des Wolfbaches begrenzt. Südlich des Magdalenenberges entspringt eine Quelle, die in den Wolfbach mündet. Die Lage einer Ansiedlung in unmittelbarer Nähe einer Quelle, oftmals diese in die Befestigung mit einschließend, ist besonders bei latenezeitliche Siedlungen häufig zu beobachten.

An Funden sind das Bodenstück einer feinkeramischen, auf der Töpferscheibe gedrehten Flasche (Abb. 1, 7) und die Bodenscherbe eines ebenfalls feinkeramischen Topfes (Abb. 1, 8) zu nennen. Weitere Fundstücke sind das Fragment eines grobkeramischen Topfes mit Kammstrichverzierung (Abb. 1, 9) und zwei Wandscherben von Töpfen mit feinem (Abb. 1, 12) und flächigem (Abb. 1, 11) Kammstrich. Besondere Erwähnung bedarf die auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkende Wandscherbe eines grobkeramischen Kammstrichtopfes aus Graphitton (Abb. 1, 10), einer Warenart, die in den latenezeitlichen Siedlungen auf der Baar und im Oberrheingebiet äußerst selten auftritt. Dieser Rohstoff war hier nicht vorhanden, die Gefäße wurden daher aus dem Osten, vor allem aus Bayern, importiert. Die Siedlung „Laible“ war demnach an überregionale Verkehrswege angeschlossen. Gerade diese Graphittonscherbe ermöglicht es auch, eine grobe zeitliche Einordnung der Siedlungsfunde vorzunehmen. Graphittonkeramik kommt in vergleichbaren Siedlungen auf der Baar, z. B. in der großen unbefestigten spätlatenezeitlichen Siedlung auf dem „Galgenberg“ bei Hüfingen15) vereinzelt vor. Im Oberrheingebiet ist diese Ware in Breisach-Hochstetten, Basel-Gasfabrik und in der jüngst entdeckten Siedlung von Zarten „Rotacker“ im Fundspektrum vertreten16). Diese Fundorte sind aufgrund ihrer Fundkombinationen eindeutig mit ihrem Beginn in die ausgehende Mittellatènezeit (ca. 150 v. Chr.) zu setzen. Sie bestanden während der ersten Phase der Spätlatènezeit (ca. 125 – 60/50 v. Chr.) weiter. In jüngeren Siedlungen, wie z. B. Basel-Münsterhügel oder Breisach-Münsterberg ist die Graphittonkeramik nicht mehr vertreten.

Nach diesem Vergleich ergibt sich für den Beginn der Villinger Siedlung „Laible“ eine zeitliche Einordnung an den Übergang von der Mittel- zur Spätlatènezeit (um 150/120 v. Chr.). Diese Datierung wird auch noch durch einen blauen Glasarmring mit drei Rippen und umlaufender Zickzacklinie aus gelbem Glasfluß (Abb. 1, 13) erhärtet17). Glasarmringe dieser Farbe, Formgebung und Verzierung sind eine ganz charakteristische Fundgrube der späten Mittellatnezeit.

Selbstverständlich kann durch die bisher vorliegenden wenigen Lesefunde die Gesamtdauer und die Struktur der Siedlung nicht genauer bestimmt werden. Weitere Funde oder eine Ausgrabung, die in absehbarer Zeit aber kaum nötig werden wird, können in der Zukunft eine präzisere zeitliche Einordnung ermöglichen. Durch die vorgestellten, neuentdeckten Funde aus dem Gewann „Laible“ kann zumindest die mittel- bis spätlatènezeitliche Siedlungslücke auf Villinger Gemarkung geschlossen werden. Sie zeigen aber auch, daß unser heutiges Bild der Besiedlungsstruktur zur Mittel- und Spätlatènezeit in diesem Raum, trotz langer Forschungstradition noch sehr unvollkommen ist.

Es zeichnet sich aber jetzt schon ab, daß die vermutlich befestigte Siedlung Villingen „Laible“ und die zeitgleiche, kleinere Siedlung in der „Altstadt“, an der Verbindungsstelle zwischen den Quellen von Donau und Neckar, in der Mittel- bis Spätlatènezeit eine bedeutende Rolle spielten. Diese Siedlungen sind im Zusammenhang mit den wenigen benachbarten Siedlungsstellen zu betrachten. In Schwenningen wurden 1952 im Gewann „Auf Eschelen“/“Hexenloch“ (Abb. 3,3), 1,3 km nordwestlich der Stadtkirche, beim Krankenhausneubau aus einer Doline eingeschwemmte spätlatènezeitliche Funde geborgen18). Darunter befanden sich zehn Wandscherben, eine Bodenscherbe, das Randfragment einer Schüssel mit eingezogenem Rand, sowie Knochen19). Eine weitere spätlatènezeitliche Fundstelle wurde in Schwenningen im Gewann „Rinelen“ und „Vor Hummelholz“ (Abb. 3,4) lokalisiert. Hier wurden von R. Ströbel Scherben aufgelesen20). Ein Goldstater, eine keltische Münze von 6,18 g Gewicht von der Wende vom 2. zum 1. Jahrh. v. Chr., aus Weilers-bach (Abb. 3, 11)21) ist ein Beweis für die Begehung der Gemarkung in der Mittel- bis Spätlatnezeit.

Möglicherweise ist der Bürglebuck bei Riedböhringen22), der schon seit dem Neolithikum besiedelt war, als befestigte latènezeitliche Siedlung anzusprechen.

Das „Krumpenschloß“ bei Hammereisenbach (Abb. 3, 5), eine ovale Ringwallanlage mit nach Westen vorgelagertem Graben, ist höchstwahrscheinlich eine spätlatènezeitliche Befestigung. 23)

Auf dem „Galgenberg“ bei Hüfingen (Abb. 3, 6) wurden von Paul Revellio umfangreiche Ausgrabungen durchge-führt24). Er erkannte damals noch nicht, daß sich unter den römischen Kastellanlagen eine unbefestigte keltische Vorgängersiedlung befand. Erst später konnte dies durch detaillierte Fundanalysen herausgestellt werden.25).

Bei Bad Dürrheim im Gewann „Im See/Hübliswiesen“ (Abb. 3, 7) wurden in den 1830er Jahren kammstrichverzierte Scherben gefunden, die für eine spätlatnezeitliche Siedlungsstelle sprechen. Für die Spätlatènezeit ist im Oberrheingebiet eine komplexe Siedlungsstruktur mit offenen und befestigten Anlagen nachgewiesen, die in wirtschaftlichem Kontakt mit Siedlungen auf der Baar und im Schwäbischen Raum standen26). Der Schwarzwald stellte dabei offensichtlich keine unüberwindliche Barriere dar. Die Siedlungen von Zarten „Rotacker“ im Dreisamtal, sowie Hüfingen »Galgenberg“ auf der Baar, sind aufgrund ihrer Lage als Kopfstationen einer Paßstraße anzusehen. Mittlerweile kann die Straßenverbindung von Hüfingen in das Glottertal nach Riegel, bzw. durch das Wagensteigtal in die Freiburger Bucht auch für die Latènezeit als gesichert gelten. Der Fund eines latènezeitlichen eisernen Schwertbarrens aus dem lokalisierten Straßenkörper auf Gemarkung Dittishausen (Abb. 3, 9), westlich von Hüfingen, beweist dies 27). Eisen wurde in der Latèenezeit in Form solcher schwertförmiger Barren, oder als Doppelspitzbarren verhandelt. Der latenènezeit-liche Depotfund mit elf eisernen Doppelspitzbarren von der „Brugger Halde“ bei Donaueschingen (Abb. 3, 10)28) zeugt von einem intensiven Metallhandel in der damaligen Zeit.

Die Siedlung Villingen „Laible“ lag an der Fortsetzung dieses Handelsweges, der wohl über Schwenningen auf die schwäbische Alb nach Rottweil und weiter nach Oberndorf führte.

In Rottweil (Abb. 3, 8) wurde 1939 auf dem Nikolausfeld ein spätlatènezeitlicher, scheibengedrehter Becher mit schwarzer, geglätteter Oberfläche ausgegraben“), der als Siedlungsfund zu werten ist.

In Oberndorf ist mit einer größeren Spätlatènesiedlung zu rechnen, die auf der linken Neckarseite, auf einem nach Norden und Osten abfallenden Plateau unter der heutigen Stadt lag. Ihre Ausdehnung ist unbekannt, da die Befunde durch die spätere mittelalterliche“ Bebauung weitgehend zerstört sind. Jedenfalls wurde bei Ausgrabungen 1962 eine 20 cm mächtige Kulturschicht angetroffen, die Hüttenlehm, Holzkohle, typische spätlatènezeitliche Keramik, Knochen von Rind, Schwein und Schaf, sowie den Schädel eines 30 – 50 Jahre alten Mannes enthielt 30). Neben eigentlichen Siedlungen sind in der Spätlatènezeit sogenannte „Viereckschanzen“, umfriedete Areale mit überhöhten Ecken, nachweisbar, ‚die als Kultplätze gedeutet werden. Eine solche „Viereckschanze“ im Hal-denwald bei Tuningen ist die „Heidelburg“ (Abb. 3, 12)31). Eine weitere von 80 x 95 m wurde durch die Luftbild-archäologie auch in Hüfingen-Mundelfingen (Abb. 3, 13), im Gewann „Rufeln“ lokalisiert 32). Der Siedlung Oberndorf ist eine Viereckschanze im „Eichwald“ zuzuweisen, aus deren Innern eine kammstrichverzierte Wandscherbe der Spätlatènezeit stammt 33). Im Oberndorfer Ortsteil Boll befindet sich eine weitere Anlage, aus derem Inneren eine Schüssel mit eingezogenem Rand, sowie mehrere Wandscherben kammstrichverzierter Ware bekannt sind 34). In Rottweil-Neukirch sind gleich zwei Viereck-schanzen lokalisiert worden, die beide spätlatenèzeitliche Grobkeramik enthielten 35). Aus Villingendorf (Abb. 3, 14) bei Rottweil ist eine solche Anlage aus Luftbildern bekannt»). Eine weitere befindet sich in Trossingen (Abb. 3, 15)37).

Im Gegensatz zu anderen Gegenden können neben diese Kultplätze noch andere Heiligtümer gestellt werden. Gerade die Donau soll in diesem Zusammenhang in ihrer Bedeutung für die Menschen der Latènezeit näher betrachtet werden. Schon Herodot (484 bis nach 430 v. Chr.) überliefert: „Der Istros (die Donau), der von den Kelten und der Stadt Pyrene herkommt, fließt mitten durch Europa“. Er bezog sich möglicherweise auf die noch ältere, ähnliche Schriftquelle des Hekataios von Milet (560/550 – 480 v. Chr.). In Griechenland war demnach zu jener Zeit das Keltenland bekannt, ebenso sein Haupt-fluß, der dieses durchzog, die Donau. Der Oberlauf der Donau hieß bei den einheimischen Kelten „Danuvius“. Das überliefern sowohl Caesar, als auch Sallust im 1. Jahrh. v. Chr. Auch Strabon (64/63 v. – nach 26 n. Chr.) zeugt in seinem Geographiewerk von folgender Begebenheit: Der damalige Feldherr und spätere römische Kaiser Tiberius habe während des Alpenfeldzuges 15 v. Chr. einen Tagesritt weit vom Bodensee „die Quellen der Donau“ gesehen. Die Donau und das Keltenland standen also schon bei den Griechen, als auch später bei den Römern in enger Verbindung. Die Nutzung der Donau als Handelsweg bis weit in das heutige Ungarn und Rumänien ist unbestritten und war für die Kelten von höchster wirtschaftlicher Bedeutung. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Quellen der beiden Flüsse, Brigach und Breg, die „die Donau zuweg“ bringen, möglicherweise als heilige Stätten betrachtet wurden.

Im Hirzbauernhof bei St. Georgen, direkt an der Brigachquelle (Abb. 3, 16) wurde 1889/90 ein Quader aus Bund-sandstein entdeckt 38), der auf der Vorderseite ein Relief trägt, das als Darstellung drei keltischer Gottheiten, Cernunnos mit dem Hirsch, Abnoba, der Personifikation des Schwarzwaldes mit dem Hasen, und möglicherweise einer Quellgottheit, interpretiert wird. Das Relief stammt, von einem einheimisch keltischen Bildhauer geschaffen, aus dem 1. Jahrh. n. Chr., der Zeit kurz nach der römischen Okkupation. Der Stein war ursprünglich möglicherweise Kultbild eines Quellheiligtums an der Brigachquelle. Auch direkt an der Bregquelle (Abb. 3, 17) nahe der Martinskapelle bei Furtwangen wurde spätlatènezeitliche Keramik und Pfahlsetzungen, sowie Tierknochen gefunden, so daß man auch hier wahrscheinlich von einer irgendwie gearteten Verehrung von Quellgottheiten oder einem Opferplatz ausgehen könnte. In der Martinskapelle selbsterbrachte eine Ausgrabung Rand- und Bodenscherben der Spätlatènezeit, z. T. mit Kämmstrich- und Wellenverzierung, so daß hier eine kleinere Ansiedlung (Abb. 3, 17) wahrscheinlich ist.

Solche keltischen Heiligtümer sind uns bisher besser aus Frankreich, so z. B. das Quellheiligtum an den Seine-Quellen und der Schweiz, wo im Hafen von Genf, am Austritt der Rhöne aus dem Genfer See, eine 3 m hohe hölzerne Statue gefunden wurde“), überliefert. Bei Villeneuve, am Einfluß der Rhöne in den Genfer See wurde eine etwas kleinere hölzerne Kultfigur von 1,25 m Länge gefunden 40). Auch der namengebende Fundort für die Latenekultur, der Opferplatz La Tène 41) am Neuenburger See, wo große Mengen von Waffen und anderen Gegenständen rituell deponiert wurden, gehört in die Kategorie dieser See-, Fluß- und Quellheiligtümer.

Die Verehrung der Quellgötter jener Flüsse, die einem so bedeutenden Strom wie der Donau als Ursprung dienen, ist aus keltischer Sicht absolut verständlich, waren sie doch auf die Donau als Handels- und Verbindungsweg angewiesen. Durch diesen Fluß waren sie auch bis Griechenland bekannt geworden und in die Geschichtsschreibung eingegangen.

Anmerkungen :

1) M. Hettich, 4000 Jahre – Ein Steinbeil der Jungsteinzeit auf Villinger Gemarkung. Altester lokal gesicherter Fund aus der Vorgeschichte beim Magdalenenbergle. Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 9, 1984/85, 9 -10.

2) P. Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen (1964), 56 ff.

3) K. Spindler, Vor- und Frühgeschichte. Der Schwarzwald-Baar-Kreis (1977), 61 – 63.

4) Ebd.

5) V. Nübling, Untersuchungen an Steingrabhügeln bei Über-auchen, Gemeinde Brigachtal, Schwarzwald-Baar-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1986 (1987), 63 – 65.

P. Revellio, Ein Bronzedepotfund von Villingen. Badische Fundberichte 2, 1929 – 32, 140 -143.

K. Spindler, Magdalenenberg I (1971), 208, Abb. 32.

6) R. Dehn, Grabhügel im Umland des Magdalenenberges. Archäologische Nachrichten aus Baden 31, 1983, 36 – 40. Bei der Listenerfassung archäologischer Bodendenkmale durch das Landesdenkmalamt konnten Hügelgruppen auf den Villinger Gemarkungen „Langmoos“, „Zollhäusle“ und „Hammerhalde“ lokalisiert werden. Weitere befinden sich in Schwennin-gen und Überrauchen.

7) E. Sangmeister, Der Magdalenenberg bei Villingen und seine Bedeutung für die Erforschung der Hallstattkultur in Südwestdeutschland. Archäologische Nachrichten aus Baden 31, 1983, 3 -12.

8) K. Spindler, Magdalenenberg I-V. Der hallstattzeitliche Fürstengrabhügel bei Villingen im Schwarzwald (1971 – 1973, 1976). Ders., Der Magdalenenberg bei Villingen. Ein Fürstengrabhügel des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern in Baden-Württemberg 5 (1976).

9) W. Hübener, Frühmittelalterliche Wehranlagen bei Villingen. Germania 42, 1964, 268 – 274.

10) Ein Schnitt durch den hallstattzeitlichen Wall, 1989 durch das Landesdenkmalamt Freiburg, Archäologische Denkmalpflege, durchgeführt, bestätigten die reine Holz-Erde-Mauer.

11) K. Spindler, Die Vor- und Frühgeschichte. Der Schwarzwald-Baar-Kreis (1977), 71.

12) E. Wagner, Fundstätten und Funde aus vorgeschichtlicher, römischer und alemannisch-fränkischer Zeit im Großherzogtum Baden I (1908), 91.

13) K. Spindler, Magdalenenberg I (1971), 32.

14) Badische Fundberichte 17, 1941 – 47, 278 und Tafel 67, B 4. B. Schmid, Die urgeschichtliche Besiedlung der Baar, Ungedruckte Dissertation, Freiburg i. Br. (1985).

15) P. Rau, Die Spätlatènekeramik vom »Galgenberg“ bei Hüfin-gen, Kreis Schwarzwald-Baar. Ungedruckte Magisterarbeit, Tübingen (1986).

16) G. Weber, Neues zur Befestigung des Oppidums Tarodunum, Gemeinde Kirchzarten, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Fundberichte aus Baden-Württemberg 14, 1989, 273 – 288.

17) V. Nübling, Neue Funde aus der Umgebung des Magdalenen-berges. Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahresheft 9, 1984/85, 10 -13. Fundberichte aus Baden-Württemberg 15, Fundschau Latènezeit, 1990, 539 u. Abb. 13.

18) R. Ströbel, Schwenninger Heimatblättle 5, 1957, 10.

19) B. Schmid, Die urgeschichtliche Besiedlung der Baar. Ungedruckte Dissertation, Freiburg i. Br. (1985).

20) Fundberichte aus Baden-Württemberg 15, Fundschau Latènezeit, 1990, 606.

21) K. Spindler, Vor- und Frühgeschichte. Der Schwarzwald-Baar-Kreis (1977), 72.

21) P. Goessler, Arae Flaviae, Führer durch die Altertumshalle der Stadt Rottweil (1928), 12.

22) P. Revellio, Badische Fundberichte I, 1925 – 28, 167 -170.

23) E. Wagner, wie Anm. 12, 224.

24) P. Revellio, Kastell Hüfingen. Germania 11, 1928, 98 – 99.

25) S. Rieckhoff, Münzen und Fibeln aus dem Vicus des Kastells Hüfingen (Schwarzwald-Baar-Kreis). Saalburg Jahrbuch 32,1975, 5 -104. Eine Aufarbeitung der spätlatènezeitlichen Keramik erfolgte durch Patrick Rau (Anm. 14).

26) G. Weber, Der Limberg bei Sasbach und die spätlatènezeitliche Besiedlung des Oberrheingebietes. Ungedruckte Dissertation, Freiburg i. Br. (1990).

27) J. Humpert, Archäologische Nachrichten aus Baden 45, 1991 (im Druck).

28) Badische Fundberichte II, 1929 – 32, 380.

29) Fundberichte aus Baden-Württemberg 10, Fundschau Latènezeit, 1986, 520 u. Taf. 51 A.

30) Fundberichte aus Baden-Württemberg 2, Fundschau Latènezeit, 1975, 124 u. Taf. 244 C.

31) K. Bittel/S. Schiek/D. Müller, Die keltischen Viereck-schanzen. Atlas archäologischer Geländedenkmäler in Baden-Württemberg I (1990), 360 ff.

32) Fundberichte aus Baden-Württemberg 15, Fundschau Latènezeit, 1990, 589 und 588 Abb. 43.

33) Fundberichte aus Baden-Württemberg 8, Fundschau Latènezeit, 1983, 235. Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 291 ff.

34) Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 295 ff.

35) Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 317 ff.

36) Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 391 ff.

37) Bittel/Schiek/Müller, wie Anm. 26, 356 ff.

38) E. Krüger/P. Revellio, Ein einheimischer Bildstein von der Brigachquelle aus römischer Zeit. Badische Fundberichte 14, 1938, 65 ff. F. Focke, Das Dreigötterrelief von der Brigachquelle. Badische Fundberichte 20, 1956, 123 ff. Die Kelten in Baden-Württemberg (1981), 477 ff.

39) L. Blondel, Le port gallo-romain de Genève. Genava 3, 1925, 85 -104. Ch. Bonnet et. al., Les premiers ports de Genève. Archäologie der Schweiz 12, 1989, 2 – 24.

40) R. Wyss, La statue celtique de Villeneuve. Helvetia Archaeologica 10, 1979, Nr. 38, 58 – 67.

41) P. Vouga, La Tène (1923).